Titel: Wild Boys: New York Intermezzo
Autor: Lady Charena

Fandom: The A-Team

Episode: The out-of-Towners

Pairung: Face/Murdock, Tracy
Rating: PG-15, romance, h/c, ft

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Ein Job führt das A-Team nach New York. Sie helfen einer Reihe von Ladenbesitzern gegen einen Schutzgelderpresser. Auch die Bäckerei von Tracys Mutter wurde überfallen. Als der Übeltäter nun sicher hinter Gitter sitzt, bietet Tracy Murdock an, ihm New York zu zeigen. Faceman kommt ins Grübeln - er selbst war bei der hübschen Bäckerin abgeblitzt – denn es scheint sich etwas zwischen ihr und dem Piloten anzubahnen, das nicht nur mit Sightseeing zu tun hat...

 

Teil meines Wild-Boys-Universum (slash)

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics by Frickin’ A.

 

 

 

Yeah I know he's been a good friend of mine.
But lately something’s changed, that ain't hard to define:
He’s got himself a girl…

 

And she's watchin' him with those eyes.
And she's lovin' him with that body, I just know it.
And he's holdin' her in his arms, late late at night…

 

Templeton Peck kehrte mit schlechter Laune in das kleine Hotel zurück, in dem er sich für die Dauer ihres Aufenthaltes in New York eingemietet hatte.

 

Dabei wusste er nicht so recht, wieso er sich unzufrieden fühlte. Es war alles gut verlaufen. Besser als gut. Er hatte seine eigene Bestleistung übertroffen und für Hannibal innerhalb eines Tages alles besorgt, was der für ihre kleine Charade haben wollte. Sie hatten den Job erledigt und es war nach Abzug aller Auslagen sogar ein kleiner Gewinn für sie herausgesprungen. Der Colonel war inzwischen wieder in L.A., sein Flieger musste vor einer knappen Stunde gelandet sein. Amy feierte wohl noch immer Wiedersehen mit ihrem alten Freund, der ihr die Informationen über den Schutzgelderpresser besorgt hatte. B.A. hatte er zuletzt zu Gesicht bekommen, als der am Nachmittag mit Mickey ins Krankenhaus ging, um dort einen der Ladenbesitzer zu besuchen, der von zwei Schlägertypen schlimm verletzt wurde, nachdem er sich weigerte, seine „Versicherung“ zu bezahlen. Und Murdock erkundete New York zusammen mit Tracy aus der Bäckerei. Sein eigenes Date mit Diana aus der Taxizentrale war mehr als zufriedenstellend verlaufen. Sie hatte seine Erklärung wegen des Einschusslochs an der hinteren Stoßstange geschluckt – aber vielleicht war das in New York ein gar nicht so ungewöhnliches Vorkommnis – und seine Einladung zum Essen akzeptiert. Hinterher waren sie in ihrer Wohnung gelandet; eine hübsche, gemütliche kleine Wohnung, ein paar Blocks vom Taxiunternehmen entfernt, mit einem großen, gemütlichen Bett. Vielleicht hatte sie es später etwas sehr eilig, ihn los zu werden – aber das konnte ihm nur recht sein.

 

Er öffnete leise die Tür und blieb im Türrahmen für einen Moment stehen, um zu lauschen. Der Raum war dunkel und still. Er ließ das Licht aus und tastete sich im Dunkeln durchs Zimmer. Da zwei Betten in seinem Hotelzimmer standen, hatte sich Murdock bei ihm einquartiert. Und falls er schlief, wollte er ihn nicht wecken. Das letzte, was er jetzt ertragen konnte, war Murdocks endloses Gerede über New York und all die Sehenswürdigkeiten, die er sich mit Tracy angesehen hatte.

 

Dann stolperte er über etwas und landete fast auf dem Boden. Gerade noch fand er Halt an einer Kommode. Wütend fluchend tastete er sich zum nächsten Lichtschalter vor und drehte die Beleuchtung auf. Natürlich war es Murdocks Tasche gewesen, über die er im Dunkeln gestolpert war. Überhaupt hatte der Pilot überall im Raum seine Sachen verstreut. Das Bett war benutzt worden. Auf dem Boden vor dem zweiten Bett lang ein zerknülltes T-Shirt, ein Handtuch und schmutzige Sneakers. Auf dem kleinen Schreibtisch unter dem Fenster stand eine kleine, bronzene Freiheitsstatue, die noch nicht dort gewesen war, als er heute morgen aufstand – offenbar war Murdock hier gewesen, um sich umzuziehen und seine Souvenirs abzuladen. Auf dem Kopfkissen seines eigenen Bettes lag eine Scherzkarte aus einem Postkarten-Display an der Rezeption, die einen angebissenen Apfel zeigte, auf dem mit großen, schwarzen Lettern „Besuchen Sie den BIG APPLE so lange noch etwas davon übrig ist!“ gedruckt war. Kopfschüttelnd nahm Face sie in die Hand und drehte sie um. Auf der Rückseite stand in Murdocks runder Schrift, dass er mit Tracy ins Kino ging.

 

Face legte die Karte auf den Nachttisch und sah auf die Uhr. Es war kurz nach ein Uhr morgens und das Kino längst aus. Wo also steckte Murdock? Der Colonel hatte ihm eingeschärft, ein Auge auf den Piloten zu haben. Doch dann war Diana auf der Bildfläche erschienen und... Aber zum Teufel, Murdock war ein erwachsener Mann. Gut, er war verrückt, aber was konnte ihm schon passieren? Im Gegensatz zu den anderen Teammitgliedern wurde er ja nicht einmal von der MP gesucht und musste sich darüber keine Sorgen machen. Und schließlich war Tracy bei ihm, da sie nun mal einen Narren an Murdock gefressen hatte, sollte sie sich auch um ihn kümmern. Er war doch kein Kindermädchen. Face zog sein Jackett aus und hängte es ordentlich über eine Stuhllehne, damit es keine Knitterfalten bekam. Dann lockerte er seine Krawatte, nahm sie ab und schlüpfte aus den Schuhen. Müde legte er sich aufs Bett und schloss die Augen. Irgendetwas nagte weiterhin im Hintergrund seines Bewusstseins an ihm, aber seine Grübeleien verloren sich im Schlaf, bevor er dahinter kam, was es war.

 

* * *

 

Es schienen nur ein paar Minuten vergangen zu sein, als ihn ein Geräusch aus dem Schlaf riss. Sofort glitt seine Hand zu dem .45er unter seinem Kopfkissen, doch als Face die Augen öffnete und ins Licht blinzelte, war es nur Murdock, der mit einer Plastiktüte, auf die das Logo eines Souvenirshops aufgedruckt war, in der Tür stand. Erleichtert ließ sich Peck zurücksinken. „Verdammt, Murdock! Ich hätte dich fast erschossen! Hey, weißt du eigentlich, wie spät es ist?“

 

Der Pilot runzelte die Stirn, als er zu dem Freund trat und sich auf die Bettkante setzte. „Wieso die schlechte Laune, Facey?“, fragte er und schob seine Mütze aus der Stirn. Irgendwann im Laufe des Tages hatte er offenbar seine gewohnte blaue Basecap mit einer vertauscht, auf der die Silhouette New Yorks zu sehen war. „Ein Geschenk von Tracy.“ Er nahm die Mütze ab und warf sie achtlos in Richtung seines eigenen Bettes, verfehlte es knapp und sie landete neben den anderen Kleidungsstücken auf dem Boden.

 

Face räusperte sich. Manchmal schien es ihm direkt unheimlich, wie Murdock die Gedanken seines Gegenübers erriet. „Schön, wenn du dich amüsiert hast“, bemerkte er ironisch.

 

Sofort richteten sich die großen, braunen Augen fragend auf ihn. „Wieso bist du böse auf mich?“

 

Peck schloss die Lider. „Tut mir leid, ich wollte nicht so... Ich bin nicht sauer. Hör’ mal, Murdock, es ist spät, ja? Geh’ einfach ins Bett und lass’ mich in Ruhe. Du kannst mir auf dem Rückflug erzählen, was dir Tracy alles gezeigt hat.“

 

„Schade, ich wollte dir erzählen, wie der Film ausging, den wir gesehen haben.“

 

Face seufzte. „Welcher Film?“, fragte er.

 

„King Kong. Das Original, in schwarzweiß.“

 

Er öffnete die Augen und sah den Piloten an, der eine Unschuldsmiene trug. „King Kong?“, wiederholte er. „Jedes Kind weiß, wie King Kong endet. Du hast den Film schon tausendmal gesehen.“

 

Der Pilot zuckte mit den Schultern und lächelte. „Hat dir noch niemand erzählt, dass ich an zeitweiligem Gedächtnisverlust leide, Facey?“

 

Face sah ihn scharf an und fragte sich, ob das der Wahrheit entsprach oder ob der andere Mann nur einfach wieder ein Spiel spielte. „Geh’ schlafen, Murdock.“ Er setzte sich auf und klopfte dem Piloten auf die Schulter. „Es ist...“ Überrascht bemerkte er, dass Murdock zusammenzuckte und das Gesicht verzog. „Hey, was ist los?“, fragte Face.

 

„Nichts.“ Murdock schüttelte seine Hand ab. „Das sind nur ein paar blaue Flecken.“

 

„Blaue Flecken?“, wiederholte Face besorgt. „Du hast dich verletzt? Wann? Heute morgen als diese Schläger auftauchten?“

 

„Erinnerst du dich an diese Tonne, aus der B.A. den Boden herausgeschweißt hat? Ich steckte da drin. Einer der Wagen hat mich gerammt und ich bin mit der Tonne ein Stück durch die Luft geflogen. Du hast das nicht mitbekommen, weil du oben auf der Feuertreppe warst“, sagte Murdock rasch. „Es ist nichts. Amy hat sich um mich gekümmert, ich war nur ein bisschen benommen nach der harten Landung.“

 

Face hielt ihn fest, als er aufstehen und gehen wollte. „Warum hast du mir oder Hannibal nicht Bescheid gesagt? Du könntest eine Gehirnerschütterung haben.“

 

„Es geht mir gut. Hey, Facey, hey – der Colonel hat sich meine blauen Flecken angesehen. Sie sind nicht schlimm. Und den Schwestern im V.A. erzähle ich, dass ich die Treppe runtergefallen bin.“

 

„Na gut“, lenkte Face ein. „Aber lass’ mich sehen, wie schlimm es ist. Dann besorge ich dir noch irgendetwas aus dem Drugstore, bevor wir nach Hause fliegen. Der Flug nach L.A. dauert immerhin sechs Stunden.“

 

Murdock sah ihn einen Moment lang an, dann zuckte er mit den Schultern und schlüpfte aus seiner Lederjacke, die er achtlos über Face Jackett warf. Auf dem weißen T-Shirt, dass er unter dem Hemd trug, zeigten sich getrocknete Blutflecken.

 

Face stand auf, zog Murdock ebenfalls auf die Beine und drehte ihn um, so dass das Licht besser auf seinen Rücken fiel. Dann schob er das T-Shirt hoch. Murdocks Rücken war mit tiefroten und violetten Prellungen übersäht. Quer über seine Schulterblätter zog sich wie ein breiter dunkelroter Striemen der Abdruck des oberen Fassrandes, der sich beim Aufschlagen auf den Boden in die Haut des Piloten geprägt hatte. Allerdings konnte er keine Wunde entdecken, die das Blut erklärte. Er schob das T-Shirt höher, über Murdocks Kopf und bemerkte dabei die verklebten Haare an dessen Hinterkopf. Vorsichtig strich er sie auseinander und entdeckte eine verkrustete Platzwunde etwa von der Größe eines Quarters. „Es ist nichts“, machte er Murdock nach. „Ist das vielleicht nichts?“ Er ergriff den Piloten bei den Oberarmen, vorsichtig darauf bedacht, keine der verfärbten Hautpartien zu berühren und drehte ihn zu sich herum. Die Prellungen auf seiner Brust waren blasser, aber trotzdem deutlich zu erkennen. „Wie kannst du damit nur den ganzen Tag durch die Stadt laufen?“, murmelte er.

 

Murdock sah ihn über den zusammengeschobenen Saum des Shirts an und zuckte mit den Schultern. „Hannibal hat mit einer angeknacksten Rippe weitergemacht.“

 

„Daran musst du mich nicht erinnern!“ Wenn er nur ein wenig früher gekommen wäre, hätte er diesen Scully vielleicht daran hindern können... Face brach den Gedanken ab. „Geh’ unter die Dusche“, meinte er dann. „Ich sehe nach, was ich dabei habe.“ Er sah Murdock nach, der brav ins Bad trottete und ging anschließend zum Schrank, wo er seinen Koffer verstaut hatte. Er legte ihn aufs Bett und nahm die wenigen Kleidungsstücke heraus, die ordentlich zusammengefaltet waren. Dann entfernte er den doppelten Boden des Koffers. Bargeld in verschiedenen Währungen, ein paar Kreditkarten, die auf unterschiedliche Namen lauteten und dazu gehörige Visitenkarten, Führerscheine und Ausweise, die alle das gleiche Gesicht zeigten – seines. Face war gerne auf alles vorbereitet. Und dazu gehörte eben eine Reihe von falschen Identitäten. Andere Leute sammelten Briefmarken. Aber jetzt benötigte er nichts davon, sondern ein schmales Ledermäppchen. Er öffnete es und sah sich den Inhalt an. Neben einer Spritze befanden sich darin verschiedene Ampullen mit Narkotika und Antibiotika, und ein Fläschchen mit dem Schlafmittel, das sie B.A. ins Essen mischten, wenn er fliegen sollte. Ein Skalpell, Nähzeug, Pflaster und einige Röhrchen mit Tabletten gegen Fieber und Schmerzen. Er nahm eins davon und eine kleine Flasche Jod heraus. Statt Gaze würde er ein sauberes Taschentuch zum Abtupfen der Wunde verwenden. Face breitete die Artikel auf dem Bett aus und schloss dann den Koffer wieder, um ihn im Schrank zu verstauen. Abschließend stellte er einen Stuhl direkt unter die Lampe in der Mitte des Raumes, fand eine kleine Schere in einer Schublade des Schreibtisches und legte sie in Griffweite. Dann wartete er auf Murdock.

 

Schweigend nahm er Murdocks Arm und führte ihn zu dem Stuhl, als der Pilot aus dem Bad kam, nur ein Handtuch um die Hüften. Erst jetzt konnte man das ganze Ausmaß seiner Verletzungen sehen. Über die Rückseite der langen Beine zogen sich dunkle Blutergüsse. Die Knie waren gerötet und mit Schorf bedeckt. Stumm den Kopf schüttelnd, machte er sich daran, die Haare rund um die Platzwunde an Murdocks Hinterkopf wegzuschneiden, säuberte sie und träufelte vorsichtig etwas Jod darauf. Er hörte den Piloten nach Luft schnappen und sah ihn zusammenzucken. „Tut mir leid“, murmelte er. Jetzt war er froh darüber, dass Hannibal darauf bestanden hatte, dass er lernte, wie man solche Verletzungen selbst behandelte – für den Fall, dass das Team getrennt wurde oder weder er noch B.A. in der Lage waren, ihm zu helfen.

 

„Hey, Kumpel, kein Problem“, kam es von Murdock. „Ich wollte schon immer mal wissen, wie sich der Baum fühlt, den Woody anpickt.“

 

Face lächelte unwillkürlich. „Einen Verrückten Woody Woodpecker sehen zu lassen, ist als ob man versucht, Feuer mit Benzin zu löschen.“ Murdock wandte den Kopf ein wenig und sah zu ihm hoch. Nur für einen Moment, dann sah er wieder geradeaus. Face war sich nicht sicher, ob er den Piloten jetzt beleidigt hatte, aber er konnte die Worte auch nicht zurücknehmen. Also hielt er lieber den Mund und betrachtete die Prellungen. Im Augenblick gab es nichts, was er noch für ihn tun konnte, also gab er ihm nur zwei der Schmerztabletten aus einem der Röhrchen, die Murdock klaglos und ohne Wasser schluckte und schickte ihn dann ins Bett.

 

Er machte sich selbst bettfertig und nach einem kurzen „Gute Nacht“, schlüpfte er unter die Decke und knipste das Licht aus.

 

* * *

 

Der Schlaf wollte nicht kommen. Face lag eine Weile still und lauschte in die Dunkelheit. Abgesehen von den leisen, regelmäßigen Atemzügen Murdocks konnte er nur fernes Verkehrsrauschen wahrnehmen, Motorenknattern, vielleicht ein Flugzeug. Geräusche, an die er seit frühester Kindheit gewöhnt war. Er drehte sich auf die Seite, dann auf den Bauch. Er rollte sich wieder zurück auf den Rücken, setzte sich auf, boxte das Kissen zurecht – und fand immer noch keinen Schlaf.

 

Plötzlich war da das Rascheln von Bettzeug, leise Schritte nackter Füße und dann das Gewicht eines zweiten Körpers. Face seufzte leise. „Kannst du nicht schlafen?“, fragte er. „Hast du Schmerzen?“

 

„Du hältst uns wach.“

 

„Tut mir leid... was meinst du mit ‚uns’?“ Face drehte sich auf die Seite. Es war zu dunkel, um mehr als einen Umriss zu erkennen.

 

„Billy und mich.“

 

Er konnte am Klang der Stimme hören, dass Murdock lächelte. „Kein Hund in meinem Bett, Murdock, egal ob unsichtbar oder nicht.“

 

„Ach komm, sei kein Spielverderber, Facey. Billy schläft jede Nacht in meinem Bett – und außerdem hat er ein neues Flohhalsband.“

 

Face wäre fast zurückgeschreckt, als eine Hand sein Gesicht berührte. „Verdammt, du hast mich erschreckt“, flüsterte er in die Dunkelheit.

 

Es war einen Moment lang still. „Ich bin es doch nur, Face.“ Die Stimme des Piloten klang zugleich beschwichtigend, als auch traurig.

 

„Es ist okay. Es ist okay.“ Face griff nach ihm und zog ihn an sich, legte die Arme um Murdocks Taille und hielt ihn fest. Es war nicht das erste Mal, dass sie so zusammen lagen, versuchten zu schlafen, wie zwei verängstigte, erschöpfte Kinder. Er hielt Murdock, wie er ihn schon so oft gehalten hatte, in den kalten Nächten in Dan Hoi und an anderen, besser vergessenen Orten. „Es ist okay“, flüsterte er wie einen Schutzbann und drückte seine Wange in das Haar des anderen Mannes. „Wir sind okay.“

 

Dann endlich kam der Schlaf und mit ihm das Vergessen.

 

* * *

 

Etwas kitzelte seine Nase, reizte ihn zum Niesen. Face hob die Hand, versuchte das störende Ding weg zu stoßen und kollidierte mit etwas weichem. „Was...?“ Er schlug die Augen auf und blinzelte. Durch die Jalousien vor dem Fenster fielen Lichtstreifen. Es musste Tag sein. Und das Kitzeln in seinem Gesicht wurde von Murdocks Haaren verursacht. Er schob ihn sacht ein wenig zur Seite, so dass der Kopf des Piloten auf seiner Schulter statt auf seiner Brust lag. Murdock murmelte ohne aufzuwachen einen Protest und rückte enger an ihn.

 

Face grinste. Murdock brauchte den Kontakt zu anderen wie eine Blume Wasser. Ein Blick, ein Lächeln, ein Klaps auf den Rücken, eine Hand auf seiner Schulter, eine kurze Umarmung – das alles schien ihm als Anker zu dienen. Und jedes Mal, wenn sie ihn ins V.A. zurückbrachten, fragte er sich, wer dort für ihn da war, ihn berührte, festhielt. Da war niemand. Vielleicht war das der Grund, warum Murdock meist für sich alleine blieb, mit Billy spielte, las – der gute „Onkel George“ sorgte stets für Lesenachschub – oder stundenlang „Space Invaders“ jagte. Er sprach nie viel über das Krankenhaus und vielleicht machte sich auch keiner von ihnen die Mühe, genauer nachzufragen, weil sie es gar nicht wissen wollten. Jeder von ihnen war irgendwann einmal dem Punkt nahegekommen, an dem sie selbst fast in der psychiatrischen Klinik gelandet waren.

 

Er schloss die Augen wieder und ließ sich in dem Gefühl von Wärme und Geborgenheit treiben. Unwillkürlich verglich er die Situation mit dem gestrigen Abend, obwohl er wusste, dass es weder gegenüber Murdock noch Diana fair war. Und doch... Einer der Gründe, warum er nie über Nacht bei einer Frau blieb, war die Angst, dass er träumte und sie in einem Albtraum verletzte. Es war nicht undenkbar, denn immerhin hatte er einmal Hannibal ein blaues Auge verpasst, als sie in einem Zelt übernachteten und der Colonel versuchte, ihn zu wecken. Danach wusste Hannibal Vorsicht walten zu lassen. Dagegen träumte er so gut wie nie, wenn Murdock bei ihm schlief – als wäre er ein einziger, lebensgroßer, indianischer Traumfänger...

 

Murdock murmelte erneut im Schlaf, seine Lider zuckten und Face streckte die Hand nach ihm aus, strich ihm das Haar aus dem Gesicht zurück. Vielleicht war es die Berührung, die Murdock zurückholte, von wo auch immer.

 

Der Pilot schlug die Augen auf und sah ihn einen Moment verständnislos an, dann lächelte er schlaftrunken und schlang die Arme um seinen Nacken. „Guten Morgen, Facey.“

 

„Hi, Murdock.“ Face sah zu ihm auf. „Wie fühlt sich dein Rücken an?“

 

„Okay.“ Murdock machte keine Anstalten, ihn los zu lassen. „Danke, dass ich bei dir schlafen durfte.“

 

Face lachte und verwuschelte ihm das ohnehin wirre Haar. „Jederzeit. Das weißt du doch. Ich habe es dir versprochen.“ Er richtete sich auf. „Na los, raus aus dem Bett mit dir, Faulpelz. Suchen wir Amy und laden sie zum Mittagessen ein. Oder willst du lieber die Zeit bis zum Abflug mit Tracy verbringen? Du musst nur um vier am Flughafen sein, dann...“ Er unterbrach sich, als Murdock den Kopf schüttelte.

 

„Tracy und ich – wir haben uns schon voneinander verabschiedet. Sie wird mir schreiben.“ Er sah zur Seite, spielte mit einer Falte in der Bettdecke, fand einen losen Faden, zupfte daran.

 

„Sie ist doch sehr... sie ist sehr nett.“ Face räusperte sich. „Warum... also wenn du willst, dann kannst du doch noch ein paar Tage hier bleiben. Amy bleibt auch bis Ende der Woche, du kannst mit ihr zusammen zurück nach L.A. fliegen.“ Eigentlich wusste er im gleichen Moment, als er sprach, dass sein Vorschlag nicht klug war. Murdock konnte nicht so lange ohne Begründung aus dem Krankenhaus wegbleiben und da der Trip nach New York nicht mehr als insgesamt drei Tage dauern sollte, hatten sie keine aufwändigere Cover-up-Story vorbereitet. „Ich meine, du hast so selten... du scheinst so selten... jemand kennen zu lernen. Dich zu amüsieren.“

 

Ein seltsam wehmütiger Zug lag für einen Moment um den Mund und die Augen des Piloten, ein Ausdruck, wie Face ihn noch nie zuvor gesehen hatte – aber dann lächelte Murdock und er war wie weggewischt. „Amüsieren“, wiederholte er, als präge er sich ein Fremdwort ein. „So wie du mit Diana. Und Louanna. Und Sally. Und dieser... wie hieß sie noch?... Patty. Und das sind nur die in diesem Monat.“

 

Zu seinem Unwillen spürte Face, dass er rot wurde. „So in etwa.“

 

Der Pilot hob die Hand und begann, Pecks Gesichtszüge mit einem Finger nachzufahren, als wäre er blind und erkunde sie nach Gefühl. „Ich bin nicht wie du, Faceman.“ Seine Fingerspitze drückte sanft gegen die Mitte seiner Stirn. Dann glitt sie über die Nasenspitze, den Nasenrücken, um über die Lippen des anderen Mannes zu reiben. Ohne ihm die Chance zu einer Antwort zu lassen, beugte er sich zu ihm herunter und küsste ihn.

 

Der Kuss war... sanft, ohne Forderung und so vertraut... so vertraut, dass Face überhaupt nicht daran dachte, zu protestieren. Ihre Grenzen waren vor langer Zeit zerbrochen worden und zwischen ihnen hatten sich nie neue Barrieren errichtet. Face schloss die Augen, verunsichert, fast überwältigt von der Welle der Zärtlichkeit für den Mann in seinen Armen, die ihn überrollte. Der Wunsch, ihn zu schützen, zu halten - zu lieben, weil er wiedergeliebt wurde - war immer da gewesen. Aber zum ersten Mal mischte sich jetzt ein Verlangen nach mehr damit. Er wollte den langen, sehnigen Körper des Piloten an seinem fühlen; seine Haut; die Muskeln, die darunter verborgen lagen. Seine Hände schoben sich zwischen sie, glitten über Murdocks Oberkörper, Haar kitzelte seine Handflächen wo er sonst statt harten Muskeln die sanfte Schwere von Brüsten fand. Seine Finger spreizten sich aus, halb abwehrende Geste, halb um mehr von ihm zu spüren, als Face Murdock wiederküsste. Die schmalen Lippen öffneten sich ihm. Er ließ seine Hände weiterwandern, um die schmale Taille, erinnerte sich gerade noch eben so an die Prellungen und nahm den Druck aus seiner Berührung, als er der deutlich fühlbaren Wirbelsäule nach oben folgte. Seine Handflächen glitten wieder nach unten, diesmal an den Flanken des Piloten entlang und er hörte Murdock leise seufzen. Er zog ihn ganz auf sich und als sich die volle Länge ihrer Körper berührte, glitt ein Schauer durch ihn. In seinem Kopf blitzte völlig zusammenhanglos ein Schild auf, das er am Flughafen gesehen hatte: New York ist immer für eine Überraschung gut.

 

Nicht nur New York, dachte er.

 

Und dann hörte er auf zu denken.

 

* * *

 

Déjà vu. Wieder kitzelte etwas sein Gesicht und reizte ihn fast zu niesen. Und wieder öffnete Face die Augen und starrte auf den Haarschopf von Murdock, dessen Kopf auf seiner Brust lag. Er blinzelte, die Lichtstreifen, die in den Raum fielen, waren nun viel heller.

 

Murdock murmelte im Schlaf und rieb seine Wange wie eine große Katze an Face Brust. Er lächelte und beugte sich vor, presste einen Kuss auf das wirre Haar. Ein Seufzen. Dann wandte Murdock den Kopf und schlug die Augen auf – große, schläfrige, schokoladenfarbene Seen, in denen man ertrank, wenn man zu lange hinsah. Aber was ihm einen Stich versetzte, war das unglaubliche Vertrauen, die kindliche Offenheit, die in Murdocks Blick und seinem Gesicht geschrieben stand. Er verdiente das nicht. Und er fragte sich plötzlich, was sie getan hatten.

 

„Hannibal bringt mich um.“ Der Gedanke war über seine Lippen, bevor er sich überhaupt bewusst war, ihn gedacht zu haben. „Ich sollte auf dich aufpassen, nicht dich verführen. Verdammt. Mache ich jetzt vor gar nichts mehr halt?“ Die Bitterkeit in seiner Stimme erschreckte ihn.

 

Murdock wandte das Gesicht wieder ab, küsste sein Schlüsselbein. In seinen Worten schwang kaum unterdrücktes Gelächter mit. „Sag’ ihm einfach, ich habe angefangen.“

 

„Ich werde überhaupt nichts sagen.“

 

„Er wird es uns an der Nasenspitze ansehen“, murmelte Murdock. „Er sieht alles.“ Er lachte leise, dann fand sein Mund eine angenehmere Beschäftigung an Face Hals. „Facey, du bist in Schwierigkeiten. Ich bin verrückt, ich bin nicht verantwortlich für das, was ich tue. Das habe ich schriftlich.“

 

Ihre Unterhaltung war so bizarr, dass Face lauthals zu lachen begann. Murdock stimmte mit ein. Er richtete sich auf und sah auf Face hinunter. Er legte ihm einen Finger über die Lippen. „Lass’ uns jetzt nicht über den Colonel sprechen. Lass’ uns überhaupt nicht reden, Face.“ Er legte den Kopf zurück auf Face Brust.

 

Er hielt Murdock fest, einfach nur fest, während seine Gedanken eine Million Meilen in der Minute zurücklegten und in alle Richtungen glitten. New York. Etwas hatte hier begonnen. Oder vielleicht geendet...

 

 

Ende