Titel: Picture me 2 – South of normal

Autor: Lady Charena
Fandom: House, MD

Pairung: Wilson, House

Rating: PG [slash]

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Fortsetzung zu „Picture me“. Natürlich ist House zu Ohren gekommen, dass Wilson Emma besucht hat. (Episode: 3.17 Fetal Position.)

Das Wilson Antidepressiva nimmt, ist canon, obwohl es erst in einer späteren Folge als 3.17 offiziell zur Sprache kommt. Das Zitat über House Unfähigkeit zu fühlen, ist aus 3.1 „Meaning“. Enthält generell Spoiler für die gesamte Season 3.

Der „Wheelchair-war“ stammt aus „3.13 Needle in a Haystack“ und findet in Wirklichkeit erst nach „3.12 One Day, one Room“ statt, aus der die Szene im Park stammt (zumindest Ort und Zeit und Personen, den Rest habe ich alleine zu verantworten <g>). Aber da es sich um einen Rückblick handelt, weiß Wilson davon ja bereits, so dass es kein zu großer Widerspruch sein sollte.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

 

 

House platzte – wie üblich – unangemeldet und uneingeladen in Wilsons Büro. „Du bist ein sentimentaler Idiot, Jimmy“, sagte er so nonchalant, als hätte er eine Bemerkung über das Wetter gemacht und setzte sich in den Besucherstuhl gegenüber James Wilson.

 

Der unterbrach kaum seine Eintragungen in eine Patientenakte, an der er gerade arbeitete. Immerhin war er an solche Liebenswürdigkeiten gewöhnt. „Und du bist ein miserabler Bastard. Sonst noch etwas über das du sprechen willst? Ansonsten wünsche ich dir einen wunderschönen Tag und mach’ die Tür von draußen zu, wenn du gehst.“

 

Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung und dann war House’ Stock in seinem Sichtfeld, schlug ihm den Füller aus der Hand. Mit einem irritierten Laut - halb Erschrecken, halb Wut – rieb sich Wilson die Finger. „Du kannst wirklich so ein Arschloch sein, House.“

 

„Tsk, tsk, sprichst du mit dem gleichen Mund zu deiner Mutter?“

 

Aber da war ein falscher, halbherziger Ton in House’ Spott und Wilson wurde unwillkürlich hellhörig. Er war zu vertraut mit den feinen Nuancen, von denen sein Freund gerne leugnete, dass er zu ihnen überhaupt fähig war.

 

Entweder war Greg wirklich wegen des Fotos aufgebracht – ja, viel Glück mit der Theorie – oder es war ‚seine’ Antwort gewesen, die ihn aus der Balance brachte. Aber erwartete House nach den fast zwanzig Jahren, die sie sich kannten, wirklich noch, dass er auf eine simple Beleidigung reagierte, als ob es ihm etwas ausmachen würde? Er hatte schlimmere Dinge an den Kopf geworfen bekommen, als sentimental zu sein – etwas, dass ohnehin nur in Gregory House’ Lehrbuch eine Todsünde war.

 

Er hob den Blick und hinter der zu erwartenden Miene aufgesetzten Schmollens stand so etwas wie Unsicherheit in den blauen Augen. Eins von Gregs Geheimnissen war, dass er tatsächlich unsicher sein konnte – nicht wenn es um medizinische Fakten ging, um Symptome und Testergebnisse, nein, da konnte man eher von einem Übermaß an Selbstsicherheit sprechen. Aber wenn es um etwas so irrationales und unlogisches wie Gefühle ging...

 

„Arrangierst du Playdates mit Cameron und sie kommt in dein Hotel, wo ihr euch Fotos von mir anseht und euch erzählt, wie gemein und herzlos ich wieder war und tröstet ihr euch dann gegenseitig, weil der böse House euch nicht lieb hat?“ House beugte sich vor, als er seine Worte wie kleine Pfeile, präzise zielend, auf ihn abfeuerte. „Und warum darf ich nicht dabei zusehen? Ich hatte schon immer ein Ding für Live-Porno.“

 

Die Pfeile trafen ihr Ziel und rissen Wunden, aber sie blieben nicht stecken, um weiterhin ihr Gift abzusondern, sondern gingen glatt durch ihn hindurch. Vor der ganzen Sache mit Tritter, vor der... Szene... an Heiligabend, die ihm inzwischen so unwirklich vorkam, als stamme sie aus einer von House’ Soaps, wäre das anders gewesen. Vielleicht hatte das den Ausschlag gegeben, dass er in der Lage gewesen war, einfach... nein, nicht einfach, es war eines der schwersten Dinge gewesen, die er in seinem Leben jemals getan hatte... dass er in der Lage gewesen war, wieder zu gehen. Ohne zu versuchen, einem Mann zu helfen, der keine Hilfe von ihm annehmen wollte.

 

Es gab einen Wilson-davor und es gab einen Wilson-danach. Und er wusste, dass es Cuddy und dem Team ebenso ging. Nur House schien völlig unverändert. Vor-Tritter-Wilson hätte anders reagiert, dessen war er sich sicher, wenn es ihm auch schwer fiel, sich genau zu erinnern, wie er reagiert hätte. Empört weil House ihn mit Cameron verglich? Verletzt wegen der Anspielung auf sein Leben im Hotel, im Limbo, seine Unfähigkeit vorwärts zu gehen und sich eine ordentliche Wohnung zu suchen. Unfähig, zurück zu kehren zu House, wie der es ihm damals nach dem Ende seiner Beziehung zu Grace angeboten hatte? Beschämt, weil House um seine Gefühle wusste und nichts anderes als eine neue Quelle für seine endlose Gier nach trivialer Unterhaltung sah?

 

Nach-Tritter-Wilson akzeptierte die Wunden, betrachtete sie mit klinischer Objektivität, als etwas Unvermeidbares. Er fühlte keinen Schmerz mehr. Vielleicht war es auch nur die Wirkung der kleinen, weißen Tablette, die er jeden Morgen nahm. Er verstand langsam, warum House das Vicodin nicht aufgeben wollte, auch wenn das bedeutete, dass er für jede neue Verschreibung nach Trenton fahren musste, damit niemand erfuhr, dass er Antidepressiva einnahm. Es war faszinierend, wie ein paar Chemikalien – in der richtigen Dosierung und regelmäßig eingenommen – das Leben eines Menschen veränderten. Zum ersten Mal verstand er, warum manche seiner Patienten ihre Medikamente geradezu ängstlich betrachteten. Sie hatten erfahren, wie abhängig man von dem künstlichen Gefühlen wurde.

 

Er musterte House und fragte sich, was er wohl dazu sagen würde, wenn er ihm erzählte, dass er nach Tritters Besuch darum gebeten hatte, in ein anderes Zimmer umziehen zu können, weil der unpersönliche, kahle Raum für ihn untrennbar nach verlorenem Vertrauen roch, seit er den ersten Blick auf die gefälschten Vicodinrezepte geworfen hatte?

 

Vermutlich würde ihm nur ein weiteres Mal Sentimentalität vorgeworfen werden.

 

Er war gegenüber Emma nicht ganz ehrlich gewesen, als er behauptet hatte, ziemlich sicher zu sein, dass Greg von seinen Gefühlen wusste. Seine Gefühle... sie waren nie ganz klar gewesen, wenn sie den Mann betrafen, der ihm gegenüber saß. Alles andere war immer so deutlich, so einfach, so... simpel gewesen. Seine Ehefrauen, seine Scheidungen, seine Flirts, seine Affären. Da war Liebe gewesen oder Einsamkeit oder Frust oder einfach nur Lust und Verlangen. Aber immer nur ein Gefühl auf einmal. Bei House schien er immer alles gleichzeitig zu spüren. Irgendwann mixte sich Lust mit Freundschaft. Freundschaft mit Liebe. Frust mit Lust. Liebe mit Schmerz...

 

Er war in der Lage gewesen, eine Balance zu halten, was ihm dadurch vereinfacht wurde, dass Greg vorgab, nichts davon zu bemerken. Ignoranz kann manchmal immerhin tatsächlich ein Segen sein. Was House’ Gefühle für ihn betraf... nun, das war ein vollkommen anderes Kapitel... und eines, über das er sich nicht erlaubte, häufig nach zu denken.

 

Aber dann war Detective Tritter gekommen und hatte die schöne Scheinwelt aus Schweigen und Lügen und Wegsehen vernichtet und sie gezwungen die Augen zu öffnen. Für mehr, als nur für Gregs Abhängigkeit. Er hatte alle ihre Lügen ins Licht gezerrt, nicht nur House’, sondern auch seine und Cuddys.

 

Er hatte sich den Vormittag frei genommen, um nach Trenton zu fahren, und mit seinem Therapeuten seine Fortschritte – oder den Mangel daran – zu besprechen und die Dosis des Medikaments abzustimmen. Cuddy hatte nicht gefragt, warum er regelmäßig diese freien Vormittage benötigte, als sie es genehmigte.

 

Als er in die Klinik kam, und an der Schwesternstation eincheckte, seine Telefonnotizen und neue Akten entgegennahm, war das erste, was er hörte, dass House wieder da war. Offenbar hatte er den Entzug abgebrochen und sich selbst aus der McDaniel-Entzugsklinik entlassen. Da er sich freiwillig dorthin begeben und die Richterin nur die Empfehlung ausgesprochen hatte, dass er den kompletten zweimonatigen Entzug vollendete, war er nicht gezwungen, dort auch zu bleiben.

 

Das einzige, was Wilson wunderte, war dass House eine ganze Woche damit gewartet hatte. Aber da Voldemort ihn ja mit Vicodin versorgte, und es offenbar keinen Fall gab, der ihn interessierte, hatte Greg das ganze wohl als eine Art Urlaub betrachtet, währenddessen die überbrodelnde Gerüchteküche und Cuddys Ärger ein wenig abkühlen konnten.

 

Er hatte das Gefühl, dass alle ihn ansahen, wie damals als sich sein Deal mit Tritter herumgesprochen hatte und auf eine Reaktion warteten. Er nickte Brenda Previn unverbindlich zu, sammelte seine Sachen ein und machte sich auf den Weg in sein Büro.

 

Und dort wartete Cuddy auf ihn. Das kam allerdings unerwartet genug, dass er einen Augenblick an der Tür stehen blieb, und sie anstarrte, bevor er sich räusperte und in den Raum trat. Sie saß auf dem Stuhl, den House sonst inne hatte und drehte sich zu ihm um. Ihr Gesicht sagte ihm alles, was er wissen musste, noch bevor sie den Mund öffnete.

 

Er legte die Akten und Notizzettel auf seinem Schreibtisch ab. „Ich weiß nicht, wo er steckt“, sagte er abwehrend. „Und nein, er hat mit keiner Silbe erwähnt, dass er den...“, er legte unwillkürlich eine kleine Pause ein, denn es fiel ihm tatsächlich nicht leicht, seinen Boss anzulügen. „...Entzug abbrechen will, als ich ihn zum letzten Mal gesehen habe.“

 

Cuddy war inzwischen aufgestanden. Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß. Aber wenn ihn jemand finden kann, dann Sie, James. Ich habe ihn in die Klinik gesteckt und er hat tatsächlich ein paar Stunden – wenn auch unter Protest – dort gearbeitet. Er hat einen neuen Fall angenommen, ist aber dann ist spurlos verschwunden und angeblich hat ihn niemand seither gesehen. Sein Handy und sein Pager liegen auf seinem Schreibtisch. Chase und Foreman wissen von nichts, und Cameron scheint zu beschäftigt zu sein, um meinen Anruf zu beantworten.“

 

Er spürte die Anspannung in Nacken und Schultern und hob die Hand, um sich den Nacken zu reiben. House war das letzte, mit dem er sich jetzt beschäftigen wollte. Dann warf er einen Blick auf seine Uhr. „Ich habe eine Idee, wo ich ihn finden könnte. Mein nächster Termin ist erst um vierzehn Uhr. Es ist fast Mittag. Wenn ich ihn finde, bringe ich ihn nach dem Lunch her und sorge dafür, dass er wieder in der Klinik auftaucht oder sich um seinen Patienten kümmert. House ist immer umgänglicher, wenn er gefüttert wurde.“

 

Noch vor ein paar Wochen hätten sie beide über seine Bemerkung gelächelt. Jetzt nickte Cuddy nur und verließ sein Büro mit einem knappen, jedoch nicht unfreundlichen: „Danke“ und einem Blick über die Schulter, der halb fragend, halb... mitleidig?... war. Er widmete sich den Unterlagen, die seine Assistentin zurechtgelegt hatte und fand nichts Dringendes darunter. Nicht verwunderlich, da er es so geplant hatte. Er hinterließ ihr eine Notiz, dass er über den Pager erreichbar war und legte einen zweiten Stopp ein, um sich in der Toilette Gesicht und Hände zu waschen. Dann verließ er das Krankenhaus und trat hinaus in den vorfrühlingshaften Sonnenschein.

 

Er steckte die Hände in die Taschen seines Mantels – die kühle Januarluft passte besser zu den Blättern vom letzten Herbst, die wieder zum Vorschein gekommen waren, als der Schnee schmolz, als zu der blassen Wintersonne. An das Campusgelände schloss sich ein Park an, der bei den Studenten zum Joggen sehr beliebt war. Vor – wie es ihm manchmal erschien – zwei- oder dreihundert Jahren war er mit House dort Laufen gegangen. Das letzte Mal an einem Nachmittag im Juli. Zwei Tage vor dem Golfspiel, bei dem Greg zum ersten Mal Schmerzen in seinem rechten Oberschenkel hatte. Er konnte sich nicht erinnern, ob er danach noch einmal zu Fuß in den Park gesetzt hatte. House hingegen war hier gewesen, letzten Sommer, als das Ketamin noch wirkte...

 

Es war Mittagszeit, was bedeutete, dass etliche andere ebenfalls auf die Idee gekommen waren, die Sonnenstrahlen zu genießen, bevor die nächste Schneefront den Frühling noch ein wenig weiter weg rücken ließ. Fast im Zentrum des Parks befand sich ein künstlicher See. Irgendetwas führte ihn dorthin und er folgte dem Instinkt, ohne ihn zu hinterfragen. Am Ufer entlang zog sich eine Reihe von Picknickplätzen. Simple, plumpe Tisch-Bank-Kombinationen, aus Beton gegossen, die so unbequem wie hässlich waren.

 

Auf einem der Tische saß House und... Was war das da auf seinem Handrücken? Wilson kniff die Augen zusammen, als er näher kam. Ein Marienkäfer?

 

House pustete den kleinen Käfer an, der jedoch keine Anstalten machte, weg zu fliegen. Schließlich schüttelte er das Tier ab und es schwirrte davon. Er sah auf, als Wilson sich neben ihm gegen den Tisch lehnte.

 

„Warum bist du hier?“, fragte Wilson.

 

Da war ein merkliches Zögern auf House Seite. „Weil es kein Krankenhaus ist“, entgegnete er dann leichthin.

 

„Es ist ein Park für Jogger.“ Plötzlich hatte er das Bedürfnis, zurück zu schlagen, House weh zu tun. „Du joggst nicht. Du kannst nicht joggen.“

 

Doch House schien das nicht weiter zu beeindrucken. „Ich beobachte, wie sie joggen. Ich sitze und beobachte und stelle mir vor...“

 

„So und was beobachtest du?“ Widerwillen war er neugierig geworden. Seine Augen folgten House’ Blick, der auf ein paar Jogger auf dem Weg unweit ihres Sitzplatzes gerichtet war. Zwei junge Frauen wurden gerade von einem Mann überholt, der trotz der Jahreszeit Shorts trug.

 

„Da rennt ein Typ in Shorts.“

 

Er gab ein verächtliches „hmm“ von sich. „Der rennt nicht. Er versucht zu baggern.“ Aus den Augenwinkeln sah er House grinsen.

 

„Du bist wirklich gut.“

 

Er sah seinen Freund an, erstickte neuerliche Bemerkungen über sein Wissen über die Kunst der Verführung im Keim. „Wie lange hast du vor hier zu bleiben?“

 

House starrte auf seine Hände, dann in die Weite des Parks. „Das Schöne an diesem Ort ist, dass Cuddy mich hier zuletzt suchen wird.“

 

Wilson sagte nicht: Ich habe dich doch auch beim ersten Versuch gefunden. Statt dessen strich er sich die Haare aus der Stirn und schloss die Augen, um das Gesicht in die Sonne zu halten.

 

„Jimmy?“

 

Wiederwillig öffnete er die Augen und gab die Illusion von Frieden auf. „Was?“

 

„Setz’ dich hin.“

 

House saß jetzt auf der Bank, die Arme gegen den Tisch hinter sich gestützt und sah zu ihm auf.

 

„Okay.“ Er setzte sich neben ihn, die Ellbogen auf die Knie gestützt.

 

Eine Weile saßen sie schweigend da. Schließlich brach Wilson die Stille. „Ich habe Cuddy versprochen, dass wir nach dem Lunch zurück sind. Willst du irgendwo essen gehen oder versuchen wir unser Glück mit der Cafeteria?“

 

House schien völlig davon in Anspruch genommen, seinen Stock, den er inzwischen vom Tisch genommen hatte, zwischen den Händen zu drehen. „Ich bin nicht hungrig“, meinte er abwesend, dann runzelte er die Stirn und sah zu ihm hinüber. „Aber wenn du....“

 

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin auch nicht hungrig.“ Er zögerte einen Augenblick. „Es ist ziemlich kalt. Wir könnten auf dem Rückweg irgendwo einen Kaffee trinken.“

 

Es war eine Testfrage gewesen und mit Kaffee hatte sie absolut nichts zu tun. Wonach er wirklich gefragt hatte, war ob House den Rückweg schaffen würde. Er mochte es ableugnen, aber die ersten Tage des „echten“ Entzuges hatten ihre Spuren hinterlassen, auch wenn House nicht mehr so abgemagert und krank wie vor der Anhörung aussah. Und obwohl Wilson nur knapp zehn Minuten vom Krankenhaus zum See benötigt hatte, war das eine gewaltige Distanz für einen Mann, der einen Kleinkrieg gegen eine Frau im Rollstuhl für einen näher am Eingang liegenden Parkplatz geführt hatte.

 

House sah ihn an, den Kopf leicht schief gelegt, einen amüsierten Ausdruck in den blauen Augen. „Kaffee, also“, entgegnete er und wandte den Blick ab, um sicher zu stellen, dass sein Stock festen Halt auf dem mit rutschigem Laub übersäten Boden hatte, bevor er sein Gewicht darauf verlagerte, um aufzustehen. „Du kannst nicht...“, er brach mit einem überraschten Schmerzenslaut ab und sackte zurück auf die Bank. Der Stock fiel aus seiner Hand und er grub die Finger beider Hände in den rechten Oberschenkel.

 

Wilson war nur eine Sekunde später vor ihm in der Hocke und sah zu ihm auf. Bereit, aber ohne etwas zu tun, bevor seine Hilfe verlangt wurde.

 

House öffnete die Augen und holte tief Luft. Eine Maske senkte sich über seine Gesichtszüge, aber die plötzlich zahlreicheren Falten und Fältchen um Augen und Mund verrieten die Schmerzen. „Nur ein Krampf.“ Seine Stimme war rau und nach einem Moment sah er weg, als könnte sein Blick zu viel zeigen. „Ich habe eine ziemliche Weile hier gesessen. Und es ist kälter als es aussieht...“ House schüttelte den Kopf, als Wilson in den Mantel des anderen Mannes griff, wo er das Vicodin fand. „Ich brauche keine Pille, nur fünf Minuten. Ich bin zu schnell aufgestanden.“

 

Wilson nickte, schob das Vicodin zurück in House’ Manteltasche und lehnte sich leicht zurück, um House den Freiraum zu gewähren, den er brauchte, ohne zu weit von ihm weg zu sein. Zwei junge Frauen liefen vorbei und als er sie lachen hörte, sah er zu ihnen hinüber. Sie stießen sich gegenseitig an und flüsterten sich etwas zu, von dem das Wort „Heiratsantrag“ zu ihnen herüberdriftete, bevor die beiden weiterliefen.

 

Er lächelte unwillkürlich, er hatte noch nie einer Frau einen Heiratsantrag auf den Knien gemacht. Das war etwas für kitschige Filme. Erst im Nachhinein, wie ein Echo, das verspätet zurückgeworfen wurde, kam ihm der Gedanke, wieso sie offenbar angenommen hatten, House und er wären... Nein. Es war nur ein alberner Witz gewesen; eine dieser Bemerkungen, die man über andere machte, ohne darüber nachzudenken. Bedeutungslos. Dieser Teil seiner Gefühle für den anderen Mann waren noch nicht einmal ansatzweise in der Therapie zur Sprache gekommen und wenn es nach ihm ging, würden sie das auch niemals...

 

„Du weißt, dass du Augenbrauen-Muskelkater bekommst, wenn du noch heftiger versuchst, sie zusammen zu ziehen. Oder hoffst du, dass sie wie echte Raupen herunterfallen, sich verpuppen und zu zarten Schmetterlingen werden?“

 

Es war nicht eine von House’ brillanteren Bemerkungen und sie wussten es beide, ebenso wie der müde Klang seiner Stimme den Grund dafür lieferte. Er sah auf und in die blauen Augen, die ihn musterten, als wäre er ein Rätsel, dass faszinierend genug war, um House’ Gedanken von den Schmerzen abzulenken. „Vielleicht wäre es besser, wenn ich zurückgehe und einen Rollstuhl hole.“ Er hob eine Hand, bevor House ihn unterbrechen konnte. „Ich weiß, du hasst die Krüppelkarre, aber du kannst nicht hier sitzen bleiben, bis du im Sommer auftaust.“

 

Um House’ Mund zuckte ein Lächeln. „Ich hatte gehofft, du würdest mir anbieten, mich zurück zu tragen.“

 

„Nette Theorie.“ Er richtete sich auf und hob House’ Stock auf, um ihn neben ihn auf die Bank zu legen. „Ich bin in fünfzehn Minuten wieder da. Alternativ kann ich natürlich auch Cameron anrufen und sie bitten, uns einen Rollstuhl zu bringen. Sie wäre sicher begeistert.“ Er sah, wie House bei dieser Vorstellung zusammenzuckte.

 

„Kein Rollstuhl.“ Der Protest kam nicht völlig unerwartet. „Ich habe es auf eigenen Beinen hierher geschafft, also schaffe ich es auch wieder zurück.“

 

„Dann lass’ mich dir zumindest meine...“ Hand, flashte es plötzlich in seinem Kopf und er biss sich auf die Zunge, um es nicht laut auszusprechen. „...Schulter anbieten. Stütz’ dich auf mich, statt auf den Stock.“ Mit angehaltenem Atem wartete er darauf, wie das Angebot aufgefasst und ob es angenommen werden würde.

 

Nach einem Moment nickte House, sah ihn jedoch nicht an. Wilson beugte sich vor und Greg legte den linken Arm um seinen Nacken, die Finger der rechten Hand noch immer in seinen Oberschenkel gekrallt.

 

Er legte beide Arme um House’ Mitte, direkt unterhalb der Rippen, und suchte dann den Blick der blauen Augen. „Bereit?“ Es war ein völlig unpersönlicher... klinischer... Griff und so versuchte er es auch zu empfinden. Er hatte tausendmal einem Patienten auf diese Weise auf die Beine geholfen, wenn Angst oder Schwäche, oder Enttäuschung ihm die Kraft nahmen. Trotzdem begann sein Herz plötzlich in seiner Brust zu rasen, als wäre er tatsächlich zum Krankenhaus und zurück gerannt.

 

House nickte und löste die rechte Hand von seinem Oberschenkel, um sie um Wilsons linken Arm zu schließen. Dann ließ er sich auf die Beine ziehen und sie standen einen Moment so da, während House den rechten Fuß ein paar Zentimeter über dem Boden in der Luft hielt, um kein Gewicht auf das rechte Bein zu legen.

 

Wilson grub seine Finger in den rauen Mantelstoff über seinen Hüften und balancierte Greg. Er spürte den Atem des anderen Mannes, stoßweise, warm gegen die Seite seines Gesichts. Und dann, ohne eine Sekunde zu zögern und sich zu fragen, was er da eigentlich tat, presste er seinen Mund gegen Gregs. Es war ein ungeschickter, unbeholfener, verkrampfter Kuss, der Winkel ihrer Köpfe zueinander nicht perfekt und... und die Lippen unter seinen blieben zusammengepresst.

 

Als ihm klar wurde, was er tat, zog er den Kopf zurück. Wenn House sich nicht noch immer gegen ihn gelehnt hätte, wäre er vermutlich auf dem Absatz herumgedreht und davongelaufen. So schloss er die Augen und wartete auf die unvermeidlichen Worte des Abscheus oder Ärgers oder beides... oder einem Schlag ins Gesicht. Nichts davon kam. House’ Griff um seinen Arm, der Druck seines Arms um seinen Nacken veränderte sich nicht. Als Greg schließlich etwas sagte, zuckte er unwillkürlich zusammen.

 

„Es ist okay jetzt, Wilson. Du kannst loslassen.“ House’ Stimme klang völlig normal.

 

Er nickte und löste seine Arme von House’ Taille, um sich zur Seite zu drehen und seine Schulter unter Gregs rechten Arm zu schieben, so dass er sich auf ihn stützen konnte. In die linke Hand kam der Stock und sie machten sich auf den Rückweg ins Krankenhaus.

 

Und das war alles gewesen. Sie sprachen nie ein Wort darüber, was im Park passiert war. Als House ihn später aufsuchte, um ihn wegen seiner Patientin um Rat zu fragen, hatte er so getan, als wäre nie etwas gewesen. Sie hatten es beide einfach ignoriert, so weitergemacht wie zuvor. Das einzige Mal, als er fast ihre stillschweigende Abmachung gebrochen hatte, war gewesen, als er herausfand, dass der Gehirntumor nur Schwindel gewesen war...

 

Es war... schwachsinnig gewesen. Was hatte er sich damals gedacht? Dass er die Schmerzen wegküssen konnte, wie der Prinz in einem Märchen seine Prinzessin wach küsste? Er war keine fünf Jahre mehr alt. Liebe war kein Allheilmittel, keine Wunderwaffe, kein Zauberschwert mit dem der Drache besiegt wurde...

 

Wilson wusste, dass er – während sich seine Gedanken in der Vergangenheit verloren hatten - lange genug geschwiegen hatte, dass House begann, sich unbehaglich zu fühlen. Auch etwas, mit dem Greg nicht gut zurechtkam, außer das Schweigen ging von ihm aus. Er hasste es, keine Kontrolle über die Situation zu haben. Aber offensichtlich waren ihm im Moment die sarkastischen Sprüche ausgegangen, denn er war dazu zurückgekehrt, seinen Stock zwischen den Handflächen zu drehen.

 

Wortlos öffnete er eine Schublade und zog das Foto heraus. Er warf es auf den Schreibtisch, auf die aufgeschlagenen Akten und verschränkte die Arme vor der Brust, während er sich gleichzeitig in seinen Stuhl zurücklehnte. „Bitte. Mach’ dich weiter über mich lustig, nimm’ es, zerreiß’ es oder schmeiß’ es vom Balkon. Wer bin ich, deinem Spaß im Weg zu stehen.“ Vielleicht hatte er nicht beabsichtigt, so resigniert zu klingen, aber es war zu spät, die Worte zurück zu nehmen oder ihren Tonfall zu ändern.

 

Blaue Augen bohrten sich in seine, nur für einen Moment, dann stand House auf, um zu gehen.

 

„Greg!“, sagte er, als ihm plötzlich klar wurde, warum House wegen des Bildes so aufgebracht war. Er wollte die Erinnerung an Emma, an ihr Kind, an alles was geschehen oder gesagt worden war, auslöschen; die Spuren tilgen, die geblieben waren, so dass nichts ihn mehr daran erinnern konnte. Emma würde vergeblich darauf warten, dass er sie besuchte. Wenn es sich irgendwie einrichten ließ, würde House den Flügel, in dem die Entbindungsstation lag, wie die Pest meiden.

 

Er blieb stehen, eine Hand auf der Türklinke, Wilson und dem Raum den Rücken zugewandt.

 

„Es ist nur ein Foto. Und du kannst nicht stellvertretend Emma dafür strafen, dass du... etwas... gefühlt hast, als das Baby bei der OP deine Finger berührte. Du kannst niemand dafür bestrafen, dass du angefangen hast, es als ein Baby, einen Mensch, wahrzunehmen und nicht mehr nur als ein Ding... ein Geschwür, dass man entfernen muss, um den Patienten zu retten.“ Wilson zögerte, rieb sich müde mit der Handfläche übers Gesicht. „Es ist okay. Es geht vorbei. Du hast das gleiche durchgemacht, als das Ketamin aufhörte zu wirken und du clean warst. Du wirst damit leben müssen, dass du ein Mensch bist, Greg.“

 

„Vielleicht.“ House öffnete die Tür. „Ich muss mir aber nicht diesen Unsinn von dir anhören.“ Dann war er weg.

 

Wilson nahm das Foto in die Hand, betrachtete es einen Moment, bevor er es zurück in die Schublade legte. „Verdammter Idiot“, sagte er leise, ohne näher zu definieren, ob er damit sich selbst oder House meinte. Dann versuchte er sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren.

 

Ende

 

 

House: She thanked me.

Wilson: And you felt nothing.

House: I wasn’t even sure what I was supposed to feel.

Wilson: It’s like your leg. It’s atrophied. Keep working it. The feeling will come.

(3.1 Meaning)