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Teil 1

 

Spock konnte das Zittern nicht mehr länger unterdrücken. Er wartete dass die Türen in seinem Rücken zu glitten und gab die Gegenwehr gegen sein rebellierendes System auf. Ein Schauer lief durch seine Muskeln und ließ ihn vor Schmerzen leise stöhnen. Schmerzen brannten sich einen Weg in sein Denken. Hätten die beiden Wachen ihn nicht gehalten, wäre er in die Knie gegangen.

 

„Na? Wird es gehen?“, schnaufte der Traxaner neben ihm, der plötzlich mit dem Gewicht eines schweren vulkanischen Körpers belastet wurde.

 

„Er ist auf Entzug. Das siehst du doch“, knurrte der andere Wächter und zog Spock wieder auf die Beine. „Los ... je schneller wir zurück sind, desto besser für dich Vulkanier. Lauf!“

 

Spock setzte mühsam ein Bein vor das andere, fixierte die Tür am Ende des Ganges. Er musste durchhalten. Eine Woche hatte Jim gesagt? Nein, eher ... Die Droge, die sie ihm seit zwei Wochen verabreichten wirkte fatal auf seine telepathischen Kräfte, benebelte seine Wahrnehmung. Der Entzug war noch schlimmer, das momentane Zittern seiner Muskeln nur ein Vorbote von dem was kommen würde. Schmerzen und ein irritierendes inneres Verlangen nach dem vorherigen Zustand der Benommenheit. Verlangen nach der Injektion mit dem Mittel. Sie hatten ihn abhängig gemacht. Er hatte es bewusst geduldet, dulden müssen, hatte kooperiert um an Informationen heranzukommen. Der Weg des geringsten Widerstandes? Wie lange konnte er diesen Zustand noch kontrollieren?

 

Eine Woche? Er hatte die benötigten Informationen, unbewiesen, doch mit eigenen Augen gesehen und erfahren. Es würde reichen, um diesen Ort als den Ursprung von Drogen und Waffen zu überführen. Die SI konnte eingreifen, musste eingreifen. Doch sie benötigten seine Informationen, wollten sie alle Beteiligten dieser Drogenfertigung und Waffenlabor stellen. Getarnt als Strafkolonie. Hochrangige Gefangene, Wissenschaftler und Techniker wurden hier mit Vorliebe aufgenommen und in der Folge benutzt. Wie er. Gezwungen zur Kooperation, erpresst oder getötet.

 

Spock strauchelte und bekam einen groben Schlag in den Rücken.

 

„Lauf, ich will dich nicht tragen“, knurrte der Wächter mürrisch.

 

Eine Stimme schrie wütend und gellend über den langen Korridor. „Hört auf ihn zu drangsalieren. Bringt ihn unbeschadet hier her, verstanden?“

 

Spock sah hoch. Konis stand in der Tür mit den Händen auf den Hüften abgestützt. Er hatte als Verantwortlicher für die Labors sicher ein Interesse daran, dass sie ihn heil zurückbrachten. Er war derzeit der einzige, der mit den Computerprozessen umgehen konnte. Spock konnte kaum laufen als seine Muskeln erneut begannen zu schmerzen und zu zittern. Seine Kontrollen gaben mehr und mehr nach. Er brauchte eine neue Dosis der Droge oder er würde innerhalb von zehn Minuten schreiend auf dem Fußboden enden. Inakzeptabel.

 

Eine Woche? Weniger? Durchhalten. McCoy würde dieses Problem lösen müssen, wenn er zurück war. Der allgegenwärtige und emotionale Arzt hatte auch ohne seinen Scanner gesehen, was mit ihm passierte. Probleme würden entstehen ihn hier wieder herauszuholen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren scharf und die Brüder, die mit der Leitung dieses Komplexes anvertraut waren, hatten ihn nützlich gefunden, hatten kein Interesse ihn gehen zu lassen. Es würde Probleme geben, mehr als er sie bereits hatte, mehr als die SI ahnte.

 

Eine Woche könnte zu spät sein. Die Injektion des Mittels in wenigen Minuten könnte zu spät kommen. Er brauchte es. Konis hatte es. Spock fixierte sein Ziel, Konis und die Tür und konzentrierte sich auf seine Beine. Laufen.

 

Der 1. Beobachter, Konis, musterte ihn und sah Spock in die Augen, nickte und eine Grimasse erschien auf dem schuppigen Gesicht.„Bringt ihn rein. Lasst die Handschellen besser erstmal dran. Er ist an der Grenze“, murmelte er gepresst.

 

Spock hatte nicht viel Zeit darüber nachzudenken, warum er die Droge nicht sofort bekam und der Traxaner so nervös wirkte. Konis machte den Weg frei und die Wachen schoben Spock in den Raum dahinter. Bewegung entstand vor seinen Augen. Er ahnte in dem Moment was kommen würde. Noch bevor er ganz im Raum war, schlug eine flache Hand ihm ins Gesicht, das sein ohnehin schmerzender Kopf herumflog.

 

Rakal, einer der Brüder und Leiter der Kolonie, hatte bereits hier gewartet, vermutlich alles beobachtet und war in Rage. Spock wankte, noch immer nur gehalten von den Wachen, erwartete einen weiteren Schlag, der jedoch nicht kam. Er blieb mühsam auf den zu wackeligen und zitternden Beinen und blinzelte in das aggressive Gesicht direkt vor ihm.

 

„Du hast ihnen nichts verraten ...“, schrie der Traxaner ihm ins Gesicht. Mehr eine Frage als eine Feststellung.

 

„Diese Wunde wird nicht angemessen heilen, bis in einer Woche“, schnaufte Spock mühsam. „Ich werde ihnen nichts verraten müssen, wenn ...“

 

Eine weiterer Schlag traf ihn und dieses Mal ging Spock von der Wucht in die Knie. Er schmeckte Blut auf der Zunge und fühlte wie es warm an seiner Schläfe herab rann. Er ignorierte es und starrte in die Mündung einer Waffe.

 

„NEIN“, schrie Konis und sprang davor.

 

Rakal war aufgebracht. „Ich werde ihn töten, diesen arroganten Vulk-....“

 

„Nein.“ Konis bog die Waffe fort. „Er ist der Einzige, der mit den Programmen umgehen kann seit du T´Kria getötet hast. Herr, wir brauchen ihn ...“

 

Rakal stieß einen Fluch aus und drehte sich wütend weg. Spock hockte benommen am Boden und versuchte sich zu sammeln. Seine Muskeln rebellierten und Schmerzen bahnten sich ihren Weg in sein Bewusstsein. Es war Zeit, dringend. Er brauchte die Droge. Jetzt. Er würde jeden Moment in den Wirren des Chaos versinken.

 

„Er ist schon zu lange auf Entzug ...“ Konis holte eine Injektionsphiole aus seiner Tasche und kam rasch zu ihm.

 

Spock sah zugleich angewidert und dankbar zu ihm hoch. Weitere Drogen. In jedem Fall besser als erneut durch die Qualen der Entzugserscheinungen zu gehen, die seinen Verstand pulverisieren würden. Das Mittel stabilisierte ihn für einige Stunden. Er würde es kontrollieren können, seinen Körper kontrollieren können. Er brauchte es. Jetzt! Sofort! McCoy würde später dafür sorgen, es aus seinem System zu bekommen.

 

„Warte ...“ Rakal stoppte Konis Hand mit der Spritze und kam wieder näher. Spock starrte unverwandt auf die Injektion in Konis Händen und kämpfte gegen das stetige Zittern in seinen Muskeln an. Sein Verstand begann zu rebellieren, danach zu fordern. Jetzt, er brauchte es jetzt.

 

„Du wirst sie nicht wieder sehen“, verlangte Rakal.

 

Spock drehte mühsam den Kopf zu ihm, versuchte sich zu konzentrieren. „Sie werden ... kommen ... in einer Woche.“

 

„Nein ...“, wetterte Rakal. „Du wirst ihnen sagen, dass sie wegbleiben.“

 

„Das habe ich ...“, presste Spock heraus und visierte die Injektion wieder an. Er brauchte es jetzt. „Du hast es ... gehört.“

 

Rakal schrie einen weiteren Fluch, stand auf und stapfte wütend einige Schritte durch den Raum, kam zurück und holte erneut aus. Spock duckte sich aus einem Reflex.

 

„Rakal, Schluss damit! Beruhige dich ...“, kam eine sanfte Stimme von der Tür.

 

Delek, der Bruder. Wo Rakal aggressiv und brutal war, war dieser Traxaner hinterhältig und gerissen. Beide zusammen eine gefährliche Kombination. Spock wusste in diesem Moment nicht, welchen er mehr zu fürchten hatte. Zitternd wandte er seinen Blick ab, fixierte wieder die Injektion in Konis Hand. Sie würde helfen. Die Schmerzen nahmen überhand und seine Atmung wurde flach und hektisch. Er brauchte es.

 

„Delek ... lass mich das erledigen hier. Wir können uns eine weitere Woche mit einem Starfleet Schiff, der Enterprise, in diesem Sektor nicht leisten. Die gesamten Handelslinien stehen still“, wetterte Rakal weiter, nun an seinen Bruder gerichtet.

 

Delek kam näher und hockte sich vor Spock, hob mit zwei rauen Fingern seinen Kopf an. „Sie werden kommen ... solange er hier ist. Nicht wahr ... Vulkanier?“, fragte er freundlich. Die Augen sprachen eine andere Sprache. Verlangen und Heimtücke.

 

Übelkeit addierte sich zu den Schmerzen und Spock bekam nur ein mühsames Nicken zustande. Sie würden kommen, würden ihn holen. Er durfte nichts preisgeben. Eine Woche? Weniger? War er verstanden worden?

 

„Aber ... wir brauchen ihn“, sprach Delek mit falscher Freundlichkeit weiter. „Gib ihm endliche diese Injektion, Konis! Ich möchte nicht, dass er zum ... Nervenbündel wird ... das ist auch nicht gut für seinen für so wertvollen Verstand. Nicht wahr, Vulkanier? Ich will vernünftig mit ihm reden ...“

 

„Vernünftig ...“ Rakal stieß schnaubend die Luft aus und drehte sich weg.

 

Konis zögerte nicht länger und gab Spock die ersehnte Injektion in den Hals. Schwer atmend schloss Spock die Augen und wartete, blendete seine Umgebung aus und konzentrierte sich nur auf den Weg des Mittels durch seinen Körper. Überall wo es hingelangte wurden die Schmerzen weggewaschen, fort, schafften Platz für angenehmen Frieden. Er konnte wieder denken und atmen. Klarer als zuvor. Angenehm.

 

Erleichtert öffnete er blinzelnd die Augen. Wie viel Zeit war vergangen? Eine Minute?

 

„Steh auf ...“, befahl Konis leise. Die beiden Wachen zogen ihn auf die Beine und dieses Mal konnte er selber stehen.

 

„Wie werden wir die Enterprise los?“, fragte Delek ohne Umschweife? „Was hast du ihnen gesagt?“

 

„Sie sind auf ... Patrouille im benachbarten Sektor. Sie wollen erneut kommen“, antwortete Spock, holte erneut tief Luft und horchte in seinen Körper. Unter seiner Kontrolle. Akzeptabel.

 

„Wegen deiner Verletzungen. Sie sorgen sich. Du hast sie unzureichend beruhigt. Auch ich weiß, dass dieser Captain dein guter Freund ... war? Oder ist? So etwas hält lange an ... er fühlt sich noch verantwortlich.“ Delek warf seinem Bruder einen ärgerlichen Blick zu. „Da siehst du, was du angerichtet hast, Rakal. Sie hätten weit weniger Notwendigkeit zurückzukehren, wenn du ihn unbeschädigt gelassen hättest. Die Droge war völlig ausreichend.“

 

„Er hat nichts verraten“, warf Konis ein. „Aber sie haben ihm nicht ... recht ... geglaubt ... sie haben gesehen, dass er verletzt ist ...“

 

„Was hast du gesagt?“, fragte Dalak misstrauisch.

 

„Das er gefallen ist ...“, antwortete Konis für Spock.

 

„Gefallen ... Ein feiger Vulkanier der lügt?“ Rakal lachte höhnisch und machte eine wegwerfende Geste. Er erntete erneut einen ärgerlichen Blick von Delek. „Ich wusste wir holen uns Ärger, wenn wir IHN holen ... ein Vulkanier der lügt und betrügt. Warum nicht auch uns?“

 

„Es war keine Lüge. Ich bin gefallen. Es war nicht notwendig zusätzlich die Ursache der Verletzungen zu nennen“, antwortete Spock, froh, dass seine Stimmbänder ihm wieder gehorchten und nicht gewohnt, dass man über ihn sprach, wenn er selber antworten konnte. „Jedoch ... benötigt Captain Kirk ... keine Erklärung, um die Ursache zu erkennen.“

 

„Sie sind misstrauisch. Sie wollen also wiederkommen. Das werden wir verhindern müssen. Wie?“, fragte Delek ihn nun direkt.

 

Verhindern, dass Jim ihn holen würde? Niemals. Spock hob arrogant beide Augenbrauen, zufrieden, dass sein Verstand wieder zu sinnvollen Gedanken fähig war. „Das ist nicht möglich.“

 

„Es ist!“, schrie Rakal und zückte wieder seine Waffe. „Wenn du tot bist, haben sie keinen Grund mehr ... dann werden sie verschwinden.“

 

„Rakal“, schrie Delek, nun ebenfalls wütend.

 

„Sinnlos.“ Spock blieb gelassen. Die Droge in seinem System tat ganze Arbeit, schärfte seine internen Kontrollen. „Starfleet wird natürlich Nachforschungen anstellen, wenn ein ehemaliger Sternenflotten Offizier getötet wird.“

 

„Ein in Ungnade gefallener Offizier? Auf der Flucht erschossen ...“

 

„Vulkanier fliehen nicht. Captain Kirk weiß das. Sie werden Nachforschungen anstellen“, beharrte Spock und überlegte kurz ob der Tod nicht dem Chaos durch die Droge in seinem Kopf vorzuziehen war. Er hatte einen Auftrag. Tot würde er keine Informationen übermitteln können. Lebend würden sie ihn nicht gehen lassen. Er wusste bereits zu viel.

 

Rakal schrie noch immer wütend. Delek war wieder das komplette Gegenteil, stand nur ruhig und drohend vor ihm und musterte Spock wachsam. „Also gut ... Sie werden dich sehen, in einer Woche? Und ... du wirst kooperieren.“

 

„Das tue ich bereits“, antwortete Spock kühl. Sein Geist befand sich wieder unter seiner Kontrolle, seine Sinne wieder scharf und wachsam. Akzeptabel.

 

„Und du ...“ Delek wirbelte zu seinem Bruder herum. „...wirst dafür sorgen, dass er in einem guten Zustand ist und aufhören ihn ständig zu schlagen. Die Droge reicht ... sie reicht, nicht wahr, Konis?“

 

„Sie reicht ...“ Konis kam von der Sprechanlage an der er bis eben aktiv gewesen war und nickte rasch, warf Spock einen gehetzten Seitenblick zu und blickte dann wieder zu Delek. „Herr? Wir müssen in die Labors, dort gibt es Probleme und ...“ Er war nervös und deutete mit dem Kopf auf Spock. „Wir brauchen ihn ...“

 

Delek knurrte und nickte. Er griff Spock ans Kinn. „Du wirst kooperieren ... wenn du hier überleben willst und ... wenn du das Mekantin weiter bekommen willst. Du brauchst es, nicht wahr?“

 

„Ja!“, rang sich Spock ab und rechtfertigte es mit seinem Auftrag vor seiner rebellierenden Ethik. Lüge, schrie es in ihm. Angemessen. Inakzeptabel. Er musste kooperieren, mitspielen. Er hatte eine Mission.

 

Delek brummte zufrieden und sein Griff wurde sanfter. „Wir kümmern uns um die Enterprise und du dich um die Labors. Geht ... bringt ihn später noch zu mir.“ Er ließ ihn los und bedeutete den Wachen und Konis, dass sie gehen konnten.

 

Spock versteifte sich unwillkürlich bei den letzten Worten. Er ahnte was Delek vorhatte, hatte das Verlangen in den Augen erkannt. Sex. Delek hatte bereits in seiner ersten Woche hier Gefallen an ihm gefunden, ihn mit einer Überdosis der Droge gefügig gemacht, seinen Körper willenlos missbraucht. Er war hilflos gewesen, den Reaktionen seines eigenen Körpers ausgeliefert. Der Traxaner würde es erneut tun. Heute Abend? Übelkeit kroch seinen Hals hoch und Rakals Aggressivität war Spock fast lieber, hätte er in diesem Moment eine Wahl gehabt.

 

Delek bemerkte seinen Blick und lächelte süffisant, soweit es mit dem schuppigen Gesicht und dem kleinen Mund möglich war. Er nickte ihm erwartungsvoll zu und drehte sich zu Rakal. „Wir werden die Piraten auf die Enterprise hetzen ... sie werden keine Zeit haben in einer Woche ...“

 

„Sie werden Verstärkung anfordern, wenn sie angegriffen werden und weitere Nachforschungen anstellen ...“, warf Spock ein. Piraten? Das durfte nicht geschehen. Die Piratenschiffe waren zwar klein, jedoch wendig oft mit hoher Feuerkraft ausgestattet. Eine Vielzahl von ihnen könnte gefährlich werden.

 

„Oh ... hast du etwa ... Sorge? Um deine ehemaligen Freunde, jene ... die dich fallen gelassen haben und hier ... hergebracht haben?“ Dakal sah milde zu ihm. Die Falschheit in den Augen war für Spock deutlich erkennbar.

 

 „Wir sind weit draußen. Die Verstärkung wird zu spät kommen und ... sie waren doch im benachbarten Sektor, nicht wahr? Mr. Spock? Haben wir das richtig gehört?“

 

Spock spürte wie sein Magen verkrampfte und er nickte steif. Jim, die Enterprise, Gefahr. Mit wirbelnden Gedanken ging er neben Konis aus dem Raum, als der ihn mit sich zog. Er musste weiter kooperieren. Jim würde sich verteidigen. Die Enterprise war Piraten gewachsen. Jim würde kommen. Sie würden ihn hier herausholen. Probleme, doch alles andere war bisher nach Plan verlaufen. Spock verdrängte die nagenden Zweifel an den Rand seines Bewusstseins und ging schweigend neben Konis her.

 

Der Lift am Ende des Ganges brachte sie in die unterirdischen Labors. Bereits als die gläsernen Türen sich öffneten, bemerkte Spock das Durcheinander im Nachbarraum, den chemischen Labors.

 

„Was ist geschehen?“, fragte er Konis, der neben ihm war. Die Wachen blieben am Lift und er hob die Hände, dass sie ihm die Handschellen abnahmen. Ein fragender Blick zu Konis, dann entriegelte einer der Traxaner die Eisenschellen. Spock rieb sich die Handgelenke und sah sich im Labor um, zum Teil dankbar seinen Geist mit anderen Dingen zu beschäftigen.

 

„Die Abdämmung ist vor einer halben Stunde gerissen und hat ein Labor geflutet. Das Computersystem hat etwas abbekommen. Sie räumen gerade auf“, antwortete Konis düster. „Das bringt um Stunden uns hinter den Zeitplan zurück.“

 

„In der Tat. Mehrere Tage vermutlich. Verletzte?“, fragte Spock und kniff die Augen zusammen um durch die trübe Luft mehr zu erkennen.

 

„Einige unbedeutende ... Gefangene ... Helfer, die im Labor gearbeitet haben. Sie sind tot. Mehrere Tage können wir uns nicht leisten. Du wirst dafür sorgen, dass die Computer schneller wieder laufen.“

 

Tote? Spock zuckte innerlich zusammen. Leben galt hier nicht als wertvoll. „Wie viele sind tot?“

 

„Spock!“, rief eine andere Stimme neben ihnen und unterbrach Konis Antwort.

 

Ein untersetzter Andorianer rannte eilig auf sie zu. Ebenfalls ein Strafgefangener, wie er. Nur dieser war aus guten Gründen hier. Dr. Rigos. Ein andorianischer Wissenschaftler, der auf seiner Heimatwelt mit unerlaubten Mitteln experimentiert hatte. Spock verzog angewidert das Gesicht, als er an die Auswirkungen dachte. Sie hatten mehreren seiner Kollegen damals das Leben gekostet. Er war vor zwei Jahren auf Andorra verurteilt worden und hierher überführt worden.

 

„Spock. Gut, dass du wieder da bist. Die Abdämmung ist gerissen und ... die Computer spielen plötzlich verrückt und ...“

 

Spock hob eine Augenbraue und blickte fragend zu Konis. Der nickte langsam und deutete mit dem Kopf auf die Rechner. „Geh an deine Arbeit. Ich hole dich heute Abend und denk daran ... wir werden dich überwachen.“

 

„Natürlich ....“ Spock nickte und ging an die Rechner, überprüfte die Programmierungen. Er ignorierte den nervösen Andorianer der mit einem wachsamen Konis neben ihm diskutierte. Sein Unterprogramm war aktiv geworden wie geplant. Fast die Hälfte der Schaltungen waren zerstört worden. Er würde sie eigenhändig neu programmieren müssen. Mindestens zwei Tage Arbeit, wenn er sich beeilte, errechnete er im Kopf.

 

„Das wird etwas dauern ...“ Seufzend setzte sich Spock auf den Stuhl vor der Kontrolleinheit und begann mit der Arbeit, während er dem wartenden Konis die Erklärungen gab. „Wir müssen die Schaltungen erneuern und ein neues Programm einspielen und ... Mr. Rigos, bitte sorgen Sie dafür, dass man hier angemessen arbeiten kann“, befahl er beiläufig mit einem Seitenblick auf das lautstarke Gewirr im Labor.

 

Der Andorianer nickte und verschwand als Konis ihn in Richtung der lärmenden Labors scheuchte. Der Traxaner stand noch eine Weile schweigend neben Spock, beobachtete seine Eingaben und ging dann ebenfalls.

 

Spock war endlich allein und sah sich kurz um. Niemand mehr, der ihm über die Schulter sah in dem Durcheinander, welches er durch nur wenige Änderungen der Programmierung früh an diesem Morgen provoziert hatte. Es war nicht beabsichtigt gewesen, dass jemand zu Schaden kam. Er hatte anwesend sein wollen, sollen. Die Enterprise war zu früh gewesen. Nicht mehr zu ändern. Doch die beabsichtigte Gelegenheit in die internen Systeme einzugreifen war nun geschaffen. Eine Gelegenheit, die er nutzen musste.

 

Rasch legte er einige Schaltungen neu und programmierte ein Unterprogramm, was nur durch seinen Code aufgerufen werden konnte. Er musste nur noch einen Weg finden, es in das Hauptsystem einzuspeisen, dann würde es sämtliche Abschirmungen ausschalten und die SI konnte zugreifen. Eine Woche? Zu lang. Wenn Jim ihn verstanden hatte, dann kamen sie bereits eher. Zwei Komma drei fünf Tage. Er würde es bis dahin schaffen. Er musste.

 

Spock ließ die Routinen durch einen zweite Kontrolle laufen, traute seinem von Drogen beeinflussten Verstand nicht. Sein Denken war scharf, ungewohnt schärfer als normal, seine mentale Empfindlichkeit gegen die emotionalen Präsenzen um ihn herum dagegen herabgesetzt. Er benötigte kaum seine Schilde, konnte die Kräfte für anderes nutzen. Ein erschreckend wünschenswerter Zustand, in Gegenwart von emotionalen Lebensformen, dennoch hervorgerufen von Drogen. Er musste sicher sein.

 

Die Rechner bestätigten seine Programme. Sie waren korrekt, wie er erwartet hatte. Er würde sie morgen, während der notwendigen Hauptkonfigurationen in den Zentralrechner speisen, dann würden sie von dort aus ihr Werk beginnen können. Müde lehnte er sich zurück und schloss die Augen, versuchte sich zu sammeln, bevor er sich an die weiteren Arbeiten für das Labor begeben musste.

 

Vielleicht war es dennoch notwendig einen eigenen Fluchtplan zu erstellen. Es würde unzweifelhaft Probleme geben ihn hier wie geplant aus der Kolonie zu entfernen. Die Brüder würden ihn nicht aufgrund einer Anweisung der Förderation an die Enterprise übergeben. Er wusste zu viel. Er hatte Jim diese Nachricht übermittelt und sie war verstanden worden. Doch es gab keine weitere Möglichkeit.

 

Er musste fliehen, auf eigene Faust. Doch dann bestand die Gefahr, dass Traxas die Spuren sicherheitshalber verwischen würde, sobald er verschwunden war. Beweise vernichten würde bevor die SI eingreifen konnte. Das durfte nicht geschehen. Zeit war ein wichtiger Faktor. Er musste eine Nachricht durch den Schild herausbringen und sie musste empfangen werden.

 

Spock arbeitete für die nächsten Stunden mit einem Teil seiner Gedanken an den notwendigen Programmen für die Laborgeräte und reservierte einen Teil seines Denkens für einen möglichen Fluchtplan. Er bemerkte Konis erst, als der ihm eine Hand auf die Schulter legte. Der Traxaner musste bereits eine Weile hinter ihm gestanden haben.

 

„Komm ...“

 

Spock sah kurz hoch, unterdrückte den momentanen Ärger über seine reduzierte Wahrnehmung anderer Präsenzen. Sie hätte ihn gewarnt, dass er beobachtet wurde. „Wenn der Zeitplan nur möglichst minimal verzögert werden soll, werde ich noch in der Nacht weiterarbeiten müssen.“

 

Konis verzog das Gesicht. „Delek will dich sehen. Jetzt. Darauf habe ich keinen Einfluss. Komm ...“

 

Spock seufzte hörbar und fuhr die Computer herunter, stand langsam auf und ging zum Lift. Konis folgte ihm und musterte ihn eingehend als sie im Lift waren. Wortlos reichte er dem Vulkanier ein Tuch. „Wisch dir das Blut ab, es ist bereits getrocknet. Du solltest Rakal nicht immer so provozieren, dass er dich ... schlägt.“

 

„Dazu ist nicht viel notwendig, abgesehen von meiner Existenz ...“ Spock erinnerte sich erst jetzt wieder an das Blut auf seiner Schläfe und die leichten Kopfschmerzen. Er hatte es vergessen, sein beschäftigter Verstand hatte diese minimale Verletzung unter Einfluss der Droge völlig verdrängt. Er nahm das feuchte Tuch und wischte über seine Schläfe, blickte wieder zu Konis. „Delek wird mir wieder eine Überdosis Mekantin geben.“

 

Konis nickte und sah zur Seite, wirkte fast bedrückt. „Auch darauf habe ich keinen Einfluss. Er ist der Leiter, er steuert all dieses hier und ... was er befiehlt wird getan.“

 

„Es kann meinem ... Verstand schaden.“

 

Konis lachte leise und sah ihn fast höhnisch an. „Nicht deiner Ehre? Vulkanier?“

 

Spock erwiderte den Blick ungerührt. „Der Körper ist betroffen, nicht der Geist.“ Er drehte sich zur Wand, war sich der Kontrolle seiner Gesichtsmuskeln nicht sicher. Sein Geist litt unter den Drogen, er wusste es, doch nicht Konis. Oder doch?

 

„Vulkanier“, zischte Konis. „Ihr seid euch so sicher ... und, was macht die Droge mit deinem Geist? Kannst du es noch kontrollieren oder sah ich ... Verlangen nach der neuen Injektion ... in deinen Augen vorhin, als du an der Schwelle zum Chaos gestanden hast. Wenn das nicht dein ... nicht betroffener Geist ... war, was war es dann?“

 

Spock versteifte sich und antwortete nicht. Konis hatte Recht. Er hatte danach verlangt und einige Minuten später hätte er sogar darum gebettelt. Gefleht. Nur um dem traumatischen Chaos der Entwürdigung zu entgehen, wenn alle Schranken fielen. Sein Verstand hatte danach gefordert das Mittel zu bekommen, was ihn denken ließ. Inakzeptabel, ehrlos. Er war abhängig.

 

Doch er musste seinen Geist schützen, einschließen hinter den dicken und sicheren Mauern seiner Disziplinen. Er war Vulkanier. Wenn keine Kooperation mehr notwendig war, würde er diesem Mittel entsagen. Sein Geist litt doch war noch unberührt. Er würde es schaffen. „Es beschädigt nur mein Denken, nicht meinen Geist ... du benötigst meinen Verstand für diese illegale Produktionsstätte.“

 

„Illegal ... ja?“ Konis lachte leise sah zu Boden und nickte. Und du? Vulkanier? Du bist ein ebenso illegaler sehr intelligenter Mann. Ein gefährlicher Mann. Doch ich bemerke eine Falle, wenn ich sie sehe. Bei Rakal würde ich dir vielleicht sogar zustimmen, doch ... Delek wird dich nicht töten, denn er will dich ... er weiß, wie er das Zeug zu dosieren hat. Er hat es entwickelt ...“

 

Spock vermied ein Seufzen und starrte schweigend wieder an die Wand, verarbeitete stumm die Informationen. Die Lifttüren glitten auf einer höheren Ebene auf und zwei Wachen standen vor ihnen, hoben die Handschellen.

 

„Das ist nicht nötig.“ Spock ging mit steifen Beinen auf die große Tür am Ende dieses Flures zu. Die beiden Wachen folgten ihm unverrichteter Dinge, hatten in seinem Rücken Blicke mit Konis getauscht. Spock verbarrikadierte seine Würde hinter eisernen Mauern. Er hatte gewusst, dass dieser Auftrag gefährlich werden würde. Die Drogen, die hier hergestellt und verbreitet wurden, waren weitaus gefährlicher. Vernichteten Leben. Sein Auftrag war wichtig, notwendig.

 

Er musste weiter mitspielen, kooperieren. Seine einzige Chance. Wenn er sich verweigerte, würden sie ihn töten und mit ihm die notwendigen Informationen. Jim würde kommen, in zwei Komma drei Tagen oder in einer Woche?

 

 

Plan 3