Titel: Phantomzärtlichkeiten
Autor: Lady Charena
Fandom: House, MD
Pairung: House/Wilson
Episode: 3.1 Meaning / 3.2 Cane und Abel
Rating: PG, slash, POV Wilson
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Wilson ist niemals gut darin gewesen, House anzulügen. Aber so paradox es auch klingt... so scheint es doch, dass Wilson der einzige ist, der damit durchkommt, ihn zu belügen. Vielleicht ist es nicht nur eine Redensart, dass man manchmal belogen werden will... Und die Wahrheit die schlimmere Alternative sein kann. (Episoden-Plots am Ende der Story.)

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

We like people for their qualities.
But love them for their defects.
(Hellboy)




„Gibt es irgendetwas, dass ich wissen muss?“, fragt er, als er sich neben dich auf die Couch setzt und du spürst, wie sich dein Magen für einen winzigen Moment zusammenzieht. Du hattest gehofft, vielleicht sogar gebetet, dass es einfach nur ein ruhiger, entspannter Abend wird. Und du fragst dich, wie es in der letzten Zeit um dein Glück bestellt ist.

Du siehst ihn an und der Mann - den du liebst, selbst wenn du versuchst, es nicht zu tun – verbirgt sich hinter einer Maske. Er ist da, irgendwo, doch selbst dieses Wissen tut nichts, um das plötzliche Flattern deiner Nerven zu verhindern. Aber du darfst es ihm nicht zeigen, dass du nervös bist – ein winziger Fehler, eine kleine Abweichung und er wird die Wahrheit aus dir herausholen. Welche Wahrheit? Du siehst dir deine Kollektion an Lügen und Schweigen und Halbwahrheiten an; mit kritischen Augen, wie ein besonders wählerischer Kunde, der am Obststand den schönsten aller Pfirsiche sucht. Suchst nach einer faulen Stelle, einem Makel, der all die anderen hübschen Pfirsiche infiziert haben könnte.

Du weißt, du hast zu lange geschwiegen, als sich etwas in seinen Augen bewegt – wie Schatten unter einem zugefrorenen See. „Nein. Alles in Ordnung.“ Du bist dir nicht sicher, ob die Worte nicht schlimmer sind als das Schweigen, doch es ist zu spät, sie zurück zu nehmen.

Er sieht dich noch immer an, noch immer mit diesem unberührten Gesicht – dem gleichen, mit dem er auf seine Patienten starrt, wenn er vermutet, dass sie ihm etwas verschweigen – und du hasst diesen maskenstarren Ausdruck. Du hasst ihn mit einer Inbrunst, als wäre es ein lebendiges Wesen; etwas so hässliches, so abstoßendes, dass du es auf den Boden werfen und mit dem Schuh zertreten willst, um es nie wieder ansehen zu müssen.

Es wäre einfacher, den Mann zu hassen, der diese Maske trägt. Du weißt, du kannst es nicht; es wäre, als verlange man von dir, dich selbst in zwei Hälften zu schneiden und zu entscheiden, welche davon weiterleben darf. Er ist so lange ein Teil von dir, dass es sich anfühlt, als hättest du nicht existiert, bevor er dir begegnet ist.

Du atmest verstohlen auf, als er den Blickkontakt bricht, nach der Fernbedienung greift und den Film weiterlaufen lässt, den du gestoppt hast, während er im Bad war.

Das ganze scheint surreal. Du weißt, dass er etwas genommen hat, während er im Bad war. Du siehst es an den leicht geweiteten Pupillen und an tausend anderen Dingen.

Du hast ihn jahrelang dabei beobachtet, wie er mit seinen Schmerzen umging – aber es sind nur wenige Wochen vergangen, seit die Schmerzen weg sind. Und nicht einmal das weißt du mit Bestimmtheit. Die Unsicherheit ist gewachsen, seit er zu dir gekommen ist und dich nicht ansehen konnte, als er sagte, sein Bein würde schmerzen – er würde zum ersten Mal seit der Operation vor mehr als fünf Jahren wieder... etwas... in den toten Muskeln spüren.

Und alles, was du in diesem Moment spürtest, war Enttäuschung. Weil er dir vertraute und es aussprach. So lange er es nicht laut aussprach, konntest du dir deine Illusionen bewahren, dass alles gut gegangen war. Dass das Ketamin das beinahe nicht mehr erhoffte Wunder vollbracht hatte. Dass er nicht nur von den Schmerzen, sondern auch von seiner Sucht befreit war.

Aber die Illusion war zu groß; du hast dir wohl zu sehr gewünscht, es würde wahr werden... Denn man soll vorsichtig sein, was man sich wünscht.

„Du gluckst in letzter Zeit ständig mit Cuddy zusammen. Hast du vor, mich wegen ihr sitzen zu lassen?“

Der Unterton in seiner Stimme ist der einer Herausforderung – doch du weigerst dich, den Köder zu schlucken. Statt dessen lehnst du dich in die altvertraute Couch zurück, und lässt deine Schulter gegen seine streifen. Doch kein Nachgeben in den rigiden Muskeln an deinen, dass dich darauf hoffen macht, dass er das Thema bald aufgibt. Der Gedanke lässt dich fast laut lachen – wann hat er jemals aufgegeben, wenn es ein Puzzle zu lösen gilt? Nur sich selbst hat er vor langer Zeit aufgegeben.

Vielleicht zeigt sich etwas davon in deinem Gesicht, denn du spürst wieder den eisblauen Blick auf dir.

Du öffnest den Mund, ohne wirklich zu wissen, was du sagen willst – als er sich vorbeugt und seine Lippen deine verschließen, bevor du auch nur einen Ton herausbringst. Du bist zu überrascht, um zu reagieren; wie versteinert, denn es ist Wochen her, dass er dich zuletzt so geküsst hat. Dass er überhaupt von sich aus eine Berührung initiiert hat. Er hat nicht mehr mit dir geschlafen, seit er sich von den Schusswunden und der Ketaminbehandlung erholt hat. Du wusstest, dass es Zeit brauchen würde, um seinen Körper, seine Seele zu heilen. Du hast nicht erwartet, dass er dich völlig zurückweist, deine Hilfe ablehnt, selbst deine Nähe.

Du hast an seinem Bett gesessen, nach der OP, die das Geschoss aus seinem Bauch holte und hast darauf gewartet, dass er aus der Narkose aufwacht, dass er dich ansieht und das Gewicht von deiner Brust verschwindet, dass dich langsam aber sicher erdrückt. Du hast seine Hand fest in deiner gehalten – obwohl du wusstest und halb darauf hofftest – dass er dich einen ‚sentimentalen Idioten’ nennen würde, sobald er wieder bei sich war und es bemerkte. Du sahst, wie sich seine Lider hoben und seine blauen Augen dich mit einem seltsamen Ausdruck des Nicht-Erkennens anstarrten. So dass du dich unwillkürlich fragtest, ob er sich an ein anderes Erwachen erinnerte, als du nicht an seiner Seite warst, als Stacy den Platz inne hatte, auf dem du jetzt sitzt und als sie seine Hand hielt. Und du sagtest leise seinen Namen, und als ob deine Stimme ihm zurückhalf in die Gegenwart, wurde sein Blick klar. Er sah zu dir auf und als du seine Hand an deinen Mund drücktest, lächelte er sogar ein wenig. Müde und benommen, aber... da. Und du nicktest, damit er wusste, dass du okay bist, jetzt sogar mehr als okay und er beruhigt schlafen kann.

Als er wie ein übermüdeter, kleiner Junge wieder zurück in den Schlaf fiel, musstest du für einen Moment weggehen, den Raum verlassen, um deine Kontrolle wieder zu erlangen. Genau wie du es zuvor getan hattest, als du es in dem Beobachtungsraum über dem OP nicht aushalten konntest, und du blind hinaus taumeltest, an Cuddy vorbei, die die Hand ausstreckte, ihre Fingerspitzen streiften deinen Arm; die aber nicht versuchte, dich auf zu halten. Du ranntest den Korridor entlang, kaum in der Lage zu erkennen, wohin dich deine Flucht führte, bis du dich in der Toilette wiederfandest. Du sahst dich selbst im Spiegel, dein blasses Gesicht und dann den blutigen Handabdruck auf deinem Hemd und alles, was du tun konntest, war dich hilflos ins Waschbecken zu übergeben. Deine Beine wollten dich nicht so recht tragen und bevor du dich beschämen konntest, in dem du wie ein Erstsemester umkipptest, weil du ein bisschen Blut an dich bekommen hattest – sein Blut – hast du dich rasch auf den Boden gesetzt und den Rücken gegen die Wand gelehnt.

Und immer wieder und wieder ging nur eine Frage wie ein endloses Karussell in deinem Kopf herum... Warum bist du nicht dort gewesen? Warum konntest du ihn nicht schützen? Warum wusstest du nicht, spürtest du nicht – du von allen Menschen – dass etwas geschehen war? Warum musste dich erst Brenda Previn aus der Klinik holen, als die Neuigkeit von der Schießerei im vierten Stock sich wie Schallwellen auch dorthin ausbreitete?

Niemand versuchte dich aufzuhalten, als du in die Notaufnahme liefst. Und es war dein Herz, dass vor Panik und Schrecken fast stehen blieb, als Chase dich sah und zur Seite wich, ohne dabei aufzuhören, Druck auf seinen Hals auszuüben, wo die zweite Kugel die Schlagader durchtrennt hatte. Als du ihn sahst, trotz der schweren Verletzungen bei Bewusstsein und wie sein Mund sich öffnete, als er versuchte, etwas zu sagen. Cuddy und Chase bestätigten dir später, dass er wieder und wieder das Wort „Ketamin“ zu formen versuchte, aber kaum mehr als ein Röcheln heraus brachte. Und sowieso wusste keiner von ihnen etwas damit anzufangen. Du warst es, der viel später, als er in der Intensivstation schlief, in sein Büro gingst, und die Unterlagen über das experimentelle Verfahren aus Deutschland holtest, die er gesammelt hatte, um mit Cuddy darüber zu sprechen.

Und du wusstest, du solltest zurück treten und die anderen ihre Arbeit tun lassen, doch du musstest ihn nahe sehen, mit eigenen Augen sehen, wie schlimm seine Verletzungen waren. Vielleicht instinktiv, um zu wissen, worauf du dich vorbereiten musstest. Du konntest sehen, dass er dich zwischen all den anderen Ärzten und Schwestern entdeckte und als du neben ihm standst, hob sich seine Hand und versuchte nach deiner zu greifen. Seine Hand fiel gegen deine Brust und hinterließ einen fast perfekten, blutigen Handabdruck, während du ein Zurückschrecken unterdrücken musstest. Du hieltst seine Hand fest, kurz und trotz der Blicke und Menschen beugtest du dich vor, um ihn auf die Stirn zu küssen, bevor Cuddy auftauchte und dich sanft, aber bestimmt, wegführte.

Du blinzelst und dir wird plötzlich bewusst, dass du mitten in seinem Kuss aufgehört hast, zu reagieren und dich statt dessen in der Vergangenheit verloren hast. Du siehst ihn an und er starrt zurück und seine Augen bohren sich mit der Präzision chirurgischer Laser in deine.

Und du lächelst, versuchst deinen Ausrutscher zu überspielen. „Es tut mir leid. Ich bin müde. Nicht mehr so jung, wie ich mal war, weißt du.“ Und du weißt, dass er dir kein Wort glaubt. Der Druck in deiner Brust ist wieder da, wie der Beginn einer Panikattacke und als du den Blick senkst, ist es seine Hand, die über deinem Herzen liegt. Doch was du siehst, ist der blutige Handabdruck und du fühlst einen Schauer durch dich gleiten.

Er nimmt die Hand weg, steht auf und geht ins Schlafzimmer.

Du bleibst auf der Couch sitzen, weil die Alternative - in dein leeres, kaltes Hotelzimmer zurück zu kehren - schlimmer ist, als das Schweigen. Und du sitzt da und du fragst dich, was er tut, was er denkt, was er fühlt, ob er daliegt und an die Decke starrt, wie du es ihn hundertmal tun sehen hast.

Du bist fast bereit, zu ihm zu gehen, als die Tür zum Schlafzimmer aufgeht und er heraus kommt. Er trägt jetzt ein altes T-Shirt und seine Joggingshorts, und bindet seine Schuhe zu. Deine Kehle ist eng und du kannst nicht sagen, ob es daran liegt, dass es ein so vertrautes/unvertrautes Bild ist, dass dir sein jüngeres „Ich“ vor dem Infarkt vor Augen führt – oder weil du weißt, dass er Laufen geht, weil er verwirrt ist und verletzt und davor – und vor dir – wegläuft.

Das nächste, was du zu hören erwartest, ist das Geräusch der zufallenden Tür. Doch statt dessen taucht er vor dir auf und du kannst nicht anders, als zu ihm aufsehen. Einmal mehr in ungläubigem Erstaunen darüber, dass er ohne Hilfe des Stocks vor dir steht, das Gewicht gleichmäßig auf beide Beine verteilt. Nur wer genau hinsah, entdeckte den Unterschied zwischen dem linken und dem rechten Oberschenkel, die Narbe und die Einbuchtung des fehlenden Muskels von den locker sitzenden Shorts kaschiert.

Unbewusst streckst du die Hand aus und lässt die Fingerspitzen sein Bein streifen, als müsstest du deine Augen durch eine Berührung bestätigen. Lange Finger schließen sich um deine, doch anstatt sie weg zu schieben, ziehen sie deine Hand näher, bis sich deine Handfläche gegen das beschädigte Gewebe und das Narbengeflecht presst.

„Ich weiß, dass du mir etwas verheimlichst. Hat es etwas mit dem Ketamin zu tun?“ Du hörst ihn scharf Atem holen. Deine Hand bleibt, wo sie ist, gegen seinen Oberschenkel gepresst, gefangen unter seiner.

Du schüttelst den Kopf. „Ich weiß weniger darüber als du.“

Endlich entlässt er dich aus seinem Griff, doch dafür findest du dich plötzlich mit ihm auf Augenhöhe wieder, als er vor dir in die Hocke geht. „Es gibt nicht nur Phantomschmerzen, es gibt auch Phantomzärtlichkeiten.“ Seine Stimme klingt wie damals, als er vor den Medizinstudenten der Diagnostic-Klasse sprach, sachlich, emotionslos, als spreche er über etwas abstraktes, nicht über etwas, dass sein Leben so einschneidend und für immer veränderte. „Etwas ist anders. Seit die Schmerzen weg sind. Du bist anders. Benimmst du dich jetzt wie Cameron? Bin ich dir nicht mehr... beschädigt genug? Denkst du, ich brauche dich nicht mehr genug?“

„Nein. Nein, das ist... es ist nicht...so.“ Du hörst dich selbst derart erbärmlich stottern und lässt den Kopf in die Hände sinken. Eben noch hast du ihm vorgeworfen, dass er sich von dir distanziert hat – doch jetzt musst du erkennen, dass du es bist, der ihn auf Distanz hält.

Dann hörst du, wie die Tür ins Schloss fällt. Und du hebst den Kopf, damit deine Augen bestätigen, was deine Ohren gehört haben. Greg ist gegangen.

Du weißt, was anders geworden ist. Das Schweigen steht zwischen dir und ihm - und die Lügen. Die letzte Lüge, die du nicht wegnehmen kannst, obwohl sie die Unsicherheit in seine Augen und die Zweifel in seine Gedanken gepflanzt hat. Denn das war doch, was du dadurch erreichen wolltest. Zu verhindern, dass er eines Tages zu viel wagt und es einem seiner Patienten das Leben kostet.

Aber du bist dir nicht mehr sicher, ob du recht hast. Ob es wirklich der einzige Weg ist.

Ende


Wilson: You’d think you were God. And I was worried, your wings would melt.
House: God doesn’t limp.


* * *

3.1 Meaning: House behandelt einen Mann, der seit acht Jahren nach einer Gehirnoperation in einem wachkomaähnlichem Zustand ist. Er ist überzeugt, dass der Mann nicht wegen der Verletzungen am Gehirn gelähmt ist, sondern unter der Addison-Krankheit leidet. In diesem Fall ließe er sich durch eine einfache Kortison-Injektion heilen. Doch House kann seine Theorie nicht durch medizinische Fakten belegen und Cuddy entzieht ihm den Fall, untersagt ihm, den Patienten weiterhin zu behandeln oder zu testen.

3.2 Cane and Abel: Cuddy hat House’ Patienten seinem Vorschlag entsprechend behandelt und tatsächlich ist der Mann wieder in der Lage zu gehen, zu sprechen und macht enorme Fortschritte zurück in ein annähernd normales Leben. Cuddy hat – auf Wilsons Drängen – House dies verschwiegen. Denn Wilson befürchtet, dass House, der jetzt frei von Schmerzen und Vicodin ist, versucht die Drogensucht dadurch zu ersetzen, dass er bei seinen Patienten eine größere Risikobereitschaft zeigt. House ist durch seinen „Misserfolg“ merklich verunsichert, zögernder. Gleichzeitig verliert die Ketaminbehandlung immer mehr an Wirkung und die Schmerzen kehren
zurück. Und House betäubt seine Enttäuschung mit immer höheren Vicodin-Dosen.