18

 

Teil 1

 

 

Nachdem er mit McCoy ausgiebig gegessen hatte, saß Kirk schließlich eine Stunde bei Spock am Bett. Er musste hier sein, bei ihm. An seiner Seite. Selbst McCoy hatte nichts mehr einzuwenden gehabt, obwohl Kirk vermutete, dass es Spock selber vielleicht nicht recht gewesen wäre, hätte man ihn fragen können. Oder vielleicht doch? Als sie ihn von der Kolonie zurückgeholt hatten, hatte er Kirk nicht gehen lassen, Schutz gesucht, hatte instinktiv gewusst, dass er es war. Jim, sein Freund. Auch jetzt?

 

Kirk litt bei jedem Zusammenzucken Spocks innerlich mit. Mehrmals hatte der Vulkanier die Augen halb geöffnet, leise gestöhnt und sich vor Schmerzen gewunden, war dann wieder in einen mehrere Minuten dauernden erschöpften Schlaf gefallen. Es glich mehr einer Bewusstlosigkeit. Kirk beobachtete abwechselnd die niedrigen Biowerte und die nun unbewussten sporadischen Bewegungen in Spocks Gesichtsmuskeln.

 

McCoy hatte ihm zwar zugesichert, dass Spock es zumindest körperlich durchstehen würde, jetzt nachdem das schlimmste überstanden war, doch Kirk war nicht beruhigt. Spock hatte ihn nicht erkannt, hatte das vorsichtig auf die trockenen Lippen geträufelte Wasser zwar angenommen, doch mit keiner Regung hatte der Vulkanier seine Gegenwart überhaupt sonst bemerkt. Was ging in dem so sensilen Verstand seines Freundes vor?

 

Noch immer wurde der gequälte Körper von Gurten auf dem Bett fixiert. Gurte, die alle paar Minuten einer neuen Belastungsprobe unterworfen wurden, wenn Spock sich dagegen aufbäumte. Zumindest konnte er wieder selbständig atmen und musste nicht eine Röhre den Rachen hinab ertragen, die ihm Luft in die Lungen pumpte. Kirk schauderte bei dem Gedanken. Er war versucht die verschwitzten Haare aus dem zu blassen Gesicht zu streichen, eine der zu Fäusten geballten Hände zu entkrampfen und in seine Hände nehmen, doch McCoy hatte es ihm untersagt.

 

Keine Berührungen, solange er in diesem Zustand ist. Seine mentalen Fähigkeiten waren wieder völlig freigelegt, wurden nicht mehr unterdrückt von der Droge. Jede Berührung würde ihm nun mehr schaden als nutzen, solange er sich nicht bewusst abschirmen konnte. Kirk wünschte, er könnte mehr für seinen Freund tun, doch er konnte nur bei ihm sein. Wieder musterte er das aschfahle schmale Gesicht was ihm nun zugewandt war.

 

Spock war erneut in einen unruhigen Schlaf gefallen, atmete zwar schwer, doch gleichmäßig und tief durch den leicht geöffneten Mund. Die dunklen Wimpern zuckten leicht. Ab und an bildete sich eine kleine Falte auf der Stirn über der Nase, wenn sich die dunklen Augenbrauen leicht zusammenzogen, ein Zeichen für die Schmerzen, die noch immer in ihm tobten.

 

McCoy kam leise herein. Er brachte Decken und legte sie auf dem Nachbarbett ab. Dann gab er einen Code in die Tür ein und schloss sie. Leise kam er zu ihnen. „Was macht er?“, fragte er.

 

„Schläft“, murmelte Kirk. „Seit ein paar Minuten wieder. Es wechselt ...“

 

McCoy prüfte die Anzeigen und stellte einige Alarme aus. „Hm, hm ...“, bestätigte er. „Es wird besser. Er schläft jetzt etwas tiefer, könnte vielleicht mal eine längere Phase sein. Das wäre gut.“

 

Er sah zu Kirk. „Ich habe dir eine Decke gebracht und dieser Raum ist tabu für alle außer mich. Hau dich etwas aufs Ohr ... nimm das Bett da drüben und lass dich nicht stören, wenn ich ab und an mal reinkomme.“

 

„Schläfst du nicht?“

 

McCoy schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht solange er nicht völlig durch ist. Ich bin zwar auch müde, aber ich kann später noch schlafen. Ich hab ihn nebenan auf dem Monitor, daneben einen starken Kaffee und bin in Bereitschaft und sofort hier, wenn etwas sein sollte, was ich nicht hoffe. Falls du es vergessen hast, Captain. Ich bin hier der Arzt und das ist mein Job und mein Patient. Deiner ist das Schiff und der Captain sollte ab und an schlafen. Und er hier ...“ McCoy blickte auf den Vulkanier. „... wird dich auch brauchen. Also schlaf jetzt und ... schnarch nicht so laut. Hören kann er recht gut ...“ McCoy grinste schräg und ging wieder.

 

Kirk zog eine Grimasse, seufzte und stand nach einigen Minuten auf. Er reckte sich und machte es sich dann auf dem Nachbarbett bequem, lag eine Weile mit offenen Augen und beobachtete den nun tatsächlich seit fast zwanzig Minuten ohne Unterbrechung schlafenden Vulkanier. Irgendwann übermannte ihn seine eigene Müdigkeit und er döste selber ein.

 

 

***

 

 

Spock erwachte von quälendem Durst.

 

Er blinzelte und es kostete ihn immense Kraft seine schweren Augenlider zumindest halb zu öffnen. Er war orientierungslos, wusste nicht wo er sich befand. Der Versuch sich zu bewegen scheiterte und wurde mit stechenden Schmerzen quittiert, die ungebremst seine Nervenbahnen entlang rasten. Ein kehliges Geräusch wurde in der Folge von seinen überbeanspruchten und trockenen Stimmbändern produziert. Schmerz. Durst.

 

Er ließ die Augen wieder zufallen, verdrängte zunächst die Schmerzen und fokussierte seine Gedanken dann wieder auf den Durst, der ihn plagte. Wasser. Er musste trinken. Erneut versuchte er sich zu bewegen, vorsichtiger dieses Mal, doch das Ergebnis blieb gleich. Wieder stöhnte er leise. Schmerzen und etwas hinderte ihn. Er war zu schwach.

 

„Spock?“

 

Jemand war hier. Nicht jemand. Jim. Das war Jims Stimme.

 

Spock arbeitete sich weiter aus der an ihm zerrenden Dunkelheit empor. Durst schob sich wieder in den Vordergrund seines Denkens. Rascheln und Schritte. Atmen. Ein fremder Herzschlag. Jim?

 

„Bist du wach?“ Die Stimme hallte wie aus weiter Ferne.

 

Mühsam bekam er die Augen einen Spalt auf, fühlte sich noch immer desorientiert, doch eine Silhouette gewann Formen. Jim? Er wollte sprechen, doch nur ein heiseres Krächen drang an seine Ohren.

 

„Warte ...“

 

Wieder Schritte, eilig dieses Mal. Sie entfernten sich und kamen wieder näher. Spock wollte sich bewegen. Erneut schoss Schmerz durch seinen Körper,  nicht ein Muskel gehorchte seinen Kommandos. Er kniff die Augen zusammen und keuchte, konnte das heisere Ächzen nicht unterdrücken und versuchte mühsam den Schmerz auf ein tolerables Maß zu dämpfen. Unmöglich.

 

„Ruhig ... ich bin schon da.“

 

Wasser benetzte seine Lippen und lief ihm in den Mund, sammelte sich irgendwann zu einer ausreichenden Menge an. Benötigte Feuchtigkeit. Endlich. Spock schluckte sie in einer immensen Kraftanstrengung, japste nach Luft. Mehr, forderte der Brei von Chaos und Schmerzen in dem sein Denken gefangen war.

 

Türen die sich öffneten und wieder schlossen, lenkten seine Aufmerksamkeit ab. Eine weitere Stimme, drang an seine Ohren. Wo war er?

 

„Jim? Ist er wach?“

 

McCoy? Spock schloss daraus, dass er in der Krankenstation sein musste. Logisch. Sicherheit durchströmte seinen sich bis eben noch im Alarmzustand befindlichen Verstand. Er entspannte etwas, ließ sich driften doch Durst und Schmerzen hielten ihn noch immer wach.

 

„Ja. Gerade eben ... so halb ...“, antwortete Kirk. Die Stimme klang wie von weit her.

 

„Wasser. Das ist gut. Er braucht es“, klang McCoys Stimme nun direkt neben ihm. Schaltungen an Instrumenten klickten leise. Definitiv Krankenstation.

 

Durst. Jim und das Wasser waren auf der anderen Seite.

 

Spock versuchte seinen Kopf zu drehen, bekam die Augen wieder nur einen Spalt geöffnet. Er hatte Durst und bekam nur ein Krächzen zustande. Doch Jim hatte verstanden. Wieder berührte Wasser seine Lippen, lief etwas aus seinem Mundwinkel bevor er es völlig schlucken konnte.

 

„Es geht so nicht.“ Jims Stimme. „Das ist zu wenig. Bones ... Kann ich ... ihn berühren ... jetzt?“

 

„Weiß ich nicht. Er ist zumindest so halb da und ... hören kann er. Frag ihn?“

 

Ja, antwortete Spocks Verstand sofort. Nur heiseres Krächzen entkam aus seinem Mund.

 

Es musste genügt haben. Sein Kopf wurde sanft angehoben und etwas kühles metallisches berührte seine Lippen, dann Wasser. Spock trank, war dankbar. Jeder Schluck war mühsam, wie über Sandpapier, aber nötig. Erleichterung flutete plötzlich sein Denken und in der Folge weitere Gefühle. Zuneigung, Sorge. Fremd, vertraut, menschlich ... unkontrolliert. Sie überrannten seine offenen Barrieren, wurden übermächtig.

 

´Jim....´

 

´Ich bin hier ...´

 

Jims Gedanken? So klar? Keine Abschirmungen.

 

Spock keuchte überrascht und erschrocken zugleich, verschluckte sich und musste husten. Schmerzen schossen sofort durch seine wunden Nervenbahnen als die abrupten Bewegungen seine Muskulatur erschütterten, verdrängten die eben noch angenehmen Eindrücke und mähten sie rücksichtslos nieder. Japsend und keuchend kämpfte er um die Kontrolle seiner Wahrnehmung und gewann schließlich, doch mit rapide schwindenden Kräften. Er war zu schwach.

 

Eine kühle Hand strich über seine Stirn und nahm dann eine Hand, drückte sie leicht. „Schlaf Spock ... es ist alles in Ordnung.“

 

´Ich werde hier sein ...´

 

Nichts war in Ordnung. Ironie, nicht logisch. Unsortierte Erinnerungen schossen durch Spocks Geist. Er wollte nicht denken, konnte seinen Geist nicht kontrollieren. Später. Er war zu erschöpft um dem drängenden Bedürfnis seines Körpers und Geistes auf Ruhe zu widerstehen. Schlaf war nötig. Jim würde hier sein?

 

´Jim?´ Müde blinzelte er, sah nur Silhouetten, hörte körperlose Stimmen. Spock gab den Versuch die Augen offen zu halten auf und ließ sich dankbar zurück in die Dunkelheit fallen.

 

 

***

 

Kirk wachte früh am Morgen auf der Seite liegend auf. Er blinzelte kurz und blickte desorientiert in ein Paar dunkler Augen was ihn beobachtete.

 

„Jim ...“, drang eine leises und mehr geflüstertes Wort an seine Ohren.

 

Es dauerte einige Sekunden bis er registrierte wo er war, doch in Bruchteilen von Sekunden war alles wieder da. Abrupt setzte er sich kerzengerade hin, war im Nu hellwach. Er blinzelte erneut, starrte zum Bett gegenüber. Spock lag wie letzte Nacht, unter dicken Decken eingepackt und auf dem Rücken, doch hatte den Kopf zur Seite gedreht und sah ihn noch immer intensiv an. Er war wach, rational ... erkannte ihn.

 

„Spock. Du ... bist wach ... wie lange schon?“, stammelte Kirk unbeholfen zwischen Erleichterung und Aufwachen gefangen.

 

„Einige ... Zeit ...“ Keine konkrete Zeitangabe? Spocks Stimme klang angestrengt. Heiser und rau. Nicht verwunderlich. Er hatte kaum Wasser bekommen, viel geschwitzt, musste ausgetrocknet sein.

 

Kirk manövrierte sich unter den Decken hervor und strich sich unbewusst die verschlafenen Haare glatt. Er besann sich und holte einen Becher mit Wasser von einem kleinen Tisch, brachte es dem Vulkanier. „Kannst du ... soll ich dir helfen?“

 

Spock zögerte. Er machte einen Versuch den Kopf zu heben doch verzog sofort das Gesicht zu einer Grimasse und gab ächzend auf. Bekam nur mühsame Wörter heraus. „Ich ... benötige ...“

 

So würde es nicht gehen. Kirk ließ ihn nicht ausreden, hob kurzerhand seinen Kopf an und legte den Becher an die trockenen Lippen. Spock trank langsam einige Schlucke. Er schloss die Augen und war danach etwas außer Atem, als Kirk ihn in die Kissen zurück gleiten ließ.

 

Er setzte sich neben das Bett und wartete. Nach einigen Sekunden hatte sich der Vulkanier wieder gesammelt, blinzelte, sah an die Decke dann ruhten die dunklen Augen wieder auf ihm, wie zuvor. Der Blick war matt, resignierend aber doch auch ruhig und nachdenklich. Spock sah müde und geschafft aus.

 

„Wie fühlst du dich?“, fragte Kirk schließlich. „Besser? Erinnerst du dich, was ...“

 

„Ich erinnere mich ... an alles“, antwortete Spock leise und mit noch immer rauer Stimme, sah ihn weiter nur nachdenklich an. „Das ist ... irrelevant. Ich werde es ... verarbeiten. Du ... wirst mich nach Dienstvorschriften ... degradieren müssen und ...“

 

Kirk griff impulsiv nach einer Hand und stoppte damit den heiseren Vulkanier weiter zu sprechen. Er beugte sich etwas vor. „Ich werde dir kräftig in den Hintern treten, sobald du wieder stehen kannst ... und noch einmal wenn ich das Wort ´Dienstvorschrift´ oder damit verwandte Wörter in diesem Zusammenhang noch einmal aus deinem Mund höre. Hast du mich ... verstanden?“, knurrte er, war sich im gleich Moment nicht sicher, ob er es nicht wirklich tun sollte. Er war wütend über Spocks eigensinnigen Stolz und Alleingang und zugleich erleichtert, dass es gut gegangen war.

 

Spock hob andeutungsweise eine Augenbraue. Erstaunen, dann flackerte schwach Amüsiertheit in seinem Gesicht auf, doch sofort wurde der Blick wieder ernst. „Das wäre keine ... angemessene Verhaltensweise ... für einen Captain.“

 

„Nein“, murrte Kirk. „Aber verlass dich darauf, dass entweder ich es tun werde oder Bones. Verdammt, ... du hättest dich beinahe umgebracht.“

 

Spocks Augenwinkel zuckten kurz. Eine steile Falte entstand auf der makellosen Stirn als sich dunkle Augenbrauen etwas zusammenzogen und er sah wieder resignierend aus. „Ich ... es war nicht akzeptabel. Ich sah in diesem Zustand keine andere Lösung ...“, flüsterte er und machte eine Pause um tief einzuatmen. „Es war ... nicht mehr tolerabel, eine ... Droge ....“

 

Die heiseren Worte brachen ab. Sprechen strengte ihn mehr an, als er sich anmerken ließ und er schloss einen Moment die Augen. Kirk ließ ihm die Zeit und drückte die warme Hand die er noch immer festhielt sanft, strich mit einem Finger über den Handrücken. „Du hast mir noch nicht geantwortet. Wie fühlst du dich?“

 

Spock öffnete die Augen wieder, blickte einen Moment an die Decke und blinzelte, sah dann wieder zu ihm. „Müde, schwach ... verwirrt und ... beschämt und ... ein nicht physischer Teil von mir ist ... verletzt doch ich fühle mich .... besser. Ich kann ... dich spüren.“ Ein leichter Druck der warmen Hand und der sanfte Ausdruck in Spocks Augen sagten mehr als es Worte gekonnt hätten. „Nur schwach im Moment, doch es ... kehrt zurück. Ich bin ... frei ...“

 

Kirk lächelte aufmunternd und erwiderte den leichten Händedruck, legte seine andere Hand darauf und nickte. „Rein medizinisch ist das Zeug jetzt seit einigen Stunden aus dir raus. Spürst du noch ... Verlangen danach?“

 

„Nein. Nicht ... intellektuell.“ Spock kniff etwas die Augen zusammen und haderte. „Jedoch, wenn ich mich bewege ... sind Nerven und Muskeln anderer Auffassung.“

 

„Schmerzen?“

 

Er nickte stumm, schloss wieder die Augen, konzentrierte sich auf das regelmäßige Atmen.

 

„Vielleicht kann dir McCoy etwas gegen die Schmerzen geben?“

 

„Nein“, flüsterte Spock mit noch immer geschlossenen Augen. „Es wird ... ist ... tolerabel und wird ... vergehen. Ich benötige Ruhe ... und werde ... einfach ... still ... liegen.“ Die letzten Worte waren kaum verständlich, doch es war bereits wieder der typische trockene Humor in ihnen enthalten. Spock driftete in den Schlaf.

 

„Still liegen?“ Kirk lachte leise und schüttelte mit dem Kopf. „Das wäre das erste Mal, wenn du hier bist.“

 

Er strich mit einer Hand über die warme Stirn und schob einige dunkle Haarsträhnen in ihre angestammte Position zurück, war sich in vollem Bewusstsein, dass der Vulkanier seine Gedanken aufschnappen würde. Spock blinzelte schwach doch bekam die Augen nicht mehr auf. Nach wenigen Sekunden verrieten seine gleichmäßigen Atemzüge, dass er wieder schlief.

 

Kirk saß noch einen Moment neben ihm, bis sich eine Hand auf seine Schulter legte. Er sah überrascht hoch, hatte McCoy nicht kommen hören. Der Arzt deutete mit dem Kopf zur Tür, dass er ihm folgen solle. Kirk nickte stumm und stand auf. Er nahm seine Decke vom anderen Bett, folgte McCoy in den Vorraum und wartete, dass der Arzt die Tür zu Spocks Raum schloss.

 

„Guten Morgen Jim“, sagte der als er sich wieder umdrehte. „Er war schon eine Weile wach, während du wie ein Baby geschlafen hast. Ich dachte, ich lasse ihn sich etwas sammeln, bis er sich selber entschließt dich zu wecken. Er hatte sicher genug zum Nachdenken.“

 

„Er war schon ...“ Kirk weitete überrascht die Augen. „ ...wach? Wie lange schon?“

 

„Etwa eine Stunde laut meinen Monitoren. Was habt ihr gesprochen?“

 

„Er ...“ Kirk sah wieder zur Tür, ordnete seine Gedanken. Plötzlich grinste er. „Ich habe ihm gesagt, dass er nicht glauben soll, dass er hier heile rauskommt.“

 

McCoy sah ihn perplex an und brauchte einen Moment bis er verstand. Dann lachte er, die Erleichterung deutlich. „Oh ja ... ich verstehe.“ Er wurde wieder ernst. „Jim? Wesley will dich sprechen. Hätte Spock dich nicht eben geweckt, wäre ich gleich gekommen. Er hat schon zweimal die Enterprise kontaktiert ist ... hm ... etwas säuerlich und Uhura fallen bald keine Ausreden mehr ein.“

 

„Schon wieder ...“ Kirk brummte ärgerlich. „Ich hab nicht einmal gefrühstückt.“

 

McCoy zuckte mit den Schultern. „Geh deinen Job machen, Captain. Ich mache derweil meinen …”

 

„Meinen Job ... ha, ha ...“ Kirk blickte an sich herab, fand eine zerknitterte Uniform vor und seufzte erschlagen, sah wieder zu McCoy. „Wie lange wird er ...“

 

„Ein paar Stunden. Länger, wenn ich mitzureden habe und das habe ich. Ich muss mir sein Herz noch mal genauer ansehen. Das war kein Spaß gestern. Also zisch ab ... und sieh zu, dass du unterwegs Frühstück bekommst. Ach und ...“, rief McCoy hinterher, als Kirk fast an der Tür war. „Keine Identifikationen, Gegenüberstellungen und Verhöre oder sonst irgend so einen Kram. Keine ´Pläne´, die nächsten 24 Stunden ... damit das klar ist.“

 

 

***

 

„Uhura? Legen Sie mir Commodore Wesley in meine Kabine.“

 

„Endlich. Sofort, Captain ...“, antwortete die melodische und dennoch leicht gestresst klingende Stimme Uhuras. „Ah ... Sir? Ich habe ihm gesagt, dass Sie ... in der Krankenstation waren und ...“

 

Kirk seufzte und nickte verstehend für sich. „Es geht Mr. Spock besser, falls es das ist, was Sie wissen wollen. Nun geben Sie mir den Commodore und ...“

 

„Danke ... Ja Sir.“

 

Der Monitor schaltete um und Bob Wesleys Bild erschien auf dem Schirm. „Ah Jim ... endlich. Sind deiner Nachrichten Offizierin keine Ausreden mehr eingefallen, dass ich endlich einen Termin bei dir bekomme?“, schnarrte er ungehalten.

 

„Bob ...“, begann Kirk doch Wesley machte eine simple Geste mit der Hand und schüttelte mit dem Kopf.

 

„Wir haben hier bald einen diplomatischen und auch militärischen Zwischenfall ... nein ... falsch ... wir HABEN einen, also ...“ Er beugte sich etwas vor. „ ... schaff mir deinen Mr. Spock hier herunter und zwar etwas plötzlich.“

 

„Bob, er liegt in der Krankenstation und erholt sich. McCoy sagte, dass er noch nicht wieder ...“

 

„Erholt sich? ... Jim. Von was erholt er sich wirklich? Drogen? Sag mir was da los ist.“

 

Kirk zuckte zurück und ihm fiel für einige Sekunden keine Antwort mehr ein. Er starrte unverwandt auf das Bild. „Was soll das Bob?“

 

Wesley beugte sich etwas vor, sprach eindringlich. „Hör mir zu ... diese Brüder, Delek und Rakal ... was auch immer du von ihnen halten magst oder ich ... aber sie haben Anwälte und die Traxanischen Behörden sind alles andere als erfreut, angeschuldigt zu werden in Drogengeschäfte involviert zu sein. Es wäre in ihrem Interesse, dass wir uns ... irren. Zudem haben sie ausgesagt, dass sie sich nicht von einem Vulkanier beschuldigen lassen, der ihrer Meinung nach nachweislich abhängig von ...“ Wesley sah zur Seite, wo vermutlich eine Akte lag. „... Mekanin, so heißt es ... ist. Und ... sie kommen sogar nach Förderations Statuten damit durch, wenn dem tatsächlich so ist. Wenn du also deinen Ersten Offizier, der – das möchte ich betonen - der einzige Kronzeuge hier ist und zudem natürlich auch noch an den Daten und Computern war, nicht innerhalb von zwölf Stunden hier unten hast, jungfräulich und ohne eine Spur einer Droge... dann sind die Brüder frei und wir haben eine offizielle Entschuldigung und Klage am Hals. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

 

Kirk stieß wütend Luft aus und ballte die Hände unter dem Tisch zu Fäusten. „Verdammt, sie sind schuldig ... du weißt es ganz genau. Fink hat alles ...“

 

„Es ist egal, was ich weiß und natürlich hat Fink alles berichtet und gesichert, doch sie haben eine Regierung hinter sich und kommen damit durch, hörst du? Dein Erster Offizier ist das Kronjuwel, hat alles gesehen, zusammengetragen und war an den Computern .... sie könnten ihm sonst was unterschieben wenn .... Himmel ... schaff ihn her.“

 

Kirk musste sich bemühen ruhig zu sprechen und seine Wut im Zaum zu halten. Es reichte ihm. „Bob ... die haben ihn dort unten gefoltert und ... wir haben ihn halb tot wiederbekommen. Hat Fink es nicht erzählt? Reichen nicht die ganzen Berichte? Sind nicht inzwischen genug Beweise angehäuft worden? Mein Erster Offizier ist gestern zusammengebrochen, hatte ... verdammt, er wäre beinahe draufgegangen und liegt jetzt auf der Krankenstation. Er ist gerade vor einer Stunde überhaupt erst wieder ansprechbar gewesen. Ich werde ihn NICHT gleich wieder auf die Beine stellen. Meinst du, das war ein Spaziergang für ihn ... oder uns?“

 

„Nein, sicher nicht. Jim, ich schätze das was dein Erster Offizier geleistet hat und ... auch ihn, aber ... wir brauchen seine Aussage. Die traxanischen Behörden verlangen es. Er muss es zuende bringen ... jetzt. Ohne ihn und seine konkrete glaubwürdige Aussage sind die Brüder morgen frei und ... ich muss dir nicht sagen, dass ich etwas dagegen habe. Schaff ihn her. Ich gebe dir zwölf Stunden und ich gehe davon aus, dass diese Brüder nicht gerade ... warte ...“

 

Wesley sah kurz zur Seite und nickte langsam. Es musste ein Assistent außerhalb des Sichtfeldes stehen, denn er schaltete kurz die Audio Übertragung ab und sprach mit jemandem. Kurz darauf nickte er und öffnete den Kanal wieder. „Mein Protokolloffizier hat eine gute Idee gehabt und ich denke sie gefällt mir. Wir machen das anders und dein Erster Offizier muss dann nicht unnötig belastet werden und hat Heimvorteil ... wir kommen zu euch rüber.“

 

„Ihr kommt .... Hierher?“ Kirk weitete die Augen. „Auf die Enterprise? Sag nicht in die Krankenstation. Bob, mein Bordarzt erwürgt mich und ... Spock ist bei weitem nicht in der Verfassung ...“

 

„Jim, entweder so oder du schaffst ihn hier herunter. Was ist dir lieber?“

 

„Nichts von alledem ....“ Kirk runzelte die Stirn, ballte die Hände zu Fäusten und seufzte. „Ich muss mit McCoy sprechen, okay? Ich ... melde mich bei dir.“

 

Wesley brummte, doch nickte zustimmend. „In einer Stunde will ich eine positive Antwort, Jim.“

 

Kirk wollte noch etwas antworten, doch der Bildschirm wurde bereits dunkel. „Die Verbindung wurde getrennt, Sir“, meldete Uhura.

 

„Danke. Kirk aus.“ Er rieb sich die Augen und stöhnte und starrte einige Minuten an die Wand, versuchte sich McCoys Reaktion vorzustellen. Leider konnte er es zu gut. „Das wird nicht leicht ...“

 

 

***

 

 

Kirk behielt Recht. McCoy tobte und schrie, war außer sich doch stimmte schließlich zu. Noch weniger, als eine ganze Delegation in seiner Krankenstation zu sehen, mochte er es, den Vulkanier innerhalb von zwölf Stunden überhaupt auf die Beine zu stellen, was definitiv unmöglich war.

 

Auf diese Art hatte er zumindest die Kontrolle über das Geschehen und konnte mit Recht anwesend sein, sollte ein traxanischer Arzt sich bemüßigt fühlen Blutproben zu nehmen. Außerdem war es ihm nun ein Vergnügen, Spocks Raum auf vulkanische Norm zu bringen, was er ohnehin tun wollte. Traxaner würden sich nicht allzu lange in der dünnen trockenen und sehr warmen Luft wohlfühlen.

 

„Wir wecken Spock erst später. Er wird ohnehin pflichtbewusst zustimmen wie ich ihn kenne und er braucht im Moment noch den Schlaf, damit er überhaupt eine sinnvolle Antwort herausbringt“, murrte McCoy schließlich. „Wann kommen die hier an ... und wer?“

 

Kirk seufzte, saß mit einem Bein auf einem Tisch und sah dem Arzt zu wie er gestikulierend hin und her lief, Personal und Gegenstände durch die Krankenstation kommandierte. Hellblaue Augen trafen ihn wütend und McCoy stoppte in seiner Rage, wartete auf die Antwort.

 

Kirk hatte Wesley vor vier Stunden die Mitteilung gegeben und bereits eine Liste der zu erwartenden ´Gäste´ erhalten. Er hatte nach McCoys erster Reaktion erst vor wenigen Minuten wieder gewagt in die Nähe der Krankenstation zu kommen.

 

„Ein Team von der Caius Sicherheit und die Brüder, das sind allein sechs Personen. Zwei Aufpasser für jeden. Außerdem natürlich Wesley und sein Protokolloffizier, Shelley, Fink als Einsatzleiter und ein Dr. Stelk, neutraler Arzt, als weitere Zeugen, drei traxanische Offizielle, Kakal der Primus und er wird auch einen Arzt dabei haben. Vermutlich ist auch dieser unangenehme Trak wieder dabei, der Anwalt der Brüder ... dann ich und ... natürlich du“, betete er zum wiederholten Mal hinunter.

 

„...und? .... ein sehr kranker Vulkanier“, fügte McCoy der viel zu langen Liste hinzu. „Die Verbrecher kommen sofort hier raus, wenn er sie identifiziert hat und ...“

 

„Ja Bones. Und draußen stehen auch noch unsere Sicherheitsleute. Ich habe auch kein Interesse, dass diese Typen mit Spock noch einen Smalltalk anfangen.“

 

„Am besten bleiben sie gleich ganz draußen. Er kann sie auch durch das Glas erkennen und von mir aus identifizieren. Was für ein Unsinn. Ich werde es verspiegeln und ...“

 

„Die traxanischen Vorschriften sehen eine persönliche Gegenüberstellung vor“, unterbrach Kirk McCoys Planungen.

 

McCoy schnaufte und sah Kirk grollend an, winkte dann frustriert ab und schimpfte weiter vor sich hin, schimpfte mit den Schwestern und organisierte brummelnd weiter. So ging es noch eine Stunde, bis er sich bereit erklärte, dass sie Spock wecken konnten um ihn über das unvermeidliche zu informieren.

 

Der Vulkanier blieb nicht lange wach, blinzelte benommen und hatte Mühe Kirk zu fokussieren. Kirk saß halb über ihm am Bett und zögerte einen Moment, dann erklärte er ihm die Situation. Schweigend und mit schweren Augenlidern hörte Spock zu und sprach einige Sekunden kein Wort, konzentrierte sich darauf in kleinen Schlucken das Wasser zu trinken, was McCoy ihm bei der Gelegenheit aufgezwungen hatte.

 

„Spock, wirst du das machen? Es ist ...“

 

„... meine ... Pflicht.“ Spock sah ihn erschöpft an, nickte langsam.

 

„Das wollte ich nicht sagen.“

 

„Ich weiß ...“ Wieder blinzelte er müde, gab McCoy den Becher zurück und sank erleichtert in die Kissen, als der Arzt seinen Kopf freigab. „Es ist ... meine Pflicht.“

 

Kirk seufzte und drückte einen Unterarm, der nun locker über Spocks Bauch lag. „Okay ... ich werde sehen, dass es so kurz wie möglich ist. Wirst du ... wach genug sein?“

 

Die dunklen Augen huschten fragend zu McCoy. Der Arzt verzog etwas den Mund, atmete tief ein und sah noch immer ungehalten zu Kirk. „Solange wie er kann ... also nicht lange. Ich kann ihm natürlich nichts geben, für den Fall, dass dieser traxanische Quacksalber, wer auch immer das ist, sein Blut testen will und ...“

 

Er stoppte und musterte den sichtbar mit der Müdigkeit kämpfenden Vulkanier. „Spock? Sie sind jetzt frei von jeglichen Drogen oder sonstigem. Es ist nicht ein Molekül mehr in Ihrem Blut oder sonstigem Kreislauf was dort nicht hingehört, wenn ich auch gern mit Ihnen über die Zusammensetzung streiten würde aber ... was ich sagen will: Ich weiß, dass Sie ein Tatsachenfanatiker sind, aber ... es wäre gut, wenn Sie gewisse Tatsachen schlicht ´nicht´ erwähnen ... es gibt Dinge, die die nicht wissen müssen. Sie verstehen?“

 

Spock brachte ein Nicken zustande und schloss die Augen. „Ja ... ich habe  ... auch meine .... Privat- ...“ Weiter kam er nicht und schlief über die letzten Worte wieder ein.

 

Kirk und McCoy tauschten besorgte Blicke und überließen den Vulkanier wieder seinem erschöpften Schlaf.

 

„Wird er wirklich wach genug sein, Bones? Wie lange wird es ihm so gehen?“

 

„Keine Ahnung und ... keine Ahnung.“ McCoy zuckte die Schultern und sah Kirk mürrisch an. „Diese ´Befragung´ wird er wohl irgendwie hinbekommen, schätze ich. Aber der Körper wird definitiv erst einmal ein paar Tage brauchen um wieder zu vollen Kräften zu kommen und der Geist darin ebenso ... er braucht Ruhe. Und ... ich habe auch vor, dass er sie bekommt. Keine Ausflüge in Labors, an Computer, keine Gespräche oder Besuche ... nichts. Keine Kompromisse.“

 

Kirk blickte zurück in den Raum in dem der Vulkanier schlief und rieb sich über die Stirn, nickte dabei schwermütig.

 

„Und dann ...“, fuhr McCoy fort. „Unser Landurlaub wurde uns gekürzt und gründlich verdorben. Seiner ...“ Er deutete mit dem Kopf in den kleinen Raum. „Er hatte keinen. Vielleicht ...“

 

Kirks Augen trafen McCoys und er nickte langsam, verstand was der Arzt meinte. Ihm fiel etwas ein und er nickte wieder, dieses Mal mehr zu sich selbst. „Ich habe da eh noch eine Schuld offen ... vielleicht ... ich werde sehen, was ich machen kann.“

 

„Das solltest du ...“, schickte McCoy ihm hinterher, als Kirk die Krankenstation verließ.

 

„Das solltest du wirklich ...“, murmelte der Arzt leiser und blickte nachdenklich wieder zu dem schlafenden Vulkanier. Seufzend machte er sich an die weiteren Vorbereitungen für den bevorstehenden unerwünschten Besuch.

 

 

 

Teil 19