Titel: Screaming in a whisper 1
Autor: Lady Charena
Fandom: House, MD
Charaktere: House, Wilson
Thema: # 032. Sonnenuntergang
Word Count: 1267
Rating: gen
Anmerkung des Autoren: Vielen Dank an T’Len für’s betalesen.

Summe/Hintergrund: Wilson fragt sich, ob er wirklich den richtigen Beruf hat und House taucht ungebeten und unerwünscht auf. (Spoiler für: 2.19 House vs. God)

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics: Coldplay




And I see no chance of release
And I know I’m dead on the surface
But I am screaming underneath.


Er hatte Glück, das Dach war leer. Oft genug verzogen sich die Raucher hierher, obwohl es verboten war. Wilson holte tief Luft, dann wandte er sich ab und setzte sich auf den kalten Beton, mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt. Er schloss die Augen, rieb sich müde über das Gesicht. Hinter ihm färbte sich der Himmel langsam in orange und rot, als die Sonne tiefer sank.

Nach einer Weile griff er in die Tasche seines Arztkittels und zog den silbernen Flachmann hervor, den er aus House’ Schreibtischschublade... geborgt... hatte. Er nahm einen tiefen Schluck und bekam prompt etwas von dem Whiskey in den falschen Hals. Das Brennen in seiner Kehle trieb ihm Tränen in die Augen und er hustete.

„Jimmy, wie oft habe ich dir gesagt, du sollst die Finger vom harten Zeug lassen. Das ist nur was für Profis.“

Der Flachmann wurde ihm aus der Hand genommen und Wilson öffnete die Lider. House stand vor ihm, mit der Hüfte gegen seinen Stock gelehnt und schraubte eben den Flachmann zu, um ihn in seiner Tasche zu verstauen. Er schloss die Augen wieder. „Lass’ mich in Ruhe.“

„Whoa, langsam. Ich habe noch gar nichts gesagt.“

„Das ist okay für mich. Ich will nichts hören. Und ich will sicherlich nicht mit dir sprechen.“

„Ich denke, du hast mich eben beleidigt.“ House Stock klapperte gegen Stein, als er ihn anlehnte, dann setzte er sich mit etwas Mühe neben ihn auf den Boden, das rechte Bein ausgestreckt, das linke angewinkelt, so dass er den Arm dagegen stützen konnte.

Wilson seufzte, als House’ Schulter seinen Arm streifte. Der ältere Mann saß so dicht neben ihm, dass er seine Körperwärme spüren konnte. „Welchen Teil von: ‚Ich will in Ruhe gelassen werden’ hast du nicht verstanden?“

„Der Flachmann in meiner Tasche sagt mir, dass du trotz gelegentlich romantischer Anwandlungen nicht hier bist, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Also sprich’ mit mir. Wer ist gestorben?“

„Lass. Mich. In. Ruhe.” Wilson machte halbherzig Anstalten, aufzustehen, doch House umschloss mit überraschend kräftigen Griff seinen Arm, und er sackte zurück.

„Nicht, bevor du mir nicht sagst, was du hier oben machst, James.“

Der Spott war aus House’ Stimme verschwunden. Und er benutzte seinen Vornamen nur äußerst selten. Trotzdem schüttelte Wilson den Kopf. „Es ist nichts, über das ich mit dir sprechen will.“ Er öffnete die Augen, legte den Kopf in den Nacken und starrte in den vom Sonnenuntergang gefärbten Himmel. „Nichts, über das ich mit dir sprechen könnte. Vielleicht... denkst du Cameron ist noch da?“ Überrascht spürte er House neben sich zusammenzucken.



Oh brother I can’t, I can’t get through
I’ve been trying hard to reach you
‘cause I don’t know what to do.
Oh brother I can’t believe it’s true.
I’m so scared about the future
And I wanna talk to you.



House wandte den Blick ab. Das hatte tatsächlich weh getan. Er hatte nicht geglaubt, dass ihn Worte noch so verletzten konnten. Er räusperte sich und wartete einen Moment, bis er sich sicher war, dass seine Stimme normal klingen würde, drehte dann den Kopf, um seinen Freund zu beobachten. „Nun, ich bin auch brünett. Und wenn es dir hilft, dann kannst du dir ja vorstellen, ich hätte einen übergroßen Sinn für Moral und Ethik, ein Herz aus Gold und einen Knackarsch.“ Doch die Worte entlockten Wilson nicht das Lächeln, auf das er gehofft hatte. Statt dessen schienen sich die Fältchen um seine Augen zu vertiefen. „Du wirst dich mit mir begnügen müssen, Miss goody-two-shoes ist bereits nach Hause gegangen. Aber wenn du auf einen Knackarsch und Locken bestehst, kann ich dir Chase holen. Er arbeitet die Nachtschicht in der Notaufnahme...“

Wilson stöhnte und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht und durch die Haare, grub die Finger in seine Kopfhaut. „Ich hätte einfach gehen sollen. Mein Hotelzimmer ist nicht unbedingt gemütlicher als dieses Dach, aber zumindest wärmer.“

„Ich denke, du hast mit deiner Ehe soweit abgeschlossen, dass du deswegen nicht hier oben sitzt.“ House überflog in Gedanken, was er über die Situation der Onkologie wusste... es war eine relativ ruhige Woche. Keine Langzeitpatienten, die gestorben waren. Außer... er überschlug die Zeit im Kopf. „Ist es Grace?“, fragte er. „Sie ist gestorben, nicht wahr?“ Der jüngere Mann zuckte sichtbar zusammen, bestätigte damit seine Vermutung. Seine Arme verbargen weiterhin sein Gesicht, so dass House den Ausdruck in seinen Zügen nicht sehen konnte. „Das... tut mir leid. Ist sie...?“

„Hör’ auf damit“, unterbrach Wilson ihn rau. „Du hast deinen Standpunkt bei dieser unseligen Pokernacht perfekt klar gemacht. Und du... du würdest es ohnehin nicht verstehen. Um ehrlich zu sein, ich habe keine Lust, dir noch mal Gelegenheit zu geben, über mich zu lachen. Das muss ich mir jetzt nicht antun. Also lass’ es einfach. Lass’ mich einfach in Ruhe. Strenggenommen würde ich es sogar vorziehen, mit Chase zu sprechen.“

„Du würdest eher mit dem Wombat sprechen, als mit mir?“ Ehrliches Erstaunen lag in House’ Stimme.

Wilson ließ den Kopf zurückfallen, gegen die Wand, hart genug dass das dumpfe Geräusch, das dabei entstand, House zusammenzucken ließ. „Oder mit wem auch immer, so lange es jemand ist, der tatsächlich etwas fühlt! Zufrieden? Lässt du mich jetzt endlich in Ruhe?“ Wilson drehte den Kopf, um ihn anzusehen.

House Augenbrauen kletterten nach oben. Er hatte selten zuvor so viel Ärger und Schmerz, gemischt mit absoluter Hilflosigkeit, in den braunen Augen des jüngeren Mannes gesehen. Er beschloss den Seitenhieb auf sich zu ignorieren. „Ich... habe verstanden, dass dir diese Frau... etwas bedeutet hat... dass sie dir wichtig war. Aber es ist nicht so, als käme ihr Tod völlig überraschend für dich. Du hast sie eine lange Zeit behandelt. Du wusstest, dass es vorbei war. Sie wusste, dass es vorbei war. Und nach allem, was ich von ihr erfahren habe, hatte sie es akzeptiert.“

„Du hast mit Grace gesprochen? Wann?“, fragte Wilson.

„Nachdem ich den jugendlichen Wunderheiler entlassen hatte. Sie hatte Kontakt mit ihm, ich brauchte ihre Angaben für meinen Abschlussbericht.“

Wilson lachte freudlos. „Du schreibst nie Abschlussberichte. Es ging dir nur darum, deine idiotische Neugier zu befriedigen und sie über ihre Beziehung zu mir auszufragen. Dir kommt nie in den Sinn, dass es Dinge gibt, die dich einfach nichts angehen. Ich bin dein Freund, nicht dein Eigentum.“ Er seufzte und ließ den Kopf nach vorne in die Handfläche fallen. „Gott, ich bin so müde. Ich bin es so leid, Tag und Nacht von Menschen umgeben zu sein, denen ich schlechte Nachrichten überbringe. Ich hasse es, Kinder beim Sterben zusehen zu müssen, die eigentlich in die Schule gehen, sich die Knie aufschrammen oder mit ihren Freunden spielen sollten. Statt dessen werden sie mit aggressiven Medikamenten vollgepumpt, Strahlung ausgesetzt und leiden unsägliche Schmerzen, die wir nur unzureichend lindern können.“

House schwieg einen Moment. Das klang ernst. Es war Wilson offenbar wichtig. Damit war es auch für ihn wichtig. „Nichts davon ist neu. Du arbeitest seit Jahren in diesem Beruf. Du hast gelernt, damit umzugehen, ansonsten würdest du jetzt nicht hier sitzen, sondern hättest dir längst etwas anderes gesucht oder wärst in der Forschung oder sonst etwas. Du hast deinen Beruf immer geliebt und du warst immer überzeugt, einen Unterschied zu machen. Fängst du jetzt an, dass alles in Frage zu stellen, wegen einer Patientin, die du zu dicht an dich rangelassen hast?“

Wilson zog seinen Arm aus House’ Griff, er bemerkte erst jetzt, dass ihn der ältere Mann immer noch festhielt und stand auf. Er drehte sich um, stützte die Hände auf die Mauer und starrte in die Ferne, in den Sonnenuntergang, über den Campus.


Teil 2 à Prompt # 047. Herz – Screaming in a whisper Teil 2