title:               sick and tired

author:            Lady Charena

fandom:          Kung Fu – Im Zeichen des Drachen

codes:            Peter/Pop, PG-15, Drama (slash/incest?)

beta:               T’Len

archive:           TOSTwins

 

sum:               Peter erleidet einen Rückfall (nach “Caine und die Seuche“/“Plague”). Erschöpfung, vielleicht auch das Fieber, bewegt Peter zu einem Geständnis, das die Beziehung zwischen Vater und Sohn schwer belasten wird.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics belong to Anastacia.

 

Mehr P/P Stories von mir und meinen Freunden finden sich in der Dragon’s lair à http://tostwins.slashcity.net

 

 

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…No warning of such a sad song
Of broken hearts…
…I lost my peace of mind
Somewhere along the way…

…I knew there's come a time
You'd hear me say
I'm sick and tired…

                                     (Anastacia)

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„Da bist du ja, Paps.“

 

Ich wusste, dass er mich letztendlich finden würde. Um diese Zeit ist der Park verlassen und ich allein halte mich auf der Brücke auf, wo sich heute Morgen mein Sohn mit seinem Informanten Donny Double-D getroffen hat. Vor einiger Zeit hat es aufgehört zu regnen und die Hitze des Tages mildert sich mit dem Anbruch der Dämmerung. Noch immer ist es jedoch warm genug, dass meine Kleider bereits getrocknet sind. Ich hätte nach Hause zurückkehren können, doch ich fühlte mich seltsam abgeneigt, den Frieden den ich hier finde, gegen begrenzende Wände einzutauschen, gegen Räume, in denen noch immer die Anspannung und Furcht der kranken und verzweifelten Menschen zu fühlen sein wird.

 

Peter nähert sich mir zögernd, als ob er meinen Widerwillen spürt – doch ich bin sicher, dass er nichts davon in meinem Gesicht lesen kann. Und doch... hatte ich... auf eine längere Dauer meiner selbstgewählten Einsamkeit gehofft. Während der letzten Tage verzehrte der Kampf gegen die Seuche fast meine gesamte Energie, und die unerwartet schmerzlichen Erinnerungen an die Zeit im Tempel hatten mich zutiefst verstört. Jetzt ist Peter in Sicherheit, die Bilder der Vergangenheit dorthin zurück verbannt, wohin sie hin gehören – aber noch immer bin ich nicht in der Lage, mich zu sammeln.

 

Ich wende mich von der glatten Oberfläche des Wassers ab und meinem Kind zu. Selbst im dämmrigen Licht des anbrechenden Abends sieht Peter krank und blass aus und ich kann ihm nicht fernbleiben. Nach ihm greifend, streiche ich mit den Fingerspitzen über seine Schläfe und Wange. Peters Haut ist zu heiß, seine Stirn mit Schweiß bedeckt. Besorgt lege ich die Hand unter sein Kinn und drehe sein Gesicht mehr ins Licht. Seine Augen glänzen fiebrig und er weicht meinem Blick aus. „Peter, du bist noch nicht gesund.“

 

Er löst sich aus meinem Griff. „Ich bin in Ordnung, Paps. Wirklich. Nur müde.“ Mit einem Seufzen kämmt er sich durch die Haare, die wie kleine Stacheln von seinem Kopf abstehen.

 

Ich berühre seine Stirn mit dem Handrücken. „Deine Temperatur ist erhöht. Wir werden sofort nach Hause gehen.“

 

„Noch nicht, Paps. Ich möchte mit dir... können wir nicht noch ein wenig Zeit zusammen verbringen? Nur wir beide?“

 

Er klingt in diesem Moment so sehr wie der dickköpfige Fünfjährige, der er einmal gewesen war, dass ich unwillkürlich lächle. „Wir können so viel Zeit zusammen verbringen, wie du möchtest – sobald du dich besser fühlst.“

 

„Ich fühle mich großartig“, behauptet er. Verärgert schlägt Peter mit den Handflächen auf das Brückengeländer. „Was ist los, Paps? Willst du mich loswerden?“

 

Ich lege meine Hände um sein Gesicht und bringe ihn dazu, mich anzusehen. Er wird rot und senkt die Lider. Sein Ärger verschwindet, aber ich kann spüren, dass er verstört ist... es hat etwas... mit meiner Berührung zu tun? Ich streiche einmal über seine Wangen, bevor ich ihn loslasse. „Wie geht es Kelly?“

 

„Besser – dank dir. Sie schlief, als ich ging.“

 

Braune Augen blicken mich mit einer Traurigkeit an, die ich nicht erklären kann, bevor er den Blick auf den Boden richtet. Ein Schauer rinnt durch Peters Körper und ich fühle mich versucht, ihn enger an mich zu ziehen, um meine Wärme mit meinem Kind zu teilen. Aber ich zögere, unsicher ob er in diesem Moment meine Berührung wünscht. „Peter, es ist höchste Zeit, dass du dich ausruhst. Komm mit mir und ich werde dir helfen, Schlaf zu finden.“ Ich zeige ihm nicht meine Besorgnis – er sollte wie all die anderen inzwischen frei von Fieber und Krankheit sein.

 

Peter schüttelt den Kopf, sein Widerwillen strahlt in fast greifbaren Wellen von ihm ab. „Warum fragst du nicht?“

 

„Peter… was versuchst du mir zu sagen?“

 

„Warum fragst du nicht, wieso ich Kelly allein gelassen habe, jetzt wo sie mich braucht? So wie ich jeden verlasse, der mich braucht.“

 

Eine Träne gleitet langsam über seine brennende Wange und gedankenlos beuge ich mich vor und fange sie mit den Fingerspitzen auf. Peter hebt instinktiv abwehrend die Arme, als erwarte er einen Angriff. Seine heftige Reaktion überrascht mich und ich ergreife seine Handgelenke, drücke seine Fäuste nach unten und ziehe ihn in meine Umarmung. Nach einem Moment entspannt er sich und legt seine Arme um meine Taille. Ich reibe beruhigende Kreise auf seinem Rücken, bevor ich mit einer Hand seinen Kopf stütze.

 

„Paps… ich… ich…”

 

„Schhh“, sage ich ihm, wie ich es getan habe, als er ein kleines, verängstigtes Kind war. „Ich bin da.“ Manchmal wünschte ich, seine Ängste wären noch so leicht zu vertreiben wie damals... „Du bist krank, Peter. Kämpfe nicht dagegen an, schone deine Kräfte. Ich werde dich nach Hause bringen.“

 

Ich entlasse ihn aus meiner Umarmung, behalte aber einen Arm um seine Taille, um ihn zu stützen. Peter lehnt sich schwer gegen mich, sein Kopf liegt an meiner Schulter, als wir uns auf den Weg machen. Sein Körper strahlt eine beunruhigende Hitze ab und seine Schritte sind zögerlich und unsicher, zumindest kann er jedoch laufen. Ich überlege kurz, uns ein Taxi zu rufen, doch das würde länger dauern, als zu Fuß zu gehen und ich verwerfe die Idee.

 

Langsam bewegen wir uns auf den Ausgang des Parks zu, wo wir an der Stelle vorbeikommen, an der Peter, Donny and Jody Powell angegriffen wurden. Unwillkürlich muss ich ein Erschauern unterdrücken, als ich mich an die Woge aus Angst, Hass, Wut und Verzweiflung erinnere, die ich spürte, als ich mich durch die kranken Menschen kämpfte, um Peter zu Hilfe zu kommen.

 

Offensichtlich erinnert sich auch Peter, denn er hält inne. „Du weißt immer, was du sagen musst, nicht wahr, Paps?“

 

Seine Stimme ist leise, wie eine laue Brise driftet sie auf mich zu. Meine Hand gleitet aus eigenem Willen zu seiner Wange, mein Daumen streicht über heiße Haut. „Ich... weiß nicht immer, was ich sagen muss, Peter.“

 

Ich spüre, wie Peter den Kopf schüttelt und leise lacht – doch das Lachen wird rasch zu einem unschönen Hustenanfall. „Ich habe noch nie zuvor so etwas gesehen“, murmelt er, als er sich davon erholt hat, seine Stimme heiser. „Du hast nur mit ihnen gesprochen und aus einem wütenden Mob wurden friedliche Schäflein, die nach Hause wanderten.“

 

Ich sehe ihn an, unsicher ob er scherzt oder ob das Fieber seine Gedanken verwirrt. Ein schwaches Grinsen spielt um seine Mundwinkel und ich fühle einen Anflug von Erleichterung. „Nicht ganz wie Schafe“, antworte ich und stupse ihn leicht an, um ihn zum Weitergehen zu bewegen. „Ich konnte... nur ihre Gefühle... verstehen. Die Worte, die ich zu ihnen sprach... waren die gleichen... die auch ich hören musste. Wie sie alle, hatte auch ich Angst. Und war verzweifelt.“

 

Ich höre, wie Peter den Atem anhält. „Angst?“, wiederholt er zweifelnd. „Du hast niemals Angst, Paps.“

 

Seine Worte, die so sehr nach dem atemlosen, unerschütterlichen Glauben eines Kindes klingen, amüsieren mich. „Manchmal schon.“

 

Wir verlassen die dunkle, ruhige Geborgenheit des Parks und betreten die Straße. Ich spüre Peters Schwäche und ziehe ihn enger an mich, um mehr seines Gewichtes auf mich zu verlagern. Ich lächle und reibe über seine Hand, als er den Arm um meine Mitte legt. „Wir werden bald Zuhause sein“, verspreche ich ihm und streife seine Wange mit meinen Lippen. Erleichtert spüre ich, dass seine Temperatur leicht gesunken ist. Vielleicht ist er wirklich nur erschöpft und hat keinen Rückfall erlitten.

 

„Das hast du mir noch nie gesagt, Paps. Ich wünschte, du hättest es...“

 

„Es war... niemals einfach für mich... über meine Gefühle zu sprechen, Peter.“ Ich wünsche mir plötzlich, dass er einen anderen Zeitpunkt gewählt hätte, dieses Thema anzuschneiden. Aber ich schiebe diesen Gedanken rasch von mir. Statt dessen konzentriere ich mich darauf, meinen Sohn durch die Straßen Chinatowns zu lenken. „Es wird nicht mehr lange dauern, mein Sohn. Halte durch.“

 

„Was auch immer du sagst, Paps.“

 

Seine Worte klingen undeutlich und müde. Meine Sorge verstärkt sich, als er erneut hustet, ein kehliges, schmerzhaftes Husten. Ohne anzuhalten, lege ich die Handfläche meiner rechten Hand gegen sein Brustbein und stärkte sein ch’i, um ihm das Atmen zu erleichtern.

 

„Nein.“ Peter bleibt stehen und versucht meine Hand weg zu schieben. „Mach das nicht...“

 

Ich ignoriere seinen schwachen Widerstand und er gibt nach. Stattdessen legt er seine Hand über meine, hält sie fest.

 

„Du hast uns alle gerettet, Paps. Du bist ein Held.“

 

Ich blicke auf und sehe ein müdes Lächeln um seine Lippen. „Nein, das habe ich nicht. Und ich bin kein Held. Ich habe meine Hilfe denen angeboten, die sie brauchten – wie es meine Pflicht ist.“ Ich streichle seine Wange. „Sprich jetzt nicht, Peter. Schone deine Kräfte – und deine Kehle.“

 

„Warum... ich klinge doch schon wie Mr. Toad aus „Wind in den Weiden“. Erinnerst du dich, Paps?“

 

Ich lache unwillkürlich und ziehe Peter enger an mich. „Ja. Aber jetzt tu, was ich dir sage.“ Ja, ich erinnere mich, ihm daraus vorgelesen zu haben, als er drei Jahre alt war. Ich erinnere mich, ihn in meinen Armen gehalten zu haben, als er in der Nacht nach seiner Mutter schrie und weinte, bis seine Stimme heiser wurde. Ich erinnere mich, wie er einschlief, nachdem er sich müde geweint hatte und an das Lächeln, das sein kleines Gesicht aufhellte, wenn ich seine tränenbedeckte Wange küsste...

 

Ich erinnere mich an alles.

 

* * *

 

Wie ein gehorsamer Sohn bleibt Peter stumm – aber ich weiß, dass sein Schweigen nicht lange anhalten wird, es liegt nicht in seiner Natur, lange still zu sein. Und so bin ich erleichtert, als ich vor uns das Gebäude sehe, in dem mein Heim liegt.

 

Mein Sohn wirft mir einen gequälten Blick zu, als ich ihn in Richtung des alten Aufzugs dirigiere, anstatt wie üblich die Treppen zu benutzen. „Ich bin kein Krüppel, Paps“, murrt er, als sich die Türen schließen und die Kabine ihre zitternde und ruckelnde Fahrt aufwärts beginnt.

 

Ich antworte nicht und drücke stattdessen meinen Handrücken wieder gegen seine Stirn. Seine Haut ist noch immer zu heiß, aber seine Temperatur hat sich nicht weiter erhöht. Peter hebt den Kopf und lächelt mich an. Einen Moment lang bade ich in der Zärtlichkeit, die aus seinem Blick scheint, dann legt er den Kopf gegen meine Schulter. Ich beuge mich vor und küsse seine Wange, ihn dicht an mich drückend, um meine Wärme mit ihm zu teilen.

 

Wir verlassen den Aufzug und ich führe Peter in einen Raum im hinteren Teil, wo er weniger gestört werden wird, als im Hauptraum. Es sind keine Spuren der vielen Menschen mehr vorhanden, die in den letzten Tagen hier gelebt haben – ich werde später Lo Si besuchen und ihm danken, da nur mein Meister dafür gesorgt haben kann, dass die Ordnung wiederhergestellt wurde.

 

Peter lehnt sich gegen die Wand, beobachtet mich, während ich einen dünnen Futon aus einer großen Holzkiste nehme und ausrolle. Ich knie mich nieder, um ein Laken darüber auszubreiten, als Peter spricht: „Sieht so aus, als... als hättest du Übung in so was...“ Er unterbricht sich.

 

Ich halte inne und sehe ihn über die Schulter hinweg an, schweige jedoch.

 

Peter zuckt mit den Schultern, schlingt die Arme um sich selbst wie um Kälte abzuwehren. „Ist das dein Gästezimmer, Paps?“ Sein Blick gleitet durch den Raum, betrachtet die Kerzen und die Räucherstäbchen auf dem kleinen Tisch beim Fenster, aus dem neben der Schlafstelle die ganze Einrichtung besteht.

 

Ich schüttle den Kopf verneinend und wende mich wieder meiner Arbeit zu. Ich spüre, dass es eine Frage gibt, die er nicht wagt zu stellen, er grübelt darüber nach, wie vielen „Gästen“ ich hier ein Bett angeboten habe – und was mich verwundert – in welcher Beziehung sie zu mir standen. Vielleicht denkt er an Cheryl. Ich werde später darüber nachdenken. „Im Moment ist es dein Zimmer“, sage ich, als ich mich erhebe und zu ihm gehe. „Ruh dich aus, Peter.“ Ich helfe ihm aus der Jacke und führe ihm zum Futon, damit er sich hinlegt.

 

Nachdem ich seine Schuhe entfernt habe, hülle ich ihn mit einer dünnen Decke ein und knie mich neben ihn. „Versuch dich auszuruhen, während ich dir Tee und mehr von dem Heilmittel hole.“ Ich streiche mit dem Handrücken über seine Augen und er schließt sie. Dann will ich aufstehen – doch Peter greift nach meiner Hand, fast verzweifelt mein Handgelenk umklammernd. „Ich werde nicht lange fort sein, mein Sohn.“ Sanft befreie ich mich aus seinem Griff und küsse ihn auf die Stirn. Dieses Mal lässt er mich gehen.

 

Auf meinem Arbeitstisch befindet sich ein Gefäß mit der Kräutermischung gegen die Seuche – ganz offensichtlich hat Lo Si dieses dort bereitgestellt. Einen Moment lang erlaube ich mir die Ablenkung, darüber nach zu grübeln, wie voraussehend – oder wissend? – der Ehrwürdige ist... Aber dann sammle ich meine Gedanken und nehme die Kräuter mit mir in die Küche, um einen Tee zu bereiten, der Peter helfen wird, zu schlafen und sein ch’i wiederherzustellen.

 

* * *

 

Mein Sohn scheint eingeschlafen zu sein, als ich einige Minuten später zurückkomme. Ich stelle die Teetasse und die Schale mit dem Heilmittel auf den Tisch und schließe die Verblendungen vor dem Fenster, um die letzten Sonnenstrahlen aus dem Raum zu verbannen. Dann entzünde ich eine Kerze und stelle das Tischchen näher zum Futon. Vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, berühre ich Peters Wange.

 

Peter rührt sich. Seine Lider flattern und die Intensität in seinem Blick verblüfft mich einen Moment lang... „Paps?“, fragt er müde.

 

„Versuch dich aufzusetzen, Peter.“ Ich lege die Hand auf seine Schulter und helfe ihm dabei, klar spürend, wie sehr er verabscheut so schwach zu sein. „Trink das.“ Ich zeige meine Besorgnis nicht, sondern halte das Gefäß mit dem Heilmittel an seine Lippen.

 

Peter verzieht das Gesicht – und ich bin mir nicht sicher, ob es wegen des Geschmackes ist oder ob ihm meine Behandlungsweise nicht gefällt. Unwillkürlich lächele ich und obwohl er nicht wissen kann, woran ich denke, lächelt er ein wenig mit mir. „Du wirst dich bald besser fühlen, Peter.“

 

Seine Augen suchen meine. „Versprochen?“

 

Ich streiche die schweißverklebten Haarsträhnen aus seiner Stirn zurück. „Versprochen“, stimme ich bereitwillig zu.

 

Sein Lächeln vertieft sich und erneut bin ich wie gefesselt von der Liebe, die in den Augen meines Sohnes zu lesen ist. Ihn wieder bei mir zu haben, ist ein Wunder, das mich...

 

„Ich fühle mich bereits besser“, meint Peter mit einem schlauen Unterton und ich streiche über seine Wange.

 

„Du wirst den Tee trotzdem trinken – auch wenn er dir nicht schmeckt.“ Er lässt sich von der Strenge in meiner Stimme nicht täuschen, denn ich befürchte, meine Augen verraten mich. In dem ich ihm einfach die Tasse an den Mund halte, ersticke ich jedoch seinen Widerstand bereits im Keim. Mein Sohn schneidet eine Grimasse und trinkt den Tee.

 

Mit einem Seufzen lässt er sich zurückfallen und ich decke ihn ordentlich zu. Langsam verlässt die Anspannung Peters Körper und seine Augen beginnen sich zu schließen...

 

„Geh nicht weg, Paps. Bleib bei mir“, murmelt er.

 

Ich strecke mich ohne zu zögern neben ihm auf dem Boden aus. „Ich werde hier bleiben“, flüstere ich ihm zu, mein Mund dicht an seinem Ohr. Peter lächelt, als er meine Nähe spürt und hebt den Kopf. Der unausgesprochenen Aufforderung nachkommend, strecke ich meinen Arm aus, so dass er den Kopf darauf betten kann. Von da an scheint es völlig logisch, dass er sich auf die Seite und in meine Umarmung rollt, sich an mich schmiegt. Mit einem Lächeln lege ich den zweiten Arm um seine Taille und ziehe ihn an mich. Über ihn greifend, hülle ich die Decke enger um ihn und spüre, wie er sich entspannt, als ich seinen Rücken reibe. Sein Atem streift die Seite meines Gesichts und ich erinnere mich, ihn als Kind oft so gehalten zu haben, um seine Alpträume zu vertreiben.

 

Ich bete, dass dieses Mal sein Schlaf frei von beängstigenden Träumen sein wird.

 

* * *

 

Der Morgen ist bereits nahe, als Peters Unruhe mich weckt. Graues Licht dringt durch die Verblendungen vor dem Fenster und ermöglicht es mir, meinen Sohn zu betrachten. Irgendwann im Laufe der Nacht ist er aus meiner Umarmung geglitten und hat sich auf die andere Seite gedreht, mir nun den Rücken zuwendend. Da ich spüre, dass er wach ist, richte ich mich auf und setze mich in Lotus neben den Futon. Als ich seine Schulter berühre, versteift sich sein Körper. Nach einem Moment dreht sich Peter auf den Rücken und seine Lider öffnen sich.

 

Im matten Licht sind seine Augen sehr dunkel. Schatten spielen über seine Züge und glätten sie, so dass er wie ein Kind wirkt. Ich berühre seine Wange und seine Stirn mit dem Handrücken, seine Temperatur ist normal, die Haut trocken und weich.

 

„Du fühlst dich besser.“ Ich lasse meine Finger seinen Hals entlang gleiten und zähle das ruhige, gleichmäßige Schlagen seines Herzens.

 

Peter leckt sich über die Lippen und wendet den Blick ab. „Es geht mir besser.“ Er legt die Hand über meine und drückt sie leicht. „Danke, dass du bei mir geblieben bist... dass du mich gehalten hast“, fügt er leise hinzu. „Auf dem Boden war es doch sicher ziemlich unbequem.“

 

Ich schüttle den Kopf und lächele ihm beruhigend zu. Dann will ich aufstehen – doch Peter lässt mich nicht los. Meine Hand liegt noch immer an seinem Hals und unter meinen Fingerspitzen spüre ich, wie sich sein Herzschlag beschleunigt.

 

„Nicht“, flüstert Peter. „Noch nicht. Es ist noch nicht einmal richtig hell. Bleib bei mir, bitte, Paps. Nur noch ein paar Minuten. Bitte.“

 

Ich hebe sein Kinn an, um sein Gesicht besser sehen zu können. Irgendetwas in seinen Zügen kann ich nicht deuten... Und plötzlich fürchte ich mich davor, die Gedanken meines Sohnes zu enthüllen. Doch ich kann ihn nicht so gequält sehen. „Peter?“

 

Ein trauriges Lächeln spielt um seine Lippen. „Ich will zu viel, nicht wahr, Vater? Ich bedränge dich zu sehr und du ziehst dich zurück.“ Peter zieht meine Hand von seinem Hals weg und dreht sie um, die Handfläche betrachtend.

 

Ich lege meine Hand an seine Wange und hebe seinen Kopf an, damit er mich ansieht. „Was ist es, das du versuchst mir zu sagen, mein Sohn?“

 

Peter dreht sich in die Berührung, seine Lippen streifen die Innenseite meiner Fingern... etwas, das sich fast wie ein Kuss anfühlt. „Ich liebe dich.“

 

Wo er mich berührt, fühlt sich meine Haut heiß an und ich ziehe langsam meine Hand zurück. „Du brauchst noch Ruhe.“

 

„Hörst du mir nicht zu, Paps?“

 

„Das tue ich.“ Eine nicht greifbare Unruhe befällt mich, als ich in seinen Worten Enttäuschung und Schmerz vernehme. „Aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt für eine Unterhaltung, mein Sohn. Deine Stärke kehrt zurück, aber du musst deinem Körper mehr Zeit zu heilen geben.“

 

Mit einem Seufzen dreht sich Peter von mir weg, macht es sich auf der Seite bequem, einen Arm unter den Kopf geschoben. Ich greife über ihn und ziehe die Decke enger um ihn. Peter gähnt leise und ich lächle. Er ist erschöpfter als er zugeben will. Einen Moment lang beuge ich mich über ihn und presse meine Wange gegen seine, wie ich getan habe, als er ein Baby war.

 

„Bleib bei mir“, sagt er sehr leise.

 

„Ich werde in der Nähe sein“, antworte ich und kämme mit den Fingern das wirre Haar an seinem Hinterkopf glatt. Langsam eine Linie an seinem Nacken entlang und um die Schulter herum zeichnend, führe ich meine Hand bis auf seinen Oberarm. Peters Haut fühlt sich unter meiner Berührung warm an, sein Körper zu angespannt als dass er schlafen könnte. Ein leises Zittern gleitet durch meinen Sohn und ich frage mich, ob...

 

„Ich kann nicht mehr schlafen“, unterbricht Peter meine Gedanken. Den Kopf etwas herumdrehend, blickt er mich über die Schulter hinweg bittend an. „Kannst nicht... kannst du dich nicht zu mir legen, Paps? Nur noch einmal. Ich fühlte mich so...“ Er hält inne und zuckt mit den Schultern, den Blick abwendend. „Es fühlte sich gut an, heute Nacht. Ich war... sicher.“

 

Ich zögere, glaube eine zweite Bedeutung hinter seinen Worten wahrzunehmen – aber ich bin mir nicht sicher, welche. Peter hat als Kind in meinen Armen geschlafen und er tat es heute Nacht. Er mag nun ein Mann sein, aber er ist noch immer mein Sohn – warum also erfüllt mich seine Bitte plötzlich mit Unsicherheit?

 

Ich zögere und betrachte meine Möglichkeiten. Wenn ich es ablehne und ihn alleine lasse, werde ich Peter unnötig verletzen, da ich weiß, dass er sich zurückgewiesen fühlen wird. Es ist immer so, selbst wenn es völlig unbeabsichtigt von meiner Seite ist. Wenn ich bleibe... welchen Schaden kann eine Umarmung anrichten? Welches Unheil aus körperlicher Nähe erwachsen? Ich habe bereits so viele Gelegenheiten, ihn zu halten, verpasst...

 

Meine Entscheidung ist gefallen und ich strecke mich auf der freien Stelle neben Peter auf dem Futon aus. Einen Arm lose um seine Taille schlingend, warte ich auf seine Reaktion. Eine Minute lang liegt er sehr still, dann fühle ich, wie er sich entspannt und enger an mich rückt. Mit einem Lächeln drücke ich mein Gesicht gegen sein seidenes Haar.

 

* * *

 

Ich beabsichtigte nicht, zu schlafen. Doch die letzten Tage müssen mich mehr ermüdet haben, als ich mir bewusst war. Sonnenschein dringt durch die Verblendungen, wir haben bis weit in den Morgen hinein geschlafen. Doch es war nicht das Tageslicht, das mich weckte. Eine fast unspürbare Berührung liebkost meine Haut. Fingerspitzen zeichnen meine Gesichtszüge nach, streifen entlang der Linien in meinem Gesicht als ob sie dann wie durch Zauberei verschwinden würden. Die Berührung ist sanft, liebevoll, neugierig und... suchend? Ich öffne die Lider, um den weiten, glänzenden Augen meines Sohnes zu begegnen, ein Verlangen in ihnen, das ich nicht identifizieren kann. „Peter?“

 

Er kniet dicht neben mir, sein Knie presst sich in meine Seite. Wo wir uns berühren, fühlt er sich heiß an, doch es ist kein Fieber mehr. Ich hebe die Hand, um seine Finger aus meinem Gesicht zu entfernen.

 

„Beweg’ dich nicht... Paps, bitte. Lass mich...“ Er zögert, sich auf die Unterlippe beißend.

 

Ich lasse meine Hand zurück auf den Futon fallen.

 

Peters Finger gleiten weiter, um meine Wange zu berühren, eine vertraute Geste. Ich lächle und schließe meine Augen. Er beugt sich über mich und ich erwarte einen Kuss auf die Stirn. Weiche, warme Lippen senken sich zögernd auf meine und Schock lässt mich nach Luft schnappen. Peters Lippen gleiten von meinem Mund und über meine Wange.

 

Nach einer Sekunde wende ich mich von ihm ab, löse seinen Griff um mein Gesicht.

 

Ich lasse meine Augen geschlossen. Statt dessen lausche ich... auf den rauen Klang von Peters Atmen, auf das wilde Flattern seines Herzens, so laut, dass es von den Wänden widerhallen muss, die Verkehrsgeräusche von den Straßen unter uns, übertönend... auf alles andere, als auf meine rasenden Gedanken. 

 

Peter rührt sich nicht, abgesehen von seinen Fingern, die an meinem Hals zittern. Er ist verwirrt und von Angst erfüllt – aber ich spüre auch seine Erregung. Es ist ein neuerlicher Schock, heftiger als Peters Kuss.

 

Ich öffne die Augen und befeuchte meine trockenen Lippen, eine nervöse Geste, die mir eigentlich nichit ähnlich sieht. Es muss eine Einbildung sein, dass sie sich jetzt fremd anfühlen... „Peter.“

 

Meine Stimme, normal klingend, scheint ihn aus seiner Reglosigkeit zu wecken. Peter weicht zurück, setzt sich auf die Fersen. Seine Augen auf die Hände gerichtet, die er vor sich zu Fäusten geballt hat. „Es... est tut mir leid“, flüstert er. „Ich... weiß nicht, warum ich das getan habe. Ich muss... ich muss immer noch Fieber haben.“

 

Es ist eine Lüge. Ganz deutlich spüre ich seine Sehnsucht, eine tiefe Verwirrung – und Verzweiflung. Aber ich kenne nicht die Worte, die ihn trösten würden. Und ich wage es nicht, zu meinem einzig anderen Mittel des Trostes zurück zu greifen – und ihn zu berühren. Ich fürchte, als könnte alles zerbrechen, wenn ich Peter jetzt berühre, so schwer lastet Anspannung auf uns. Sie erfüllt den Raum.

 

Und doch... kann ich es nicht ertragen, meinen Sohn so verletzt zu sehen. Ich setze mich langsam auf und knie mich vor ihn, unsere Knie berühren sich fast. Ich lege meine Hände über seine, sanft die Finger aus den Fäusten lösend. „Peter.“

 

„Bitte sei nicht wütend auf mich“, flüstert er. „Es tut mir leid.“ Er hebt sein Gesicht um mich anzusehen und ich betrachte seine angespannten, blassen Gesichtszüge.

 

„Ich bin nicht wütend“, antworte ich. „Du... hast nichts getan, für das du um Verzeihung bitten musst. Die vergangenen Tage waren sehr anstrengend für dich, deine Gefühle sind... verwirrt.“

 

Enttäuschung erfüllt für einen Moment seine wundervollen Augen, bevor er sie schließt. „Ich bin spät dran. Ich muss gehen.“ Trotz seiner Worte bewegt er sich nicht.

 

Aber ich tue etwas, dass ich selten zuvor getan habe – ich wähle den leichtesten Ausweg aus dieser Situation. Ich lasse seine Hände los und setze mich zurück auf meine Fersen. „Ja.“

 

Peter zögert noch einige Momente, dann steht er auf. Ich bleibe knien und beobachte, wie mein Sohn seine Schuhe anzieht und seine Jacke holt. Er wendet mir den Rücken zu, seine Haltung steif und verschlossen.

 

Bevor er den Raum verlässt, wendet er sich mir zu. „Es tut mir leid.“ Seine Worten fallen - wie ein Kiesel in einen See - in die Stille und werfen Wellen.

 

Ich kann meiner Stimme nicht trauen, ruhig und sicher zu klingen und so nicke ich nur.

 

Peter wartet für eine Antwort – doch als er keine erhält, wendet er sich ab und geht und lässt mich mit meinen Gedanken alleine.

 

Nur für die Dauer eines Herzschlags erlaube ich mir, mich an den sanften Druck seiner Lippen gegen meine zu erinnern... an seinen Körper, gegen meinen geschmiegt...

 

Nein!

 

Ich beuge beschämt meinen Kopf. Das darf niemals sein. Er ist mein Sohn, niemand der begehrt werden darf. Was auch immer seine Gefühle für mich so verwirrt hat, es ist meine Pflicht, ihn auf seinen Weg zurück zu führen.

 

Aber dennoch frage ich mich...

 

Ende