Titel:                Pulp – Der unsichtbare Dritte Teil 1

Autor:              LadyCharena@aol.com

Fandom:          Pulp

Pairing:             Gabriel/Cheryl

Rating:             R, Humor

Beta:                T’Len

Archive:           ffp, TOSTwins

 

Summe:            Pulp macht sich auf, eine Person zu finden, die ganz Paris in Blumen ertränkt.

 

Disclaimer:       Der erste Pulp stammt aus der Feder von Jean-Bernard Pouy , aber ich kann nicht ausschließen, dass auch die folgenden Pulps weiterer Autoren meinen Pulp beeinflusst haben <g> Die Rechte an den verwendeten Figuren liegen beim Wunderlich-Verlag, nicht bei mir und ich will weder diese verletzten, noch Profit aus dieser Fanstory schlagen.

 

 

Pulp - Der unsichtbare Dritte (März 2004)

 

Weder Engelsstimmen, noch Glockenklang weckten ihn – noch war es die Morgenröte, die ihn sanft wach küsste. Cheryl hatte ihre rosenfarbenen Lippen geöffnet, doch was an Worten darüber perlte, war bei näherer Betrachtung kein zärtlicher Morgengruß, kein liebevolles Geplänkel – sondern ein Fluch, wie Pulp ihn selten aus dem Mund seiner langjährigen Freundin und Haarkünstlerin hatte kommen hören.

 

Gabriel zwinkerte und blinzelte in das orangefarbene Morgenlicht, dass sich mit der pinkfarbenen Vinyldecke auf Cheryls Bett biss und endlich bequemten sich auch seine Ohren dazu, ihren Dienst aufzunehmen.

 

„So eine verfluchte Scheiße. Bekomm sofort deinen verdammten Arsch hoch und sieh dir diesen Dreck an! Vor meiner Tür! Als hätte ich nicht schon so genügend Ärger mit dir.“ Den Kopf heftig herumwerfend, so dass ihre blonden Locken nur so flogen, machte Cheryl auf dem hohen Absatz ihrer spitzen, rosafarbenen Pantoffelchen mit den neckischen Pompons kehrt.

 

Die letzten beiden Worte waren im Hirn des Pulp hängen geblieben. Mühsam schälte sich Gabriel aus der Vinyldecke, die ihn wie immer zum Niesen reizte und folgte seiner wütenden Venus. „Mit mir? Was für einen Ärger hast du den bitteschön mit mir?“, grummelte er und bemühte sich, seine langen Arme nicht zu sehr schlackern zu lassen. Er fühlte sich verkatert. Zum Teufel, jedes Glied seines zu lang geratenen Körpers sandte Krämpfe wie geheimnisvolle Funkwellen aus. Jedes einzelne Haar schien einen winzigen Schmerzpunkt auf seinem Kopf darzustellen. Er rieb sich mit seinen tellergroßen Flossen die Schläfen und über das stoppelige Kinn. Konnte das an den neun, zehn, fünfzehn neuen Biersorten liegen, die er am Abend zuvor mit Gérard probiert hatte? Glatter Unsinn, wies Pulp diesen Gedanken zurück. Er war ja nicht mal so voll gewesen, dass er nicht mehr allein nach Hause gefunden hätte. Nun gut, Vlad hatte ihm einen hilfreichen Arm geliehen und ihn zu Cheryl begleitet, nachdem Maria ihren Gérard eigenhändig in sein Bett beförderte. Aber einen Freund ließ man nun einmal nicht mitten in der Nacht alleine nach Hause gehen, auch wenn es vom Pied de Porc á la Sainte-Scolasse nicht weit zu Cheryls Wohnung über dem Friseursalon war...

 

* * *

 

Und Cheryl, dieses entzückende Geschöpf, hatte die Tür nicht geöffnet, als Pulp klingelte – er konnte den Schlüssel nämlich nicht finden. Vlad setzte eine angemessen berufliche Miene auf und durchsuchte Gabriels Taschen, bis er den Wohnungsschlüssel gefunden hatte. Und das war gar nicht so einfach, denn in Pulps Taschen fanden sich enorm viele Schlüssel, die wenigsten davon mit Kenntnis ihrer Eigentümer... Letztlich war es dem großen, nüchternen Rumänen dann doch gelungen, Gabriel in die Wohnung zu manövrieren, schließlich hatte er schon zu Beginn seiner medizinischen Ausbildung gelernt, mit Bewusstlosen oder fast Bewusstlosen – wozu Pulp in seinem derzeitigen schlaffen Zustand durchaus zu zählen war - umzugehen. Er betete nur darum, dass der sein Bier bei sich behielt.

 

In den Flur abgeschoben war Pulp dann sich selbst überlassen worden und wabbelte auf schwachen Gliedmaßen in Richtung von Cheryls pink- und rosafarbenen Schlafgemacht, um sich so still und leise wie möglich in das Bett zu schleichen, das er mit Cheryl und unzähligen Stoffkängurus von Zeit zu Zeit teilte. Begleitet von Marilyns leiser Stimme – Cheryl hatte mal wieder den Fernseher nicht ausgeschaltet, bevor sie ins Bett ging – tappte er durch das dunkle Wohnzimmer, das sich in der Abwesenheit von Licht in ein merkwürdig fremdes Land verwandelt zu haben schien. Das schwache graue Geflimmer auf dem Bildschirm, als die Aufnahme des tausend-und-ein-Mal gespielten Videos mit Zusammenschnitten endete, bewahrte ihn nicht davor, sich den großen Zeh irgendwo anzustoßen. Gabriel hatte im Flur vorsichtshalber die Schuhe ausgezogen, um leiser zu sein – ein schlichtes Wunder, dass dieser doch recht komplexe Gedanke es durch die Nebelwand in seinem Hirn geschafft hatte. Fluchend hopste er nun auf einem Bein umher und hielt seinen schmerzenden Fuß in der Hand. Boshafte Zungen behaupteten ja, Gabriel könne sich die Zehennägel schneiden, ohne sich zu bücken, doch so lang waren selbst die Arme des Pulp nicht und er befand sich daher in einer ausgesprochen merkwürdigen Haltung, als das Licht anging.

 

Mit wutblitzenden Augen stand Cheryl vor ihm und fuhr ihn an, was ihm einfalle, so einen Lärm zu machen. Sie trug ein entzückendes, durchsichtiges Nichts von einem Néglige und ihr blondes Haar wallte in üppigen Locken um ihr erbostes Gesicht.

 

Zum zweitenmal überkam ein Gedanke die Bierbarriere in Gabriels Hirn und er fragte sich, woher diese üppige Haarpracht so plötzlich kam. Denn als er sich zum Pied de Porc á la Sainte-Scolasse auf den Weg gemacht hatte, trug Cheryl noch ihre übliche Frisur. Doch ehrlich gesagt, wäre diese Betrachtung viel zu philosophisch für seinen derzeitigen Zustand gewesen und so schob Gabriel die Frage beiseite.

 

Angesichts dieser Venus in rosa und lila Spitze fand sich Pulp mit einmal sehr liebesbedürftig. Seine langen Krakenarme streckten sich nach Cheryl aus, um sie an sich zu ziehen – da er dabei allerdings seinen Fuß loslassen musste, verlor er das Gleichgewicht und landete ausgesprochen unsanft auf seinem Hinterteil.

 

Das wiederum reizte Cheryl zum Lachen. Sie schob ein Bein vor, so dass das ohnehin knappe Néglige noch ein wenig weiter nach oben glitt und Pulp von seinem Sitzplatz auf dem Boden aus einen reizvollen Blick auf das ungebleichte Dreieck dunkleren Haars darunter erhaschen konnte.

 

„Ich werde dir ein Kissen und eine Decke bringen, dann schläfst du am besten gleich hier“, meinte sie spöttisch. „Denn ich glaube nicht, dass ich dich da wieder hochkriege.“

 

Sie drehte die Hüften ein wenig, um Gabriel einen noch besseren Blick unter ihr Néglige zu ermöglichen, was der mit einem Seufzen und verdrehten Augen beantwortete. Mit dem koketten Hüftschwung ihres großen Idols Marilyn Monroe, der ihr Kleidchen hinten lüftete und so Gabriel auch einen Blick auf das darunter werfen ließ, stolzierte sie auf ihren hochhackigen Pantöffelchen davon.

 

Einen Moment saß Pulp reglos - das heißt, das meiste von ihm blieb reglos sitzen, die alte Hosenschlange strebte dagegen ganz eifrig aufrecht – dann schlang er seine langen Arme liebevoll um den Couchtisch, der sich ganz in seiner Nähe befand, um sich daran auf zu ziehen. Nun, da hatte Cheryl doch immerhin schon etwas von ihm hochgebracht... der Rest würde sicherlich bald folgen.

 

Sobald er seine Gliedmaßen zum Gehorsam bewegen konnte, hieß das. Pulp zog die Beine an und stemmte seinen schlaksigen Körper am Couchtisch hoch. Nun war dieses Möbelstück ein zierliches, eher dekoratives denn nützliches, altes Tischchen, das Cheryl auf einem Flohmarkt entdeckt hatte. Seine dünnen, gedrechselten Beine knickten in alle Richtungen, als Pulps gesamtes Gewicht auf ihnen lastete und mit einem enormen Krachen brach der Tisch unter ihm zusammen.

 

Gabriel verzog schmerzlich das Gesicht und rappelte sich aus den Trümmern hoch, dabei riss er sich einen zahnstocherdicken Splitter in die Handfläche – letzte Rache des zermalmten Möbels. Gabriel zog den Splitter heraus und sog einen Moment an der winzigen Wunde, aus der etwas Blut perlte, während er den Durchgang zum Schlafzimmer ansteuerte.

 

Jetzt aber nichts wie zu Cheryl unter die Decke, bevor sein Ständer seine Jeans sprengen würde...

 

Mit einiger Mühe bekam er sein Shirt über den Kopf und hampelte die langen Beine aus den Röhren der Jeans. Soweit er im schwachen Licht, das durch die fast geschlossenen Rollläden drang, erkennen konnte, hatte Cheryl die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen und rührte sich nicht. Pulp grinste. Eines der unzähligen Spielchen, die ihr Liebesleben würzten, war Cheryls sexy Vorstellung von Dornröschens Erwachen. Sie hatte es zur Meisterschaft darin gebracht, vorzugeben, zu schlafen, während ihr Prinz – zuweilen auch Pulp genannt – allerhand unternahm, um sie wach zu kriegen.

 

Gabriel haderte einen Moment lang mit wirklichen Zweifeln, ob er das in dieser Nacht wirklich noch bringen würde. Allerdings hatte er das Gefühl, seit des Zusammenbruchs des Couchtisches beständig nüchterner zu werden – unerklärlich, wie dieses Phänomen auch sein mochte. Er lüftete die Decke und kuschelte sich an den Rücken seiner Venus, die unwirsch murmelnd von ihm abrückte. Pulps lange Krakenarme schlangen sich sanft um sie und seine Erektion nestelte sich – wie von einem Eigenleben beseelt – an die prallen Hinterbacken Cheryls. Und dann geschah das Unfassbare – wenn auch nicht wirklich Unerwartete – Gabriel schlief einfach ein. Die Krake ließ sozusagen ihr Opfer unverschlungen weiterziehen. Kein Wunder, dass Cheryl am Morgen in schwärzester Laune war.

 

* * *

 

Nicht einmal der frühmorgendliche Lärm hatte Gabriel gestört, bis Cheryls Schimpftirade ihn und seine Morgenlatte aus dem Schlaf gerissen hatte. Trotz der Dringlichkeit, die in der Stimme seiner Dauerverlobten mitgeschwungen hatte, ging er zuerst unter die Dusche.

 

Kaltes Wasser und ein paar Aspirin, die er unter Cheryls Sachen fand, ließen seinen ausgewachsenen Kater zu einem zahmen Kätzchen schrumpfen, dem er mit einer Tasse heißen Kaffees den endgültigen Garaus machen würde. Er grinste beim Gedanken daran, wie Gérard, der nicht mehr Pulps eiserne Konstitution besaß, sich heute morgen wohl gefühlt hatte. Etwas gab es jedoch, dass er dem Wirt des Pied de Porc á la Sainte-Scolasse neidete – bestimmt hatte Maria ihm den Kaffee ans Bett gebracht. Cheryl war eine begnadete Haarkünstlerin und eine ausdauernde, phantasievolle Liebhaberin, aber ihr fehlte völlig das hausfrauliche oder mütterliche, das Maria ausstrahlte. Und manchmal - so sagte sich der weise Pulp, der als Waise aufgewachsen war – war es gar nicht so schlecht, eine Partnerin zu haben, die etwas mütterliches ausstrahlte.

 

Er wandte sich um und streifte mit der nackten Schulter etwas, dass Cheryl offenbar zum Trocknen aufgehängt hatte. Gabriel zog das T-Shirt von der Leine. Es war zu klein, um ihm zu gehören – und zu groß, um von Cheryl getragen zu werden. Ganz zu schweigen davon, dass sie nie etwas graues getragen hätte. Sie würde zu Pulps Beerdigung in ihrem pinkfarbenen Stretch-Minikleid mit dem verrückt-exotischen weiße-und-lila-Orchideen-Muster erscheinen. Vermutlich mit einer als Hut getarnten Obstschale auf den blonden Locken. Wahrscheinlich hatte es einer ihrer Liebhaber vergessen. Gabriel warf es in eine Ecke.

 

Er wabbelte in den Flur, nackt wie er war und entdeckte, dass Cheryl sich bereits zur Arbeit um- bzw. angezogen hatte. Offenbar befand sie sich mitten ein einer bereits länger andauernden Klagerede, die sie nur einmal kurz stoppte, um Luft zu holen. Gabriel nutzte diese Gelegenheit und küsste ihre heute morgen dunkelrot geschminkten Lippen. Unwirsch machte sie sich von ihm los und Pulp hätte in diesem Moment eigentlich Übles schwanen müssen, hätten sich nicht seine verquollenen Krakenaugen am hochliegenden Saum von Cheryls Minirock festgesogen. Er fühlte sich durchaus fit, dort weiter zu machen, wo er in der Nacht zuvor... doch ein Blick auf Cheryls Gesicht belehrte ihn eines Besseren.

 

„Was soll dieser Unsinn, Gaby?“, fauchte sie ihn an. „War das wieder eine deiner zahllosen Verehrerinnen?“

 

Sie riss die Tür auf und Pulp sah hinaus in ein Meer voll Blumen, das den engen Korridor vor Cheryls Wohnung bedeckte. Er überlegte hastig. Nein, außer Annick Le Goff würde keine seiner Affären auf die Idee kommen, ihm genügend Blumen zu schicken, um darin zu ertrinken – aber Annick war bei dem Bombenattentat auf das Hotel Nice getötet worden. Er hatte den Polizeibericht gelesen, der am Tag darauf im Parisien veröffentlicht worden war. Geranien. Er hasste Geranien. Gabriel fuhr sich durch seine widerspenstigen, feuchten Locken, die eindeutig nach Cheryls Zauberhänden und ihrer Schere verlangten. Woran erinnerte ihn dieser süßliche Friedhofsgeruch nur...? „Bist du sicher, dass das kein Geschenk von deinem neuen Freund Gaby ist?“, fragte er. „Du hattest dieses Zeug doch töpfeweise im Frisiersalon stehen. Er hat sie doch angeschleppt, aus Dankbarkeit, als ihr eueren Kaffeeklatsch da abgehalten habt...“

 

„Was ist denn dass schon wieder für ein Quatsch!“, ereiferte sich Cheryl. „Gaby ist nicht in Paris. Er hat inzwischen die Nase voll von Front National und ist mit seinem festen Freund nach Marseille gezogen.“ Sie zog einen Schmollmund. „Das habe ich dir alles schon erzählt!“

 

Diese vage Ahnung hatte Gabriel auch. Das musste irgendwann gestern gewesen sein. Zwischen der dritten und vierten Runde im Bett, mit der sie seine Rückkehr gefeiert hatten. Cheryl hatte deswegen extra den Laden geschlossen und versucht, etwas zu essen zu kochen. Bevor er auf diese dumme Idee mit der Sauftour kam.

 

Gabriel verschwieg, dass er sich bereits im Pied de Porc á la Sainte-Scolasse von Maria mit katalanischen Köstlichkeiten hatte voll stopfen lassen und öffnete statt dessen ihre knappe Dienstmädchenschürze die sie – außer hochhackigen Stiefeln sonst nichts darunter – trug. Die Male der spitzen Absätze leuchteten vermutlich immer noch in seinen Kniekehlen, in die Cheryl sie bohrte, als er sie unter seinem langen, linkischen Krakenkörper hatte. Und über allem waberte der Geruch verbrannten Fleisches.

 

Danach hatte Cheryl - bis zum Abend, als Gabriel sie verließ, um ins Pied de Porc á la Sainte-Scolasse und Gérards neuen Biersorten zu gehen – nur einmal kurz das Bett verlassen, um die Platte unter der Pfanne mit den verkohlten Steaks auszumachen.

 

Seine Gedanken rissen sich von dieser weitaus angenehmeren Vorstellung los, als Cheryl die Absätze ihrer Pantöffelchen auf den Steinboden knallen ließ. „Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte sie ätzend.

 

Gabriel beschränkte sich auf ein Lächeln und zuckte mit den Schultern. „Ist keine Karte dabei? Woher willst du wissen, dass die Blumen für mich sind? Hast du keinen neuen Liebhaber, der eine Blumenhandlung besitzt?“ Schon eher eine Gärtnerei, korrigierte er sich im Stillen. Sogar die ersten Stufen der Treppe waren, so weit er sehen konnte, mit Blumentöpfen vollgestellt.

 

Er machte einen Schritt aus der Wohnung – und beging damit einen großen Fehler. Cheryl knallte nämlich hinter ihm die Tür zu und ließ ihn auf dem düsteren Flur mit seinem Friedhofsgeruch stehen, in dem natürlich in diesem Moment das Licht ausging. Gabriel fluchte und klopfte gegen die Tür. Doch die blieb eisern verschlossen. Er erhielt nicht einmal eine Antwort, als er Cheryl bat, ihm wenigstens seine Klamotten rauszuwerfen. Es war nicht das erste Mal, dass Cheryl ihn vor die Tür setzte und es würde sicherlich nicht das letzte Mal sein – aber es kam selten vor, dass sie ihn nackt dort draußen stehen ließ. Und es war unangenehm kalt. Kein Wunder, es war ja auch erst Februar.

 

„CHERYL!!??“ Er war nahe dran, die Tür einzutreten, als sich diese einen Spalt breit öffnete, ihm seine Jeans und seine Jacke entgegenflogen, die Schuhe hinterher kamen samt seiner Utah-Mütze. Dann knallte Cheryl sie wieder zu, bevor er auch nur daran denken konnte, eine Hand dazwischen zu bekommen.

 

Gabriel sammelte seine Klamotten auf, die etliche Blumentöpfe umgefegt hatten und zog sich an. Besser, als sich einen Blumentopf vorzuhalten und zum Pied de Porc á la Sainte-Scolasse zu huschen, um sich von Gérard etwas zu borgen, war es allemal. Er klopfte ein letztes Mal gegen die Tür, lauschte und als es still blieb, stülpte er sich seine Mütze auf den Kopf und ging.

 

* * *

 

Auch im Pied de Porc á la Sainte-Scolasse war es heute merkwürdig still. Gérard lehnte mit geschlossenen Augen an der Theke, ein Tuch um den Kopf gebunden und mit dunklen Schatten unter den Augen. „Hallo Pulp“, flüsterte er, ohne die Lider hochzuklappen. „Vlad bringt gleich dein Frühstück.“

 

„Ist Maria krank?“, fragte Gabriel sofort besorgt, denn sie ließ es sich sonst nie nehmen, ihm Kaffee und Croissants persönlich zu bringen.

 

Jetzt klappte Gérard doch ein Auge auf. „Maria streikt und ist wütend auf mich, weil ich vergessen habe, ihr ein Geschenk zu kaufen – und wegen dieser LKW-Ladung Blumen, die irgend so ein Idiot bei uns vor die Tür gestellt hat.“

 

„Blumen?“ Gabriel horchte auf. Er war bereits im Begriff gewesen, sich an seinem Stammplatz beim Fenster niederzulassen und nach dem Parisien zu greifen. Doch jetzt stand er auf und trat zu seinem Freund und Lieblingswirt. „Was hast du gerade über Blumen gesagt?“

 

„Es waren Nelken“, murmelte Gérard und betastete mit schmerzlich verzogenem Gesicht seine Stirn. „Scheußlich duftende Nelken in allen Farben. Maria dachte, ich hätte sie dorthin gestellt und bedankte sich. Und ich Idiot sagte, sie wären nicht von mir. Da ging das Donnerwetter los. Wie konnte ich auch nur vergessen, welcher Tag heute ist“, schloss er selbstmitleidig.

 

„Und? Was für ein Tag ist heute?“, fragte Pulp ungeduldig.

 

Gérard blinzelte wie eine Eule. „Man könnte meinen, du lebst in einer anderen Welt, Pulp“, sagte er. „Heute ist der Schreckenstag für alle Männer – Valentinstag!“ Er blinzelte noch einmal und ein mattes Grinsen erschien auf seinen Lippen. „Du hattest wohl auch kein Geschenk für Cheryl, was? Oder wieso bist du nur halb angezogen?“

 

Gabriel blickte stirnrunzelnd auf die leeren Bierflaschen hinter der Theke. Es konnte doch nicht sein, dass er und Gérard die alle geleert hatten...? „Vor unserer Tür waren auch Blumen“, sagte er beiläufig. „Geranien. Sie dachte... die wären für mich.“

 

Gérard kicherte. „Siehst du – das ist der Valentinstag. Da wird sogar eine Frau wie deine Cheryl eifersüchtig. Und von wem sind sie?“

 

„Keine Ahnung.“ Pulp zuckte zur Verdeutlichung mit seinen Schultern. „Aber wenn ich den Kerl erwische, dann hat er nichts zu lachen. Wo steckt Vlad?“

 

„Ich habe nur den Wohnungsschlüssel aus deiner Tasche genommen, Pulp“, verteidigte sich der Rumäne hinter ihm, der gerade aus dem Durchgang zur Küche trat. Offenbar hatte er nur den letzten Teil von Gabriels Worten gehört und diese auf sich bezogen. Er knallte das Tablett heftig auf den Tresen, so dass Gabriels jus d'arabica über die Croissants schwappte und verschwand wieder in der Küche, aus der es verlockend duftete.

 

Gabriel seufzte und ließ den beleidigten Rumänen abziehen, ohne das Missverständnis aufzuklären. Vlad war ohnehin nie lange eingeschnappt. „Aber Maria scheint dir nicht ernstlich böse zu sein, sie kocht doch. Was gibt es denn heute – außer Schweinsfuß?“

 

„Das ist Vlad, der kocht“, berichtigte Gérard und betastete erneut mit geschlossenen Augen seine Stirn. „Frag’ ihn doch selbst, was er da zusammenbraut. Aber schrei’ nicht so!“

 

Dessen ungeachtet beugte Pulp sich über die Theke und rief in Richtung Küche: „Was gibt es heute zu Essen, Vlad?“

 

„Pulp in Tomatensoße“, kam es gekränkt aus der Küche.

 

Gérard kicherte erneut.

 

Gabriel verzog das Gesicht. Er streckte einen langen Arm nach einem Croissant aus – das Tablett stand fast am anderen Ende der Theke, aber er erreichte die Tasse mühelos - und tunkte es in den Kaffee. Schweigend verzehrte er sein Frühstück, bis ihm plötzlich auffiel, wie still es war. Nicht einmal die Stammgäste hatten sich heute im Pied de Porc á la Sainte-Scolasse eingefunden, um ihr Glas Bier oder Wein, ihren Pastis oder gar einen Schweinsfuß in Gelee und mit dunkler Cognacsoße zu sich zu nehmen. „Wieso ist heute niemand hier?“, fragte er.

 

Gérard seufzte. „Alles nur die Schuld von diesem Valentinstag.“

 

Diese Erklärung schien Gabriel zu wenig auszusagen. Das Frühstück hatte seinen grummelnden Magen beruhigt und seinen Kopf klar gemacht. Außerdem waren viele der Stammgäste des Pied de Porc á la Sainte-Scolasse alte, einsame Männer, die keine Frau oder Freundin mehr hatten, die sie an so einem Tag schick zum Essen ausführen würden. Oder ähnliches. Der Professor, der sonst immer über seine Notizen gebeugt in einer Ecke saß, hatte beispielsweise nur eine Katze zuhause, die sich die meiste Zeit sonst wo herumtrieb. Er schlug den Parisien auf, doch fand nichts von Interesse darin.

 

„Sag’ mal, Pulp – weißt du eigentlich, warum sich Kraken nicht verloben?“, fragte Gérard.

 

„Nein, warum?“, meinte Gabriel abwesend.

 

„Na stell dir mal vor, so viele Arme und für jeden einen Ring.“ Gérard lachte über seinen eigenen, schwachen Witz, fasste sich aber sogleich wieder stöhnend an die Stirn.

 

Gabriel verabschiedete sich von Gérard, der nur matt winkte und trat hinaus in einen strahlenden, aber eiskalten Wintertag. Die Straßen waren mit grauem Matsch bedeckt, von der lärmenden Blechlawine immer wieder neu ausgewalzt und zusammengescharrt, weggeschleudert und herangeschleppt. Gedankenverloren schlenderte Gabriel ein Stück den Bürgersteig entlang, mit dem zielsicheren Instinkt des Parisers die Hundehaufen unter dem Schneematsch vermeidend, auch wenn er dem Bürgersteig keine Aufmerksamkeit schenkte. Er dachte an Cheryl, mehr noch aber an die Blumen. Wenn sich vor Maria und Gérards Tür ebenfalls ein wahnsinniger Blumenbote ausgetobt hatte, dann waren die Geranien vor Cheryls Wohnung kein gezieltes Geschenk, weder für ihn noch für Cheryl. Aber woher zum Teufel stammten sie?

 

Er stoppte, sah auf und fand sich einem der kleinen Blumenläden des 11. Arrondissements gegenüber. Gabriel grinste. Wo, wenn nicht hier, sollte er mit seinen Nachforschungen anfangen.

 

* * *

 

Als er eintrat, bimmelte eine kleine Glocke über ihm. Er setzte sein schönstes Pulp-Lächeln auf, denn er hatte schon einmal die Bekanntschaft mit einer alten, zähen und ausgesprochen übelgelaunten Blumenhändlerin gemacht. Hinter der Theke erschien jedoch ein Mädchen, das müde und abgekämpft aussah. „Wir haben keine Blumen mehr. Kommen Sie morgen wieder“, fertigte sie ihn kurzangebunden ab und wollte sich wieder umdrehen.

 

Wahrscheinlich gehörte der Laden ihren Eltern, denn sie schien noch keine sechzehn Jahre alt zu sein, die kleine Blumenhändlerin, wie Gabriel mit einem Anflug Bedauern feststellte. Er hatte nun einmal einen Hang zu schönen Frauen. „Ich wollte keine Blumen kaufen.“

 

Das ließ sie innehalten. Sie wandte sich Gabriel wieder zu, ihr Blick war jedoch auf ihre Hände gerichtet, die auf der Theke lagen. „Was dann?“, fragte sie. „Wir führen nur Blumen.“

 

„Ich will überhaupt nichts kaufen“, präzisierte Pulp. „Eigentlich wollte ich nur etwas fragen.“

 

„Ach ja?“

 

Ihr müdes Gesicht zeigte keinerlei Interesse und Gabriel begann zu vermuten, dass der eine oder andere Blumenkäufer an diesem Tag versucht hatte, mit ihr anzubandeln und eine solche oder ähnliche Frage gestellt hatte. „Ich will nur wissen, ob dir jemand aufgefallen ist, der große Mengen an Blumen gekauft hat. Nelken oder Geranien. Es muss nicht hier gewesen sein, aber vielleicht hat dein Vater oder deine Mutter heute morgen am Großmarkt davon gehört.“

 

Sie blickte mit ihren seltsam unberührten, eisblauen Augen auf, die so gut zum Winterhimmel passten. „Wieso wollen Sie das wissen?“

 

„Weil meine Freundin denkt, die Geranien vor unserer Wohnung wären von einer heimlichen Verehrin und mir deshalb die Hölle heiß macht“, erklärte Pulp.

 

Das Mädchen lachte und ihre Züge zeigten wieder Leben. „Es war tatsächlich - gleich heute morgen als wir das Geschäft geöffnet haben - jemand hier, der alle Nelken aufkaufte, die wir im Laden und im Lager hatten. Es waren bestimmt zweitausend Stück.“

 

„Wie sah er aus?“, fragte Pulp gespannt.

 

Das Leben verschwand aus dem Gesicht der Blumenhändlerin und sie wirkte wieder müde. „Ich konnte ihn nicht sehen“, sagte sie brüsk. „Ich bin seit meiner Geburt blind.“

 

Gabriel schluckte. Erst jetzt sah er den weißen Blindenstock, der neben der Tür lehnte, durch die das Mädchen getreten war. Und es erklärte wohl auch den merkwürdig starren Ausdruck ihrer Augen. „Äh...“

 

„Ich unterscheide die Blumen an ihrer Form, ihrem Geruch und wie sie sich anfühlen“, sagte das Mädchen, dass offenbar eine entsprechende Antwort erwartete. „Ich bin in diesem Laden aufgewachsen. Und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen – wir schließen.“

 

Gabriel zog sich zur Tür zurück. „Entschuldigung“, meinte er und verschwand nach draußen. Er drehte sich um und sah das blasse Gesicht auf der anderen Seite der Glastür, die langsam zufiel.

 

„Versuchen Sie es bei Madame Thibault um die Ecke. Sie hat die schönsten Geranien von ganz Paris.“

 

Dann war die Tür zu und Gabriel hörte einen Riegel einrasten. Sekunden später klapperte ein Rollo herunter.

 

Gabriel war nach dieser Pleite eher zumute, ins Pied de Porc á la Sainte-Scolasse zurückzukehren und zu sehen, was in Vlads Kochtöpfen brodelte. Andererseits ließen ihm die Geranien von Madame Thibault keine Ruhe. Er ging ein paar Schritte weiter und sah in einiger Entfernung eine blauweiße Markise leuchten. Sie musste mit viel Liebe und Sorgfalt gereinigt worden sein, denn in einer Stadt mit so vielen Abgasen und Ruß in der Luft blieben blauweiße Markisen nicht lange so schön. Also setzte Pulp seine langen Beine in Bewegung und stand bald vor einer ganz ähnlichen Ladentür wie die, die ihm gerade vor der Nase zugeschlagen worden war.

 

Auch hier hing das „Geschlossen“-Schild, doch als Gabriel die Klinke drückte, ließ sich die Tür öffnen.

 

Auch diese Blumenhandlung wirkte wie ausgeräumt. In den Schalen und Schüsseln, Eimern und Vasen standen noch vereinzelt welke Blüten, auf dem Boden befanden sich zertrampelte Blätter, Moos und eine zerknickte, rote Schleife inmitten eines Berges aus hastig heruntergerissenem Einwickelpapier.

 

Gabriel wartete, da auch über dieser Tür ein Glöckchen hing, das das Eintreten eines Kunden verhieß, würde über kurz oder lang jemand auftauchen.

 

Schließlich erschien hinter der Theke, auf der sich das Handwerkszeug des Floristen in wilder Unordnung stapelte, so urplötzlich ein altes, eingeschrumpeltes Männchen, dass Pulp fast glaubte, er wäre wie ein Springteufel aus dem Boden geschossen.

 

„Ich war im Keller“, schnaufte der Alte und schloss ächzend eine Falltür (Oder waren es die eingerosteten Gelenke der Tür, die dieses Geräusch von sich gaben?), was wohl sein plötzliches Auftauchen hinreichend erklärte. „Was wollen Sie? Blumen haben wir keine mehr.“

 

Er stieß ein meckerndes Gelächter aus, das Pulp wahrlich an einen alten Ziegenbock erinnerte, den er irgendwo irgendwann einmal gesehen hatte. Er irritierte Gabriel. „Man hat mir gesagt, Sie verkaufen Geranien?“

 

„Sicher, sicher“, sagte der Alte und lachte wieder. „Immer außer heute.“

 

„Das habe ich verstanden“, meinte Pulp etwas lauter, weil er annahm, der Alte höre nicht mehr gut.

 

„Sicher, sicher“, erwiderte das Männchen. „Und was wollen Sie dann, heh?“

 

„Ich möchte wissen, wer die Geranien gekauft hat. Haben Sie ihn gesehen?“

 

„Sicher... sicher.“ Der Alte machte eine Pause und zu den unzähligen Falten in seinem Gesicht gesellten sich noch ein paar der Nachdenklichkeit.

 

„Und wie sah er aus?“, drängte Gabriel, dem langsam die Geduld ausging.

 

„Sicher, sicher“, murmelte der Alte. „War so ein Großer“, meinte er dann.

 

„Ein Großer? Wie groß?“

 

„Na, ein bisschen größer als ich.“

 

Was Gabriel als nicht sehr groß ansah. Der Alte konnte höchstens 1.30 Meter groß sein. „Und weiter?“

 

„Sicher, sicher.“ Dieser Tick des Alten ging Pulp langsam auf die Nerven. „Hatte ein rundes Gesicht und Pausbacken, blonde Locken. So wie der da.“ Der Blumenhändler wies auf das Februarbild eines vergilbten Kalenders, der offenbar irgendwann einmal aus einer Zeitung ausgeschnitten worden war. „War wohl ne Tunte, so mit Rouge und Lippenstift und über den Augen so blaues Zeug.“

 

Pulp versuchte durch die Spinnweben über dem Kalenderbild etwas zu erkennen, aber es schien sich um eine Putte oder einen anderen Engel zu handeln. Vielleicht um diese Amor-Kitsch-Version, die um diese Zeit überall zu sehen war. „Aha. Der Typ sah also aus wie eine Tunte. Danke, das wird mir sehr weiterhelfen.“ Gabriel verließ kopfschüttelnd den Laden. Am besten gab er es auf. Außerdem hatte er Hunger. Mal sehen, was Vlad im Pied de Porc á la Sainte-Scolasse gezaubert hatte...

 

Ende Teil 1

 

 

Teil 2