neu: Allein (Operation Phoenix, pg)
Titel: Allein
Autor: Lady Charena
Fandom: Operation Phoenix
Episode: 2. Im Körper der Feinde
Pairung: Mark, Richard
Rating: pg
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Mark hat sein Erlebnis mit dem seelenwandernden Serienmörder noch nicht ganz hinter sich gelassen.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Der Moment im U-Bahntunnel schien in Zeitlupe abzulaufen. Mark hatte das Gefühl, nicht direkt beteiligt zu sein, sondern das ganze aus einigen Schritten Entfernung zu beobachten. Er sah sich selbst auf dem Rücken liegen, scharfe Kanten bohrten sich durch seine Kleidung, Metallgeschmack auf der Zunge. Elektrischblaue Lichtbahnen quollen aus dem weitaufgerissenen Mund des anderen Mannes und pressten sich gegen sein Gesicht. Die Berührung war glühend heiß und eiskalt zugleich. Instinktiv presste er die Lippen zusammen. Doch der Druck wurde heftiger; stark genug, dass seine Nackenmuskeln protestierend aufschrieen, als sein Kopf davon nach hinten gezwungen wurde. Er gab nach und öffnete den Mund...

Mark schreckte hoch und starrte einen Moment an die Decke. Die Decke eines Raumes, nicht eines U-Bahnschachts. Durch die dünnen Vorhänge fiel Licht... Tageslicht. Es genügte, um die Umrisse des Raumes erkennen zu lassen. Er presste die Handballen gegen die Augen und holte tief Luft.

Das ganze lag jetzt fast zwei Monate zurück – zu lange, um ihm noch Albträume zu verursachen. Eigentlich sollte er überhaupt nicht mehr daran denken, sonst könnte er diesen Job nicht machen...

Möglicherweise war sein Anruf bei Conny am Abend zuvor ein Fehler gewesen. Aber er fühlte sich noch immer für sie verantwortlich, er hatte sie in den Fall mit hineingezogen und das hatte sie fast mehr als ihr Leben gekostet. Unter ihrer alten Adresse war sie nicht mehr gemeldet, sie hatte ihren Job gekündigt und auch ihre Handynummer führte ins Leere. Er benötigte fast den ganzen Nachmittag und musste ein paar Verbindungen spielen lassen, bevor er eine Handynummer in den Händen hielt, unter der sich Conny meldete. Sie schwieg so lange, nachdem er sich gemeldet hatte, dass er fast glaubte, sie würde wortlos die Verbindung unterbrechen. Sie fragte nicht, woher er ihre Nummer hatte; nur, was er von ihr wolle. Als er sie fragte, wie es ihr ging, antwortete sie nicht darauf – sie bat ihn nur, sie nicht mehr anzurufen. Bevor er wusste, was er ihr sagen konnte, hatte sie aufgelegt.

Dann kam Kris mit ihrem neuen Auftrag und sie brachen innerhalb einer Viertelstunde auf, um eine Reihe von Vorfällen mit getöteten Schafen, Rindern und Pferden zu untersuchen. Da den Tieren teilweise Organe entnommen wurden, hatte die örtliche Polizei Hilfe angefordert, da sie vermuteten, es handle sich nicht um den üblichen Wald-und-Wiesen-Tierhasser oder jugendliche Vandalen.

Er hatte Conny aus seinen Gedanken verbannt und sich in die Akten vertieft, um den neugierigen und fragenden Blicken seiner Kollegen zu entgehen.

Sie erreichten den etwas abgelegenen Ort spät und bekamen nur zwei Zimmer zugewiesen, in denen sie schlafen konnten. Kris schnappte sich wortlos den Schlüssel für den ersten Raum. Richard schien weniger davon angetan, mit ihm zu teilen, aber Mark störte es nicht.

Und im Moment war er sogar froh darüber, nicht alleine zu sein. Jenseits der Besucherritze gab Richard eine Art halbersticktes Schnarchen von sich, das vermutlich damit zu tun hatte, dass er die Decke fast bis über den Kopf hochgezogen hatte. Mehr als ein Haarschopf war von seinem Kollegen nicht zu sehen. Es war beruhigend normal.

Er warf einen Blick auf den Wecker und seufzte. Sie mussten ohnehin bald aufstehen. Die Tatortbesichtigung war für sieben Uhr angesetzt. Er presste die Handballen gegen die Augen, zog dann die Fingernägel durch die Haare und über die Kopfhaut. Eine Dusche, beschloss er. Eine Dusche würde ihm helfen, wach zu werden, und das hilflose Gefühl aus dem Albtraum abzuwaschen, das wie Schweiß auf seiner Haut klebte.

Mark stieß die Bettdecke nach unten und spürte Gänsehaut an den Armen. Er rieb sich übers Gesicht und schwang die Beine über die Bettkante. Der Rahmen gab ein müdes Knarren von sich und Mark ‚erstarrte’. Er warf einen Blick über die Schulter. Richard rührte sich nicht. Der Mann schlief wie ein Stein.

Er stand auf, ohne dem Bettrahmen weitere Geräusche zu entlocken und gähnte, als er den Raum durchquerte. Die Kälte der Fliesen unter seinen nackten Fußsohlen ließ ihn erschauern, als er die Tür hinter sich zuzog. Mark schob den leicht stockfleckigen Duschvorhang auf eine Seite und drehte den Hahn auf. Es tröpfelte zuerst nur, dann kam mehr Wasser aus der kalkverkrusteten Brause. Er vermisste sein eigenes Badezimmer definitiv, aber angesichts ihres Spesenrahmens waren keine großen Sprünge drin – und er hatte schon unter schlechteren Bedingungen übernachtet. Und langsam wurde das Wasser sogar heiß.

Er streifte das T-Shirt und die Pyjamahose ab, die er zum Schlafen getragen hatte und stieg in die Wanne. Der Vorhang sperrte sich ein wenig und musste erst zur Kooperation überredet werden. Aber dann konnte er sich endlich unter dem heißen Wasserstrahl entspannen.

Die Seife aus dem Spender an der Wand hatte einen neutralen, fast klinischen Geruch; der ihn unwillkürlich ans Krankenhaus – und damit an Conny erinnerte. Seine Gedanken kehrten zurück zu dem Telefonat mit ihr, oder genauer gesagt, zu dem Versuch und zwangsweise zu seinem Albtraum.

Ein Geräusch auf der anderen Seite des Vorhangs ließ ihn aufhorchen. „Richard?“, fragte er halblaut. Als keine Antwort kam, beschleunigte sich sein Puls. Nackt, unter der Dusche, kam das hilflose Gefühl aus seinem Traum zurück. Er wusste, dass es irrational war – sie hatten noch nicht einmal mit den Ermittlungen angefangen. Niemand war hinter ihm... her. Aber irgendjemand – oder irgendwas – bewegte sich im Raum. Dafür gab es eine völlig normale Erklärung. „Richard?“, fragte er erneut.

Wieder keine Antwort. Mark sah sich nach irgendetwas um, doch da war nichts, dass sich als Waffe verwenden ließ. Abgesehen von der Brause. Er nahm sie aus ihrer Wandhalterung und drehte mit der anderen Hand den Heißwasserhahn weiter auf.

Der Duschvorhang bewegte sich zur Seite und Mark reagierte instinktiv, richtete den Wasserstrahl auf die Gestalt, die...

...sich selbstverständlich als Richard entpuppte. Richard jappste nach Luft und fluchte, als der heiße Wasserstrahl seine Brust traf. Er taumelte zurück, ohne dabei den Duschvorhang los zu lassen und landete auf seiner Kehrseite, nicht ohne den Vorhang mit sich zu reißen. Mark drehte das Wasser ab und einen Moment lang starrten sich die beiden Männer an.

Richard wirkte so fassungslos, wie ihn sein Kollege noch selten zuvor gesehen hatte. Er blickte an sich herab, als könne er sich nicht erklären, warum sein T-Shirt tropfnass war. Glücklicherweise hatte er wegen des kühlen Wetters darauf verzichtet, mit freiem Oberkörper zu schlafen – das heiße Wasser hätte ihn sonst verbrüht. Sein Gesicht und seine bloßen Arme hatten zum Glück nicht mehr als ein paar Tropfen abbekommen. Der Duschvorhang bauschte sich um seine Beine.

Mark ließ die Hand mit der Brause sinken. „Oh“, meinte er. „Du bist das.“ Mehr fiel ihm im Moment nicht ein.

Es schien genug, um Richard aus seiner Schreckstarre zu lösen. „Was zur Hölle soll das denn?“, fragte er. „Hast du noch alle Tassen im Schrank? Wen hast du erwartet? Norman Bates?“

„Ich habe zweimal deinen Namen gesagt“, verteidigte sich Mark. „Warum hast du nicht geantwortet?“

„Weil diese verdammte Dusche genug Krach macht, um Tote aufzuwecken. Ich habe dich da drin nicht gehört.“ Richard schien erst jetzt wirklich zu bemerken, dass Mark nackt war. Er verzog das Gesicht. „Mann, zieh’ dir bloß was über. Mir vergeht die Lust aufs Frühstück.“

Mark quittierte das mit einem müden Lächeln und stieg aus der Duschwanne, um sich ein Handtuch um die Hüften zu wickeln. Dann trat er zu Richard und hielt ihm eine Hand hin, um ihm auf die Beine zu helfen.

Richard ließ sich hoch helfen, verzog das Gesicht und presste eine Handfläche gegen den unteren Teil seines Rückens. „Au, hey, das tut weh.“ Er kickte den Duschvorhang zur Seite. „Verdammt, Mark – das nächste Mal übernachte ich bei Kris. In deiner Nähe ist es lebensgefährlich.“ Er verließ das Badezimmer in leicht gebückter Haltung, weiterhin eine Hand in den Rücken gepresst.

„Es tut mir leid“, rief ihm Mark nach. „Das war wirklich keine Absicht.“ Er fuhr sich durch die Haare und seufzte. Irgendwie wurde ihm erst langsam klar, wie absurd das abgelaufen war. Mit der Nummer konnten sie glatt vor Publikum auftreten. Mark nahm ein zweites Handtuch und begann seine Haare trocken zu reiben. Eigentlich war es sogar komisch gewesen, wie Richard da auf dem Boden gelandet war. Schade, dass ihm im Moment nicht nach Lachen zumute war.

„Mark!“, kam es von Richard aus dem angrenzenden Raum. Die Tür war nur angelehnt. „Wird das heute noch mal was? Andere Leute wollen auch das Bad benutzen!“

Na das versprach ein wundervoller Tag zu werden, der Anfang war schon großartig gelaufen. Richard würde eine Stinklaune haben, weil er um seinen Schönheitsschlaf gebracht wurde... Für einen Moment glaubte Mark, Zigarettenrauch zu riechen und auf seinen bloßen Unterarmen bildete sich erneut eine Gänsehaut.


ende