Ein Tag im Schnee
Lady Charena

2009

Schneeflocken fallen dicht wie ein Vorhang und die Kälte brennt unsere Wangen rosenrot. Meine Handschuhe sind feucht, verklebt mit pappigem Schnee und meine Finger fangen an, klamm zu werden, als Susan und Daniel endlich zurückkommen.

Wir teilen das Fastfood unter uns auf und streiten uns lachend darüber, welcher Schneemann wohl der gelungenere ist. Ravi spendiert meinem Schneemann seinen grellgrün gemusterten Schal und improvisiert im Gegenzug dazu seinen Kopf zu einem Dosenkühler um. Als ich den Mund öffne, um zu protestieren, landen Schneeflocken auf meinen Lippen und meiner Zunge und es spielt plötzlich keine Rolle mehr. Die winzigen Kristalle schmelzen prickelnd auf meiner Haut und hinterlassen einen kaum wahrnehmbaren, salzigen Geschmack. Ich habe auf einmal eine fast unbezwingbare Lust, mich in die nächste Schneewehe zu werfen und Schneeengel zu hinterlassen, bis die nasse Kälte durch meinen Anorak kriecht.

Siri taucht auf, von Kopf bis Fuß mit Schnee eingestäubt, den er von den Ästen eines Baumes geschüttelt hat und erklärt sich selbst zum Gewinner des Schneemann-Wettbewerbs – schließlich wäre er der einzige, der es geschafft habe, einen Schneemann mit Beinen zu bauen.

Wir streiten uns gutmütig und lachen uns dabei schlapp. Wir schubsen uns gegenseitig, kullern balgend einen kleinen Abhang hinab, bis wir atemlos in der flachen Mulde darunter ankommen und kühlen schließlich unser Mütchen mit dem eiskaltem Red Bull aus dem Kopf meines Schneemanns.

Schließlich einigen wir uns auf ein knappes Unentschieden, so dass wir alle gewinnen und die Jungs beginnen einen neuen Wettbewerb – dieses Mal geht es darum, wer es schafft, über einen bis zu den Spitzen eingeschneiten Zaun zu springen und dabei am weitesten kommt. Sie markieren ihre Landepunkte mit den leeren Dosen und beschuldigen einander der Manipulation, wenn die Dosen im aufstäubenden Schnee verschwinden.

Susan und ich sehen ihnen eine Weile zu und feuern sie an, bis es uns doch zu langweilig wird. Wir wischen Schnee von einer Bank und setzen uns, um uns zu unterhalten.

Siri beginnt gerade, uns mit Schneebällen zu bombardieren, um unsere Aufmerksamkeit zu erringen, als irgendwo im Hintergrund eine Sirene zu plärren beginnt.

Der Schnee, die Bäume und unsere Schneemänner lösen sich Pixel für Pixel auf und wir stehen in einem weißgekachelten Raum, dessen Existenz wir für eine Weile fast vergessen hatten. Über einen verborgen angebrachten Lautsprecher teilt uns eine Stimme mit, dass unsere Zeit um ist und wir die Spielkabine räumen müssen.

Die Enttäuschung und auch ein wenig Müdigkeit lässt uns schweigen, als wir unsere Ausrüstung am Ausgang abgeben und an der langen Schlange derer vorbeigehen, die noch darauf warten, mit „Winter“ zu spielen - DEM Virtual-Reality-Game-Hit des Jahres 2053.

Susan und Ravi verabschieden sich sofort, sie müssen nach Hause. Siri und ich wandern noch eine Weile durch den gleißenden Sonnenschein, durch eine frisch angelegte Allee mit immergrünen Bäumen, die Dank extensiver Genmanipulation fast kein Wasser mehr verbrauchen.

Siri erzählt von seiner Großmutter, die sich die Werbevideos für „Winter“ angesehen hat und meinte, sie würde sich sehr gut an ihre Kindheit erinnern, vor der Klimaänderung, als es noch vier Jahreszeiten gab. Allerdings wären bereits dort die meisten Winter nicht das schneeerfüllte Idyll gewesen, wie in dem Spiel, sondern eine Mischung aus Regen, Nebel und Matsch und morgens vereisten Straßen.

„Regen“... so hieß doch das Vorgängerspiel von „Winter“ und wir hatten es natürlich ausprobiert, doch es hatte nie den gleichen großen Erfolg wie „Winter“. Die Menschen müssen froh gewesen sein, als es so etwas nicht mehr gab.

Wir versuchen uns vorzustellen, wie es wohl gewesen sein mochte - in dieser Zeit lange vor unserer Geburt - geben es aber auf und kaufen uns lieber etwas zu Trinken, als wir an einem der kleinen Cafés vorbeischlendern.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich nach Hause muss, oder mein Vater rastet aus und ich verabschiede mich hastig von Siri – nicht, ohne uns zu verabreden, dass wir uns am Wochenende treffen, um ein anderes neues Virtual-Reality-Spiel zu testen, dass gerade auf den Markt gekommen ist. Die Werbung verspricht „das naturnaheste Erlebnis seit dem Aussterben der Wälder“ und ich bin schon gespannt, ob es so gut wie „Winter“ sein wird.



Ende