Titel: Socken-Fu
Autor: Lady Charena (Februar 2009)
Fandom: House, MD
Charaktere: Gregory House, James Wilson, andere erwähnt
Rating: vor-Serie, gen, PG
Beta: T’Len
Worte: 1620

Summe: Wilson überlegt, wie er House nach der Trennung von Stacy wieder zum Arbeiten bewegen kann. (vor-Serie / nach-Infarkt)

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Er drehte den Schlüssel in der Jackentasche, während er auf dem Bürgersteig stand. Unsicher, ob er willkommen war. Unsicher, ob er wirklich dort hineingehen sollte, oder ob er mehr Wert auf seine körperliche und emotionale Unversehrtheit legte. Aber zwei Wochen waren genug. Zwei Wochen Warten auf das Klingeln des Telefons, auf eine Einladung zu Pizza und schlechten Filmen, auf irgendein Wort. Aber auch zwei Wochen voll Angst, dass eine andere Art von Anruf kam, dass ihm eine mitfühlende, bürokratische oder auch gleichgültige Stimme mitteilte, dass er zu lange gewartet hatte.

Er zog den Schlüssel aus der Tasche und wechselte den Pizzakarton und seine Aktentasche in die rechte Hand.



Stacy hatte den Schlüssel auf seinen Schreibtisch gelegt und ihn bittend angesehen. Er war sich nicht sicher, auf was sie wartete – auf Absolution? Es war nicht ihre Schuld, aber er brachte es nicht über sich, etwas zu sagen. Er war nie ein neutraler Part in dieser Beziehung gewesen.

Schließlich wandte sie sich ab und erst, als sie bereits die Türklinke in der Hand hatte, sagte sie: „Bitte... pass’ auf ihn auf, James.“ Sie war weg, bevor er auch nur an eine Antwort denken konnte.



Er seufzte und steckte den Schlüssel ins Schloss. Sein Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich. Er war oft durch diese Tür getreten. Hatte hier gelacht, gestritten, mit House Streiche ausgeheckt, und gelegentlich Zuflucht gefunden.

Wilson blieb stehen, kaum dass er eingetreten war und die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Die Wohnung war... anders. Natürlich war sie das. Stacys Sachen waren nicht mehr da. Es war ihm vorher nie aufgefallen, wie viel Raum sie eingenommen hatte. Im wörtlichen Sinne.

Es war überraschend ordentlich; er hätte Fastfood-Verpackungen und leere Flaschen erwartet. Doch abgesehen von einigen Kaffeebechern, der offenen Marker’s Mark-Flasche auf dem Klavier und einem schiefen Stapel Zeitschriften und Büchern sah es aus wie immer. Abgesehen von den Lücken, wo Stacys Sachen gewesen waren. Alle Lampen waren angeknipst, doch von House keine Spur.

Er stellte seine Tasche ab und durchquerte langsam den Raum, legte seinen Mantel über den Sofarücken und legte die Pizza auf dem Küchentisch ab.

In der Spüle stand das Geschirr von vielleicht zwei Tagen, daneben auf einem Brett ein angeschnittener Laib Brot, und die beiden Gläser mit Traubengelee und Erdnussbutter. Wilson lächelte. House’ Lieblingsessen. Irgendwann einmal hatte House ihn zu einem Wettessen aufgefordert und unglaubliche neun Sandwich gegessen, während er schon nach fünf aufgegeben hatte. Der simple Anblick der beiden Gläser und ein paar Krümel auf der Arbeitsfläche lockerte den Eisring um sein Herz ein wenig. Er fand ein Messer neben dem Brotlaib und schnitt die Pizza in Stücke, packte zwei davon auf einen Teller und stellte sie zum Aufwärmen in die Mikrowelle.

Dann holte er tief Luft und bereitete sich darauf vor, in die Höhle des Drachens zu gehen. Sicher, House hätte auch im Bad sein können, aber er versuchte ein Glück zuerst mit dem Schlafzimmer.

Langsam öffnete er die Tür, gewappnet, dass ein Kissen oder ein Schuh oder sonst irgendetwas, das House spontan zum Flugobjekt umfunktionierte, geflogen kam. Das erwartete Bombardement blieb aus.

Er trat in den Raum und schloss die Tür hinter sich. Mit dem leisen Klicken senkte sich wieder beinahe-Dunkelheit über das Schlafzimmer. Obwohl es erst Mittag war, waren die Vorhänge zugezogen, und das wenige Licht, das sie durchließen, wirkte grau und staubig.

Seine Augen gewöhnten sich an das Dämmerlicht und er konnte Einzelheiten ausmachen. House lag auf dem Bett, abgesehen von den Schuhen völlig bekleidet, das Gesicht von der Tür weg gewandt.

„Verschwinde.“

Der plötzliche, trockene und heisere Klang von House’ Stimme ließ ihn fast zusammen zucken, so unvermittelt kam sie. Tatsächlich war sein erster Instinkt, House alleine zu lassen, so offensichtlich strahlte der andere Mann Feindseligkeit aus. Man betrat keine Höhle, um ein verwundetes Tier zu streicheln.

Aber James Wilson hörte nicht immer auf diese innere Stimme der Vernunft, vor allem nicht, wenn es um House ging. Stattdessen kickte er seine Schuhe von den Füßen und legte sich neben House aufs Bett.

Er schob einen Arm unter den Kopf und starrte an die Decke, auf der Suche nach dem, was House’ Aufmerksamkeit dort oben so fesselte.

Nach einer Weile streckte er die Hand aus, die Finger zur Faust gefaltet – im vollen Bewusstsein, dass sie ihm jederzeit abgebissen werden konnte, um bei der Metapher zu bleiben – bis seine Fingerknöchel gegen House’ Oberarm stießen. Er legte die Hand nicht auf seinen Arm, nicht auf seine Schulter; wusste, dass seine Berührung nicht willkommen sein würde. Selbst so fühlte er ihn für einen Moment instinktiv vor dem Kontakt zurückweichen, dann den leichten Druck zurück, gegen seine Hand.

Er hatte keine Ahnung, wie lange sie so da lagen, schweigend und ruhig. Abgesehen von dem einen oder anderen Auto, das draußen auf der Straße vorbeifuhr oder einem fernen Hall von Schritten draußen oder über ihnen, war es still.

Vielleicht hätte es sich unbehaglich anfühlen sollen, hier so neben ihm zu liegen, aber das war es nicht. Sie sollten darüber reden, wie Erwachsene – am Küchentisch sitzen und darüber diskutieren wie es jetzt weiterging, ohne Stacy. Das konnte warten. Genau hier und jetzt schien das einzig wichtige zu sein, dass er hier war.

Der Druck gegen seine Hand verstärkte sich einen Moment und dann wich House ihm aus. Wilson wandte den Kopf, vielleicht um etwas zu sagen, sich zu verteidigen und zog den Arm zurück - doch es kam kein Wort über seine Lippen, als sich nach einem Moment suchende Finger um sein Handgelenk schlossen.


* * *


Sie sprachen nie darüber. Irgendwann ließ House ihn los und rollte sich von ihm weg. Er manövrierte sich auf die Beine und mit Hilfe des kürzlich erworbenen Stocks aus dem Raum.

Wilson hörte, wie der Wasserhahn im Badezimmer aufgedreht wurde und stand auf, um seine Schuhe anzuziehen und die Pizza zum dritten Mal warm zu machen.


* * *


„Ich wusste, du bist nicht hier, weil dir meine Gesellschaft fehlt.“

Wilson sah auf. House stand im Durchgang zur Küche, schwer auf den Stock gelehnt, in der freien Hand die Patientenakte, die zuvor in seiner Aktentasche gesteckt hatte. „Pizza?“, entgegnete er ruhig, als wäre das eine völlig selbstverständliche Antwort.

House drehte sich um, ein etwas kompliziertes Manöver, aber – wie Wilson, der das ganze nur aus den Augenwinkeln beobachtete, feststellte – es fiel ihm einfacher, als mit den Krücken, die er monatelang zu benutzen gezwungen gewesen war.  

Als er die Küche verließ, piepste die Mikrowelle anklagend und Wilson unterdrückte ein Seufzen. „Ich habe ein Referal vom Princeton General. Verdacht auf Leukämie, aber das haben wir inzwischen ausgeschlossen. Niemand weiß, was dem Mädchen fehlt. Sie ist erst neun Jahre alt und ihr Zustand verschlechtert sich rapide.“ Er blieb vor der Couch stehen, auf der House inzwischen Platz genommen hatte und mit der Fernbedienung herumspielte. Der Fernseher war aus. „Ich biete dir eine Wette an.“

„Seit wann wettest du mit Patientenleben?“ House’ Stimme war rau, als hätte er sie zu lange nicht benutzt. „Wie passt das mit deinen hehren moralischen Standards zusammen.“

Wilson zuckte mit den Schultern. „Ich wette, dass du nicht innerhalb von vierundzwanzig Stunden feststellen kannst, was ihr fehlt und einen Behandlungsplan aufstellen wirst.“

House schnaubte. „Und worum wetten wir?“

Er lächelte. „Wenn du gewinnst, wasche ich für einen Monat deine dreckigen Socken.“ Wilson unterdrückte ein Grinsen, als sich House’ Augen erstaunt weiteten. Es kam nicht oft vor, dass man Gregory House überraschen konnte.

„Einverstanden“, sagte House ohne weitere Umschweife.

Wilson kam näher, als er nach der Akte griff und begann, die Ausdrucke der Labortests auf dem Tisch auszubreiten, ungeduldig Tassen und Teller und Zeitschriften zur Seite schiebend. „Weißt du, die zehn Minuten, bis wir gegessen haben, machen eigentlich keinen Unterschied...“

„Jimmy, Pizza schmeckt am besten kalt“, entgegnete House abwesend, eine CT-Aufnahme gegen das Licht haltend.

Wilson trat um die Couch herum, nahm seinen Mantel und seine Tasche und ohne ein weiteres Wort schloss er die Tür des Apartments hinter sich.

Im Moment konnte er gegen ein medizinisches Mysterium nicht ankommen und Bonnie würde es zu schätzen wissen, dass er früher nach Hause kam. House würde ihn anrufen, wenn er etwas von ihm brauchte oder – durchaus wahrscheinlich – irgendeinen armen Labortechniker zusammenstauchen. Er lächelte, als er die Wagentür öffnete.


* * *

Genau vierundzwanzig Stunden später schob sich House in sein Büro, warf ihm die Patientenakte auf den Schreibtisch – und nahm dann seinen Rucksack von der Schulter, um dessen Inhalt darüber auszukippen.

Wilson lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und lachte, als ein Berg schmutziger Socken seinen Papierkram unter sich begrub. Woher hatte er die genommen? Hatte er sich die für eine besondere Gelegenheit aufgespart?

House grinste, eine Augenbraue erwartungsvoll erhoben, vielleicht weil er Protest erwartete.

Doch Wilson hob nur die Hände. „Ich gebe auf. Du hast gewonnen.“

„Ein Medizinstudent im ersten Jahr hätte das lösen können. Ein dummer Medizinstudent. Kalte Pizza hätte herausfinden können, was ihr fehlt.“ House schwang den Rucksack zurück über die Schulter und wandte sich zum Gehen. „Wenn du das noch mal versuchst... finde mir gefälligst einen interessanteren Fall, Jimmy. Ich musste den Rest der vierundzwanzig Stunden mit einem OC-Marathon füllen und du weißt, dass kann zu ernsthaften Hirnschädigungen führen.“

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, zog Wilson eine weitere Patientenakte unter dem Sockenberg hervor und schlug sie nachdenklich auf. Rebecca Adler. Vielleicht hatte er genau das Richtige für House.



Ende