2005 Paradies-Apfel-Award: Erster Platz Beste Kung Fu-Story

 

Titel: Shaolin Heart

Teil: 1 von 4
Autor: Lady Charena
Fandom: Kung Fu - Im Zeichen des Drachen

Paarung: Caine/Laura Caine, Peter, Lo Si, Ping Hi, unter Erwähnung weiterer Charaktere aus der Serie
Rating: gen, PG-13, A/R
Beta: T'Len
Archiv: ja

Feedback: liebend gerne

Summe/Hintergrund: Ein Besucher weckt alte Erinnerungen und bringt Neuigkeiten – Neuigkeiten, die für Peter und Caine sehr unerwartet kommen. Diese Story spielt mit einer alternativen Realität. T’Len hat mich auf die Idee dazu gebracht, als sie fragte, wie weit Ping Hi / Lo Si wohl gehen würde, um sicher zu stellen, dass die Linie Kwai Chang nicht vorzeitig endet.

 

Es ist in China nicht ungewöhnlich eine Familienlinie über Jahrhunderte, manchmal sogar Jahrtausende zurück verfolgen zu können. Die Verehrung der Ahnen war immer die wichtigste Religion im Land der Mitte und sie ließ sich auch mit jeder anderen Glaubensrichtung vereinen. Fiel eine Familie in früheren Zeiten in Ungnade, wurde der Name des Hauses gelöscht – die höchste Schande. Es war, als hätten alle Menschen, die diesen Namen je getragen hätten, nie existiert. Eine Linie gilt erst dann als erloschen, wenn der letzte Familienangehörige gestorben ist. Aus diesem heraus ergibt sich auch der große Wunsch nach männlicher Nachkommenschaft in China und die niederere Wertschätzung von Töchtern.

 

Valerie Mitchell ist eine frühere Schülerin von Caine, die in der Folge „Reunion“ auftaucht, um ihn um Hilfe zu bitten. Laura Cavanaugh und ihr Hintergrund entspringen dagegen vollkommen meiner Phantasie.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern (Warner, Michael Sloan). Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

 

Die englische Slash-Version dieser Story befindet sich im Giftschrank der TOSTwins-Homepage, auch Dragonlair genannt <g>

 

 

“…From the eyes of a child,
Keep out darkness and let in light.
Let the eyes of a child,
See little things that will give him peace,
and fill his life…”

 

 

Shaolin heart 1

Lady Charena (Nov. 2004/Januar 2006)

 

 

“To take responsibility for another’s child is a sacred trust.” (Caine, Sacred trust)

“Die Veranwortung für das Kind eines anderen zu übernehmen, ist eine heilige Pflicht.”

 

Kwai Chang Caine konzentrierte sich darauf, seine Aufmerksamkeit nach innen zu richten, in tiefere Stadien der Meditation zu sinken. Peters leises Rumoren blendete sich aus seinem Bewusstsein aus.

 

Langsam formte sich vor seinem inneren Auge ein Bild – eine junge Frau stand auf dem Bürgersteig vor einem der unzähligen kleinen Lebensmittelläden, sie schien ganz darin vertieft zu sein, den Inhalt des Schaufensters zu betrachten. Sie wandte ihm den Rücken zu.

 

Unbewusst legte sich ein Runzeln auf seine Stirn, ein Ausdruck großer Konzentration und Verwirrung erschien auf den Zügen des Mannes in Trance. Nichts verriet ihm wo, wann oder weshalb sich diese kleine Szene vor ihm entfaltete.

 

Als würde die Frau fühlen, dass sie beobachtet wurde, drehte sie sich plötzlich um, sah über ihre Schulter. Die Bewegung ließ rotbraune Locken aus ihrem Gesicht schwingen und gab ihre Gesichtzüge zu erkennen. Klare, tiefbraune Augen suchten die – trotz der späten Stunde, wie die Schatten verrieten noch zahlreichen – Passanten ab, die an ihr vorbei eilten. Ohne jemand zu entdecken, der ihr besondere Aufmerksamkeit schenkte.

 

Ein Schatten fiel über ihre Züge, die eine erschreckende, aber unbekannte Vertrautheit aufwiesen. Als habe er sie schon einmal gesehen – und sie dann wieder vergessen... Sie zog die Schultern hoch und den Mantel enger um ihren Körper, als wäre ihr kalt.

 

Caine öffnete die Augen und sah sich seinem Sohn gegenüber, der nur in ein Handtuch gewickelt und mit tropfenden Haaren vor ihm stand.

 

„Ist irgendwas nicht in Ordnung, Paps?“, fragte er. „Ich dachte für einen Moment, ich hätte dich rufen hören...“ Er zuckte unsicher mit den Schultern. Als keine Antwort kam, fuhr er sich durch die Haare, um dann halb verwundert, halb angewidert seine nasse Hand zu betrachten. „Äh... wenn nichts ist... ich trockne mich wohl besser erst mal ab. Übringens danke, dass ich bei dir wohnen kann, solange mein Appartement renoviert wird.“

 

Mit einem Lächeln stand Caine auf und zauberte scheinbar aus dem Nichts ein Handtuch, dass er Peter zuwarf. „Du solltest in Betracht ziehen, dich anzukleiden.“

 

Peter grinste. „Meinst du?“, scherzte er zurück. „Es ist ein ziemlich warmer Abend und ich dachte darüber nach, mich zum Trocknen auf den Balkon zu stellen.“

 

Mit einem gespielt verzweifelten Seufzen wurde Caine wieder ernst. „Ein Besucher kommt.“

 

Peter war davon nicht wirklich begeistert. Da hatte er schon einmal die Gelegenheit, die volle Aufmerksamkeit seines Vaters für sich zu beanspruchen – und am ersten Abend schon Besuch? „Noch ein Patient?“, fragte er wenig enthusiastisch. „Jetzt? Es ist schon fast 22.00 Uhr. Lassen dich die Leute nie in Ruhe? Was ist so wichtig, dass es nicht bis morgen warten kann?“

 

Caine rollte nur mit einer Schulter. Und Peter zog sich ins Bad zurück, um sich anzuziehen. Er wusste, dass es keinen Sinn machte, seinem Vater weitere Fragen zu stellen. Besser war es, an Ort und Stelle zu sein, wenn ihr mysteriöser Besucher eintraf.

 

Der Shaolin durchquerte den Raum, betrachtete suchend den Inhalt der Wandregale, die Bücher und wenigen anderen Dinge, die vor langer Zeit aus den Ruinen des Tempels gerettet werden konnten oder von Freunden stammten. Einige der Dinge stammten aus Lo Sis Besitz, kurz nach Caines sechsmonatiger Abwesenheit von Chinatown war er eines abends mit einer Kiste verlorengeglaubter Statuen und Bücher erschienen. Ohne eine Erklärung dafür zu bieten, wie diese Gegenstände aus dem Tempel in seine Hände gelangt waren. Doch Caine wusste es besser, als den alten Master zu fragen. Seine Fingerspitzen glitten an einer Reihe von Buchrücken entlang, bevor er schließlich eines davon auswählte und es vorsichtig heraus zog. An einer Stelle öffneten sich die Seiten wie von selbst und ein dünnes, silbernes Armband, das ganz offensichtlich einst einem kleinen Mädchen gehört hatte, kam zum Vorschein. Caine nahm es vom Papier hoch und rieb über das matte Metall, das im Laufe der Jahre leicht angelaufen war, bis es wieder silbern glänzte. In eine Plakette, zwischen ein feines, kunstvolles Blumenmuster war der Name „Laura“ eingraviert. Er strich die Kontur des Namens nach, schloss dann die Finger um das Armband und erinnerte sich...

 

 

***********************flashback***********************

 

Ein Flüstern ließ den Shaolin auf seinem Weg innehalten und lauschen. Schritte erklangen, jemand betrat die Halle, die er eben hatte durchqueren wollen. Caine trat zurück in den Schatten der Säule neben dem Durchgang. Zwei Mädchen – eine davon war Valerie, eine junge und enthusiastische Schülerin, wenn sie auch nur gelegentlich am Unterricht teilnehmen konnte, das andere ein Kind, das er in der Stadt gesehen hatte – traten in die besser beleuchtete Mitte des Raumes. 

 

„Sei’ doch nicht so dumm“, sagte Valerie zu dem anderen Mädchen, das ihr sichtbar zögernd folgte und nahm sie an der Hand. „Du wirst ihn mögen. Und Peter ist mein Freund.“

 

Über die Lippen des Mannes im Schatten huschte ein Lächeln. Er war sich Valeries „Verknalltheit“ in Peter sehr wohl bewusst, genau wie er wusste, dass Peter es nicht bemerkte.

 

„Ich... ich weiß nicht, Valerie. Ich sollte nicht hier sein. Mein Onkel wird schrecklich böse werden, wenn er herausbekommt, dass ich bei... das ich in der Nähe des Tempels war.“

 

„Ich werde es niemand verraten und keiner hat uns gesehen. Komm schon, wir bleiben nicht lange, nur um Peter „Hallo“ zu sagen und Master Caine, falls er da ist. Du hast gesagt, du willst mehr über den Tempel wissen und...“

 

„Aber... Valerie, warte!“ Das andere Mädchen klang, als wäre es den Tränen nahe und versuchte, sich aus Valeries Griff zu befreien.

 

Caine beschloss einzugreifen und trat auf die beiden zu. Beide Mädchen drehten sich erschrocken herum, als seine Stimme erklang. „Valerie?“

 

„Ich... wir... wir wollten nur... Hallo, Master Caine.“ Valerie errötete verlegen und zupfte am Ärmel ihrer Begleiterin. „Das ist Laura, eine Freundin von mir.“

 

Caine verbeugte sich in Richtung des kleinen Mädchens, das ihn mit großen, erschreckten, braunen Augen betrachtete, gleichzeitig wirkte ihr Gesicht so ernst, dass er ein Lächeln zurückhielt. „Es ist mir ein Vergnügen, dich zu treffen, Laura.“ Sie schien, wie Valerie, in etwa in Peters Alter zu sein. In ihrem Blick stand eine tiefe Angst, ähnlich der Angst in Peters Augen, wenn er aus einem Alptraum erwachte. Caine fand diese Ähnlichkeit leicht befremdlich, die er darauf zurückführte, dass ihre Augen die gleiche, tiefbraune Farbe wie die seines Sohnes zeigten. „Bitte habe keine Angst. Jeder ist im Tempel willkommen, wenn er in Frieden zu uns kommt.“

 

„Mein Onkel hat mir verboten, her zu kommen“, flüsterte das Mädchen und senkte die Augen zum Fußboden. „Er sagte...“ Sie hielt inne und begann auf ihrer Unterlippe herum zu kauen, ganz offensichtlich in Sorge, den Priester zu beleidigen, wenn sie genau die Worte ihres Onkels wiederholte. „Er meinte, es wäre ein... böser Ort.“

 

Ihre Stimme senkte sich so weit, dass Caine sie kaum noch verstehen konnte. Er erstickte einen unwillkommenen Anflug von Ärger – und Traurigkeit. Doch er war dieser Intoleranz unter den Bewohnern von Braniff schon zu oft begegnet – und beschloss, vorerst nicht direkt darauf zu antworten. „Valerie, wenn du mit Peter sprechen möchtest, er ist jetzt in seinem Zimmer“, sagte er und wandte sich seiner Schülerin zu.

 

„Okay“, sagte Valerie und zog an Lauras Arm. „Komm’, ich zeige dir, wie...“

 

„Nein.“ Laura riss sich von Valerie los. „Ich will nach Hause. Bitte. Jetzt sofort. Bitte, Valerie.“

 

„Aber ich wollte doch...“

 

„Valerie“, unterbrach Caine sie. „Ich werde deiner Freundin den Weg zeigen. So kannst du Peter besuchen und Laura später in der Stadt wieder treffen. Ist das ein annehmbarer Vorschlag?“

 

Valerie zögerte einen Moment, sichtlich hin- und her gerissen zwischen dem Wunsch, Peter zu besuchen und bei ihrer Freundin zu bleiben. Schließlich nickte sie. „Ich bin bald zurück“, versprach sie, bevor sie ging. Ihre Schritte verhallten rasch, als sie in einem angrenzenden Korridor verschwand.

 

Caine wandte sich dem anderen Mädchen zu. Er kniete sich vor sie und berührte vorsichtig ihre Wange. „Du musst keine Angst haben, Laura“, sagte er sanft. „Niemand hier wird dir etwas tun.“

 

Das Mädchen sah auf den Priester nieder, biss sich unentschlossen auf die Lippen. „Wirklich?“, fragte sie, wobei sie plötzlich viel jünger aussah und klang, als sie an Jahren zählen musste.

 

Caine lächelte. Sie erinnerte ihn so sehr an sein eigenes Kind. „Wirklich.“

 

Laura erwiderte schüchtern sein Lächeln.

 

Der Shaolin stand auf und reichte dem Mädchen, das zögernd danach griff, eine Hand. „Ich werde dir den Weg zum Ausgang zeigen.“

 

Das Mädchen sagte nichts mehr, bis sie das Gebäude verlassen hatten und vor dem großen Tor standen. Laura wandte sich dem Priester zu und sah ihn mit großen, ernsten Augen an. „Kann ich wieder mit Valerie vorbeikommen?“, fragte sie.

 

„Wann immer du das möchtest“, versicherte Caine ihr. „Aber du musst deinen Eltern sagen, wohin zu gehst, damit sie sich keine Sorgen um dich machen.“

 

„Aber mein Onkel lässt mich bestimmt nicht gehen, wenn ich es ihm sage. Er hat mir sogar verboten, mit Valerie zu sprechen. Er sagt sie habe einen... schlechte Einfluss... auf mich, weil ihre Eltern ihr erlauben, zu den H-Heiden zu gehen.“

 

„Und deine Eltern? Teilen sie die Meinung deines Onkels?“

 

Laura zuckte mit den Schultern, eine sehr erwachsene Geste. „Mein Vater ist tot und Mom tut, was Onkel Vance ihr sagt. Wir wohnen bei ihm, weil er der Bruder meines Dads ist... war.“

 

Caine legte eine Hand auf die schmale Schulter des Mädchens. „Wie lautet der volle Name deines Onkels“, fragte er ahnungsvoll.

 

„Vance Cavanaugh.“

 

Der Priester zögerte, als er den Namen des Mannes hörte, der am heftigsten gegen die kleine Gemeinschaft von Mönchen, Priestern und Schülern intrigierte. „Dann ist es vielleicht klüger, wenn du nicht mehr hierher kommst, Laura. Ich bedauere das, aber es wird nur den Zorn deines Onkels schüren.“ Er spürte die Enttäuschung des kleinen Mädchens und legte die Hand unter ihr Kinn, hob ihren Kopf an, damit sie ihn anblickte. „Du hast jetzt weniger Angst, als zuvor“, stellte er fest. „Du hast entdeckt, dass manche Dinge, wenn man sie von Weitem ansieht, viel gefährlicher aussehen, als sie es – aus der Nähe betrachtet – tatsächlich sind. Die Entfernung ändert alles.“

 

„Valerie hat mir so viel erzählt... ü-über Kerzen und Statuen und Geschichten und Kämpfen und Unterrichtsstunden... und über... Sie... und Peter... und über die anderen Mönche und dass es hier immer still und friedlich ist.“ Die Worte sprudelten atemlos aus ihr heraus, als mache Laura ihr eigener Mut Angst. „Ich dachte... sie würde das a-alles nur erfinden, um mich zu ärgern und weil... weil ich ihr erzält habe, was mein Onkel gesagt hat. Ich... ich weiß einfach nicht mehr, wem ich glauben soll.“

 

„Du musst an dich glauben, Laura. Und auf das hören, was deine innere Stimme dir sagt“, erwiderte Caine leise. Er traf eine Entscheidung. „Du bist jederzeit im Tempel willkommen. Auch ohne Valeries Begleitung.“

 

Er wurde mit einem weiteren, schüchternen Lächeln belohnt, dann wandte sich das Mädchen ab, huschte durch den Torbogen und kurz darauf sah Caine sie den Hügel hinabrennen. Er beobachtete sie, bis sie hinter einigen Bäumen außer Sicht geriet. Er fragte sich, ob es wirklich eine weise Entscheidung war, die Nichte von Vance Cavanaugh in den Tempel kommen zu lassen.

 

***********************flashback end***********************

 

 

 

Als seine Gedanken in die Gegenwart zurückkehrten, war Caines Blick noch immer auf das Armband gerichtet. Laura Cavanaugh besuchte den Tempel regelmäßig. Anfangs immer nur in Valeries Begleitung, doch nach einigen Monaten kam sie auch allein – und mit dem Einverständnis ihrer Mutter, der sie jedoch hatte versprechen müssen, ihrem Onkel nichts davon zu sagen. Anders als Valerie, die so ungeduldig und hingebungsvoll wie Peter am Unterricht teilnahm, tat Laura das nicht. Gewöhnlich saß sie etwas abseits der anderen Schüler, damit zufrieden, stumm zuzusehen und zu lauschen.

 

Jedoch waren nicht alle für ihren Besuch. Überraschenderweise war es gerade Ping Hi, der sich als erster gegen Lauras Anwesenheit aussprach. Trotz der Belästigungen von Vance Cavanaugh, unter denen besonders der alte Mann zu leiden hatte, hätte Caine nicht erwartet, dass er ein unschuldiges Kind zurückweisen würde. Master Dao erwies sich als die nächste Überraschung, als er Lauras Besuche ausdrücklich willkommen hieß. Allerdings, wie sich gleich darauf herausstellte, sah er darin nur ein Mittel, Vance Cavanaugh lächerlich zu machen.

 

„Hey, wo hast du das her, Paps?“ Die fragende Stimme seines Sohnes schreckte Caine aus seinen Erinnerungen auf. „Du hast es mir nie gezeigt... gehörte das meiner Mutter?“ Peter nahm das Armkettchen aus Caines Hand, um es genauer anzusehen. „Das ist ja für ein Kind gemacht.“

 

„Es gehörte einem kleinen Mädchen, das den gleichen Namen wie deine Mutter hatte, Peter. Erinnerst du dich nicht an eine Freundin von Valerie Mitchell, die uns eine Zeitlang im Tempel besuchte? Sie war die Nichte von Vance Cavanaugh.”

 

„Ich glaube nicht... warte... ich erinnere mich vage an ein Mädchen. Sie nahm nicht wie Valerie am Unterricht teil... sie wollte nicht kämpfen lernen, sondern saß meistens in einer Ecke und sah nur zu. Ich glaube, ich dachte, sie wäre zu schüchtern, oder so. Und dann...“ Er zuckte mit den Schultern. „Man vergisst solche Leute leicht, die nie was sagen, nie etwas bestimmtes tun. Vermutlich wusste ich überhaupt nicht, dass sie mit diesem Schw... mit Cavanaugh verwandt war. Ist sie nicht krank geworden, irgendwann nachdem Valerie von Braniff weggezogen ist? Ich glaube nicht, dass ich sie später noch mal gesehen habe.”

 

„Ja“, erwiderte Caine langsam. „Sie war eine Zeitlang sehr krank.“ Offenbar erinnerte sich Peter nicht mehr, wer für die „Krankheit“ des Kindes verantwortlich gewesen war. Wieder einmal wunderte er sich, wie lückenhaft Peters Erinnerungen an diese Zeit in manchen Bereichen waren...

 

„Und woher hast du das?“ Peter ließ das Armkettchen von einem Finger baumeln. „Ein Geschenk? Oder ein Souvenir?“

 

Caine nahm das Schmuckstück. „Laura hat es ein paar Monate vor... dem Feuer verloren. Als sie zum letzten Mal bei uns war. Es befand sich unter den Dingen, die aus den Ruinen gerettet werden konnten, aber ich war nicht in der Lage, es ihr zurück zu geben.“

 

„Und warum jetzt dieses plötzlich Interesse an ihr?“

 

„Sie ist hier...“ Caines Augen glitten von Peter und in Richtung Tür. „Laura. Es ist schön, dich zu sehen.“

 

Peter drehte sich um und sah eine Frau in der Tür stehen. Für einen Moment dachte er, sie würde irgendjemand ähnlich sehen, einer anderen Frau, die er irgendwann einmal gekannte hatte, aber an die er sich nicht erinnerte. Er schob das leise Unbehagen beiseite, dass dieser Gedanke bei ihm hervorrief. „Hi. Du musst Laura Cavanaugh sein.”

 

„Master Caine. Und du bist sicherlich Peter”, erwiderte sie mit einem zögernden Lächeln. „Valerie hat mir gesagt, dass ich euch in Chinatown finde. Wir sind all die Jahre in Kontakt geblieben, haben uns Briefe und Postkarten geschickt, seit der Zeit, als sie mit ihren Eltern aus Braniff weggezogen ist. Von ihr weiß ich, dass du Polizist geworden bist und auf dem Revier hat man mich hierher geschickt.“ Obwohl sie Peter ansprach, blieben ihre Augen nervös auf Caine gerichtet, als sie langsam näher kam. „Ich wusste nicht, ob ich noch... willkommen sein würde... nach allem, was während eures Besuches in Braniff passiert ist. Wenn ich da gewesen wäre, hätte ich versucht, Vance aufzuhalten.“

 

Caine nahm ihre Hände in seine. „Bitte bekümmere dich nicht über Dinge, die bereits geschehen sind, Laura. Du bist nicht für die Taten deines Onkels verantwortlich... und du bist es niemals gewesen.” Er erhielt ein dankbares Lächeln für seine Worte. „Du bist... unruhig. Dies ist mehr als nur ein einfacher Besuch?“

 

Laura Cavanaugh zog ihre Hände aus dem Griff des Priesters. Ihr Blick streifte Peter, bevor sie die Augen wieder auf Caine richtete. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll....“, sagte sie. „Mein Onkel... Vance... Er ist vor zwei Monaten nach einem Autounfall gestorben. Er... hat in den letzten beiden Jahren konstant getrunken. Und da meine Mutter gestorben ist, als ich fünfzehn war, bin ich sein Alleinerbe. Als ich seine Sachen durchging, fand ich eine Menge Dinge, die ganz offensichtlich dem Shaolin Tempel auf dem Hügel gehört haben. Ich habe sie bei Rachel Lowry und dem Schrein gelassen. Aber da ist etwas... Rachel hat mir vorgeschlagen, es dir zu bringen. Sie denkt, es gehört dir.“ Sie nahm eine kleine Holzschachtel aus einer Tasche ihres Mantels und reichte sie Caine.

 

Caine sah sie fragend an, nahm die Schachtel aber entgegen. „Was ist es?“

 

Laura hob die Schultern. „Ein Medaillon. Es sind keine Bilder drin, aber Ratchel hat mir gesagt, dass Peter das gleiche trägt und es von seiner Mutter stammt. Also dachten wir, dass dieses hier vielleicht auch dir gehören könnte.“

 

„Paps?“ Peter war sofort an der Seite seines Vaters, als der Priester sichtlich blass wurde. Er entzog sich Peters Griff und lehnte sich statt dessen gegen die Kante seines Arbeitstisches. Caine starrte wie gebannt auf die Schachtel in seinen Händen. „Paps? Hey, Dad – was ist los? Sprich mit mir, Paps?“, drängte Peter, der seinen Vater selten so die Fassung hatte verlieren sehen.

 

Mit einem Seufzen fand der Priester aus seiner Geistesabwesenheit zurück und lächelte Peter beruhigend zu. Dann wandte er sich wieder an ihre Besucherin. „Ich danke dir, Laura“, sagte er mit einer Verbeugung.

 

Peter nahm die Schachtel aus der Hand seines Vaters, öffnete sie und fand darin ein Medaillon, das tatsächlich genauso wie das aussah, das einst seiner Mutter gehört hatte, und im Inneren ein Bild von Peter als Baby in ihren Armen beherbergte. Aber dieses Medaillon glänzte wie neu, offenbar wurde es nie getragen. „Woher stammt das?“, fragte er.

 

„Es gehörte... deiner... Schwester, Peter“, antwortete Caine zögernd. „Um genau zu sein, es hätte ihr gehört, wenn sie überlebt hätte...“

 

 

tbc                                                                     Teil 2