Titel:                      Nachruf

Autor:                    Lady Charena

Serie:                      Sherlock Holmes

Paarung:                m/m

Rating:                   PG

Archiv:                  ja

 

 

Feedback: Gerne - hier oder LadyCharena@aol.com

Summe: Nach Sherlock Holmes "Tod" (Das letzte Problem) denkt Dr. Watson an lange vergangene Zeiten zurück.

 

* // * // * // *  = ein Wechsel in der Zeit (Erinnerungen)

 

 

Disclaimer: Sir Arthur Conan Doyle hat Sherlock Holmes und Dr. Watson geschaffen. Ich borge sie mir nur für diese Story aus - und verspreche, sie unbeschadet zurück zu geben. Es handelt sich wie immer nur um nicht-kommerzielle FanFiction - und es ist keine Verletzung von Urheberrechten beabsichtigt. Wer unter 18 ist, bzw. sich am Inhalt dieser Story stören könnte, sieht sich bitte anderswo für passendere Unterhaltung um.

 

 

 

T'Len gewidmet – meiner liebsten „Anstifterin“... J

 

 

 

Nachruf

* * * * * * *

Lady Charena

Juni 2001

 

 

 

Sherlock Holmes ist... tot.

 

Mein Gott, ebenso wie sich mein Geist sträubt, das Unfassbare wirklich zu glauben, weigert sich meine Hand, es niederzuschreiben.

 

Die Briefe, die ich in der letzten Nacht verfasste, um Bekannten und Freunden in London die traurige Nachricht zukommen zu lassen, scheinen mir nun - im hellen Licht eines neuen Tages - aus fremder Feder zu stammen. Hastig niedergeschriebene Worte, in einer Schrift, die ich kaum als die meine wiedererkenne.

 

Es wäre eigentlich meine Pflicht, diese Botschaft persönlich zu überbringen, doch noch fühle ich mich dazu nicht in der Lage. Mein eigener Schmerz, meine eigene Trauer höhlt mich innerlich aus. Die Stille in diesem Raum zerrt an meinen angeschlagenen Nerven. Gelegentlich schrecke ich aus fruchtlosem Grübeln auf und glaube den beißenden Rauch der Shagpfeife wahrzunehmen. Ich sah mich am gestrigen Abend gezwungen, das Restaurant des Hotels umgehend zu verlassen, als dort ein Geigensolist erschien, um den Speisenden ihr Dinner mit Tischmusik zu garnieren.

 

Ich habe den größten Teil der Nacht schlaflos in einem Lehnstuhl vor dem lange niedergebrannten Feuer verbracht. Kaum früher, als dass das erste, graue Morgenlicht durch die zugezogenen Vorhänge schimmerte, fiel ich in tiefen, doch wenig erholsamen Schlummer - aus dem mich erst das Eintreten des Hoteldieners, der das Feuer schüren wollte, unsanft erweckte. Der Schreck des armen Mannes, mich reglos und in dem unbequemen Möbel zusammengesunken - anstatt in meinem Bett - vorzufinden, ließ sich allerdings durch ein großzügiges Trinkgeld mildern.

 

Als ich - mit frischer Kleidung angetan, doch mich wenig erfrischt fühlend - in den Raum zurückkehrte, brannte ein loderndes Feuer im Kamin. Trotz der angenehmen Wärme, die es aussandte, fühlte ich einen kalten Schauer durch mich gleiten.

 

Es liegt noch keine zwei Tage zurück, als ich Holmes hier an der Feuerstelle sitzen sah, die unangezündete Pfeife vergessen in den Händen, in Gedanken versunken ins Feuer starrend. Als ich ihn fragte, was ihn so beschäftige, erwiderte er nur, es sei nicht die richtige Zeit, um zu sprechen. Und sprang dann auf, um zu verkünden, dass er sich auf einen Spaziergang begebe. Ich vertiefte mich derweil in der behaglichen Wärme des Kamins in die englischen Zeitungen, die uns das Hotel freundlicherweise besorgt hatte.

Als Holmes mehrere Stunden später zurückkehrte, war er in besserer Laune, als ich ihn seit vielen Monaten gesehen hatte. Denn seit geraumer Zeit war mein Freund entweder in Perioden düsteren Brütens oder fiebriger Unruhe verfallen - als wetze sich sein scharfer Geist unablässig an einem Problem wund, wie ein Hund an einem Knochen kaut - die mich in ernsthafte Sorge um seine Gesundheit versetzten. Er vernachlässigte seine Mahlzeiten und wenn ich auch die Kokainflasche niemals zu Gesicht bekam, hegte ich doch den starken Verdacht, dass Holmes zu seinem alten Laster zurückgekehrt war. Zwar konnte ich keine direkten Veränderungen, die sich darauf zurückführen ließen erkennen, doch ich sah mich genötigt, ihm - nicht nur als Freund, sondern auch als Arzt - ins Gewissen zu reden. Doch wie so oft lauschte er zwar meinen Worten mit mildem Amüsement - um dann in der gewohnten Weise fortzufahren. Auch sprach er nicht mehr darüber, dass sein Leben bedroht war, wie vor unserer Abreise.

 

Doch nun ist der zweite Stuhl vor dem Feuer schmerzlich leer und ich wende mich ab, um mich zu dem kleinen Sekretär zu begeben, der sich direkt unter dem Fenster befindet. Säuberlich aufgereiht liegen dort die Briefe, die die unglückselige Nachricht in unsere Heimat tragen sollen.

In einer Schublade des Sekretärs stoße ich auf einen Stapel Umschläge. Und auf mein Tagebuch. Einem Impuls folgend, nehme ich es mit den Kuverts heraus und lege es neben sie auf den Tisch. Immer wieder gleitet mein Blick von meiner Arbeit - die Umschläge müssen beschriftet und versiegelt werden - zu dem schmalen Band, in dem ich Notizen und Gedanken nieder zu schreiben pflege.

 

Als ich die Briefe dem Hotelpagen übergebe, scheint sich mir eine Last von den Schultern zu heben. Dann fällt mein Blick erneut auf das Tagebuch und ich nehme es zur Hand.

 

Als Holmes Chronist - wenn er diese meine Tätigkeit auch stets milde zu belächeln pflegte und mich beschuldigte, die Gegebenheiten mit zuviel Romantik wiederzugeben - habe ich unzählige seiner Fälle dokumentiert. Ich habe mich Zeit meines Lebens bemüht, ein Tagebuch zu führen. Doch es gibt... eine Begebenheit... die sich wieder in meiner Chronik, noch in meinen Tagebüchern findet.

 

Vielleicht ist jedoch nun die richtige Zeit gekommen, sie nieder zu schreiben. Und wenn sie auch nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt ist, so schenkt vielleicht das zu Papier bringen dieser Geschichte meiner Seele Frieden...

 

 

* // * // * // * // * // * // *

 

Um sie zu beginnen, muss ich weit in meine Kindheit zurückgehen.

 

Ich kam schon sehr früh mit einem unausgesprochenen Tabu unserer Gesellschaft in Berührung.

Kaum dem Knabenalter entwachsen, wurde ich durch Zufall Zeuge einer sehr... prekären... Szene. Während eines Besuches bei meiner Großmutter väterlicherseits auf dem Lande, zog ich mich zum Spielen in eine alte Scheune zurück, in welcher das Heu zur Fütterung der Tiere im Winter gelagert wurde. Ich war nun als Kind mit einer regen Phantasie gesegnet und derart in mein Spiel auf dem Heuboden versunken, dass ich zuerst nicht bemerkte, mich nicht mehr allein in dem geräumigen, halbdunklen Schober zu befinden.

 

Gelächter und leise Stimmen holten mich aus meiner Phantasiewelt in die Realität zurück. Ich verbarg mich hastig hinter einem aufgeschütteten Heuhaufen - denn mir war strengstens verboten worden, mich hier alleine aufzuhalten und gar die wackelige Leiter zum oberen Boden zu erklimmen - und hoffte, wer auch immer hereingekommen war, würde bald wieder gehen.

Eine Zeitlang war es still, die Stimmen zwar verklungen, doch ich wagte mich noch nicht aus meinem Versteck - da das Knarren der schweren Scheunentür ebenfalls ausgeblieben war und ich so vermutete, nicht allein zu sein. In der sehr unbequemen Hockstellung, in der ich mich befand, begannen nun meine Beine aufgrund mangelnder Durchblutung bald unangenehm zu kribbeln und ich sah mich gezwungen, mich hinzusetzen. Das ging natürlich nicht ganz ohne Geräusche, da sich überall um mich herum knisterndes, trockenes Heu befand. Mit heftig klopfenden Herzen lauschte ich angestrengt in die mich umgebende Dunkelheit.

In das Ächzen und Knarren des alten Gebäudes und das Rascheln des Heus mischte sich ein anderes Geräusch, welches ich mir zunächst nicht erklären konnte, da ich es mit dem Schlafzimmer meiner Eltern in Verbindung brachte - leises, gedämpftes Stöhnen. Neugierig wagte ich es schließlich, nach vorn an den Rand des Heubodens zu kriechen und über die Kante nach unten zu spähen.

 

Und starrte atemlos auf meinen etliche Jahre älteren Cousin, den ich in inniger Umarmung mit einem etwa gleichaltrigen Burschen aus der Nachbarschaft fand. Sie waren beide nackt und lagen auf einer alten Pferdedecke. Das Stöhnen, das an meine Ohren gedrungen war, stammte aus ihren Mündern. Im ersten Moment glaubte ich, sie wären in einen Kampf verwickelt, doch dann neigte mein Cousin den Kopf und presste seine Lippen auf die des unter ihm liegenden.

Unfähig meinen Blick von ihnen abzuwenden - was ich, wie ich sehr wohl wusste, hätte tun müssen - beobachtete ich fasziniert, wie sich der fremde Junge auf den Bauch drehte und mein Cousin sich auf ihn legte.

 

In diesem Moment befiel mich ein heftiger Niesreiz und so sehr ich auch versuchte, es zurückzuhalten, gab ich doch ein „Hatschi“ von mir. Die beiden einige Meter unter mir konnten es unmöglich gehört haben - doch ich verbarg mich angsterfüllt hinter dem Heuhaufen, der mir bereits zuvor als Versteck gedient hatte und lauschte den Geräuschen, die an meine Ohren drangen.

 

Irgendwann wurde es dann still und nach einer Weile hörte ich das Knarren des Tores. Und doch lag ich noch so lange mit klopfendem Herzen im Heu, bis mich mein Onkel auf dem Heuboden suchte. Ich war nicht zum Abendessen erschienen - und das, zusammen mit der Tatsache, dass ich trotz des Verbotes in der Scheune gespielt hatte, brachte mir eine Tracht Prügel ein.

 

Nun, natürlich verstand ich nicht wirklich, was an diesem Tag im Heuschober vor sich gegangen war. Und als Kind befindet sich man ja nun noch in der glücklichen Lage, beängstigende oder verstörende Ereignisse einfach zu verdrängen - wenn auch nicht völlig zu vergessen - und so verbrachte ich den Rest des Besuches bei meiner Großmutter in ungetrübter Freude. Wenn ich auch den Heuschober nicht wieder als Spielplatz nutzte.

 

Nur später, als längst erwachsener Mann, befiel mich bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen ich noch mit meinem Cousin zusammentraf, eine mir unerklärliche Verlegenheit.

 

* * *

 

Jahre vergingen, ich verließ England um meinem Vaterland zu dienen - und kehrte glücklicherweise auch wieder dorthin zurück. In London schloss ich dann über einen gemeinsamen Freund Bekanntschaft mit einem etwas exzentrischen Mann namens Sherlock Holmes.

 

Nach Abschluss des Falles, der unter dem Titel "Eine Studie in Scharlachrot" in die Kriminalgeschichte einging, lud mich Holmes dazu ein, ihn auf eine Reise aufs Land zu begleiten, die er unternahm um dem plötzlichen, öffentlichen Interesse an seiner Person zu entgehen. Da ich über meine Zeit frei verfügen konnte und ich zudem fand, dass mir ein wenig frische Landluft sicherlich nicht schaden konnte, nahm ich die Einladung dankend an.

 

Nach einer ereignislosen Bahnfahrt und einer sehr holprigen Kutschfahrt erreichten wir ein kleines Dorf, westlich von London. Es bestand aus kaum mehr als einem Dutzend Häusern, einer Kirche und einem Gasthof, in dem wir uns einmieteten.

 

Das Wetter war angenehm und wir erholten uns durch ausgiebige Wanderungen durch die Natur, gediegene Mahlzeiten und viel Schlaf rasch von den zurückliegenden Aufregungen.

 

Zwei Tage nach unserer Ankunft befanden wir uns auf einem Verdauungsspaziergang nach einem üppigen Abendessen, bei dem Holmes sein umfangreiches Wissen über Giftpflanzen zum Vorschein brachte, als uns ein Gewitter überraschte. Glücklicherweise erspähten wir in nicht allzu großer Entfernung einen freistehenden Heuschober, da wir uns bereits zu weit vom Dorf entfernt hatten, um es noch mit trockener Kleidung zu erreichen.

Oder zumindest tat Holmes dies. Ich folgte ob meines verletzten Beines langsamer und wurde durchnässt.

 

Nun gibt es Menschen, die die Atmosphäre eines solchen Ortes als ländlich-romantisch bezeichneten oder gar als anheimelnd. Doch mir erschien der Schober düster und unheimlich. Ich schauerte.

 

Holmes war unbeeindruckt von der Ungemütlichkeit dieses Ortes. Doch er sah mein Schauern. "Sie sollten die nasse Kleidung ablegen, Watson", sagte er. "Bevor Sie sich erkälten."

 

Meine Kehle war vom Staub ausgetrocknet und ich sah mich gezwungen, mich einige Male zu räuspern, bevor ich sprechen konnte. „Es ist... ich bin nicht sehr nass geworden, Holmes“, erwiderte ich, obwohl dies kaum der Wahrheit oblag.

Doch mein Begleiter nickte nur und ließ sich auf einem Heubündel nieder. Hier und da erleuchtete ein Blitz draußen die rasch hereingebrochene Nacht und für Sekunden auch das Innere des Schobers durch die unzähligen Ritzen in den baufälligen Wänden und dem Dach. Auch tröpfelte der Regen herein. Und so musste ich beständig meinen Standort wechseln, um den Rinnsalen auszuweichen. Ich murmelte eine wenig freundliche Bemerkung über die Baufälligkeit des Gebäudes und wurde mir abrupt bewusst, dass ich mich beobachtet fühlte. Ich hob den Kopf und fand Holmes graue, lächelnde Augen auf mir. Mit seinem fast katzenartigen Hang zu Wärme und Sauberkeit hatte er sich das trockenste Plätzchen des ganzen Raumes gewählt.

 

„Vielleicht sollten Sie doch in Erwägung ziehen, Ihre Kleidung abzulegen, Watson“, meinte er fast gleichgültig.

 

Ich musste über meinen eigenen Widerwillen den Kopf zu schütteln, als ich meine klamme Oberbekleidung abstreifte. Woher diese seltsame Scheu? Ich war schließlich von meiner Militärzeit das enge Zusammenleben mit anderen Männern gewohnt...

Holmes breitete sie sorgfältig zum Trocknen aus. Dann verschwand er im Halbdunkel und ließ mich allein, zitternd, stehen. Ich rieb meine Arme, um die Blutzirkulation anzuregen und ging einige Schritte auf und ab. Doch mein Bein machte mir bald zu schaffen und ich ließ mich auf einem Heubündel nieder, massierte die steifen Muskeln.

 

„Es lässt sich leider nichts finden, dass sich zu einer Decke umfunktionieren ließe“, kam Holmes Stimme hinter mir aus der Dunkelheit.

 

Ich schnitt eine Grimasse.

 

„Aber das Heu sollte uns warm halten, bis der Regen nachgelassen hat.“

 

„Das Heu?“, fragte ich, als Holmes begann, eine Art Höhle in den dicksten Heuhaufen zu graben. „Ich bin nicht sicher, wie...?“

 

Er sah mich über die Schulter an – obwohl er bis zu den Hüften im Heu vergraben war und ein Schmutzstreifen sein Gesicht zierte, wirkte er genauso tadellos wie vor dem Kamin in unseren Räumen in der Baker Street. „Watson, haben Sie als Kind bei Verwandten auf dem Land im Heu geschlafen?“

 

„Ich... ähem... nein.“ Hatte er? Es fiel mir sehr schwer, mir das vorzustellen. „Also nie dort geschlafen.“

 

Seine grauen Augen bohrten sich in meine. Und mein Unbehagen wurde nur noch stärker. „Kommen Sie“, sagte er und wies auf die Mulde, die er geschaffen hatte.

 

Einen Moment lang wollte ich mich weigern, einer Furcht nachgeben, die ich nicht verstand. Ich erhob mich und trat langsam zu ihm, ließ mich ins Heu sinken. Der süßliche Geruch des trockenen Grases, hier vermischt mit einem fauligen Unterton und Staub, umfing mich wie die Umklammerung eines Kraken. Er nahm mir die Luft zum Atmen.

 

Ich zuckte zurück, als Holmes sich neben mich setzte und dabei seine Schulter meine streifte.

 

„Ich fürchte, wir werden die Nacht hier verbringen müssen, Watson.“ Die Reserviertheit war in seine Stimme zurückgekehrt. „Selbst ich sehe mich außerstande, mich bei finsterer Nacht in einem mir unbekannten Gelände zurecht zu finden.“

 

„Ich verstehe“, erwiderte ich. „Es gibt sehr viel schlechtere Nachtlager als unseres. Wir haben es warm, trocken...“ Genau in diesem Moment landete ein Regentropfen auf meinem Gesicht, doch er blieb glücklicherweise der einzige. „...relativ trocken und Gesellschaft“, fuhr ich fort.

 

Holmes gab ein leises Glucksen von sich, das einzige, was nahe an offenes Gelächter herankam, was ich je von ihm zu hören bekam.

 

„Ich fürchte nur, ich werde kein sehr guter Gesellschafter sein“, meinte er. „Dieses monotone Geräusch des Regens macht mich schläfrig.“

 

Ich lauschte in die Dunkelheit. Ja, das Gewitter schien vorbei zu sein. Es war nun beinahe stockfinster. Das alte Gebäude ächzte und knarrte, es raschelte und knisterte. Und wenn sich auch Holmes Atem in den regelmäßigen Rhythmus des Schlafes gefunden hatte, so lag mir jedoch nichts ferner.

 

Eine Hand berührte meinen Arm und ich schrie beinahe vor Schreck laut auf.

 

„Mein lieber Watson - ich wusste nicht, dass Sie Angst in der Dunkelheit haben.“ In Holmes Worten schwang kein Spott mit, wie man ihn von einem gewöhnlicheren Mann vielleicht hätte erwarten können.

 

„Es ist nicht die Dunkelheit.“ Die Worte kamen ohne mein bewusstes Zutun über meine Lippen. „Es ist... dieser Ort.“

 

„Es ist nur ein gewöhnlicher Heuschober. In einem sehr baufälligen Zustand, zugegebenermaßen.“

 

Es ist möglich, dass er mehr sagte – doch ich hörte seine Stimme nicht mehr. Der Raum. Die Gerüche. Die Beklemmung. Es war alles so vertraut. Ich schloss die Augen, doch öffnete gleichzeitig andere, die Augen meiner Erinnerung. Meine Perspektive veränderte sich, ich versteckte mich im Heu, ich spähte über den Rand des Heubodens...

 

„Ich war doch nur ein Kind“, flüsterte ich, ohne zu wissen, dass ich die Worte laut ausgesprochen hatte. „Ich wusste, ich hätte nicht zusehen dürfen, doch ich war neugierig. Nur ein Kind...“

 

„Wobei nicht zusehen?“, kam eine Stimme aus der Dunkelheit.

 

Ich leckte über meine trockenen Lippen und antwortete ihr. „Ich sah meinen Cousin. Und einen der Jungen aus der Nachbarschaft. Wie sie...“

 

„Wie sie – was?“

 

„Zusammen.“ Die Erinnerung war jetzt klar und deutlich. Es war nicht nur eine Erinnerung – ich war dort. „Wie sie nackt beieinander lagen. Ich wusste, das es nicht Recht ist.“

 

„Sie zu beobachten?“

 

Ich schwieg verwirrt. „Ja“, sagte ich schließlich.

 

„Und wie ist es mit dem, was sie taten?“

 

„Ich weiß nicht. Es ist falsch, oder?“

 

„Ist es das wirklich?“

 

Ich wandte den Kopf, um Holmes anzusehen. Doch es war zu dunkel, als dass ich in seinen Zügen hätte lesen können. „Es ist... abnormal.“

 

„Tatsächlich?“, kam es spöttisch von Holmes. „Ich kenne sogenannte... abnorme... Menschen.“

 

„Sie kennen...?“ Ich hätte spätestens in diesem Moment das Gespräch beenden sollen. Anständige Menschen sprachen nicht über solche... Dinge. Doch die Dunkelheit, die Stille, machte es einfach, zu sprechen. Die Dunkelheit wusste Geheimnisse zu wahren.

 

„Es blieb im Rahmen meiner Arbeit nicht aus, dass ich auch mit diesen Menschen in Berührung kam.“

 

„Aber...?“ Ich wagte nicht, zu fragen. Meine ganze Erziehung schrie danach, die Unterhaltung zu beenden. 

 

„Aber...?“, wiederholte Holmes, und wieder schwang Sarkasmus in seiner Stimme.

 

„Haben Sie es je selbst...“ Ich brach ab. „Verzeihen Sie, meine Frage war ungehörig. Ich wollte nicht...“ Ich hörte ihn lachen.

 

„Ob ich es je selbst...?“ Leises Rascheln. „Das ist eine sehr persönliche Frage, mein lieber Watson.“

 

„Ich bitte um Verzeihung“, murmelte ich mit tauben Lippen.

 

„Ja.“

 

Ich dachte zunächst, es sei die Antwort auf meine Bitte um Verzeihung. Doch als er nicht weitersprach, wurde mir klar, das es sich um die Antwort auf meine vorhergehende Frage handelte. Ich konnte nicht verhindern, nach Luft zu schnappen.

 

„Entsetzt, mein lieber Watson?“ Noch immer schwang Spott in seinen Worten mit.

 

„Erstaunt“, brachte ich schließlich hervor. Ich spürte wieder seine Hand auf meinem Arm, seinen Körper dicht an meinem.

 

„John“, sagte er und seine Stimme klang beinahe liebevoll. Es war das erste und es war das einzige Mal, dass er meinen Vornamen verwendete. „Nicht alles, was die Menschen gerne vorschnell mit Unrecht und abnormal titulieren ist es auch. Das sollten Sie versuchen zu lernen.“

 

Er zog die Hand zurück und wandte sich von mir ab. Und ich fühlte mich verwirrt, kalt  - allein.

 

„Wir sollten versuchen – trotz der widrigen Umstände – eine erholsame Nacht zu verbringen, Watson“, meinte Holmes.

 

* // * // * // * // * // * // *

 

 

Das ist meine Geschichte. Sie mag unbedeutend scheinen oder sogar verrückt oder unanständig. Doch es ist meine Geschichte und die eines Freundes, der eine Lücke in meinem Leben hinterlassen hat, die niemand je wird füllen können.

 

Ende