Regenspiele (2005)
Autor: LadyCharena




Regen.

Regen.

Regen.

Nichts als Regen und ein grauer Himmel. So genau das richtige Wetter, um miese Laune zu bekommen.

Wenigstens ist es nicht kalt. Ganz im Gegenteil ist der Raum fast stickig heiß. Ich lehne mich an die kalte, klare Barriere nach draußen, gegen die Balkontür.

Der böige Wind treibt den Regen auseinander, bis er wie feinster Sprühnebel gegen die Scheibe schlägt.

Wie er sich wohl auf der Haut anfühlen wird?

Ich schlüpfe aus den Schuhen und gehe barfuss auf den Balkon. Die Holzbretter sind kühl und glitschig-feucht unter meinen Fußsohlen.

Die Welt ist verstummt. Nicht einmal ein Auto von fern ist zu hören. Der Spielplatz ist so leer und verlassen wie die Straßen des Viertels. Bei vielen Häusern sind sogar wie am Abend die Jalousien geschlossen, obwohl es erst früher Nachmittag ist.

Die Luft schmeckt... klar. Ich kann es nicht anders beschreiben. Kalt und ohne den üblichen Geruch von Abgasen, mit einem Hauch von Gras und Blüten, vielleicht von den blühenden Bäumen unten in der Allee.

Eine Bö treibt mir Regen ins Gesicht und die Tropfen explodieren auf meiner erhitzten Haut wie winzige, spitze, kalte Nadeln. Der Wind zerrt an mir und für einen Moment fühle ich mich schwerelos, als würde ich gleich abheben und davon segeln, wie ein losgerissenes Blatt. Die Arme ausgebreitet, wende ich mein Gesicht dem Regen entgegen.

Dann lässt der Windstoß nach und ich stehe wieder fest auf dem Boden.

Das Gefühl der Leichtigkeit bleibt.

Ich warte mit geschlossenen Augen, doch der Wind legt sich und der Regen fällt nun gleichmäßig und schnurgerade. Die Tropfen prallen auf das breite Metallgeländer des Balkons und zerspringen, durchnässen die Vorderseite des Shirts, das ich trage.

Langsam wird mir kalt. Doch ich bleibe stehen, hoffe auf eine neue Bö, um noch einmal die Euphorie zu spüren, die Leichtigkeit.

Ich warte vergeblich.

Der Regen schließt sich wie ein dämpfender, grauer Vorhang, hüllt alles ein, erstickt alle Geräusch außer seinem monotonen Trommeln. Ich kann nicht einmal meinen eigenen Herzschlag hören, selbst ihn überdeckt er.

Aber ich höre das leise Klicken der Balkontür, als sie hinter mir geöffnet wird.

Aus meinem Haar tropft Wasser und rinnt mir ins Gesicht, die Wangen entlang. Ich fange es mit der Zunge auf. Es schmeckt leicht süß und zugleich metallisch, eine Ahnung von Rauch, von Rinde, von Erde.

Du legst mir ein Handtuch um die Schultern und ziehst mich ein paar Schritte zurück, so dass ich außerhalb der Reichweite des Regens bin.

Du nimmst das Handtuch, beginnst meine Haare darin einzuwickeln.

Langsam drehe ich mich um, sehe dich an. Und schließe die Augen, als du dich vorbeugst.

Der Regen überdeckt das Hämmern meines Pulses, der plötzlich zu rasen anfängt.

Fast fiebrig heiß fühlt sich dein Mund, deine Zungenspitze auf meiner Haut an, als du die Regentropfen von meinen Wangen leckst.

Ein Zittern läuft durch mich und die feinen Härchen an meinen Unterarmen richten sich auf.

Deine Hände auf meinen Schultern – der einzige Berührungspunkt außer deinen Lippen, denn du willst nicht ebenfalls nass werden – brennen durch den dünnen, feuchten Stoff.

Du führst mich zurück, nach drinnen, wo es mir jetzt angenehm warm erscheint. Die Balkontür bleibt offen, so dass der Wind mit den langen Vorhängen spielen kann. Ich spüre, wie sie meinen Rücken streifen, als wollten sie mich wieder nach draußen locken.

Du ziehst an dem Handtuch und es rutscht mir von den Schultern, fällt auf den Boden. Gehorsam hebe ich die Arme und lasse mir das nasse Shirt über den Kopf zerren.

Ich denke daran, dass man mich von unten, von der Straße, von den Häusern gegenüber, sehen kann. So hoch ist der erste Stock nicht und die Balkonbrüstung reicht mir nur knapp bis zu den Hüften.

Aber wer sieht bei dem Wetter schon aus dem Fenster und wer jetzt unterwegs sein muss, ist auf etwas anderes konzentriert, als auf fremde Balkone zu starren.

Wieder streifen mich die Vorhänge. Nur ganz leicht, fast so, wie zögernde Fingerspitzen, streichen sie über meine Schultern, meinen Rücken, meine Seite.

In der fahlen Frühsommersonne, die sich schwer tut, durch die Wolken zu kommen, sieht meine Haut noch blasser aus als sonst. Ein kleines Rinnsal kommt aus meinen Haaren und fließt über meine Schulter, in das Tal zwischen meinen Brüsten, über meinen Bauch, um dort dann gierig von der Hose aufgesogen zu werden. Der Stoff um Schenkel und Knie ist durchnässt von der Zeit, die ich im Regen stand und klebt unangenehm auf der Haut. Meine Haare sind schwer und vollgesogen und wirr. Der Wind, der an den Vorhängen zerrt, kann sie kaum bewegen und wenn doch, dann zittern sie nur kurz wie träge Schlangen an einem kalten Tag.

Mit einer Fingerspitze folgst du den Lauf eines einzelnen, großen Tropfens, fängst ihn auf, bevor er im Stoff versickert und reibst ihn in meine Haut.

Deine Hand ist sehr warm an meinem Bauch.

Langsam leitet der Druck deiner Hand mich ein, zwei Schritte zurück, bis ich im Türrahmen stehe. Die kalte, feuchte Luft fühlt sich solide an meiner nackten Haut an, fast so, als könnte ich mich gegen sie lehnen, wie gegen eine unsichtbare Mauer.

Ich spüre wieder den feinen Sprühregen und möchte ihn auf meinem Gesicht fühlen, doch ich drehe mich nicht um. Ich öffne nur die Augen, sehe dich fragend an.

Unter meinen Füßen ist die Metallschiene der Balkontür sehr kalt.

Deine Hand schließt sich um meine Schulter, stößt mich plötzlich nach hinten und ich stolpere, überrascht, aus dem Gleichgewicht gebracht und lande auf den feuchten Brettern auf dem Fußboden des Balkons. Mein Hinterkopf schlägt unsanft auf ihnen auf, wenig gedämpft durch meine Haare.

Es riecht dumpf und modrig, nach den Blättern, die im Herbst zwischen die Ritzen geweht wurden und im Hohlraum unter den Brettern vor sich hin rotten.

Mein Herz rast plötzlich wieder.

Du kniest neben mir. Und ich schließe wieder die Augen, überlasse mich ganz dem feinen Nebel des Regens, den Tropfen, die von der Brüstung kalt und schwer auf meine Haut fallen. Und deinen warmen Händen.

Über uns senkt sich das Schweigen des Regens.

Regen.

Regen.

Regen.

Was für ein schönes Wort...



Ende