neu: Das Schlangennest (Karl May, gen, PG)
Titel: Das Schlangennest (2003)
Autor: Lady Charena
Fandom: Karl May
Paarung: POV Old Shatterhand, Winnetou, div. OC
Rating: gen, PG
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe/Hintergrund: Abenteuer warten überall auf einen, ob man sie sucht, oder nicht.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Manning’s Port ist sicherlich kein gewöhnlicher Name für einen Ort, zumal dieser nur aus zwei Häusern bestand. Trotzdem war er auf der Landkarte eingezeichnet, die mir Leo Manning – Besitzer des einzigen Gasthauses und gleichzeitig Stadtgründer – stolz zeigte. Ich hegte nun allerdings den eben nicht sehr schmeichelhaften Verdacht, dass er mich für dumm genug hielt, nicht zu erkennen, dass es sich um einen nachträglichen Eintrag mit schwarzer Tinte handelte, der durch die Rückseite des dünnen Papiers schimmerte.

Abgesehen von dieser kleinen Flunkerei – die wohl auf der vergeblichen Hoffnung beruhte, eines Tages wirklich als Stadtgründer in die Annalen der Geschichte einzugehen – war Mr. Manning ein respektabler Ehemann, gütiger Vater, liebevoller Großvater und ehrlicher Wirt. Wobei letzteres möglicherweise auch nur aus einem Mangel an Gästen resultierte, wie ich um der Ehrlichkeit meinerseits hinzufügen muss.

Manning war an die vierzig Jahre zur See gefahren, zuerst als Schiffsjunge, und hatte sich dann bis zum Zimmermann und Koch hochgearbeitet. Trotzdem war es mir lieber, dass Mrs. Manning in der Küche das Ruder in der Hand hielt. Heute noch trug er einen stolz gebürsteten und stets akkurat geschnittenen Backenbart im britischen Stil, den er sich, wie er mir verriet, einst von einem Admiral abgesehen haben wollte. Er verlieh seinem breiten, verwitterten Gesicht mit der Knollennase und den roten Wangen nur leider die gegenteilige Wirkung von Würde. Die ganze, stämmige Gestalt des Wirtes strahlte eine Heiterkeit und Unbekümmertheit aus, die oft genug in seinen Reden Niederschlag fand. Denn eines tat Mr. Manning gern – er hörte sich selbst mit unendlicher Freude reden. Überhaupt musste das ein Manningsches Familienleiden sein, denn in den zwei Tagen meines Aufenthalts lernte ich nach und nach alle Familienmitglieder kennen. Die Mannings hatten vier Töchter und einen Sohn – da der Älteste, war dieser bereits verheiratet und hatte die Sippe um zwei Enkel erweitert. Er lebte mit seiner Familie im zweiten Haus des Ortes.

Ein drittes Haus für die zweitälteste Tochter befand sich gerade im Aufbau, deren Verlobter sich gegenwärtig noch in den Wäldern befand, um mit einer Pelzgesellschaft das nötige Geld für die Heirat aufzutreiben. Ihr deutlich gewölbter Leib sprach von neuem Familienzuwachs. Zu dieser munteren Truppe kam noch Mrs. Mannings alter Vater. Manning hatte sich diese einsame Stelle ausgesucht, weil er überzeugt gewesen war, die Great Western würde hier eine Eisenbahnstrecke legen und Manning’s Port dann zu einer großen Stadt erblühen. Unglücklicherweise kam die Bahnstrecke nie und nur gelegentlich verirrte sich ein Trapper, Holzfäller oder Pelzhändler in diese Gegend.

Selbst nach der langen, einsamen Reise durch Wälder und Prärien bis zu Manning’s Port wurde mir der Trubel, den elf Personen auf engsten Raum veranstalteten, zu viel und ich zog mich von Zeit zu Zeit in das Wäldchen zurück, das sich nicht weit hinter dem imposanten Holzhaus erstreckte. Als gewitzte Hausfrau hatte Mrs. Manning mich sogleich gefragt, ob ich nicht vielleicht auf die Jagd zu gehen gedenke und ich versprach ihr lächelnd, etwas zum Abendessen beizusteuern, sollte sich die Gelegenheit ergeben.

Hatatitla, der während meines Aufenthaltes in der Heimat zu treuen Händen bei Freunden in St. Louis untergebracht war, schnaubte leise, als ich zu ihm trat. Da ein indianisches Pferd sich in einem Stall nie wirklich wohl fühlte, hatte ich ihn hinter dem Haus angehobbelt, wo er für sich selbst sorgte – oft von den beiden Enkeln Mannings aus sicherer Entfernung bestaunt. Ich ließ meinen Rappen jedoch zurück, denn ich plante nur einen Spaziergang, keinen Ausritt und er sollte seine Kräfte für die Weiterreise schonen.

Nun befand ich mich natürlich nicht ohne Grund in dieser kleinen Niederlassung. Einige Jahre zuvor war ich bereits einmal zusammen mit Sam Hawkins hier gewesen und auch Winnetou kannte diese Ansiedlung. Mit ihm war ich verabredet. Nicht immer war es mir möglich, genau zu bestimmen, wann ich in den Westen zurückkehrte – das war nicht zuletzt eine Frage meiner finanziellen Verhältnisse. Manchmal führte uns nur der Zufall zusammen. Dieses Mal hatte ich das Glück, einem deutschen Goldsucher – den ich Jahre zuvor in England kennen gelernt hatte und der an den Rio Pecos wollte – eine Botschaft mitzugeben. Er versprach mir, sie dem ersten Apachen zu geben, dem er begegnen würde und da er deren Stammesgebiet durchqueren musste, sollte sich dies nicht als zu schwierig erweisen. Da er zwei Monate vor mir in den Westen reiste, konnte ich mir vorstellen, dass Winnetou – sofern er sich gerade im Pueblo oder in der Nähe aufhielt – meine Nachricht dann in Händen hielt, wenn ich in New York an Land gehen oder St. Louis erreichen würde. Sicher war das eine mehr als fragwürdige Methode der Nachrichtenbeförderung und so unsicher sie auch erscheinen mochte, ich hatte in der Vergangenheit die unwahrscheinlichsten Erfahrungen mit solcherlei gemacht. Wo es keine Briefträger gab, musste das Glück seine Hände ins Spiel bringen.

Zwei Tage hielt ich mich also bereits in Manning’s Port auf und da ich keine anderen Verpflichtungen hatte, wollte ich noch einige Tage bleiben, um auf Winnetou zu warten oder – falls dieser verhindert war – auf eine andere Gelegenheit. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass es mir nie an Erlebnissen mangelte, selbst dann nicht, wenn ich mir weniger Aufregung gewünscht hätte.

Ich ließ also die Anpflanzungen von Getreide, Mais, Kürbis und verschiedenen Gemüsen, auf die Mrs. Manning besonders stolz war, hinter mir zurück und trat in den Schatten der Bäume.

Das weiche Moos dämpfte meine Schritte und ich fand die Stille sehr angenehm – besonders nachdem ich das Frühstück in Gesellschaft von Mathilda Manning eingenommen hatte, die mich – offenbar wild entschlossen, dem Vorbild ihrer Schwester zu folgen und sich einen der seltenen Gäste als Bräutigam auszusehen – lachend und kokett bedient und neckisch unterhalten hatte.

Wie es meiner Gewohnheit entsprach, sah ich mich gründlich um. Obwohl kaum eine Gefahr zu befürchten stand – außer man begegnete einem zu einem Schwätzchen aufgelegten Angehörigen der Familie Manning...

Auf einer Lichtung stieß ich auf eine Schar wilder Truthähne, von denen ich mir die zwei fettesten aussuchte und schoss. Ich band ihnen die Beine mit einem Riemen aneinander und warf sie mir über die Schulter. Nachdem ich so meinen Beitrag zum Abendessen geleistet hatte, ging ich weiter, bis ich auf das muntere Bächlein stieß, das Manning’s Port und Mrs. Mannings Gemüsegarten mit Wasser versorgte.

Der Tag war warm und ich wusch mir Gesicht und Hände im klaren, kühlen Wasser, als ich plötzlich Rauch roch. Es war nur flüchtig, kaum mehr als ein Hauch und hätte ich nicht auf dem Boden gekauert, wäre er mir vielleicht entgangen. Von Manning’s Port konnte der Rauch nicht kommen, denn das lag hinter mir und die Luft kam mir entgegen. Offenbar war ich doch nicht so allein in diesem Wäldchen, wie ich gedacht hatte – und dieser andere verstand etwas von der Kunst, ein Feuer indianischer Art zu machen, das unentdeckt bleiben sollte.

Ich richtete mich auf, legte meine Jagdbeute in einer Astgabel eines jungen Baumes ab und überquerte das Bächlein, um mich durch die Büsche am gegenüberliegenden Ufer zu schleichen. Auch dort befand sich eine Lichtung, wesentlich größer als die, auf der ich die Truthähne erlegt hatte und an den zahlreichen Baumstümpfen war zu erkennen, dass die Mannings hier wohl Holz machten – oder gemacht hatten.

Nahe bei einer Lücke im Gebüsch, die so einen Zugang zu der Lichtung ermöglichte, stand ein Planwagen von der Art, in denen neue Siedler ihre Habseligkeiten mitführten, wenn sie in den Westen aufbrachen. Auch dieser hier schien schon mehr als einen solchen Trek mitgemacht zu haben. Zwei Räder waren offenbar nicht mehr original, sondern ausgetauscht worden, ihr Holz hatte eine andere Farbe. Das Segeltuch war verblichenen und schmutzgrau, mit Flicken und Löchern versehen. Die Seiten des Wagens mussten einmal mit farbigen Zeichnungen oder Schriftzügen verziert gewesen sein, doch die Zeit und der Regen hatten sie zu undeutlichen Schlieren ausgewaschen. Auf dem hölzernen Bock lag ein verbeulter und mitgenommener Hut und eine nicht minder alte Büchse lehnte dagegen.

Vor dem Wagen standen zwei schlechtgeflochtene Körbe, deren Oberseiten mit Leder bespannt waren und die eine gewisse Ähnlichkeit mit den Trommeln von Südseeinsulanern aufwiesen. Unfern davon rupften zwei magere, abgehalfterte Kutschengäule ihr Futter von den nahen Büschen. Zwei lederne Proviantbeutel hingen daneben an einem jungen Baum.

In einiger Entfernung vom Wagen, fast in der Mitte der Lichtung gelegen, brannte ein Feuer, säuberlich von einem Steinkreis umringt. Eine blecherne Kaffeekanne und diverse – auf einem Stück weichen Leder ausgebreitete – Küchenutensilien zeugten davon, dass der Besitzer des Wagens gerade dabei war, sich ein Mittagsmahl zu bereiten. Die Frage war nur, wo steckte dieser Jemand?

Wie als Antwort auf meine Überlegungen trat in diesem Moment eine junge Frau mit zwei Lederschläuchen durch den Durchgang auf die Lichtung. Ihr rundliches Gesicht mit den mandelförmigen Augen ließ keinen Zweifel an ihrer asiatischen Herkunft. Sie trat zum Feuer und begann damit, die Kaffeekanne mit dem Wasser aus einem der Schläuche zu füllen. Sie war offensichtlich kurz nach mir am Bach gewesen. Ungewöhnlich für die Wildnis schien mir ihre Kleidung. Bunte, seiden schimmernde Stofflagen waren kunstvoll übereinander gewickelt und durch einen breiten Gürtel an ihren Körper geschmiegt. Ihr Haar w