Titel: Der Pakt

Autor: Lady Charena
Fandom: Martha Grimes Inspektor Jury

Pairung: Melrose, Richard

Rating: gen

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Richard Jury macht wieder einmal einen Besuch auf Ardry End, wo Melrose über einem Problem namens „Jenny“ brütet. Inspiriert von einer Szene in „Gewagtes Spiel“.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

 

 

Der Tag war trübe, fast schon grau und passte sich somit perfekt Melrose Stimmung an. Bei strahlendem Sonnenschein ließen sich schwere Gedanken nämlich schwer wälzen. Er freute sich wirklich, dass Richard Jury seinen Besuch angekündigt hatte, doch da war ein Dorn in seiner Seite: Jenny Kennington.

 

Da das ganze Dorf ein einziges Klatschmaul zu sein schien, hatte er natürlich schon längst erfahren, dass Jenny Jury in London einen Besuch abgestattet hatte. Er hatte den starken Verdacht, dass Marshall Trueblood die Quelle des ganzen Klatsches war. Offenbar hatte er noch immer Kontakt mit Carole-anne. Er hatte sie damals nach dem Sirocco-Konzert bei ihrer kleinen Siegesfeier im Hilton kennen gelernt und erstaunlicherweise hatten die beiden sich ausgezeichnet verstanden.

 

Seit gut einer halben Stunde wanderte er nun durch den Park von Ardry End und überlegte hin- und her, was er wohl von Jurys Anruf zu halten hatte. Richard hatte sich nur vage über den Grund seines Besuches ausgelassen. Ob er vielleicht sogar Jenny mitbringen würde?

 

Überrascht sah er nach einer Weile auf und bemerkte, wie weit er sich in seiner Gedankenlosigkeit bereits vom Haupthaus entfernt hatte. Dort drüben begannen hinter einem Ahornwäldchen bereits die Liegenschaften, die zu Watermeadows gehörten.

 

Melrose seufzte und drehte um. Inzwischen bezweifelte er ernstlich, dass man wirklich an der frischen Luft – und dann auch noch beim Herumlaufen – besser nachdenken konnte, als mit einem Glas Portwein vor dem Kamin in einem bequemen Sessel. Mit Mindy zu seinen Füßen und einem Rimbaud-Band in Reichweite, wenn man des Denkens überdrüssig war.

 

Das war er inzwischen. Außerdem war ihm kalt. Und er hatte nasse Füße.

 

Kaum tauchte Ardry End in seiner Sicht auf, da hörte er in der Ferne ein Nebelhorn... nein, das war Agatha, die seinen Namen brüllte.

 

Melrose blieb wie angewurzelt stehen. Agatha! Wie üblich tauchte sie uneinangeladen zum Tee auf, um sich auf seine Kosten den Wanst voll zu schlagen. Das alleine würde ihm nichts ausmachen, wenn sie dabei nicht ständig den Mund offen hätte und nicht nur, um Kuchen hinein zu stopfen. Natürlich war er sich darüber bewusst, was sie dieses Mal zusätzlich angestachelt hatte, ihr Cottage in der Plague Alley zu verlassen, wo sie wie ein Drache in seinem Horst ihre zusammengerafften Schätze hütete. Man durfte sich aber von Agathas behäbiger, etwas schäbiger Erscheinung nicht täuschen lassen. Sie war ungeheuer geschickt darin, Informationen auszuschnüffeln.

 

Glücklicherweise war Ruthven gegen Drohungen, Lügen und sämtliche Hinterlist bestens gewappnet. Er würde standhaft bleiben und sich weigern, zu verraten, wo Melrose sich aufhielt. Dieser Butler war mit Gold nicht aufzuwiegen.

 

Bedauerlicherweise bedeutete der Agatha-Einfall auf Ardry End, dass er sich noch länger hier im Freien herumtreiben musste. Melrose seufzte. Wozu hatte man einen weitläufigen Landsitz mit mehr Zimmern, als man in einem Leben bewohnen konnte, wenn man daraus vertrieben wurde...

 

Letztendlich gab Ruthven Entwarnung. Vermutlich war die Speisekammer leer und Agatha zufrieden in die Plague Alley zurückgekehrt. Und ganz nebenbei stellte Melrose fest, dass man den alten Gong, mit dem frühere Generationen zum Dinner gerufen wurden, tatsächlich in ganz Ardry End hören konnte.

 

Im Salon brannte nicht nur ein Feuer im Kamin, sondern es wartete auch bereits ein Glas Portwein auf ihn – und die gute Seele Martha hatte ihm ein Schälchen mit Walnüssen hingestellt. Dieser Anblick heiterte Melrose schon ganz erheblich auf und mit einem behaglichen Seufzen machte er es sich in seinem Sessel bequem.

 

Auf die Miniatur eines russischen Säbels, die auf dem Sideboard stand, waren gelbe Notizzettel aufgespießt, die mit einem Gekrakel bedeckt waren, das er als Agathas Handschrift erkannte. Er ließ sie, wo sie waren. Er war nicht im geringsten daran interessiert, was sie von ihm wollte.

 

Sein momentanes Interesse galt alleine Richard Jurys anstehendem Besuch. Und dem Thema Jenny Kennington.

 

Gedankenverloren spielte er mit dem Notizblock und zog schließlich seinen Füllfederhalter hervor. Er griff nach einem der Zettel und begann darauf herum zu kritzeln. Zwischen dem Gekritzel fing er irgendwann an, eine Liste zu erstellen. Die Frauen seines Lebens. Wenn die Überschrift nur nicht so kitschig klänge...

 

Vivian Rivington

Polly Praed

Ellen Taylor

Bea Slocum

 

Er ertappte sich dabei, wie er am Ende des Füllers knabberte – was er hasste – und spielte damit. Die Feder kratzte etwas auf dem Papier, als er ganz ans Ende des Zettels, in einer winzigen Schrift, den Namen: Jenny Kennington anfügte.

 

Eigentlich gehörte sie nicht auf seine Liste und er strich ihren Namen wieder durch.

 

Genauso wenig wie Bea oder Ellen oder Polly. Oder Vivian mit ihrem italienischen Grafen.

 

Er zog einen Strich neben die Namen, von oben bis unten. Dann einen quer. Darüber schrieb er: „Bemerkungen“. Schließlich wurde das von den schlauen Büchern doch immer empfohlen. Eine Liste zu machen, das Für und Wider aufzuschreiben. Angeblich half einem das dabei, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

 

Irgendwie versiegte jedoch seine Vorstellungskraft völlig. Doch so konzentriert wie er auf seine Liste war, hörte er gar nicht, dass die Tür geöffnet wurde. Erst Ruthvens Stimme ließ ihn aus seinen Grübeleien aufschrecken.

 

„Superintendent Jury, Sir“, sagte Ruthven von der Tür aus.

 

Melrose hob den Kopf. Er hatte zwar noch keine Lösung für sein Problem gefunden, aber er freute sich trotzdem, Jury zu sehen.

 

Sie schüttelten sich die Hände und Ruthven servierte ungefragt Jury einen Whiskey, dann rückte er die Portflasche näher zu ihm und verließ den Raum.

 

„Tja... wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen“, meinte Melrose schließlich.

 

Jury sah ihn fragend an. „Zwei Wochen sind nicht gerade eine Ewigkeit“, erwiderte er.

 

„Äh... wirklich. Mir kam es länger vor.“ Melrose kam sich in diesem Moment vor allem dämlich vor. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück und gab sich der Hoffnung hin, dass Jury ihn jetzt nicht für einen völligen Idioten hielt.

 

Doch Jury hatte etwas anderes gefunden, das seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. „Was ist das denn?“, fragte er und griff nach dem Notizzettel.

 

„Oh. Nichts. Nur meine Einkaufsliste.“ Melrose’ Hand schoss vor, doch Jury war schneller.

 

„Eine Einkaufsliste? Ich glaube, ich kenne ein paar der Damen.“ Jury verzog keine Miene.

 

„Uh...“ Melrose war um Worte verlegen. Herr im Himmel, mit Jury über Frauen zu reden, war wie ein Minenfeld zu durchqueren. Jurys Frauen stießen immer grauenhafte Dinge zu.

 

Jury lächelte. „Es wäre interessant, zu erfahren, was all diese Frauen gemeinsam haben, um auf einer Liste zu landen.“

 

Meine Güte, war das peinlich. Zum Glück hatte er die Rubrik „Bemerkungen“ noch nicht ausgefüllt.

 

Doch Jury war noch nicht fertig. „Sind das die Frauen Ihres Lebens?“

 

Melrose schoss das Blut in die Wangen, als er das Echo seines Gedankens hörte. „Was? Natürlich nicht“, wies er diese Behauptung von sich. Kategorisch. Und überhaupt. Jurys Lächeln hatte eine definitiv gemeine Nuance.

 

„So... nun, da ich sie auch alle kenne, muss es dann wohl eine Liste der Frauen meines Lebens sein.“ Jury rollte den Notizzettel zu einem kleinen Röhrchen und ließ das Papier sich dann von alleine wieder auffalten.

 

„Sie haben den weiten Weg von London auf sich genommen, um mir bei meinen Denksportaufgaben zu helfen?“ Melrose täuschte ein lässiges Lächeln vor. Wenn Jury wollte, konnte er wie Alleskleber an einem Thema haften bleiben. Und offenbar hatte er Melrose noch nicht genug über diese blöde Liste ausgequetscht. Er wettete, dass er damit seine Verdächtigen kleinbekam.

 

Jury schob ihm die Liste zu. „Na los. Sie haben die Spalte „Bemerkungen“ noch nicht ausgefüllt.“

 

„Dazu hatte ich noch keine Zeit.“

 

Jury zog einen Kuli aus der Tasche und knipste ein paar Mal damit herum.

 

Melrose räusperte sich. Warum musste er sich ausgerechnet jetzt als langsamer Denker entpuppen? Warum fiel ihm nichts schlagfertiges ein?

 

„Warum haben Sie Jenny wieder durchgestrichen?“

 

„Hm.“ Melrose schnappte sich zwei Walnüsse und rollte sie zwischen den Händen. „Sie gehört nicht da hin, denke ich.“ Er warf sie zurück in die Schale und begann, mit seinem Glas Feuchtigkeitsringe auf dem Rosenholztischchen zu ziehen. „Wie geht es Wiggins?“, versuchte er das Thema zu wechseln.

 

„Er hat die Grippe. Es geht ihm also ausgezeichnet.“

 

Damit war das Thema bereits wieder erschöpft. Melrose nahm sein Zigarettenetui und bot Jury eine an.

 

Der lehnte ab. „Ich habe aufgehört, erinnern Sie sich nicht mehr?“

 

„Stimmt.“ Melrose klappte verlegen das Etui wieder zu. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie es durchhalten.“

 

Jury lächelte. „Bisher sind es nur... achtzehn und ein Drittel Tage. Ich halte mich zurück, die Stunden und Minuten zu zählen.“

 

Melrose seufzte. „Ich bezweifle, dass ich es achtzehn Minuten lang aushalten würde. Eher würde ich das hier aufgeben.“ Er hob das Portglas.

 

Jury lachte. „Man braucht einen Verbündeten dabei, jemand der einen immer wieder daran erinnert, was man sich vorgenommen hat. Jemand, der auch versucht, aufzuhören. Und immer, wenn ich denke, dass ich es keine Minute mehr aushalte, rufe ich Des an.“

 

„Des? Was ist das für ein Name?“

 

„Des ist eine junge Dame am Flughafen Heathrow. Sie arbeitet an einem der Zigarettenstände dort. Nicht gerade der idealste Ort, um mit dem Rauchen aufzuhören. Ich bin ihr vor einer Weile begegnet, als ich dort zu tun hatte. Wir kamen ins Gespräch und ich erzählte ihr, dass ich aufhören wolle. Und daraufhin haben wir einen Pakt geschlossen. So lange ich es aushalte, muss sie es auch aushalten. Umgekehrt gilt das natürlich auch. Schummeln ist nicht erlaubt.“

 

„Das hat irgendwie schon als Kind bei mir nicht geklappt. Keiner wollte mit mir spielen, geschweige denn einen Pakt schließen. Die meisten fanden, sie könnten nicht mit meinem Einsatz gleichziehen.“

 

Jury schüttelte den Kopf.

 

„Doch, das ist echt wahr.“ Melrose sah ihn an, als er sich eine Zigarette anzündete. „Sie machen sich keine Vorstellung, wie das ist, das Kind reicher Eltern zu sein. Ich musste immer gleich mit der Kohle rausrücken. Es war die reinste Erpressung.“

 

Sie lachten beide.

 

Dann betrachtete Melrose sinnierend seine Zigarettenglut. „Eigentlich ist so ein Pakt eine gute Idee. Sie hätten nicht zufällig Platz für einen Dritten in Ihrem Bunde?“

 

Jury schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, es ist ein wenig zu spät, um einzusteigen.“

 

„Hm. Vielleicht sollte ich Trueblood fragen. Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass er seine Zuckerstangensobranies aufgibt. Eher verzichtet er darauf, weiterhin Scroggs mit seinen Bestellungen von Campari-Lemon zu quälen.“

 

„Die bunten Sobranies gehören einfach zu seinem Image“, erwiderte Jury mit einem Grinsen.

 

„Image? Sie nennen das ein Image?“

 

„Dann eben zu seiner Rolle, seinem Spiel.“

 

Melrose drückte die Zigarette aus. „Für Trueblood gibt’s doch gar nichts anderes als sein Image.“

 

Jury glitt tiefer in den weichen Ledersessel, in dem er immer am liebsten saß, wenn er in Ardry End war und balancierte sein Glas auf den Knien. Er legte den Kopf in den Nacken und sah zur Decke hoch. „Sie sollten eine neue Liste schreiben. Zum Beispiel eine mit den Frauen, die Sie lieben. Oder heiraten wollen.“

 

„Wie bitte? Was?“ Melrose verschluckte sich fast. „Heiraten? Ich? Wen sollte ich denn heiraten wollen?“

 

Jury deutete auf den Zettel. „Na eine von den Damen hier.“

 

„Seien Sie doch nicht albern“, platzte es aus Melrose heraus. „Ich und eine von... denen... ich passe zu keiner.“

 

„Komisch. Ich hätte das Gegenteil vermutet.“ Jury trank einen Schluck. Er studierte wieder die Decke. „Sie sind ein schrecklicher Lügner, Mr. Plant.“

 

Melrose schnitt eine Grimasse. „Danke für das Kompliment.“

 

„Dann gibt es ja nur noch eines zu sagen.“

 

„Und was bitte?“, erwiderte Melrose.

 

„Für einen Grafen haben Sie einen Haufen Spinnweben da oben an der Decke.“

 

Ruthven nutzte diesen Moment, um ihnen mitzuteilen, dass der Tee serviert war. Und wie es sich für einen guten Butler gehörte, ignorierte er den verblüfften Gesichtsausdruck seines Dienstherren.

 

Ende