Titel: Lost Boys: No more rabbits in my hat

Autor: Lady Charena
Fandom: The A-Team

Episode: 16. Der singende Golfball (Recipe For Heavy Bread)

Pairung: Face/Murdock, Amy
Rating: slash, PG-15, [V – nur für die Rückblende]

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Verschwinden Erinnerungen wenn man sie ignoriert? Wenn man sich versteckt und sich die Decke über den Kopf zieht? Face versucht es.

 

Wie viele andere Episoden (auch in anderen Serien) ist auch die o.g. eine, die mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Vor allem fehlt mir, wie die einzelnen Charaktere mit den wachgerufenen Erinnerungen umgehen. Gut, ich kann mir vorstellen, dass sie während des Jobs nicht darüber sprechen oder sogar nachdenken, aber hinterher?

 

Hintergrund: Face entdeckt in einem feinen französischen Restaurant ein bekanntes Gesicht – den vietnamesischen Privatkoch von General Chao, dem Leiter des POW-Camps, in dem das A-Team einige Zeit gefangen war. Da er seinen Erinnerungen nicht traut, nimmt er seine Freunde mit in das Restaurant, und auch sie erkennen Lin Du Coo als den Mann wieder, der heimlich und unter Einsatz seines eigenen Lebens den hungernden Gefangenen Essen gab. Doch das Wiedersehen ist kurz, Lin wird von zwei Männern entführt, die für einen Mann namens Tommy Angel arbeiten. Der ehemalige Navy-Lieutenant war ebenfalls in Dan Hoi und hat dort Informationen an Chao verkauft, sowie die Wurzeln zur Zusammenarbeit zwischen Chao und seinem Vater Big Tom Angel, einem großen Drogendealer, gelegt. Inzwischen hat Tommy die Geschäfte seines Vaters übernommen und verteilt das Heroin, das Chao ihm liefert, unter dem Deckmantel einer Bäckerei. Chao sandte Lin mit einer Botschaft zu Angel in die USA, doch als dem Koch klar wurde, dass es für ihn eine Reise ohne Wiederkehr sein würde, da Chao von seinem „Verrat“ wusste, floh er und fand Arbeit – die dann wiederum zum Wiedersehen mit dem A-Team führte. Doch da Chao sich nicht um seine Rache betrügen lassen will und Angel seine Geschäfte durch die Einmischung des A-Teams gefährdet sieht, kommt es zum Zusammenstoß zwischen den drei Gruppen. Das ganze endet damit, dass Chao und Angel ins Gefängnis wandern und Amys Zeitung dafür sorgt, dass Lin in den USA bleiben kann.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics by Sunrise Avenue.

 

* // * // * kennzeichnet Rückblenden/Erinnerungen

 

 

Another night and I bleed
They all make mistakes and so did we
But we did something we can never
turn back right

We can't cry the pain away
We can't find a need to stay
There's no more rabbits in my hat
to make things right

 

 

Für Face. Er wiederholte es in seinem Kopf wie ein Mantra. Er war hier wegen Face. Es war das einzige, was ihn davon abhielt, die Frau neben ihm zu bitten, um zu drehen und ihn nach Hause zu bringen. Er konnte nicht... wollte nicht... musste.

 

Er konnte Face nicht sich selbst überlassen.

 

Er wollte sich nicht erinnern.

 

Er musste Face sehen.

 

Auch wenn der Colonel meinte, sie müssten warten, bis Face sich an sie wandte. Aber selbst Hannibal musste zugeben, dass fast zwei Wochen vergangen waren, ohne dass sie Face wiedergesehen hatten und das war nicht in Ordnung. Er meldete sich zwar jeden Tag bei Hannibal oder B.A., ihr übliches Vorgehen, das sicher stellte, dass sie immer übereinander informiert waren, doch er ließ sich auf kein Gespräch ein. Er war auch nicht im Krankenhaus gewesen.

 

* * *

 

Schließlich hatte er Amy angerufen und sie gebeten, am nächsten Morgen so früh wie möglich ins VA zu kommen, ohne der Lösung seines inneren Dilemmas auch nur einen Schritt näher gekommen zu sein. Im Krankenhaus war man inzwischen an die Besuche der Journalistin gewöhnt, die sich so liebenswürdig um einen Patienten bemühte, der offensichtlich keine Familie hatte, die sich um ihn kümmerte.

 

Er zog sie förmlich in den Raum, sobald ein Pfleger die Tür aufgeschlossen hatte und wartete, bis der Mann außer Hörweite war. „Du musst mich hier rausholen, Amy.“

 

„Wieso? Und vor allem wie?“, fragte Amy. „Das ist normalerweise Face Aufgabe.“

 

Murdock setzte sich auf sein Bett und begann nervös sein Kissen zu kneten. „Ich weiß, ich weiß“, murmelte er gedankenverloren. „Aber es ist wegen Face, dass ich hier raus muss – und ich denke nicht, dass er mir dabei helfen wird.“

 

„Was ist mit ihm?“ Amy war sich nicht ganz sicher, ob sie der Unterhaltung folgen konnte.

 

Er stand auf und umarmte die Journalistin. „Das ist eine lange Geschichte, Amy und eine ziemlich hässliche obendrein.“ Er ließ sie los und lächelte plötzlich. „Ich habs! Hast du die Unterlagen für den Ausflug in die Redaktion noch, die dir Face zusammengebastelt hat? Als wir diesen Job mit der entführten BellerAir-Maschine hatten und du mich holen solltest? Wir haben sie nie benutzt, weil ich doch als geheilt entlassen worden bin.“ Er seufzte. „Das ist ein Haus, das Verrückte macht“, imitierte er. Dann wurde sein Gesicht wieder ernst. „Wie wäre es, wenn wir diesen Ausflug heute unternehmen? Ich rufe Hannibal an, damit er mir Face neue Adresse verrät. Würdest du mich zu Face bringen, Amy? Bitte.“

 

„Ja. Ja, okay.“ Amy schüttelte verwirrt den Kopf und erwiderte das Lächeln des Piloten. Auch wenn sie ihn gern hatte - manchmal kam sie nicht ganz mit, wie Murdock tickte. „Aber ich muss zuerst ins Büro, da habe ich die Unterlagen. Und ich bringe dir auch gleich einen Besucherausweis mit, den kannst du an deiner Jacke befestigen, damit es echter aussieht. Ich bin in spätestens zwei Stunden wieder hier. Aber glaubst du wirklich, dass das funktioniert?“

 

Der Pilot lächelte schief. „Es ist erstaunlich, was hier so alles funktioniert, Amy. Face und ich sind schon mit dürftigeren Cover-Storys durchgekommen. Und das schlimmste, was mir passieren kann, ist eine Unterhaltung mit Doktor Richter über mein Verschwinden. Was sollen sie auch schon machen? Mir Hausarrest geben und mich in mein Zimmer einschließen? Nicht unbedingt eine Strafe, oder? Es hat seine Vorteile, verrückt zu sein, Amy. Man muss sich nie wirklich überzeugende Erklärungen ausdenken für das, was man tut.“

 

Und genau wie er es vorhergesehen hatte, ging alles glatt. Die Schwester am Empfang blätterte die Papiere durch, die Amy ihr vorlegte, warf einen kurzen Blick auf ihren Presseausweis und ließ dann Murdock holen. Der Pilot machte großes Aufheben um den Besucherausweis, den Amy mitgebracht hatte, führte ihn stolz vor, nachdem er ihn an seiner Jacke befestigt hatte und gab sich generell den Anschein eines aufgeregten Zehnjährigen, während er zahllose Frage auf Amy abschoss.

 

Als sie im Auto saßen, atmete Amy sichtlich auf und fächelte sich mit der Hand Luft zu. „Ich glaube nicht, dass ich das öfters durchstehe, Murdock“, gestand sie. „Ich dachte jeden Augenblick würde jemand auftauchen und mir an den Kopf werfen, dass ich eine Betrügerin bin.“

 

„Ach was.“ Der Pilot grinste und zog seine Mütze aus der Jacke, um sie aufzusetzen. „Du hast das großartig gemacht. Und sollte dich bei deinem nächsten Besuch jemand danach fragen, schieb alles auf mich und sag, ich bin einfach abgehauen. Ich bin schließlich nicht verantwortlich für das, was ich tue.“ Er sah sie an. „Ich schätze, du lässt mich nicht fahren?“

 

„Auf keinen Fall!“ Amy drehte resolut den Zündschlüssel im Schloss. „Als du das letzte Mal gefahren bist, bekam ich einen ausgebrannten Schrotthaufen statt meines neuen Autos zurück.“

 

Murdock lachte. „Aber Hannibals Plan hat funktioniert. Und Face hat deine Versicherung davon überzeugt, dass es ein Unfall war und du hast den Schaden ersetzt bekommen, oder nicht?“

 

„Ja, und er wollte mir nicht verraten, wie er das geschafft hat.“ Amy war gerade damit beschäftigt, eine Lücke im Verkehrsstrom auszumachen, daher entging ihr, dass das Lächeln des Piloten einen Moment lang von seinem Gesicht verschwand, ersetzt durch einen traurigen Ausdruck.

 

„Ich denke der Trick war, dass eine Frau den Schadensfall bearbeitete, Amy. Deswegen hat er auch nichts davon erzählt. Ein Faceman genießt und schweigt.“ Er zog seine Mütze tiefer in die Stirn, sie beschattete seine Augen.

 

Amy gab ein Geräusch halb zwischen Verachtung und Resignation von sich. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie auch so ihre Erfahrungen mit Face Charme gemacht. Doch abgesehen von einem – offenbar obligatorischen – Flirt mit ihr, hatte er nie einen Annäherungsversuch gemacht. Es schien ihr eher, als habe sie plötzlich zwei ältere Brüder, Face und Murdock. „Du hast dir nie überlegt, Schauspieler zu werden, oder?“, fragte sie nach einer Weile, als ihr auffiel, wie still der Pilot geworden war. „Du hast eine ziemlich gute Show abgeliefert.“

 

„Oh nein. Der Colonel und Face sind die Schauspieler, ich bin nur ein guter Statist.“ Der Pilot spielte mit dem Besucherausweis, der noch immer an seiner Jacke steckte und lächelte versonnen.

 

„Murdock?“, fragte Amy. „Was ist mit Face los? Warum machst du dir Sorgen um ihn?“

 

Der Pilot seufzte und sah aus dem Fenster. Er war sich Amys Blick bewusst. „Wir haben... wir haben ein paar ziemlich schlimme Sachen erlebt in Vietnam, Amy. Ich weiß nicht, was Lin dir erzählt hat, über unsere Zeit dort, er hat vieles mitbekommen. Aus irgendeinem Grund hatte... Chao… besonderes Interesse an Face.“ Er räusperte sich. „Face ist... er scheint so unabhängig zu sein, aber in Wirklichkeit ist es ganz anders. Hast du dich nie gefragt, warum er mit uns zusammen bleibt? Ich meine, er hätte sich längst irgendwo ein neues Leben mit einer anderen Identität aufbauen können. Er ist perfekt darin. Aber statt dessen...“ Wieder schwieg er einen Moment, suchte nach den richtigen Worten. „Unter all seinen Gesichtern versteckt er nur seine wahren Gefühle. Das ist übrigens der Grund, warum Hannibal begann, ihn Face zu nennen. Face ist... er hat Angst davor, dass man ihn wieder im Stich lässt, ihn nicht haben will. Also macht er sich unentbehrlich für uns, damit wir nie auf die Idee kommen, ihn weg zu schicken. Dabei vergisst er immer wieder, dass wir ihn lieben. Und zwar nicht deswegen, weil er alles besorgen kann, weil er für uns lügt und stiehlt und betrügt - sondern weil er ist, wer er ist. Ich denke, er muss nur wieder daran erinnert werden, dass er nicht allein ist. Seit... seit wir Lin wiedergesehen haben, hatte ich auch ein paar ziemlich schlimme Tage und Nächte. Es gibt so vieles, von dem ich gehofft habe, ich hätte es vergessen. Wir alle haben uns erinnert, Amy. Hannibal hat es so halb am Telefon eingestanden, dass auch er von ein paar Geistern heimgesucht wird. Und der Große ist noch knurriger als normal. Nur Face denkt wieder einmal, er müsse damit alleine fertig werden. Das ist seine Angst, Amy – er denkt, wir würden ihn nicht mehr wollen, wenn er... wenn er... Er empfindet seine Gefühle als schwach. Und er glaubt, wenn wir ihn für schwach halten, lässt ihn das Team im Stich.“ Er schüttelte frustriert den Kopf – teils in seiner Unfähigkeit, es ihr zu erklären; teils in trauriger Erkenntnis über seinen Freund. Seine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten. „Wir kennen uns seit fünfzehn Jahren und nach all der Zeit weiß er noch immer nicht, dass ich ihn li...“ Er unterbrach sich und rieb sich über die Stirn. Dann fischte er aus einer Tasche seiner Jacke einen Zettel und reichte ihn Amy. „Kannst du diese Adresse finden?“, wechselte er das Thema.

 

Amy nickte. „Das muss am Strand sein.“

 

Murdock lächelte. “Ja, das dachte ich mir”, erwiderte er leise.

 

* * *

 

Amy parkte den Wagen am Rand der schlechtbefestigten Straße und warf noch einmal einen prüfenden Blick auf ihre Karte. „Also ich bin mir nicht sicher, dass wir hier richtig sind“, meinte sie zweifelnd. „Vielleicht hast du eine falsche Hausnummer? Eins der schicken, neuen Häuser am Anfang der Straße ist doch eher Face Stil. Nicht diese alten Hütten hier.“

 

Murdock schüttelte den Kopf. „Da drüben steht eine Corvette. Es kann nur Face Auto sein, er ist der einzige, der sich die Mühe machen würde, es abzudecken, damit die salzhaltige Luft den Lack nicht angreifen kann.“ Er stieg aus und sah sich um. Das Grundstück war von einem Zaun umgeben, neben dem Tor hing ein Telefon und eine Tafel mit Nummern, die denen glichen, die auf den Türen der Hütten standen.

 

Amy trat neben ihn. „Okay, rufen wir ihn an?“

 

Der Pilot legte den Arm um ihre Schultern. „Amy, ich danke dir tausendmal, dass du mich hierher gebracht hast, aber es ist besser, wenn ich alleine mit Face rede. Sei’ mir nicht böse, ja?“ Er küsste sie auf die Wange und drehte sie herum, um sie sanft in Richtung ihres Autos zu schieben. „Dafür lade ich dich auch irgendwann zum Essen ein.“

 

Amy lachte. „Murdock, du verstehst unter Burger, Fritten und Twinkies ein Menü.” Seufzend stieg sie ein, als der Pilot die Tür des Autos aufhielt. „Und wie kommst du zurück ins Krankenhaus?“, fragte sie.

 

„Das wird Facey tun. Danke, Amy.“ Mit einem entschuldigenden Lächeln schlug er die Tür zu und stand winkend da, bis sie den Rückwärtsgang einlegte und wegfuhr. Der Pilot wartete noch einen Moment, dann trat er zum Tor der Privatanlage und nahm den Telefonhörer ab. Er warf noch mal einen Blick auf die Adresse, die er von Hannibal hatte und wählte die Ziffer –12.

 

Tuut, tuut, tuut.

 

Er nahm den Ausweis ab und steckte ihn gedankenverloren in die Tasche.

 

Tuut, tuut, tuut.

 

Er wechselte nervös den Hörer in die andere Hand.

 

Tuut, tuut, tuut.

 

“Geh’ ran, Facey. Ich weiß, dass du da bist”, murmelte er – in der Hoffnung, dass er recht hatte und Face nicht beschlossen hatte, gerade jetzt einen Strandspaziergang zu machen.

 

Tuut, tuut, tuut.

 

Endlich knackte es leise in der Leitung.

 

„Hallo?“, sagte eine Stimme, die er im ersten Moment gar nicht als die seines Freundes erkannte.

 

„Face?“

 

Ein Seufzen kam über die Verbindung. „Ich werde Hannibal erwürgen. Warum hat er dir diese Adresse gegeben, Murdock?“

 

„Hey Face, begrüßt man so einen Freund, der die lange, lange Reise zu dir unternommen hat?“ Er zwang einen leichten Ton in seine Stimme.

 

„Die Fahrt dauert vierzig Minuten... Wie bist du überhaupt hergekommen? Sind Hannibal und B.A. vielleicht auch hier?“

 

„Nein, ich bin allein. Amy hat mich aus dem VA geholt und hergebracht.“ Murdock trommelte ungeduldig mit der Fußspitze gegen den Holzverschlag, der das Telefon vor der Witterung schützte. „Und wie lange muss ich mich noch über dieses Ding mit dir unterhalten? Mach’ endlich das Tor auf und lass mich rein, Face. Ich gehe nicht eher weg. Und ich habe Amy zurück in die City geschickt, ich bin also gestrandet.“

 

„Ich werde dir ein Taxi rufen.“

 

Murdock lächelte, als er die Resignation in der Stimme seines Freundes hörte. „Ich habe Billy mitgebracht. Mach’ sicher, dass du einen Fahrer erwischst, der Hunde mitnimmt. Sonst muss ich ihn hier bei dir lassen.“

 

Es war einen Moment still. „Okay. Ich könnte euch beide doch nie trennen. Komm’ rein.” Es knackte und die Verbindung war unterbrochen. Ein Surren ertönte und das Tor begann langsam zur Seite zu rollen.

 

Murdock folgte dem Pfad, denn viel mehr war es nicht und er wunderte sich, wie Face die Vette hier überhaupt hatte fahren können, zu den Hütten. Sie wirkten im Vergleich mit den prächtigen Strandhäusern an denen sie vorbeigekommen waren, schäbig und verwittert und als ob sie schon seit vierzig oder fünfzig Jahren Wind und Wellen trotzten. Amy hatte recht. Das schien nicht Face-Stil zu sein. Und gerade daher ein gutes Versteck.

 

Zum Meer hin flachte sich der Strand ab und er schlug den Kragen seiner Lederjacke hoch. Hier war es wesentlich kühler als in der Stadt. Auf der Veranda der Hütte, auf deren Tür eine große, wackelige 12 gemalt war, stoppte er einen Moment und holte tief Luft. Sie schmeckte salzig. Die Wellen klangen fast wie der ferne Herzschlag eines Riesen. Ja, das Haus mochte vielleicht nicht ganz Face Stil sein, aber er war überzeugt, dass man einen atemberaubenden Ausblick auf das Meer hatte.

 

Er hob die Hand und klopfte an die Tür. Es kam keine Antwort. Er klopfte wieder und wartete ungeduldig. Kein Face. Schließlich folgte er der Veranda auf die Rückseite der Hütte. Hier gab es eine balkonartige Verbreiterung der Veranda aus verwitterten Balken und Brettern, von der aus man tatsächlich einen atemberaubenden Blick aufs Meer hatte.

 

Allerdings sah Face nicht so aus, als ob er ihn genießen würde.

 

Überhaupt bot er einen ungewohnten Anblick. Face sah aus, als hätte er sich seit Tagen weder rasiert, noch gekämmt, möglicherweise auch nicht geduscht. Und obwohl es kalt war, trug er nicht mehr als Shorts und ein dünnes, ausgewaschenes T-Shirt, dass der Pilot nie zwischen den Designeranzügen seines Freundes vermutet hätte.

 

Er blieb stehen und lehnte sich gegen die Wand der Hütte. Er konnte den abwesenden Blick in Face Augen sehen, als der auf den Horizont starrte. Das Blau schien aus ihnen verschwunden zu sein, ersetzt von einem Grau so düster wie die Klippen, die er in einiger Entfernung ausmachen konnte, dort wo der Strand endete.

 

„Face?“, fragte er sanft. Der Mann, der neben ihm auf dem Boden saß, reagierte nicht. Und für einen Moment hoffte er, Face habe ihn einfach nicht gehört, dass seine Schritte und seine Stimme von der Brandung unter ihnen übertönt worden waren – und es nicht daran lag, dass Face nicht reagieren wollte. „Facey. Hey.“

 

“Kannst du sie sehen?”, fragte Face geistesabwesend, seine Stimme klang fremder als über das Telefon, fast wie die eines verlorengegangenen Kindes.

 

Alarmiert sah er auf, folgte Face Blick hinaus auf das Wasser, auf den Strand, sah niemanden und nichts als ein paar Möwen, die sich um etwas stritten, dass die Wellen angespült hatten. Aber er wusste zu gut, wie das war, wenn man Bilder vor Augen hatte, die aus einer anderen Zeit, von einem anderen Ort stammten. Für eine Zeitlang war er jeden wachen Moment – und meist auch im Schlaf – von solchen Bildern umgeben gewesen. Und sie hatten so echt, so real gewirkt, dass er geglaubt hatte, auch die Menschen um ihn herum müssten sie sehen können. Er holte tief Luft und stopfte seine Hände in die Taschen, um sie am Zittern zu hindern. „Wen siehst du?“, fragte er angespannt.

 

„Ein kleines Mädchen. Ein kleines, vietnamesisches Mädchen...“ Face senkte den Kopf, barg das Gesicht in den Händen.

 

„Face“, flüsterte Murdock und kniete sich neben ihn, legte die Hand auf seinen Arm. Er wusste aus Erfahrung, dass es nicht gut war, Face zu berühren, wenn der nicht auf eine Berührung vorbereitet war. Er fühlte, wie Face sich unter seiner Handfläche versteifte, aber beließ seine Hand wo sie war.

 

Er wusste, wie leicht es war, sich in diesen Bildern zu verirren, wenn niemand da war, der einen in der Realität verankerte. Für ihn war Doktor Richter dieser Anker gewesen. Aber wer war für Face da, wenn die Albträume begannen? Wer holte ihn zurück?

 

 

 

* // * // * // * // * // *

 

Der blonde Amerikaner kämpfte im Griff der Wachen, die ihn auf den Boden drückten, als er sah, wie General Chao die Hütte betrat, die für den Soldaten in den vergangenen Wochen zur Verkörperung der Hölle geworden war. Hinter Chao zerrte ein anderer Mann ein kleines Mädchen zur Tür herein. Er hielt eine Waffe an ihren Kopf. Ein kleines, vietnamesisches Mädchen, bestimmt nicht älter als zehn. Chaos Mann schob sie in die Mitte des Raumes, direkt vor den amerikanischen Soldaten, der auf dem Boden kniete. Große, dunkle, angsterfüllte Augen bohrten sich in die blauen Augen des Amerikaners und er sah die Panik darin.

 

„Tran Nguyens Vater war ein Verräter. Er wurde hingerichtet.“ Chaos glatte, emotionslose Stimme mit ihrem perfekten Englisch erfüllte die Hütte, ohne dass er sie erhob. „Seine Tochter wird das gleiche Schicksal erleiden. Falls Sie sich nicht entschließen, sie zu retten, Lieutenant.“

 

Der Amerikaner spürte einen eisigen Schauer als er sah, wie begierig der Mann, der das Mädchen festhielt, auf seine Waffe starrte und sie dann noch ein wenig näher an die Schläfe des Kindes hob.

 

Chao lächelte, als sich der Blick der blauen Augen voll Hass auf ihn richteten. „Das Leben des Mädchens für die Informationen, die ich brauche. Es ist Ihre Entscheidung, Lieutenant.“ Ohne das Kind anzusehen, sprach er ein paar Worte auf vietnamesisch und das Mädchen stieß ein angsterfülltes Wimmern aus.

 

Die Augen des Amerikaners irrten durch die Hütte, über die Wachen, die ihren Griff nicht gelockert hatten. Es waren insgesamt fünf Männer mit Chao in der Hütte. Zu viele. Selbst wenn er nicht von Prügeln, den Quälereien und der Mangelernährung geschwächt gewesen wäre. Trotzdem musste es einen Ausweg geben. Er musste es zumindest versuchen, auch wenn sie ihn dabei umbrachten. Seine Hände waren auf den Rücken gebunden, ansonsten hätte er Chao erwürgt. Doch die Wachen spürten die Anspannung im Körper ihres Gefangenen und reagierten sofort, sie pressten ihn flach auf den Boden, noch bevor er eine weitere Bewegung machen konnte. Er wehrte sich gegen sie, doch es waren zu viele. Einer der Männer kniete am Ende auf seinem Rücken und die Schmerzwellen, die von den tiefen Peitschenmalen ausgehend durch seinen Körper jagten, ließen ihn fast ohnmächtig werden.

 

Schließlich gaben seine erschöpften Muskeln den Kampf auf und er lag still, atemlos. Der Soldat hob den Kopf. Er hatte noch eine Option und er wusste, dass Chao es genießen würde. „Bitte“, flüsterte er, verabscheute selbst den schwachen Klang seiner Stimme. „Bitte. Tun Sie ihr nicht weh. Sie können mich statt ihr erschießen.”

 

Chao lächelte wieder und faltete die Hände. „Geben Sie mir die Informationen.“ Seine Stimme war noch immer tonlos.

 

Der Amerikaner spürte die Versuchung. Er wollte Chao alles sagen. Die Ziele. Die Namen von Verbündeten, von Dörfern in denen der Widerstand die Amerikaner unterstützte. Der Auftrag zu dem sie unterwegs gewesen waren, als ihr Helikopter abgeschossen und sie gefangen genommen wurden. Sogar die Namen der Menschen, die er als Scharfschütze getötet hatte. Seine Lippen bewegten sich wie von selbst – doch es kam kein Laut darüber. Er konnte das alles nicht verraten. Sein Blick suchte den des kleinen Mädchens, bettelte um Vergebung. „Es tut mir leid“, flüsterte er.

 

Der Schuss war ohrenbetäubend. Der Kopf des kleinen Mädchens explodierte förmlich, als ihr die Wache die Waffe an die Schläfe hielt und abdrückte. Wie in Zeitlupe sackte ihr Körper auf den Boden.

 

Die Wachen rissen ihn hoch, schleiften ihn an ihrer Leiche vorbei aus der Hütte. Ihr Blut sickerte in die Fetzen seiner Kleidung, wie ein grausiges Souvenir, dass er zusammen mit ihrem Bild mit sich nehmen konnte. Wie der panikerfüllte Blick ihrer Augen, Sekunden vor dem Schuss, der ihn nicht losließ, als sie ihn in einen Bambuskäfig warfen.

 

Jemand war bei ihm, drehte ihn herum, zerrte an den Knoten der Fesseln und befreite ihn endlich von ihnen. Face sah in die verstörten braunen Augen seines Freundes, der neben ihm kniete. „Was... ich dachte... ich dachte sie hätten dich... erschossen“, flüsterte der Pilot. Er berührte einen der Blutflecken und zog schaudernd die Hand zurück, um sie an dem Fetzen abzuwischen, der einmal eine Hose gewesen war. Dann hob er sie erneut und wischte die Blutspritzer aus dem Gesicht seines Freundes. Er half ihm, sich aufzusetzen und lehnte ihn gegen sich, schloss die Arme um ihn.

 

Der Soldat, der jede Folter die sich Chao ausdachte, ertragen hatte ohne das sein Wille darunter gebrochen wäre, begann in den Armen des Piloten mit einer Heftigkeit zu weinen, dass sein ausgemergelter Körper wie Espenlaub zitterte.

 

„Ich habe sie getötet“, flüsterte er wieder und wieder.

 

* // * // * // * // * // *

 

 

 

„Ich habe sie getötet.“ Face war sich nicht bewusst, dass er diese Worte laut wiederholt hatte.

 

„Face.“

 

Er spürte Arme um sich, die ihn hielten und plötzlich schnappte die Realität zurück. Hob den Kopf und sah in die braunen Augen des Piloten, die ihn traurig ansahen. Legte die Hand auf seine Schulter, dann an seine Wange, wischte mit dem Daumen eine Träne weg. Zum ersten Mal seit Tagen, in denen er hier herumsaß und über den Erinnerungen brütete, wurde ihm bewusst, dass er nicht der einzige war, der litt.

 

Murdock sah mit Erleichterung, dass Face Augen klar wurden, als ob er aus einem Traum erwache. Er lächelte ein wenig.

 

Auf Face Gesicht erschien ein ähnlich zittriges Lächeln.

 

„Es war nicht deine Schuld, das weißt du“, sagte der Pilot dann ernst. „Er hätte sie auf jeden Fall getötet.“

 

Das Lächeln verschwand und Face wandte den Blick ab. „Du...“, er räusperte sich. „Du weißt davon?“ Aber er war sich sicher, dass er nie jemandem davon erzählt...

 

„Du hast davon gesprochen. In Okinawa. Nach der OP an deinem Bein. Bevor du aufgewacht bist. Du hast uns angefleht, ihr zu helfen. Hannibal hatte Gerüchte gehört, er zählte eins und eins zusammen und...“ Er brach ab. „Du kannst sie sehen?“

 

Face nickte. Er schloss die Augen wie ein Kind, das einen bösen Traum dadurch vertreiben will, dass es sich die Decke über den Kopf zieht. „Sie starrt mich an. Sie will wissen, warum ich ihr nicht geholfen habe. Und warum ich sie vergessen habe.“

 

„Du hast sie nicht vergessen, du hast nur... weggesehen.“ Er schloss die Arme fester um Face, drückte seine Wange gegen das blonde Haar. „Und ich glaube nicht, dass sie hier ist, um dich... um dich anzuklagen. Sie ist hier, um dir zu sagen, dass sie dir nicht die Schuld gibt. Dass es an der Zeit ist, sie gehen zu lassen. Die Erinnerungen... die Gespenster.“

 

Es war lange still. Und dann, ganz allmählich, spürte er, wie ein wenig der Anspannung aus Face Körper verschwand.

 

„Woher willst du das alles wissen?“, fragte Face leise.

 

„Weil ich das gleiche erlebt habe wie du. Die Schuldgefühle, die Gesichter die mir anklagend erscheinen, die mir zuschreien warum ich sie nicht gerettet habe“, sagte der Pilot und schloss die Augen. Er spürte mehr Tränen auf seinen Wangen, doch galten sie nicht ihm selbst.

 

„Und wie bist du sie losgeworden?“

 

„Ich bin sie nicht „losgeworden“. Mir wurde klar, dass *ich* sie festhielt. Und dass nur ich sie loslassen konnte. Also begann ich zu erzählen, was passiert war. Zwang mich, die Worte zu finden und die Erinnerungen... noch mal zu erleben. Es war am leichtesten, mit Doktor Richter zu sprechen. Er war nicht dabei. Er war neutral, ich musste keine Angst haben, bei ihm Erinnerungen wach zu rufen, die ihm wehtun würden. Und ich habe mit dem Colonel gesprochen. Hannibal... er... er weiß mehr darüber, als du denkst.“

 

„Du hast nie mit mir darüber gesprochen.“ Face wandte den Kopf und sah zu ihm auf. Die frische Verletzung zeigte sich in seinen Augen. „Wo war ich?“

 

„Du wolltest nicht darüber sprechen, Face.“ Der Pilot schüttelte den Kopf. „Du hast dich mit aller Gewalt an deine Gespenster geklammert und jeden Versuch abgeblockt, den wir unternommen haben.“ Er legte seine Wange zurück auf Face Haar. „Vielleicht hätten wir dich dazu zwingen sollen, mit uns zu sprechen, aber wir hatten Angst, du würdest uns hassen.“

 

„Hassen?“, wiederholte Face. „Hast du wirklich Angst gehabt, ich könnte dich hassen?“

 

Murdock hob die Schultern. „Du bist eben Face. Niemand weiß, was wirklich in dir vorgeht, wenn du das nicht willst.“

 

„Und du... du verbringst zu viel Zeit in dieser Irrenanstalt. Du klingst schon wie ein Psychiater.“

 

„Glaubst du, ich habe die letzten zehn Jahre damit verbracht, während der Therapiesitzungen in Doktor Richters Büro Schläfchen zu halten?“ Murdock lächelte für einen Moment. „Du hast dir nie Zeit genommen, dich zu erinnern und... und los zu lassen. Ich hatte in der VA nichts anderes zu tun, als zu denken, während ihr ständig auf der Flucht wart. Siehst du, du bist nicht allein, du bist nicht der einzige, der wegrennt. Hannibal mit seinen albernen Monsterfilmen und den verrückten Jobs. Jedes Mal, wenn ihn der Jazz packt, wenn wir losziehen, um ein paar böse Jungs von den Straßen zu holen, kämpft er gegen seine Geister. Ich verkrieche mich mit meinen Psychosen in der Klinik und spreche mit Socken und unsichtbaren Hunden, weil ich Angst davor habe, was in der Realität auf mich wartet, wenn ich mich zu sehr mit ihr einlasse. Und B.A. ... ist dir klar, dass er immer noch darunter leidet, dass er uns nicht beschützen konnte? Dieser große, hässliche Schlammfresser sieht seinen Gespenstern jeden Tag ins Gesicht, wenn er in Jugendzentrum geht, und zu helfen versucht, wo er helfen kann. Oh, natürlich weiß er, dass es nichts gab, was er hätte tun können. Aber er hat sich nie verziehen, dass er seinen kleinen Bruder und den verrückten Piloten nicht hatte schützen können.“

 

Face starrte ihn verblüfft an. Das war nicht der Murdock, den er all die Jahre gekannt hatte. Der Mann, der ihn festhielt und mit ihm sprach, war jemand der trotz aller Geister einen gewissen Frieden gefunden hatte. „Aber das heißt... dass es nie aufhört.“

 

„Nein, es hört nicht auf. Auch nicht, wenn du dich hier alleine vergräbst und wir vor Sorge um dich fast verrückt werden. Die Erinnerungen werden immer bei uns sein. Sie sind wie Narben... ein Zeichen dafür, dass man überlebt hat. Aber die Gespenster hören auf, dein Leben zu fressen. Sie werden kleiner, schrumpfen – aber nur, wenn du sie loslässt.“

 

„Ich habe dich noch nie so sprechen hören“, sagte er schließlich in Ermangelung anderer Worte. Face wagte nicht zum Meer hinaus zu sehen, weil er wusste, dass dort die anklagenden, dunklen Augen warten würden.

 

„Hättest du mir zugehört?“

 

Face zuckte mit den Schultern. „Vermutlich nicht.“ Er rückte ein wenig von Murdock weg, um ihn ansehen zu können. „Du bist unglaublich.“

 

Der Pilot blinzelte, als ob er seine Gedanken erst von weit weg zurückholen müsste, dann lächelte er. „Nein. Ich bin hungrig.“

 

Er lachte und überraschte sich damit selbst, auch wenn seine Stimme zittrig klang. „Hungrig. Du bist immer hungrig.“

 

„Ich habe das Frühstück verpasst, während ich mit Amy einen Plan zusammenbastelte, wie sie mich aus dem VA holt.“ Er zog den Besucherausweis aus der Tasche. „Wir haben uns erlaubt, dein Manuskript für den Ausflug in die Redaktion des L.A. Courier zu benutzen. Also bin ich jetzt hungrig.“ Er schob den Ausweis zurück. „Wann hast du zuletzt etwas gegessen? Oder geschlafen?“

 

„Ich... erinnere mich nicht.“

 

„Kein Frühstück?“ Der Pilot runzelte die Stirn. „Abendessen?”

 

Face zuckte nur mit den Schultern.

 

Murdock stand auf und streckte die Hand nach ihm aus. „Warum gehen wir nicht rein? Der Ausblick ist toll, aber ich will wissen, wie es drinnen aussieht. Außerdem...“ Er verzog das Gesicht übertrieben. „Du könntest wirklich mal wieder duschen. Und dich rasieren.“ Er lächelte nervös, hoffte das Face bald aufhörte, ihn so seltsam anzustarren, als wäre ihm plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen. Vielleicht sollte er ihn um einen Spiegel bitten und nachsehen...

 

Face ließ sich von ihm auf die Beine helfen. „Wo ist Billy?“, fragte er unvermittelt.

 

Murdock zögerte einen Moment... dann deutete er auf ein Stück Strand unterhalb des Hauses. „Er spielt da unten, verjagt die Möwen. Er liebt das Meer und hier hat er so viel Platz, um sich auszutoben.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Kommst du jetzt mit rein?“

 

Face nickte und schob die Glastür auf, durch die man ins Innere des Hauses kam. Der Pilot folgte ihm und hob die Augenbrauen, als er das Chaos aus Zeitungen, schmutzigen Tellern und überall verstreuter Kleidung sah. „Wow. Das... bist du sicher, dass wir im richtigen Haus sind?“

 

„Ich... habe keinen Besuch erwartet.“

 

„Okay.“ Murdock zuckte mit den Schultern. “Geh’ duschen, Facey. Ich sehe nach, was du zu Essen hast.“ Er wartete, bis Face durch eine zweite Tür verschwunden war, dann drehte er sich einmal um sich selbst. Nein, das war alles nicht Face-Style. Der Raum war mit verwohnt wirkenden Möbeln lieblos und schlicht eingerichtet und hätte selbst in einem ordentlichen Zustand nicht sonderlich einladend gewirkt. Durch die kleinen Fenster sickerte das Licht grau. Face gehörte in eins der hellen, modernen Strandhäuser. Mit hübschen Möbeln und Bildern und wertvollen Teppichen, damit er sich darüber aufregen konnte, wenn Hannibal Asche darauf fallen ließ. Mit Kristallgläsern und Porzellan statt Plastikbechern und Papptellern.

 

In der winzigen Küche sah es nicht viel besser aus. Eine Frühstückstheke teilte den Raum in zwei Hälften, aber es sah nicht so aus, als hätte Face hier jemals gefrühstückt. Er stöberte in zwei Schränken und fand – nichts. Nur jede Menge Staubflocken. Im Kühlschrank herrschte gähnende Leere, abgesehen von ein paar Flaschen mit Wasser, verdorben riechenden Orangensaft und anderen, unappetitlichen Übrigbleibseln. Face war seit mindestens vier Tagen nicht mehr Einkaufen gewesen. Hinter einem verwaschenen Vorhang mit Muschelmotiv fand er eine Nische, die wohl so eine Art Vorratskammer darstellte. Sie enthielt ein paar Konserven und ein gerade noch genießbares Brot in seiner Plastikverpackung. Er sah sich die Dosen näher an. Hühnersuppe. Besser als nichts. Zum Abendessen würden sie wohl besser ausgehen. Er kippte den Inhalt von zwei Dosen in einen Topf und steckte Brotscheiben in den Toaster.

 

Als die Suppe langsam warm wurde und sich ihr Duft in der kleinen Küche verbreitete, knurrte sein Magen. „Facey, du bist besser bald fertig, oder Billy und ich essen alleine.“ Die Toastscheiben poppten aus dem Toaster und er legte sie auf einen Teller, schob zwei neue hinein.

 

„Murdock, ich muss zugeben, das riecht gut.“

 

Er griff nach einem Kochlöffel und klopfte damit an den Topf. „Ich... Chef Murdock... lüfte das Geheimnis kulinarischer Meisterwer...“, begann er mit seinem besten französischen Akzent, als er sich umdrehte.

 

„Wenn du eine Frau wärst, würde ich dich glatt heiraten.“

 

Der Pilot stockte. „Ähem... du hast nicht viel da. Ich habe nur eine Dose aufgemacht“, fuhr er mit seiner normalen Stimme fort und legte verlegen den Kochlöffel weg. Face Haar war noch nass, aber er hatte sich rasiert und abgesehen von der blassen Farbe bot sein Gesicht wieder den vertrauten Anblick. Auch seine Kleidung war mehr „Face“ – Designerjeans und ein hellblauer Pullover, der perfekt zu seiner Augenfarbe passte. Er wandte sich ab und kramte in einem Schrank nach Geschirr, fand zwei Schalen und in einer Schublade Löffel. „Du... ähem... solltest wirklich mal einkaufen gehen, Facey.“ Nach einem kritischen Blick befand er Besteck und Geschirr für sauber und füllte die Schalen mit Suppe.

 

Als er sich wieder umwandte, saß Face auf einem der Hocker auf der anderen Seite der Frühstückstheke. Er schob ihm eine der Schalen hin und holte den Toast. „Suppe und Toast“, verkündete er unnötig, bevor er ebenfalls Platz nahm. Plötzlich war er gar nicht mehr so hungrig. Statt dessen beobachtete er lieber Face, der zuerst nur zögernd begann, dann jedoch seine Schale hastig leerte und den ganzen Toast aufaß. „Kein Abendessen, hm?“, meinte Murdock nach einer Weile. „Von welchem Tag reden wir?“

 

Face sah ihn an und grinste schief, bevor er sich wieder der Suppe widmete. Die Theke war nicht besonders breit. Wenn sie sich vorbeugten, stießen sie fast mit den Köpfen zusammen. Als Face sich zur Seite drehte, um nach der letzten Toastscheibe zu greifen, fiel ihm eine Haarsträhne ins Gesicht. Und ohne nachzudenken hob Murdock die Hand und strich sie zurück, seine Fingerspitzen streiften die Stirn seines Freundes.

 

Face stoppte mitten in der Bewegung und statt nach dem Toast griff er nach Murdocks Hand, hielt sie fest, drückte sie gegen seine Wange, schloss die Augen. Als er den Kopf mehr in die Berührung drehte, streiften seine Lippen Murdocks Handfläche. 

 

Der Pilot zuckte zusammen und versuchte seine Hand weg zu ziehen, aber Face hielt ihn fest. Und dieses Mal konnte man es nicht als unabsichtliche Berührung abtun, als seine Lippen den Pulspunkt an Murdocks Handgelenk fanden. Seine Finger schlossen sich darum und zogen ihn näher. Face Augen waren noch immer geschlossen, als sie sich nahe genug waren, dass er seinen Atem auf dem Gesicht spürte.

 

Und dann, ohne einen Moment zu zögern, überbrückte er die letzten Zentimeter und küsste Face. Oder es war Face, der ihn küsste. Es war bedeutungslos, wer den ersten Schritt gemacht hatte. Er löste seine Hand aus Face Griff, legte sie an die Seite seines Gesichts, hielt ihn fest, schob seiner Finger in das immer noch leicht feuchte Haar, um ihn noch näher an sich zu ziehen. Er fühlte sich wie betrunken, sein Kopf schwamm und er flüsterte: „Nein“ ohne nachzudenken.

 

Face wich plötzlich benommen zurück und blinzelte.

 

Murdock zog seine Hand zurück, umklammerte sie mit der anderen. „Es tut mir leid.“ Er rieb sich übers Gesicht, unbewusst auch über den Mund. „Ich kann nicht...“ Er stockte, als er sah, wie sich Face Augen verdunkelten. Zurückweisung, Zweifel, Wut – das alles huschte in Sekunden über sein Gesicht, als er aufsprang und die leere Schale vom Tisch fegte.

 

„Face!“ Der Pilot sprang ebenfalls auf, verhedderte sich mit den langen Beinen des Stuhles und hätte fast das Gleichgewicht verloren. Er hielt sich an der Theke fest. Als er wieder sicher auf den Beinen stand, war Face bereits weg. Er folgte ihm ins Wohnzimmer, und durch die offene Glastür nach draußen.

 

Face war vom Balkon gesprungen und lief aufs Meer zu. Müde lehnte der Pilot sich gegen die Brüstung und sah ihm nach. „Warte doch, du verdammter Idiot“, flüsterte er.

 

* * *

 

Mehr als zwei Stunden vergingen, bevor Face wieder auftauchte. Murdock saß auf der gleichen Stelle, auf der er Face gefunden hatte und starrte aufs Meer hinaus. Trotz des Sonnenscheins war es nicht wirklich wärmer geworden und er hielt die Arme fest um sich geschlungen, seine dünne Lederjacke kein wirklicher Schutz vor der kalten Luft. Seine Mütze steckte in der Tasche.

 

Er sah erst auf, als Face vor ihm stand. Die Jeans trug Schmutzspuren, vor allem um die Knie, die darauf schließen ließen, dass er gestürzt war.

 

Face sah zu ihm hinunter. Nach einer Weile streckte er die Hand aus, um dem Piloten auf die Beine zu helfen.

 

Murdock stand auf und sah auf die Hand in seiner. Es klebte Blut daran. „Du bist verletzt.“

 

Face schüttelte den Kopf. „Ich bin auf ein paar feuchten Steinen ausgerutscht. Nicht mehr als ein Kratzer.“

 

„Dann lass uns nachsehen, ob es hier so etwas wie Pflaster gibt.“ Er ließ Face Hand los und wollte an ihm vorbei in die Hütte.

 

Face streckte den Arm aus und blockierte den Weg.

 

Murdock sah ihn an... und Face hob beide Hände, ließ ihn vorbeigehen. Ohne anzuhalten ging er weiter ins Bad und durchsuchte die Schränkchen nach einem Erste-Hilfe-Kasten. Er fand einen Plastikbeutel mit Verbandsmaterial, einem antiseptischen Mittel und ein paar leicht angegilbten Medikamentenschachteln. Kopfschüttelnd fischte er das Verbandszeug heraus und ließ den Rest im Waschbecken liegen.

 

Face hatte die Zeitungen vom Sofa gefegt und sich darauf ausgestreckt, den Arm übers Gesicht gelegt. Murdock griff nach der verletzten Hand, die über den Rand des Sofas baumelte und setzte sich auf den verkratzten Couchtisch, der vor der Couch stand. Quer über seine Handfläche zog sich eine Schürfwunde. Offensichtlich hatte sich Face in der Küche die Hände gewaschen, die Wunde war sauber und blutete fast nicht mehr. Er musste nicht mehr tun, als sie mit dem Antiseptikum abzutupfen und zu verbinden.

 

„Hübscher Anblick, was?“, murmelte Face. „Was macht schon eine Narbe mehr. Ich habe genug davon, außen und innen. Aber was kümmert dich das.“ Der deprimierte Ton war zurück in seiner Stimme.

 

„Was soll das jetzt, Face?“ Murdock strich den Verband glatt. „Du weißt doch, dass ich dein Freund bin. Wäre ich hier, wenn ich mich nicht um dich sorgen würde?“

 

„Warum solltest du anders sein als alle anderen. Keiner hat mich je gewollt. Keiner will mich.“ Face klang wie ein schmollendes Kind.

 

Murdock griff nach seinem Arm, zog ihn von seinem Gesicht. „Du wirst mit der Nummer nicht durchkommen, Facey.“

 

„Nummer?“ Face schüttelte seine Hand ab, setzte sich auf.

 

“Nenn’ es wie du willst. Du versuchst abzulenken. Du machst, was du immer machst.“ Der Pilot starrte auf seine Schuhspitzen. „Wenn du nicht mehr weiterkommst, dann versuchst du es mit.. mit Verführung. Ich bin nicht wie die Frauen, die du sonst...“

 

Face stand auf, wandte ihm den Rücken zu. „So siehst du das also.“

 

Murdock rieb sich über das Gesicht. „Du hast keine Ahnung, was du...“ Er brach ab. „Face, das ist keine gute Zeit, um...“

 

Er verstummte, als Face den Raum verließ. Nach eine Weile stand er auf und folgte ihm nach draußen. Face stand an der Brüstung und starrte wieder aufs Meer. „Sie haben mich geschlagen“, sagte er so leise, dass seine Stimme über das Meeresrauschen kaum zu hören war. „Jede Art von Folter angewandt, die ich mir vorstellen konnte. Und solche, die ich mir nicht vorstellen konnte. Aber ich dachte, ich wäre stark genug, sogar das Schlimmste zu ertragen. Egal welche Erniedrigung sie sich ausdachten, ich wusste, ich würde es überleben...“ Er lehnte sich vor, seine Hände umklammerten de Brüstung. „Ich konnte es dir nicht erzählen. Niemandem. Sie war doch nur ein Kind. Ich hätte sie retten... sie beschützen müssen, aber i-ich konnte es nicht. So viele andere Menschen wären gestorben. Ich habe darum gebettelt, dass sie mich statt ihr erschießen. Aber Chao... er hat nur gelacht. Sie hatte solche Angst... Und... und es war alles meine Schuld.“

 

Der Pilot legte den Arm um seine Schultern, spürte wie er sich unter seiner Berührung anspannte. Doch dann wandte er sich ihm zu. Er ließ es zu, dass ihn Murdock näher an sich zog und legte das Gesicht an seine Schulter. „Ich hätte sie retten müssen.“

 

Murdock seufzte. „Das ist nicht wahr, du hast alles getan, was du tun konntest. Aber du konntest nicht alles andere gefährden.“

 

„Das habe ich mir auch die ganze Zeit über gesagt. Ich konnte für so lange damit leben. Aber jetzt...“ Er brach ab.

 

„Ich weiß.“ Der Pilot hielt seine Schultern fest und sah ihn direkt an. „Hör’ mir zu. Du hattest keine Wahl. Du kannst dir nicht den Rest deines Lebens dafür die Schuld geben. Und auch nicht davor wegrennen.“

 

Face löste sich aus seinem Griff. Etwas glitt durch seine Augen... Schmerz, Verwirrung... aber es war nur ein Schatten. Erleichtert sah Murdock ihn nicken. Vielleicht war endlich irgendetwas von dem, was er gesagt hatte, zu ihm durchgedrungen. „Können wir jetzt wieder reingehen?“, meinte er leise. „Es ist wirklich kalt. Und du siehst aus, als könntest du Schlaf gebrauchen.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Face, ich weiß... dass das alles nicht leicht ist. Manche Tage sind gut, manche sind schlimm. Aber wenn ich es geschafft habe, schaffst du es auch. Ob es dir gefällt, oder nicht. Und ich bin für dich da.“ Er legt den Kopf schief, sah ihn an.

 

„Du hast recht“, erwiderte Face. „Es ist kalt und vermutlich sollte ich wirklich schlafen. Ich... ich kann dir ein Taxi rufen, wenn du zurück ins Krankenhaus musst.“

 

Der Pilot zuckte mit den Schultern. „Ich habe es nicht eilig. Ich bleibe, so lange du willst.“ Er trat zur Seite, um Face durch zu lassen – doch der ging nicht an ihm vorbei, sondern blieb vor ihm stehen, legte ihm die Hände auf die Schultern.

 

„Danke“, sagte Face leise. Er beugte sich vor, und sein Mund streifte Murdocks, es war kaum ein Kuss zu nennen. Erst dann trat er ins Haus.

 

Murdock blieb an der Glastür stehen und sah ihm nach. Er lehnte die Stirn gegen die Scheibe und schloss die Augen. Er wollte da reingehen, wollte bei ihm sein, ihn festhalten. Und er wusste, es wäre das Falsche. Zumindest jetzt sofort. War ihr Leben nicht schon kompliziert genug? Es war gefährlich, mit Gefühlen zu spielen. Nicht jetzt. Aber irgendwann. Bald.

 

Er trat in die Hütte, schloss die Tür hinter sich und nahm auf dem Sofa Platz. Er würde warten.

 

 

Ende