Titel: Lost Boys: Beauty is only skindeep
Teil: 1 von

Autor: Lady Charena
Fandom: The A-Team

Charakter: Face/Murdock, Doktor Richter, Hannibal, B.A.
Rating: m/m, PG-15

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Face hat ein Geheimnis.
Warnung: Diese Story behandelt das Thema Selbstverletzung.

 

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics by The Temptations

 

* // * // * kennzeichnet Rückblenden/Erinnerungen

 

 

Now you speak your words warm and sincere
It lets me know that your love is dear
A pretty face you may not possess
But what I like about you is your tenderness
A pretty face may sometimes taste
But I'll take lovin' in it's place
'Cause I know…
I know that beauty's only skin deep

 

 

1.

 

“Kommt mir das nur so vor, oder wird es von Mal zu Mal schwieriger?”, murmelte Face, als er hinter das Steuer der Corvette glitt. „Diese Schwester war der reinste Drache.“

 

Murdock sah ihn an und grinste. „Das muss eine harte Erkenntnis für dich sein, Facey“, meinte er und drückte den Arm seines Liebhabers. „Aber es gibt tatsächlich Menschen, die immun gegen deinen Charme sind. Und Schwester Briggs... Was ist los?“ Er unterbrach sich selbst, als er sah, dass Face zusammen zuckte und hastig seinen Arm wegnahm.

 

Face startete die Corvette und lenkte sie vom Parkplatz hinter dem Krankenhaus. „Sie ist doch nicht zufällig mit Colonel Briggs verwandt, der hinter uns her war, als wir diesen Job in Haileyville hatten? Du weißt schon, als wir die Feuerwache beschützen mussten.“

 

„Natürlich erinnere ich mich.“ Murdock rückte einen unsichtbaren Feuerwehrhelm zurecht und strich den imaginären Schnurrbart glatt, den sie ihm als Teil seines Kostüms verpasst hatten. „I’m Fireman Fred and if they ask I’m dressed in red. I’m Fireman Fred”, sang er und lachte. Dann warf er einen Blick über die Schulter. „B.A. hat gedroht, mir little Squirt in den Mund zu stopfen, sollte ich das Lied noch einmal singen. Du glaubst doch nicht, dass er so weit gegangen sein könnte, die Vette mit einer Wanze auszustatten, oder?“

 

Face lachte und spürte, wie ein Teil der Anspannung aus ihm verschwand. Natürlich war es einfacher geworden, Murdock aus dem VA zu holen, seit Doktor Richter vom A-Team wusste. Und von ihrer Beziehung. Aber um den Psychologen nicht in Schwierigkeiten zu bringen, versuchte er trotzdem jedes Mal eine einigermaßen überzeugende Cover-up-Story vorzubereiten. „Nein, so weit ist er bestimmt nicht gegangen.“

 

„Gut.“ Murdock holte ein Ei aus seiner Tasche und balancierte es auf der Handfläche. Er sah es an, während er mit Face sprach. „Gut, ich dachte schon, du hast vergessen, wie man lacht. Was ist mit deinem Arm? Hattet ihr Schwierigkeiten? Bist du verletzt worden?“

 

„Keine Schwierigkeiten“, erwiderte Face einsilbig und gab sich den Anschein, auf den Verkehr konzentriert zu sein. „Es war, wie der Colonel gesagt hat – ein...“

 

„Kinderspiel“, beendeten sie den Satz gleichzeitig.

 

Face grinste – und wechselte das Thema. „Was soll das Ei, Murdock? Ich wette, B.A. wird das lieben.“ Es war kein Requisit für die Story, auf die sie sich geeinigt hatten. Was nichts heißen musste. Solche Dinge tauchten einfach ohne Vorankündigung auf: Billy, Thunder – das unsichtbare Pferd des Range Riders, Socki, die Golfballbefreiungsarmee... und die zahllosen anderen Merkwürdigkeiten, die Murdocks Fantasiewelt entsprangen. Manchmal dachte er, dass Murdock vielleicht die ultimative Antwort auf den Schmerz und die Dunkelheit gefunden hatte – wenn die Dinge zu kompliziert werden: lauf’ weg, versteck’ dich.

 

Der Pilot zuckte mit den Schultern – und ballte die Hand zur Faust. Dann öffnete er sie wieder und das Ei war unversehrt. „Aus Gummi“, meinte er. „Ich dachte, wenn ich es schön warm halte, schlüpft vielleicht eine kleine Gummiente aus.“

 

„Du versuchst eine Gummiente auszubrüten?“, wiederholte Face amüsiert.

 

„Ja, was glaubst du denn, wo Gummienten herkommen? Sie schlüpfen natürlich aus Gummieiern!“ Murdock ließ das Ei in einer der unzähligen Taschen seiner Lederjacke verschwinden und schob die Mütze aus der Stirn.

 

„Und woher kommen dann Gummieier?“, fragte Face mit betont unschuldiger Miene.

 

„Also wirklich, Facey!“, erwiderte Murdock indigniert. „Das solltest du eigentlich wissen. Wenn Mama Gummiente und Papa Gummiente sich ganz lieb haben...“

 

Face lachte. Der Tag begann endlich besser zu werden. Manchmal beneidete er Murdock um seine Verrücktheiten. Um seine Rückzugsmöglichkeit in irgendeine bunte Fantasiewelt, wenn die Realität zu viel wurde. Das Lachen verschwand aus seinem Gesicht. Ihm fehlte diese Möglichkeit. Der Faceman hatte sich mit der Realität auseinander zu setzen. Egal wie hässlich, wie schmerzhaft, sie sein mochte. Er durfte nicht davonlaufen und sich irgendwo verstecken!

 

 

 

* // * // * // * // * // *

 

Nur einmal hatte er von allem weglaufen können – nachdem Leslie ihn verlassen hatte, brach er das College noch vor dem Ende des ersten Jahres ab, um Soldat zu werden. Sie verpassten ihm eine Ausbildung und schickten ihn nach Vietnam, wo er kurze Zeit später Hannibal über den Weg lief.

 

Doch von da an gab es keine Möglichkeit mehr, sich zu verstecken. Besonders nicht nach den POW-Camp... als alles, was er tun wollte, sich irgendwo zu verkriechen war, um zu vergessen, dass es da draußen noch eine Realität gab. Aber das war ihm nicht erlaubt worden. Kaum zurück aus dem Krankenhaus in Okinawa, die körperlichen Wunden gerade so geheilt, schickte man sie schon auf die nächste Mission. Es waren nicht nur seine Knochen, die man zerbrochen hatte; etwas in ihm war verloren gegangen. Er hatte den Halt verloren.

 

Irgendwann damals nach der Rückkehr aus Japan und der nächsten Mission, hatte er es zum ersten Mal getan. Es hatte nur ein paar Sekunden gedauert. Und es war ein Unfall gewesen. Er war alleine in der Baracke gewesen – B.A. war vermutlich wie immer im Motorpool, Murdock checkte den Helikopter für ihren morgigen Einsatz und Hannibal war zu Morrison gerufen worden. Er hatte seine Sachen gepackt, eine mentale Checkliste abarbeitend. Es war ein blöder Anfängerfehler gewesen, sein Messer war aus dem Knöchelholster gerutscht, als er es neben sich auf die Pritsche legte. Er griff ohne hinzusehen danach und die scharfe Klinge verursachte einen flachen Schnitt entlang der Seite seiner Hand, beginnend an der Wurzel des kleinen Fingers, und zog sich bis zum Handballen hin.

 

Fluchend zog er die Hand zurück – und starrte dann fasziniert auf das Blut, dass langsam aus dem Schnitt quoll und im Ärmel seines Hemdes verschwand. Er hatte genug Blut gesehen – sein eigenes und mehr noch von dem seiner Freunde – dass es für zwei Leben reichte.

 

Aber für einen Moment war er wieder ganz er selbst. Die Welt um ihn herum war heller, farbiger, für einen Moment fühlte er sich so lebendig. Der scharfe Schmerz der geringfügigen Wunde ebbte weg und eine merkwürdige Ruhe breitete sich in ihm aus. Es war etwas anderes als Resignation oder Erschöpfung. Es war... Frieden. Ein innerer Frieden.

 

Stimmen draußen vor der Baracke rissen ihn aus seiner Versunkenheit und er stand hastig auf, wusch die Wunde aus und wechselte sein Hemd. Die anderen mussten nicht sehen, wie ungeschickt er sich angestellt hatte. Dann machte er sich wieder daran, seine Ausrüstung zu packen.

 

Ray kam herein und warf sich auf seine Pritsche. Sein Humpeln war besser geworden, die Ärzte hatten ihm versichert, dass sein Bein mit der Zeit völlig heilte – wenn er auch wohl den Rest seines Lebens auf einen Stock angewiesen sein würde. Er begann irgendetwas zu erzählen, dass er in der Messe aufgeschnappt hatte, ohne sich darum zu kümmern, ob ihm Face wirklich zu hörte. Seit Dan Hoi hatte Ray Angst vor der Stille. Er würde sie morgen nicht begleiten. Sie schickten ihn bald nach Hause. Ray hatte eine Freundin in den Staaten. Ein Mädchen aus seiner Heimatstadt. Sie wollten heiraten, eine Familie gründen, eine Farm aufbauen. Gute Träume. Träume, die einen am Leben hielten, mitten im Krieg.

 

Als er das Messer in die Hand nahm, zitterten seine Finger ganz leicht. Aber nicht aus Angst. Eher... so etwas wie Erwartung. War es nur ein Zufall gewesen? Hatte ihm dieser winzige Schnitt wirklich einen Augenblick Frieden gewährt? Er wollte es noch einmal tun.

 

Und er tat es.

 

Tage später, als sie erschöpft und verdreckt von ihrer ergebnislos gebliebenen Erkundungsmission zurückkehrten. Hannibal war wütend in Morrisons Büro gestürmt, ohne sich vorher die Zeit zu nehmen, sich sauber zu machen oder etwas zu essen oder ein paar Stunden zu schlafen – der eisige Grauton seiner Augen verhieß nichts Gutes. B.A. und Ray saßen zusammen und unterhielten sich leise. Murdock hatte sich – komplett mit Stiefeln und Helm bekleidet – auf seiner Pritsche zusammengerollt und war innerhalb von Sekunden eingeschlafen. Sein hagerer Körper hatte sich am langsamsten von den Qualen im Camp erholt. Schiere Willenskraft hatte ihn überhaupt so weit gebracht. Eigentlich hätte der Pilot sie nur zur Landezone fliegen und dann zu Base zurückkehren sollen, um sie zwei Tage später an einer anderen Landezone wieder abzuholen. Doch als Murdock von diesem Plan erfuhr, protestierte er dagegen – und Hannibal, der wusste, wie fragil der psychische Zustand des Piloten noch immer war, hatte ihn mitgenommen. Immerhin hätte es nur eine kurze Erkundungsmission werden sollen. Aber wie so oft zuvor lagen die vom Geheimdienst gelieferten Informationen völlig daneben und sie hatten sich Tage durch den Dschungel und Sümpfe geschlagen, eine zahlenmäßig dreifach überlegene Gruppe VC hinter ihnen.

 

Er nahm seine Sachen und ging duschen. Niemals hätte er schmutzig schlafen können, egal wie erschöpft er sein mochte. Face hatte den Moment gut gewählt, er war alleine. In einem Handtuch versteckt war ein kleines Taschenmesser. Minutenlang stand er da und hielt die Klinge an die Haut, schwankte zwischen herzklopfender Erwartung und einem Gefühl der Albernheit. Doch als er die Klinge langsam über die weiche Haut an seinem Unteram gleiten ließ, als Blut wie ein roter Faden über seinen Ellbogen rann, um zu Boden zu tropfen, kam das Gefühl wieder. Es tat nicht weh. Was er fühlte, war eine Befreiung. Eine Rückkehr in die Realität, so wie man sich nach einem Albtraum eiskaltes Wasser ins Gesicht warf oder sich selbst kniff, um sich zu erinnern, dass man real war. Das die Welt, in der er lebte, real war. Das Blut; der Schmerz; die Leute um ihn herum; selbst die Kugeln, die in seine Richtung flogen – all das war real. Er war real, nicht irgendwo in einem verdammten Albtraum gefangen, sondern er atmete und lebte und hatte alles im Griff. Er musste sich nicht verstecken.

 

Natürlich war der Nachteil davon, dass er beginnen musste, die Schnitte vor den Augen seiner Freunde zu verbergen. Vor allem vor seinem kommandierenden Offizier. Wenn Hannibal...

 

Aber genau das geschah. Er saß in Hannibals Büro und sie spielten Karten. Es war spät, der Rest des Teams schlief bereits. Er war leichtsinnig geworden, hatte übersehen, dass die Manschette seines Hemdes nicht geschlossen war. Der Ärmel rutschte nur ein kleines Stück nach oben, als er über den Tisch griff, um eine Karte vom Stapel zu nehmen. Die scharfen, verwaschenblauen Augen erspähten die Wunde an seinem Handgelenk, er war abgerutscht, weil seine Hände vor Aufregung zitterten und sie war sehr viel tiefer als er geplant hatte.

 

Er ließ überrascht die Karte fallen, als sich Hannibals Finger plötzlich um seinen Arm schlossen, ihn über den Tisch zogen und den Ärmel nach oben schoben. Einen Moment lang starrten sie beide nur auf den Schnitt, auf dem sich dunkelroter Schorf gebildet hatte.

 

„Wie ist das passiert?“, fragte Hannibal, und seine Stimme klang völlig ruhig.

 

Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Es wollte keine Lüge kommen, keine die Hannibal überzeugt hätte.

 

„Wie ist das passiert?“, wiederholte der Colonel.

 

Er senkte den Kopf. Vielleicht verriet ihn das, vielleicht zählte Hannibal auch nur eins und eins zusammen.

 

„Du hast es selbst getan?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

 

Hannibal ließ seinen Arm los und er krempelte rasch den Ärmel darüber als könne er so die letzte Minute ungeschehen machen.

 

„Warum jetzt?“

 

Er hatte nur den Kopf geschüttelt.

 

Und nach einer Weile hatte ihn Hannibal schlafen geschickt. Nicht, ohne ihm vorher das Versprechen abzunehmen, dass er so etwas nie wieder tun würde.

 

Als er auf seiner Pritsche lag und den leisen Atemzügen der anderen Schläfer lauschte, schwor er sich, es nie wieder zu tun. Er wollte nicht, dass Hannibal sich gezwungen sah, ihn nach Hause zu schicken.

 

* * *

 

Es gelang ihm, das Versprechen zu halten. Jahrelang. Der Colonel sorgte dafür, dass er nie alleine war, wenn die Dinge rau wurden. Die ersten paar Monate kontrollierte Hannibal sogar seine Arme auf neue Schnitte, eine Prozedur die er bei jedem anderen als erniedrigend empfunden hätte – wenn er nicht gewusst hätte, dass die Sorge dahinter väterlichen Gefühlen für ihn entsprang.

 

Er hatte alles im Griff, alles unter Kontrolle – bis irgendwann der Druck der ständigen Flucht vor der MP zu viel wurde. Er verlor den Kontakt zur Realität und musste sich zurückbringen. Er musste es tun.

 

Es war nicht schwierig – immerhin war er ein Experte mit Messern. Er wusste, wie tief und an welchen Stellen er die Schnitte ansetzen musste, wie er sie hinterher saubermachen und verbinden musste, um keine Infektion zu bekommen. Die meisten hinterließen nicht einmal Narben.

 

* // * // * // * // * // *

 

Doch der Schnitt, der sich jetzt an seinem Arm befand, würde definitiv eine Narbe hinterlassen. Er hatte eine der wichtigsten Regeln gebrochen – er war betrunken gewesen, als er die Klinge ansetzte. Der Schnitt war zu tief und für einen Moment hatte er sogar befürchtet, dass er genäht werden müsste. Dann gelang es ihm, die Blutung zu hemmen.

 

Sie hatten in den letzten Monate ohne Pause einen Job nach dem anderen angenommen. Manche überschnitten sich sogar, wie damals als sie einem früheren Schützling von B.A. gegen Autodiebe halfen – und dabei in einen Mordplan an einem Staatsanwalt schlidderten - während sie eigentlich in Saudi Arabien nach den zwei entführten Ehefrauen eines Scheichs suchen sollten.

 

Das letzte Mal blieb Murdock im Krankenhaus. Doktor Richter hatte sich über die Häufigkeit seiner Abwesenheit beklagt. Und sie konnten den Job auch zu Dritt erledigen. Aber er vermisste Murdock. Wenn er bei ihm war, dann war alles leichter. Er brachte ihn immer zum Lachen; brachte ihn dazu, sich zu entspannen – entweder mit seinen Spielen und Scherzen oder wenn sie das Bett teilten. Wie vor ein paar Minuten mit seiner verdrehten Logik über Gummienten.

 

Nun, das Bett würde er definitiv von der Liste der Entspannungsmöglichkeiten streichen müssen. Auf keinen Fall konnte er seinen Liebhaber die frischen Wunden sehen lassen. Und sehen würde Murdock sie, wenn er nicht die Distanz zu ihm beibehielt.

 

Er hatte nicht vorgehabt, sich zu schneiden. Gerade weil er sich darauf freute, zwei ungestörte Wochen mit den Jungs zu verbringen. Zwei Wochen ohne Klienten, vor denen Diskretion gewahrt werden musste, ohne MPs – zwei Wochen voll Nächte in einem Bett, voll Lachen und Zärtlichkeiten nach denen er sich so sehnte. Das Trinken war manchmal ein guter Ersatz. Es ließ den Wunsch nach dem Messer verschwinden. Für eine Weile. Aber er hatte mehr getrunken, als er dachte und dann... ein Filmriss, ein Blackout. Er hatte sich in seinem eigenen Badezimmer wiedergefunden, gegen die Toilette gelehnt, sein Arm voll Blut, mit einer Schnittwunde, die sich fast über seinen halben Unterarm zog, gezackt und unsauber. Zuerst hatte er nach einem Handtuch gegriffen, um es auf die Wunde zu pressen, dann hatte er sich übergeben. Langsam war sein Kopf soweit klar geworden, dass er einen Verband anlegen konnte.

 

Nach all den knappen Zusammenstößen mit der MP in der letzten Zeit, hatte Hannibal wieder einmal beschlossen, dass es an der Zeit war, für ein paar Wochen aus der Stadt zu verschwinden. Sie hatten wieder ‚ihre’ Hütte am Crystal Lake gebucht – wie Jenny Shermann versprochen hatte, war das Küchenfenster, durch das er bei ihrem letzten Aufenthalt dort gefallen war, inzwischen repariert. Das war Hannibals Art zu denken: Die MP würde sie wohl nicht an einem Ort suchen, an dem sie schon einmal fast geschnappt worden wären. Zumal dieses Mal weder Jenny noch ihr Vater eine Meldung an die Polizei schicken würden.

 

Und so hatten sie ihn ins Krankenhaus geschickt, damit er Murdock loseiste, während Hannibal und B.A. alles in den Van packten, was sie für zwei Wochen Urlaub brauchten. Inklusive einiger Vorräte, denn B.A. hatte klargemacht, dass er sich nicht wieder auf ihr Angelglück verlassen wollte.

 

Morgen früh würden sie sich dann alle in seinem Apartment treffen, um gemeinsam nach Centerpoint zu fahren. Zwei Wochen... in denen er nichts anderes brauchen würde. Das hatte er sich selbst versprochen. Murdock würde bei ihm sein und sie hatten Zeit und keinen Job... er würde nichts anderes brauchen. Zumindest für diese zwei Wochen.

 

„Face? Ist alles okay?“

 

Eine Hand berührte seine Wange und er zuckte zusammen, aus seinen Gedanken gerissen. Er blinzelte ein paar Mal und wandte dann den Kopf zu Murdock. Sah die Sorge in den Zügen des Piloten und lächelte. „Ja, ja, es ist alles in Ordnung. Wieso?“

 

„Weil wir seit fast zehn Minuten vor deiner Wohnung parken und du keine Anstalten machst, aus zu steigen.“

 

„Wa...?“ Erstaunt sah er das Gebäude an, vor dem sie parkten. Ein Wunder, dass er sie heil und in einem Stück hierher gebracht hatte. Er konnte sich an die Fahrt kaum erinnern. Verzweifelt bemühte er sich um eine Erklärung, doch es kam keine – keine die Murdock schlucken würde – und so ignorierte er das ganze einfach. „Nun, dann sollten wir nicht noch mehr Zeit verschwenden.“ Er stieg aus der Corvette, nahm Murdocks Tasche vom Rücksitz und drehte sich zu seinem Liebhaber um. „Kommst du?“

 

Murdock nickte und folgte ihm. Er fiel ein paar Schritte zurück, als sie auf das Apartmentgebäude zugingen und knetete unwissentlich das Gummiei in der Tasche seiner Jacke. Er wusste, dass Face alles andere als okay war...

 

* * *

 

Als sich die Tür von Face Wohnung hinter ihnen geschlossen hatte, trat Murdock zu ihm und umarmte ihn von hinten, legte sein Kinn auf Face Schulter, seine Wange an die seines Liebhabers gedrückt. Er spürte, wie sich Face in seiner Umarmung anspannte. Eine steile Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen. Etwas lief sehr falsch.

 

Face griff nach seinen Händen, löste sie von seiner Taille. „Nicht jetzt, Babe“, sagte er leise, ohne sich zu ihm umzuwenden.

 

Doch Murdock ließ ihn nicht gehen, griff nach seinen Oberarmen. „Was ist los?“, fragte er ernst. „Und keine Lügen, Face.“ Da Face stehen blieb, ließ er seine Arme wieder um ihn gleiten, schob die Hände unter das lose Hemd.

 

Verdammt! Face fluchte stumm und griff nach Murdocks Händen, um ihn auf zu halten – obwohl das alles andere war, als das was er tun wollte. Er wusste, wenn er die Sache jetzt nicht stoppte, würden sie in ein paar Minuten im Bett landen – oder vielleicht auch nur auf dem Sofa im Wohnzimmer, das war näher – und dann würde Murdock die Schnitte sehen und... „Ich sagte: nicht jetzt!“, schnappte er und stieß den Piloten von sich. Ohne sich umzudrehen, ließ er ihn stehen und ging weiter ins Wohnzimmer. Er wusste auch so, was er auf Murdocks Gesicht jetzt lesen würde – Enttäuschung. Und Schmerz. Von der Art die schlimmer wehtat als eine Schusswunde.

 

Mit fahrigen Bewegungen öffnete er eine Schrankklappe, hinter der sich eine kleine Bar verbarg und goss sich einen Drink ein, ohne darauf zu achten, um was es sich handelte. Als er es an den Mund hob, tauchte wie aus dem Nichts eine Hand auf, nahm ihm das Glas weg und knallte es auf die Kommode, heftig genug, dass etwas von seinem Inhalt über den Rand schwappte. Geschockt sah er zu Murdock auf.

 

„Verdammt, ich habe das so satt, Face.“ Murdock biss sich auf die Unterlippe, schlang die Arme um sich selbst. „Was ist nur mit dir los?“ Seine Stimme nahm einen bittenden Tonfall an. „Die letzten zwei Monate tust du nichts anderes, als mich weg zu stoßen. Ich ertrage das einfach nicht mehr.“

 

Große, dunkle Augen richteten sich auf ihn und er musste sich zwingen, von ihm weg und auf den Boden zu sehen. Er konnte es nicht sagen. Murdock durfte es nicht erfahren.

 

„Facey... ich liebe dich, Babe. Ich will für dich da sein, dir helfen. Aber sprich um Himmels Willen endlich mit mir. Sag’ mir was los ist.“ Murdock streckte die Hand nach ihm aus.

 

Es war zu viel. Er wich von ihm zurück, vielleicht um aus der Wohnung zu flüchten, in die Corvette zu steigen und weg zu fahren. Irgendwohin, es zählte nicht, alles war besser, als Murdock die Wahrheit heraus finden zu lassen. Verdammt, alles was er gewollt hatte, war zwei Wochen Freiheit.

 

„Babe...“

 

Er wandte sich von ihm ab, seine Gedanken rasten in alle Richtungen zugleich, auf der Suche nach einem Ausweg. Doch bevor er ihn gefunden hatte, griff Murdock nach ihm, ergriff seinen linken Arm um ihn herum zu wirbeln, seine Finger berührten ausgerechnet den Schnitt aus der Nacht zuvor und er unterdrückte gerade noch so einen Schmerzensschrei. Er spürte sofort, dass sich die Wunde wieder geöffnet hatte und warme Feuchtigkeit durch den Verband sickerte.

 

„Was...?“Der Blick des Piloten fiel auf seinen Arm – und auf den roten Fleck, der sich auf dem vormals blütenweißen Ärmel des Hemdes ausbreitete. Er schob Face zurück, drückte ihn in einen Sessel und kniete sich neben ihm nieder. Bevor Face reagieren oder eine Bewegung zur Abwehr machen konnte, hatte Murdock bereits die Manschette aufgeknöpft und krempelte den Ärmel hoch.

 

Wo vorher glatte, makellose Haut gewesen war, zeigten sich nun eine Reihe von Schnittwunden. Manche waren schon fast verblasst, feine Linien, Monate alt, die bald völlig verschwinden würden. Andere waren höchstens Wochen alt. Ein paar zeigten das dunkle Rot, dass verriet, dass sie erst vor wenigen Tagen entstanden waren. Aber das Blut, dass durch den Verband sickerte, sagte dass die Wunde darunter frischer war. Sehr viel frischer. Vielleicht ein paar Stunden alt. Der Pilot zögerte nur einen Augenblick. Dann begann er die blutbefleckte Binde abzuwickeln. Er leckte sich nervös über die Lippen, dann sah er in die vertrauten blauen Augen auf. „Was hast du getan?“, flüsterte er.

 

Face schloss beschämt die Augen. Warum ausgerechnet Murdock... warum hatte er es entdecken müssen. Er würde eine Erklärung verlangen. Er würde verlangen, dass er damit aufhörte. Aber wenn er damit aufhörte, wie sollte er dann in die Realität zurückfinden, wenn sie ihm entglitt? Er konnte nicht mehr weglaufen, er durfte sich nicht verstecken. Es war seine einzige Möglichkeit...

 

Als Murdock die Arme um ihn legte, ließ er sich nach vorn in die sichere Umarmung fallen. Gab den verhassten Tränen nach und ließ sich von ihm festhalten.

 

Teil 2