Ein neuer Start?



Autor: LadyCharena (Mai 2018)

Fandom: Tarzan (Warner Bros. 2003)

Episode: nach 1.8 „The End of the Beginning

Worte: 3204

Charaktere: Jane Porter, John Clayton Jr. (Tarzan), Sam Sullivan; erwähnt: Kathleen Clayton, Richard Clayton, andere Canon-Charaktere

Pairing: John/Jane

Rating: pg, het





Summe: Nach der Anhörung versuchen Jane, Sam und John sich in Janes Wohnung über ihre neue Situation klar zu werden.



Anmerkung: Alles, was in der Serie nicht direkt zu sehen ist, habe ich erfunden, um für mich die Lücken in der Story zu füllen,



Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.







Jane nahm eine der Papierservietten und wischte sich die Finger ab. Das Hochgefühl, das sie aus dem Gerichtssaal bis in ihre Wohnung begleitet hatte, verlor sich ein wenig, als sie John betrachtete.



Sie fragte sich, was in ihm vorging. Sicher faszinierte ihn nicht die Pizza – Peperoni, keine Pilze, ihre Lieblingssorte – die unberührt auf dem Teller lag, auch wenn er sie so misstrauisch ansah, als erwarte er einen Angriff.



So vieles ging ihr durch den Sinn. Was würde er jetzt tun? Ein Prozess war abgewendet. Es war zwar kein Freispruch, bedeutete aber, dass er sich jetzt weder vor der Polizei, noch vor seinem Onkel Richard verstecken musste. Würde er in die Wohnung seiner Eltern – oder genauer gesagt, in den verwilderten Wintergarten mit freiem Ausblick auf dem Central Park – zurückkehren? Seine Tante hatte es vorgeschlagen, als sie das Gerichtsgebäude verließen und sich durch einen Pulk an Presse kämpfen mussten.



Trotz aller Bemühungen von Richard Clayton war die Geschichte seines Neffen an die Öffentlichkeit durchgesickert. Der verlorene Erbe des Greystoke-Firmenimperiums füllte die Schlagzeilen. Fotos und Filmaufnahmen von John, sein Gesicht meist halb hinter den langen Haaren verborgen, seine Augen erfüllt mit dem gehetzten Ausdruck eines Gejagten, waren in allen Nachrichtensendungen zu sehen.



Richards und Kathleens Anwälte hatten es wider alle Erwartung geschafft, John bis zur Verhandlung auf Kaution frei zu bekommen. Ein Wunder, wenn man betrachtete, dass er wegen angeblichem Mordes an einem Detective des NYPDs angeklagt werden sollte. Sie hatten keine Kosten gescheut, all ihre Beziehungen und ihren nicht unbeträchtlichen Einfluss benutzt, um John vor dem Gefängnis zu bewahren. Er hätte im Gefängnis nicht lange überlebt. Kathleen bezahlte auch Janes Kaution.



Angesichts des brisanten Falles und des großen öffentlichen Interesses, war die Anhörung auf den frühestmöglichen Termin angesetzt worden.



Jane war um eine Anklage wegen Beihilfe herum gekommen, blieb aber vorerst bei vollen Bezügen suspendiert. Lieutenant Connor versicherte ihr, dass dies nicht als Makel in ihrer Dienstakte stehen würde, sondern sie einfach nur aus der Schusslinie nahm. Es gab leider nicht gerade wenige unter ihren Kollegen, die sie als Verräterin ansahen, die einem Polizistenmörder geholfen hatte, seiner vermeintlich gerechten Strafe zu entkommen.



Natürlich war auch ihr Privatleben im Internet und TV ausgebreitet worden. Jane versuchte, sich so wenig wie möglich damit zu beschäftigten. Sie ignorierte die Schlagzeilen, wenn sie an Zeitungsständen vorbei kam und schaltete den ohnehin kaum benutzten Fernseher überhaupt nicht mehr ein. Trotzdem blieb ihr nicht verborgen, dass es gemischte Kommentare gab.



Da waren diejenigen, die es romantisch fanden, wie sie für den Mann kämpfte, der im Verdacht stand, ihren Verlobten getötet zu haben. Und diejenigen, die das als abscheulichen Verrat ansahen. Es gab sogar Spekulationen darüber, dass sie sich der Beihilfe schuldig gemacht hatte.



Als sie das erste Mal davon gehört hatte, verschlug es Jane vor Schmerz den Atem. Sie hatte Michael geliebt, sie liebte ihn immer noch. Es hatte ihr das Herz zerrissen, als er vom Dach stürzte, aber nicht eine Sekunde lang gab sie John die Schuld daran. Schließlich hatte sie mit eigenen Augen gesehen, wie Michael ihn angriff und das John fast selbst vom Dach stürzte, als er versuchte, Michael zu retten. Er hatte ihn unmöglich festhalten können, sein Arm durch die Schusswunde, die ihm Michel im Parkhaus zugefügt hatte, geschwächt und seine Finger glitschig mit dem unablässig strömenden Blut.



Sie verstand noch immer nicht, wie Michael ihr an einem Tag einen Heiratsantrag machen konnte und am nächsten das Vertrauen zu ihr so vollständig verlor. Ja, sie hatte ihn angelogen, hatte John vor ihm versteckt, hatte ihn in gewisser Weise betrogen  – aber da war plötzlich eine Seite an Michael aufgetaucht, die sie nie zuvor gesehen hatte. Diese blinde Eifersucht, die jegliche Vernunft in den Staub trat und ihn für alles, was sie sagte, taub machte. Er jagte John so unbarmherzig wie ein wildes Tier und was Jane ihm am wenigsten vergeben konnte, war dass er sich mit Richard Clayton verbündete. Der Michael, den sie zu kennen glaubte, hätte so etwas nie getan.



Der CEO von Greystoke Industries hatte seinen eigenen Neffen gefangen gehalten und unter Drogen gesetzt, nachdem er ihn im Dschungel des Kongo fand. Zwanzig Jahre lang hatte Clayton nach den Leichen seines Bruders, seiner Schwägerin und ihres gemeinsamen Sohnes gesucht. Und dann, als er das Wrack des abgestürzten Flugzeuges fand, und John, der auf so wundersame Weise überlebt hatte, verheimlichte er alles und sperrte ihn ein wie ein exotisches Tier? Versuchte mit Gewalt und Drogen seinen Willen zu brechen, angeblich um ihn zu „zivilisieren“? Clayton sagte vor Gericht  aus, Michael hätte sich an ihn gewandt, um Jane zu retten.



Der Gedanke lag wie eine Bürde auf ihren Schultern. Ja, sie trug eine Mitschuld an Michaels Tod, aber es hatte nichts damit zu tun, was in dieser Nacht auf dem Dach des Parkhauses geschehen war.



Jane schreckte aus ihren Gedanken hoch, als im Wohnzimmer Jubel aufbrandete. Sam hatte sich seinen Anteil an der Pizza geschnappt und war damit nach nebenan gegangen, etwas über College-Football murmelnd.



John schien sich in der Zwischenzeit nicht gerührt zu haben. Er betrachtete immer noch das Stück Pizza, das sie vor ihm abgestellt hatte, als sie ihn endlich dazu überreden konnte, sein scheinbar zielloses Umherwandern in ihrer Wohnung aufzugeben.



War es arglose Neugier, die ihn dazu trieb, sich alles genau anzusehen oder war er auf der Hut vor möglichen Gefahren? Hatte so sein Leben in den vergangenen zwanzig Jahren ausgesehen oder war ihm die Zivilisation mit ihren vermeintlichen Wundern und Errungenschaften einfach zu unsicher? Nach den Erfahrungen, die er bisher gemacht hatte, konnte Jane es ihm nicht verdenken. Gehetzt wie ein wildes Tier, egal wohin er sich wandte; konfrontiert mit einer Umwelt, die auf ihre Art so gefährlich wie der Dschungel war und ihren Bewohnern, die seine Absichten missdeuteten.



Sie erinnerte sich an die Frau im Park, die John vor vier Angreifern gerettet hatte. Obwohl sie ihm ihr Leben verdankte, hatte die Joggerin sich vor seiner „Wildheit“ gefürchtet.



Jane wusste, sie war nicht viel besser. Auch sie hatte ihm vorgeworfen, dass er im Kampf die Kontrolle über sich verlor. Hatte ihm gesagt, dass sie nicht wusste, wie sie ihm vertrauen konnte, dass er sie nie ihr gegenüber verlor. Obwohl auch ihr gerade diese dunklere Seite seiner Persönlichkeit mehr als einmal das Leben gerettet hatte.



Hinter dem grenzenlosen, kindlichen Wunder in seinen Augen, wenn er etwas Neues entdeckte und der unerschütterlichen Überzeugung, dass Jane zu ihm gehörte, lag etwas, dass ihr Angst machte. Etwas Archaisches. Wildes. Unbeherrschtes. Etwas, dass aus den Jahren des Überlebenskampfes; aus den Verlusten, die er erlitten hatte; aus dieser tiefen, grenzenlosen Einsamkeit, die sie ihn ihm spürte, geboren war.



John hatte gesagt, er könne nicht in den Kongo zurück, dort war nicht seine Heimat, weil es dort niemanden gab, der so wäre wie er.



Es gab auch in ganz New York niemanden, der so war wie John Clayton. Gehörte er hierher?



Endlich nahm John das Pizzastück in die Hand, hob es vom Teller hoch. Kalt und inzwischen labbrig erschien es nicht mehr besonders einladend und Jane fragte sich plötzlich, wieso sie auf die Idee gekommen war, ausgerechnet Pizza zu bestellen. Als sie John das erste Mal gesehen hatte, teilte er sich im East Village mit einer Meute verwilderter Hunde rohes Fleisch, das er aus einer Metzgerei gestohlen hatte, nachdem er das Schaufenster einschlug. Vielleicht hätte sie es mit Hamburgern versuchen sollen. Oder Sushi. Bei rohem Fisch wusste sie wenigstens sicher, dass er ihn mochte, auch wenn er selbstgefangenen vorzog.



Kathleen gab zu Ehren des Freispruchs ihres Neffen einen Empfang. Sie sah sich dazu verpflichtet, um den vielen Menschen zu danken, die ihr geholfen hatten, aber bestand in weiser Voraussicht nicht darauf, dass John teilnahm und sich angaffen ließ.



Es hatten sich bereits vor der Anhörung Reporter von Zeitungen und Fernsehsendern gemeldet, die Johns Geschichte erzählen wollten, von Buchverträgen und sogar dem Verkauf der Filmrechte war die Rede. Enorme Geldsummen wurden geboten, sowohl für Interviews als auch Auftritte. Kathleen beschäftigte inzwischen einen eigenen Anwalt nur damit, diese Meute im Zaum zu halten. Sie drohte jedem mit Klage, der unerlaubt etwas veröffentlichte. Noch hartnäckiger als die Journalisten waren jedoch die Psychologen und Verhaltensforscher und wer noch alles daran interessiert war, John unter ein Mikroskop zu stecken und seine Psyche zu sezieren.



Jane vermutete, dass viele ihrer Fragen die gleichen waren, die sie sich selbst stellte.



Doch John sprach kaum darüber.



Nicht, wie er all die Jahre überlebt hatte. Aus den Unterlagen über die Expedition, die zu Johns Entdeckung geführt hatte - und die Richard Clayton den Anwälten überlassen musste - ging hervor, dass in der Nähe des Flugzeugwracks eine Gorillafamilie lebte. Und so unglaublich es auch klang, die Tiere schienen den Fünfjährigen in ihrem Revier zu dulden, ihn in gewisser Weise sogar bei sich aufgenommen zu haben. Aber da mussten auch andere Menschen gewesen sein. Jemand, der ihm den Namen Tarzan gegeben hatte, als er den Namen vergaß, den ihm seine Eltern gegeben hatten. Sie hatte es in seinem Gesicht gesehen, als er die Trommler beobachtete.



Als sie sich in der Hütte von Sams Familie versteckten; als John ihr zeigte, wie man einen Fisch mit der Hand fing und während seiner Begegnung mit dem Wolf, hatte sie eine tiefe Ruhe in John gespürt. Eine Harmonie mit seiner Umgebung, die er in der Stadt nicht fand.



John war sich dessen nicht bewusst, aber er war ein reicher Mann. Greystoke Industries war ein Milliardenschweres Unternehmen und John gehörte ein Drittel davon, der Anteil seines Vaters, der auf ihn übergegangen war. Geld, das ihm nichts bedeutete, ihm aber Freiheit gab. John konnte gehen, wohin er wollte. Machen, was er wollte. Einen Ort finden, an den er passte. An dem er glücklich sein konnte.



Ein Teil von ihr wollte ihn nicht verlieren. Wollte ihn an ihrer Seite wissen. Genau hier in New York.



Wo er niemals glücklich sein konnte, weil er sich gefangen fühlte.



Der Gedanke, diesen komplizierten, widersprüchlichen Mann vielleicht nie wieder zu sehen, tat weh.



John hob plötzlich den Blick und fixierte sie mit seinen hellblauen Augen so intensiv, als könne er ihre Gedanken lesen.



Jane lächelte und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Schmeckt dir die Pizza nicht?“, fragte sie.



„Pizza.“ John wiederholte das Wort wie eine Frage. Er leckte Tomatensoße vom Rand des Teiges und stopfte sich dann das ganze Pizzastück in den Mund, heftig kauend mit einem wilden, vergnügten Grinsen auf dem Gesicht. Wischte sich Krümel und Käse mit dem Unterarm vom Kinn. „Ist noch mehr davon da?“ In solchen Momenten war er ein kleiner Junge im Körper eines erwachsenen Mannes.



Sie stand auf und holte die zweite Pizzaschachtel, stellte sie auf den Tisch und wandte sich ab, um nach dem Messer zu suchen, das sie zum Aufteilen der Pizza verwendet hatten. Die Mühe hätte sie sich sparen können. John war bereits dabei, sie mit den Händen in Stücke zu reißen.



Nun, Tischmanieren spielten im Dschungel wohl keine besondere Rolle. Mit einem Achselzucken legte Jane das Messer ins Spülbecken. „Ich sehe mal, was Sam macht“, meinte sie. Obwohl sie keine Antwort erwartet hatte – und auch keine erhielt – spürte sie Johns wachsamen Blick im Rücken, als sie die Küche verließ.





# # #





John legte ein angebissenes Stück Pizza zur Seite und leckte nachdenklich das rote Zeug von seinen Fingern. Die Farbe erinnerte ihn an Blut, doch der Geschmack war so ganz anders.



Er konnte sich nicht erinnern, ob er schon einmal Pizza gegessen hatte. Die Erinnerung an seine Kindheit war so weit weg, undeutlich wie Schatten im Morgennebel. Einzig die Gesichter seiner Eltern waren klar in seinem Gedächtnis. Aber das lag daran, dass er das Medaillon seiner Mutter mit einem Foto von ihnen im Wrack gefunden hatte.



So viele Fragen. Seine Fragen. Janes Fragen. Fragen. Fragen. Fragen.



Sie umzingelten ihn wie wilde, gefährliche Tiere, die er nicht sehen konnte. Sprangen ihn aus dem Dunkel an und rissen Wunden in ihn.



Sie ließen sich nicht vertreiben, umschwirrten ihn gnadenlos, wohin er auch immer ging.



Er hatte versucht, sich vor ihnen zu verstecken.



Er hatte versucht, sie durch Schweigen zu ersticken. So sehr, dass Richard glaubte, er hätte seine Sprache ganz verloren. Aber das hatte er nicht. Sie war nur hinter dem Schweigen versteckt gewesen. Als er in einer fremden, gleißenden Welt aufwachte; auf einen Tisch geschnallt, eine Wunde in seiner Brust, von der Schmerz in Wellen durch seinen Körper strömte, hatte er kein Wort von sich gegeben, egal wie viele Fragen ihm gestellt wurden. Egal wie lange er sich nach anderen Menschen gesehnt hatte, alles um ihn war falsch: die Geräusche, die Gerüche, die Stimmen, die Wände.



Das Schweigen war seine einzige Waffe gewesen. Gegen Richards Fragen. Gegen die Nadeln, die in sein Fleisch stachen und eine merkwürdige Leere in seinem Kopf erzeugten, eine kalte Müdigkeit, die seine Haut kribbeln ließ, wie ein Überfall durch eine Kolonie Ameisen. Gegen die Wände, die ihn einsperrten. Das Schweigen war wie eine wärmende Decke gewesen, in den Nächten, in denen er sich in den Schlaf wiegte.



Erst Jane hatte ihm die Sprache zurückgegeben. Nicht um ihre Fragen zu beantworten, nur das Schweigen hielt sie im Zaum. Sondern weil sie die Worte brauchte um ihn zu verstehen. Sie konnte ihn ohne Worte nicht verstehen, nicht wie er sie verstand, mit einem Blick in ihre Augen, ihr Gesicht, auf ihren Mund, ihre Hände.



Jane sagte Dinge mit dem Mund, denen ihre Augen widersprachen. Ihre Worte sprachen von Regeln, von Verboten, aber ihr Blick besagte etwas völlig anderes, wenn er ihre Wange berührte.



Heute, in dem mit Menschen vollstopften Raum, den er nicht ohne Schuhe hatte betreten dürfen, in dem er seine Freiheit zurückerhalten sollte – wie konnte man jemand seine Freiheit wegnehmen? – hatte sie zum ersten Mal seit Michaels Tod vorbehaltslos gelächelt. Wärme wie Sonnenschein leuchtete in ihren Augen. Ihre Gegenwart war das einzige gewesen, dass ihn seine Angst unter Kontrolle hatte halten lassen, die Wut, das erdrückende Gefühl, gefangen zu sein.



Vorhin war die Distanz in ihre Augen zurückgekehrt. Die Fragen. Er hatte sie über ihr Gesicht hetzen sehen, wie Schatten fliehender Tiere.



John entschied, dass Pizza eines der Dinge war, ohne die er leben konnte. Sie lag wie Steine in seinem Magen und der Geschmack auf seiner Zunge war unidentifizierbar. Das war nicht gut. Dinge sollten einen Geschmack haben, nicht viele. Fisch schmeckte wie Fisch. Beeren wie Beeren. Wurzeln wie Wurzeln. Sand. Asche. Staub. Alles hatte seinen individuellen Geschmack. Selbst der Regen.



Aber in New York schmeckte der Regen genau wie die Pizza nach vielen verschiedenen Dingen.



Wie lebten die Menschen hier mit diesem Mangel an Klarheit.





# # #





Sam griff zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher stumm, als Jane sich neben ihn setzte. Er musterte seine Partnerin einen Moment und runzelte dann die Stirn. „Okay, was hat Dschungelboy jetzt angestellt? Ein Lagerfeuer in der Küche gemacht?“, fragte er, nur halb im Scherz.



„Nenn ihn nicht so.“ Sie gab ihm einen sanften Stoß in die Rippen. „Ich denke er ist kein großer Pizza-Fan.“ Jane lächelte, dann wurde sie wieder ernst. Sie sah Sam an, der nicht nur ihr Partner, sondern auch einer ihrer besten Freunde war. Was er für sie – und für John – getan hatte, ging weit darüber hinaus. Er hatte nicht nur seine Karriere, sondern sein Leben riskiert, weil er ihr vertraut hatte. „Ich habe nur versucht, mir vorzustellen, was wir jetzt machen. Das Versteckspiel hat endlich ein Ende.“



„Jane Porter, Hüterin von Recht und Ordnung und darüber, dass jeder Löffel seinen angestammten Platz in der Schublade nicht verlässt.“ Sam grinste, als Jane ihn mit gespielter Empörung ansah und in die Schulter knuffte. „Im Ernst, Jane. Gönn‘ dir eine Pause. Himmel, gönn‘ ihm ein Pause. Und wenn wir schon dabei sind, gönn‘ mir eine Pause. Ist dir klar, wie viele graue Haare ich deinetwegen bekommen habe? Mädel, ich altere lange vor meiner Zeit mit all den Sorgen, die ihr mir bereitet. Wir sind gerade erst vor ein paar Stunden aus einem Gerichtssaal gekommen, und ich für meinen Teil war mir wirklich nicht sicher, ob wir nicht stattdessen die Anklagebank mit John teilen. Du musst nicht sofort deine und Dschungelboys Zukunft bis ins letzte Detail planen. Warte wenigstens bis morgen.“



„Wer ist gestorben und hat dich zu meinem Boss gemacht?“, entgegnete Jane lachend. Und überraschte sie dann beide mit einem ausgiebigen Gähnen.



„Müde?“, fragte Sam trocken.



„Ich habe letzte Nacht nicht besonders gut geschlafen“, gestand Jane ein. Und das war nur eine leichte Übertreibung. Alles in allem war sie für vielleicht zwanzig Minuten über den Akten eingenickt. „Und dann bin ich früh los, um Kathleen dabei zu helfen, John zu überzeugen, dass er wirklich nicht barfuß vor Gericht erscheinen kann.“ Sie gähnte erneut und legte den Kopf gegen Sams Schulter.



„Ja? Und was ist mit dem Flohbad für ihn, das ich vorgeschlagen hatte?“, neckte Sam sie.



Doch es kam keine Antwort. Jane war eingeschlafen. Sam schaltete den Ton am Fernseher wiederein, stellte ihn aber leiser als zuvor.



Trotzdem wurde er sich erst dann bewusst, dass John in der Tür stand und sie anstarrte, als er zufällig aufsah. Um ehrlich zu sein, fand er es etwas unheimlich. John bewegte sich lautlos. Und er war verdammt schnell. Sam konnte den Ausdruck in seinen Augen nicht deuten.



„Äh… also das hier… ist nicht, nach was es aussieht.“ Sam war sich des Gewichts von Janes Kopf gegen seine Schulter plötzlich überdeutlich bewusst. Er hatte so das Gefühl, dass Dschungelboy der eifersüchtige Typ sein konnte. Und gee, der Junge hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass er Jane für sich beanspruchte. Wobei Sam nicht darüber nachdenken wollte, wie die Beziehung zwischen den beiden aussah. Hell, no. Er konnte sich nur nicht vorstellen, dass sie über Michaels Tod hinweg war, ungeachtet dessen was sie für John empfand oder eben nicht.



„Okay.“ John warf einen Blick auf den Fernseher, runzelte die Stirn, sah dann wieder weg. „Was ist es dann?“



Huh. Manchmal musste Sam den Drang unterdrücken, ihm Erdnüsse zuzuwerfen. „Jane ist eingeschlafen. Ich sitze nur zufällig hier.“



„Ja. So sieht es aus.“ John wandte sich ab. „Wie lange muss ich noch hier bleiben?“



Was sollte Sam darauf antworten? „Hey, geben wir Jane eine Pause, okay?“



Wieder traf ihn ein rätselhafter Blick aus hellblauen Augen. John zuckte mit den Schultern. „Okay“, meinte er und setzte sich auf den Boden, die Knie zur Brust hochgezogen. Mit schiefgelegtem Kopf beobachtete er die Geschehnisse auf der Mattscheibe. „Jane hat versprochen, mir Autofahren beizubringen“, verkündete er zusammenhanglos.



Sam seufzte. Großartig. Genau was New York brauchte.



Warum hatte Jane ihn eigentlich eingeladen? Als Anstandswauwau oder Babysitter für Dschungelboy? Aber eines war klar. Sollte hier irgendjemand auf die Idee kommen, ihn lausen zu wollen, war er weg. Definitiv.





Ende