Titel: Der Sänger
Autor: Lady Charena
Fandom: Sherlock Holmes
Pairung: Der Sänger, Sherlock Holmes, div. OC
Rating: PG-12
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Sherlock Holmes sucht den Sänger im Cabaret auf. [In der Verfilmung des Sherlock-Holmes-Textes „The Adventure of Charles Augustus Milverton“ (Der König der Erpresser/The Master Blackmailer - Granada, 1992, mit Jeremy Brett) tritt ein namenlos bleibender Nebencharakter in einem illegalen Travestie-Cabaret auf. Der Sänger - dessen Liebhaber Selbstmord begeht, als er eines von Milvertons Erpressungsopfer wurde - hat mich genau wie die Atmosphäre im Cabaret fasziniert und ich habe die wenigen Szenen und Informationen über ihn und Colonel Dorking in dieser Story verarbeitet, um dem Charakter einen Hintergrund zu geben.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.




Unter schweren, mit Goldpuder bestäubten Lidern glitt sein Blick träge, ja gleichgültig über das Publikum.

Altbekannte Gesichter, dazwischen nur wenige Neuankömmlinge. Stühle, selbst Tische wurden zurechtgeschoben, um freien Blick auf die Bühne zu gewähren und verursachten leises Wispern auf den dicken Teppichen. Gläser klirrten hell. Hier und dort erklang noch etwas Gelächter oder Gemurmel brandete für einen Augenblick auf, doch auch das verstummte bald. Schwere, samtene Stille breitete sich über den Raum aus. Unter den Tischen – oder auch ganz offen über sie hinweg – griffen Hände nacheinander, umfassten sich fest. Beine streiften einander wie zufällig. Zigaretten wurden mit leicht zitternden Händen angezündet. Die Vorhänge, die das Separee abtrennten, wurden wieder geschlossen, um das Ende der Pause zu bedeuten. Ein verspätetes Paar glitt herein, im Gehen hastig den letzten Knopf schließend und die Knitterfalten aus der Hose schüttelnd. Sie ließen sich atemlos am letzten freien Tisch direkt neben dem Ausgang nieder.

Sein Blick fiel auf einen Tisch direkt an der Bühne. Ein Schild wies ihn als reserviert aus, doch es war niemand da, um ihn in Besitz zu nehmen.

Ein verächtliches Lächeln krümmte seine zartgeschminkten Lippen. Sein Publikum konnten es nicht sehen und selbst wenn – hätten sie es schwerlich verstanden, dass er nichts als Verachtung für sie empfand. Für die, die ihn so verehrten und abgöttisch liebten. Ihre entartete Lust an ihm stillten.

Als die Lampen zu beiden Längsseiten des Raumes herunter gedreht wurden und ihn in mattes Halbdunkel tauchten, fanden Lippen einander und glitten Hände über angespannte Körper. Nur die Bühne lag - noch verlassen - im hellen Schein besonders starker Lampen.

Seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes wagten sich fast nur noch Stammgäste hierher. Und sie kamen, um ihn zu sehen.

Nicht die drei Tänzer in ihren bunten Kostümen, die nach ihm auftraten, lockten sie her – nicht Salomé, die verführerische Schleiertänzerin aus dem fernen Osten, die aber als Thomas Burl in Cambridge auf die Welt gekommen war.

Nein, sie kamen einzig, um ihn zu sehen, um dem Zauber seiner Stimme zu erliegen. Sie würden seinen Gesang in sich aufsaugen, sich daran entzünden, ihre verbotene Lust damit schüren... Stände es auf der Stirn jedes einzelnen Mannes hier geschrieben, er hätte es nicht klarer lesen können.

Seine kleine, weiße Hand mit den sorgfältig zurechtgemachten Nägeln löste sich und er ließ den schweren Bühnenvorhang wieder zufallen, automatisch zurückweichend, so dass er ihn nicht streifte.

Der Sänger wandte sich ab, sein Blick glitt ohne zu sehen über die anderen Tänzer und Sänger, die sich auf ihren Auftritt vorbereiteten.

Er nahm einen Schluck aus dem Glas, das er in Gedanken verloren mit aus der Garderobe genommen hatte, doch der Champagner war längst warm. Angewidert goss er ihn auf den Boden und stellte das Glas irgendwo ab.

Garrett kam mit dem Spiegel und dem Fächer, der zu seinem Auftritt gehörte und der Sänger prüfte noch einmal den Sitz seiner Perücke, verwischte mit den Fingern den Puderrand an seinem Hals noch ein wenig mehr und strich dann die Kontur seiner Lippen nach. Er befeuchtete mit der Zungenspitze die Kuppe seines Zeigefingers leicht und strich glättend über seine fein gezupften Augenbrauen. Dann rückte er sein Kostüm zurecht und griff nach dem Fächer.

Garrett legte den Spiegel auf einen Stuhl und stand da, ihn wie jeden Abend mit diesem hilflosen Blick voll Begehren betrachtend.

Der Sänger umschloss den zusammengefalteten Fächer mit einer Hand und ließ die Finger der anderen spielerisch daran entlang gleiten. Auf und ab.

Garretts Augen quollen fast aus ihren Höhlen. Er schluckte krampfhaft, eine feine Schweißschicht bedeckte seine Stirn, als sein Blick wie hypnotisiert den Fingern des Sängers folgte.

Auf und ab, ein sanfter, fließender Rhythmus. Unter seiner Berührung wisperte lackierter Bambus, hauchdünne Seide knisterte. Und dann – abrupt, mit einer einzigen blitzartigen, gekonnten Bewegung aus dem Handgelenk – schlug er den Fächer mit einem scharfen, unmelodischen Knall auf und sofort wieder zu.

Garrett schreckte aus seinen Tagträumen auf und wich einen Schritt zurück, gegen eine der ‚Tänzerinnen‘ im Madame Butterfly-Kostüm taumelnd, die lautstark gegen diese Behandlung protestierte.

Der Sänger lächelte. „Verschwinde“, befahl er.

Und Garrett verschwand – benommen, aber gehorsam - zwischen den hin- und hereilenden Künstlern.

Der Sänger verließ den hinteren Bühnenbereich wieder und trat erneut an den Vorhang. Es war gleich soweit, er musste nicht auf die Uhr blicken. Das gespannte Schweigen im Zuschauerraum hatte seinen Höhepunkt erreicht.

Ein leiser Gong ertönte – und jeder Laut, ob vor oder hinter der Bühne, verstummte.

Der Sänger schlug seinen Fächer auf. Paul und Andrew, die nur auf dieses Signal gewartet hatten, zogen den Vorhang auseinander und er trat auf die Bühne.

Vor den Augen des Publikums verborgen, setzte Paul nun die Nadel des Grammophons auf die Platte. Leicht kratzend, ein wenig verzerrt, ein wenig leiernd, erklang die Melodie.

Der Sänger begann zu singen.

Die Gesichter der Männer verschwammen vor seinem Blick mit dem Halbdunkel, mit dem weichen Schein der Kerzen auf den Tischen und dem Funkeln der Gläser.

Der Sänger sang und verlor sich selbst in der Melodie. Und nahm sie mit sich.

* * *

Der Applaus setzte wie immer zögernd ein, da niemand der Erste sein wollte, der die Stille nach dem letzten Ton brach.

Zufrieden glitt der Blick des Sängers über sein Publikum, milder gestimmt nun, sich weidend an der Bewunderung, die sich auf so vielen Gesichtern widerspiegelte.

Der Tisch in der ersten Reihe, direkt an der Bühne, war nicht mehr leer. Ein Mann saß dort, den Kopf etwas gesenkt, so dass sein Gesicht außerhalb der Reichweite der Kerzenflammen lag und nicht zu erkennen war. Seine rechte Hand lang auf dem Tisch, seine Finger spielten mit dem Stiel des leeren Champagnerglases.

Der Sänger beobachtete ihn aus der Deckung des aufgeschlagenen Fächers heraus, während er sich noch immer im Applaus und den bewundernden Zurufen sonnte. Kein Stammgast.

Plötzlich sah der andere Mann auf, als spüre er den Blick des Sängers und ihre Augen begegneten sich für einen Moment.

Scharfe, neugierige, dunkle Augen sahen in die gleichmütigen, nun wieder fast gelangweilt dreinblickenden des Sängers und hielten sie fest.

Der Sänger schlug den Fächer nieder und die Bewegung brach den Bann.

* * *

Hinter der Bühne, in seiner Garderobe, wartete Jean darauf, ihm aus dem Kostüm zu helfen. Ungeduldig riss der Sänger den engen Kragen auf, Jean verfluchend, weil dieser so lange benötigte, um die Knöpfe im Rücken zu öffnen. Sobald der schwere Stoff von ihm abfiel, schleuderte er die zugehörigen Schuhe in die Ecke und ließ sich auf seinen Stuhl vor dem Schminktisch fallen, den Fächer noch immer in der Hand. Er warf ihn auf den Tisch, zwischen Puderquasten und Khol-Stifte.

Jean legte ihm seinen Morgenrock um die Schultern und begann damit, die Nadeln aus der Perücke zu ziehen, um sie abzunehmen. Er arbeitete flink und schweigend; wusste, wie sehr es der Sänger nach dem Auftritt hasste, angesprochen zu werden. Vorsichtig bettete er die Perücke auf ihre Halterung, wo sie bis morgen abend liegen würde. Dann kehrte er zurück und betrachtete den Sänger, der in Gedanken verloren da saß und mit einem Khol-Stift spielte.

„Hol‘ mir etwas zu trinken.“ Der Sänger wirbelte plötzlich herum, doch Jean war an so etwas gewöhnt und zuckte nicht einmal zusammen. „Und mach‘ diese verdammten Lampen aus, ich habe Kopfschmerzen.“

Jean nickte nur und eilte, den Befehlen Folge zu leisten. Bevor er jedoch den Raum verlassen konnte, klopfte es leise an die Tür.

„Ich empfange keinen Besuch“, murmelte der Sänger dumpf, sein Gesicht in den Händen vergraben.

Wie immer, wenn die Euphorie des Auftritts - dieses einen Moments, in dem er sich wirklich lebendig fühlte – abebbte, kehrte die Leere zurück und verdunkelte seine Seele.

Jean öffnete die Tür einen Spalt, nur weit genug, um hinaus zu schlüpfen und den ungebetenen Besucher abzuweisen. Einen Augenblick später kam er mit einer Visitenkarte zurück, die er auf den Schminktisch legte.

Der Sänger sah nicht auf. „Ich will niemanden sehen, Jean, verdammt nochmal, wer es auch ist, ich will niemanden sehen!“

Jean nickte und verschwand nach draußen.

Der Sänger hob den Kopf. Er wischte die Karte des Detektivs vom Tisch. Tränen hinterließen schwarzen Khol-Spuren auf seinen Wangen.

* // * // *

Wütend schleuderte der Sänger den Fächer auf den Schminktisch, heftig genug, dass Farbe von dem dünnen Bambusrahmen absplitterte.

Wieder war dieser Mann in der Vorstellung gewesen und wieder hatte er nur schweigend dagesessen. Wie am Tag zuvor musste er herein gekommen sein, als das Licht bereits herabgedreht worden war, denn zuvor war der Tisch an der Bühne leer gewesen.

Er wandte sich an Jean, bevor dieser Gelegenheit hatte, auch nur einen Knopf des Kostüms zu lösen. „Wer ist es?“, fragte er scharf. „Was will er von mir?“

Jean schüttelte nur den Kopf.

Aufstöhnend sank der Sänger in seinen Stuhl, ohne sich zu kümmern, dass das Kostüm zerknitterte. „Ich will niemanden sehen. Geh‘ hinaus und sag’ es allen. Ab sofort will ich nach meinem Auftritt keinen Fremden mehr hinter der Bühne sehen. Ansonsten setze ich keinen Fuß mehr durch diese Tür“, befahl er. „Und hol mir endlich etwas zu trinken.“

Kaum hatte Jean die Garderobe verlassen, als es klopfte. Der Sänger antwortete nicht. Statt dessen zerrte er an den Nadeln, welche die Perücke auf seinem Kopf festhielten. Als die Tür sich trotzdem öffnete, fuhr er herum und schleuderte wutentbrannt einen Parfumflakon nach dem eintretenden Mann. „Ich will nicht gestört werden!“

„Beruhige dich“, sagte Paul und richtete sich auf. Er war dem Flakon gerade noch ausgewichen. „Es sind Blumen für dich abgegeben worden.“

Der Sänger nahm widerstrebend den in weißes Seidenpapier eingeschlagenen Strauß. „Du kannst gehen“, fuhr er Paul an. Der machte nur zu gerne auf dem Absatz kehrt und verschwand.

Das Papier erwies sich ungewöhnlich widerspenstig und bauschte sich knisternd auf, als er versuchte, es auseinander zu ziehen. Schließlich riss er es mit einem leisen Fluch einfach auf.

Weiße Lilien. Angewidert schleuderte er den Strauß von sich. Matt und bleich, fast durchscheinend, lagen die zerbrechlich wirkenden Blüten auf dem Boden. Weiße Lilien, wie zu einem Begräbnis. „Zum Begräbnis einer Hure“, flüsterte er. Geheimnisvoll anmutende Orchideen, teuer und exotisch oder luxuriös duftende Rosen, das waren seine Blumen. Der Sänger zitterte – vor Wut und Ekel gleichermaßen. Er schlang die Arme um sich selbst und schrie nach Jean.

Jean stürzte in den Raum, blass vor Schreck.

Mit einer zitternden Hand wies der Sänger auf die Lilien. „Schaff’ sie hier raus“, stöhnte er. Dann drehte er ihnen den Rücken zu, legte die Arme auf den Schminktisch und den Kopf auf die Arme.

Jean sammelte schweigend die Blumen auf und trug sie aus dem Raum.

Betäubend hing der schwere Parfümduft exotischer Blüten im Raum, die Scherben des Flakons lagen noch bei der Tür. Doch der Sänger nahm ihn nicht wahr – er roch nur den Grabgeruch der Lilien...

* // * // *

Als er die Bühne verließ, trat Paul zwischen zwei Kulissenteilen hervor und flüsterte ihm einen Namen zu.

Der Sänger sah ihn an, nervös seinen Fächer zwischen den Fingern drehend. „Sherlock Holmes?“, wiederholte er. „Der Detektiv...“ Er floh in seine Garderobe.

Müde betrachtete er dort eine halbe Stunde später die Visitenkarte, die Jean hereingebracht hatte.

Sherlock Holmes bat um eine Unterredung.

Ein Mann wie er war sicherlich nicht hier, um sich zu amüsieren. Der Mund des Sängers verzerrte sich zu einer humorlosen Grimasse. Einen Moment lang war er versucht, die Karte zu zerreißen, doch dann legte er sie behutsam auf den Tisch. Er trank sein Glas aus und hätte nicht sagen können, ob es Wein oder Wasser gewesen war, sein Mund war wie taub. „Bitte ihn herein“, sagte er zu Jean, ohne ihn anzusehen. Er zog den Morgenrock enger um sich, fühlte sich ohne sein Bühnen-Make up plötzlich nackt.

Es klopfte leise und er sah auf. Jean schloss die Tür hinter dem Detektiv. „Mr. Holmes?“ Der Sänger neigte grüßend den Kopf. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“ Seine Stimme klang fragend und abweisend zugleich – und sehr müde.

„In dem Sie mir eine Frage beantworten“, entgegnete Holmes leise.

Abrupt drehte der Sänger sich um, doch auch hier begegnete sein Blick Holmes Augen im Spiegel. „Nein.“ Seine Stimme zitterte.

„Ist dies nicht etwas voreilig?“ Holmes zog sich einen zweiten Stuhl heran und setzte sich. „Sie kennen meine Frage noch nicht.“

„Ich will sie nicht wissen.“ Die Finger des Sängers schlossen sich um den Fächer, öffneten sich, schlossen sich. Er schien es nicht zu bemerken. „Sie haben die Lilien gesandt, nicht wahr?“

„Ja.“ Holmes Blick war auf den Spiegel gerichtet.

Das Gesicht des Sängers verzerrte sich. „Ich hasse Lilien“, stieß er hervor.

Holmes schüttelte bedauernd den Kopf. „Wohl ein Irrtum von Colonel Dorkings Bursche, der sie mir empfahl“, meinte er leichthin. „Er sagte mir, der Colonel hätte Ihnen stets welche gesandt.“

Der Sänger zuckte zusammen, als wäre er geschlagen worden. „Was wissen Sie von... Colonel Dorking? Wie haben Sie…“ Er konnte nicht weitersprechen.

„Es gehört zu meinem Beruf, Dinge zu wissen“, meinte Holmes mit einer kleinen, sarkastischen Verbeugung.

Der Sänger schwieg und vergrub das Gesicht in den Händen.

Holmes spielte mit seiner Uhrenkette. Geduld war noch niemals seine starke Seite gewesen, doch er wartete ab.

„Ich hätte... einen Mann wie Sie nicht hier erwartet“, sagte der Sänger schließlich. „Ein Mann, der für Recht und Ordnung steht, an diesem Ort...“

Holmes gestattete sich ein dünnes, ironisches Lächeln. „Aber auch ich bin nur – wie Sie so richtig anmerkten – ein Mann.“

Der Sänger hob langsam den Kopf. „Ich... verstehe“, sagte er leise. Wieder begegnete er Holmes Blick im Spiegel. Dann drehte er sich er sich um. „Was wollen Sie von mir? Colonel Dorking ist… tot.“ Wieder brach seine Stimme.

„Ich möchte erfahren, aus welchem Grund Sie ihn an Milverton verraten haben.“

Das ohnehin blasse Gesicht des Sängers verlor alle Farbe. Ein erstickter Laut kam über seine Lippen, bevor er die Hand dagegen presste.

Holmes beugte sich vor. „Sie haben intime Briefe, die der Colonel an Sie geschrieben hat, an Milverton verkauft, der daraufhin Colonel Dorking damit erpresste.“

Der Sänger schüttelte den Kopf. Er schlang die Arme um sich selbst. Holmes sah ihn zittern.

„Aus welchem Grund?“, wiederholte er.

Der Sänger schloss die Augen. „Ich habe ihn geliebt“, flüsterte er. Er krümmte sich wie unter einem Schlag zusammen. „Geliebt.“

„Sie haben ihn verraten“, versetzte Holmes kalt.

„NEIN!“ Der Sänger schrie gequält auf. „Ich... ich wollte das nicht. Ich war... verletzt, er hatte mir gesagt, er müsse diese Frau heiraten, um gewisse Gerüchte um seine Person zum Verstummen zu bringen. Er wollte mich verlassen!“

„Das rechtfertigt nicht einen Vertrauensbruch diesen Ausmaßes.“

„Ich war wahnsinnig vor Hass.“ Tränen strömten über das Gesicht des Sängers. „Jemand nannte mir Milvertons Namen. Er sagte, es würde alles ohne Aufsehen über die Bühne gehen. Die Verlobung würde aufgelöst werden, denn keine Frau würde so etwas verzeihen...“ Der Sänger blickte ihn an. „Haben Sie je so sehr geliebt, Mr. Holmes?“, flüsterte er. „So sehr, dass Sie glaubten, Sie müssten sterben, wenn diese Liebe nicht erwidert wird?“

Ein seltsamer Ausdruck huschte über die Züge des Detektivs. Holmes senkte den Blick. „Aber Colonel Dorking ist gestorben“, entgegnete er leise, seine Stimme klang belegt. „Nicht Sie.“

Ein müdes Lächeln glitt über das Gesicht des Sängers. „Glauben Sie wirklich, ich bin noch am Leben?“ Er wies auf das Kostüm, auf die Perücke, auf die Schminkartikel. „Das lebt, nicht ich.“

Holmes erhob sich. „Ich werde Sie jetzt nicht länger stören“, sagte er. „Guten Abend.“

Der Sänger sah ihm nach. Doch sein Blick reichte weiter – in die Vergangenheit...

Deine Augen sind wie zwei Sterne. Du bist ein Stern. Aber nicht wie die Sterne am Himmel, nicht kalt, nicht einsam...

Er verschloss sich vor der Erinnerung, vor den Worten, vor den Bildern, die sie hervorriefen.

Du bist mein Stern...

Auf den Straßen Paris als Sohn bettelarmer italienischer Einwanderer aufgewachsen, war er einer unter vielen gewesen. Hier in London war er ein Star.

Ein Stern am Himmel... und ganz allein.


Ende