Rausch

T’Len

2006

 

 

 

Fandom: SK Kölsch

Charaktere: Jupp Schatz/Klaus Taube

Kategorie: NC-17, m/m-slash

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Summe: Ein Fall führt Jupp und Klaus in die Schwulenszene. Was zunächst wie Routine aussieht, bringt Jupp plötzlich in Gefahr und verändert Klaus’ Leben für immer.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Vielen Dank an Lady Charena fürs Beta.

 

Teil 1

 

 

 

„Sie glauben also, dieser Daniel ist der Täter?“, fragte Haupt seine Untergeben, als sie sich am späten Vormittag zur Besprechung in seinem Büro einfanden.

 

„Zumindest sah ich das Opfer mit ihm“, berichtete Jupp, lässig an die Fensterbank gelehnt. „Und vorher hat er mich angebaggert.“ Er schoss Achim Pohl, der leise kicherte, einen wütenden Blick zu. „Er wollte unbedingt wissen, ob ich Familie habe. Als ich ihm sagte, meine Frau sei tot, behauptete er, mein ‚Doppelleben’ habe sie umgebracht.“

 

„Was meine Theorie stützt“, schaltete sich Klaus Taube ein, der auf einem Stuhl vor Haupts Schreibtisch saß. „Dass das Motiv für die Morde Hass ist. Hass auf homosexuelle Männer mit heterosexueller Fassade.“

 

„Ein wahnsinniger Moralapostel, der die Welt vom Abschaum befreien will?“, bemerkte Haupt.


“Eher jemand, dessen Leben selbst durch diese Art von Doppelleben zerstört wurde. Vielleicht die Ehe der Eltern“, erwiderte Taube. „Oder der es eigentlich selbst führt und sich dafür hasst, dies dann auf andere projiziert. Vielleicht wurde er einst von einem älterem Mann verführt und gibt ihm die Schuld an seiner Homosexualität, was er jetzt auf einen bestimmten Typ Mann überträgt.“

 

„Hältst du Daniel für schwul?“, fragte Jupp.


“Ich weiß es nicht“, erwiderte Taube. Als er Jupps zweifelnden Blick sah, ergänzte er: „Jupp, ob du es glaubst oder nicht, nicht allen Schwulen sieht man ihre Homosexualität an der Nasenspitze an. Und ich habe ihn ja nur kurz erlebt.“


“Was wissen wir über den Mann?“, wollte Haupt wissen. 

 

„Nichts außer dem Vornamen und Jupps Beschreibung bzw. Phantombild. Wir haben noch in der Nacht eines erstellt. Ob der Name stimmt, ist fraglich“, berichtete Pohl. „Wir haben ihn jedenfalls nicht im Computer.“

 

„Der Barkeeper konnte sich zumindest erinnern, ihn öfters im Lokal gesehen zu haben. Die anderen drei Opfer hat er auch gesehen. Aber ob sie mit diesem Daniel sprachen oder gar gemeinsam weggingen, wusste er nicht“, erklärte Gino, der ebenso wie Achim im Zimmer stand.

 

„Das letzte Opfer war offensichtlich zum ersten Mal dort. Er hieß Bernd Bohnsdorf. Bankangestellter, höheres Management, wollte in zwei Wochen heiraten. Weder die Braut noch die Kollegen hatten die geringste Ahnung von eventuellen homosexuellen Neigungen. Keine Drogendelikte bekannt und er wurde nicht vor seinem Tod, der durch eine Überdosis Kokain eintrat, missbraucht“, ergänzte Achim. „Seine Papiere waren vollständig. Offensichtlich wurde auch kein Geld entwendet. Von den Leuten im ‚Queens Palace’ hat keiner irgendetwas bemerkt, auch das Opfer war dort nicht bekannt.“

 

Jupp seufzte leise. Etwas anderes war auch nicht zu erwarten gewesen. Die meisten in der Bar hätten es wohl nicht einmal bemerkt, wenn er direkt neben ihnen getötet worden wäre, so waren die mit sich selber beschäftigt oder mit Alkohol zugedröhnt. Auch der Barkeeper, der den Toten gefunden hatte, als er mal schnell eine Rauchen wollte, konnte keine weiteren Angaben machen außer, dass er sich selbst fast zu Tode erschrocken hatte. Seine Hauptsorge hatte genau wie beim Besitzer des „Queens Palace“ der Tatsache gegolten, dass diese Todesserie ein schlechtes Licht auf ihr Etablissement werfen und Kunden kosten könnte. Jupp war sehr versucht gewesen, ihnen zu sagen, dass ihre Kneipe an sich schon genug schlechtes Licht auf sich warf. Jedenfalls, außer der Tatsache, dass sie einigen Besuchern Joints abgenommen hatten und die nun mit Anzeigen wegen illegalen Drogenbesitz rechnen mussten, und sie einige Pärchen eher unsanft im Darkroom unterbrachen, als sie alle zur Befragung zusammentrommelten, war nichts herausgekommen.

 

„Wir gehen heute Abend wieder in die Bar“, entschied Jupp. „Und nehmen diesen Daniel hoch. Und wenn er heute nicht kommt, dann eben morgen oder übermorgen.“

 

„Was willst du ihm nachweisen, Jupp?“, fragte Klaus. „Es ist nicht strafbar, fremde Männer in einer Bar anzusprechen. Es gab keine Fingerabdrücke auf der Spritze. Nicht mal die des Opfers.“ Da es in den letzten Tagen sehr trocken gewesen war, hatte die Spurensicherung auch keine verwertbaren Fußabdrücke gefunden.

 

„Was beweist, dass es Mord war“, erwiderte Jupp. „Oder kennst du einen Junkie, der sich erst eine Überdosis setzt und dann fein säuberlich die Spritze abwischt?“

 

„Bei den anderen drei gab es auch keine Fingerabdrücke, wir haben das nachgeprüft“, ergänzte Gino. „Wir haben auch deren Umfeld noch einmal befragt, so weit wir es in der kurzen Zeit erreichen konnten. Niemand wusste etwas von regelmäßigen Kontakten in der Schwulenszene, noch kannte jemand diesen Daniel. Wir konnten auch keine Verbindung zwischen den Opfern ermitteln.“

 

„Wir müssten ihm eine Falle stellen“, überlegte Klaus. „Das ginge schneller und wäre sicherer, als zu versuchen, ihn unauffällig die ganze Zeit zu observieren. Vorausgesetzt, er sucht sich seine Opfer wirklich nur an der einen Stelle, könnten wir so an ihn und die nötigen Beweise rankommen. Es ist unwahrscheinlich, dass er mitbekommen hat, dass wir letzte Nacht ermittelt haben. Sicher war er längst vom Tatort verschwunden und ich bezweifle, dass er irgendwelche Mitwisser hat, die uns am ‚Palace’ gesehen haben könnten.“ Er sah Jupp an. „Er hat dich doch bereits angesprochen und glaubt, du führest auch ein Doppelleben. Wenn du dich noch einmal mit ihm unterhältst, vielleicht kannst du etwas aus ihm herausbekommen oder feststellen, ob er Spritzen und Drogen bei sich hat.“

 

„Und wenn er mich abschleppt, um mich umzubringen, nehmen wir ihn hoch“, ergänzte Jupp. „Gute Idee. Ich sehe nur ein Problem. Nach deiner kleinen Einlage gestern, glaubt er doch, wir seien ein Paar. Seine bisherigen Opfer waren offensichtlich solo, zumindest was die schwule Seite betrifft:“

 

„Welche Einlage?“, wollte Achim wissen, doch Jupp und Klaus zogen es vor, ihm nicht zu antworten.

 

„Dann sag ihm, ich war nur eine flüchtige Bekanntschaft. Ein One-Night-Stand, mehr nicht. Du hast mich erst gestern in der Bar kennen gelernt. Ich war halt eher da als er“, schlug Klaus vor. „Du willst dich für dein gestriges Verhalten bei ihm entschuldigen und lädst ihn deshalb ein. Mach ihn an, sag ihm wie toll du ihn findest.“

 

„Na, du bist gut“, erwiderte Jupp. „Als hätte ich Ahnung davon, wie man einen Kerl aufreißt:“

 

„Ach, das bring ich dir schon bei“, grinste Klaus. Achim und Gino kicherten, worauf Jupp ihnen erneut einen bösen Blick zuwarf.


“Also gut“, entschied Haupt, „Wir machen es so. Aber seien Sie verdammt noch mal vorsichtig. Ich will keinen drogentoten Polizisten.“

 

///

 

„Ich gehe als Erster rein. Du kommst in etwa zehn Minuten. Gino wird hier draußen im Auto warten“, erklärte Klaus und sah Jupp an. „Hast du verstanden, wie du dich verhalten sollst?“

 

„Jaja, schon klar“, erwiderte Schatz. „Ich entschuldige mich wegen gestern. Sag, dass ich halt schon mit dir verabredet und deshalb so ablehnend war, aber das war nix ernstes, ich finde ihn viel attraktiver und ob er für die Nacht mit mir gehen würde, aber wir können nicht zu mir etc. blabla. Wenn er mich hinter die Mülltonnen schleppt, um mich abzumurksen, nehmen wir ihn hoch.“

 

„Und das hier“, er klopfte kurz auf die Tasche seiner Weste, in der ein kleines Aufnahmegerät steckte, wird alles aufzeichnen.

 

„Gut“, erwiderte Taube. „Erzähl ihm was von deinem Doppelleben, schau wie er reagiert. Frag ihn aus, ob er schwul ist, was seine Familie dazu sagt, ob sein Vater vielleicht schwul war.“


“Und du meinst, der nimmt mir wirklich die Schwuchtel ab?“, zweifelte Jupp.

 

„Eine Klemmschwester bestimmt“, erwiderte Taube ungehalten ob Jupps Wortwahl. „So wie du dich aufführst.“ Dann setzte er sanft hinzu: „Sei vorsichtig, Jupp.“

 

„Aye, aye, Mama“, lächelte Jupp.

 

///

 

Zehn Minuten später betrat Jupp das „Queer-Cafe“, wie die Bar hieß, das hatte er mittlerweile mitbekommen. Er sah sich um. Sehr voll war es noch nicht. Klaus hatte sich an einen Tisch gesetzt, von dem aus er den Raum gut überblicken konnte. Er hatte eine Tasse Tee vor sich und die Tageszeitung. Außerdem waren noch zwei Paare im Raum und ein weiterer allein sitzender Mann.

 

Jupp ging in die Nische, in der sie gestern schon gesessen hatten und setzte sich so, dass er die Tür im Auge behalten konnte. Dann bestellte er sich ein Kölsch. Ihm war nicht so richtig wohl bei der ganzen Sache. Nicht, dass er sich Sorgen wegen diesem Daniel machte. Mit dem wurde er schon fertig. Er hatte eher schmächtig gewirkt und nicht sehr kräftig. Kein Problem für ihn, selbst wenn er ihn angreifen sollte, während er ihn festnahm. Eine Waffe hatte er nicht mitgenommen. Klaus war zwar nicht gerade begeistert über diese Entscheidung gewesen, aber Jupp wollte nicht riskieren, dass Daniel sie zufällig bemerkte und damit ihr ganzer Plan platzte. Zweifelsohne hatte Tube einen Revolver griffbereit in der Tasche und Gino war sicher auch gut bewaffnet. Das sollte mehr als reichen.

 

Er fühlte sich halt in diesem ganzen Ambiente unwohl. Wenn ihn nun wieder ein Mann anmachte? Taube konnte ihn heute kaum retten, wollte er nicht ihre Tarnung gefährden. Gut, normalerweise sollte er mit jeder noch so aufdringlichen Schwuchtel fertig werden, aber er ließ sich halt einfach nicht gern anfassen und manche schienen schon ziemlich beharrlich zu sein, auch wenn man Nein sagte. Jedenfalls nicht von einem fremden Mann anfassen, wenn Klaus das tat, war das etwas anderes, sie waren schließlich Freunde und da war es egal, ob Klaus schwul war oder nicht. Der machte ihn ja schließlich auch nicht an.

 

Obwohl, gestern in diesem Darkroom, er fragte sich immer noch, ob er es sich nur eingebildet hatte oder ob Klaus tatsächlich von der ganzen Situation erregt gewesen war. Er würde ihn zu gern fragen, aber natürlich ging das nicht. Wäre ja viel zu peinlich.

 

Anderthalb Stunden später war Jupp beim dritten Kölsch und mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass Daniel heute nicht auftauchen würde. Sie waren zwar eher gekommen als gestern, für den Fall, dass der Täter auch keine festen Uhrzeiten hatte, zu der er die Bar aufsuchte, aber mittlerweile war die Uhrzeit von gestern vorbei. Taube hatte ja auch klar gemacht, dass es keineswegs sicher sei, dass Daniel jeden Tag in die Bar kam. Immerhin hatten bisher zwischen den einzelnen Morden auch mehrere Tage gelegen, wenn auch zwischen den letzten nur noch zwei. Allerdings behagte Jupp die Vorstellung, sich auch noch mehrere Abend hier rumtreiben zu müssen, nicht sonderlich. Bisher hatte man ihn ja Gott sei Dank in Ruhe gelassen. Im Gegensatz zu Klaus, der schon zwei Annäherungsversuche abgewehrt hatte, während sich die Bar mit vorrückender Stunde allmählich füllte.

 

‚Warum spielt eigentlich nicht Taube den Lockvogel’?, überlegte Jupp. Klaus sah doch mit seinen langweiligen aber teuren Anzügen mehr als er wie der typische biedere Geschäftsmann, der etwas zu verbergen hatte, aus. Dass er seit Jahren offen schwul lebte, wusste hier ja keiner. Wie er betont hatte, war er kein Szenetyp und trieb sich nicht in solchen Lokalen herum. Jupp seufzte innerlich. Er sollte nicht klagen. Immerhin war der Vorschlag, wieder die Bar aufzusuchen von ihm gekommen und er hatte nicht widersprochen, als Klaus seinen Plan einer Falle erläuterte. Außerdem mussten sie das Schwein einfach kriegen. Seine Opfer waren zweifelsohne eines qualvollen Todes gestorben. Noch wussten sie nicht, warum keiner versucht hatte, auf der Straße oder in der Bar Hilfe zu bekommen. Die Drogen konnten nicht sofort tödlich gewirkt haben. Es dauerte seine Zeit, bis die Wirkung mit voller Stärke einsetzte. Vielleicht hatte Daniel seine Opfer an Ort und Stelle festgehalten bis sie tot waren. Spuren von Gewaltanwendung hatten sie allerdings nicht gefunden. Zumindest nicht beim letzen Opfer und laut den Berichten gab es auch keine bei den vorhergehenden, sonst wäre man ja nicht von Selbstmord ausgegangen. Er hatte seine Opfer also nicht bewusstlos geschlagen, bevor er die Spritze setzte. Sie mussten bei vollem Bewusstsein die Wirkung des Kokain gespürt haben.

 

Jupp wollte Klaus gerade signalisieren, sie sollten das Ganze für heute beenden, als er Daniel hereinkommen sah. Wieder blickte der junge Mann sich suchend im Raum um. Jupp schien es so, als wollte er auf den einzelnen Herrn zusteuern, der schon bei seinem Eintritt in der Bar gesessen hatte. Hastig erhob er sich deshalb und trat Daniel in den Weg.

 

„Darf ich dich zu einem Drink einladen?“, fragte er.

 

Daniel musterte ihn kurz und erkannte ihn offensichtlich wieder. „Ich dachte, du bist nicht interessiert“, sagte er.

 

„Ich... ich wollte mich für gestern entschuldigen.“ Jupp schluckte und legte eine Hand auf Daniels Arm, um ihn zu seinem Tisch zu führen. „Es tut mir wirklich leid, dass ich so abweisend war.“

 

Er gestikulierte dem Barkeeper nach einem weiteren Kölsch. „Und was willst du?“, fragte er seinen Gast.


“Auch eines“, sagte Daniel und Jupp gestikulierte erneut.

 

Jupp holte tief Luft, dann legte er seine rechte Hand auf Daniels Oberschenkel, so wie dieser es gestern mit ihm getan hatte. „Ich heiße übrigens Jupp. Ich wollte gestern nicht unhöflich sein“, erklärte er, wie Klaus es ihm geraten hatte. „Aber ich... naja, ich hatte halt schon jemanden. Das war ne blöde Situation, du verstehst? Wenn du eher hier aufgetaucht wärst... ich mag eigentlich lieber jüngere Männer... dann hätte ich gleich... naja... mit dir halt...“ Er hielt inne, bevor er noch mehr sinnloses Zeug zu stottern begann. Verdammt, er konnte einfach nicht behaupten, dass er auf einem Mann stand. Basta!

 

Ihre Biere kamen. „Ich dachte, er ist dein Freund“, sagte Daniel und deutete in Richtung Taube. Offensichtlich hatte er ihn bei seinem Eintreten bemerkt.


“Nein“, wehrte Jupp ab und nahm erst mal einen großen Schluck. „Ich habe ihn erst hier kennen gelernt. Dachte er ist ganz nett, aber er wollte Dinge von mir... das war nicht mein Fall.“

 

„Was für Dinge?“, fragte Daniel neugierig.


“Fesseln, Peitsche, Leder... so’n Zeug halt“, erklärte Jupp. Er warf Daniel einen, wie er hoffte, interessierten Blick zu. „Ich steh’ da absolut nicht drauf. Ich mag’s lieber sanft, weißt du.“

 

„Du bist noch nicht lange schwul, oder?“, wollte der junge Mann wissen.

 

„Ich leb’s noch nicht lange aus, wenn du das meinst“, sagte Jupp. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Klaus sich wieder eines Verehrers erwehren musste. „Irgendwie wusste ich es schon immer, aber wollte es nicht wahrhaben. Mein Ansehen war mir wichtiger, die Karriere, der Ruf. All das halt.“ Er zuckte mit den Schultern.

 

„Was sagt deine Familie dazu?“, wollte Daniel wissen.


“Die hat keine Ahnung“, gestand Jupp. „Meine Kollegen auch nicht. Die würden es nicht verstehen. Ich bin bei der Bank, Führungsetage“, erzählte er die Geschichte, die Klaus sich vorher für ihn ausgedacht hatte. Er selbst war zwar der Meinung gewesen, dass ihm niemand den Banker abnahm, aber Klaus meinte, es würde zu jemandem passen, der einen Teil seines Lebens strikt vom Rest trennte, dass er sich dort auch anders als im Alltag kleidete. „Mein Chef ist sehr konservativ. Ich hätte keine Chancen mehr auf weitere Karriere, wenn das rauskommt“, fügte er hinzu.

 

„Also versteckst du dein wahres Ich“, erwiderte Daniel sanft und streichelte durch Jupps Haar. Der zwang sich, stillzuhalten und die Berührung hinzunehmen.

 

Jupp nickte und atmete tief durch, als Daniel den Arm um ihn legte. „Was ist mit dir?“, fragte er. „Weiß deine Familie, dass du schwul bist?“

 

Für einen Moment verdüsterte sich Daniels Blick, so als hätte Jupp einen wunden Punkt berührt, dann sagte er knapp: „Ja“, um sofort darauf das Thema zu wechseln. „Du sagtest gestern was von einem Sohn?“

 

Jupp sah, wie Klaus die Bar verließ. Er warf ihm einen fragenden Blick zu, doch Klaus schüttelte fast unmerklich den Kopf. Kurz darauf kam er mit Gino im Schlepptau zurück und setzte sich an seinen alten Platz. Klaus beugte sich zu Gino und schien ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Gino wirkte wenig begeistert.

 

„Ich müsste mal für kleine Jungs“, sagte Jupp und erhob sich. „Nicht weggehen, ja?“

 

Mit dem Kopf bedeutete er Klaus, ihm zu folgen.

 

Eine Minute nach ihm betrat auch Taube die Toilette. Er schob Jupp in eine der Kabinen und verriegelte hinter ihnen die Tür, damit sie sich ungestört unterhalten konnten, sollte noch jemand die Toilette aufsuchen. Auch wenn es sehr eng war. Zu eng, für Jupps Geschmack. Er fühlte Klaus fast so dicht an sich gepresst wie gestern in diesem Darkroom.

 

Lächelnd deutete Jupp auf ein „Kein Sex“-Schild an der Tür „Komm mir nicht auf dumme Gedanken“, dann fragte er ernst: „Was ist los? Wieso ist Gino hier?“

 

„Nichts wichtiges, Jupp“, versicherte ihm Taube. „Ich hatte es nur statt, ständig angemacht zu werden. Deshalb habe ich Gino gebeten, meinen Liebhaber zu spielen, damit andere mich in Ruhe lassen und ich mich auf euch konzentrieren kann.“

 

Jupp musste erneut grinsen. Das war eine Aufgabe, die dem feurigen Italiener in etwa so gut „gefallen“ würde, wie ihm selbst.


“Wie sieht es bei dir aus?“, wollte Taube wissen.

 

„Ich habe ihm ‚meine’ Geschichte erzählt, er scheint sie zu schlucken“, erwiderte Jupp. „Als ich nach seiner Familie fragte, blockte er gleich ab. Scheint ein wunder Punkt zu sein.“

 

„Ich bin mir sicher, er ist unser Mann“, erwiderte Klaus.

 

„Ich werde jetzt versuchen, ihn aus dem Lokal zu locken“, erklärte Jupp. „Mir reicht das Rumgeplänkel.“

„Sei vorsichtig“, ermahnte ihn Klaus. „Wir folgen euch dann sofort.“

 

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie allein waren, huschte Jupp aus der Kabine, wusch sich kurz die Hände und ging dann wieder in den Gastraum. Klaus folgte ihm nach einer Weile.

 

„Gut, du bist noch da“, lächelte Jupp, als er an den Tisch zurück trat. „Ich hatte schon Angst, dir wäre was Besseres über den Weg gelaufen in der Zwischenzeit... was Jüngeres.“

 

„Ich steh mehr auf reifere Männer“, erwiderte Daniel und legte seinen Arm erneut um Jupp. „Die sind viel sanfter als junge. Außerdem bring ich gern Anfängern wie dir noch was bei.“

 

Jupp bemühte sich noch einmal das Gespräch auf Daniels Familie zu bringen, doch erneut blockte der junge Mann ihn ab, versuchte stattdessen ihn zu küssen. Jupp wehrte hastig ab. „Nicht in der Öffentlichkeit, bitte“, erklärte er. „Wenn mich mal jemand in der Bank wiedererkennt. Das wäre mir unangenehm.“ Er war sich wohl bewusst, dass diese Ausrede mehr als lahm war, denn allein seine Anwesenheit in einer Schwulenbar wäre ja Grund zur Peinlichkeit genug, würde er wirklich ein Doppelleben führen. Aber er wollte nicht geküsst werden, nicht von einem Mann, schon gar nicht von Daniel. Glücklicherweise schluckte der seine Erklärung.

 

Stattdessen legte Jupp wieder seine Hand auf Daniels Oberschenkel. „Ich würde gern mit dir allein sein“, sagte er. „Aber zu mir können wir nicht. Ich will nicht, dass mein Sohn etwas merkt.“

 

„Ich weiß, wohin wir gehen können“, erwiderte Daniel.

 

Jupp winkte dem Barkeeper, er wolle zahlen.

 

///

 

„Hier wohnst du aber nicht?“, wunderte sich Jupp, nachdem er Daniel schweigend gefolgt war. Er wusste nur allzu gut, wohin der ihn brachte, immerhin hatte er den Hinterhof des „Queens Palace“ erst letzte Nacht gesehen, hütete sich aber natürlich etwas diesbezüglich zu sagen, um seine Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Innerlich wappnete er sich, bereit jeden Anschlag, der auf ihn erfolgen mochte, abzuwehren. Heute, wo keine Polizeischeinwerfer die Gegend erhellten, war eine kleine Lampe über dem Hinterausgang der Bar die einzige Lichtquelle, lag der Platz fast vollständig im Dunkeln.

 

Daniel blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Der Müll ist genau der richtige Platz für dich Abschaum“, sagte er und aus seiner Stimme war die Sanftheit, die er den ganzen Abend gezeigt hatte, vollständig gewichen. „Dreck zu Dreck.“

 

„Was ist los?“, fragte Jupp und tat verwundert. „Willst du plötzlich nicht mehr?“

 

„Tagsüber spielst du den braven Familienvater und sauberen Geschäftsmann; aber nachts, da lässt du Schwein es dir von fremden Kerlen richtig besorgen“, schrie ihn Daniel an. „Ich werd’s dir jetzt auch besorgen, ein für alle Mal. Das versprech’ ich dir.“

 

Jupp sah, wie er etwas aus seiner Tasche zog. Wahrscheinlich die Spritze. „Ich werde deine Familie von dir befreien“, rief Daniel. „Sie wird nicht mehr unter deiner Scheinheiligkeit leiden:“

 

„Tötest du deshalb schwule Männer? Weil du glaubst, ihren Familien so zu helfen?“, fragte Jupp ruhig.

 

Daniel schien sich in seiner Rage nicht zu wundern, dass Jupp von den anderen Morden wusste oder nicht im geringsten panisch auf sein verändertes Verhalten reagierte. „Weißt du, was es für ein Kind heißt, wenn seine Freunde es plötzlich als Sohn einer Schwuchtel beschimpfen?“, fragte er. „Deinem Sohn wird das nicht passieren. Und deine Frau werde ich auch rächen. Sie hat sich umgebracht, weil sie dein Doppelleben nicht ertragen konnte.“

 

„Meine Frau starb bei einem Autounfall“, erwiderte Jupp. Er trat einen Schritt auf Daniel zu. „Hat deine Mutter sich umgebracht, weil dein Vater schwul war?“, fragte er. „Hasst du deshalb Schwule? Oder hasst du sie, weil du selber einer bist?“

 

„Ich bin keine Schwuchtel“, schrie Daniel. „Aber weißt du, wie es ist, wenn alle im Dorf plötzlich mit Fingern auf dich zeigen, weil dein Vater beim Ficken in einer öffentlichen Toilette erwischt wurde? Weil er erwischt wurde, wie er es sich gerade von einem Stricher besorgen ließ? Wir waren eine angesehene Familie, doch danach wollte niemand mehr etwas mit uns zu tun haben. Weißt du, wie es ist, wenn deine Freunde plötzlich nicht mehr mit dir spielen wollen, weil ihre Eltern es ihnen verbieten? Du könntest ja auch eine Schwuchtel sein und sie damit anstecken. Meine Mutter hat die Schande nicht überwunden. Ich fand sie mit einem Strick um den Hals am Apfelbaum hinter unserem Haus. Da war ich 14. Mein Vater hat sich dann vor lauter Schuldgefühlen zu Tode gefixt und ich kam ins Heim, weit weg von allen, die mich kannten. Aber irgendjemand hat erzählt, warum ich dort bin und mein Zimmergenosse hatte nichts besseres zu tun, als es mir zu besorgen. Immer und immer wieder. Als Sohn einer Schwuchtel musste ich ja auch schwul sein und mein Hintern machte ihn heiß.“

 

„Das tut mir leid“, sagte Jupp ruhig. „Aber Hass macht es nicht..“

 

Daniel hörte ihn gar nicht. Er trat näher an Jupp heran. „Ihr werdet alle dafür bezahlen, ihr Schweine. Bezahlen dafür, was ihr euren Familien antut. Ihr habt es verdient, auf dem Müll zu landen, zu krepieren wie die räudige Hunde, die ihr seid.“

 

„Deshalb tötest du jetzt Homosexuelle mit Drogen, so wie du glaubst, dass Homosexualität und Drogen dein Leben zerstört haben“, sagte Jupp. „Aber das hast nur du selbst getan.“

 

„Ich befreie ihre Familien!“, schrie Daniel. „Keine Lügen mehr, keine Schmerzen, sie werden frei sein. Ohne Schande leben können. Sie werden mir dankbar sein.“

 

„Das reicht.“ Jupp zückte seinen Ausweis. „Josef Schatz, Kripo Köln. Ich nehme Sie hiermit wegen vierfachen Mordes fest.“

 

Bevor Jupp reagieren konnte, war Daniel mit einer raschen Bewegung auf ihn zugesprungen und hatte ihm die Nadel in den Arm gerammt. Da es warm war, trug Jupp nur ein kurzärmeliges T-Shirt und eine Weste. Er schlug die Hand mit der Nadel weg. Im gleichen Moment stürmten Klaus und Gino die Szene. Taube, seinen Revolver in der Hand, warf Daniel zu Boden, dann legte ihm Gino Handschellen an. Der Italiener griff zu seinem Handy, telefonierte.

 

Klaus, seinen Revolver wieder wegsteckend, trat sofort zu Jupp, der sich die Stelle rieb, an der ihn die Nadel getroffen hatte. Er blutete leicht. Taube hob die Spritze auf und sah sie sich an. „War sie voll?“, fragte er Jupp.

 

„Keine Ahnung“, erwiderte dieser. Er hatte auf einmal das Gefühl, die Welt würde sich um ihn drehen. Er taumelte. Klaus griff rasch nach seinem Arm, hielt ihm fest und untersuchte die Einstichstelle. Die Blutung hatte bereits wieder aufgehört. Aus der Ferne drangen Polizeisirenen an ihre Ohren.

 

Klaus ließ Jupp, der ruhig stehen blieb, los, trat zu Daniel und zerrte ihn unsanft auf die Beine. „Was war in der Spritze? Kokain?“, wollte er wissen.

 

Daniel antwortete nicht. Klaus drückte ihn roh gegen die Mauer, welche den Hinterhof umgab. „Verdammt, antworte!“, verlangte er. „War Kokain in der Spritze?“

 

Jupp wollte sich einmischen, Klaus sagen, er solle sich nicht so aufregen, ihm gehe es gut, es sei doch nur ein kleiner Kratzer, nichts Schlimmes, aber vor seinen Augen flimmerte es plötzlich: Er holte tief Luft und sah wieder etwas klarer. Klaus überließ Daniel, der mittlerweile genickt hatte, wieder Gino und trat an Jupps Seite.

 

„Ich bringe dich sofort ins Krankenhaus“, sagte er besorgt zu Jupp.

 

„Was soll ich dort? Mir geht es gut?“, erwiderte dieser.

 

„Jupp, du hast einen Teil des Kokains abbekommen. Keine lebensgefährliche Dosis, denke ich, die Spritze ist fast noch voll, aber mit Drogen ist nie zu spaßen. Außerdem hast du reichlich getrunken, das wird die Wirkung womöglich noch verstärken.“

 

„Die können mich auch nur ins Bett stecken und warten bis die Wirkung nachlässt“, erwiderte Jupp und bemühte sich gerade zu stehen. Irgendwie drehte sich die Welt schon wieder. „Mir geht es gut. Ich will nach Hause.“

 

„Bitte, Klaus“, setzte er hinzu. Verschleiert sah er, wie Klaus ihn äußerst besorgt musterte.

 

Taube seufzte. „Okay, aber du bleibst diese Nacht nicht allein und bei den kleinsten Anzeichen von Problemen, hole ich einen Arzt. Verstanden?“

 

„Jaja, schon gut, Mama“, erwiderte Jupp und musste plötzlich lachen.

 

Wie aus weiter Ferne hörte er, wie Taube Gino Anweisung gab, alles weitere allein zu regeln und noch irgendetwas von einem Bluttest sagte, den er spätestens morgen früh haben wolle. Dann zog Klaus das Tonband aus Jupps Tasche und reichte es Gino, bevor er Jupp zurück zum „Queer-Cafe“ und seinem Auto, das auf dem Parkplatz davor stand, führte. Gerade fuhren zwei Streifenwagen an ihnen vorbei.

 

„Ich fahre“, sagte Klaus und nahm Jupp die Autoschlüssel ab, die dieser umständlich aus der Tasche gefingert hatte.

 

„Du fährst doch nie“, sagte Jupp, nachdem Klaus ihn auf den Beifahrersitz geschoben und die Tür geschlossen hatte, selbst einstieg und den Zündschlüssel ins Schloss steckte.

 

„Du kannst in deinem Zustand nicht fahren“, erwiderte Klaus. „Schnall dich an:“

 

Als Jupp Schwierigkeiten hatte, den Gurt zu befestigen, griff er hinüber und erledigte das. Jupp musste lachen. Dann startete Taube den Wagen und fuhr vorsichtig vom Parkplatz.

 

Jupp kicherte erneut. „Ich dachte, du hast gar keinen Führerschein. Von wegen Frau am Steuer und so.“

 

Klaus beschloss, die letzte Bemerkung zu überhören. Jetzt war kaum die richtige Zeit, um mit Jupp über seine albernen Vorurteile bezüglich Homosexueller zu diskutieren. „Wenn ich mich nicht auf den Straßenverkehr konzentrieren muss, kann ich meine Gedanken bereits auf die Analyse des aktuellen Falls richten“, erklärte er. „Jedenfalls, wenn dein Fahrstil solche Konzentration zulässt. Deshalb bin ich lieber nur Beifahrer. Außerdem fährst du doch so gern.“

 

„Und worauf konzentrierst du dich dann, wenn wir privat unterwegs sind?“, wollte Jupp wissen und kicherte erneut. „Denkst du an sexy Hintern?“

 

„Soll ich dich nicht lieber doch ins Krankenhaus bringen?“, fragte Klaus statt einer Antwort.


“Ich will nach Hause“, sagte Jupp leise, plötzlich zitterte er. „Mir ist so kalt.“

 

 

Teil 3