Titel: Night fall
Autor: Lady Charena
Fandom: SK Kölsch

Spoiler: Die längste Nacht

Pairung: Jupp, Falk
Rating: PG

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Kleine Risse können auch sehr wehtun.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics by Black Heaven.

 

 

I try to live in different ways
And defeat the pain in my face
Time goes by and there is no chance
When night falls, when night falls…

 

“Was is eigentlich los mit dir?” Jupp gab für einen Moment die Fummelei am Autoradio auf und blickte zu seinem Partner hinüber. „Du hast den ganzen Abend über keine fünf Worte gesagt. Ärger mit ’nem Kerl?“

 

„Nein“, kam es einsilbig von Falk.

 

„Was dann? Hattest du heute Abend was anderes vor? Hättest es nur sagen müssen.“ Jupp beugte sich hinüber und kramte im Handschuhfach nach etwas zu essen. Aber bis auf einen angebissenen, eingetrockneten Müsliriegel und zwei lose Kaugummidragees, die sich gräulich verfärbt hatten, blieb seine Suche erfolglos. „Ich dachte, nach dem Stress der letzten Zeit wäre so ne gemütliche, kleine Überwachung die reinste Erholung.“

 

„Ich hatte nichts anderes vor.“ Falk verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich liebe Überwachungen mit dir“, setzte er sarkastisch hinzu.

 

„Boah eh, haben wir miese Laune.“ Jupp knallte das Handschuhfach zu – das sich prompt für die schlechte Behandlung revanchierte, wieder aufging und seinen Inhalt auf den völlig schuldlosen Falk spuckte.

 

„Nein, aber gleich.“ Falk begann die Straßenkarten und den anderen Kleinkram aufzusammeln und zurück zu stopfen. „Kannst du nicht mal aufpassen?“

 

„Jetzt hab’ dich doch nicht so.“ Jupp wühlte in dem Müllberg auf dem Rücksitz, um sich zumindest mit Lesestoff zu versorgen. Bedauerlicherweise waren die Zeitungen von letzter Woche und die Nachrichten nicht wirklich besser geworden.

 

„Ich will mich aber haben.“ Falk rieb an einem Fleck an seinem Hosenbein, den ein im Handschuhfach ausgelaufener Kuli bei seinem kurzen Ausflug in die Freiheit hinterlassen hatte. Und betrachtete dann fluchend seine Finger, sowie den Fleck, der sich beträchtlich vergrößert hatte.

 

„Mann, bist du heute zickig.“ Jupp griff seufzend nach dem Plastikbecher mit Kaffee, doch der war inzwischen auch kalt geworden. Kurzerhand kurbelte er das Fenster runter und schmiss ihn raus.

 

„Also musste das jetzt wieder sein“, schimpfte Falk. „Du bist so ein Umwelt-Schwein, Jupp Schatz.“

 

„Also jetzt reicht mir dein Gemeckere aber endgültig.“ Jupp schlug auf das Lenkrad. „Du sitzt hier herum wie der Trauerkloß in Person, sprichst nicht, und machst mir Vorwürfe.“

 

„Mir reicht es auch endgültig.“ Falk öffnete die Wagentür und stieg aus. „Such dir doch einen anderen Idioten.“

 

„Spinnst du jetzt ganz?“ Jupps Worte gingen im Zuknallen der Tür unter. Er sprang aus dem Auto und sah seinem Partner nach, der sich mit wütend-langen Schritten entfernte. Einen Moment schwankte er zwischen der Pflicht und dem Wunsch, Falk nach zu laufen und aus ihm heraus zu schütteln, was los war. Frustriert schlug er mit den Handflächen aufs Wagendach und stieg wieder ein. Falk würde sich schon wieder abregen. Jupp knallte seinerseits die Autotür zu und angelte eine der alten Zeitungen vom Rücksitz. Dafür schuldete Falk ihm was.

 

* * *

 

Als Jupp am nächsten Tag gegen Mittag unausgeschlafen im Büro auftauchte, erwartete er Falk an seinem Schreibtisch sitzen zu sehen. Er hatte großmütig beschlossen, seinem Partner zu verzeihen und sein Verschwinden mitten in der Observierung zu decken. Aber zumindest ein Kaffee und ein paar Teilchen aus der Kantine sollten schon drin sein.

 

Jedoch, kein Falk.

 

Jupp gähnte und wandte sich an die nächstbeste Informationsquelle. „Heh, Achim. Wo steckt Falk?“

 

Achim zuckte mit den Schultern und sah nicht mal von seinem Computer auf. „Ist ja nett, dass wenigstens einer von euch geruht, heute noch aufzutauchen. Falk hat sich krankgemeldet.“

 

„Krank gemeldet?“ Jupp schnappte sich Achims Kaffeebecher und verzog das Gesicht, als er den Mund voll Kamillentee hatte. Angewidert spuckte er ihn zurück in den Becher. „Und du machst hier gleich einen auf Solidarität, oder was?“ Er stellte den Becher zurück auf Achims Schreibtisch.

 

Der nahm ihn mit spitzen Fingern und warf ihn in den Papierkorb. „Nein. Ich habe manchmal einen empfindlichen Magen.“ Achim wandte sich wieder seiner Arbeit zu. „Habt ihr euch gezofft?“

 

„Was?“ Jupp fuhr sich durch die Haare. „Nein. Keine Ahnung, was mit dem schon wieder los ist. Vermutlich die Midlife-Crisis.“ Da Achim nicht reagierte, trollte er sich an seinen eigenen Schreibtisch, um einen ausführlichen Bericht darüber zu verfassen, was während der Observierung so alles nicht passiert war.

 

* * *

 

Es war natürlich kein Kontrollbesuch. Nein, er kam rein zufällig vorbei und da er Licht in Falks Wohnung sah und seit Flo im Internat war und überhaupt... Jupp klopfte sich selbst auf die Schulter, einen kranken Kollegen zu besuchen, wies schließlich auf erhebliches Feingefühl hin.

 

Natürlich war es die blanke Neugier, die ihn antrieb.

 

Falk öffnete die Tür und sah ihn mit einer Mischung aus Resignation und... na ja, es war vielleicht nicht gerade Freude, aber auch kein Ärger, an. „Komm’ rein“, sagte er und ließ Jupp stehen.

 

Nicht unbedingt eine herzliche Einladung, aber Jupp war da nicht so zimperlich. „Achim hat gesagt, du hast dich krankgemeldet. Was fehlt dir denn?“, fragte er, während er seinem Partner ins Wohnzimmer folgte und seine Jacke über eine Sessellehne warf. Neugierig sah er sich um, doch nichts deutete darauf hin, dass Falk blaugemacht hatte, um sich einer neuen Flamme zu widmen. Alles wie üblich in peinlicher Ordnung. Soweit er das bei der gedämpften Beleuchtung erkennen konnte.

 

„Mir fehlt nichts.“ Falk hielt eine Tasse in beiden Händen und schien ganz in die Betrachtung ihres Inhalts vertieft zu sein. „Du weißt ja, wo der Kühlschrank ist.“

 

Das ließ sich Jupp eher nicht zweimal sagen. Aber trotzdem stoppte er auf halben Weg zur Küchenzeile am anderen Ende des Raumes und drehte sich zu seinem Partner um. „Sag’ mal, du hast doch was. Wir sind doch Freunde.“

 

„Wir sind Freunde, Jupp. Aber ich glaube, es gibt Dinge, die du einfach nicht verstehst.“ Falk wandte sich ab und starrte wieder aus dem Fenster, was er offenbar schon vor Jupps Ankunft getan hatte.

 

„Wie auch, wenn du nie was sagst.“ Jupp trat zu ihm. „Du warst schon so komisch, als wir in diesem Abbruchhaus festsaßen.“

 

„Ich will darüber nicht reden, Jupp.“ Ein warnender Unterton lag in Falks Stimme. „Es ist okay, ja? Ich brauch nur ein wenig Schlaf. Morgen komme ich dann auch wieder ins Büro. Und deshalb würde ich dich jetzt auch bitten, dass du gehst. Danke für deinen Besuch und Tschüss, Jupp.“

 

Jupp machte gar keine Anstalten zu gehen, statt dessen verschränkte er die Arme vor der Brust. „Du klingst aber nicht okay.“

 

„Komm’, mach hier jetzt nicht mal einen auf sensibel, Jupp, nicht dass du dir noch dabei wehtust.“ Falk stellte seine Tasse weg.

 

Jupp grinste. „Hey, gib’ mir ne Chance. Vielleicht habe ich ja doch was gelernt.“

 

Falk sah ihn skeptisch an.

 

Jupp zuckte mit den Schultern.

 

Nach einem Moment wandte sich Falk von ihm ab und sah wieder aus dem Fenster. „Ich kann nicht schlafen, ich...“

 

Den Rest seiner Worte konnte Jupp nicht verstehen, weil er sehr leise sprach. „Was hast du gesagt?“

 

Falk holte tief Luft und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Ich kann nicht schlafen, weil ich nicht alleine im Dunkeln sein will, okay? Ja, ich habe Angst im Dunkeln. Du kannst gerne drüber lachen und einen deiner blöden Sprüche machen, wenn du willst. Es ist nun mal so.“

 

Jupp verkniff sich das Grinsen und eine Bemerkung, als er den müden und resignierten Ausdruck in Falks Zügen sah. Er schwieg, stopfte die Hände in die Hosentaschen.

 

„Das Verhältnis zwischen mir und meinem Bruder war nicht immer so schlecht. Als Kinder waren Harro und ich sogar unzertrennlich. Als wir sieben wurden, bekam jeder von uns ein eigenes Zimmer. Davor schliefen wir in einem. Harro schien es nichts auszumachen, aber ich... ich fürchtete mich“, begann Falk nach einer Weile leise. „Die Nacht war plötzlich voll von unheimlichen Schatten und Geräuschen. Irgendwelches Rauschen des Windes oder die Schritte des Kindermädchens im Raum nebenan.“

 

Jupp konnte nicht mehr an sich halten. „Ihr hattet echt ein Kindermädchen?“, platzte es aus ihm heraus. Falk warf ihm einen Blick über die Schulter zu. Jupp hob entschuldigend die Hände.

 

„Ja, wir hatten ein Kindermädchen. Eine Erzieherin. Eine Betreuerin. Wie immer man das nennen will. Sie hatte sich eben um uns zu kümmern. Harro wusste natürlich von meinen Alpträumen. Er sah sich selbst als der Ältere – schließlich ist er dreizehn Minuten früher als ich auf die Welt gekommen – und damit als mein Beschützer. Und irgendwie schien er immer zu wissen, wenn ich mich besonders fürchtete. Dann kam er in mein Zimmer und kletterte in mein Bett. Ich war nicht mehr allein und konnte schlafen. Als ich älter wurde, verlor sich das.“

 

Jupp öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Ein flapsiger Spruch schien jetzt nicht wirklich angebracht. Außerdem hatte Falk selten zuvor so viel von sich gezeigt und erzählt.

 

„Als wir in diesem Abbruchhaus festsaßen, da waren auf einmal diese alten Gefühle wieder da. Ich war wieder sieben Jahre alt und allein und fürchtete mich vor der Dunkelheit.“

 

„Du warst da unten nicht allein.“ Jupp zuckte mit den Schultern. „Wir haben uns doch verdammt gut gehalten. Und wir sind heil rausgekommen. Das zählt doch als einziges.“

 

Falk schüttelte den Kopf. „Vergiss einfach, dass ich dir das eben erzählt habe, Jupp. Es ist auch so schon peinlich genug.“

 

„Schon okay. Wir sind doch Freunde.“

 

Wieder sah ihn Falk kurz an. Er lächelte schwach. „Die Antwort hätte ich jetzt eher nicht erwartet. Liest du neuerdings außer dem Sportteil auch die Seite mit den Briefen an die Kummerkastentante?“

 

Jupp hob die Achseln. „Du hast doch kein Problem, einen Kerl zu finden, der die Nacht mit dir verbringt, wenn du nicht alleine schlafen willst“, erwiderte er schließlich.

 

„Danke, Jupp“, entgegnete Falk sarkastisch. „Ich hatte schon Sorge, du hättest dich plötzlich geändert.“ Er stützte die Handflächen auf die Fensterbank. „Lass’ mich einfach allein, okay? Ich pack’ das schon.“

 

„Okay, wer nicht will, hat schon.“ Jupp wandte sich zum Gehen – hielt aber nach ein paar Schritten inne, setzte sich statt dessen aufs Sofa und legte die Füße auf den Tisch. 

 

„Jupp, du fängst an, mir gewaltig auf die Nerven zu gehen.“ Falk folgte ihm und schob Jupps Füße vom Tisch. „Zieh’ Leine.“

 

Jupp grinste zu dem Freund hoch. „Sei’ gastfreundlich, Falk. Ich bleibe heute Nacht hier.“

 

„Das wirst du nicht“, erwiderte Falk ungläubig. „Ehrlich, Jupp, eine ganze Nacht mit dir in meiner Wohnung, das halte ich nicht aus.“

 

„Als wir eingesperrt waren, hast du es auch ausgehalten.“ Jupp klopfte neben sich auf das Sofa.

 

Falk ließ sich mit einem Seufzen neben ihn fallen. „Das musst du wirklich nicht tun.“

 

„Jetzt lass mich doch.“ Jupp legte den Arm um Falks Schulter. „Vielleicht habe ich ja auch keine Lust, heute Nacht allein zu sein.“

 

Falk beugte sich zu ihm rüber und bevor Jupp schaltete, hatte er ihn schon auf die Schläfe geküsst. „Bist ein echter Schatz, Schatz“, meinte er mit einem Lächeln.

 

Jupp kratzte sich am Kopf und grinste ein wenig verlegen. „Immer doch. Sag’ mal, du hast doch bestimmt Kölsch im Kühlschrank?“ Er zog seinen Arm zurück und stand auf.

 

Falk ließ sich an die Sofalehne zurückfallen und lachte leise, als er Jupps hastigen Rückzug in die Küche verfolgte.

 

Ende