Titel: Und vergib uns unsere Schuld
Autor: Lady Charena (Feb 2002)
Fandom: Sherlock Holmes
Episode: The Sign of Four (1988)
Charaktere: Sherlock Holmes, John Watson
Pairing: Holmes/Watson, später: Watson/Mary Morstan
Rating: ab 18 slash/het
Worte: 3921
Beta: T’Len


Summe: Mary Morstan verändert das Leben der beiden Männer einschneidend.

Erster Teil eines dreiteiligen Story – Arcs.


Anmerkung: Geschrieben unter dem Einfluss der Granada Verfilmungen mit Jeremy Brett als Sherlock Holmes und David Burke als John Watson, Anfang der 1980er.

Disclaimer: Sherlock Holmes, Doktor Watson, Emma Hudson und Detective Lestrade stammen aus der Feder Sir Arthur Conan Doyle. Eine Verwendung in dieser Story erfolgt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen, noch Inhaberrechte zu verletzen.




Und vergib uns unsere Schuld

Aus dem privaten Tagebuch des John H. Watson, MD


Ich blieb am Fenster stehen und sah zu, wie Miss Mary Morstan die Straße überquerte und in die wartende Droschke stieg. Mein Blick folgte ihr, bis der Wagen im Gewirr der Londoner Gassen verschwunden war. „Was für eine anziehende Frau“, murmelte ich.

„Wirklich?“, kam es sarkastisch aus Holmes Schlafzimmer. Ich hatte nicht bedacht, dass er mich hören könnte. „Ist mir leider entgangen.“

Seufzend wandte ich mich vom Fenster ab. „Natürlich.“

Es kam keine Erwiderung und ich durchquerte leise den Raum, um durch die offene Tür in Holmes Schlafzimmer zu blicken. Er war eingeschlafen, vollbekleidet mit Rock und Schuhen. Sein Gesicht wirkte – obwohl im Schlaf wesentlich entspannter – eingefallen und hohlwangig. Die Anspannung der vergangenen Tage, die schlaflosen Nächte des Wachens, hatten an seinen Kräften gezehrt. Seine Ankündigung, dass er mindestens eine Woche benötigen würde, um sich zu erholen, erachtete ich keineswegs als übertrieben. Ich hatte im Gegenteil den Eindruck, als hätte dieser Fall ihn an die Grenzen seiner Kraft geführt. Und vielleicht... vielleicht stand mehr als schlichte Erschöpfung hinter seinem schroffen Verhalten Miss Morstans gegenüber. Genauso möglich war es jedoch auch, dass ich einem Irrtum unterlag. Bereits seit einigen Jahren beobachtete ich nun sein abwehrendes Verhalten Frauen gegenüber. Es hatte nichts damit zu tun, dass wir... doch ich verbot mir weitere Spekulation.

Stattdessen beugte ich mich über Holmes und begann damit, ihn auszukleiden. Ihn von seinen Schuhen zu befreien, erwies sich dabei noch als die einfachste Übung. Doch als Arzt hatte ich mehr als einen besinnungslosen Patienten entkleidet und zudem ist es bei weitem nicht das erste Mal, dass ich es meinen Freund bequem machte. Ich rüttelte an seiner Schulter, bis er soweit wach wurde, um sich aufzusetzen und zog ihm hastig den bereits aufgeknöpften Rock mitsamt Weste und Hemd über die Schultern und Arme – was er mit einem schlaftrunkenen Grunzen quittierte, bevor er sich wieder zurückfallen ließ. Seine Hose folgte alsbald, wenn er die Hüften auch erst nach einem ermunternden Stoß in die Seite anhob und es mir so ermöglichte, sie über seine Beine nach unten zu ziehen. Dann sank er zurück in tiefere Schichten des Schlafes. Es würde nun einiges benötigen, ihn zu wecken, dies wusste ich aus Erfahrung.

Eine feine Schweißschicht stand auf meiner Stirn, als ich mich endlich aufrichtete und die Decke vom Fußende des Bettes über ihn zog. Der Rest seiner Bekleidung würde seinen Schlaf nicht sonderlich behindern.

Ich fühlte mich selbst bis auf die Knochen erschöpft. Weniger aufgrund der Hetze der Raubmörder durch halb London und der nächtlichen Verfolgungsjagd auf der Themse, die wir eben erst hinter uns gebracht hatten.

Das emotionale Dilemma, in welches ich mich selbst hineinmanövriert hatte, zehrte an meiner Kraft und meinen Nerven. Seit ich Mary Morstan zum ersten Mal die Straße überqueren und auf unsere Wohnung zueilen sah, war mir, als... als hätte ich nach einem Leben in Dunkelheit wieder die Sonne erblickt. Ihr feines Gesicht strahlte eine solche Wärme aus, dass sie mich unwiderstehlich anzog – wie die Lampe eine Motte.

Und wann immer sie sich mit sanfter Stimme und vertrauensvollem Blick an mich wandte, beschleunigte sich der Rhythmus meines Herzschlages und mir brach kalter Schweiß aus. Ich befand mich auf dem besten Wege, mich in sie zu verlieben.

Nein, das ist nicht die Wahrheit. Ich hatte mich bereits in sie verliebt...

Und natürlich war dies alles Sherlock Holmes scharfen Augen nicht verborgen geblieben. Hier - mit mir und meinen Gedanken allein, vor dem Bett meines schlafenden Freundes und Partners stehend - konnte und musste ich es mir eingestehen: ich hatte mehr als einmal Eifersucht in seinem Blick gefunden, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Man würde solche Empfindungen bei dem sonst so beherrscht und kühl wirkenden Logiker nicht vermuten, ich wusste dieses sehr wohl. Doch ich konnte mich wohl rühmen, ihn besser und intimer zu kennen, als sonst ein Mensch auf dieser Erde. Ich kannte seine Geheimnisse, die selbst seinem eigenen Bruder verborgen blieben. Und seine Schwächen, die nur meine Augen erblickt hatten.

Nach einem letzten Blick auf sein Gesicht, verließ ich den Raum durch die Verbindungstür zwischen unseren Zimmern und betrat mein eigenes Schlafzimmer.

Meine Schultern schmerzten vor Anspannung und ich spürte ein scharfes Ziehen in meinem lädierten Bein, welches ich in den letzten Tagen wohl etwas zu sehr in Anspruch genommen hatte. Ich legte Rock und Weste ab und schlüpfte auch aus meinen Schuhen, bevor ich mich auf meinem Bett ausstreckte.

Trotz meiner Müdigkeit fühlte ich mich jedoch außerstande, sofort zu schlafen. Ich legte mich in das kühle Kissen zurück und schloss die Lider. Sofort erschien Mary Morstans Gesicht vor meinem inneren Auge. Vielleicht... konnte sie meine Rettung, meine Erlösung sein? Die Erinnerung an ihr sanftes Lächeln begleitete mich letztendlich doch in den Schlaf.


* * *


Ich erwachte in der Dämmerung eines neuen, nebligen Londoner Morgens. Die lange Schlafphase hatte mich ruhiger werden lassen, entspannter. Wenn sie mir auch keine Lösung präsentierte.

Das leise Klappern von Geschirr aus dem Wohnraum verriet mir, das Mrs. Hudson bereits dabei war, uns das Frühstück zu bereiten und so erhob und entkleidete ich mich rasch.

Nachdem ich mich frischgemacht und mit sauberer Wäsche versehen hatte, trat ich in einen Hausrock gewickelt in den Wohnraum.

Der Frühstückstisch war überraschenderweise nur für eine Person gedeckt. In diesem Moment betrat Mrs. Hudson mit der Morgenzeitung und der Teekanne den Raum und ich wandte mich sogleich an sie. „Guten Morgen, Mrs. Hudson. Darf ich mich erkundigen, warum nur für eine Person gedeckt ist?“

Sie blickte mich an und ich entdeckte Sorge in ihren gütigen Augen. „Guten Morgen, Dr. Watson. Mr. Holmes hat das Haus bereits vor zwei Stunden verlassen. Er heftete mir eine Nachricht an die Tür, dass er heute kein Frühstück benötige und den ganzen Tag außer Haus sein würde.“

Ich fühlte, wie sich etwas von ihrer Sorge auch meiner bemächtigte. Der Grund dafür blieb mir schleierhaft, da es eigentlich nur ein Beispiel der exzentrischen Lebensweise meines Freundes war. Wenn er einen Fall bearbeitete, dann ist ein geregelter Lebenslauf ein Ding der Unmöglichkeit für Sherlock Holmes. Wenn er einen Fall bearbeitete... Ich spürte den fragenden Blick unserer Hauswirtin auf mir und lächelte ihr beruhigend zu. „Sicherlich hat er seine Gründe dafür, Mrs. Hudson. Es ist Ihnen doch hinlänglich bekannt, wie wenig Wert Holmes auf geregelte Essenszeiten legt.“ Ich bemühte mich um einen betont leichten Tonfall, um ihre Bedenken zu zerstreuen und tatsächlich schien mir das auch zu gelingen, denn sie schenkte mir ein zögerliches Lächeln, bevor sie mir Tee eingoss, die Kanne anschließend abstellte und mich dann meinem Frühstück überließ.

Mein Appetit ließ jedoch einiges zu wünschen übrig und als Mrs. Hudson geraume Zeit später abräumte, ertrug ich ihr vorwurfsvolles Schweigen schuldbewusst.

Kaum hatte sie den Raum dann wieder verlassen, vertiefte ich mich in die Morgenzeitung und beschäftigte mich mangels Alternativen – halb missmutig, halb amüsiert – mit Inspektor Jones Selbstdarstellung und seiner sehr einseitigen Schilderung des Sholto-Falles, die ihn in bestem Lichte präsentierte, Holmes jedoch erwartungsgemäß völlig außen vor ließ. Meine Laune besserte sich dadurch keineswegs und ich legte die Zeitung angewidert zur Seite.

Für gewöhnlich war dies die Zeit, in der ich meine eigenen Notizen zu einer Beschreibung des Falles zusammentrug und in meinem Journal festhielt, solange meine Erinnerungen noch frisch waren. Und tatsächlich versuchte ich es auch.

Ich setzte mich an den Schreibtisch und nahm das Büchlein heraus, in dem ich all die sonderbaren Fälle meines Freundes Holmes gesammelt hatte. Doch bereits nach den ersten Zeilen stoppte ich unschlüssig und legte schließlich die Feder ganz beiseite.

Ich nahm mein Journal auf, lehnte mich zurück und las, was ich geschrieben hatte. Doch wie könnten magere Worte allein gerechterweise eine Dame wie Mary Morstan beschreiben... und ich legte auch das Büchlein beiseite.

Vor meinem inneren Auge erschien wieder ihr Bild, ihr Lächeln, ihre Berührung, als sie in Sholtos Haus meine Hand ergriff, wie ein furchtsames Kind und doch stark zugleich. Nie zuvor in meinem Leben war ich einer Frau wie ihr begegnet.

Und nun, nach Abschluss des Falles, würde ich sie nie wiedersehen. Was mir blieb, war Holmes launenhafte und unstete Zuneigung und diese unglückselige Neigung zu ihm, die mir bei Bloßstellung im geringsten Falle einen Gesichtsverlust und im schlechtesten Falle eine Gefängnisstrafe einbringen würde.

Es sei denn...

Unsicher richtete ich mich wieder auf. Es sei denn, ich suchte Miss Morstans Wohlwollen zu gewinnen. Denn es entstand in mir durchaus der Eindruck, als hegte sie eine nicht zu leugnende Sympathie für mich, jedoch geboten ihr Anstand und Schicklichkeit, zu dieser Zeit Distanz zu halten. Doch nun waren wir beide frei, zu tun, wie uns beliebte.

Frei...

Unruhig stand ich auf. Gelegentlich empfand ich die Furcht, niemals wieder frei zu sein. Meine Verbindung zu Holmes war wie... ein Band, dass mich umschnürte, mir manchmal den Atem nahm.

Ich trat in mein Schlafzimmer und legte mich auf mein Bett.



Als ich Holmes begegnete, war ich gerade aus Afghanistan zurückgekehrt. Ein junger Mann und Arzt, der zu viel Leid, Schmerz und Elend gesehen hatte, selbst verwundet worden und kaum wieder genesen war. Ich war es leid, mich durch unwegsame Dschungel zu kämpfen, unter Hitze und Moskitos zu leiden und verstümmelte und sterbende Kameraden zu versorgen.

London erschien mir trübe und kalt, fast feindselig und doch... hieß mich die brodelnde Stadt willkommen. Mich – und das neue Leben, welches vor mir lag. Die Begegnung mit Stamford in der Criterion Bar, die mir nicht nur eine Unterkunft, sondern auch einen neuen Freund einbrachte, sollte es von Anbeginn an prägen.

Nach einigen Monaten der Akklimatisation und der Gewöhnung an meinen exzentrischen Hausgenossen konnte ich mir mein neues Leben ohne Holmes bereits nicht mehr vorstellen.

Zu dieser Zeit wusste ich weder von seinen Neigungen, noch von... den meinen. Ich hatte beschlossen, den nebligen Herbsttag in meinem Club zu verbringen und Holmes, der gerade nicht an einem Fall arbeitete, auch dementsprechend informiert. Nachdem ich jedoch nun einige Stunden dort verbracht, ein vorzügliches Mittagsmahl verspeist und mich in aller Ruhe der Lektüre gewidmet hatte, bemächtigte sich meiner ein Sinneswandel und ich verließ die stillen Hallen meines Clubs, um sie gegen die gemütlichen Räume in der Baker Street einzutauschen. Ich hoffte, mein Freund Holmes würde sich zu einem Gespräch überreden lassen. Vielleicht hatte sich auch in der Zwischenzeit ein neuer Fall aufgetan, der mich von der Eintönigkeit dieses Tages erlösen würde.

Als ich das Haus betrat, erinnerte ich mich, dass Donnerstag war, der Tag, an dem sich Mrs. Hudson einigen Freundinnen widmete und wir uns deshalb den Tee selbst zubereiteten. Sie würde erst gegen Abend zurück sein.

Daran dachte ich also, als ich die Stufen zu den Räumen emporstieg, die ich mit Holmes teilte. Nachdem ich mich meines Überziehers und des Hutes entledigt hatte, trat ich in den behaglich warmen Wohnraum. Ich erwartete Holmes zu erblicken, in eine Lektüre vertieft oder in ein Experiment, doch er war nicht zu sehen. Leichte Enttäuschung machte sich in mir breit und ich fürchtete, die Monotonie in meinem Club nur gegen einen einsamen Nachmittag in diesen Wänden  eingetauscht zu haben. Doch dann hörte ich merkwürdige Geräusche.

Sie kamen aus Holmes Räumen, wenn mich nicht alles täuschte, Wispern und Murmeln, unterdrücktes Kichern und... und ich riss ohne weiteres Nachdenken die Tür auf, in der Vermutung, es könnte sich um Straßenjungen oder gar Einbrecher handeln. Ich muss einen wenig würdevollen Anblick geboten haben, mit vor Erstaunen und/oder Entsetzen offenem Mund und dem Spazierstock drohend erhoben in der Hand.

Es handelte sich nicht um Einbrecher. Es war Holmes und er war nicht allein. Sein... Gast... war mir ebenfalls nicht unbekannt – ich erkannte deutlich Thomas Kenning, den älteren Bruder von Albert, einem gewieften Jungen, der Botengänge und kleinere Besorgungen für uns erledigte. Ich wusste außerdem, dass Thomas gelegentlich in Holmes Auftrag Erkundigungen einzog. Ich war ihm mehr als einmal auf der Treppe begegnet, wenn ich abends von einem im Club verbrachten Tag zurückkehrte. Er war ein gewöhnlicher junger Mann, kaum neunzehn Jahre alt und ohne eine Arbeit, die diesen ehrenwerten Namen verdient hätte. Die Situation, in den ich ihn und Holmes vorfand, war allerdings alles andere als gewöhnlich... Holmes saß, in einen Morgenrock gewandet, die Beine unter sich gekreuzt, auf dem Bett. Thomas stand – von der Taille abwärts entblößt, die Hose lag um seine Fußknöchel - mitten im Raum, den Rücken der Tür zugewandt.

Schreckensstarr und leichenblass fuhr Thomas herum. Und war ich bis eben noch im Unklaren über sein Hiersein, so wurde ich denn nun darüber aufgeklärt. Die Finger seiner rechten Hand lagen noch um... um sein verhärtetes Geschlecht.

In diesem Moment richtete auch Holmes seinen Blick auf mich. Seine Augen schienen sich in meine zu bohren und ich stand wie festgewurzelt da, unfähig mich zu bewegen. „Ah, darf ich vorstellen?“, durchschnitt seine ironische Stimme die Stille. „Thomas, dies ist mein lieber Freund, Doktor Watson. Watson, ich denke, Sie sind Thomas Kenning bereits begegnet.“

Ich riss meine Augen von ihm los und richtete sie auf den angstschlotternden jungen Mann.

„Ich denke, Doktor Watson wird sich als verständnisvoll erweisen, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Thomas.“ Holmes erhob sich von seinem Bett, blieb aber direkt davor stehen. „Du kannst gehen.“ Seine Worte schienen den Burschen aus seiner Schreckstarre zu lösen, denn er wirbelte herum, zerrte seine Hose hoch und schlüpfte an mir vorbei aus dem Raum. Eine Tür fiel ins Schloss, Schritte eilten die Treppe hinab und dann umgab uns wieder Stille.

Holmes trat auf mich zu und ergriff meinen Spazierstock, den ich immer noch erhoben hielt, wand ihn mir aus der Hand. Ich ließ den Arm sinken, der sich taub anfühlte.

„Ich bedauere außerordentlich, dass Sie Zeuge dieser Szene wurden“, sagte er leise. „Es schmerzt mich wirklich zutiefst, dass Sie auf diese Weise mit meiner kleinen Schwäche konfrontiert wurden, mein lieber Watson. Doch ich hoffe auf Ihr Verständnis – und Ihr Stillschweigen.“ Sein Blick... weckte Erinnerungen in mir, die ich längst vergessen glaubte. Ich fühlte mich wie im Fieber, entsetzt und angewidert zugleich wich ich zurück.

„Watson.“ Er folgte mir sogleich, griff nach meinem Arm, führte mich zu einem Sessel und versorgte mich mit einem Glas, welches ich leerte, ohne zu schmecken, was ich trank. Dann ging er vor mir in die Hocke und blickte mich an. „Ich wusste nicht, dass es Sie derart... berühren würde, Watson“, sagte er leise. „Es tut mir sehr leid.“ Als ich nichts erwiderte, erhob er sich und trat von mir weg und ans Fenster.

Bitte, John... ich... bitte verrate uns nicht. Es tut mir so leid, John, so leid...

Ich verbannte die Stimme der Vergangenheit, die hier nichts zu suchen hatte und richtete mich auf. Mein Kragen fühlte sich sehr eng an, schien mir die Luft zum Atmen abzuschnüren und ich öffnete ihn hastig. Langsam fand mein Herzschlag in einen normalen Rhythmus zurück und ich öffnete den Mund, ohne zu wissen, was ich sagen wollte. „Ist er... ist er Ihr Geliebter?“ Ich brachte die Worte kaum über die Lippen.

Holmes betrachtete mich amüsiert. „Nein. Ich bediene mich seiner gelegentlich“, erwiderte er, den Blick von mir abwendend. Und es schien mir, als würde er dies um meinetwillen tun, nicht aus Verlegenheit. „Kaum anders, wie Sie sich von Zeit zu Zeit einer der... Damen... in gewissen Etablissements widmen.“

Natürlich hatte er recht. Ich war jung und nicht aus Stein. Natürlich suchte ich gelegentlich mein Vergnügen. Doch so moralisch zweifelhaft dies sein mochte, es war nicht in einem Maße gefährlich, wie es Holmes Aktivitäten waren. „Aber das ist etwas völlig anderes“, protestierte ich.

Er sah mich an. „Wirklich?“, fragte er spöttisch. „Ich habe nicht erwartet, dass diese Neigung zum eigenen Geschlecht Ihnen als Arzt und Mann von Welt unbekannt ist.“

Wie sicher er sich damals schon meiner gewesen sein musste, wie überzeugt von meiner Diskretion, dass er so offen mit mir sprach.

„Ich habe noch nie...“ Die Lüge trieb mir das Blut heiß in die Wangen und ich verstummte, als ich das amüsierte Kräuseln um Holmes Mundwinkel erblickte.

„Mein lieber Watson, das habe ich auch nicht unterstellt.“ Sein Blick nahm mich erneut gefangen und ich fühlte mich noch immer zu schwach, ihm zu widerstehen. Die einzige Möglichkeit ihm zu entkommen war den Raum zu verlassen. Und genau dies tat ich auch.

Als ich die Türe meines Schlafzimmers hinter mir geschlossen hatte, schien meinen Körper alle Kraft zu verlassen und ich sank matt auf mein Bett. Mein Geist verließ das hier und jetzt und kehrte in die Vergangenheit zurück.

Ich sah mich selbst als sechzehnjährigen Knaben auf dem Internat. Erinnerte mich an die heimliche Faszination, die mich erregte und abstieß zugleich, als ich – in einer entfernten, abgelegenen Ecke des Parks, sorgfältig hinter einem Strauch verborgen – zufällig zwei meiner Schulkameraden beobachtete.

Ich kannte sie beide, den einen vom Sehen, den anderen mit Namen, da es sich um den älteren Bruder eines meiner Klassenkameraden handelte. Sie besuchten beide bereits die letzte Klasse und bereiteten sich auf ihren Abschluss vor. Sein Name war George Sandringham. Mit vor Erstaunen offenem Mund kauerte ich hinter einem Strauch und sah zu, wie sie sich küssten, berührten, lauschte ihren abgehakten Worten und ihrem Stöhnen. Und beobachtete schließlich, wie George, auf dem Boden kniend, von seinem Freund... bestiegen... wurde. Wie zwei Tiere... Es war zu viel für mein damals noch recht kindliches Gemüt und ich sprang auf, wobei ich natürlich einigen Lärm verursachte und die Aufmerksamkeit des Paares auf mich zog. Sie trennten sich sofort, als sie mich erblickten.

Und George, der mich erkannte, kam auf mich zu. „John. Bitte, John... ich... bitte verrate uns nicht. Es tut mir so leid, John, so leid... Warte, bitte. John!“ Ich hörte den Rest seiner flehentlichen Bitte nicht mehr, wandte mich ab und floh zurück zum Internat, wo ich direkt einem Lehrer in die Arme lief und ihm auf sein Nachfragen hin alles berichtete.

Der Verrat geschah nicht aus bösem Willen oder war mir in diesem Moment etwa bewusst. Ich war ein Kind und ich stand unter Schock. Ich wurde  zum Internatsleiter gerufen und erhielt dort unter strengster Androhung von Maßregelungen die Weisung, über das zu schweigen, was ich gesehen hatte. Ich sah die beiden nie wieder. George Sandringhams Eltern waren vermögend und einflussreich und so konnte wohl ein Skandal vertuscht werden. Allerdings verließen George und sein Bruder noch am gleichen Tag das Internat.

Viele Jahre später, während meiner Studienzeit begegnete ich Georges Bruder durch einen Zufall. Von ihm erfuhr ich schließlich, dass George damals durch den Einfluss seiner Familie in die Armee eintrat und nach Indien geschickt wurde, wo er bei einem Rebellenaufstand ums Leben kam. Sein Freund, dessen Namen ich nie erfahren habe, war noch am Tage ihrer Entdeckung von eigener Hand gestorben.

Ich hatte unwissentlich das Leben zweier vielversprechender junger Männer zerstört und sie damit in den Tod getrieben. Natürlich sprach Andrew Sandringham dies nicht aus, doch ich konnte die Anklage in seinen Augen lesen und verabschiedete mich hastig von ihm. Schuldgefühle überschatteten viele Jahre meines Lebens, bis die unerbittlich dahineilende Zeit sie langsam in Vergessenheit geraten ließ.

Und nun hatte meine Vergangenheit mich eingeholt. Es stand für mich natürlich außer Frage, Holmes‘ Ruf und damit sein Leben zu zerstören. Doch ich fragte mich, wie ich ihm jemals wieder in die Augen sehen sollte.

Als es klopfte, antwortete ich automatisch und sah erst auf, als Holmes sich räusperte.

„Ich hoffe, Sie halten meine kleine Schwäche nicht gegen mich“, sagte er und trat zu mir.

Ich fühlte mich unbehaglich unter seinem prüfenden Blick und setzte mich auf. „Natürlich nicht.“ Doch ich konnte ihn nicht ansehen, als ich dies sagte.

„Ich bin Ihnen sehr verbunden, Watson.“

Ich erwartete, dass er nun gehen würde und hob den Kopf. Er stand noch immer direkt vor mir. „Holmes...“

„Ja?“

„Ist Thomas Kenning absolut vertrauenswürdig?“, fragte ich. Ich hatte nicht geplant, diese Frage zu stellen und überraschte mich selbst mit ihr. „Sie befinden sich in seiner Gewalt. Ist es nicht sehr riskant, sich einem Mann wie ihm so völlig auszuliefern? Er könnte eines Tages auf die Idee kommen, Sie zu erpressen.“

„Vielleicht liebe ich das Risiko.“

Ich stand auf, dass Entsetzen, das ich über diese Antwort empfand, war auch in meiner Stimme zu vernehmen. „Holmes, ich weiß – und bitte fragen Sie mich jetzt nicht woher, akzeptieren Sie einfach mein Wort dafür – dass derlei... Verbindungen... durch einen simplen Zufall ans Licht kommen können. Ist es das wirklich wert?“

Holmes begegnete meinem Blick. „Mein lieber Watson“, begann er besänftigend. „Ich bin mir der Risiken durchaus bewusst. Doch bisher fand ich sie gerechtfertigt.“

„Bisher?“ Ich flüsterte das Wort nur. Er stand so dicht vor mir, dass sich unsere Körper fast berührten. „Und was hat dies geändert.“ Holmes erwiderte nichts. Er sah mich nur weiterhin an. Und ich fühlte Blut in meine Wangen steigen. „Ich versichere Ihnen... ich gebe Ihnen mein Wort...“ Er stoppte mein Stammeln mit einer Handbewegung.

„Ich wollte damit nicht andeuten, dass ich Ihnen nicht vertraue, mein lieber Watson“, meinte Holmes. „Es bezog sich darauf, dass sich mir nun Alternativen auftun, die ich vorher nicht in Betracht ziehen konnte.“

Sein Blick ließ mich innerlich zittern. Mich! Und plötzlich war es nicht Sherlock Holmes, der mich anblickte, es war George Sandringham. „Alternativen?“, wiederholte ich matt.

„Was raten Sie mir?“, fuhr er ruhig fort, ohne mir zu antworten.

„Raten? Ich?“ Was sollte ich antworten? Ich öffnete den Mund... „Sie sollten Ihren Kontakt auf eine Person beschränken, der Sie vorbehaltlos vertrauen können und die keinen Grund vorweisen könnte, aus der Beziehung Kapital durch Erpressung zu schlagen.“

Holmes schüttelte den Kopf. „Ich kenne keine solche Person“, entgegnete er.

Ich schluckte. „Sie kennen mich“, sagte ich dann. Ich erkannte meine eigene Stimme kaum.

Ein Lächeln spielte plötzlich um Holmes Lippen. „Ja, ich kenne Sie, John...“




So hatte es mit mir und Holmes begonnen. In meinem Bestreben, an ihm gutzumachen, was ich an George und seinem Freund verbrochen hatte, wollte ich ihn um jeden Preis davor bewahren, ein ähnliches Schicksal zu erleben. Zwischen uns wurde das Wort „Liebe“ nie erwähnt. Es war seine ungeahnte Leidenschaft, die mich immer tiefer in seinen Bann zog, nachdem ich sie zum ersten Mal erlebt hatte. Aus welchem Grund Holmes zustimmte, entzog sich stets meiner Kenntnis.

Ich war mit diesem Arrangement immer sehr zufrieden. Holmes war in Sicherheit, solange er mir vertraute, denn ich würde keinen zweiten Verrat begehen. Und ich genoss es, den Mann - mit all seinen Schwächen - hinter dem Meisterdetektiv zu kennen.

Doch Zufriedenheit allein, war mir nun nicht mehr genug. Ich sah eine Möglichkeit, ein Leben ohne die Gefahr der öffentlichen Bloßstellung, die Chance auf ein Leben mit einem Menschen, der mich liebte. Und den ich lieben konnte.

In den Unterlagen über den Sholto-Fall fand ich die Adresse der Forresters. Ich kehrte damit an meinen Schreibtisch zurück und schrieb einen Brief an Mary Morstan, in dem ich um ein Wiedersehen bat.

Ich kleidete mich an, um ihn aufzugeben, als Holmes zurückkehrte. Sein Blick streifte den Umschlag in meiner Hand, die gut sichtbare Anschrift.

Er nickte einmal, als hätte er mir eine Frage gestellt und ich sie beantwortet, dann ging er an mir vorbei in sein Schlafzimmer.



Ende

 

Titel: Gentlemen‘s Agreement
Autor: LadyCharena (2002)
Fandom: Sherlock Holmes
Episode: The Sign of Four (1988)
Charaktere: Sherlock Holmes, John Watson
Pairing: Holmes/Watson, später: Watson/Mary Morstan
Rating: ab 18 slash/het
Worte: 2423
Beta: T’Len


Summe: Mary Morstan verändert das Leben der beiden Männer einschneidend.
Zweiter Teil eines dreiteiligen Story – Arcs.

Anmerkung: Geschrieben unter dem Einfluss der Granada Verfilmungen mit Jeremy Brett als Sherlock Holmes und David Burke als John Watson, Anfang der 1980er.

Disclaimer: Sherlock Holmes, Doktor Watson, Emma Hudson und Detective Lestrade stammen aus der Feder Sir Arthur Conan Doyle. Eine Verwendung in dieser Story erfolgt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen, noch Inhaberrechte zu verletzen.



Aus dem privaten Tagebuch des John H. Watson, M.D.


Als ich nach einem heiteren Abend mit Mary - wir besuchten zunächst ein vielgepriesenes Theaterstück im East End und unterhielten uns hinterher angeregt bei einem ausgezeichneten Dinner bei Marcini’s - beschwingt in die Baker Street zurückkehrte, fiel mir zuerst der dichte Qualm auf, der den Hauptwohnraum füllte. Wäre ich nicht mit den Lebensgewohnheiten meines Freundes und Mitbewohners bestens vertraut gewesen, hätte ich fast vermuten müssen, es wäre ein Brand ausgebrochen. Doch so hielt ich mir nur ein Ende meines Schals vor den Mund und kämpfte mich durch die grauen Rauchschwaden zum Fenster. Ich öffnete es und sog gierig die frische Nachtluft ein.

"Meine Güte, Holmes! Man kann die Luft ja mit Messern schneiden", beklagte ich mich gutgelaunt. "Es entzieht sich völlig meinem Verständnis, wie du es hier aushältst."

Ich wandte mich ab und sah zu meinem Erstaunen, dass er sich überhaupt nicht im Raum befand. Auf der Ottomane lag einsam und verlassen die Shagpfeife. Als ich sie berührte, war ihr Kopf erkaltet - was bedeutete, dass sie bereits vor längerer Zeit erloschen sein musste. Vielleicht war Holmes mitten aus seinen Überlegungen weggerufen worden, denn für gewöhnlich bedeuteten derartige Rauchschwaden, dass er über einem schwerwiegenden Problem brütete.

Ich beschloss, mich zur Ruhe zu begeben und einen angenehmen Tag mit den bezaubernden Erinnerungen an Mary zu Ende zu gehen zu lassen.

Als ich an Holmes Schlafzimmer vorbeikam, glaubte ich dahinter ein schwaches Geräusch auszumachen. Ich blieb stehen und lauschte - doch nun vernahm ich nichts mehr. Zögernd hob ich die Hand und klopfte, für den Fall, dass Holmes sich in dem Raum befand, doch es kam keine Antwort. Als auch weiterhin nichts zu hören war, begab ich mich in mein eigenes Schlafzimmer. Offensichtlich war ich einer Täuschung erlegen.


* * *


Bis zum nächsten Morgen hatte ich diese kleine Episode bereits vergessen.

Ein herzhaftes Frühstück wartete im Wohnraum auf mich, als ich aus meinem Schlafzimmer trat und mir stieg bereits an der Tür der betörende Duft von Mrs. Hudsons unvergleichlichem Rührei in die Nase.

Ich hatte mich bereits reichlich damit versorgt, als ich hörte, wie sich die Tür zu Holmes Schlafzimmer öffnete. Ohne aufzusehen, rief ich: "Ist das nicht ein prachtvoller Morgen?"

Erst, als keine Antwort kam, wandte ich den Kopf nach ihm. Holmes bot einen erschreckenden Anblick. Sein ohnehin meist blasses Gesicht hatte jede Farbe verloren. Dafür zierte eine große, blaurote Beule seine Stirn direkt über der rechten Augenbraue.

Ich sprang auf. "Welches Unglück ist dir zugestoßen? Ein Überfall?", fragte ich, während ich auf ihn zueilte.

"Nein", erwiderte Holmes wortkarg, als ich seinen Kopf mehr ins Licht wandte, um die Beule genauer zu betrachten. "Ein... Unfall."

„Ein Unfall?“ Ich dirigierte ihn zu einem Sessel am Fenster. „Setz’ dich hierher. Ins Licht. Ich hole meine Arzttasche.“ Als ich zurückkehrte, sah ich, wie Holmes die Hand senkte, er hatte die Beule vorsichtig betastet. „Nun?“ Ich nahm ein Stück Gaze, träufelte eine Lösung darauf, welche die Schwellung zurückgehen lassen würde.

Holmes zuckte leicht zusammen, als ich die Gaze sanft auf die Beule drückte. „Eine bedeutungslose Ungeschicklichkeit.“

„Ungeschicklichkeit?“ Ich befestigte das Stück Gaze an seiner Stirn. Dann griff ich nach seinem Handgelenk, um den Puls zu ertasten, doch Holmes riss seine Hand zurück.

„Eine sehr unhöfliche Form der Befragung, Watson, immer meine letzten Worte zu wiederholen“, meinte Holmes ironisch.

„Ich bin kein Polizist, ich bin Arzt“, entgegnete ich. „Dürfte ich nun die Ursache dieser Beule erfahren?“

„Die Ursache, mein lieber Watson, ist ein Sturz gegen die Kante der Feuerstelle in meinem Schlafzimmer.“ Er entzog mir ruckartig den Kopf, obwohl ich gerade seine Stirn um die Beule herum abtastete.

„Und die Ursache für den Sturz?“ Meine Stimme klang schärfer, als beabsichtigt, doch allmählich wurde ich seiner Ausflüchte leid.

„Eine Ungeschicklichkeit.“ Holmes erhob sich und trat zum Frühstückstisch. Offenbar war für ihn damit die Behandlung beendet.

Nach einem Moment folgte ich ihm. Ich war mit seinen Auskünften weniger als zufrieden, doch ich beharrte nicht auf Antworten, die ich letztlich doch nicht erhalten würde. Stattdessen beschränkte ich mich darauf, meinen Freund zu beobachten. Holmes aß wenig: eine Scheibe Toast, etwas Ei. Dafür trank er in rascher Folge einige Tassen des starken, heißen Tees, während er die Morgenzeitungen durchsah.

Schließlich beendete ich mein Frühstück. „Ein neuer Fall?“, erkundigte ich mich neugierig.

„Nein.“ Holmes sah nicht auf.

„Oh.“ Ich schwieg verblüfft. „Dann warst du gestern aus?“

Er hielt für einen Moment mit Blättern inne. „Ich habe das Haus nicht verlassen“, sagte er dann. Seine Stimme klang belegt.

„Ich habe geklopft, als ich vom Theater zurückkam. Es ist möglich, dass du bereits geschlafen hast, da ich keine Antwort erhielt.“ Ich griff nach einer der Morgenzeitungen, die Holmes bereits durchgesehen und auf den Boden geworfen hatte.

„Korrigiere mich, wenn ich mich irre, Watson – aber die Vorstellung endete um 19.30 Uhr.“ Seine grauen Augen funkelten mich spöttisch über den Rand seiner Zeitung hinweg an.

„Wir haben natürlich nach der Vorstellung diniert. Bei Macini’s.“ Ich hatte das Gefühl, mich verteidigen zu müssen.

„Natürlich“, kam es ätzend von Holmes. Er warf die Zeitung weg, stand auf und deutete eine Verbeugung an. „Wenn Sie mich bitte entschuldigen möchten, Doktor Watson.“ Mit diesen förmlichen Worten wandte er sich ab und verließ den Raum.

Ich blickte ihm verblüfft nach. Meine wachsende Verbindung zu Mary Morstan konnte doch nicht der Grund für sein rätselhaftes Verhalten sein. Solcher Art war die Beziehung zwischen mir und Holmes nicht. Sie war... es handelte sich lediglich um ein eher profanes Übereinkommen zwischen zwei Gentlemen. Den Detektiv Holmes zu beschreiben, ist bereits schwierig genug – den Liebhaber Holmes zu beschreiben ist jedoch unmöglich. Diese meine Faszination schützte Holmes vor Entdeckung, erhielt mir somit seine einzigartige Freundschaft und verschaffte mir auf relativ sichere Weise den Nervenkitzel eine „verbotene Beziehung“ zu führen. Doch uns verbanden keinerlei romantische Gefühle. Ich war stets überzeugt, dass Holmes genauso empfand.

Mary Morstan dagegen weckte in mir die leidenschaftlichsten, romantischten Gefühle, wie ich sie seit ersten Tagen meiner schwärmerischen Jugend nicht mehr empfunden hatte.

Ich legte meine Zeitung ab und versank in Gedanken, während Mrs. Hudson heraufkam, um das Frühstücksgeschirr abzuräumen. Kaum hatte sie mich erneut allein gelassen, als ich den Entschluss fasste, eine Konfrontation mit Holmes herbeizuführen und die Fronten zwischen uns zu klären. Als sein Freund, Partner und Arzt würde mir sicherlich eine dieser drei Positionen erlauben, eine Stellungnahme von ihm zu verlangen.

Ich klopfte an die Tür seines Schlafzimmers, doch es kam keine Antwort. Doch anstatt mich höflich abzuwenden – und ich wusste ja, dass er das Haus nicht verlassen hatte – öffnete ich und trat ein. Die Vorhänge waren trotz der späten Stunde zugezogen und der Raum mit einem matten Dämmerlicht erfüllt.

Holmes lag – noch im Morgenrock – auf seinem Bett, einen Arm über seine Augen gelegt. An seinem rechten Arm war der Ärmel des Rocks hochgeschoben und über dem Ellbogen eine Aderpresse angelegt. Die Kokainspritze glitzerte daneben auf dem Bett. Ich sah die Male, welche die Nadel hinterlassen hatte. Sie zogen sich vom Handgelenk – kein Wunder also, dass er mir verweigerte, seinen Puls dort zu messen – bis hoch zur Beuge des Ellenbogens. Kokain. Ich hatte gehofft, er wäre von diesem Übel kuriert, seit er sich vor etwa einem Jahr eine Überdosis injizierte und ich gerade noch rechtzeitig eintraf, um ihn am Leben zu erhalten. Man sollte nicht denken, dass ein Mann von solcher Intelligenz, wie es Holmes war, keine Lehren daraus zog. Ich fühlte heißen Ärger in mir aufwallen. „Holmes!“, sagte ich scharf.

Langsam nahm er den Arm vom Gesicht, setzte sich auf. Seine langen Finger zitterten kaum, als er die Aderpresse löste und seinen Ärmel glatt strich. „Zu Diensten“, meinte er ironisch und legte die Spitze in ihr Etui zurück, dass sich auf dem Nachttisch befand.

„Kokain um diese Tageszeit? Hast du den Verstand verloren?“ Ich machte keinen Versuch, meine Rage zu verhehlen.

Ich hatte ihm ausführlich davon berichtet, was die Drogensucht einem Menschen antat – bei Gott, eines Tages brachte ich ihn sogar so weit, ein Sanatorium mit mir zu besuchen, in dem er mit eigenen Augen die Wracks sehen konnte, die aus Drogensüchtigen geworden waren. Ich hatte gehofft, es hätte ihm gezeigt, was die Droge ihm körperlich – und geistig – antat. Und über die folgenden Monate hatte ich geglaubt, Erfolg verzeichnen zu können. Möge der Himmel und all seine Engel verhüten, dass die Welt je von dieser Schwäche des großen Detektivs Sherlock Holmes erfahre...

Ich erhielt keine Antwort. Holmes blieb auf dem Bett sitzen und sah mich an, das Unverständnis in Person. Dann zuckte er geringschätzig mit den Schultern. Doch das es ihm nicht gutging, war ihm klar anzusehen. Ein dünner Schweißfilm stand auf seiner Stirn und sein Haar fiel ihm lose und wirr ins Gesicht und verdeckte die Beule unter ihrem Gazeverband. Auf seinen blassen Wangen brannten hektisch rote Flecken, als befände er sich im Fieber. Und seine Finger zitterten stärker als zuvor, mochte er sie auch im Schoss ineinander verkrampfen.

Er senkte den Kopf, als er meinem Blick nicht länger begegnen konnte. Tiefe Sorge erfüllte mich, verbannte den Ärger aus mir. Ich trat zu ihm, um mich neben ihm auf dem Bett niederzulassen – doch besann mich anders und kniete vor ihn. Ich ergriff seine Hände, löste sie sanft voneinander und hielt ihn fest. „Holmes, mein lieber Holmes. Das Kokain ist sicherlich keine Lösung, für welches Problem auch immer. Vielleicht wird es helfen, wenn du dich mir anvertraust.“

Ich wusste sehr wohl, wie gewagt es war, dies von ihm zu fordern, nachdem ich ihn seit einigen Wochen über mein Glück mit Mary Morstan sträflich vernachlässigt hatte. Doch baute ich fest auf die Freundschaft, die uns verband.

Seine Finger schlossen sich fest um meine und er stand abrupt auf und zog mich mit sich auf die Beine. In seinen Augen funkelte es fiebrig.

„Ich vertraue keiner lebenden Seele“, flüsterte er.

Ich wusste, dass es albern war, sich ob seiner Worte gekränkt zu fühlen – immerhin war Holmes im Augenblick nicht Herr seiner Sinne. Die Droge sprach aus ihm. „Ich rühmte mich stets des Gedankens, dein Vertrauen zu besitzen“, erwiderte ich trotzdem.

Seine Finger glitten unter mein Kinn, hoben meinen Kopf an, als wolle er mich deutlicher betrachten. Holmes lächelte bitter. Dann beugte er sich abrupt vor und presste seine Lippen auf meine. Es lag keine Zärtlichkeit in dieser Berührung – und zum ersten Mal begann ich zu fürchten, dass ich dieser Beziehung nicht mehr länger gewachsen sein würde.

Was er von mir forderte – und was ich vorher stets bereit gewesen war, zu geben – schien mir plötzlich zu viel, dieser unpersönliche Akt unerträglich. Die empfundene Furcht lähmte mich, erstickte jede Erregung im Keim, die er sonst in mir zu wecken vermochte.

Holmes entging dies offensichtlich zur Gänze. Er störte sich nicht an meinem Mangel an Erwiderung, sondern drang heftig mit der Zunge in meine Mundhöhle ein. Kurz bevor ich glaubte, unter seinem Angriff zu ersticken, ließ er abrupt von mir ab und wich einen Schritt zurück. Dies brachte ihn in unmittelbare Nähe des Bettes und er ließ sich darauf sinken.

Als er mit fliegenden Händen seinen Morgenrock und das Nachthemd abstreifte, drehte ich mich um, trat zur Tür und verschloss sie, damit wir von unvorhergesehenen Störungen verschont bleiben würden. Ich fragte mich, ob nur die Droge oder noch ich für seinen erregten Zustand verantwortlich zeichnete...

Dann legte ich meine Kleidung säuberlich ab und nahm einen Behälter mit einer speziellen Creme aus der Schublade des Nachttischs, bevor ich mich neben Holmes niederließ. Ich wusste, dass er sich in einem Zustand befand, in der er dem keinen Gedanken geschenkt hätte.

Er hatte mich die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen. Er zog mich sofort an sich, seine Hände irrten über meinen Körper, als suche er nach etwas. Ich ließ ihn einen Moment gewähren, drückte ihn dann sanft zurück. Zu meiner Überraschung machte er keine Bewegung zur Gegenwehr, sondern streckte sich auf dem Bett aus, wieder einen Arm über die Augen gelegt.

Ich nahm die Creme, verteilte reichlich auf meinen Handflächen und bedeckte dann Holmes steifes Geschlecht damit. Er zuckte und wimmerte unter meiner Berührung, sein Atem klang irregulär und sehr laut.

Es ließ mich seltsam unberührt und noch immer empfand ich keine Erregung. Ich bereitete mich selbst vor und streckte mich dann auf dem Bauch auf dem Bett aus. Holmes wich erwartungsvoll an die Wand zurück, um mir Platz zu machen.

Seine Hände glitten über meinen Rücken, ich spürte seinen Mund auf meiner Haut, dann in meinem Nacken, als er sich über mich schob. Seine Finger berührten meine intimste Stelle und ich hielt unwillkürlich den Atem an, als er in mich einbrach.

Als er den Finger bewegte, musste ich mich dazu zwingen, mich zu entspannen, um ihm keinen Widerstand entgegen zu setzen. Ich wusste, dass er im Moment nicht bemerken würde, sollte er mir Schmerzen bereiten – wie unbeabsichtigt auch immer. Trotzdem fiel es mir dieses Mal sehr schwer.

Dann spürte ich, wie Holmes die Finger zurück zog und etwas Hartes, Feuchtes, gegen die Öffnung zu meinem Körper presste. Ich stützte mich auf die Handflächen auf – und hob mein Becken an, so dass er in mich eindrang. Ich wollte das ganze so rasch wie möglich hinter mich bringen. Holmes erstarrte sekundenlang über mir. Dann glitt seine rechte Hand von meiner Hüfte und unter meinen Körper, mein schlaffes Geschlecht berührend. „John“, flüsterte er.

Ich erwiderte nichts – es gab nichts zu sagen und bewegte statt dessen meine Hüften. Wie ich erwartet hatte, lenkte ihn dies ab. Er begann sich in mich zu bewegen und erreichte bald den Höhepunkt. Kaum war es vorbei, glitt er von mir.

Wie immer unterdrückte ich einen Anflug von Scham und Ekel, bevor ich mich auf die Seite rollte und aufstand. Holmes rührte sich nicht. Er lag da, die lange, sehnige Gestalt ausgestreckt, den Kopf von mir ab und zur Wand hingewandt. Einen Moment hatte ich den Eindruck, als würde er... nein... Tränen? Nein, eine Täuschung. Er rührte sich auch nicht, als ich seinen Morgenrock überstreifte, die Zimmertür öffnete und ins Badezimmer eilte, um mich zu waschen.



Ende

 

 

Titel: In guten wie in schlechten Zeiten
Autor: LadyCharena (2002)
Fandom: Sherlock Holmes
Episode: The Sign of Four (1988)
Charaktere: Sherlock Holmes, John Watson
Pairing: Holmes/Watson, später: Watson/Mary Morstan
Rating: ab 18 slash/het
Worte: 5912
Beta: T’Len


Summe: Mary Morstan verändert das Leben der beiden Männer einschneidend.
Dritter (und damit letzter) Teil eines dreiteiligen Story – Arcs.

Anmerkung: Geschrieben unter dem Einfluss der Granada Verfilmungen mit Jeremy Brett als Sherlock Holmes und David Burke als John Watson, Anfang der 1980er.

Disclaimer: Sherlock Holmes, Doktor Watson, Emma Hudson und Detective Lestrade stammen aus der Feder Sir Arthur Conan Doyle. Eine Verwendung in dieser Story erfolgt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen, noch Inhaberrechte zu verletzen.



Aus dem privaten Tagebuch des John H. Watson, M.D.


Keine Reaktion. Ich wusste nicht, was ich in diesem Moment von ihm erwartet hatte - eine zynische Bemerkung höchstwahrscheinlich. Nicht jedoch diese absolute, schweigende Gleichgültigkeit. Holmes blickte nicht einmal von der Morgenzeitung auf.

Tagelang hatte ich darüber gegrübelt, nächtelang kaum ein Auge zugetan, um einen angemessenen Weg zu finden, meinem Freund mitzuteilen, dass ich die Bakerstreet verlassen würde und dass ich Mary Morstan gebeten hatte, meine Frau zu werden. Und Mary - meine liebste, angebetete Mary - willigte ein.

Mrs. Forrester, die Mary fast wie eine Tochter liebgewonnen hatte, war die Erste gewesen, uns Glück zu wünschen. Wenngleich auch mit etwas Trauer, da Mary ihre Stellung bei der Familie Forrester nach der Heirat natürlich aufgeben würde, um unseren gemeinsamen Haushalt zu führen. Zudem hatte ich beschlossen, meine Teilhaberschaft an der Praxis eines Kollegen niederzulegen und eine eigene Praxis zu eröffnen. Auch ein geeignetes Haus, das genügend Platz für Hausstand und Praxis bot (und dessen Erwerb meine Börse gestattete) hatte ich gefunden. In einer Woche würde ich den mir verbindlich zugesagten Kaufvertrag unterzeichnen können.

Ich räusperte mich. "Dann werde ich die Neuigkeiten jetzt Mrs. Hudson mitteilen", sagte ich.

"Natürlich." Es war das erste Wort, abgesehen von einem gemurmelten Gruß, das Holmes an diesem Morgen sprach.

Als ich mich von ihm abwandte, hörte ich das Rascheln der Zeitung, die zusammengefaltet wurde. Und als ich die Tür öffnete, erklangen Schritte. Ich warf einen Blick über die Schulter zurück, in Erwartung, er wäre mir vielleicht gefolgt (welchem Impuls diese Hoffnung zugrunde lag, entzog sich meiner Kenntnis). Doch stattdessen sah ich Holmes zum Schreibtisch treten. Seine Hand glitt zu der Schublade, in welcher er das Kokain und die Spritze aufbewahrte.

Ich erstarrte an der Tür. Seit Holmes vor einigen Tagen im Drogenrausch stürzte und sich die Stirn an eine Kante des Kamins in seinem Schlafzimmer anschlug - er war sogar für kurze Zeit besinnungslos gewesen, wie ich nach zähem Nachforschen herausfand - war in mir wieder einmal die Hoffnung erwacht, er habe die zerstörerische Wirkung des Kokains endlich erkannt.

Doch anstatt die Schublade zu öffnen, zog er langsam die Hand zurück. Er sah mich an - sich meines Blickes und wohl auch meiner Gedanken voll bewusst - und verbeugte sich mit einer höhnischen Grimasse. Dann wandte er sich ab und trat zum Fenster.

Ich verließ den Raum mit sorgenvollem Herzen.


* * *


Mrs. Hudsons Reaktion war in gewissem Sinne beruhigend. Nach einem Moment des Erstaunens umarmte sie mich freudig, gleichzeitig einige Tränen aufgrund meines baldigen Auszuges vergießend. Bewegt bat sie mich, Platz zu nehmen und stellte bei einer Tasse Tee allerlei Fragen, über die Hochzeit, das neue Haus und Mary, die sie ja nur während ihres ersten, kurzen Besuches in der Bakerstreet gesehen hatte. Ich erteilte ihr diese Auskünfte gerne, fühlte ich doch ohnehin das starke Verlangen, meine Vorfreude und Zuversicht mit jemandem zu teilen.

Ein Blick auf die Uhr erinnerte mich schließlich an meine Pflichten. Ich musste mich sputen, da ich noch eine Reihe von Konsultationen wahrzunehmen hatte. Mich bei Mrs. Hudson entschuldigend, wollte ich mich eben verabschieden, als sie mich zurückhielt.

"Aber was wird aus Mr. Holmes, Dr. Watson?", fragte die gute Seele leise. Ihre weisen Augen schienen mir noch eine zweite Botschaft mitzuteilen: nämlich die, dass sie stets über die Beziehung zwischen Holmes und mir - die über Freundschaft hinausging - im Bilde gewesen war. Natürlich. Wer, wenn nicht sie, die unsere Wäsche besorgte und die Betten machte. Bis zu diesem Moment war mir nur nie der Gedanke gekommen... Ich erblasste.

Mrs. Hudson lächelte - beruhigend, wie mir schien. "Verzeihen Sie mir, wenn ich mir diese Freiheit herausnehme. Aber betrachten Sie es als die ehrliche Sorge einer Frau, der ihre Hausgäste ans Herz gewachsen sind." Sie zögerte einen Moment. "Ihre... Freundschaft hat Mr. Holmes sehr gut getan, Dr. Watson. Er achtet mehr auf seine Gesundheit, seit Sie ihn ermahnen, vernünftig zu essen und zu schlafen. Doch über dieses Äußere hinaus habe ich bemerkt, wie viel ruhiger er geworden ist. Ich will Ihnen gerne ein Geständnis machen, Dr. Watson."

Sie sah mich an. "Als Mr. Holmes wegen der Räume vorsprach, fühlte ich zunächst tatsächlich Erleichterung, als er mir mitteilte, sie alleine nicht beziehen zu wollen. Ich war mir sehr unsicher, ob ich mit diesem arroganten, kalten Menschen unter einem Dach leben konnte. Später erkannte ich dann, dass dieses Verhalten einem Schutzmantel gleichkommt - wie ein Igel, der seine Stacheln aufstellt, so ihm niemand zu nahe kommen vermag. Ich habe ihn Schritt für Schritt seine Stacheln ablegen sehen, wenn Sie mir diese Metapher zugestehen - in gleichem Maße, wie ihre Freundschaft wuchs." Wieder stand Sorge in ihren Augen. "Was wird nun geschehen, wenn Sie ihn verlassen?"

Verlegenheit rang in mir mit Ärger, ob ihres - möglicherweise unbeabsichtigten - Vorwurfs. Ich hatte das Recht, mein eigenes Leben zu führen, wie ich es beliebte, ohne auf Holmes Exzentritäten länger Rücksicht nehmen zu müssen. Und gleichsam wusste ich, dass Mrs. Hudson nur Zweifel aussprach, die auch in mir bereits erwachsen waren. Trotzdem antwortete ich mit aller Vernunft: "Mrs. Hudson - ich weiß Ihre Sorge sehr zu schätzen, aber Mr. Holmes ist ein erwachsener Mann. Es ist zu viel der Freundlichkeit, die Sie mir anrechnen, solchen Einfluss auf ihn genommen zu haben." Ich erhob mich, um zu unterstreichen, dass ich nun wirklich nicht länger verharren konnte. "Ich bitte Sie, mich zu entschuldigen, Mrs. Hudson. Meine Patienten warten auf mich."


* * *


Als ich vom Bett einer schwerkranken Frau zurückkehrte, für die ich hatte nicht mehr tun können, als ihre Schmerzen zu lindern, war ich sehr erschöpft. Es war bereits nach achtzehn Uhr, als ich die Treppe zu unseren Räumen erklomm. Mrs. Hudson hatte mich an der Haustüre abgefangen und mich darüber informiert, dass Holmes ausgegangen war und ob ich das Abendessen einzunehmen wünschte. Sie machte keinen Versuch, auf unser Gespräch vom Vormittag zurück zu kommen und auch ich schwieg darüber. Also bat ich sie, mir in einer halben Stunde das Supper zu servieren.

Um mich zu regenerieren, überließ ich mich der wohltuenden Behaglichkeit eines heißen Bades – und schlief ein.

Erst das abkühlende Wasser riss mich aus meinem Schlummer und ich trocknete mich hastig ab und schlüpfte in meine Kleider.

All zu lange konnte ich nicht in Morpheus Armen gelegen haben, denn die appetitlich duftenden Speisen auf dem sorgfältig gedeckten Tisch waren noch mehr als ausreichend erwärmt. Ich hatte gerade begonnen zu essen, als Holmes zurückkehrte. Er nickte mir grüßend zu und ließ sich dann in dem Sessel nieder, der dem Feuer am nächsten stand, als wäre ihm kalt.

„Möchtest du dich nicht zu mir gesellen? Mrs. Hudson hat wie üblich genügend für zwei Personen heraufgebracht“, schlug ich vor, um das unangenehme Schweigen zu brechen.

Holmes musterte mich einen Moment, wie er manchmal ein Gemälde betrachtete – die Stirn leicht gerunzelt, die Augen halb geschlossen, als präge er sich gut ein, was er sähe. Ich begann mich unbehaglich zu fühlen und räusperte mich. Und dieses Geräusch schien ihn aus seiner Betrachtung zu reißen.

„Ich danke, aber nein“, sagte Holmes. „Ich habe bereits vor meiner Rückkehr in die Bakerstreet einen Imbiss zu mir genommen.“

Zu meiner Überraschung erhob er sich jedoch und ließ sich bei mir am Tisch nieder. Er bedeutete mir, weiter zu essen. Erst als ich meine Mahlzeit beendet hatte, stellte er mir eine Frage. Eine, mit der ich nicht gerechnet hatte.

„Wann findet die Hochzeit statt?“, erkundigte sich Holmes und lehnte sich zurück, die Arme vor der Brust verschränkt. Er sah mich unverwandt an.

„Ich... äh...“ Einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte. „Wir werden in drei Wochen - am ersten März - heiraten“, brachte ich schließlich hervor. Es war die erste Gelegenheit, die er mir bot, über meine Beziehung zu Mary mit ihm zu sprechen.

Holmes Blick glitt von mir und zum Fenster. „Und wann wirst du ausziehen?“

„Einen Tag zuvor.“

Holmes nickte, als bestätige ich nur, was er ohnehin schon wisse. Er sah mich noch immer nicht an. „Du hast dich also entschieden, mit Miss Morstan...“, er stoppte. „Du liebst sie?“ Seine Stimme klang noch immer völlig kühl und sachlich.

„Ja“, erwiderte ich nach einem Moment und hörte mit Erstaunen, wie widerwillig meine Stimme klang. Ich schob es auf meine Verlegenheit. „Ich bin überrascht, dass du es ansprichst... die letzten Wochen... du hast mir keine Gelegenheit geboten, mit dir zu sprechen. Ich hätte dich über meine Entscheidung informiert. Ich hatte niemals die Absicht, hinter deinem Rücken zu handeln.“

„Ich verstehe“, entgegnete Holmes.

Leider tat ich das nicht. Ich öffnete den Mund, um ihn zu fragen...

„Du bist mir keinerlei Rechenschaft schuldig, John.“

Ich blickte zu Boden. Selten nannte er mich außerhalb des Schlafzimmers bei meinem Vornahmen.

Als schließlich das Schweigen unerträglich wurde, stellte ich die erste Frage, die mir in den Sinn kam. „Woher weißt du von meiner Hochzeit und dem Auszug, da ich noch nicht mit dir gesprochen habe?“

„Mrs. Hudson sprach mich heute Mittag darauf an.“ Holmes klang abwesend. „Sie ist sehr betrübt darüber, dich als Hausgast zu verlieren.“

„Und du? Empfindest du nichts bei meinem Weggang?“ Ich weiß nicht, wie ich plötzlich auf die Idee kam, diese Worte auszusprechen. Nicht einmal gedacht hatte ich sie zuvor.

Holmes sah mich lange schweigend an. Dann richtete er den Blick wieder auf das Fenster. „Ich bin kein sentimentaler Mensch, Watson.“

„Wie... wirst du zurecht kommen? Wirst du alte Bekanntschaften erneuern?“

Einen Moment lang sah er mich an, als würde er nicht verstehen, von was ich sprach. Ein Schatten glitt über seine scharfgeschnittenen Züge, verdunkelte die grauen Augen. Dann blickte er auf den Boden, betrachtete mit einem Stirnrunzeln seine Schuhe. „Möglicherweise werde ich das tun. Nichts, um was du dich noch bekümmern müsstest.“

„Ich flehe dich an, vorsichtig zu sein.“ Mein Blick glitt zum Schreibtisch und der Schublade mit dem Kokain.

Holmes folgte offenbar meinem Blick, denn ich hörte ihn leise lachen. „Ein Laster musst du mir schon noch gestatten, Watson.“

Ich sah ihn an. „Ich wünschte nur, es wäre eines, das weniger Gefahren in sich birgt.“

Holmes zuckte geringschätzig mit den Schultern. „Das ganze Leben birgt Gefahren in sich.“ Dann erhob er sich. „Ich werde mich zu Bett begeben.“

Ich schluckte, befeuchtete meine trockenen Lippen. „Wünschst du, dass ich... dass ich dich begleite?“

„Unter den gegebenen Umständen... wäre es nicht pietätlos, dies von dir zu fordern?“

Ein selten gesehener, harter Zug lag um Holmes Mund. Hatte ich ihn etwa verletzt? War ich durch seine Stacheln gedrungen – um die gleiche Metapher zu verwenden, wie Mrs. Hudson.

„Wünschst du es?“, wiederholte ich.

„Nein“, sagte Holmes. Er wandte sich ab und ging zur Tür.

In mir rangen Enttäuschung und Erleichterung um Vorherrschaft. Enttäuschung? Wieso?

An der Tür wandte er sich noch einmal zu mir um. „Ich möchte dich um etwas bitten“, meinte Holmes. Seine Stimme klang belegt und er räusperte sich, bevor er fortfuhr.

Ich hielt den Atem an, mein Puls beschleunigte sich unwillkürlich.

„Wirst du die letzte Nacht vor deiner Heirat hier in der Bakerstreet verbringen? Bei mir?“ Holmes Augen hielten meine fest. Als ich den Mund öffnete, hob er die Hand, wie um meinen Protest zu stoppen. „In allen Ehren natürlich und zum Angedenken an unsere Freundschaft.“

„Natürlich“, entgegnete ich. „Aber wieso Angedenken, Holmes? Dieses Wort klingt zu sehr nach ewigem Abschied. Wir werden weiterhin Freunde sein.“

In seinen Mundwinkeln zuckte es spöttisch. „Werden wir?“

„Natürlich“, entgegnete ich im Brustton der Überzeugung. „Wie wir es einstmals waren.“

„Ich hoffe, du behältst recht.“ Holmes lächelte. „Gute Nacht, John.“

„Gute Nacht.“ Ich sah ihm nach, als er den Raum verließ. Lange saß ich noch da, in seltsame Gedanken versunken, bevor ich mich schließlich dazu aufraffte und seinem Beispiel folgte.


* * *


Zwei Tage später erhielt ich nach dem Frühstück ein eiliges Telegramm, das mich in das Büro von Shark & Lensham bestellte. Mr. Lensham war der Nachlassverwalter einer Erbengemeinschaft, die das Haus verkaufen wollte, das ich als Heim und Praxis zu erwerben trachtete.

Der Kanzleischreiber empfing mich und brachte mich sofort in das Büro von Mr. Lensham.

Nachdem den Förmlichkeiten Genüge getan worden war, kam der Anwalt ohne weiteres auf den Grund seines Telegramms zu sprechen. „Ich bedauere, Ihnen diese Mitteilung machen zu müssen – und es ist mir ausgesprochen unangenehm, meine Zusage nicht einhalten zu können – doch den Erben von Dr. Withesaw ist ein neues Angebot zugegangen, welches das Ihre leider bei weitem übersteigt, Dr. Watson. Ich bin angewiesen worden, den Vorvertrag, der zwischen meiner Kanzlei und Ihnen geschlossen wurde, zu lösen.“

Es war ein schwerer Schlag für mich. Meine Pläne für unseren gemeinsamen Hausstand zerfielen zu Staub. Ich trug die schlechte Nachricht mit einiger – äußerlicher – Fassung. „Ist... ist zu erfahren, um wie viel das Angebot das meinige übersteigt?“, fragte ich.

„Natürlich.“ Mr. Lensham blätterte in seinen Unterlagen. „Um 200 Pfund.“

Ein Vermögen. Die Hoffnung, mein Angebot noch etwas aufzustocken, zerbarst. Ich stand in Verhandlungen mit meiner Bank und hätte für den Kauf des Hauses bereits zum früheren Preis eine Hypothek aufnehmen müssen.

Mehr zu zahlen – und dann noch eine solche gewaltige Summe – war mir unmöglich. „Wer hat das Haus erworben?“

Mr. Lensham bedauerte, doch er wusste den Namen des Käufers nicht. Ein Anwalt war an die Erben von Dr. Withesaw herangetreten und hatte im Auftrag seines Klienten, der ungenannt bleiben wollte, ein derart hohes Angebot unterbreitet.

Ich verabschiedete mich von ihm, ohne seinen Beteuerungen, wie entsetzlich leid es ihm tue, viel Gehör zu schenken. Er würde sich selbstverständlich nach einem anderen, geeigneten Haus für mich umsehen, sollte ich seine Kanzlei damit beauftragen. Natürlich gab ich ihm den Auftrag, denn es war nicht seine Schuld, wenn ich auch nach Abschluss des Vorvertrages fest mit der Zusage gerechnet hatte. Allerdings würde es wohl schwerfallen, wieder ein Haus zu finden, welches so perfekt für meine Zwecke zugeschnitten war, wie dieses. Es hatte nämlich lange Jahre eine Tierarzt-Praxis beherbergt, bis Dr. Withesaw in den Ruhestand ging und seine Praxisräume an eine Hutmacherin vermietete. Als nun der alte Tierarzt starb, kündigten die Erben der Hutmacherin und gaben das Haus zum Verkauf frei.

Auf dem Weg zurück in die Bakerstreet machte ich am nächsten Postamt halt und sandte ein Telegramm an Mary, um sie um ein Treffen an ihrem nächsten freien Abend zu bitten.


* * *


Holmes saß noch beim Frühstück, als ich in unsere Räume zurückkehrte. „Kein strahlender Morgen, wie ich sehe, Watson.“ Er ließ die Zeitung sinken.

In knappen Worten, die meinen Ärger kaum verhehlten, setzte ich ihn über die neue Situation in Kenntnis, fand ihn jedoch wenig interessiert. Er riet mir, die Erbengemeinschaft von Dr. Withesaw um den Namen des Käufers zu bitten.

Da es sich hierbei offenbar um jemanden mit sehr viel Geld und bei dem Haus nun wirklich nicht um ein tatsächlich wertvolles Gebäude handelte, mochte er dazu zu bewegen sein, zu meinen Gunsten vom Kauf zurückzutreten. Somit wären die Erben gezwungen, mein geringeres Angebot anzunehmen oder auf ein besseres zu warten.

Es erschien mir ein Vorschlag so gut wie jeder andere und ich telegraphierte Mr. Lensham, den Käufer ausfindig zu machen.


* * *


Mein Zusammentreffen mit Mary verlief trotz der schlechten Neuigkeit in trauter Harmonie. Natürlich konnte ich ihr Angebot, ihre Perlen – die einzigen Überbleibsel des Schatzes von Agra Khan – zu veräußern, nicht annehmen. Diese Perlen waren das Erbe ihres Vaters und dienten zu ihrer Sicherstellung, sollte mir jemals ein Unglück zustoßen.


* * *


Einige Tage später erhielt ich ein Schreiben der Kanzlei Earnshaw, Religh & Bishop. Mr. Earnshaw unterbreitete mir das Angebot, die Praxis, sowie die Wohnräume auf Lebenszeit von dem neuen Besitzer zu mieten.

Und das zu einem Preis, der weit unter der Summe lag, die ich an monatlichen Zinsen für die Hypothek von der Bank hätte aufbringen müssen! Es war ein Angebot, das von einem wahren Menschenfreund stammen musste.

Es war in der Tat ein so niederer Betrag, dass ich mit dem Vertragsentwurf in der Kanzlei Shark & Lensham vorsprach und ihn von Mr. Lensham überprüfen ließ.

„Ein außergewöhnlich großzügiges Angebot, Dr. Watson“, meinte der Anwalt, nachdem er den Vertrag gelesen hatte. „Außergewöhnlich in der Tat. Ein Mietzins von 20 Pfund für ein ganzes Haus ist mir völlig neu.“ Zwei steile Falten erschienen auf seiner Stirn. „Der Vertrag ist allerdings korrekt abgefasst. Ich möchte Ihnen raten, das Angebot anzunehmen und das sehr bald, um zu verhindern, dass der neue Eigentümer seine Meinung ändert. Wenn Sie es wünschen, Dr. Watson, dann bereite ich sofort alle Unterlagen zur Unterschrift vor.“

Ich wünschte – und unterzeichnete den Vertrag noch in der gleichen Stunde. Mr. Lensham ließ durch den Kanzleischreiber meine Unterschrift legitimierten und sandte sofort einen Boten mit der Abschrift an die Kanzlei Earnshaw, Religh & Bishop.

Damit war ich stolzer Besitzer eines eigenen Heimes und hatte den Grundstein zu meiner Praxis gelegt.


* * *


In der Bakerstreet fand ich zu meiner großen Verwunderung Mary in Mrs. Hudsons Obhut vor. Taktvoll wie stets ließ uns die gute Seele in ihrem kleinen Wohnzimmer allein.

„Mrs. Forrester ist bei einer Schneiderin ganz hier in der Nähe“, erklärte mir meine Liebste. „Sie erlaubte mir, dich während dieser Zeit zu besuchen. Mrs. Hudson war so freundlich, mich hinauf zu führen. Leider warst du nicht hier.“ Ihr sanftes Lächeln verschwand von ihrem lieben Gesicht und sie sah zu Boden.

Freudig berichtete ich ihr von dem Grund meiner Abwesenheit und davon, dass nun unserem eigenen Hausstand auch in dieser Hinsicht nichts mehr im Wege stand. Sie zeigte sich zwar erfreut darüber, doch bemerkte ich ihre seltsam bedrückte Stimmung. Ich ergriff ihre Hand und hielt sie zärtlich in meiner. „Mary, was bekümmert dich?“, fragte ich leise.

„Mr. Holmes – was habe ich ihm getan, dass er mich so sehr hasst?“

Bestürzt sah ich sie an. „Holmes? Mary, das muss ein Missverständnis sein. Er hat nicht sehr viel übrig für das weibliche Geschlecht und gelegentlich bringt er vielleicht zu wenig Charme auf – doch ich kann nicht glauben, dass er dich hassen soll.“

„Oh John, du verstehst nicht.“ Sie berührte mit der Hand zärtlich meine Wange. „Ich kann ihn so gut verstehen. Ich nehme dich ihm weg.“

Obwohl sie diese Worte in aller Unschuld sprach, fühlte ich heißes Blut in meine Wangen steigen.

„Mary – Sherlock Holmes ist kein Mann, der Emotionen erlauben würde, seinen Verstand zu trüben. Von Zeit zu Zeit bin ich sogar überzeugt, er habe keine...“ Ich sprach leichthin, scherzend, um über den Schreck hinweg zu täuschen, den mir ihre Worte bereitet hatten. Aber ich glaubte nicht wirklich, was ich sagte? Oder doch? Ich schob diesen Gedanken beiseite.

„Das einzige, was für ihn wirklich zählt, ist der Triumph seines Geistes über ein Verbrechen. Ich denke, bei seinem exzentrischen Lebensstil ist es für ihn angenehmer, da er auf einen zweiten Bewohner nun keinerlei Rücksichten mehr zu nehmen braucht.“

Meine eigenen Worte klangen mir fremd und falsch in den Ohren. Wer immer diese Worte auch sprach – ich konnte es nicht sein. Oder?

„Und doch ist er dein Freund. Aus deinen Erzählungen schloss ich stets, dass er nicht viele davon sein eigen nennt.“

„Unbestritten - doch weiß Holmes sehr wohl, wie sehr ich dich liebe, Mary...“ - Röte stieg in ihre Wangen und ihre sanften Augen füllte ein zärtlicher Glanz – „...und wünscht seinem Freund sicherlich nur das Beste. Wie könnte er da gegen meinen Auszug protestieren.“

Die Zärtlichkeit in ihren Augen wandelte sich erneut zu Sorge. „John – Liebster – fühlst du dich nicht wohl?“

„Weshalb?“

„Du bist blass und hast doch fiebrige, rote Flecken auf den Wangen. Deine Augen wirken so unruhig.“

Ich schüttelte nur den Kopf und zog ihre Hand an die Lippen. „Ich...“

An diesem Moment klopfte es an die Tür und mir wurden weitere wirre Reden erspart. Ich rückte etwas von Mary weg. Die Tür öffnete sich und Mrs. Hudson blickte herein.

„Ich bedauere die Störung – doch die Droschke von Mrs. Forrester ist gerade vorgefahren, Miss Morstan“, sagte sie.

Mary sprang auf und nahm ihren Beutel. „Dann muss ich mich beeilen. Auf Wiedersehen, mein lieber John. Ich werde dir schreiben.“ Sie wandte sich an meine Hauswirtin. „Auf Wiedersehen, Mrs. Hudson. Vielen Dank, dass wir Ihr Wohnzimmer benutzen durften.“ Dann eilte sie hinaus.

Ich wandte mich ebenfalls an sie. „Auch ich danke Ihnen, Mrs. Hudson. Sagen Sie... war Holmes hier, als Miss Morstan hier ankam?“ Mir fiel plötzlich ein, dass ich ganz vergessen hatte, mich bei Mary zu erkundigen, wann sie Holmes getroffen hatte.

Ihre klugen Augen musterten mich. „Er war bereits vor dem Frühstück ausgegangen, doch kehrte bald nach Miss Morstans Ankunft zurück. Ich hatte sie nach oben geführt, damit sie auf Sie warten konnte. Doch einige Minuten nach Mr. Holmes Rückkehr kam sie zu mir herunter und bat mich, hier warten zu dürfen – sie habe den Eindruck Mr. Holmes wäre sehr beschäftigt und sie wollte ihn nicht durch ihre Anwesenheit belästigen.“

Damit hatte sie nicht nur meine ausgesprochene Frage beantwortet – sondern auch all die anderen, die ich nicht gestellt hatte. „Vielen Dank, Mrs. Hudson. Es war wirklich sehr freundlich von Ihnen, sich um Mary zu kümmern.“

Sie lächelte. „Es war mir ein Vergnügen, Dr. Watson. Miss Morstan ist eine reizende, junge Lady.“

Ich wandte mich zum Gehen.

„Mr. Holmes ist noch oben“, rief Mrs. Hudson mir nach.


* * *


Etwas fast... Warnendes... hatte in ihren Worten gelegen – oder täuschte ich mich? Ich sann noch darüber nach, als ich Überzieher, Hut und Spazierstock ablegte und dann in ein behaglich warmes Zimmer trat.

Holmes saß auf der Fensterbank und sah – ich möchte fast sagen: träumerisch – dem Treiben der Schneeflocken draußen nach.

Ich räusperte mich, doch er gab kein Anzeichen, dass er mich gehört hatte. „Guten Morgen, Holmes“, versuchte ich es deutlicher.

Erst jetzt wandte er den Kopf. Sein Gesicht trug die gleichen, maskenhaft starren Züge, die es manchmal annahm, wenn er in einem Fall eine Niederlage hinnehmen musste. Soweit ich wusste, arbeitete er gegenwärtig nicht an einem Verbrechen oder Rätsel.

Also nahm ich an, dass sein merkwürdig gereiztes Verhalten auf seiner erzwungene Untätigkeit beruhte.

„Guten Morgen – mein lieber John“, meinte er spöttisch, den Tonfall imitierend, mit dem sich Mary von mir verabschiedet hatte.

„Ich sehe, du hast heute schlechte Laune“, entgegnete ich so ruhig, wie es mir möglich war. „Dann werde ich nicht stören.“ So wandte ich mich in Richtung meines Schlafzimmers. Doch nach nur einem Schritt schloss sich eine Hand um meinen Oberarm, hielt mich zurück. Ich drehte mich zu Holmes um.

„Was hatte sie hier zu suchen?“

„Mary besuchte mich, Holmes. Um Himmels willen, was ist daran so verwerflich? Wir sind verlobt.“ Ich erhielt keine Antwort. Holmes blickte mich nur unverwandt an. Und ich spürte, wie ich begann, ärgerlich zu werden. Was maßte er sich eigentlich an, Rechenschaft zu verlangen? Über die Jahre hatten diese Räume eine Unzahl an weit merkwürdigeren Besuchern beherbergt und ich hatte nie von ihm verlangt, sich dafür zu rechtfertigen. „Ich bedauere sehr, dass dir dieser Teil unseres Gesprächs offenbar entgangen sein muss“, entgegnete ich schärfer, als ich eigentlich beabsichtigte.

Holmes zuckte zurück, als hätte ich nach ihm geschlagen – was ich bildlich gesprochen ja auch getan hatte. „Die Türen zu Mrs. Hudsons Räumen waren beide offen und ich stand auf der Treppe. Ich habe rein zufällig nur noch Miss Morstans Abschiedsworte vernommen“, erklärte er tonlos.

Verlegen senkte ich den Blick. „Entschuldige bitte. Ich wollte dir nicht unterstellen, du hättest uns belauscht...“

Er unterbrach mich mit einer Geste, wandte sich dann von mir ab, um wieder zum Fenster zu treten. Ich sah ihn die Fingerspitzen beider Hände gegen seine Schläfen pressen.

„Ich muss dich um Verzeihung bitten“, sagte er schließlich. „Mein Verhalten ist mehr als nur... unangemessen. Auch gegenüber Miss Morstan war ich sehr unhöflich, als ich ihr unverblümt sagte, ich empfände ihre Anwesenheit als äußerst störend.“

Das war es also, was meine liebe Mary auf den Gedanken brachte, Holmes würde sie hassen.

„Es ist die Untätigkeit, zu der ich gegenwärtig verdammt bin, die mich derart belastet, dass ich mich weniger wie ein zivilisierter Mensch benehme.“ Er lachte, doch es klang hohl und gekünstelt. „Ich würde es sehr begrüßen, wenn du bei Gelegenheit Miss Morstan meine tiefempfundene Entschuldigung übermitteln würdest.“

„Natürlich. Ich bin sicher, sie wird es dir nicht nachtragen, wenn ich ihr den Grund erläutere.“ Ich zögerte. „Holmes...“

„Ja?“

„Nichts.“ Ich brachte es nicht über mich, zu fragen, ob er die Wahrheit gesagt hatte. War es wirklich nur die nervliche Anspannung aufgrund seiner Tatenlosigkeit, die ihn so schwer zu ertragen machte und ihn sogar gegenüber einem Gast unhöflich hatte werden lassen? Ich kannte ihn zu gut dazu. Und wusste doch im selben Moment, dass er mir nach wie vor ein Rätsel war...


* * *


Einige Tage später kam Lestrade und mit ihm ein neuer Fall, der Holmes Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Er sah sich dazu gezwungen, London für einige Tage zu verlassen. Da er auf meine Begleitung verzichtet hatte, nutzte ich die Zeit, um mich um das Haus zu kümmern, so dass es bis zu unserer Heirat bezugsfertig sein würde.

Nachdem ich mir den Schlüssel bei Mr. Lensham besorgt hatte – der Anwalt teilte mir voll Bedauern mit, dass es ihm noch nicht gelungen sei, den Eigentümer ausfindig zu machen – erwartete mich eine Überraschung.

Die Praxis war vollkommen ausgestattet. Als ich dieses Haus zum ersten Mal besichtigt hatte, waren die Praxisräume leer gewesen, nachdem die Hutmacherin sie geräumt hatte. Bei näherer Betrachtung entpuppten sich die Möbel als gebraucht, doch sehr gut erhalten – und keineswegs zur Einrichtung eines Tier- sondern eindeutig eines Humanmediziners gehörend. War Mr. Lensham falsch informiert worden und es hatte sich bei Dr. Withesaws doch nicht um einen Tierarzt gehandelt?

Ich nahm mir vor, diesem Rätsel später auf den Grund zu gehen und erst einmal die oberen Wohnräume zu besichtigen.

Die Möbel des verstorbenen Dr. Withesaw, die wir mit dem Mietvertrag übernommen hatten, waren mit weißen Laken verhüllt, um sie vor Staub zu schützen. Unter diesen Laken nun kamen durchaus nicht die alten, abgenutzten Stücke zum Vorschein, wie ich sie erwartet hatte. Das gesamte Interieur machte einen wenig genutzten Eindruck.

Nun, möglicherweise hatte Dr. Withesaw sehr viel Wert auf Schonung seiner Möbel gelegt. Oder sich nach dem Eintritt in den Ruhestand neu möbliert. Auf jeden Fall schont dies meine magere Börse weiter, da ich mit nicht geringen Ausgaben auf diesem Gebiet gerechnet hatte.

Wie gut es doch das Schicksal mit mir und Mary meinen musste, uns mit einem so behaglichen Heim zu bescheren.


* * *


Holmes kehrte nach fünf Tagen nach London zurück – müde und niedergeschlagen wirkend. Ich konnte von ihm nur erfahren, dass er den Fall hatte lösen können, sich der Schuldige jedoch durch Selbstmord seiner Strafe entzog.

Nach dieser knappen Auskunft bekam ich ihn drei volle Tage nicht zu Gesicht. Mrs. Hudson berichtete mir, dass er – während ich auf meiner Patientenrunde war – aufgestanden sei und etwas gegessen habe, danach aber sofort wieder in seinem Schlafzimmer verschwunden. Ein durchaus nicht ungewöhnliches Verhalten für Holmes. Ich hatte ihn dies schon unzählige Male nach Fällen tun sehen, die ihn nächtelang auf den Beinen gehalten hatten.

Es waren drei sehr ruhige Tage. Meine Arbeit am Haus war beendet und ich hatte nur wenige Patienten, um die ich mich zu kümmern hatte, da ich in Ausblick auf meinen baldigen Abschied keine neuen angenommen hatte.

Ich stellte fest, dass ich Holmes vermisste. Wir waren durchaus zuvor bereits längere Zeit getrennt gewesen und ich hatte es zwar bedauert, auf seine Anwesenheit verzichten zu müssen, doch nun erschien mir der Raum größer und kälter, ohne seine hagere Gestalt am Feuer oder dem Esstisch. Ich schob es auf meine Nervosität aufgrund meiner sich bald ändernden Lebensumstände.

Die Zeit flog dahin und bald war der Tag erreicht, an dem ich die Bakerstreet endgültig verlassen würde.

Ich hatte längst meine Besitztümer in das neue Haus schaffen lassen, nur das Notwendigste für diese eine, letzte Nacht verblieb in meinen alten Räumen.

Am Nachmittag dieses Tages suchte ich noch einmal meine Arztkollegen auf, um mich bei ihnen zu bedanken und zu verabschieden, da ich ja auch von diesem Tag an aus der Praxis ausschied, um nunmehr meine eigene Existenz zu begründen.

Danach wollte ich in die Bakerstreet zurückkehren, um den Abend mit Holmes zu verbringen, wie ich es ihm zugesagt hatte

Leider gelang mir die Verwirklichung meiner Pläne nur teilweise. Denn ich sah mich genötigt, mit meinen Kollegen einige Gläser auf das Wohl meiner Braut und meiner zukünftigen Praxis zu leeren. Als ich mich darauf hin dann wirklich verabschieden wollte (es war bereits früher Abend) ließ ich mich dazu überreden, noch kurz eine Gesellschaft in einem Pub zu besuchen.

Wie ich kurz darauf erfuhr, war diese zu meinen Ehren veranstaltet worden und ich sah mich außerstande, diesen von Kollegen und Bekannten veranstalteten Junggesellenabschied ohne mich stattfinden zu lassen. Also riss ich eine Seite aus meinem Notizbuch, schrieb eine kurze Mitteilung an Holmes und übergab diese mit einem Geldstück an den Wirt, mit der Bitte, sie in der Bakerstreet 221B zustellen zu lassen.

Wir verbrachten den Rest des Abends und einen guten Teil der Nacht mit sehr viel Alkohol und noch mehr zotigen Erzählungen, Witzen und Anspielungen auf den Ehestand die so mancher treuen Ehegattin der anwesenden Gentlemen die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte.

Gegen ein Uhr morgens konnte ich mich dann schließlich verabschieden und ließ mich von einer Droschke direkt zu meinem neuen Heim bringen, wo ich auf die Liege in meinem zukünftigen Behandlungsraum fiel und voll bekleidet einschlief.


* * *


Geweckt wurde ich sehr früh vom entsetzten Schrei des Mädchens, welches Mary und ich eingestellt hatten und das bereits im Haus wohnte. Sie hatte Licht in der Praxis gesehen und war herab geeilt, weil sie annahm, es am Vorabend vergessen zu haben. Als sie mich in meinem desolaten Zustand auf der Liege entdeckte, erschreckte sie sich derart.

So unsanft geweckt – und mit Magengrimmen und stechenden Kopfschmerzen als Resultat der vergangenen Nacht – begann ich meinen Hochzeitstag nicht in strahlender Laune. Ich wies das Mädchen an, mir ein Bad zu bereiten und dann meine Kleidung zurecht zu legen. Die Forresters würden sich um Mary kümmern und sie zur Kirche bringen, wo ich sie treffen sollte.


* * *


Einige Stunden später stand ich mit Mary vor dem Altar und wurde in einer schlichten, stillen, aber nichtsdestotrotz anrührenden Zeremonie mit ihr verbunden. Anwesend waren nur einer meiner Kollegen, der sich als mein Trauzeuge erboten hatte, die treue Mrs. Hudson, sowie die Forresters – Mrs. Forrester übernahm mit Freude das Amt des zweiten Zeugen und vergoss wohl kaum weniger Tränen, als dies eine Brautmutter vermocht hätte – und ein Mann, der in einer Bank in der letzten Reihe saß.

Ich hoffte, es wäre Holmes.

Meine Hände und meine Stimme waren ruhig, als ich meine Gelöbnisse sprach und Mary den Ring überstreifte. Eine Last schien von mir genommen, ein Schatten gewichen, als der Priester uns zu Mann und Frau erklärte und ich in das strahlende Gesicht meiner Mary blickte.

Erst als wir die Kirche verließen, sah ich mir den Fremden genauer an, doch ich blickte in mir unbekannte Gesichtszüge. Mir kam zwar der Gedanke, dass sich Holmes – aus welchen Gründen auch immer – möglicherweise maskiert hatte, doch diese Hoffnung zerbarst, als Mr. Forrester den Mann bei seinem Namen rief – er war ihr Kutscher.

Wie hatte ich so töricht sein und denken können, dass Holmes zu meiner Hochzeit kommen würde. Und doch fühlte ich einen kleinen, nicht zu leugnenden Stich.

Doch dann nahm Mary meine Aufmerksamkeit wieder voll in Anspruch. Wir unterzeichneten die Heiratsurkunden und waren somit vor Gott und der Welt Ehegatten.

Nach dem Mahl im Hause der Forresters – ihr Geschenk zu unserer Vermählung – wurde es für Mary und mich Zeit, aufzubrechen. Marys einzige noch lebende Anverwandte, eine alte Tante, die aus gesundheitlichen Gründen die Reise nach London nicht machen konnte, um an der Hochzeit teil zu nehmen, stellte uns für zwei Wochen ihr Häuschen auf dem Lande zur Verfügung und zog für diese Zeit zu einer Freundin. Nachdem wir uns verabschiedet hatten und dazu bereit waren, in die Droschke zu steigen, die uns zum Bahnhof bringen würde, trat Mrs. Hudson zu mir. Die gute Seele wirkte verlegen.

„Dr. Watson, ich hatte gehofft, er würde es sich anders überlegen und kommen“, sagte sie leise. „Als ich heute Morgen das Frühstück servieren wollte, weigerte er sich, die Tür auf zu machen. Er schob mir diesen Brief“ – sie holte einen Umschlag aus der Tasche und drückte ihn mir in die Hand - „unter der Tür durch und bat mich, ihn Ihnen zu geben.“

Ich spürte plötzlich einen Knoten in meiner Kehle. „Ich danke Ihnen Mrs. Hudson.“ Ich drückte ihre Hand. „Ich danke Ihnen sehr. Bitte... bitte geben Sie auf ihn Acht.“

In ihren Augen schimmerten Tränen, als sie nickte. „Das werde ich tun.“ Dann umarmte sie mich, wandte sich ab und ging rasch davon. Ich sah ihr nach, den Brief in der Hand.

„Bist du bereit, mein Liebster?“, fragte Mary und riss mich damit aus meinen Gedanken.

Ich drehte mich zu ihr um und stopfte den Brief in meine Jackentasche – worauf er in Vergessenheit geriet. „Ja, Mary“, sagte ich leise. Ich half ihr in die Droschke und folgte ihr.

Mit der Fahrt zum Bahnhof begann die Fahrt in ein neues Leben.


* * *


Wir verbrachten glückliche Tage in dem kleinen Häuschen – vielleicht die glücklichsten unserer gemeinsamen Zeit.

Mit der Rückkehr nach London fand sich Routine in unser Leben ein. Mary versorgte den Haushalt und umhegte mich liebevoll. Meine Praxis begann sich nach einer zu erwartenden, anfänglichen Flaute zu etablieren und florierte bald. Ich musste gelegentlich sogar Patienten an einen Kollegen einige Straßen weiter verweisen.

Die Abende verbrachten wir mit Konzert- und Theaterbesuchen oder stiller Zweisamkeit in unserem Haus.

Ich kam zur Ruhe. Zum ersten Mal seit dem Verlassen meines Elternhauses als Knabe hatte ich wieder ein Heim. Mein aufregendes Leben mit Sherlock Holmes nahm nach und nach die Züge eines verblassenden Traumes an und ich vermisste sie nicht.


* * *


Etwa drei Monate nach unserer Heirat übergab mir Mary nach dem Abendessen einen Brief. Es war kein Absender darauf vermerkt und auch kein Empfänger. Als ich sie verwundert anblickte, sagte sie mir, dass sie ihn in der Tasche meines Hochzeitsanzuges gefunden habe.

Zunächst wusste ich nicht, woher ich ihn hatte, dann kehrte die Erinnerung an Mrs. Hudson zurück. Ich legte ihn auf den Schreibtisch, zu der anderen Post, die ich noch lesen musste. Es war mir plötzlich unangenehm, ihn vor Marys Augen zu öffnen. Erst später dann, als Mary in der Küche zu tun hatte, nahm ich den Brief wieder zur Hand und öffnete ihn. Ein Blatt Papier, mit einigen Worten in Holmes unverkennbarer Handschrift bedeckt, glitt heraus.




Ich kann mich zu meiner Schande nicht dazu überwinden, dir in Person Glück zu wünschen, noch teilzunehmen an der Zeremonie, die mir den wichtigsten Menschen auf dieser Welt nimmt. Daher bitte ich Mrs. Hudson, dir diese Zeilen zu überreichen. Ich hoffe, du kannst mir mein Fernbleiben um unserer früheren Freundschaft willen verzeihen.

Aber sei versichert, John, dass mein Wunsch, dass du mit Mary glücklicher werden möchtest, als es dir mit mir möglich war, ehrlich gemeint ist.  
SH




Ich warf den Brief ins Feuer. Zu spät...


- Ende -