neu: Lisas Schatten (Beauty and the Beast, gen)
Titel: Lisas Schatten
Autor: Lady Charena
Fandom: Beauty and the Beast
Paarung: Vincent, Lisa, Devin, Mary, Vater
Rating: gen
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe/Hintergrund: Eine Begebenheit aus der Kindheit von Vincent, Lisa und Devin und ihrem Verhältnis zueinander. Beruht auf die Episode: Die Ballerina

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Eine Zeitlang stand sie im Schatten und beobachtete, wie er am Ufer saß und Steine über die glatte Oberfläche des Spiegelteiches hüpfen ließ. Dann trat sie zu ihm und tippte ihm auf die Schulter. „Hallo, Vincent.“

Erschreckt fuhr er zu ihr herum, denn er hatte ihre Anwesenheit nicht gespürt. „Lisa.“ Ein Lächeln hellte sein Gesicht auf, als er sie sah.

Leichtfüßig ließ sie sich neben ihm nieder. „Was machst du hier so allein?“, fragte sie und baumelte mit den Beinen. „Das ist doch langweilig.“

„Devin und ich wollten das Schiff schwimmen lassen, das wir gebastelt haben.“ Vincent wies mit dem Kopf auf ein kleines Modellschiff, das bei der Tunnelwand stand. „Aber dann ist er lieber mit Mitch und Winslow nach oben gegangen. Sie wollten ins Kino.“ Er seufzte mit dem ganzen Kummer seines kindlichen Gemüts und stützte die Arme auf die Knie, um den Kopf in die Hände zu legen. Trübselig starrte er so auf sein Spiegelbild im Wasser. Gleichgültig starrten die fremdartigen Gesichtszüge zurück, die ihn daran hinderten, mit den anderen Kindern nach oben zu gehen und die Wunder dieser anderen, aufregenden Welt kennen zu lernen.

„Warum lässt du es nicht trotzdem schwimmen, auch ohne Devin?“, fragte Lisa. Eine ihrer Zopfspangen hatte sich gelöst und drohte aus ihrem Haar zu rutschen. Sie schob sie zurück, ohne hin zu sehen.

„Ich weiß nicht“, entgegnete Vincent unsicher. So sehr er darauf brannte, das Schiff zu testen... Devin hatte gesagt, er solle damit warten, bis er zurück war. Und das Wort seines großen Bruders war Gesetz. „Devin hat gesagt...“

Lisa unterbrach ihn. „Devin hat gesagt. Devin hat gesagt“, äffte sie ihn nach. „Tust du immer, was er sagt?“ Sie warf schwungvoll den Kopf zurück. „Ich will sehen, wie das Schiff schwimmt und ich will es jetzt sehen. Los. Lass es schwimmen, für mich. Na los, Vincent. Für mich.“

„Ich weiß nicht, Lisa.“ Vincent war hin und her gerissen. Lisa war meist mit den anderen, älteren Kindern unterwegs, für ihn hatte sie sich nie sonderlich interessiert. Er war ihr zu brav, zu langweilig, mit seinem Gehorsam für all die ‚dummen’ Regeln, die Vater so gerne aufstellte, das wusste er wohl. Und da war das Schiff, dass er und Devin zusammen an vielen, langen Abenden gebaut hatten und das er so gerne auf dem Spiegelteich wollte schwimmen sehen.

Lisa verzog ungeduldig den Mund und das gab letztlich den Ausschlag. Beflissen sprang Vincent auf und nahm das Schiff vom Boden hoch. Liebevoll strich er mit den Fingern die Kontur nach. Dann kniete er sich neben Lisa ans Ufer des Spiegelteiches.

„Es ist wunderschön, findest du nicht?“, fragte er stolz.

„Ja, ja, es ist ganz nett“, meinte Lisa ein wenig wegwerfend. Sie interessierte sich nicht wirklich für das Spielzeug; aber sehr dafür, dass sie ihren Willen durchsetzte. „Jetzt lass’ es endlich schwimmen.“

Gehorsam setzte Vincent es ins Wasser und gab ihm einen sanften Schubs. Majestätisch glitt das Schiff über die ruhige Oberfläche des Spiegelteiches. Seine weißen Segel hingen schlaff herunter, da keine Brise wehte, um sie zu füllen, doch das störte das Bild keineswegs. Vincent verlor fast das Gleichgewicht und wäre um ein Haar in den Teich gefallen, so weit beugte er sich vor, um das Schiff genau im Auge behalten zu können. Hastig wickelte er die Schnur, die es ihm erlaubte, es immer wieder zurück zu holen, weiter ab, so dass es ruhig davon glitt, unbehindert in seinem Lauf.

All die Geschichten über Seefahrer und Piraten, die er gehört oder gelesen hatte, wurden plötzlich für ihn lebendig und seine ausgeprägte Phantasie begann das kleine Holzschiff mit Gestalten zu erfüllen. Er vergaß fast, dass er nicht alleine war.

Lisa ließ die Beine baumeln und kaute auf einem ihrer Zöpfe. Kaum war Vincent ihrem Wunsch nachgekommen, hatte sie auch schon wieder das Interesse daran verloren.

Schließlich sprang sie auf. „Das ist langweilig“, verkündete sie. „Komm’ lass uns woanders spielen. Lass uns in die Kammer der Winde gehen.“ Ihre Augen leuchteten auf, als sie daran dachte, dass Vater verboten hatte, dass sie sich dort ohne einen Erwachsenen aufhielten. Aber sie war kein Baby mehr!

„Aber...“ Vincent stand zögernd auf. Das Schiff stellte eine fast genauso große Verlockung dar, wie Lisas unerwartete Aufforderung, Zeit mir ihr zu verbringen. „Lisa, ich möchte wirklich...“

In diesem Moment kam Devin wie eine Rakete aus dem Tunnel in den Raum geschossen. „Vincent? Bist du noch da? Ich bin zurück, wir können jetzt…“ Er hielt inne, als er Lisa bei Vincent am Ufer des Spiegelteiches stehen sah.

„Devin.“ Vincent war erschrocken zusammengezuckt - und hatte das Rückholseil des Schiffes losgelassen, ohne es zu bemerken. Mit schlechtem Gewissen sah er seinen großen Bruder an.

„Was ist jetzt?“, fragte Lisa und wippte ungeduldig auf den Zehenspitzen. „Vincent, kommst du mit mir?“

Devin blickte ihn nur stumm an und Vincent war erneut hin und her gerissen – nun zwischen dem Wunsch, bei dem Schiff und Devin zu bleiben und dem unerwarteten Interesse der bei allen beliebten Lisa an seiner Person. Eine schier unmögliche Entscheidung für einen knapp neunjährigen Jungen.

„Vincent, unser Schiff! Pass’ doch auf, du Idiot!“

Devins Ausruf ließ Vincent herumwirbeln. Dabei geriet er zu dicht ans Ufer, rutschte ab und landete ausgesprochen unsanft der Länge nach im Spiegelteich. Prustend und nach Luft schnappend tauchte er wieder auf und schüttelte das lange Haar aus dem Gesicht, um die Augen frei zu bekommen. Zum Glück war das Wasser hier dicht am Ufer nicht mehr als einen halben Meter tief. Als er sich umdrehte, sah er jedoch, wie das Schiff – von der Strömung des unterirdischen Flusses, der den Spiegelteich speiste, mit getragen – seitlich in einem kleinen Abflusskanal verschwand.

Lisa stand da und blickte ihn mit großen Augen an – dann brach sie in helles Lachen aus, das von den Felswänden zurückgeworfen wurde.

Vincent kauerte sich unwillkürlich zusammen. Lachte sie ihn aus?

Devin packte schließlich Vincent an den Schultern und zog ihn aus dem Wasser. „Du Idiot. Jetzt ist es weg“, schrie er den Jüngeren an. „Sieh’ dir das an! Was hast du nur wieder angerichtet?“ Empört ließ er Vincents Jacke los und stürmte aus der Kammer.

Unglücklich - über den Verlust des Schiffes genauso, wie über Devins Worte, wandte Vincent sich Lisa zu – beziehungsweise wollte er das, doch sie war nicht mehr da.

* * *

„Hast du keinen Hunger, Vincent?“, fragte Mary, als sie sah, wie der Junge das Essen nur von der einen Seite des Tellers zum anderen schob.

Vincent schüttelte den Kopf. Er warf einen scheuen Blick auf Devin, der einen Platz weit entfernt von ihm am anderen Ende des Tisches gewählt hatte und ihn demonstrativ ignorierte. Er unterhielt sich mit Pascal und schenkte Vincents zerknirschter Miene keine Beachtung. „Darf ich aufstehen?“, fragte er.

„Natürlich.“ Mary war nicht entgangen, dass zwischen Devin und Vincent etwas vorgefallen sein musste und so folgte sie einem geknickt wirkenden Vincent in den Tunnel. Streitigkeiten unter den Kindern waren normal, doch das Band zwischen Vincent und Devin war sehr stark. Es musste sich etwas Ernsthaftes ereignet haben, um das Schweigen der beiden zu erklären. „Warte mal einen Moment, mein Schatz“, hielt sie ihn auf. „Vincent, was ist passiert? Warum bist du so traurig?”

Konfrontiert mit der sanften Frau, die einzige Mutter die er je gekannt hatte, sprudelte die ganze Geschichte aus dem Jungen heraus.

„Aber das ist doch nun wirklich nicht so schlimm“, tröstete Mary. „Ihr könnte doch ein neues Schiff zusammen basteln.“ Sie strich Vincent übers Haar. „Geh’ einfach zu Devin und sag’ ihm, dass es dir Leid tut. Dann wird schon alles wieder gut werden. Und du machst wieder ein fröhliches Gesicht, ja?“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn und sah ihm nach, als er wie ein Wiesel im angrenzenden Tunnel verschwand. Vorsichtshalber würde sie selbst mit Devin sprechen, dass er nicht so streng mit Vincent sein sollte. Der Junge fühlte sich wegen seines Missgeschicks offensichtlich schlecht genug. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Lisas Rolle in dem ganzen „Drama“ hingegen war eine ganz andere Sache... Vielleicht sollte sie sich einmal darüber mit Vater unterhalten.

* * *

Vincent fühlte sich wesentlich leichter, als er zu der Kammer eilte, die er mit Devin teilte.

Vor ein paar Tagen hatte er einen wunderschönen, weißen Stein gefunden, durchzogen von glitzernden Adern. Eigentlich hatte er ihn Vater als Briefbeschwerer schenken wollen, doch jetzt würde er ihn Devin geben, als Entschuldigung für das verlorene Schiff.

Vincent öffnete die alte Truhe, in der er all seine Schätze verwahrte und holte den Stein heraus, der sorgfältig in ein Taschentuch gewickelt war. Der Glitzerstein war so groß wie Vincents Handfläche, fast wie ein Ei geformt und funkelte herrlich im Kerzenlicht. Er hielt ihn lose in der Hand, als er die Kammer wieder verließ, um Devin zu suchen.

Lisa kam ihm unterwegs entgegen. „Hallo, Vincent“, sagte sie und lächelte ihn strahlend an. Als hätte es den peinlichen Vorfall am Spiegelsee nie gegeben.

Vincent lächelte schüchtern zurück. „Hallo, Lisa.“

„Was hast du denn da?“, erkundigte sich das Mädchen neugierig.

Vincent zeigte ihr den Stein gerne.

Lisa war völlig entzückt davon. „Oh, schenkst du ihn mir, ja? Er ist so wunderschön. Bitte, bitte, Vincent. Ich möchte ihn so gerne haben. Bitte. Schenk’ ihn mir. Ich bin dann für immer deine Freundin. Und wir spielen ganz oft zusammen.“

Vincent sah sie hilflos an. „Ich wollte den Stein eigentlich Devin schenken“, meinte er. „Wegen dem Schiff.“

Lisa machte eine wegwerfende Geste, die sie wohl einem Erwachsenen abgesehen hatte – sie imitierte mit ihren acht Jahren gerne die Großen. „Ich möchte aber den Stein gerne haben.“

„Aber ich...“ Vincent verstummte, als sie einfach den Stein nahm, ihm ein zuckersüßes Lächeln und eine Kusshand (wie sie es bei einem der älteren Mädchen gesehen hatte) zuwarf – und ihn mit leeren Händen stehen ließ.

* * *

„Ah, Devin. Schön, dass ihr zurück seid. Wo ist denn Vincent?“, fragte Vater erstaunt, als Devin ohne seinen „Schatten“ bei ihm auftauchte. „Kommt er später nach?“ Er hatte die beiden zusammen zu Dr. Wong geschickt, um einige Päckchen mit Kräutertee abzuholen, die dieser für die Gemeinde bereithielt.

Schwungvoll knallte Devin den Korb mit den Teepäckchen auf dem Tisch. „Er ist überhaupt nicht aufgetaucht und ich bin schließlich alleine zu Dr. Wong gegangen“, erklärte er missgelaunt.

Verwundert blickte Vater ihn an. „Aber das sieht Vincent gar nicht ähnlich. Und er geht doch so gerne zu Dr. Wong. Hast du denn eine Vermutung, was ihn aufgehalten hat?“

Devin zuckte zuerst nur mit den Schultern. Dann brach es aus ihm heraus. „Bestimmt ist er wieder mit Lisa zusammen. Ständig läuft er ihr hinterher und merkt gar nicht, dass sie ihn nur ausnutzt. Vincent hier und Vincent da und Vincent tu’ das für mich, Vincent tu’ jenes für mich. Mary hat sie heute morgen zum Wasserholen geschickt, sie war an der Reihe ihr in der Küche zu helfen, aber ich habe gesehen, das Vincent das für sie gemacht hat.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte eine Haarsträhne seiner zu langen Haare aus dem Gesicht. „Bei der Lesegruppe sitzen sie auch immer zusammen und außerdem hat Vincent überhaupt keine Zeit mehr für mich.“ Er stoppte und biss sich trotzig auf die Lippen.

Vater sah überrascht, dass der Junge mit den Tränen kämpfte. Er trat zu Devin und legte den Arm auf seine Schulter. „Du solltest nicht traurig sein, wenn Vincent neben dir noch andere Freunde hat. Du bist doch auch gerne mit Pascal oder Mitch zusammen.“

Devin schüttelte seine Hand ab. „Das ist etwas anderes, Lisa ist ein Mädchen“, verdeutlichte er. „Vincent ist mein kleiner Bruder. Ich hasse sie“, erklärte er leidenschaftlich und stürmte aus der Kammer.

Vater sah ihm kopfschüttelnd und halb amüsiert hinterher. Als sich seine Gedanken jedoch Lisa und Vincent zuwandten, ernüchterte er rasch wieder. Etwas merkwürdig fand er die plötzliche Freundschaft zwischen den beiden schon. Lisa hatte nie viel Interesse an ihren jüngeren oder gleichaltrigen Spielkameraden gezeigt, sondern hatte sich immer an die älteren Kinder und die Erwachsenen der Tunnelgemeinde gehalten. Er war sich nicht sicher, ob sie Vincent vorher überhaupt bemerkt hatte. Aber er beschloss, das ganze im Auge zu behalten.

* * *

Es war Mitch, der schließlich begann, Vincent „Lisas kleiner Sklave“ zu rufen, als es auch den anderen Tunnelkindern auffiel, wie viel Zeit die beiden miteinander verbrachten.

Devin schmollte weiterhin und strafte Vincent mit Missachtung.

Vater und Mary beobachteten das Trio ebenfalls. Unabhängig voneinander und ohne sich groß einzumischen, jedoch mit einem leisen Gefühl von Sorge. Nur Lisa genoss offensichtlich den Wirbel den sie veranstaltete sehr und kommandierte Vincent am liebsten vor so viel Publikum wie nur irgend möglich herum.

Seit Lisa lesen konnte, hatte sie alles in sich aufgesogen, dass mit dem Theater, dem Ballett und dem Tanzen zu tun hatte. Es war ihr größter Wunsch, später einmal Tänzerin zu werden. Stundenlang schwärmte sie einem hingerissen lauschenden Vincent davon vor und führte die Ballettposen vor, die sie sich aus einem Buch abgesehen hatte.

Und Vincent war es dann auch, der Vater bestürmte, Lisa tanzen lernen zu lassen. Tatsächlich fand sich unter den Helfern jemand, der eine Tanzlehrerin kannte. Und kurz darauf nahm eine hochzufriedene Lisa ihre erste Tanzstunde. Sie hatte offenbar Talent, denn die Lehrerin erklärte sich damit einverstanden, Lisa zu unterrichten. Stolz und verbissen begann sie zu üben.

Von Vincent stets wie ein Schatten begleitet.

Ende