Teil 1: New Beginnings

Adventskalenderstory 2011



Torchwood: Millennium Edition – Teil 1 New Beginnings
Autor: Lady Charena (September-November 2011)

Episode: Info/Charaktere/Ereignisse aus TW Season 1-2, CoE & den Dr. Who-Episoden mit Jack

Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones - canon Torchwood- und Dr. Who Charaktere - sowie Originalcharaktere in Nebenrollen

Pairing: Jack/Ianto
Rating: Alternative Zeitline, slash, NC-17
Warnungen: Charaktertod (nicht-dauerhaft)
Wörter: ~ 33.650

Summe: Nach der Rückkehr auf die Erde - und ihrer Ankunft in Wales – versuchen Jack und Ianto sich ein neues Leben aufzubauen. Doch sie geraten rasch in den Fokus einer Organisation namens Torchwood. Und erhalten ein Angebot, dass sie nicht wirklich ausschlagen können.


A/N: Dieses Story-Universum beruht weitestgehend auf einer A/U-Geschichte namens „Whirlwind romances... are forever“, die ich im Rahmen meines 50-Story-Projekts „50 ways I’ll be your lover“ (Kapitel 8) als Crossover TW/DW geschrieben habe. Sie ist über den Klick auf meinen Namen in der Auflistung in meinem Profil zu finden oder im LiveJournal unter: http://ladycharena.livejournal.com/430008.html

Wer sie nicht extra lesen möchte, hier die Kurzfassung davon - aka „Was bisher geschah...“:

(Angesiedelt post-Episode DW „The Empty Child“/ „The Doctor Dances“, aber vor „Boom Town“) Jack Harkness ist mit Rose Tyler und dem neunten Doctor unterwegs, als sie bei der Verfolgung eines Alien-Buches in eine Buchhandlung in London einen jungen Mann kennen lernen. Ianto Jones wird ein neuer Companion und begleitet sie. Jack und Ianto kommen sich rasch näher. Dann werden alle vier durch einen Transmat-Strahl auf die Gamestation transportiert, der Kampf gegen die Dalek bricht aus. Ianto wird zusammen mit Lynda getötet, als der Observationsraum von den Dalek gesprengt wird und Jack stirbt in seiner Rolle als „letzte Bastion der Menschheit“ um den Doctor mehr Zeit zu verschaffen. Rose öffnet das Herz der Tardis, nimmt den Vortex in sich auf, zerstört die Dalek-Flotte und holt Jack und Ianto zurück, die beiden dabei unsterblich machend. Während der Doctor unter Rose und Jackie Tylers Fürsorge regeneriert, bringt die Tardis ihre beiden anderen Companions weg, worauf sich Jack und Ianto in Wales, in der Nähe von Iantos Schwester, niederlassen.


Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.


Titelbild unter http://ladycharena.livejournal.com/430116.html








~~ Mai 1997, Cardiff/Wales, Erde ~~

I walked a lonely mile in the moonlight
And though a million stars were shining
My heart was lost on a distant planet

(Mad about you – Sting)


„Denkst du wirklich, dass es eine gute Idee ist?“
Ianto blickte wieder über seine Schulter, um die anderen Gäste in dem kleinen Café zu mustern, in dem sie vor einem Regenschauer Zuflucht gesucht hatten. „Hier zu bleiben, meine ich. In Cardiff.“

Schenkte ihnen irgendjemand besondere Aufmerksamkeit? Sah zu lange hin oder zu auffällig weg, wenn er den Blick bemerkte?

Aber eigentlich sah er nur Leute die in Gespräche, Bücher, oder Zeitungen vertieft waren, oder sich schlicht zurücklehnten, um ihren Kaffee zu genießen und darauf zu warten, dass die Sonne wieder hinter den Wolken hervorkam.

„Ich...“ Er brach hilflos ab, unfähig genau in Worte zu fassen, was er fühlte - zuckte mit den Schultern und starrte auf seine Hände, die ineinander verkrampft in seinem Schoß lagen.

Die Fahrt von Kings Cross nach Cardiff Central war ereignislos verlaufen. Es gelang ihm sogar, gegen Jacks Schulter gelehnt ein wenig zu dösen, obwohl ein Teil von ihm ständig erwartete, dass jeden Moment ein Schaffner in ihr Abteil stürmte und sie als die Schwarzfahrer enttarnte, die sie waren. Die Tickets waren natürlich echt, aber trotzdem unrechtmäßig erworben.

Dann ging Jack auf die Toilette und kam mit zwei Flaschen Wasser, einer Packung trockener Kekse und einer Zeitung zurück, die er einem der Zugbegleiter abgeschwatzt hatte. Zuerst war ihm nicht klar, was daran so wichtig schien, bis Jack ihn auf das Datum hinwies. Die Zeitung stammte vom siebten Mai 1997 und das beinahe knitterfreie Papier legte nahe, dass sie nicht bereits vor Jahren von einem Fahrgast vergessen worden und der Reinigungscrew entkommen war.

1-9-9-7?

Ihr letzter Besuch auf der Erde fand im Jahr 2006 statt, als unter dem Namen Margaret Blaine ein Slitheen als Bürgermeister von Cardiff agierte.

Ianto hatte Jack, Rose und den Doctor einige Wochen davor im Jahr 2005 kennen gelernt.

Und jetzt war er zurück in dem Jahr, in dem er damals von Zuhause wegging und bei Jonah Verdan Unterschlupf fand.

Das bedeutete, die Tardis hatte sie acht Jahre in die Vergangenheit – seine Vergangenheit - zurück gebracht.

Das bedeutete ebenfalls, sie mussten sich von Iantos Familie fernhalten, und konnten nicht, wie zuerst geplant, bei seiner Schwester unterschlüpfen.

Sie waren natürlich in erster Linie wegen des Rifts nach Cardiff gekommen. Irgendwann, früher oder später, würde der Doctor wieder hier auftauchen, genau wie damals als sie auf Margaret stießen. Sie mussten nur auf ihn warten.

Iantos Kopf schwirrte mit all diesen Unsicherheiten und er wusste nicht, wie Jack so gelassen sein konnte. Dann wiederum schien Jack geradezu absurd viel Erfahrung mit Situationen wie dieser zu haben. Bevor er dem Doctor begegnet war, musste der ältere Mann Planeten und Zeiten gewechselt haben, wie andere Hemden.

Jack rückte mit seinem Stuhl näher zu ihm und legte eine Hand über seine Finger, drückte sie leicht. „Ich denke nicht, dass es eine schlechtere Idee ist, als alle anderen. Hey, wir können tun und lassen, was wir wollen.“ Er beugte sich vor, um ihm mit der anderen Hand eine Haarsträhne aus der Stirn zurück zu streichen. „Wenn du willst, gehen wir zurück nach London. Oder wie wäre es mit Amerika? Ich war noch nie dort, aber ich habe 1941 ein paar sehr nette Amerikaner getroffen, die als Freiwillige in London waren.“

Es war nicht wirklich, was Jack wollte, auch wenn er etwas anderes sagte.

Sie wussten beide nicht, was auf der Gamestation passiert war. Und es war nicht so, dass Ianto nicht selbst ein paar Fragen an den Doctor oder die Tardis hatte. Aber Jack schien beinahe davon besessen, zu erfahren was mit ihnen geschehen war – und in England zu bleiben, stellte ihre beste Chance dafür dar. Früher oder später musste der Timelord wieder hier auftauchen.

Rose hatten ihnen erzählt, wie sie dem Doctor in London begegnet war, und auch der Timelord hatte ein paar Anekdoten geteilt, beschrieben wie er regelmäßig jedes Jahr zu Weihnachten die Erde retten musste.

Und nicht zuletzt befand sich in London eine Einrichtung namens UNIT, mit der der Doctor schon in der Vergangenheit immer wieder zusammen gearbeitet hatte, und die dem Schutz des Planeten vor außerirdischen Gefahren diente. Offenbar waren sie sehr an Ex-Companions des Doctors interessiert. Sie hatten sich den Kontakt zu UNIT als Rückversicherung aufgehoben, sollten alle anderen Versuche, sich hier in Wales nieder zu lassen, ins Nichts laufen.

Ganz zu schweigen davon, dass Jack immer noch hoffte, eine Möglichkeit zu finden, den Rift in Cardiff anzuzapfen – und mit der Riftenergie die Energiezellen seines kaputten Vortexmanipulators aufladen zu können, und so die – ironischerweise ebenfalls beschädigten – Selbstreparaturfunktionen zu aktivieren.

„Wir haben kein Geld, keine Papiere, keine Unterkunft und ich könnte wirklich eine Dusche und frische Kleidung gebrauchen...“ Er hatte sich nur den Rucksack mit ihren wichtigsten Besitztümern gegriffen, als Jack ihn vor ... zwei Tagen? war das wirklich schon zwei Tage her? ... an der Hand gepackt hatte und sie aus der Tardis flohen, sobald sich die Tür zu ihrem Raum öffnete.

Er erinnerte sich an ein vages Gefühl von Reue und Erleichterung als sie ins Freie traten und sich in einem leeren Hinterhof wiederfanden. Empfindungen, die nicht seine eigenen waren.

Ianto hatte seither Jack völlig die Führung überlassen, blindlings hinter ihm herlaufend. Seit er... aufgewacht... war, im Kontrollraum der Tardis, wenn er allen Regeln nach tot sein wollte... schien alles um ihn herum wie ein Alptraum. Das einzige reale war Jack.

Iantos letzte klare Erinnerung bevor alles in Chaos versank, war neben Lynda-mit-Ypsilon im Observatorium zu stehen und auf dem Überwachungsbildschirm das Vordringen der Dalek in die GameStation zu verfolgen. Lynda las mit zitternder Stimme die Stockwerke ab, und hielt seine Hand so fest, dass seine Finger in ihrem Griff taub wurden.

Er wünschte Jack wäre bei ihm und würde ihm eine seiner unmöglichen Geschichten erzählen. Wenn er nur die Augen schloss, konnte er sich vorstellen, wie Jack neben ihm im Halbdunkel saß, einen Arm um seine Taille geschlungen, so dass er seine Hand unter Iantos T-Shirt schieben konnte, und die Worte direkt in sein Ohr flüsterte.

Aber er verstand auch, dass Jack den Doctor und die anderen Menschen, die sich entschlossen hatten, den Dalek Widerstand zu leisten, nicht alleine lassen wollte. Und Jack konnte nützlich sein, oder dachte es zumindest. Wäre die Tür nicht von außen blockiert, hätte er diesen Raum längst verlassen, um sich ihnen ebenfalls anzuschließen.

Dann hörte er Lynda entsetzt aufschreien und als er die Augen öffnete, war da nur noch das grelle, blendende, schmerzhafte Licht einer Explosion und ein Gefühl von schneidender Kälte, er konnte nicht mehr atmen – und dann war da lange gar nichts mehr.

Die Dunkelheit eines fensterlosen Raumes und drei Worte, in einer Sprache, die er nicht kannte und doch verstand, als sie das Nichts durchschnitten :

Ich schenke Leben.

Das war alles was er wusste, bis er im Kontrollraum der Tardis wieder zu sich kam. Jacks Griff war fast peinvoll eng um seinen Oberkörper und er hörte seine Stimme, den Doctor und die Tardis anflehend, ihm zu helfen. Irgendetwas zu TUN.

Beste medizinische Versorgung im Universum.

Die Worte des Doctors tauchten ungebeten in seinem Bewusstsein auf, als er die Augen öffnete. „Jack?“ Sein Hals war so trocken, dass selbst dieses eine Wort schmerzte, als hätte er mit Rasierklingen gegurgelt.

„Ianto!“ Sofort war Jacks Aufmerksamkeit nur noch auf ihn gerichtet. „Ich dachte, du wärst... du... aber die Dalek... als ich... Ianto.“

Verwundert hob er die Hand, um die Tränen zu berühren, die frei über Jacks Wangen glitten. „Wieso?“, flüsterte er.

„Ich dachte du wärst tot.“ Jack zog ihn enger an sich, halb in eine aufrechte Haltung und Ianto presste das Gesicht gegen sein schmutziges T-Shirt, schlang den Arm um seinen Nacken. Da war ein scharfer, unangenehmer Geruch an Jack, wie von verbranntem Fleisch und versengtem Haar. „Ich dachte, du wärst t-t-tot. Ich dachte, du wärst sicher in dem Raum, aber sie haben...“

Die Explosion? Ianto drängte das halberinnerte Bild zurück. „Wo ist Lynda? Wo sind Rose und der Doctor?“


(bis morgen!)



„R-Rose ist hier. Sonst niemand. Der Doctor... ich weiß es nicht. Als ich h-h-hier aufgewacht bin, war er weg. Die Tardis spricht nicht mit mir. I-Ich...“ Jack holte tief Luft. „Er muss mich verfehlt haben“, murmelte er dann. „Ein Dalek. Hat auf mich geschossen. Es war mir egal. Du warst tot, alle waren tot. Und s-so konnte ich zumindest dem Doctor noch ein p-paar Minuten Zeit verschaffen. Und... und dann kamen Dalek... immer mehr Dalek. Ich konnte nichts tun.“ Er küsste ihn auf der Stirn. „Und dann bin ich hier aufgewacht. Und du...“ Jack presste sein Gesicht gegen sein Haar und sagte nichts mehr.

Rose, die ein paar Minuten später zu ihnen trat und sie umarmte, während ihr Tränen über die Wangen liefen, konnte ihnen auch nicht erklären, was passiert war. Das letzte, dessen sie sich entsann, war dass der Doctor sie zur Erde zurückgeschickt hatte. Sie hatte eine vage Erinnerung an ihre Mutter und eine hitzige Diskussion mit Mickey, aber danach... ihr Kopf tat weh, wenn sie versucht, sich mehr ins Gedächtnis zu rufen als ein blendendes, aber warmes Licht und eine Stimme, die ihr sagte, was sie zu tun hatte.

„Bad Wolf. In jedem Moment. An jedem Ort. Vergangenheit und Zukunft, für immer und ewig“, flüsterte sie, und es klang fremd aus ihrem Mund, wie ein Zitat, das sie irgendwann einmal gehört hatte - doch als Jack fragte, was sie damit meinte, wusste sie es nicht.

Und dann war der fremde Mann aufgetaucht – der kein Fremder war, sondern der Doctor, in einem neuen Körper und einer neuen Persönlichkeit. Doch der Timelord wirkte zerstreut und abgelenkt und krank - und anstatt ihre Fragen zu beantworten, oder zu erklären, was passiert war, befahl er ihnen, in ihre Zimmer zu gehen und dort zu warten, bis er entschieden hatte, was mit ihnen geschehen sollte.

Jack nahm ihn an der Hand und brachte ihn in das Zimmer, das sie sich seit Iantos Ankunft teilten. Und als er sich umdrehte, schloss sich die Tür hinter ihnen und ließ sich nicht mehr öffnen. Oh, sie konnten mit Rose über das interne Kommunikationssystem sprechen, doch sie war in ihrem Raum ebenfalls eingesperrt.

Sie konnten nicht sagen, wie lange sie warteten. Essen erschien wie von selbst auf einem Tisch. Jack war sich sicher, dass sie sich die ganze Zeit im Vortex befanden, denn die Maschinen der Tardis klangen dann anders. Wenn das Licht ausging, krochen sie unter die Decke ihres Bettes und versuchten zu schlafen, engumschlungen wie verängstigte Kinder. Doch Schlaf war rar und von unerklärlichen Alptraumbildern geplagt, die verblassten und ungreifbar wurden, sobald sie erwachten. Was blieb, war ein erstickendes Gefühl von Beklemmung, als würde etwas nicht-sichtbares auf sie nieder pressen.

Ianto konnte die Kälte nicht abschütteln, die in bis in die Knochen durchdrang, während Jack wie ein gefangener Tiger in einem Käfig auf und ab schritt und nach einem Ausweg suchte. Er verschwand in den endlosen Kleiderschrank und kam mit dem Militärmantel zurück, den er in London getragen hatte, um ihn Ianto um die Schultern zu legen, in dem Versuch, seinen jüngeren Liebhaber zu wärmen. Sie schliefen unter dem schweren Wollstoff, Iantos Rücken gegen Jacks Brust gepresst, Jacks Arm um seine Mitte, als habe er Sorge, jemand könne den jungen Waliser von ihm weg stehlen.

Der Monitor in der Ecke erwachte flackernd zum Leben, als Jack wieder einmal versuchte, die Tardis dazu zu überreden, sie wissen zu lassen, was passierte oder zumindest, wo sie sich befanden. Vielleicht war es eine Antwort auf seine Bitten, vielleicht Zufall. Aber der Bildschirm zeigte plötzlich die Erde, und ein Rucken und Zittern glitt durch das lebende Schiff, als sich der Klang seiner Maschinen veränderte.

Die Tardis war gelandet. Und dann zeigte der Bildschirm Rose, die offenbar versuchte den Doctor – im Pyjama? - in die Wohnung ihrer Mutter zu bugsieren, die sie aus Rose‘ Beschreibungen erkannten.

Das war der Moment, an dem Jack entschloss, dass sie die Zeitmaschine des Timelords ebenfalls verlassen mussten. Während Ianto noch wie betäubt auf dem Bett saß und auf den Monitor starrte, packte er alles was er von ihren Besitztümern in die Finger bekommen konnte in einen Rucksack, drückte ihn Ianto in die Hand und lehnte wieder gegen die korallenübersäte Wand, seine flüsternde Diskussion mit der Tardis fortführend.

Ianto beobachtete ihn verständnislos. Er hatte Jack das bereits häufiger tun sehen, schon seit seiner Ankunft. Der Doctor tadelte Jack dann, meinte er solle aufhören mit seinem Schiff zu flirten und ab und zu gab ihm die Tardis einen Stromschlag – nur einen leichten, natürlich. Das Äquivalent eines liebevollen Klapses.

Was versuchte Jack zu bewirken? Aus irgendeinem Grund hatte der Doctor sie hier eingesperrt und sicher würde sich die Tardis nicht seinem Willen widersetzen, oder? Sie mochte Jack... mochte sie beide, auch wenn Ianto sie nicht in ihrem Kopf hören konnte, wie Jack. Irgendetwas mit Schulungen in Telepathie, die er während der Ausbildung in der Time Agency erhalten hatte. Aber wenn Ianto die Wände der Tardis berührte, breitete sich ein warmes Gefühl in ihm auf, und es war fast, als höre er ein Singen, von weit weg, am Rande seines Bewusstseins.

Wieder lief ein Ruck durch das gesamte Schiff; es fühlte sich fast wie ein Aufprall an, die Maschinen wurden einen Augenblick lauter… Und dann glitt tatsächlich die Tür auf und Jack packte ihn am Handgelenk, zerrte ihn nach draußen und sie stolperten in Kontrollraum. Die äußere Tür stand ebenfalls offen und sie traten ungehindert hindurch. Sie waren nicht mehr an dem Ort, den sie auf dem Bildschirm gesehen hatten – und es war inzwischen dunkel. Die Tardis hatte sie an einen anderen Ort, und offenbar an einen anderen Zeitpunkt, gebracht und wohl beschlossen, sie gehen zu lassen, ohne den Doctor zu fragen.

„Hey. Ianto. Komm schon, hör auf damit.“

Ein Klaps gegen seine Wange ließ ihn blinzeln und hochsehen.

Jack musterte ihn besorgt. „Okay?“ Er griff blindlings nach einer Tasse und hielt sie ihm an die Lippen, wie bei einem Kleinkind oder Invaliden.

Ianto legte seine Hand über Jacks Finger und trank einen Schluck Kaffee, der inzwischen lauwarm war. Und zu süß. Es war Jacks Tasse. „Okay“, wiederholte er heiser.

„Du warst einen Moment ganz weit weg.“ Jack stellte den Kaffee weg und umschloss wieder Iantos Finger mit seinen. „Ich habe mein Psychic Paper, das uns der Doctor gegeben hat, bevor wir nach Japan sind. Erinnerst du dich? Dieses leere Papier, das demjenigen, der es liest, genau das zeigt, was er sehen will? Und du hast einen Ausweis. Ich habe ihn gesehen. Mit dem Foto von dir, auf dem auf deiner Nase diese Punkte sind und deine Haare aussehen, als wäre ein Fern-Vogel darauf gelandet und hätte ein Nest gebaut.“

„Das waren Sommersprossen“, korrigierte Ianto automatisch. „Und viele hatten solche Frisuren. Aber das ist ein Schulausweis, den ich bekommen habe, als ich zwölf war. Ich bezweifele sehr, dass er irgendeine Gültigkeit hat.“ Er senkte seine Stimme weiter. „Wir haben nicht einmal mehr genügend Geld, um den Kaffee zu bezahlen, den wir gerade trinken.“

„Ich habe mir schon andere Dinge ausgeliehen als zwei Tassen Kaffee.“

Was das betraf… da standen bereits die Tickets für die Fahrt von London nach Cardiff und Jacks T-Shirt auf ihrem Sündenkonto.

Der Ticketautomat am Bahnhof war dem Minicomputer in Jacks Wriststrap nicht gewachsen und spuckte gehorsam zwei Tickets für sie aus. Das Kleingeld, das Ianto in seinem Rucksack zusammenkratzte, reichte für ein paar Sandwiches und Kaffee aus dem Automaten. Während sie auf den Nachtzug nach Cardiff warteten und ihren improvisierten Lunch aßen, lenkte Jack ihn damit ab, nach dem Drachen zu fragen, der sich auf seinem neuen T-Shirt zeigte. Er hatte es an einem Touristeninformationsstand gestohlen (oder wie er es nannte: sie waren für Touristen gedacht und er war schließlich ein Tourist) und gegen das ausgetauscht, das er trug; es war ein wenig zu eng, aber zumindest sauber und damit unauffälliger.

„Wenn du dich besser fühlst, können wir ja später hierher zurückkommen und sie dann bezahlen“, schlug Jack vor.

Ianto zog seine Hände unter Jacks weg, als sie ein Mann am Nebentisch anstarrte, die Brauen gefurcht und den Mund in eine Geste des Abscheus verzogen. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie der Mann seine Zeitung ordentlich faltete und auf den Tisch legte, einen Geldschein unter seine Tasse schob und aufstand.



Um das Café zu verlassen musste er an ihrem Tisch vorbei, und Ianto hörte ihn etwas von „...unverschämt... in aller Öffentlichkeit... überall diese Perversen...“ murmeln, als er sich an ihnen vorbei drückte, darum bemüht, so viel Abstand zwischen ihnen zu halten wie es in dem begrenzten Durchgang möglich war.

Er spürte seine Wangen vor Verlegenheit brennen. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass er sich wieder an einem Ort und in einer Zeit befand, in der sich Leute noch an einer gleichgeschlechtlichen Beziehung störten. Bevor er Jack begegnete, hatte er sich nie zu einem anderen Mann hingezogen gefühlt und dementsprechend keine Erfahrung mit den Reaktionen anderer auf ihre öffentliche Vertrautheit gesammelt.

Jack schien es zu ignorieren. Oder vielleicht hatte er es auch gar nicht bemerkt, denn er lehnte sich zurück und flirtete mit der Bedienung, die ihnen den Kaffee gebracht hatte und nun zurück kam, um zu fragen, ob sie noch etwas bestellen wollten.

Ianto entschuldigte sich, um auf die Toilette zu gehen. Es reichte bei weitem nicht an die ersehnte Dusche heran, dachte er, als er sich Hände und Gesicht wusch, aber es war alles, was er im Moment haben konnte.

Als er den Raum verließ, wartete Jack mit ihrem Rucksack vor der Tür auf ihn, und bevor Ianto fragen konnte, bugsierte er sie beide aus dem Café und ins Freie. Der Regen hatte aufgehört.

„Was ist mit dem Kaffee?“ Ianto sah sich um. Niemand würde wegen zwei Tassen mittelmäßigen Kaffees die Polizei rufen, oder? Doch niemand blickte auch nur in ihre Richtung. Die Bedienung kassierte inzwischen an einem anderen Tisch.

Doch Jack winkte ab. „Ich habe gesagt, dass der Gentleman am Nebentisch ein alter Bekannter von uns war und unseren Kaffee mitbezahlt hat.“ Er grinste. „Sie hat nicht einmal nachgesehen, ob er ausreichend Geld liegen ließ.“


- + - + -


Sie mischten sich unter die anderen Passanten, und schlossen sich für eine Weile einer Touristengruppe an. Es fiel nicht wirklich schwer, so zu tun, als wären sie ebenfalls hier um Urlaub zu machen.

Ianto hatte Cardiff das letzte Mal als Kind besucht (und während sie hinter dem Slitheen her waren, blieb keine Zeit zum Sightseeing), als ihn seine Mam auf einen Einkaufstrip mitnahm. Er fühlte sich leicht überwältigt davon, die beiden Realitäten miteinander in Einklang zu bringen. Das war kein fremder Planet, er war hier geboren, er hatte in dieser Epoche gelebt und trotzdem war ihm vieles inzwischen unbekannt. Ein Blick auf Handys, die beinahe doppelt so groß waren wie die, die zuletzt in Mode gewesen waren, und auf das Design der Autos bewies es ihm nur zu deutlich, dass sich einiges geändert hatte.

Jack war im wahrsten Sinne des Wortes ganz und gar Tourist. Nicht nur in Cardiff, oder Wales, sondern auch in dieser Zeitperiode. Er hatte auf der Akademie der Time Agency das zwanzigste und einundzwanzigste Jahrhundert der Erde studiert, doch Holovids und Replika konnten nicht mit der Wirklichkeit mithalten. Das war, wieso er Time Agent geworden war – um andere Zeiten und andere Planeten zu erkunden. Vielleicht war sein Interesse nicht so... pur... wie das eines Archäologen, der Ruinen und Knochen ausgrub oder wie das eines Historikers, der hautnah bedeutende geschichtliche Ereignisse miterleben wollte, aber es nicht weniger intensiv, nur weil er hier und dort einen credit verdient, oder?

Er bemerkte plötzlich, dass sich Ianto nicht mehr an seiner Seite befand. Als Jack sich umsah, entdeckte er den jüngeren Mann schließlich ein paar Schritte entfernt, mit geschlossenen Augen gegen eine Hausmauer lehnend. „Hey, alles in Ordnung?“, fragte Jack, als er zu ihm trat.

Ianto sah ihn an. „Es ist alles...“, begann er – und beendete den Satz mit einer hilflosen Geste.

„Man gewöhnt sich daran.“ Jack lehnte sich neben ihn. „Das Gefühl der Orientierungslosigkeit ist völlig normal und geht vorbei.“ Er lachte. „Es wäre schlimmer, wenn wir per Vortex-Manipulator gereist wären. Unvorbereitet fühlt es sich an, als hätte man dir den Kopf abgenommen, verkehrt herum wieder auf den Hals geschraubt und die dafür nötigen Werkzeuge in deinem Magen transportiert. John hat sich bei unserer ersten gemeinsamen Mission übergeben. Nicht, dass wir nicht schon so genug Aufmerksamkeit auf uns zogen, als die einzigen Zweibeiner weit und breit. Oder es ihn davon abhielt, beim nächsten Mal wieder vorher die Nacht durch zu machen, und völlig verkatert aufzutauchen.“

„John?“, fragte Ianto unsicher. Jack hatte die eine oder andere Person aus seiner Vergangenheit erwähnt, aber bei diesem Namen leuchtete etwas in seinen Augen auf. Gute Erinnerungen?

„Mein Ex-Partner. Manchmal war es notwendig, zwei oder mehrere Agenten auf einmal zu schicken; außerdem war so immer jemand da, wenn etwas nicht nach Plan lief“, erklärte er. „Also bekamen wir feste Partner zugeteilt, wurden zusammen trainiert. Wir mussten in der Lage sein, uns gegenseitig blind zu verständigen. Und es ist nett, jemand zu haben, mit dem man sich langweilige Wartezeiten vertreiben kann. Einmal waren wir zwei Wochen lang in einer Zeitschleife gefangen – das heißt, zwei Wochen für alle anderen, für mich und John waren es drei Jahre.“

„Hast du... ich meine, waren du und er... uhm...“ Zwei rote Flecken tauchten auf Iantos Wangen auf.

„Yep. Partner in jeder Hinsicht.“ Jack stieß ihn mit der Hüfte an. „Sie haben uns schließlich getrennt, weil wir ein paar nicht genehmigte Nebengeschäfte am Laufen hatten. Das letzte was ich gehört habe, war das John verschiedene Rehabilitationszentren durchlaufen musste. Drogen. Alkohol. Mord.“ Er zuckte mit den Achseln. „Er war immer ein wenig... mental instabil.“ Jack schlang sich den Riemen des Rucksacks über die Schulter. „Hey, ich bin hungrig. Lass uns etwas zu essen finden und einen Platz zum Schlafen für heute Nacht.“

„Wir haben kein Geld, Jack.“ Trotz seines Protests ließ sich Ianto am Arm nehmen und wie ein widerspenstiges Kleinkind zurück auf den Gehweg führen.

„Mir fällt schon etwas ein“, erwiderte Jack leichthin. „Ich bin nicht das erste Mal in dieser Situation, vergessen?“

Unruhe lag wie ein Bleiklumpen in Iantos Magen, doch er folgte Jacks Führung ohne Widerspruch.

 

Teil 2