Titel:              I'm bein' followed by a moonshadow

Autor:            Mazza

Serie:             CSI Miami

Spoiler:           1.24 Body Count / Auf der Flucht

Paarung:         Horatio

Rating:           gen, past-Ep, PG

Archiv:           ffp

 

Summe:          Noch etwas zu tun, bevor der Tag zu Ende geht.

 

Disclaimer: Keiner der Charaktere gehört mir, diese Story wurde nicht geschrieben, um damit irgendwelche Urheber-Rechte zu verletzen.

 

Er verließ den Strand bevor die letzten Sonnenstrahlen das Meer ganz orange gefärbt hatten und es kühler werden wollte. Obwohl er müde war, seine verletzte Hand sich heiß anfühlte und pochte, war er noch nicht bereit, nach Hause zu gehen. Statt dessen fuhr er ins Krankenhaus, um sich nach Emma zu erkundigen.

 

Es war spät und er wusste, dass das kleine Mädchen längst schlafen würde, so blieb er außerhalb ihres Zimmers stehen und blickte durch die Scheibe in das von zwei Nachtlichtern erhellte Zimmer. Das zerzauste, stoppelig kurzgeschnittene Haar und ihr schmales Gesicht unterstrichen die elfenhafte Zerbrechlichkeit der Achtjährigen. Die dunklen Schatten, die wie Prellungen unter ihren Augen lagen, und ihre Blässe kündeten von den ausgestandenen Schrecken. Gegen die weiße Bettwäsche hoben sich die violetten Würgemale an ihrem Hals deutlich ab, ein sichtbares Souvenir an ihre Entführung, das noch lange bleiben würde. Aber irgendwann würden sie verblassen. Er hoffte, dass auch die Erinnerungen mit der Zeit vergingen. Wenn es eine gute Nachricht gegeben hatte, dann dass Stewart Otis Emma nicht missbraucht hatte. Er hatte sie entführt, ihr die Haare abgeschnitten, sie in Jungenkleidung gesteckt, sie geschlagen und versucht, sie zu erwürgen, um sie zu verscharren – aber er hatte nicht „mit ihr gespielt“, wie Otis dies bezeichnete. Gerettet hatte sie nur – so seltsam dieser Gedanke auch scheinen wollte – die Tatsache, dass sie eine jüngere Cousine hatte, die den Kinderschänder noch mehr reizte, als sein gegenwärtiges Opfer. Neben dem Bett saß eine Frau, die eine deutliche Ähnlichkeit mit Emmas Mutter aufwies. Vermutlich ihre Tante, Robyns Mutter – die Mutter des Mädchens, das sie gerade noch hatten retten können. Emmas Mutter befand sich noch in Untersuchungshaft, sie hatte ihrem Ehemann zur Flucht verholfen. Er fragte sich, wie sie mit dem Wissen fertig werden würde, dass sie nicht nur Mitschuld am Tod ihres Mannes trug, sonder auch dazu beigetragen hatte, ein Monster wie Otis erneut auf die Menschheit loszulassen – und damit auch auf ihre eigene Tochter. Emma würde noch einige Tage im Krankenhaus zur Beobachtung bleiben, was danach mit ihr geschah, lag in den Händen der Jugendfürsorge.

 

Er rieb sich müde den Nasenrücken, versuchte die Kopfschmerzen zu vertreiben. In den vergangenen beiden Tagen hatte er nicht geschlafen, kaum gegessen, kaum einmal Ruhe gefunden. Er konnte niemals vergessen, nicht für einen Augenblick: die Bilder waren noch immer da. Ruthie, das letzte Mädchen, das Stewart Otis getötet hatte. Er wusste, er würde den Anblick des toten Kindes in der Toilette eines Fastfood-Restaurants bis ans Ende seines Lebens nicht vergessen können. Noch die unzähligen Spielsachen und Kinderkleider in Otis Haus, die Pornos und Fotos, die sie gefunden hatten. Noch die toten Mädchen, verscharrt in seinem Vorgarten. Nur einen winzigen Moment lang, als Steward Otis abzustürzen drohte und er darum bettelte, dass er ihn losließ, hatte er die Versuchung gespürt, dem Kinderschänder diesen allerletzten Wunsch zu erfüllen und ihn auf den Parkplatz vor dem Aquarium auf den harten Asphalt aufschlagen zu lassen. Niemand hätte es erfahren. Sie waren in diesem Moment ganz alleine auf dem Dach. Und die blutenden Kratzwunden an seiner Hand, wären Beweis genug gewesen, dass Otis sich von ihm losgerissen hatte, um mit einem raschen Sprung ins Nichts zu verhindern, dass er wieder ins Gefängnis zurückkehrte, wo sein Umzug in den Todestrakt kurz bevor stand. Aber er konnte es nicht. Statt dessen mobilisierte er alle Kraft und zog den sich zur Wehr setzenden Otis hoch. Übelkeit stieg in ihm auf, als er den jammernden Mann betrachtete. Er wandte sich ab, als Yelina und ein paar uniformierte Polizisten die Verhaftung übernahmen und Otis abführten.

 

„Entschuldigung?“

 

Er schreckte hoch, seine Gedankenverlorenheit ein weiteres Anzeichen seiner Erschöpfung, als ihn eine Frau ansprach. Er hatte sie nicht gehört. Als er sich umdrehte, stand eine Krankenschwester vor ihm. Sie lächelte freundlich und trotz seiner Müdigkeit erwiderte er es automatisch. „Was kann ich für Sie tun, Ma’am?“

 

„Sie müssen Lieutenant Caine sein, vom CSI“, sagte die Schwester zu seiner Überraschung. „Emma hat mir von Ihnen erzählt. Wir ermuntern sie, so viel über ihre traumatischen Erfahrungen zu sprechen, wie sie möchte. Das hilft ihr dabei, dass alles zu verarbeiten. Sie war außerdem sicher, dass Sie noch einmal vorbeikommen würden und ich soll Ihnen das von ihr geben.“ Die Krankenschwester zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Tasche. Sie reichte es dem Mann von CSI, dann nickte sie und ließ ihn alleine.

 

Nach einem weiteren Blick auf Emma entfaltete er das Blatt. Es war eine von Emmas farbenfrohen Zeichnungen. Und es war kaum zu verkennen, wen sie darstellte – ein kleines Mädchen und einen Mann mit roten Haaren und einer Sonnenbrille. Er lächelte und faltete die Zeichnung wieder zusammen, steckte sie sorgfältig in die Tasche seiner Jacke. Emma war jetzt in Sicherheit. Und obwohl sein Verstand um die traurige Realität wusste, hoffte sein Herz, dass in dieser Nacht auch alle anderen Kinder sicher und behütet schliefen. Er verließ das Krankenhaus.

 

Ruthies Grab befand sich in der Nähe einer Laterne. Es war mit Blumen und Stofftieren geschmückt und eine Kerze brannte. Langsam näherte er sich. Die schwarzen Knopfaugen der Kuscheltiere starrten ihn emotionslos an, als er vor dem Grab in die Hocke ging und Emmas Zeichnung aus der Tasche holte. Er steckte sie in einen Rosenstrauß und sah überrascht auf das Blut, dass von seiner Hand in den Ärmel floss, als er sie zurück zog. Die tiefen Kratzer auf seinem Handrücken waren aufgebrochen. Müde stand er auf, zog ein Taschentuch aus der Jacke und drückte es auf die Wunden. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ er den Friedhof.

 

Und als er zu seinem Wagen trat, schien es für einen Moment, als löse sich eine kleine Gestalt aus den Schatten, husche über den mondbeschienenen Vorplatz, um dann irgendwo in der Nacht zu verschwinden. Horatio blinzelte, schüttelte den Kopf, wehrte ein Kältegefühl ab, das plötzlich in ihm aufstieg. Dann stieg er in seinen Wagen und machte sich auf den Weg nach Hause. Es war Zeit, schlafen zu gehen.

 

 

Ende