Mal wieder was aus der Mottenkiste...
Erstveröffentlichung im TOS-Sisters-Zine „Nostalgie“
Erinnert sich noch irgendjemand an diese Cartoon-Serie?

Titel: Die Piratenbraut
Autor: Lady Charena
Fandom: Disneys „Käpt’n Balu und seine tollkühne Crew“
Paarung: Balu, Kit, Wildkatz und Don Kanaille samt seinen Luftpiraten
Rating: Gen, Humor
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Kit, Balu und Wildkatz sitzen mal wieder in der Klemme. Don Kanaille hat ihr Flugzeug gekapert. Doch ausgerechnet Wildkatz findet unerwartet eine Möglichkeit, sie zu retten...

Authors Note: In dieser Serie gibt es ein Wiedersehen mit den Hauptcharakteren aus dem Dschugelbuch – wenn auch in ungewohnten Rollen. Balu ist ein Pilot, der mit seiner Geschäftpartnerin Molly Cunningham ein kleines Transportunternehmen betreibt. Kit ist ein Waisenjunge, den Balu adoptiert und zum Kopiloten ausbildet. King Louie und seine Affen führen die angesagteste Bar in Kap Suzette, bei der Balu immer einen Stop zum Tanken einlegt. Und Shirkan ist ein mächtiger und reicher Unternehmer. Wenn nicht Balus ureigene Tollpatschigkeit und sein Hang zur Leichtsinnigkeit dazu führt, dass sie in Schwierigkeiten geraten, ist es ein Zusammentreffen mit dem Luftpiraten Don Kanaille, ein pompöser, unglaublich erfolgloser Pirat, der mit einer ungemein trotteligen Crew „gesegnet“ ist.

Der Mechaniker Wildkatz war mein absoluter Liebling in dieser Serie. Er ist vielleicht nicht der Schnellste und wenn es nicht um Flugzeuge geht, sicherlich auch nicht der Hellste – er ist ein sanfter, liebevoller Träumer und ein treuer, aufopferungsvoller Freund.
(Infos, Bilder: http://www.zeichentrickserien.de/balu.htm)

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Kit Wolkenflitzer versteckte sich im letzten Augenblick hinter einer Kiste. Erleichtert sah er Kanailles Männer daran vorbei eilen. Er wartete noch einen Moment, bis ihre Schritte verhallt waren und kam dann aus seinem Versteck hervor. Jetzt musste er sich zur Schneegans durchschlagen, um Balu und Wildkatz zu finden. Er wusste, so bald sie das Flugzeug erreicht hatten, konnte ihnen Kanaille und seine durchgeknallten Luftpiraten nichts mehr anhaben. Denn nicht umsonst war Balu schließlich der weltbeste Pilot!

Zu befürchten stand nur, dass Miss Cunningham sie umbrachte, weil sie die Lieferung wieder einmal zu spät ausgeliefert hatten. Aber vielleicht konnte man das den Piraten anhängen...

Er eilte rasch und so leise wie möglich durch die langen Korridore zum großen Hangar des Eisengeiers – da stand die Schneegans und dort wollte er auch auf Balu und Wildkatz warten. Als sie ihre Flucht planten, hatten sie diesen Treffpunkt ausgemacht. Es war nicht sonderlich schwer gewesen, Don Kanailles trotteligen Wächter zu überwältigen und zu fliehen. Jeder lief wie verabredet in eine andere Richtung, um die Verfolger zu verwirren. Es schien auch geklappt zu haben, denn überall schwirrten Don Kanailles Luftpiraten durch die Korridore des Eisengeiers, ohne jedoch einen der Flüchtlinge zu entdecken.

Ächzend zerrte Kit an einem rostigen Riegel, schob ihn schließlich zurück und stieß die quietschende Hangartür auf. Hinter sich verriegelte er sie wieder – und blockierte den Riegel zusätzlich mit einem Eisenrohr. Er vergewisserte sich, dass keine Luftpiraten in der Nähe waren und rief nach Balu. Einen Moment später winkte ihm Balu von der gegenüberliegenden Seite zu. Er hatte sich hinter einem Stapel Treibstofffässern verborgen gehalten und stand nun auf. Kit eilte zu ihm und umarmte den großen Bären. „Bin ich froh, dich wieder zu sehen, Papa Bär.“

„Ich erst, Purzelbär“, entgegnete Balu. „Ich dachte schon, Kanaille hätte dich am Wickel.“ Er stellte Kit zurück auf die Erde, nahm seine Mütze ab und kratzte sich am Kopf. „Ich wünschte nur, Wildkatz würde auch endlich auftauchen.“ Besorgt blickte er zu der Tür, durch die Kit den Raum betreten hatte. „Sie werden bald darauf kommen, dass wir hier sind.“

„Er ist nicht bei dir?“ Kit sah sich um.

Als in diesem Moment die ersten Schläge gegen die metallene Hangartür donnerten, wussten die beiden, dass sie entdeckt worden waren. Da erklang auch schon Don Kanailles Stimme: „Ergebt euch, ihr Schurken! Niemand kann sich vor Don Kanaille verstecken! Brecht die Tür endlich auf, Männer. Wenn es nicht anders geht, muss einer von euch Blödschädeln als Rammbock herhalten.“ Einen Augenblick war es still, auch die Schläge gegen die Tür verstummten. Dann ertönte wieder Kanailles Stimme – diesmal mit einem hysterischen Unterton. „Doch nicht ich, ihr Idioten! Lasst mich sofort runter!!“

„Wir müssen hier weg, bevor sie die Tür aufgebrochen haben“, rief Balu und machte sich auf den Weg zur Schneegans, die in der Mitte des Hangars auf sie wartete.

Kit folgte ihm zögernd. „Aber was ist mit Wildkatz?“

„Um ihn kümmern wir uns später. Wir holen uns einfach Hilfe aus Kap Suzette und befreien ihn.“ Balu kletterte ins Cockpit und begann das Flugzeug zu starten. „Schaffst du es, über die hintere Ladeklappe das Hangartor zu öffnen?“

Kit warf noch rasch einen Blick in den Raum, in der Hoffnung, Wildkatz doch zu entdecken – er hoffte vergeblich. Keine Spur des Mechanikers. Also kletterte er ebenfalls ins Cockpit, warf die Tür hinter sich zu und eilte rasch in den hinteren Bereich der Schneegans, wo sich die Ladeklappe öffnete. Er zog seinen Bumerang aus dem Gürtel, zielte und warf ihn. Wie erwartet, prallte der Bumerang gegen den Hebel, der das Öffnen der Hangartore auslöste. Während die schweren Tore auf glitten, eilte Kit zurück ins Cockpit und setzte sich in den Sessel des Co-Piloten.

„Alles klar, Purzelbär?“, fragte Balu und begann damit, die Maschine zu wenden. „Schnall‘ dich an. Jetzt geht’s los.“ Langsam rollte die Schneegans auf die nun offenen Hangartore zu.

Indes hatten es die Piraten endlich geschafft, die Tür aufzubrechen. Don Kanaille stürmte als erster den Raum, den Säbel gezogen. „Halt! Werdet ihr wohl stehenbleiben!“, donnerte er.

Doch selbst wenn Balu und Kit ihn hätten hören können, sie hätten nicht auf ihn gehört. Die Schneegans glitt majestätisch aus dem Hangar und verschwand rasch aus dem Blickfeld der Piraten.

„Was sollen wir jetzt machen, Käpt’n?“, fragte einer der Luftpiraten ratlos.

„Verfolgt sie, ihr Idioten“, schimpfte der Don. „Muss ich euch das wirklich jedes Mal wieder einbleuen?“ Kopfschüttelnd sah er seiner Crew hinterher, die zu ihren kleinen Flugzeugen eilte und die Verfolgung endlich aufnahmen.
Dieser Misserfolg! Und so was ihm! Dem gefürchtetsten Luftpiraten von Kap Suzette. Ach was - dem gefürchtetsten Luftpiraten der sieben Weltmeere!

Ein kleiner Pirat mit Pilotenmütze trat hastig zu Don Kanaille und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Erstaunt blickte der auf. „Ihr habt was gefangen?“, fragte er verblüfft. „Eine Frau? Hier? Was ist das wieder für ein Unsinn! Hier gibt es keine Frauen! Ich will sie sehen.“

Es dauerte einige Minuten, bis zwei der Piraten mit einer verschleierten Gestalt auftauchten.

„Wer bist du?“, fragte Kanaille kurz angebunden und umrundete die Fremde. „Wie kommst du hierher?“

Aus dem voluminösen Gewand löste sich eine Hand und schob den Schleier etwas zur Seite. Ein Augenpaar erschien, der Rest des Gesichtes blieb jedoch verhüllt. „Ich... äh... ich habe mich verirrt. Wo ist denn der Ausgang, Herr Pirat?“

Don Kanaille brach in schallendes Gelächter aus. „Ab in den Knast damit. Wisst ihr denn nicht, wer das ist?“, fragte er. „Das ist dieser...“

In diesem Moment blinzelte die verschleierte Dame verführerisch. Ihr verheißungsvoller Blick feuerte kleine Liebespfeile auf den Piratenkapitän ab.

Don Kanaille brach ab. „Das ist... oh...“, murmelte er traumverloren. „Also wie... wie wird mir denn plötzlich? Wie konnte ich mich denn so... täuschen. Das ist... das ja eine Dame.“ Er richtete sich auf. „Nehmt sofort euere dreckigen Pfoten meinem Gast!“, befahl er seinen verblüfft dreinsehenden Piraten.

„Käpt’n?“

„Habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt?“, fragte Don Kanaille eisig.

Sofort ließen die beiden Piraten die „Dame“ los und wichen einen Schritt zurück.

„Aber Käpt’n – sollen wir sie jetzt nicht mehr einsperren?“

„Untersteht euch!“, donnerte Kanaille wütend. „Wenn ihr ihr nur ein Haar krümmt, dann verfüttere ich euch an die Haie!“ Er bot der Fremden galant seinen Arm. Wie hatte er zuerst nur glauben können, dass wäre Balus trotteliger Mechaniker in einer Verkleidung. „Darf ich Euch in meine Kabine bitten, Madame? Wie ist Euer Name?“ Er winkte seinen Männern. „Verschwindet, verschwindet!“, befahl er. „Und stört mich jetzt nicht mehr. Gebt mir Bescheid, wenn die anderen zurück sind.“

„Wildka... ähem... Vicky“, flüsterte die Holde hinter ihrem Schleier.

„Vicky“, wiederholte Kanaille verträumt. „Vicky - welch‘ entzückender Name. Ihr müsst mir unbedingt mehr von Euch erzählen. Wie kommt Ihr nur auf mein Schiff?“

„Ich... oh... ähem... also... Balu.“

„Balu?“, wiederholte Kanaille mit gefurchter Stirn, als er seine Besucherin aus dem Hangar geleitete und mit ihr in einen langen Korridor einbog. „Was hat dieser tollpatschige Bär mit einem so reizenden Geschöpf wie Euch zu tun?“

„Er...“ Etwas verlegen kratzte sich die Holde am Kopf. „Er sollte mich zu meinem Vater fliegen“, erklärte sie schließlich. „Mein Vater ist... aber nein, das darf ich nicht verraten. Bitte, bitte, fragen Sie mich nicht weiter danach“, flehte sie.

Zweifellos war sie eine Prinzessin. Und ganz zweifellos war Don Kanaille völlig hingerissen. Das klang ja ganz so, wie in dem großen Samstagabendliebesfilm, den er immer heimlich sah. Ein Piratenkapitän konnte es sich schließlich nicht leisten, sich bei seinen Männern lächerlich zu machen.

Beruhigend tätschelte er Vicky die Hand. „Aber nein, meine Teuerste, beruhigen Sie sich bitte. Ich bin ein Gentleman und weiß, was sich gehört. Selbstverständlich werde ich Sie persönlich unter meinen Schutz stellen und Sie zu Ihrem Vater bringen.“

„Aber was ist mit Balu? Er kommt bestimmt zurück“, wagte die Holde einzuwenden.

„Pah!“ Don Kanaille warf sich in die Brust. „Was ist schon ein Balu mit seiner lächerlichen Schneegans gegen Don Kanaille und den Eisengeier? Ein Staubkorn. Ein Lufthauch. Ein Nichts.“ Er schlug mit der freien Hand gegen den Säbel an seiner Seite. „Ich werde ihn von meinen Kanonen in Atome zerschießen lassen“, prahlte er.

Sie hatten inzwischen das Ende des Korridors erreicht. Don Kanaille blieb vor einer Tür stehen und öffnete sie. „Bitte, meine Gnädigste, treten Sie ein“, sagte er mit einer tiefen Verbeugung.

Die Fremde trat an ihm vorbei in den Raum. Dabei blieb sie mit ihrem voluminösen Kleid am Türrahmen hängen und entblößte für einen Augenblick ihre Beine, die in einer Art Overall steckten und einen sandfarbenen, schlanken Schwanz. „Huch!“, machte sie und zerrte rasch an ihrem Kleid, um sich wieder zu bedecken.

„Entzückend“, murmelte Kanaille hingerissen. Definitiv eine Prinzessin. „Einfach entzückend.“ Er folgte ihr.

* * *

Wenig später saßen die beiden vor einer reichhaltigen Mahlzeit. Kanaille gratulierte sich im Stillen dazu, erst zwei Tage zuvor das Flugzeug einer Delikatessenfirma überfallen zu haben. Wenn es auch außer den feinsten Leckereien nichts zu erbeuten gab, so hatte sich der zuerst vergeblich erscheinende Raubzug nun doch als lohnend erwiesen. Einer Prinzessin musste man schließlich etwas bieten können! Seine Vicky war natürlich etwas anderes gewöhnt, als diesen Schweinefraß, den seine Crew bekam. Er goss Wein nach und lächelte seiner bezaubernden Tischnachbarin zu. Die leider nichts zu sich nahm. „Habt Ihr denn keinen Appetit, teuerste Vicky?“, fragte er.

„Ich bin... ähem... nicht sehr hungrig.“ Vicky klopfte sich auf den Bauch. „Außerdem muss ich Diät halten.“

„Entzückend“, murmelte Kanaille. „Aber Ihr doch nicht“, protestierte er. „Bei Euerer Figur!“

Die Holde kicherte und winkte ab. „Ihr seid ein ganz schlimmer Schmeichler, Don Kanaille.“

„Ich wollte, ich wäre ein Poet und könnte Eure Schönheit in Worte kleiden.“ Hingerissen griff Kanaille über den Tisch nach Vickys Hand. Er sah ihr tief in die Augen, hauchte dann einen Kuss auf ihren Handrücken. „Ihr müsst wissen, ich habe mich auf den ersten Blick in Euch...“

In diesem Moment platzte leider einer der Piraten in die zärtliche Stimmung. „Käpt’n!!

Don Kanaille ließ Vickys Hand los und sprang wutentbrannt auf. „WIE KANNST DU ES WAGEN, MICH JETZT ZU STÖREN! Kannst du denn nicht anklopfen?“, brüllte er den unglücklichen Luftpiraten an. „Ich werde dich vierteilen lassen!“

„Aber... aber...“, stotterte der Pirat. „Sie wollten es doch wissen, wenn die anderen zurück sind, Käpt’n.“

Hinter ihm tauchten zwei der Piraten auf, die sich an der Verfolgungsjagd beteiligt hatten. „Hallo, Käpt’n.“

Don Kanaille musterte sie mit eisigem Blick. „Habt ihr Idioten Balu gefangen?“

„Ähem... leider nicht, Käpt’n. Er war ganz plötzlich einfach verschwunden.“

„Verschwunden?“, donnerte Don Kanaille. „Und ihr Versager wagt es noch, mir unter die Augen zu treten?“ Er verpasste jedem von ihnen einen Fußtritt.

Dann wandte er sich Vicky zu. „Bitte entschuldigt mich einen winzigen Moment, meine liebste Vicky. Ich bin gleich zurück.“ Er warf den beiden zitternden Piraten drohende Blicke zu. „Ich muss wohl wieder einmal eine kleine... Personalbesprechung... mit meiner unfähigen Crew abhalten.“ Die ausgesprochen unglücklich aussehenden Piraten vor sich her scheuchend, verschwand Don Kanaille im Korridor.

Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, lüftete Wildkatz alias Vicky aufatmend den Schleier und nahm sich erst einmal etwas zu essen. Er hatte ja solchen Hunger.

Hoffentlich kam Don Kanaille nicht zu rasch zurück. Wildkatz wischte ein paar Krümel vom Kleid. Wie gut, dass die Piraten irgendwann einmal Koffer mit Kleidungsstücken erbeutet haben mussten. Als er sich in einer staubigen Abstellkammer versteckt hatte, stolperte er über einen dieser Koffer. Der nahm ihm das übel und platzte förmlich auf. Da draußen auf dem Korridor die Schritte der Piraten zu hören waren, hatte Wildkatz sich notgedrungen eines der Kostüme übergezogen und das Gesicht mit einem Schleier verhüllt. Gleich darauf hatten ihn die Piraten entdeckt und zu Kanaille gebracht.

Er schob die zusammengeknüllten Stümpfe zurecht, mit denen er seine Oberweite ausgepolstert hatte, als sein Blick auf einen Obstkorb fiel. Rasch tauschte er sie gegen Orangen aus, die wesentlich besser saßen, wenn sie auch kleiner waren. Wildkatz lauschte zur Tür. Noch war nichts zu hören. Es war ihm nicht entgangen, dass Balu und Kit mit der Schneegans geflüchtet waren. Sicher kamen sie bald zurück, um auch ihn zu befreien. Darum machte sich Wildkatz keine Sorgen. Er überlegte nur, wie er sich den Avancen des verliebten Don Kanailles entziehen konnte, ohne dass dieser Verdacht schöpfen und seine Tarnung auffliegen lassen würde.

Nun war Wildkatz noch nie der schnellste Denker gewesen und so war er auch noch zu keinem Entschluss gelangt, als Kanaille beschwingten Schrittes zurückkehrte. Wildkatz warf rasch den Schleier über.

Don Kanaille lächelte seine schüchterne Schönheit strahlend an. „Ich hoffe, du hast dich nicht gelangweilt, meine teuerste Vicky?“, fragte er, eine zärtliche Tonart anschlagend. „Ich darf doch...?“ Wieder beugte er sich über ihre Hand und küsste sie.

Zum ersten Mal fiel ihm dabei der Anflug von Maschinenölgeruch auf, der von ihr ausströmte. Doch er schob es auf ihren Aufenthalt an Bord dieser Schrottkiste Schneegans. Wenn er ihr erst ein paar edle Ringe an die Fingerchen gesteckt hatte und ein paar Gallönchen Parfüm erbeutete, war dieses Problem gelöst.

Mutiger werdend, da Vicky sich nicht wehrte, hauchte er Küsse an ihrem Arm entlang bis zur Schulter. Es war nur bedauerlich, dass dieses grässliche Kleid sie von Kopf bis Fuß verhüllte. Er konnte ihre Figur ja kaum erahnen. Don Kanaille richtete sich wieder auf und starrte entzückt auf die sanften Wölbungen ihres Busens – aber war der nicht größer gewesen?

„Käpt’n?“

„Oh, nenn‘ mich doch bitte Don Kanaille, Vicky, mein Engel“, unterbrach sie der. „Ich bin nur ein armseliger Bewunderer deiner Schönheit.“ Er legte den Arm um Vickys Taille – und mochte Wildkatz sich auch noch so winden, er kam von Kanaille nicht los.

„Wann... wann bringt Ihr mich zu meinem Vater, Don Kamille?“

„Kanille. Ich meine Kanaille. Aber das eilt doch nicht, Vicky, Liebling.“ Don Kanaille drückte sie an sich. „Zuerst müssen wir uns noch viel besser kennen lernen. Willst du mir nicht endlich einen Kuss geben?“ Er hatte nicht die geringste Absicht, dieses bezaubernde Geschöpf je wieder gehen zu lassen. „Bitte, bitte, nimm‘ den Schleier ab.“

Wildkatz schluckte. Wenn Kanaille darauf bestand, dass er den Schleier abnahm, war das Spiel aus. „Du... du musst aber die Augen dabei zu machen. Ich schäme mich sonst.“

Don Kanaille lachte. Dann stellte er sich in Position, spitzte die Lippen und schloss die Augen.

Wildkatz seufzte und schnappte sich einen Pfirsich vom Tisch, den er Kanaille küssen ließ.

Verblüfft öffnete Kanaille die Augen wieder. Er rieb sich über den Mund. Etwas rau waren ihren Lippen ja schon. Vermutlich bestand sie darum auf den Schleier. Nun, war ja auch kein Wunder – sicher hatte sie noch keine Zeit, sich frisch zu machen. Doch tat das seiner Verliebtheit keinen Abbruch. „Vicky“, hauchte er. „Meine teuerste, liebste Vicky. Du musst für immer bei mir bleiben, ich lasse dich nie mehr fort. Willst du...“

Die Tür wurde aufgerissen. „Käpt’n! Käpt’n!“ Einer der Piraten stürmte herein. „Wir werden angegriffen. Es sind Flugzeuge der Luftpolizei von Kap Suzette und die Schneegans.“

Wutentbrannt fuhr Kanaille herum. Zum zweiten Mal unterbrochen! „WAS FÄLLT DIR EIN; MICH WEGEN DIESER LAPPALIE ZU... ähem... sagtest du vielleicht gerade: die Luftpolizei aus Kap Suzette greift uns an?“

„Ja, Käpt’n.“

„Was stehst du dann noch hier rum“, donnerte Kanaille. „An die Kanonen mit dir.“

„Aber, Käpt’n...“, wandte der zitternde Pirat ein.

„Was, du Wurm?“ Kanaille zog seinen Säbel.

„Wir haben... keine Munition mehr.“

Don Kanaille sah einen Moment lang so aus, als wolle er in Ohnmacht fallen – doch die Gegenwart seiner angebeteten Vicky bewahrte ihn davor. „Dann sag‘ Scotty, er soll das Rückzugmanöver einleiten. Muss ich denn hier alles selbst machen!“ Er warf Vicky einen Luftkuss zu, sagte: „Warte hier auf mich, mein Engel“ und folgte dem Piraten.

Wildkatz hatte nicht die geringste Absicht zu warten. Er streifte das Kleid ab, warf den Schleier weg und lief aus Kanailles Kammer.

Nach einem Moment des Zögerns wandte er sich in Richtung Hangar. Da gab es ein Schott, von dem aus der auf das Dach des Eisengeiers gelangen konnte. Irgend jemand würde ihn dann dort schon abholen. Tatsächlich kam auch bald die Schneegans in Sicht. Während die Polizei die Piraten in Schach hielt, kletterte Wildkatz an einer Strickleiter ins Flugzeug.

* * *

Seufzend saß Wildkatz während des Rückflugs am Fenster. „Er hätte mir fast einen Heiratsantrag gemacht...“, murmelte er träumerisch.

* * *
An Bord des Eisengeiers saß Don Kanaille gramgebeugt in seiner Kabine und schluchzte hemmungslos in Vickys Schleier. Das würde er Balu nie verzeihen, ihm seine innig geliebte Piratenbraut entführt zu haben...

Ende