Rausch

T’Len

2006

 

 

 

Fandom: SK Kölsch

Charaktere: Jupp Schatz/Klaus Taube

Kategorie: NC-17, m/m-slash

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Summe: Ein Fall führt Jupp und Klaus in die Schwulenszene. Was zunächst wie Routine aussieht, bringt Jupp plötzlich in Gefahr und verändert Klaus’ Leben für immer.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Vielen Dank an Lady Charena fürs Beta.

 

Teil 1                            Teil 2

 

 

 

 „Hey, das ist aber nicht meine Wohnung“, meinte Jupp, als Klaus ihn eine Viertelstunde später durch eine Wohnungstür schob und das Licht anknipste.


“Nein, das ist meine“, erklärte Taube.

 

„Ich wusste es immer, du wartest nur auf eine Gelegenheit, mich abschleppen.“ Jupp schwankte verdächtig. „Aber so einfach kriegst du mich nicht. Nicht mal jetzt.“

 

Klaus griff nach seinem Arm und führte ihn ins Schlafzimmer. „Sei nicht albern, Jupp“, sagte er, während er das Licht anschaltete und Jupp aufs Bett dirigierte. „Aber willst du, dass dein Sohn dich so sieht? Du bleibst heute Nacht hier.“

 

Er kniete nieder und zog Jupp die Schuhe aus. „Meinst du, den Rest schaffst du allein?“

 

„Sicher“, erwiderte Jupp. „Ich bin doch kein kleines Kind mehr.“

 

Klaus erhob sich, stellte seine und Jupps Schuhe in den Flur und löschte dann das Licht dort. Zurück im Schlafzimmer zog er seinen Anzug aus. Jupp fingerte derweil mit zittrigen Händen an seiner Weste herum. Als Klaus ihm helfen wollte, wehrte er ab. „Ich bin doch kein kleines Kind.“ Schließlich schaffte er es, die Knöpfe zu öffnen. Klaus hatte derweil auch seine Krawatte und sein Hemd abgelegt.

 

„Du solltest öfters schwarz tragen“, stellte Jupp mit Blick auf Taubes Unterwäsche fest. „Das steht dir.“

 

Klaus sah ihn fragend an, erwiderte jedoch nichts. „Ich geh’ kurz unter die Dusche“, sagte er dann. „Wenn du mich brauchst, ruf einfach!“

 

„Aye, aye, Sir, Madame“, erwiderte Jupp kichernd. “Weißt du, was dir auch stehen würde?”

 

Klaus drehte sich um. „Nein.“

 

„Weiß. Ein weißes Brautkleid“, kicherte Jupp

 

Klaus seufzte, als er das Zimmer verließ. Jupp war offensichtlich noch mehr zu Vorurteilen und blöden Sprüchen aufgelegt, als in nüchternem Zustand. Das würde zweifelsohne eine lange Nacht werden. Wer wusste schon, welche Wirkung das Kokain und der Alkohol auf Jupp haben würden, ob und was er halluzinieren würde und wie schlimm dann der Entzug wurde, wenn die Wirkung nachließ.

 

Bevor er ins Bad ging, trat er noch rasch ans Telefon. Anna würde nicht begeistert sein, doch jemand musste schließlich nach Flo schauen und er konnte hier nicht weg.

 

///

 

Frisch geduscht und in sauberer, schwarzer Unterwäsche kam er wenige Minuten später zurück ins Schlafzimmer. Jupp hatte sich mittlerweile ausgezogen, wie ihn die unordentlich im ganzen Raum verstreute Wäsche zeigte, und sich unter der Bettdecke zusammengerollt. Er schien zu schlummern. Klaus überlegte, ob er nicht besser auf der Couch im Wohnzimmer schlafen sollte, entschied sich dann aber doch dagegen. Er wusste nicht, wie viel von dem Kokain wirklich in Jupps Blutkreislauf gelangt war. Möglich, dass er bald wieder aufwachte und von Halluzinationen geplagt wurde. Besser, er blieb in seiner Nähe und ließ das Licht an.


So schlüpfte Klaus auch unter die Bettdecke. Sein französisches Bett bot Platz genug für zwei. Auch wenn er es eigentlich kaum brauchte, hatte er sich, nachdem der Rohrbruch seine alte Wohnungseinrichtung zerstört und er eine Weile bei Ellen bzw. nach ihrem Tod Jupp gewohnt hatte, für sein neues Zuhause wieder ein breiteres Bett gekauft. Wohl in einem Anflug von Optimismus, er würde doch irgendwann den richtigen Partner fürs Leben finden. Auch wenn ihm das von Jahr zu Jahr unwahrscheinlicher schien. Dass der Hauptgrund für sein Alleinsein darin lag, dass er sich etwas ersehnte, was er nie würde bekommen können, ignorierte er geflissentlich.

 

Kaum hatte sich Klaus hingelegt, da kuschelte sich Jupp auch schon von hinten an ihn. „Wo steckst du denn so lange?“, murmelte er. „Das ist doch unsere Hochzeitsnacht, da lässt man den Bräutigam nicht allein.“

 

Hochzeitsnacht? Klaus war sofort alarmiert. Offensichtlich hatten die Halluzinationen begonnen. „Jupp, du fantasierst“, sagte er leise und versuchte den Freund von sich zu schieben.

 

Doch Jupp schlang seine Arme nur noch enger um ihn. „.Hab dich lieb, Ellen“, murmelte er. „So verdammt lieb.“

 

Klaus holte tief Luft. Ellen! Jupp halluzinierte offensichtlich von seiner toten Exfrau. Es verwunderte ihn nicht. Egal mit wie viel Frauen Jupp auch Beziehungen hatte, Ellen schien seine einzige wahre Liebe gewesen zu sein. Ihr Tod hatte ihn damals schwer getroffen und in tiefe Schuldgefühle gestürzt. Wenn er die Spielkonsole für Flos Geburtstag rechtzeitig besogt hätte, hätte Ellen nicht aussteigen müssen und wäre nicht von einem Auto erfasst worden – lange hatte Jupp sich nicht von diesen Selbstvorwürfen befreien können. Erst allmählich hatte er wieder, auch mit Klaus Hilfe, seinen inneren Frieden gefunden. Zumindest hoffte Klaus, dass Jupp ihn nicht nur etwas vorgemacht hatte diesbezüglich, um seine Ruhe zu haben.

 

„Ich bin nicht Ellen“, sagte er, in der Hoffnung zu Jupp vorzudringen.


“Ich weiß, Klaus“, kam es von Jupp zurück. Die Umarmung aber blieb. Taube runzelte die Stirn. Halluzinierte Jupp nun oder nicht? Aber warum sollte er ihn sonst berühren? Er wusste doch, wie Jupp auf die Nähe zu Homosexuellen reagierte. Nach seinem Kuss gestern hatte er doch auch nichts schneller tun können, als sich den Mund abzuwischen. Auch wenn sie Freunde waren und Jupp ihm vertraute, das war eine Grenze, die er nie freiwillig überschreiten würde.

 

Plötzlich kicherte Jupp los. „Sag mal, hattest du einen Ständer in diesem Darkroom?“

 

Klaus schluckte. Er hatte gehofft, Jupp hätte nicht bemerkt, dass die ganze sexgeladene Atmosphäre und vor allem seine Nähe tatsächlich begonnen hatten, ihn zu erregen. Es war wirklich eine blöde Idee gewesen, ihn zu küssen  Aber er hatte der Situation einfach nicht widerstehen können, um Jupps Reaktion auszutesten. Seine Flucht danach hatte Bände gesprochen.

 

Jupp schien sich nicht am Ausbleiben einer Antwort zu stören. Doch er zog sich auch nicht von Klaus zurück. Im Gegenteil, seine Hand streichelte über Klaus’ Brustkorb. „Ich bin schon ein heißes Kerlchen, nicht?“, fragte er.

 

Erneut antwortete Klaus nicht. Was hätte er auch sagen sollen? ‚Ja, ich finde dich attraktiv’, was die Wahrheit gewesen wäre – und Jupp in nüchternem Zustand zu Tode erschrocken hätte? Oder sich mit „Nein, überhaupt nicht“ selbst belügen? Er brachte es nicht fertig, also schwieg er. Er hatte das Gefühl, seine Haut würde an den Stellen, die Jupp berührte, verbrennen, obwohl der Stoff seines Hemdes zwischen ihr und Jupps Hand war. Doch er schob die Hand nicht weg.

 

„Komm, lass uns tanzen!“ Plötzlich sprang Jupp aus dem Bett und versuchte Klaus mit sich zu zerren. Der stellte fest, dass sein Freund sich komplett ausgezogen hatte und nun in nackter Schönheit vor ihm stand. Klaus schluckte. Zwar hatte er Jupp durchaus schon unbekleidet gesehen, aber nicht bereits leicht erregt, was er unübersehbar war, und in solch intimer Umgebung.

 

„Jupp, ich halte das für keine gute Idee“, sagte er.


“Ach komm schon.“ Jupp zerrte weiter an seinen Händen. „Du willst doch immer tanzen. Und heute ist die Welt rosarot.“

 

Widerwillig erhob Taube sich. Es war wohl besser, er ließ Jupp seine Laune. Jupp zog ihn an sich, versuchte ihn dann wieder von sich zu wirbeln. Klaus blieb stehen. „Ich weiß, ich bin ein lausiger Tänzer“, sagte Jupp. „Aber für dich tu ich doch alles, Ellen.“

 

„Ich bin nicht Ellen, Jupp“, sagte Klaus erneut eindringlich und entzog Jupp seine Hand: Er fragte sich, ob er den Freund nicht doch besser ins Krankenhaus bringen sollte. Jupps Realitätsverlust war offensichtlich enorm und er selbst fühlte sich mit der ganzen Situation überfordert. Manchmal half auch ein Psychologie-Diplom nicht weiter. Besonders nicht, wenn man privat involviert war.

 

Doch dann überraschte Jupp ihn mit seiner Antwort. „Ich weiß, Täubchen“, lächelte er und begann sich zu einer Musik, die nur er hören konnte, zu bewegen. „Mach schon. Sei nicht so steif. Lass uns feiern. Du warst doch damals auch in dieser Schwuchtel-Tanzshow.“

 

Klaus ließ sich wieder von Jupp an die Hand nehmen und zu tanzenden Bewegungen verführen. Plötzlich zog Jupp ihn eng an sich und küsste ihn. Klaus war wie erstarrt, so ließ er es einfach geschehen. „Hab dich lieb“, murmelte Jupp. Klaus spürte deutlich Jupps mittlerweile noch gewachsene Erektion gegen sein Bein drücken. Jupp schlang seine Hände um Taubes Hals und knabberte zärtlich an seinem Ohr. „Liebe dich, Ellen“ flüsterte er. „Liebe dich, liebe dich, liebe dich.“

 

Das war das Signal für Klaus, ihn von sich zu schieben. Er war nicht Ellen. Die Küsse galten nicht ihm. Er musste das beenden, jetzt sofort. Bevor sie es beide bereuten. Aber Jupp war trotz seines Zustandes kräftig und nicht willens ihn gehen zu lassen. Im Gegenteil. Er schob Klaus Richtung Bett und drückte ihn darauf. Warf sich dann über ihn. „Zier dich nicht so. Ist doch unsere Hochzeitsnacht“, murmelte er und begann, ihn erneut zu küssen.

 

Klaus wusste, er sollte ihn stoppen, müsste ihn stoppen und doch ließ er die Küsse geschehen, öffnete sogar bereitwillig seinen Mund, als Jupps Zunge fordernd gegen seine Lippen drückte. Küsse, nach denen er sich mehr gesehnt hatte, als er sich je eingestehen würde.


“Du hast viel zu viel an“, murmelte Jupp und zerrte an Taubes Unterhemd. Klaus ließ es zu, dass Jupp es ihm über den Kopf zog. Erst als er sich auch an seiner Hose zu schaffen machte, wehrte er ihn ab. „Jupp, nicht... bitte.“ Dabei war er selbst mittlerweile erregt.

 

„Ist doch unsere Hochzeitsnacht, Schatz. Hey, wie gefällt dir der Name, Frau Schatz?“, grinste Jupp. „Sei nicht so prüde.“ Er küsste Klaus erneut, ließ seine Zunge dann über seinen Hals wandern, die Brust herab, küsste jeden Zentimeter nackte Haut, die er finden konnte.

 

„Ich bin Klaus, nicht Ellen“, sagte Taube verzweifelt.


“Weiß ich doch, Täubchen“, murmelte Jupp – und küsste ihn weiter. „Hab dich lieb“, flüsterte er, während seine Zunge dann Klaus’ Hals entlang glitt. „Bist was ganz besonderes.“

 

Klaus stöhnte. Der rationale Teil seines Verstandes sagte ihm immer wieder, er solle dies beenden, jetzt sofort, ehe es zu spät war und er es nicht mehr stoppen konnte, nicht mehr stoppen wollte womöglich. Er musste Jupp von sich schieben, ihn aus seiner Trance rütteln, selbst die Flucht ergreifen, wenn er den Freund nicht erreichen konnte, musste etwas tun, bevor etwas geschah, dass sie später beide bereuen würden. Etwas, das sie doch gar nicht wollten, das Jupp nicht wollte.


Doch da war jener andere Teil in ihm, jener Teil, der sich danach sehnte, geliebt zu werden, einen geliebten Menschen in seiner Nähe zu spüren, jener Teil, der sich nach Zärtlichkeit und Berührung sehnte, der geliebt werden wollte und wieder lieben wollte.

 

Vor allem jener Teil, den er selbst so sorgfältig verschlossen hielt, über den er nicht nachdenken wollte, weil es zu weh tat, der sich nach Jupp sehnte wie nach keinem anderen Menschen, der sich nach etwas sehnte, was nicht sein konnte, nicht sein durfte und doch plötzlich wahr zu werden schien.

 

Und dieser Teil gewann. Er ließ es zu, dass Jupp ihn berührte, küsste, streichelte, liebkoste, mal seinen, mal Ellens Namen verbunden mit Liebesschwüren murmelnd – und er küsste zurück, liebkoste, streichelte, berührte.

 

Er flüsterte: „Bitte nicht, Jupp“ und bäumte sich doch mit jeder Faser seines Körpers den Berührungen entgegen. Er versuchte Jupp von sich zu schieben und zog ihn doch enger auf sich, seine Hände in Jupps Haar vergrabend, seine Küsse mit einer Leidenschaft, die er seit Ewigkeiten nicht mehr – vielleicht noch nie in dieser Intensität – in sich gespürt hatte, erwidernd.

 

Erst als Jupp sich aufrichtete, um Klaus Slip nach unten zu streifen und schwer atmend murmelte: „Mach deine Beine breit für mich“, kehrte ein kleiner Funke Vernunft zurück. „Warte“, murmelte Klaus und schob Jupp etwas von sich.

 

Der brummte unwillig und wollte sich wieder auf ihn legen.

 

Taube drehte sich hastig zur Seite und griff nach der Nachttischschublade, zog sie auf, wühlte darin, fand schließlich eine Packung Kondome und eine Tube Gleitcreme. Er riss die Packung auf und drückte Jupp das Kondom in die Hand. „Wir wollen doch vorsichtig sein, Jupp“, sagte er mit rauer Stimme.

 

„Nimmst du nicht die Pille?“, fragte Jupp. „Ich hät’ nix gegen ein Baby.“

 

Erneut rief die Stimme der Vernunft in Klaus, er solle stoppen, sofort. Er wusste, sie würden es beide bereuen. Morgen früh – und für immer. Es war Ellen, mit der Jupp schlafen wollte, nicht er. Ihr galten seine Zärtlichkeiten nicht ihm. Etwas anderes anzunehmen war der pure Wahnsinn. Doch erneut war die Stimme nicht stark genug.

 

Als Klaus Jupp, dessen Hände zitterten, half, das Kondom überzustreifen, berührten sich ihre Hände und er glaubte, ein elektrischer Schlag hätte ihn getroffen. Er stöhnte heiser auf, ließ es zu, dass Jupp ihn zurück in die Kissen drückte, schaffte es noch irgendwie, rasch etwa Gleitcreme in sich selbst aufzutragen, dann war Jupp auch schon über ihm, presste gegen ihn, suchte die Öffnung zu seinem Körper.

 

„Hilf mir“; flüsterte Jupp, als er vergeblich nach dem Eingang zu suchen schien. Klaus hob seine Beine an, legte sie um Jupps Hüften, dirigierte ihn dann an die richtige Stelle.

 

Er biss sich die Unterlippe blutig, als Jupp in ihn eindrang, um nicht laut aufzuschreien. Der Schmerz schien ihn zu zerreißen. Jupp hatte keine Ahnung, wie lange es bereits her war, seit er zum letzten Mal auf diese Art und Weise mit einem Mann zusammengewesen war, und er war sicher nicht in der Verfassung auf irgendetwas Rücksicht zu nehmen.

 

Klaus ballte die Hände zu Fäusten und schloss die Augen, versuchte den Schmerz willkommen zu heißen. Er gehörte dazu, war der Preis für das, was sie gerade taten. Langsam verebbte er. „Alles okay, Liebling?“, hörte er Jupp fragen und als er die Augen öffnete, sah er direkt in die blauen Augen seines Freundes, die ihn verschleiert, doch liebevoll, ansahen. Er nickte stumm.

 

Jupp küsste ihn erneut, zärtlich zunächst, doch dann immer fordernder. Klaus stöhnte, öffnete den Mund, ließ die suchende Zunge eindringen. Jupp hatte ja keine Ahnung, wie sehr er sich nach diesen Küssen gesehnt hatte. Nach diesem Augenblick. Nach seiner Nähe. Er hatte es ja selbst nicht gewusst– oder besser, es sich nicht eingestehen wollen. Es durfte einfach nicht sein...

 

Und doch passierte es gerade.

 

Er fragte sich kurz, ob Jupp glaubte mit Ellen zu schlafen? Oder merkte er irgendwo unter seinem Drogenrausch, dass er mit ihm zusammen war? Merkte er überhaupt, das er Sex hatte?

 

Und dann brachen alle Dämme. Als wäre er selbst im Drogenrausch, gab er sich Jupps Leidenschaft hin, ließ es einfach geschehen. Zwei schwitzende, eng aneinandergepresste Leiber, die ihren eigenen Rhythmus fanden; Hände, die jeden Zentimeter Haut, den sie erreichen konnten, liebkosten; Münder, die nicht voneinander lassen konnten; Zungen, die sich miteinander duellierten; Lippen, die Liebesschwüre murmelten; Körper, die sich im perfekten Gleichklang bewegten. Nichts anderes war mehr wichtig. Nicht das Gestern, nicht das Morgen. Nur das Jetzt. Der Rausch trug sie höher und höher. Sie schwebten, schwerelos, losgelöst, vereint. Sie waren eins, für den Augenblick, für immer, waren im Himmel.

 

Irgendwann schob Klaus Jupps Hand seinen Körper herab, auf sein hartes Glied. Jupp verstand und begann ihn zu liebkosen, während Klaus Hand seinen Kopf für einen weiteren Kuss zu sich herabzog. „Ja, Jupp, ja“, stöhnte er und „Jupp, bitte...“ Er wollte ihn spüren, besitzen, mit Haut und Haaren, für jetzt und für immer.

 

Schwitzend und stöhnend, im wilden Rausch der Droge und der zu lang unterdrückten Leidenschaft fegte ein Sturm über sie hinweg, ein Sturm bar jeder Rationalität, der ein Feuer entfachte, das sie zu verbrennen schien.

 

///

 

Das Erwachen kam als die Wellen des Orgasmus abebbten. Es kam hart und kalt und unbarmherzig.

 

Klaus schob Jupp von sich, was dieser widerstandslos geschehen ließ. Schwer atmend, aber teilnahmslos drehte er sich auf dem Rücken. Taube streifte ihm das Kondom ab, verknotete es und warf es zu Boden. Dann quälte er sich aus dem Bett. „Ich komme gleich wieder“, murmelte er und ging ins Bad, mehr taumelnd denn laufend. Es war nicht nur die verkrampfte Haltung der letzten Zeit, welche dafür verantwortlich war, das seine Beine ihm fast den Dienst versagten.

 

Er widerstand der Versuchung, sich unter die Dusche zu stellen und sich so lange zu waschen, bis er die Erinnerung an das eben Geschehene abgespült hatte. Er wusste, alles Wasser der Welt würde dies nicht wegwaschen können.

 

Stattdessen stütze er sich schwer aufs Waschbecken und würgte. Er hatte das Gefühl, sich sofort übergeben zu müssen. Doch außer, dass er den bitteren Geschmack von Galle im Mund hatte, geschah nichts. Er betrachtete sein Spiegelbild. Seine Lippen waren geschwollen von seinen eigenen Bissen und Jupps Küssen. Schweiß glitzerte auf seiner Stirn. Doch sein Gesicht war aschfahl. Obwohl er am ganzen Körper schweißnass war, fror er.

 

Wie hatte er nur zulassen können, dass das passierte? Dass ein einziger Augenblick verbotener und gestohlener Leidenschaft sein Leben zerstörte, alles vernichtete, was ihm wichtig war: Seine Freundschaft zu Jupp, die Ersatzfamilie, die er in ihm und Flo gefunden hatte, im Endeffekt auch seinen Job? Denn es würde unmöglich sein, weiter mit Jupp zusammen zu arbeiten und damit würde er auch die Kollegen verlieren, die für ihn alle zu Freunden geworden waren.

 

Wie hatte er zulassen können, dass seine so gut vor sich selbst verborgenen Gefühle über seinen Verstand siegten, das er sich einer Leidenschaft hingab, die nicht hätte sein dürfen?

 

Er hatte versagt, zum zweiten Mal in dieser Nacht. Erst als er nicht rechtzeitig eingegriffen hatte, um zu verhindern, dass Jupp die Spritze abbekam. Er und Gino hatten doch bereits hinter der Ecke gestanden und die Szene verfolgt. Warum nur hatte er noch gezögert einzuschreiten? Daniel hatte doch längst genug gesagt und das kleine Tonbandgerät, dass Jupp versteckt in der Kleidung trug, alles aufgezeichnet, um ihn festnehmen und überführen zu können.

 

Und nun hatte er erneut versagt, noch viel schlimmer, indem er zuließ, dass etwas geschah, was sein Freund in nüchternem Zustand nie gewollt hätte; etwas, das diesen mit Ekel erfüllen musste. Es war keine Rechtfertigung, dass Jupp selbst das Ganze initiiert hatte, der aktivere Part gewesen war. Er wusste nicht, was er tat, glaubte wahrscheinlich die ganze Zeit, mit Ellen zusammen zu sein, auch wenn er Klaus Namen in dem einen oder anderen Moment nannte. Er war derjenige gewesen, der bei klarem Verstand war, der es hätte verhindern müssen. Jupp würde ihn dafür hassen, verachten, dass er es hatte soweit kommen lassen.

 

Und wie sollte er selbst mit seinem Versagen weiterleben? Er hatte den hilflosen Freund ausgenutzt, es einfach geschehen lassen, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, sich von seiner verborgenen Leidenschaft mitreißen lassen, um zu bekommen, was er sich so ersehnte und doch unerreichbar schien. Er hatte zugelassen, dass geschah, was nicht sein durfte. Er - nicht Jupp - war Schuld daran.

 

Fast wünschte er, er hätte die Drogen abbekommen, die ganze Dosis – und wäre jetzt tot. Zumindest gäbe es dann keine quälenden Fragen mehr.

 

Schließlich raffte er sich auf, griff nach einem Waschhandschuh und Flüssigseife und begann seinen Körper von Schweiß und Spermaspuren zu reinigen. Vorsichtig untersuchte er sich. Jupp war wild und heftig in ihm gewesen, doch glücklicherweise hatte er ihn nicht verletzt. Nichtsdestotrotz dürften ihm gewisse Dinge die nächsten Tage Schmerzen bereiten. Das war allerdings wahrlich sein geringstes Problem. Zumindest schien ihre Leidenschaft keine größeren äußeren Spuren hinterlassen zu haben, wie Kratzer an sichtbaren Stellen.

 

Er verließ den Raum, holte eine Schüssel aus der Küche, kam zurück ins Bad, füllte sie mit lauwarmen Wasser, nahm dann einen neuen Waschhandschuh und ging wieder ins Schlafzimmer.

 

Jupp lag zusammengerollt unter der Bettdecke. „Wo bist du?“, murmelte er. „Lass mich nicht allein:“

 

„Ich bin hier, Jupp“, sagte Klaus und setzte sich auf die Bettkante. Er zog die Decke weg, doch Jupp griff sofort nach ihr. „Mir ist so kalt.“

 

„Gleich wird dir wärmer“, versprach Klaus. Er musterte den Freund besorgt. Jupp schien keine Reaktion bezüglich ihres Geschlechtsaktes zu zeigen. Zumindest spuckte er ihm nicht sofort ins Gesicht oder rannte aus der Wohnung. Noch immer stand er allerdings unter dem Einfluss der Drogen. Womöglich hatte er noch gar nicht realisiert, was vor Kurzem geschehen war. Das bittere Erwachen würde für ihn früh genug kommen. Und damit die Konsequenzen für Klaus.

 

Klaus begann vorsichtig, Jupp zu säubern. Der ließ es widerstandslos geschehen, selbst als Klaus sich seinen intimsten Stellen näherte. Er holte tief Luft, bevor er zögernd Jupps Glied zu säubern begann. Doch dieser zeigte weiter keine Reaktion – glücklicherweise auch nicht körperlich auf die Berührung. Dann drehte Klaus ihn auf den Bauch und säuberte seinen Rücken.

 

Schließlich stellte er die Schüssel zur Seite, ging zum Schrank und holte zwei Pyjamas heraus. Er schlüpfte in einen, reichte Jupp, der sich wieder auf den Rücken gedreht hatte, den anderen. Ohne Protest schlüpfte dieser hinein.

 

„Ich schlafe im Wohnzimmer“, sagte Klaus und machte Anstalten, den Raum zu verlassen.


Da streckte Jupp die Hand nach ihm aus. „Geh nicht“, bat er. „Mir ist immer noch so kalt. Ich will... kann nicht allein sein.“

 

Klaus seufzte. Obwohl alles sich in ihm dagegen sträubte, erneut Jupp nahe zu sein, schlüpfte er wieder zu ihm ins Bett. Das Einzige, was er jetzt noch tun konnte, war dem Freund beizustehen, solange dieser ihn brauchte. Früh genug würde dies nicht mehr der Fall sein, in Hass umschlagen – da war er sich sicher.

 

Diesmal löschte er das Licht, wollte zumindest ein bisschen Komfort in der Dunkelheit finden.

 

„Mir ist so kalt“, flüsterte Jupp erneut und rückte näher an Klaus heran. „Warum nur ist mir so kalt?“

 

„Die Euphorie des Drogeneinflusses lässt langsam nach“, erklärte Klaus. „Du spürst die Nachwirkungen, den Entzug.“

 

„Halt mich fest“, bat Jupp. „Halt mich ganz fest:“

 

Widerwillig legte Klaus seine Arme um den Freund. Er hörte, wie Jupp neben ihm schniefte, während er sich an ihn schmiegte. „Warum verlassen mich alle?“, fragte er. „Ellen, warum ist sie von mir gegangen? Einfach so? Und Irene? Und mein Vater? Alle verlassen sie mich. Ich will nicht allein sein. Ich will nicht.“

 

„Ich bin ja da, bin da für dich“, versicherte Klaus ihm. Er bemühte sich, den Aufruhr in seinem Inneren wenigstens soweit zu unterdrücken, um die Stärke gegenüber Jupp zu demonstrieren, die sein Freund jetzt brauchte. Jupp war jetzt das Einzige, was wichtig war. Sein eigener, innerer Aufruhr konnte warten. Dass er am liebsten überhaupt nicht darüber nachdenken wollte, vergessen wollte, was sie getan hatten, was er empfand, gestand er sich nicht ein.

 

„Verlass mich nicht“, bat Jupp. „Versprich mir, dass du immer bei mir bleibst. Schwöre es!“

 

Klaus schluckte schwer, bevor er schließlich mit „Ja, ich verspreche es dir“ antwortete. Er wusste, in dem Moment, in dem er den Satz aussprach, dass es eine Lüge war.

 

„Gut“, flüsterte Jupp. Klaus spürte, wie er sich entspannte und kurz darauf war Jupp, den Kopf an Klaus’ Schulter gelegt, eingeschlafen.

 

Er selbst aber fand die ganze Nacht über keinen Schlaf. Und ihm war so kalt, wie nie zuvor in seinem Leben.

 

///

 

Als Jupp am Morgen erwachte, hämmerte ihm der Schädel. Er zwang sich die Augen zu öffnen, blinzelte gegen das Licht an, dass durch ein halb heraufgezogenes Rollo ins Zimmer kam und stutzte schließlich. Das war nicht sein Bett. Nicht sein Schlafzimmer. Wo war er? Wie war er hierher gekommen?

 

Taubes Wohnung, natürlich! Langsam kam die Erinnerung zurück an den gestrigen Abend, ihren Einsatz und die Drogenspritze, die er abbekam. Klaus hatte ihn mit nach Hause genommen, damit er nicht allein war, wenn die Wirkung des Kokain einsetzte. Diese war wohl heftig gewesen, jedenfalls erinnerte er sich nicht mehr an allzu viel. Er wusste nur, dass er erst geglaubt hatte zu fliegen, schwerelos zu sein, dass er dachte, ihm würde die ganze Welt gehören, doch dann, als die Euphorie verschwand, hatte er sich um so beschissener gefühlt, allein und verlassen, dass ihm kalt gewesen war und Klaus für ihn da gewesen war, wie so oft, ihn festgehalten und gut zugesprochen hatte. Und er hatte von Ellen geträumt - und von Klaus. Von ihrer Hochzeit und noch irgendwas ziemlich Verrücktes, das ihm nicht mehr einfallen wollte.

 

Aber wo steckte Taube jetzt? Im Zimmer war er jedenfalls nicht.

 

Jupp quälte sich aus dem Bett und stellte rasch fest, dass er sich noch immer nicht sonderlich gut fühlte. Aber wenigstens flirrte die Welt um ihn herum nicht mehr in wirren Farben und er konnte aufrecht stehen ohne dass sich alles um ihn drehte. Ansonsten fühlte er sich wie nach einer durchzechten Nacht mit einem ausgewachsenen Kater. Nur schlimmer.

 

Er sah an sich herab. Also sein Pyjama war das nicht. Bestimmt Taubes. Er konnte sich nicht einmal erinnern, wie er hinein gekommen war. Und irgendwie hatte Klaus bei der Wahl seiner Nachtwäsche einen genauso steifen und langweiligen Geschmack wie bei seinen Anzügen. Er würde so etwas bestimmt nicht kaufen. Er schlief eh lieber nackt oder maximal in Unterwäsche.

 

Jupp tappste vorsichtig zur Tür und auf den Flur. Nachdem er ihm beim Umzug geholfen hatte, war er kaum noch in Taubes neuer Wohnung gewesen. Zwar holte er Klaus regelmäßig ab, aber dann wartete der in der Regel schon vor der Tür oder Jupp kam maximal in den Flur. Wenn sie sich privat trafen, dann bei ihm und Flo oder im „Rättematäng.“

 

Jupp hörte Geräusche aus einer Tür am anderen Ende des Flurs dringen. Er folgte dem leisen Klappern und fand sich in der Küche wieder.

 

„Morgen“, murmelte er.

 

Klaus, der am Herd hantiert hatte, drehte sich sofort zu ihm um. „Guten Morgen, Jupp“, sagte er. „Wie geht es dir?“

 

„Ich versuche gerade die Elefantenherde loszuwerden, die durch meinen Kopf trampelt“, erwiderte Jupp und ließ sich schwer auf den nächsten Stuhl sinken. „Aber sonst gut, danke. Wenigstens hat die Welt wieder normale Farben.“

 

Klaus stellte eine Tasse vor ihm hin. „Trink!“, sagte er. „Das wird dich munter machen.“

 

Jupp beäugte das Gefäß vorsichtig.


“Es ist Kaffee, kein Tee“, versicherte ihm Klaus.


“Danke“, murmelte Jupp und nahm einen Schluck.

 

Klaus stellte noch einen Teller mit einer Scheibe Brot, die Wurst darauf noch liebevoll mit einem aufgeschnittenen Radieschen garniert, auf den Tisch. „Du solltest etwas essen“, sagte er.


“Mein Magen ist noch wie zugeschnürt“, erwiderte Jupp. „Jetzt weiß ich wenigstens, warum ich Flo immer sage, er soll ja die Hände von dem Teufelszeug lassen.“ Als er den Namen seines Sohnes nannte, fiel ihm etwas ein: „Flo, ich muss doch sein Frühstück...“ Jupp wollte sich erheben, doch Klaus trat rasch zu ihm und drückte ihn sanft auf den Stuhl zurück.

 

„Ich habe Anna noch gestern Abend angerufen. Sie war die Nacht über bei ihm und sorgt dafür, dass er pünktlich in die Schule kommt.“

 

„Kam“, korrigierte er sich nach einem Blick auf die Uhr. Es war schon fast neun Uhr. Im Gegensatz zu ihm, der die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte, hatte Jupp schließlich ruhig und lang geschlafen, als die Wirkung des Kokain nachließ und sich Erschöpfung in seinem Körper breit machte.

 

Klaus selbst war gegen sieben Uhr aufgestanden, als er es einfach nicht mehr aushielt, ruhig im Bett und neben Jupp zu liegen. Zunächst hatte er leise, um den Freund nicht zu wecken, im Schlafzimmer aufgeräumt, vor allem mit dem gebrauchten Kondom, der Gleitcreme und der Waschschüssel die Spuren der letzten Nacht beseitigt. Dann duschte er, wie es ihm schien, eine halbe Ewigkeit, ohne dass er sich danach besser fühlte. Und schließlich hatte er sich damit beschäftigt gehalten, die Küche auf Hochglanz zu polieren, bevor er Frühstück und Kaffee für Jupp machte. Alles, um nur nicht nachdenken zu müssen über das, was letzte Nacht geschehen war. Er selbst bekam nichts runter außer einer Tasse Tee. Er hatte immer noch das Gefühl, ihm würde sich gleich der Magen umdrehen.

 

„Ich habe ihr gesagt, wir wären zu einem Einsatz. Ich wollte sie und Flo nicht mit der Wahrheit beunruhigen.“

 

„Danke“, murmelte Jupp. „Bist ein unbezahlbarer Schatz, denkst an alles.“ Er musterte Klaus. Der Freund sah müde und übernächtigt aus. Dunkle Ringe zeichneten sich um seine blau-grauen Augen ab. „Du siehst so beschissen aus, wie ich mich fühle“, stellte er fest.

 

„Ich habe nicht geschlafen“, erwiderte Klaus.


“War ich so schlimm?“, wollte Jupp wissen.

 

Das Telefon klingelte, bevor Klaus antworten konnte. „Entschuldige mich“, sagte er und ging in den Flur.

 

An Jupps Ohr drangen nur Wortfetzen. „Danke... gute Nachrichten...“

 

„Das war das Labor“, sagte Klaus, als er in die Küche zurückkam. „Daniel war negativ und nicht drogensüchtig. Die vier Toten waren ebenfalls alle negativ. An der Spritze haben sie nur dein Blut gefunden. In seiner Wohnung hatte er noch mehrere Einwegspritzen. Die Chance ist also groß, dass es eine unbenutzte Spritze war, mit der er dich stach. Zumal er ja immer die Spritze bei seinem Opfer ließ, damit es nach Selbstmord aussieht. Es gibt keine Hinweise, dass er mehr als eine Spritze pro Opfer benutzt hat. Trotzdem solltest du dich in einigen Wochen testen lassen und bis dahin vorsichtig sein. Aber es besteht aller Voraussicht nach kein Grund zur Sorge.“

 

Jupp sah Klaus fragend an, schließlich dämmerte ihn, worüber der Freund sprach. HIV – AIDS! Die Spritze hätte ja durchaus mit noch Schlimmerem als Kokain verseucht sein können. „Scheiße“, sagte er. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht.“

 

„Verständlich“, erwiderte Klaus: „In der Verfassung, in der du warst.“

 

„War ’nen ziemlicher Höllentrip, was?“, fragte Jupp und grinste schief. „Ich hab’ mit 18 mal Hasch geraucht, auf ’ner Party eines Freundes. Das war nichts dagegen, glaube mir.“

 

„Das Kokain war in guter Qualität“, erklärte Klaus. „Und er hatte mehr als genug in der Spritze, um einen gesunden Mann zu töten. Du hattest Glück, dass du nicht mehr abbekamst. Dazu vorher der Alkohol.“

 

„Glaubst du, dass ich süchtig werden könnte?“, fragte Jupp.

 

Klaus schüttelte den Kopf. „Nicht von diesem einen Mal. Solange du das Zeug nicht noch mal nimmst.“

 

„Na bestimmt nicht“, versicherte Jupp. „Mir hat einmal gereicht.“

 

„Woher hatte er bloß das Zeug?“, wunderte er sich. „Wenn er nicht einmal ein Junkie war? Ein normaler Mensch hat doch keine Kontakte in die Drogenszene und Dealer geben nicht gerade Anzeigen im Sonntagsblatt auf. Vor allem aber, wie hat er es bezahlt? Das muss doch ein Vermögen gekostet haben. Er sah mir nicht so aus, als wäre er stinkreich.“

 

„Die Kollegen von der Drogenfahndung sind noch dabei, seine Wohnung auf den Kopf zu stellen und nach Hinweisen auf seinen oder seine Dealer zu suchen“, erwiderte Taube. „Ebenso auf seine Geldquelle. Vielleicht hat er gestohlen oder sich an andere Homosexuelle herangemacht, um sie dann zu erpressen. Er könnte sogar die ersten drei Opfer erst erpresst und dann erst später umgebracht haben. Obwohl mir das unwahrscheinlich erscheint. Auf dich und Bohnsdorf hatte er es ja auch sofort abgesehen. Ich denke, um sein Ziel zu erreichen war ihm jedes Mittel recht, aber er hatte das alles sehr gut durchdacht und geplant. Oder er besitzt doch einiges, er sprach doch von einer angesehen Familie. Möglich, dass er auch selbst einen gutbezahlten Job hatte. Er machte doch einen ordentlichen Eindruck.“

 

„Genie und Wahnsinn in einem“, erwiderte Jupp. „Gott sei Dank, geht uns das nichts mehr an. Soll sich die Drogenfahndung um die Details kümmern. Wir haben unseren Mörder. Aber weißt du, was mich wirklich fuchst. Wenn stimmt, was er mir erzählt hat und er findet einen guten Anwalt, der einen auf Kindheitstrauma macht, und einen milden Richter, der vielleicht auch noch ein bisschen homophob ist, dann ist der doch schneller wieder draußen, als wir kucken können.“

 

„Nicht bei vier Morden, Jupp“, erwiderte Taube. „Ich bin sicher, dass man seine Aussagen auf deinem Band als Geständnis aller vier werten wird. Hinzu kommt der Angriff in Tötungsabsicht auf einen Polizisten, denn zu dem Zeitpunkt wusste er, wer du bist. Ich glaube nicht, das er mit unzurechnungsfähig durchkommt, dafür waren die Morde zu eiskalt geplant. Und wenn doch, dann landet er lebenslang in der Psychiatrie.“

 

„Dein Wort in Gottes Gehörgang.“ Jupp rieb sich die Schläfen. „Himmel, bin ich kaputt.“

 

„Weißt du“, setzte er hinzu, „Ein bisschen kann ich verstehen, wie man von dem Zeug abhängig werden kann. Für eine Weile fühlte ich mich wirklich glücklich und frei, als ich dachte Ellen...“ Er brach ab, um kurz darauf fortzufahren: „Und wenn man den Kater hinterher nicht erträgt, greift man halt wieder zu dem Teufelszeug.“

 

Klaus, der bei der Nennung von Ellens Namen unmerklich zusammengezuckt war,  musterte ihn besorgt. „Hey, ich bin okay, nur müde“, versicherte ihm Jupp hastig.

 

„Ich setz’ dich Zuhause ab, wenn ich ins Präsidium fahre“, schlug Klaus vor. „Haupt hat sicher nichts dagegen, wenn du heute frei nimmst. Ich kümmere mich um den Bericht und bring dir dann am Nachmittag deinen Wagen vorbei. Oder wenn du ihn lieber gleich bei dir hast, ruf ich mir von dir aus ein Taxi.“

 

„Was soll ich allein daheim hocken?“, erwiderte Jupp. „Da kann ich auch ins Büro.“ ‚Und mir Haupts Anschiss gleich abholen’, setzte er in Gedanken hinzu. Der „Oberbedenkenträger“, wie er ihn öfters – natürlich nur hinter seinem Rücken – nannte, würde nicht begeistert sein, dass er sich trotz Haupts ausdrücklicher Warnung vorsichtig zu sein, in unnötige Gefahr begeben hatte.

 

Er beobachtete, wie Klaus sich an die Küchenanrichte lehnte und etwas – sicher Tee – aus einer Tasse trank. „Setz dich doch zu mir“, sagte er. „Und ess’ auch was.“

 

Doch Taube wehrte ab. „Ich steh’ lieber und habe keinen Hunger.“

 

„Du siehst aus, als könntest du genauso Ruhe gebrauchen wie ich“, bemerkte Jupp. „Vielleicht sollten wir uns beide heute frei nehmen.“

 

Klaus schüttelte stumm den Kopf. Nur nicht sinnlos Zuhause sitzen und nachdenken müssen – und darauf warten, dass die Hölle, von der er wusste, sie würde kommen, sobald Jupp wieder vollkommen klar im Kopf war, über ihn hereinbrach. Im Büro wäre er wenigstens beschäftigt.


“Was ist los?“, wollte Jupp wissen. Er kannte den Freund gut genug, um zu merken, dass etwas an ihm nagte. Zweifelsohne hatte Klaus die ganze Nacht über ihn gewacht und sich dabei große Sorgen gemacht. Jetzt sah er deshalb blass und übernächtigt aus. „Ich weiß zu schätzen, was du alles für mich tust“, sagte Jupp leise. „Ehrlich, auch wenn ich das nicht so oft sage, ich weiß es. Und ich danke dir auch wegen letzte Nacht. Dass du einfach für mich da warst. Weißt du, das haben nicht viele Menschen in meinem Leben für mich getan. Einfach bedingungslos da sein, meine ich, egal was passiert.“ Wie oft hatte Klaus ihn schon geholfen, ihn gedeckt oder gar rausgehauen, wenn er sich mal wieder leichtsinnig in Schwierigkeiten brachte? Er wusste es nicht, nur, dass es unzählige Male gewesen war.

 

Taube schien bei seinen Worten zusammenzuzucken. „Ich habe versagt, Jupp“, sagte er so leise, dass Schatz ihn kaum verstand.


“Was?“, fragte der verblüfft. „Weil der Typ mir die Spritze verpasst hat?“

 

„Wir hätten eher eingreifen müssen“, erwiderte Klaus.

 

„Quatsch“, konterte Jupp. „Lass den Blödsinn! Das war allein meine Schuld. Ich habe ihn unterschätzt, hätte nicht gedacht, dass er mich angreift, nachdem ich ihn entlarvt habe. Sonst wäre ich aufmerksamer gewesen. Hey, mach dir deshalb bloß keine Vorwürfe, verstanden? Ist doch alles gut. Ich hab’s überlebt. So ein kleiner Trip bringt mich nicht um.“

 

Taube musterte Jupp schweigend. Der hatte das Gefühl den Freund nicht überzeugt zu haben. Er wusste ja, dass Klaus dazu neigte, immer zuerst die Schuld bei sich zu suchen. Aber dafür konnte er nun wirklich nichts. Er hätte eben doch eine Waffe mitnehmen sollen oder einfach besser aufpassen. Man sollte einen Kriminellen, zumal einen Mörder, nie unterschätzen. Gerade wenn man in die Enge getrieben war, nichts mehr zu verlieren hatte, neigten viele zu extremsten Reaktionen – eine Lektion, die jeder Polizeianfänger lernte. Er hatte sie nicht beachtet und dafür bezahlt. Aber schließlich war wirklich nichts Dramatisches passiert.


“Alles ist okay“, versicherte er Taube und trank wieder einen Schluck Kaffee, biss dann sogar ins Brot, auch wenn er so gar nichts zu schmecken schien.

 

„An was von letzter Nacht erinnerst du dich, Jupp?“, wollte Klaus wissen.

 

„Ich hab’ Ellen gesehen“, sagte Jupp. „In ihrem Brautkleid und plötzlich stecktest du in dem Kleid. Ich tanzte mit ihr... mit dir... und es war unsere Hochzeitsnacht... aber irgendwie wechseltet ihr zwei ständig hin und her. Mal sah ich sie, mal dich. Das war total verrückt. Und alles war so bunt und grell und laut. Und dann war sie plötzlich weg und du auch und mir war so kalt... ich fühlte mich so allein, bis ich deine Stimme hörte. Du hieltest mich fest und warm und ich fühlte mich so geborgen.“

 

„Du erinnerst dich an nichts weiter? Was du gesagt oder getan hast?“, Klaus klang eindringlich. Er glaubte die Antwort zu kennen. Denn wenn Jupp sich an das erinnern würde, was tatsächlich zwischen ihnen geschehen war, er würde nicht mehr so ruhig an seinem Küchentisch sitzen und Kaffee trinken.

 

Wahrscheinlich würde er selbst nicht mehr so aufrecht stehen. Jupp hätte ihn längst zu Boden geschlagen, zumindest aber angeschrieen. Und er wäre auf der Stelle aus seiner Wohnung gestürmt. Konnte es möglich sein, dass Jupp ihren Sex miteinander gar nicht wahrgenommen hatte, zumindest nicht bewusst? Hielt er alles nur für eine Drogenfantasie? Oder erinnerte er sich gar nicht mehr an den Akt an sich, nur an seine allgemeine Stimmung? Wenn das der Fall war, würde irgendwann die Erinnerung wieder einsetzen? Oder nie?

 

„Nein“, erwiderte Jupp. „An nichts weiter. Wieso?“ Er musterte Klaus. Was war geschehen? War er deshalb so komisch drauf? Hatte er ihn mal wieder beleidigt ohne es zu bemerken. „Sollte ich mich noch an etwas erinnern?“

 

Taube schüttelte rasch den Kopf. „Nein.“

 

„Du hast doch was?“, hakte Jupp nach. „Das seh’ ich dir doch an der Nasenspitze an. Habe ich wieder irgendwelche doofen Sprüche über Schwule losgelassen? Wenn, dann tut’s mir echt leid.“

 

„Nein“, sagte Klaus. „Es war nichts.“

 

„Wirklich?“, hakte Jupp nach.

 

„Es ist nichts passiert“, versicherte Taube ihm – und vor allem sich selbst. Denn das war es, an das er glauben wollte, mehr als an alles andere auf der Welt. Es war nichts passiert. Alles war noch so wie vorher. Sie waren Freunde, Partner, die einander vertrauten, die ohne Scham einander in die Augen sehen konnten. Sie hatten nichts getan, was es zu bereuen galt.

 

Nur leider glaubte er seinen eigenen Gedanken nicht.


Klaus stieß sich von der Anrichte ab. „Iss!“, sagte er. „Ich leg dir ein Handtuch raus, wenn du duschen willst und rufe im Präsidium an, dass wir später kommen.“

 

Jupp blickte ihm grübelnd hinterher, als er die Küche verließ. Irgendetwas stimmte nicht mit Klaus und er hatte das verdammte Gefühl, dass es etwas mit ihm zu tun hatte, mit letzter Nacht – und dass er sich dringend erinnern sollte.

 

///

 

Klaus ging ins Schlafzimmer und öffnete, nachdem er den Rolle ganz hochgezogen hatte, das Fenster. Dann zog er das Laken vom Bett und befreite Decken und Kissen vom Bezug. Er knüllte alles zusammen und klemmte es sich unter dem Arm, um es im Bad in die Waschmaschine zu stecken und damit auch noch die letzten Spuren der Nacht zu beseitigen. Er fragte sich, ob er solche an Jupps Körper hinterlassen hatte. Immerhin waren sie nicht sonderlich zärtlich gewesen. Wenn Jupp Kratzer oder ähnliches an sich fand, würde er sich bestimmt wundern, woher die kamen.

 

Schließlich nahm er ein frisches Handtuch aus dem Schrank und verließ den Raum wieder.

 

Im Flur blieb Klaus kurz am Telefon stehen, um im Präsidium anzurufen, dass er und Jupp später kommen würden. Als er auflegte, fiel sein Blick auf einen Notizzettel, der neben dem Gerät lag. Auf dem obersten Blatt stand eine Nummer.

 

Nachdenklich blickte Klaus darauf. Sie gehörte seinem ehemaligen Vorgesetzten beim BKA. Der leitete mittlerweile eine internationale Sonderkommission bei Interpol, die sich mit grenzübergreifenden Verbrechen beschäftigte. Vor zwei Tagen hatte er Klaus angeboten, in sein Team zu kommen. Sein erster Impuls war gewesen, sofort abzulehnen, denn er wollte Köln und seinen Posten nicht verlassen – besser Jupp nicht verlassen, wenn er bezüglich seiner Motive ehrlich zu sich selbst war. Aber dann hatte er sich doch zu einer Woche Bedenkzeit überreden lassen.

 

Es wäre ein Job, der seiner Ausbildung mehr gerecht wurde, als es der jetzige als Stellvertreter der Kölner Sonderkommission Mord eigentlich tat, ein besser bezahlter zudem. Immerhin war er ein anerkannter Profiler und eigentlich überqualifiziert dafür. Seine Kollegen beim BKA hatten nicht verstanden, warum er sich nach dem Priester-Fall dafür entschied in Köln zu bleiben. Er selbst eigentlich auch nicht. Doch zum ersten Mal in seinem Leben hatte er sich an einem Ort wirklich heimisch gefühlt und dafür gern Abstriche in seiner Karriere und beim Gehalt in Kauf genommen. Heimisch gefühlt, ohne zunächst zu wissen warum.

 

Nun hatte er diese Heimat verloren.

 

Er wollte nicht aus Köln weg. Nicht weg von den Kollegen – und von Jupp.

 

Doch letzte Nacht hatte alles verändert. Alles zerstört.

 

Vielleicht sollte er annehmen und Köln verlassen – bevor Jupp sich erinnerte, was zwischen ihnen geschehen war und ihn dafür zu hassen begann. Es war doch wohl mehr als offensichtlich, dass Jupps Gedanken und Gefühle während seines Drogenrauschs Ellen gegolten hatten. Etwas anderes anzunehmen, wäre absolut töricht. Zu hoffen, dass das Kokain bei Jupp irgendwelche bisher unterdrückten schwulen Neigungen freigelegt hätte oder gar tiefere Gefühle für ihn ebenso. Er wusste, dass Kokain enthemmte, auch sexuell, zumal in Verbindung mit Alkohol, so dass Jupps übliche Abneigung gegenüber homosexuellen Praktiken unter ihrem Einfluss gefallen waren. Das würde aber nichts an seinen allgemeinen Ansichten im nüchternen Zustand ändern. Im Gegenteil, er würde durch die letzte Nacht nur die Vorurteil, der er trotz ihrer Freundschaft zweifellos immer noch hegte, bestätigt finden.

 

Klaus wusste, er würde es nicht ertragen, jeden Tag mit der Ungewissheit zu leben, wann es endlich so weit war, dass Jupp sich erinnerte. Und selbst wenn Jupp sich nie erinnerte, er selbst würde nichts vergessen können und täglich an seine Schuld erinnert werden. Es würde ihre Beziehung zwangsläufig belasten, privat wie beruflich. Er würde Jupp belügen müssen, zumindest ihm etwas so Wichtiges verschweigen müssen, das konnte er nicht ohne Folgen für ihren Umgang miteinander tun – und mangelndes Vertrauen war in ihrem Job schnell tödlich.

 

Auch würde er nie wieder die Tür verschließen können, hinter der er seine Gefühle für Jupp so lange und so gut verborgen gehalten hatte. Er war sich nicht sicher, ob er selbst stark genug war, auf die Dauer damit leben zu können, täglich vor Augen zu sehen, was er sich so ersehnte und doch nie haben konnte. Jupp würde wieder seine Affären haben und der Schmerz, zusehen zu müssen, nun mit dem Wissen und der Erinnerung, wie es sich anfühlte, von ihm geküsst und berührt zu werden, war womöglich mehr, als er auf Dauer ertragen konnte.

 

Besser einen Schlussstrich ziehen, solange es noch halbwegs möglich und erträglich war. Solange sie als Freunde auseinandergehen konnten und Jupp ihn in guter Erinnerung behalten würde. Als guten Freund, nicht als schamlosen Verführer. Einfach gehen. Gehen, mit einer Erklärung die seine Flucht plausibel machte, die nicht so verletzten würde wie die Wahrheit.

 

Auch wenn das hieß, dass er wieder einmal in seinem Leben davon lief. Davon lief vor seinen Problemen, vor unerwiderten Gefühlen und vor allem vor sich selbst.

 

Ja, er würde zusagen.

 

Heute noch.

 

Der Rausch war vorbei.

 

Ein für alle mal.

 

Ende

 

 

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