Titel: Missing scenes: P.O.W.
Autor: Lady Charena
Fandom: SK Kölsch

Paarung: POV Klaus Taube, Jupp Schatz
Rating: PG-13

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Missing scenes: Klaus Taube als Geisel eines Mannes, der sich selbst im Krieg mit der Polizei sieht – und Taube als einen Kriegsgefangenen.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

 

 

 

***************************************************************************

„Sind Sie schuldig?“ Karl-Heinz Apers, genannt „Der Aap“

Taube: „Macht sich ein Soldat bei der Ausübung seiner Pflicht schuldig?“

                                                                                                                          Der Aap (06/01)

***************************************************************************

 

 

Benommen blickte Klaus Taube zu dem Mann auf, der den alten Aap nur mit Général ansprach, Apers rechte Hand - und er schien zu glauben, dass sie sich in einem Krieg befanden.

 

Er war es gewesen, der ihn auf der Straße - nur ein kleines Stück vom Rättematäng und seinen Freunden entfernt - zusammengeschlagen und wie einen Sack in den Kofferraum gehievt hatte. Danach war er mit verbundenen Augen in ein Gebäude gebracht und dort in einem dunklen Raum alleine gelassen worden. Irgendwann musste er dann vor Erschöpfung eingeschlafen sein, denn richtig zu sich gekommen war Klaus dann erst hier - wo immer hier auch sein mochte - die Arme mit Handschellen nach hinten gefesselt; sein Oberkörper und seine Beine mit Klebeband an einen Stuhl fixiert.

 

Sein Gesicht schmerzte von dem Schlag, den er erhalten hatte, als er ohne Erlaubnis sprach. Aus seiner Nase floss ein dünnes Rinnsal Blut; doch er glaubte nicht, dass sie gebrochen war: er hatte keine übermäßigen Schwierigkeiten zu atmen und außerdem würde es dann heftiger bluten.

 

Apers schien seine kleine Ansprache beendet zu haben, zumindest gab er einem der Schläger, die Klaus hinter sich stehen wusste, einen Wink. Plötzlich hielt einer der Typen seinen Kopf fest und der andere, ein junger Asiate, der geholfen hatte, ihn in diesen Raum zu schleppen, hielt ihm grinsend einen ratternden Rasierapparat vor die Nase.

 

Klaus schloss die Augen und biss die Zähne zusammen, als man begann, ihm die Haare abzurasieren. Plastikzinken rammten ohne Rücksicht in seine Kopfhaut und stellenweise riss das offenbar stumpfe Gerät die Haare aus, anstatt sie abzuscheren.

 

Ein Tritt gegen sein Bein zwang seine Lider auf und Taube starrte in die kalten, klaren, völlig ausdruckslosen Augen von Apers rechter Hand.

 

Der Mann mit dem Skorpiontattoo lächelte. „Was soll ich mit dem Gefangenen machen, mon Général?“, fragte er, seine Stimme fast sanft, mit leichtem Akzent.

 

„Schickt seine Haare als Botschaft an seinen Vorgesetzten.“

 

Apers Stimme schien von weit her zu kommen; Klaus Ohren waren noch wie betäubt vom Rattern des Rasierers.

 

„Und dann bewahre ihn mir sicher auf. Wir wollen doch nicht, dass er vor der Zeit über Gebühr beschädigt wird. Du haftest mir dafür, dass er so lange am Leben bleibt, bis Thomas frei ist.“

 

Hände griffen nach den Handschellen, zwangen ihn zurück gegen die Lehne des Stuhles. Klaus sah den Mann ohne Namen erneut lächeln. „Qui, mon Général.“ Dann traf ihn in einer Explosion von Schmerz seine Faust und es wurde dunkel um Klaus.

 

* * *

 

Als er erneut langsam zu sich kam, lag Taube auf kaltem Metall. Wie lange war er schon hier?

 

Langsam, mühsam mit den auf den Rücken gefesselten Armen, setzte er sich auf. Sein Körper protestierte, die Muskeln hart und steif von der Kälte und der Lage und schmerzend von den Tritten und Schlägen, die er eingesteckt hatte. Er zwang sich, die Schmerzen so gut es ging zu ignorieren und holte ein paar Mal mit gesenktem Kopf tief Luft. Das Klebeband vor seinem Mund machte es schwer, zu atmen. Dann richtete er sich auf und sah sich um. Es war ein kleiner Raum, in dem er sich befand. Die Wände schienen aus Metall, bis auf eine, die aus grauem Beton bestand. Er konnte keine Tür entdecken. Durch eine schlitzförmige Öffnung fiel ein wenig Licht, gefiltert durch schmutzig-gelbes Plastik. Die anderen Wände, die Decke und der Fußboden waren glatt und ohne die kleinste Öffnung. Es roch betäubend nach Schmieröl und irgendwo weit entfernt war das Vibrieren einer Maschine zu hören, oder vielleicht eher zu spüren.

 

Klaus schloss die Augen, ließ sich von seiner Erinnerung ein paar Stunden zurücktragen...

 

 

*****flashback*****

 

Er hatte bemerkt, dass jemand direkt hinter ihm das Lokal verließ, doch schenkte dem keine besondere Aufmerksamkeit. Er befand sich nicht auf einer „Mission“ – das Zusammentreffen mit Jan hatte ihm gezeigt, dass er definitiv kein Interesse mehr an irgendwelchen halsbrecherischen Undercover-Aktionen hatte – sondern nur auf dem Weg nach Hause. Trotzdem war da ein nagendes Gefühl am Rande seines Bewusstseins; ein Instinkt, den Polizisten eben entwickelten – oder jung starben.

 

Klaus sah über die Schulter, doch der Mann hatte innegehalten und zündete sich eine Zigarette an. Er stand abgewandt von ihm, so dass er sein Gesicht nicht erkennen konnte, nur die Flamme des Feuerzeugs, das Aufglimmen der Zigarette. Ein Passant, der zufällig den gleichen Weg hatte. Oder zu einem der Wagen auf der anderen Straßenseite wollte. Nichts beunruhigendes, nichts gefährliches.

 

Nach einem Augenblick ging Klaus weiter.

 

„Klaus! Hey, warte doch mal!“

 

Er stoppte, seufzte unwillkürlich, als er Jupps Stimme hörte. Schließlich drehte er sich um, gerade als sein Partner atemlos neben ihm stoppte. „Ich bin wirklich müde, versuch also gar nicht erst, mich zum Zurückkommen zu überreden.“

 

Jupp grinste. „Du hast dich gerade noch rechtzeitig aus dem Staub gemacht“, meinte er und legte ihm eine Hand auf den Arm, wie um zu verhindern, dass er ihm weglief. „Haupt hat uns eine Strafpredigt gehalten, weil ich dieses Arschloch Dorfmeister festgenommen habe.“

 

„Wirst du deshalb Ärger bekommen?“, fragte Klaus besorgt. Nicht, dass das eine ungewöhnliche Situation für Jupp gewesen wäre...

 

Jupp schüttelte den Kopf, zuckte denn mit den Achseln. „Er hat mir den Kopf nicht abgerissen“, erklärte er mit einem Grinsen. „Du kennst doch Haupt. Solange wir ihm die Ergebnisse bringen, die er will, deckt er unsere Eskapaden, auch wenn er dann und wann ein wenig Dampf ablässt.“

 

„Sprich’ für dich selbst“, entgegnete Klaus mit einem Lächeln.

 

„Du bist doch okay, oder?“ Unvermittelt war Jupp wieder ernst geworden. „Ich meine, wegen Thomas Apers. Jeder von uns hätte in der Situation das gleiche getan. Du hast keinen Fehler gemacht.“

 

„Doch, Jupp – ich habe auf einen unbewaffneten Mann geschossen. Das war ein Fehler. Ich habe die Situation nicht richtig eingeschätzt, ich habe einen Schlüsselanhänger für den Griff einer Waffe angesehen.“ Er sah auf Jupps Hand, doch der lockerte seinen Griff nicht. „Lass’ mich in Ruhe, ich will nicht mehr darüber reden. Nicht jetzt. Nicht mit dir.“ Klaus wandte sich ab.

 

Aber Jupp Schatz ließ ihn nicht so einfach gehen. Er packte Klaus am Oberarm, drehte ihn zu sich um. „Hör’ mir zu.“ Er legte beide Hände auf Klaus Schultern, als wolle er ihn schütteln, um seine Aufmerksamkeit zu sichern. „Egal, was die Psychologin dir sagen wird, oder Haupt oder die Interne – ich weiß, dass du keinen Fehler gemacht hast. Du hast das getan, worauf ich mich – worauf wir uns - verlassen haben: du hast uns Rückendeckung gegeben. Wenn er tatsächlich eine Waffe gehabt hätte, könnte jetzt einer von uns tot sein.“

 

„Aber er hatte keine Waffe!“, entgegnete Klaus heftig. „Ich habe die Situation falsch eingeschätzt, Jupp - und das darf nicht passieren. Sonst endet beim nächsten Mal tatsächlich einer von uns tot. Ich... ich habe versagt.“

 

„Hör’ auf mit dem Quatsch, du doch nicht. Hey!“ Jupp hielt seinen Kopf mit beiden Händen fest, zwang Klaus, ihm ins Gesicht zu sehen. „Hey, Klaus - wir sind doch Partner“, fuhr er in geradezu beschwörendem Tonfall fort. „Und wir werden es auch in Zukunft sein. Verdammt, seit du da bist, hast du meinen Arsch mehr als einmal gerettet. Denkst du, wenn ich dir nicht vertrauen würde – wenn ich nicht glauben würde, dass du mir den Rücken freihältst und mich aus der Scheiße holst, wenn ich mich wieder mal so richtig tief reingeritten habe – wäre ich dann hier? Na? Was meinst du wohl? Wäre ich drinnen bei den anderen oder würde ich mich hier draußen in der Scheiß-Kälte mit dir zanken?“ Er grinste, als Klaus zuerst nickte, dann den Kopf schüttelte. „Na los, spuck’s aus.“

 

„Verdammt, Jupp, lass’ mich in Frieden.“ Klaus konnte nicht anders, als das Grinsen erwidern. „Ich glaube dir ja.“

 

„Schon besser“, sagte Jupp zufrieden. „Was würde ich ohne dich schon anfangen. Wer hält mir denn Vorträge über meinen tumben Schimanski-Charme, wenn ich wieder mal eine Türe eintrete und nervt mich mit seinen BKA-Erfahrungen.“

 

„Übertreib’s nicht, Jupp“, warnte ihn Klaus lachend. „Sonst ändere ich meine Meinung vielleicht wieder.“

 

„Hey, ich bin froh, dass du wieder okay bist.“ Jupp ließ ihn los und stopfte die Hände in die Jackentaschen. „Kommst du mit zurück? Die Nacht ist noch jung.“

 

Klaus schüttelte den Kopf. „Danke. Aber ich will wirklich nach Hause.“

 

„Wenn du willst, komme ich mit. Wir können weiter reden.“

 

„Nein, ich... ich muss über einiges nachdenken“, entgegnete Klaus. „Wir sehen uns dann morgen im Büro.“ Er wandte sich erneut zum Gehen und dieses Mal hielt ihn Jupp nicht zurück.

 

„Gute Nacht, Partner.“

 

Klaus stoppte, sah über die Schulter zurück – doch Jupp hatte sich schon abgewandt und ging in die entgegengesetzte Richtung davon. „Gute Nacht, Partner“, sagte er leise. „Und Danke.“

 

Als er ein Stück gegangen war, hörte er erneut Schritte hinter sich...

 

 

*****flashback ende*****

 

 

Ein Rucken ging plötzlich durch den Raum und dann begann sich der Fußboden zu heben. Klaus verlor das Gleichgewicht und sackte zurück auf den Boden. Ein Aufzug? Er war in einem alten Lastaufzug eingesperrt?

 

Zwei Metalltüren erschienen plötzlich dort, wo bei seinem ersten Blick die Betonwand gewesen war, der Aufzug war an seinem Ziel angelangt. Die Aufzugtüren öffneten sich und zwei von Apers Männern zerrten ihn aus der Kabine. Die plötzliche Helligkeit ließ seine Augen tränen und Klaus nahm nur verschwommen war, dass er durch mehrere leerstehende Hallen gebracht wurde, bevor er sich wieder in Apers Büro und auf dem gleichen Stuhl wiederfand.

 

Apers saß an seinem Schreibtisch und reichte dem neben ihm stehenden Namenlosen ein Handy. Der wählte eine Nummer, trat zu Klaus, riss ihm das Klebeband vom Mund und hielt es ihm ans Ohr. Zu seiner Überraschung meldete sich eine vertraute Stimme – die seiner Kollegin Gabi. Wieso ließ Apers ihn im Präsidium anrufen?

 

Er brachte nur ein Wort hervor. „Gabi?“

 

Sie erkannte seine Stimme sofort. „Klaus? Klaus, wo bist du?“

 

Bevor Taube antworten konnte, zog der Namenlose das Handy weg und gab den beiden Wachen einen Wink. Sofort verschlossen sie ihm erneut den Mund mit Klebeband. Hilflos musste er mitanhören, wie Apers Kriminaloberrat Haupt die Bedingungen für einen Austausch der Geisel gegen seinen Sohn diktierte.

 

Klaus machte sich nichts vor. Es war klar, dass Apers keineswegs vorhatte, ihn lebendig davonkommen zu lassen. Es war seine Kugel gewesen, die Apers Sohn schwer verletzt hatte. Vielleicht sogar getötet. Es war eine Möglichkeit, die er in Betracht ziehen musste. Genau wie die, dass Apers seinen Schlägertrupp auch auf Jupp und die anderen hetzte, die an der Aktion beteiligt gewesen waren. Möglicherweise hatte er das bereits getan.

 

Er konnte unmöglich sagen, wie lange er sich schon in Apers Gewalt befand. Als man ihn verschleppt hatte, war es dunkel gewesen. Jetzt war es hell draußen, also Tag. Doch welcher Tag?

 

„Ich bereite alles vor, mon Général“, war das letzte, das Klaus Taube hörte, bevor ihn zwei der Männer wegschleppten und wieder in den Aufzug sperrten.

 

* * *

 

Einen Moment lang nur hatte er geglaubt, es wäre vorbei und der Namenlose gekommen, um ihn zu töten. Doch statt dessen öffneten sich die Aufzugtüren und der Mann bot ihm Essen an.

 

Klaus schüttelte den Kopf. Er war hungrig, sehr sogar – doch selbst das, so war ihm klar, würde der andere als Schwäche seines Gefangenen auslegen. Und Schwäche war das letzte, das Klaus sich erlauben würde, zu zeigen – egal, was sie unternahmen, um ihn zu demütigen.

 

„Dann eben nicht, Täubchen.“ Er sah einen interessierten Funken in den Augen des anderen, bevor der grinste und die Türen sich wieder schlossen. Ihn erneut in Dunkelheit tauchten.

 

Klaus schloss die Augen, versuchte sich zu entspannen und die Schmerzen in seinem Körper zu ignorieren. Was immer auch geschehen würde, er spürte deutlich, dass es bald soweit war.

 

Sein Magen knurrte, einmal gedacht, ließ sich der Hunger nicht mehr so leicht vertreiben.

 

* * *

 

Nach stundenlangem Klopfen war Taube erschöpft. Er lehnte sich gegen die Wand neben der kleinen Öffnung, durch die er auf eine Art Fabrikhalle hinaussehen konnte. Der Raum war auf der entfernten Seite offen und er konnte gerade so ein kleines Stück Rhein sehen. Und etwas, das wie eine Brücke aussah.

 

Das Geräusch eines Autos ganz in der Nähe schreckte ihn aus seinem erschöpften Schlummer hoch. Klaus presste sich gegen die Wand, um nach draußen zu sehen. Zwei Männer stiegen aus einem Auto, draußen vor der Halle, und kamen langsam näher, sich suchend umsehend. Neuen Mut schöpfend, verdoppelte er seine Anstrengungen, sie auf sich aufmerksam zu machen. Und tatsächlich schienen sie ihn zu hören. Durch das schmutzige Plastik war es ihm unmöglich, ihre Gesichter zu erkennen, doch zu Apers Männern konnten sie nicht gehören. Vielleicht war es Haupt und den anderen gelungen, ihn zu finden, irgendeinen Anhaltspunkt musste Apers gegeben haben. Und wenn er das getan hatte, musste Jupp ihn inzwischen entdeckt haben. Unter dem Klebeband versuchte sein Mund vergeblich zu lächeln, als er daran dachte, mit welcher Verbissenheit sein Kollege gegen Apers vorgegangen sein mochte. Mit seinen Instinkten, die Jupp „Bauchgefühl“ nannte und die ihn wie einen guten Jagdhund nicht mehr von einer einmal gefundenen Fährte abweichen ließen... Er presste das Gesicht dichter gegen das Plastik und hämmerte mit den Füßen gegen die Wand.

 

Unendliche Minuten später, in denen ihm das Herz bis zum Hals schlug, öffneten sich die Aufzugtüren. Der Namenlose grinste ihn an und begann die beiden Männer in den Aufzug zu schleifen. Sie waren bewusstlos und gefesselt.

 

Klaus taumelte zurück. Hoffnungslosigkeit drohte sich in ihm breit zu machen, als er die beiden bewusstlosen Männer auf dem Boden sah. Es waren Polizisten, Klaus kannte ihre Namen nicht, hatte sie aber bereits einige Male gesehen. Er konnte nichts für sie tun.

 

Die Aufzugtüren fielen ins Schloss und Klaus lehnte sich müde gegen die Wand. Hunger, Schmerzen und Erschöpfung machten es ihm immer schwerer, noch klar zu denken. Langsam brachte er seine gefesselten Arme nach vorne, indem er zuerst mit einem, dann mit dem anderen Bein hindurch stieg. Dann hockte er sich neben den ersten der beiden bewusstlosen Männer und begann seine Taschen zu untersuchen.

 

Ein Hoffnungsschimmer tauchte in der Dunkelheit auf, als er das winzige Taschenmesser entdeckte und es in seinem Strumpf versteckte.

 

* * *

 

Wieder setzte sich der Aufzug in Bewegung. Stunden später – oder vielleicht waren nur Minuten vergangen. Klaus hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Er kam langsam auf die Füße, als der Namenlose mit einem Grinsen auf ihn zukam. Er nahm eine Spraydose hinter dem Rücken hervor und Klaus spürte noch den feuchten Nebel auf seinem Gesicht, dann verlor er das Bewusstsein.

 

* * *

 

Sein Kopf kollidierte mit etwas Hartem und der Schmerz riss ihn zurück ins Bewusstsein. Taube fand Hände und Beine frei und bewegte sie vorsichtig. Etwas Schweres lag um seinen Bauch und als er es vorsichtig berührte, war ihm die Form unbekannt. Eine Art... Gürtel? Wieder ruckelte es und erneut knallte er mit dem Kopf gegen die Tür. Gegen die Tür? Er blinzelte einige Male und sah sich um. Ein Auto. Er lag auf dem Rücksitz eines Autos. Es war dunkel draußen. In regelmäßigen Abständen konnte er Licht entdecken, doch er war sicher, dass sie die Stadt verlassen hatten. Wohin brachte man ihn? Hatte sich Haupt tatsächlich auf einen Austausch eingelassen und sie befanden sich jetzt auf dem Weg dorthin? Aber er war allein mit dem Namenlosen. Sicherlich würde sich Apers nicht entgehen lassen, seinen Sohn persönlich in Empfang zu nehmen. Es sei denn... es war eine Falle.

 

Wieder betasteten seine Hände das Ding um seinen Bauch. Klebeband hielt etwas Stangenförmiges an ihm fest. Er fand ein Kabel, wagte jedoch nicht, es zu berühren. Langsam setzten sich die einzelnen Eindrücke in seinem Kopf zu einem Bild zusammen und das Entsetzen vertrieb die Erschöpfung. Er trug einen Sprengstoffgürtel um den Körper! Apers hatte vor, ihn in die Luft zu sprengen – ihn, und wer immer in seiner Nähe war.

 

Klaus zog langsam, vorsichtig, damit der Fahrer nichts bemerkte, sein Bein soweit an, dass er in den Strumpf greifen konnte. Das kleine Taschenmesser war noch da. Mit zitternden Finger klappte er die winzige Klinge auf, tastete das Klebeband ab, bis er eine Lücke zwischen den Sprengstoffstangen fand und begann, es durchzuschneiden.

 

Die Klinge war nicht sehr scharf und die Anstrengung ließ ihm den Schweiß ausbrechen. Immer wieder musste er das Messerchen für einen Moment weglegen, um seine Handflächen abzuwischen. Einmal ruckelte der Wagen über ein Schlagloch und das Messer glitt ihm aus der Hand, fiel auf den Wagenboden. Endlose Sekunden lang tastete er vergeblich danach, dann schlossen sich seine Finger um das Plastikgehäuse.

 

Als er zum ersten Mal das Gefühl hatte, einige Lagen Klebeband zumindest angeritzt zu haben, stoppte der Wagen plötzlich. Der Motor wurde abgeschaltet und Klaus wusste, sie waren angekommen. Er hörte den Mann im Font das Handschuhfach öffnen und darin herumkramen. Vielleicht um eine Waffe herauszunehmen. Vielleicht aber auch das Spray, mit dem er ihn zuvor bereits betäubt hatte, um ihm den Gürtel umzulegen.

 

Klaus legte sich zurück, barg das Messer in seiner Hand, die er locker über den Sitz nach unten baumeln ließ und holte tief Luft. Dann hielt er den Atem an. Einige Sekunden lang passierte nichts, er hörte nur das Rauschen von Blut in den Ohren – dann zischte das Spray, er spürte den feuchten Nebel auf dem Gesicht. Er atmete erst aus, als der Namenlose das Auto verließ.

 

Irgendwo ganz nahe war das Geräusch eines zweiten Wagens zu hören. Klaus verdoppelte seine Anstrengungen, doch die Lagen aus Klebeband waren dick und das Messer nicht besonders scharf. Er kam nur langsam voran.

 

Als er plötzlich Jupps Stimme hörte, wusste er, dass die Falle zugeschnappt war. Klaus griff nach oben, fand den Türöffner und schob die Wagentür auf. Er stieß sich von der anderen Seite ab und glitt nach draußen ins Freie, schlug auf etwas Staubigem und Hartem auf.

 

Neben ihm tauchte Jupp auf und schien die Lage sofort zu verstehen. Er kniete neben Klaus und riss an dem Gürtel. Gemeinsam schafften sie es, das angeritzte Klebeband völlig durchzureißen und Jupp sprang auf, schleuderte den Sprengstoff weg.

 

Nur ein paar Sekunden später tauchte eine grelle Explosion ihre Umgebung in Feuerschein. Die Erleichterung ließ ihn fast ohnmächtig werden und er sackte zurück.

 

Jupp zog ihn auf die Beine und weg von dem Auto, ein paar Schritte weiter, von wo aus sie den brennenden Krankenwagen in der Mitte des Steinbruchs sehen konnten. Klaus sackte nach vorne, stützte sich auf einen großen Felsbrocken und schrie das erste, das ihm in den Sinn kam: „Hasta la vista, Arschloch!“

 

Dann wandte er sich dem grinsenden Jupp zu, der ihn – das Handy noch in der Hand – erleichtert umarmte.

 

Ende