Titel: Leopolds Abenteuer oder Nicht mit meinem Schwein!
Autor: Lady Charena
Fandom: Dragon Hunters

Paarung: Jeanneline, ZaZa, Gwizdo, Lian Chu, Hector & Drachini Hausschweini Leopoldiis – kurz Leopold genannt
Rating: gen, Humor
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe/Hintergrund: Das Hausschwein Leopold soll verkauft werden. Doch ZaZa will ihren liebsten Spielkameraden nicht hergeben und brennt einfach mit ihm durch. Jeanneline bittet Gwizdo und Lian Chu sich auf die Suche nach ihrer Tochter zu machen.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

 

 

Schon den ganzen Abend brütete Jeanneline in der Gaststube der Schenke „Zum schnarchenden Drachen“ über einem dicken Bündel Rechnungen und der Kasse, in der sich nur ein paar Goldonen und Klimperlinge befanden. Ab und zu murmelte sie düster etwas vor sich hin – und das brachte den einen oder anderen Anwesenden dazu, den Kopf zu heben und sie anzusehen. Schließlich schob Jeanneline mit einem lauten Seufzen die Rechnungen von sich und stemmte sich hoch. „Ich bin ruiniert!“, verkündete sie.

 

Gwizdo sah von seinem neuen Mustervertrag auf, an dessen spitzfindigen und zweideutigen Formulierungen - die ihm ein Vermögen einbringen sollten, ohne dass der Kunde wusste, wie ihm geschah – er schon seit Tagen arbeitete. „Ruiniert?“

 

Auch Lian Chu, der mit einen komplizierten Muster eines neuen Pullovers für Hector beschäftigt war, hob den Kopf. „Ruiniert?“

 

„Gibt es hier drinnen ein Echo?“, fragte Jeanneline gereizt. „Ja, ich bin pleite, bankrott, am Ende.“

 

„Das ist nicht sehr schön“, meinte Lian Chu. „Wenn wir dir irgendwie helfen können...“

 

„Ihr beide seid mit Schuld daran. Seit sechs Monaten habe ich weder Miete noch Kostgeld gesehen.“

 

„Wir können nichts für die Flaute auf dem Drachenjäger-Markt, liebste Jeanneline“, beeilte sich Gwizdo die Wogen zu glätten. Er legte keinen Wert darauf, sich ein neues Quartier suchen zu müssen. „Aber ich bin sicher, die Lage wird sich jeden Augenblick bessern. Und mit diesem neuen Vertrag verdienen wir mehr als je zuvor.“

 

„Mehr als Nichts kann ja nicht so schwer zu verdienen sein!“, entgegnete die Wirtin spitz. „Aber es gibt nur noch eine Möglichkeit – ich muss Leopold verkaufen.“

 

„Leopold verkaufen?“, tönte es entsetzt von der Treppe, wo ZaZa auftauchte, obwohl sie eigentlich um diese Zeit schon längst im Bett liegen sollte. „Aber Mami, das kannst du doch nicht machen. Leopold ist mein bester Freund!“

 

Jeanneline seufzte. „Ich weiß, mein Kind. Aber daran ist nun mal leider nichts zu ändern. Morgen bringen wir Leopold zum großen Schweinemarkt auf der Insel Quemlinpur und lassen seinen Wert schätzen. Und jetzt ab mit dir ins Bett, ZaZa. In fünf Minuten komme ich Nachsehen.“

 

„Das ist so gemein.“ ZaZa rannte die Treppe hoch und warf sich in ihrer Kammer weinend aufs Bett.

 

„Gibt es nicht doch eine andere Lösung?“ Lian Chu legte das Strickzeug beiseite. „ZaZa hängt wirklich sehr an Leopold. Er ist doch ihr einziger Spielkamerad, seit Zoria weggegangen ist. Und wenn Gwizdo, Hector und ich unterwegs sind und du dich um die Gäste kümmern musst, mit wem außer Leopold soll sie da schon spielen?“

 

Jeanneline seufzte erneut und schloss die Geldkassette ab, obwohl es sich der paar Kröten wegen kaum lohnte. „Ich wünschte, ich wüsste einen anderen Ausweg. Aber wenn nicht ein Wunder geschieht, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als das Schwein zu verkaufen.“

 

In betrübter und nachdenklicher Stimmung gingen die Bewohner der Schenke bald darauf zu Bett.

 

Stunden später schlich eine kleine Gestalt so leise wie möglich die breite Treppe hinab und verließ das Haus durch die Küchentür, die leise quietschte. Sie huschte um die Ecke des Gebäudes und öffnete das Gatter des Schweinekobens. Im Licht der Sterne konnte man deutlich das riesige Hausschwein erkennen, das in seiner Schlammkuhle schlief. Die Gestalt packte es an einem Ohr und hielt ihm mit der anderen Hand die Schnauze zu. Leopold schreckte aus dem Schlaf hoch und quiekte erschreckt. ZaZa rief leise seinen Namen und das Schwein beruhigte sich, als es sie erkannte. Er begann dem Mädchen die Hand abzulecken und sie gab seine Schnauze frei. Leopold stand ganz still, als ZaZa sich mit dem Sattelzeug abmühte und die Riemen fest anzog. Dann schwang sie sich auf Leopolds Rücken und auf ZaZas ermunternden, leisen Zuruf hin setzte sich das Hausschwein schwerfällig in Bewegung. Sie lenkte ihn zu der schmalen, schwankenden Hängebrücke, die ihre Insel mit der nächsten verband.

 

* * *

 

„Gwizdo! Lian Chu!“

 

Jeannelines aufgeregtes Rufen wirkte auf die beiden Drachenjäger, die noch in ihrer Kammer schliefen, wie ein kalter Guss. Während Lian Chu kaum eine Minute brauchte, um sich anzuziehen, schlurfte Gwizdo gähnend, blinzelnd und orientierungslos im Schlafanzug durch die Gegend und suchte nach seiner Mütze, die ihm irgendwie abhanden gekommen war. Er entdeckte sie schließlich in Hectors Körbchen, der Drachenhund schnarchte weiterhin ungestört vor sich hin. Erst als ein Tritt ihn auf den Boden katapultierte, schrak Hector aus süßen Träumen über das freie Leben als wilder Drache hoch.

 

„Sapperlot noch mal.“ Gwizdo kratzte sich am Kopf und ließ seine struppige Haarpracht unter der Fliegermütze verschwinden, die er nur zum Schlafen abnahm. „Was soll denn dieser Krach um so eine frühe Morgenstunde?“

 

„Ich weiß es auch nicht, Gwizdo.“ Lian Chu befestigte die Ledermanschetten um seine Handgelenke. „Aber Jeanneline klingt sehr aufgeregt und das ist kein gutes Zeichen.“ Er schickte sich an, die Kammer zu verlassen.

 

„Was heißt hier kein gutes Zeichen?“, wiederholte Gwizdo. „Diese Frau ist das reinste Nervenbündel.“ Er zog seine Hose unter dem Bett hervor.

 

Wenig später betrat Gwizdo die Gaststube und sah als erstes Jeanneline an einem der Tische sitzen und sich mit ihrer Schürze die Augen abtupfen. Lian Chu stand etwas unbeholfen daneben und tätschelte ihr die Schulter. „Was ist denn hier passiert?“

 

Jeanneline schluchzte. „ZaZa ist verschwunden, sie war nicht in ihrer Kammer, als ich heute morgen nach ihr sehen wollte und draußen war sie auch nicht und Leopold ist auch verschwunden.“

 

„So ein elendes Elend.“ Gwizdo kratzte sich am Kopf. „Dann kannst du ihn ja gar nicht verkaufen.“

 

„Gwizdo!“, tadelte Lian Chu. „ZaZa ist weggelaufen.“

 

„Mein armes Baby“, rief Jeanneline aus. „Denkt doch nur an all die schrecklichen Dinge, die ihr so ganz alleine da draußen zustoßen könnten.“

 

„Ach die kommt schon wieder“, meinte Gwizdo und setzte sich an den Tisch. „Du hast nicht zufällig Frühstück gemacht?“

 

„Wie kannst du jetzt nur an deinen Magen denken?“, empörte sich die Wirtin.

 

„Ich kann nun mal mit leeren Magen überhaupt nicht denken“, entgegnete Gwizdo. „Und ZaZa ist mit Leopold bestimmt nur spazieren gegangen. Wenn sie Hunger hat, kommt sie schon zurück.“

 

„Das glaube ich nicht.“ Frische Tränen kullerten über Jeannelines rundes Gesicht. „Mein kleines Mädchen ist weggelaufen. Oh, ich verzeihe mir nie, wenn ihr etwas passiert.“

 

„Gwizdo und ich werden nach ihr suchen, Jeanneline. Leopold kann nicht sehr schnell laufen, sie können noch nicht weit weg sein. Hector ist ein ausgezeichneter Spurenleser.“

 

Hector nickte derart begeistert, dass seine langen Ohren nur so flatterten. „Oh ja, ja, Hector gut, gut schnüffel.“

 

Nur Gwizdo schmollte. „Ich bin Drachenjäger und kein Kindermädchen“, murrte er. „Ich habe überhaupt keine Begabung zum Babysitten.“

 

„Jeanneline und ZaZa sind unsere Familie, Gwizdo“, erinnerte ihn Lian Chu. „Natürlich machen wir uns sofort auf die Suche. Hector wird schon einmal den Flugschrauber überprüfen, dann können wir bald starten.“

 

Jeanneline umarmte den hünenhaften Drachenjäger. „Ich danke dir, Lian Chu. Gleich packe ich euch ein Proviantpaket, es ist noch ein Rest Butor-Backe in Schlafrock von gestern Abend da.“ Sie wischte sich die Tränen mit ihrer Schürze ab.

 

„Na gut“, ließ sich Gwizdo vernehmen. „Aber wir machen einen ordentlichen Vertrag über die Suche. Und für das Wiederbeschaffen deiner Tochter erlässt du uns den sechsmonatigen Mietrückstand plus die Miete für die nächsten sechs Monate.“

 

„Willst du mich ruinieren?“, fuhr Jeanneline wütend auf. „Ich kann es mir nicht leisten, euch so durchzufüttern.“

 

„Tja.“ Gwizdo lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Ich fürchte, dann können wir es uns auch nicht leisten, unentgeltlich nach entlaufenen Hausschweinen und ihren Spielkameraden zu suchen.“

 

Jeanneline resignierte. „Na gut, wenn...“

 

„Natürlich werden wir kein Geld für die Suche nach ZaZa verlangen“, mischte sich Lian Chu bestimmt ein. „Nicht wahr, Gwizdo, das mit dem Vertrag war nur ein Scherz.“ Er verschränkte die Arme und sah seinen Freund ernst an.

 

Gwizdo rollte mit den Augen. „Na gut, na gut, aber beklag’ dich nicht, wenn deine Geschäftspraktiken uns ruinieren“, murrte er und winkte mürrisch ab. Er trollte sich nach draußen, um Hector beim Beladen und Überprüfen des Flugschraubers zu überwachen und zu kritisieren. Jeanneline eilte in die Küche um den versprochenen Proviant einzupacken. Nur Lian Chu blieb nachdenklich in der Wirtsstube zurück und griff nach seinem Strickzeug. Er konnte dabei viel besser überlegen. Und im Moment versuchte er sich vorzustellen, wohin wohl ein kleines Mädchen mit einem großen Schwein flüchten würde, um es in Sicherheit zu bringen. Er machte sich wirklich Sorgen um ZaZa, die ihm wie eine eigene Tochter ans Herz gewachsen war. Es wimmelte da draußen nur so von Drachen und anderen Ungeheuern, die in Leopold eine Hauptmahlzeit und in ZaZa einen willkommenen Nachschlag sehen würden... Hoffentlich kamen sie nicht zu spät.

 

* * *

 

Leopold und ZaZa befanden sich zu dieser Zeit in einer Sackgasse. Die kleine Insel, auf der sie gelandet waren, hatte offenbar keine Verbindung zu den anderen. Obwohl sie einmal ganz um das Eiland gewandert waren, gab es nur die altersschwache Hängebrücke, über die sie gekommen waren und von der sich ZaZa nicht sicher war, ob sie Leopolds Gewicht ein zweites Mal würden tragen können. Sie hatte schon beim Hinweg schrecklich geknarrt und gekracht und zwei der Planken waren durchgebrochen.

 

ZaZa kraulte das geduldig neben ihr herstapfende Schwein hinter den Ohren. „Wir müssen es versuchen und wieder zurück“, sagte sie. „Vielleicht gibt es auf der anderen Insel eine zweite Verbindungsbrücke.“ Sie seufzte. „Wenn wir doch nur einen Flugschrauber hätten oder ein Luftschiff wie der Händler, der letzte Woche bei Mama war. Dann könnten wir überall hin, wo wir wollten und niemand würde uns je finden.“ Sie umarmte ihr Haustier. „Ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert, Leopold“, versprach sie. Das Schwein grunzte und stupste das Mädchen mit seiner Schnauze.

 

Also machten sie sich daran, vorsichtig die schwankende Konstruktion aus Seilen und Holzplanken ein zweites Mal zu überqueren.

 

* * *

 

Gwizdo spähte angestrengt durch seine Pilotenbrille. „Es kann doch nicht so schwer sein, dieses Schwein zu finden“, murrte er. „Sapperlot noch mal, Leopold ist riesig.“

 

„Nur mit Geduld kommt der Jäger zum Ziel. Verliert er sie, gewinnt er nicht viel.“ Auch Lian Chu war damit beschäftigt, Ausschau zu halten. „Vielleicht suchen wir in der falschen Richtung, Gwizdo“, wandte er vorsichtig ein. „ZaZa und Leopold können nicht fliegen. Und die einzige Brücke die von unserer Insel wegführt, geht nach Westen. Wenn wir also von Brücke zu Brücke und so von Insel zu Insel fliegen, sollten wir sie bald einholen.“

 

Gwizdo verdaute das einen Moment. „Na gut“, meinte er leicht gekränkt, denn er hatte das Gefühl, dass Lian Chu seine Kenntnisse als Navigator nicht so recht zu schätzen wusste. „Wenn Herr Lian Chu meint, wir müssen im Westen suchen, dann suchen wir im Westen. Hector jetzt tritt mal ein bisschen in die Pedale, wir stehen ja fast in der Luft.“

 

* * *

 

ZaZa setzte sich seufzend in das weiche Gras und teilte die Äpfel, die sie gefunden hatte, zwischen sich und Leopold auf. Zwei legte sie für sich hin, den Rest schob sie Leopold vor die Schnauze. Das Schwein lag im Schatten und hatte erschöpft alle Viere von sich gestreckt. Es schlang die Früchte hastig hinunter.

 

„Ich hätte uns wohl besser eine von Gwizdos Karten mitgenommen“, meinte ZaZa voll Bedauern. Auch ihr taten die Füße weh. Irgendwie hatte sie es sich einfacher vorgestellt, mit Leopold weg zu laufen. Sie knabberte an ihrem Apfel und versuchte nicht an das Frühstück zu denken, dass ihre Mutter ihr jetzt serviert hätte. Sehnsüchtig dachte sie an ihr Zuhause, an ihre Mutter und Lian Chu und Hector und Gwizdo. Aber sie konnte doch nicht einfach zurückgehen und zulassen, dass man Leopold verkaufte. Wer wusste, ob er es da so gut haben würde wie bei ihr. Seufzend stand sie auf. „Komm’ Leopold, wir müssen weiter.“

 

Das Schwein schüttelte seinen massigen Kopf, stemmte sich dann aber doch hoch und trottete hinter dem Mädchen her.

 

Es war nur eine Art grobgezimmerte Leiter, die diese Insel mit der nächsten verband, die nur ein paar Meter entfernt war. Offenbar entfernten sich die beiden nicht weit voneinander. Aber trotz ZaZas Aufmunterung weigerte sich Leopold, auf die Leiter zu steigen. „Wir können uns ja da drüben ein wenig ausruhen, wenn du zu müde bist.“ ZaZa tätschelte dem zitternden Schwein die Flanke. „Und es später noch einmal versuchen.“

 

„Du wirst das Schwein nie dazu bekommen, über eine Leiter zu gehen.“ Erschrocken drehte sich ZaZa um, als hinter ihr eine Stimme erklang. Es war ein fremder, älterer Mann, der einen zerfledderten Strohhut auf dem Kopf und schmutzige Bauernkleidung am Leib trug. Er stützte sich auf einen Stock. „Schweine gehen nicht über Leitern.“

 

Beschützend – oder vielleicht auch haltsuchend – legte ZaZa den Arm um Leopolds Hals, zumindest so weit sie ihn umfassen konnte. „Mein Leopold kann das“, behauptete sie. „Er ist ein ganz besonderes Schwein.“

 

Der Alte lachte und kramte eine Pfeife aus seiner Jackentasche, die er in Brand steckte und ein paar Rauchwölkchen ausstieß, bevor er antwortete. „Das das ein besonderes Schwein ist, sehe ich“, meinte er vergnügt. „Habe schon seit Jahren kein so großes und so fettes Tier mehr gesehen. Und ich züchte Schweine seit ich vierzehn bin.“ Er lüftete seinen Hut. „Meine Name ist Quimperpol und ich bin der beste Experte für Borstenvieh, den man weit und breit findet.“

 

ZaZa musterte ihn misstrauisch. Er wirkte eigentlich ganz nett, aber ihre Mutter hatte ihr stets eingeschärft, keinem Fremden sofort alles zu glauben. „Ich bin ZaZa und das ist Leopold“, sagte sie.

 

„Es freut mich, euch kennen zu lernen. Was hat euch auf meine Insel verschlagen?“, fragte Quimperpol. „Es kommt eigentlich selten Besuch.“

 

„Wir sind nur auf der Durchreise.“

 

„Soso.“ Quimperpol schob seinen Hut in den Nacken. „Ein kleines Mädchen und ein großes Schwein auf der Durchreise, na so was, hat man das schon gesehen.“ Er grinste und stieß noch ein paar Rauchwölkchen aus. „Dann will ich euch mal nicht weiter aufhalten. Gute Reise noch.“ Er drehte sich um und entfernte sich ein paar Schritte. „Und nehmt euch vor dem Raffemaul in Acht.“

 

ZaZa lief ihm nach. „Was ist ein Raffemaul?“, fragte sie besorgt.

 

„Ach, das ist nur ein ziemlich gefräßiger Drache, der auf der kleinen Insel neben meiner lebt. Er kommt ab und zu rüber und holt sich eins von meinen Schweinen, wenn es so unvorsichtig war, in den Wald auszubüchsen.“ Quimperpol lächelte. „Er war schon ziemlich lange nicht mehr da, ist bestimmt hungrig. Aber das muss euch ja nicht kümmern, ihr seid ja nur auf der Durchreise.“ Er nickte dem Mädchen noch einmal zu, dann ging er weiter und geriet bald hinter einem Bambuswäldchen außer Sicht.

 

Bekümmert setzte sich ZaZa neben Leopold, der es sich in einem Gebüsch gemütlich gemacht hatte und sich den Bauch mit den daran wachsenden Beeren voll schlug. „Was machen wir jetzt bloß?“, fragte sich das Mädchen tiefbekümmert.

 

* * *

 

„Ich finde, wir sollten umdrehen.“ Gwizdo hielt in der einen Hand ein Sandwich mit kalter Marmeluk-Zunge und Majonäse und in der anderen eine Karte. „Leopold und ZaZa können niemals so weit gelaufen sein. Außerdem braucht Hector ne Pause.“

 

Lian Chu rieb sich nachdenklich das Kinn. „Ich weiß, das wir schon lange unterwegs sind. Aber ich habe das Gefühl, dass ZaZa und Leopold hier irgendwo ganz in der Nähe sind.“ Er stutzte und beugte sich vor, um eine der beiden Inseln näher in Augenschein zu nehmen, über die sie gerade hinwegflogen. „Siehst du das da?“ Er deutete auf einen Hügel aus Steinen auf dem kleineren Inselchen, der Gwizdo nicht anders vorkam als jeder Hügel aus Steinen, den er zuvor gesehen hatte.

 

„Was ist damit?“, fragte der Pilot und kleckerte Majonäse auf die Karte.

 

„Das ist das Nest eines Huile-Drachens, auch Raffemaul im Volksmund genannt. Diese Gattung frisst bevorzugt Schweine.“ Lian Chu wirkte sehr besorgt, als er die Umgebung des Nestes nach Spuren absuchte, ob dort noch ein Drache lebte oder ob es längst verlassen war. „Ich glaube, einer der Drachen treibt sich hier noch herum. Siehst du die Knochen? Hoffentlich ist ZaZa noch nicht so weit gekommen.“

 

„Von dieser Drachenart habe ich noch nie etwas gehört.“ Gwizdo wischte mit dem Ärmel einen Fettfleck von der Karte, der eine halbe Insel unter sich hatte verschwinden lassen. „Dein fundiertes Wissen erstaunt mich wirklich immer wieder.“

 

„Wir sollten hier landen, Gwizdo und uns umsehen.“

 

„Aber warum?“ Gwizdo spähte nach unten. „Ich kann kein Schwein sehen. Und auch keinen Drachen. Also gibt es keinen Grund zu landen. Oder denkst du, die Nachbarinsel ist bewohnt und jemand bezahlt uns eine Belohnung dafür, wenn wir das Vieh töten? Ansonsten ist es reinste Zeitverschwendung, hier noch länger herumzueiern.“

 

Lian Chu griff nach seinem Schwert, das wie immer auf seinen Rücken geschnallt war. „Wir werden besser mal nachsehen. Ich glaube auf der größeren der beiden Inseln leben Menschen.“

 

„Na gut.“ Gwizdo riss das Ruder herum und der hechelnde Hector wurde fast aus seinem Sitz geschmissen. „Wenn du das sagst, dann sehen wir mal, ob wir den armen Leutchen nicht zu einem drachenfreien Leben verhelfen können.“

 

* * *

 

ZaZa schreckte hoch, als in ihrer Nähe ein Vogel einen schrillen Warnschrei von sich gab. An Leopold gekuschelt war sie in der warmen Mittagssonne eingeschlafen. Sie sah sich um, konnte aber nichts Gefährliches entdecken. Leopold begann neben ihr wieder zu schlottern. Er war nun einmal kein besonders tapferes Schwein. „Keine Angst.“ ZaZa tätschelte ihn beruhigend. „Ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert.“ In dem Moment hörte sie ein Geräusch, das ihr sehr vertraut war – der Flugschrauber! Oh nein, Lian Chu und Gwizdo hatten sie gefunden. Und sie würden Leopold zurückbringen und dann würde ihre Mutter ihn auf dem Schweinemarkt verkaufen.

 

„Versteck’ dich da hinten in den Büschen und sei ganz still“, flüsterte sie in ein Schweineohr, dann stand ZaZa auf und lief auf die Lichtung hinaus, auf welcher der Flugschrauber eben gelandet war. Vielleicht konnte sie die beiden davon abbringen, Leopold mitzunehmen.

 

„Na sapperlot, da ist sie doch.“ Gwizdo schob seine Brille auf die Stirn. „Aber ich sehe kein Schwein.“

 

Lian Chu hob ZaZa hoch und drückte sie an sich. „Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist.“ Er stellte sie zurück auf den Boden. „Wo ist Leopold? Wir müssen von hier weg. Es gibt einen Drachen in der Nähe.“

 

„Ich weiß.“ ZaZa überlegte fieberhaft. „Äh... Leopold ist nicht hier. Er hat sich erschreckt und ist mir weggelaufen. Ich weiß nicht, wo er ist.“

 

„Das ist nicht gut.“ Lian Chu sah sich aufmerksam um. „Fällt euch nicht auch auf, wie still es geworden ist? Kein Vogel ist zu hören.“ Er wandte sich an ZaZa und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Wenn du weißt, wo Leopold ist, dann müssen wir ihn sofort holen und von hier verschwinden. Ich glaube der Drache treibt sich in der Nähe herum.“

 

ZaZa gab seufzend nach. „Er versteckt sich da hinten im Gebüsch.“

 

Lian Chu nickte. „In Ordnung. Du bleibst mit Gwizdo und Hector beim Flugschrauber und ich hole Leopold, verstanden?“

 

„Moment mal“, mischte sich Gwizdo ein. „Du willst mich hier allein lassen? Mit einem Kind und einem Hund? Und was ist, wenn der Drache kommt?“ Er rieb sich den Kopf. „Ich meine, du kannst doch nicht alleine loszuziehen, wenn das Vieh auftaucht, brauchst du meine Hilfe, wir sind doch ein Team.“

 

„Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, Gwizdo.“ Lian Chu überprüfte noch einmal den Sitz seines Schwertgurtes. „Du und Hector müsst hier bleiben und ZaZa beschützen. Ich bin gleich wieder da.“ Ohne sich auf eine weitere Diskussion mit seinem merklich blass gewordenen Freund einzulassen, ging er auf das Gebüsch zu.

 

„Ach du elendes Elend.“ Gwizdo sah sich nervös um und erntete dafür einen verächtlichen Blick von Hector, der die Arme um ZaZa gelegt hatte. Ein Schatten legte sich über die kleine Gruppe am Flugschrauber doch es war nur eine Wolke, die der Wind vor die Sonne geschoben hatte. Trotzdem schlotterte Gwizdo am ganzen Leib, als er Lian Chu wieder auf die Lichtung treten sah. Allein.

 

„Ich habe Leopold nicht gefunden“, verkündete der Drachenjäger traurig. „Nur eine Unzahl von Fußspuren. Aber ich konnte nicht sagen, von wem sie stammten. Möglicherweise waren die eines Raffemauls auch dabei.“ Er hielt ZaZa zurück, die auf das Gebüsch zulaufen wollte, in dem sie Leopold versteckt hatte. „Nein, ZaZa. Wir können hier nichts mehr tun. Fliegen wir zurück zu deiner Mutter, sie macht sich große Sorgen um dich.“

 

„Aber Leopold...“ ZaZa begann zu weinen.

 

„Wenn ihn der Drache erwischt hat, sollten wir keine Sekunde länger hier bleiben.“ Gwizdo setzte seine Brille auf. „Ich habe keine Lust als Nachtisch zu enden.“

 

„Wir können Leopold doch nicht hier lassen“, protestierte ZaZa.

 

„Ich fürchte, Gwizdo hat recht. Es ist zu gefährlich, länger zu bleiben.“ Lian Chu hob das Mädchen in den Flugschrauber und Hector begann in die Pedale zu treten. Kurz darauf hatten sie die Insel unter und hinter sich gelassen und befanden sich auf dem direkten Heimweg zur Schenke.

 

* * *

 

Leopold grunzte überrascht, als der Mann ihn in einen Verschlag führte, in dem sich bereits zahlreiche andere Schweine tummelten. Seit er als Ferkel in den Koben neben der Schenke gekommen war, hatte er kein anderes Schwein mehr gesehen. Die anderen Tiere umrundeten ihn, beschnupperten ihn neugierig, ein paar ganz mutige stießen ihre feuchten Schnauzen gegen die Riemen des Sattelzeugs.

 

Quimperpol rieb sich die Hände und betrachtete zufrieden, wie der Neuankömmling mit den anderen zum Futtertrog trottete. Schon als er ihn zum ersten Mal gesehen hatte, wusste er, dass er dieses Schwein haben wollte. Mit ihm würde er eine ganz neue Rasse riesiger rosa Schweine züchten und endlich den Goldpokal der Züchter erringen. Was hatte die dumme Göre auch das Tier alleine lassen müssen, um mit ihren Freunden zu sprechen. Und das nicht minder dumme Schwein war brav hinter ihm hergetrottet, als er es an diesem albernen Zaumzeug nahm. Das war das beste Geschäft seit langem. Quimperpol steckte seine Pfeife an und blies ein paar Rauchringe in die Luft.

 

* * *

 

In den Tagen und Wochen nach Leopolds Verschwinden wurde ZaZa immer trauriger und stiller. Jeanneline gefiel das überhaupt nicht. Sie erließ ihr sogar den Hausarrest, doch ZaZa verbrachte die meiste Zeit, außer wenn sie ihrer Mutter in der Küche half, in ihrer Kammer oder draußen beim leeren Schweinekoben.

 

Auch Lian Chu entging das nicht und eines Tages setzte er sich neben sie. „Du vermisst Leopold sehr, nicht wahr, ZaZa?“

 

Das Mädchen nickte. „Wir haben immer so viel Spaß zusammen gehabt. Leopold war immer für mich da. Und ich bin schuld, dass ihn ein Drache gefressen hat!“ Dicke Tränen kullerten über ihre Wangen.

 

Lian Chu legte den Arm um sie. „Wir wissen doch gar nicht, ob der Drache ihn wirklich gefressen hat. Vielleicht hat Leopold sich nur verlaufen.“

 

„Aber er ist doch kein wildes Schwein, er kann doch in so einem Wald überhaupt nicht leben und der Mann hat gesagt, der Drache käme oft und hole eines seiner Schweine.“

 

„Ein Mann?“, erkundigte sich Lian Chu. „Welcher Mann?“

 

„Er hat uns gesehen und vor dem Drachen gewarnt. Sein Name ist Quimperpol.“

 

„Hm.“ Lian Chu versank in Nachdenken. Hatte er diesen Namen nicht erst vor kurzem gehört? Ja, richtig. Die Gäste in der Schenke hatten über einen Mann namens Quimperpol gesprochen, der überall damit prahlte, die besten und größten und fettesten Schweine zu züchten. Falls Leopold noch am Leben war und auf der Insel, dann musste Quimperpol etwas darüber wissen. Lian Chu strich ZaZa noch einmal aufmunternd über die Wange, dann stand er auf um Gwizdo zu suchen.

 

Er fand seinen Freund beim Kartoffelschälen in der Küche. Und dem Berg Kartoffeln nach, der da harrte, seiner Haut entledigt zu werden, würde er noch lange dort sein. Mürrisch stach Gwizdo in eine der Kartoffeln, um die braunen Augen zu entfernen. „Sag’ mal, Gwizdo - hast du gestern auch gehört, wie diese Leute über einen Mann namens Quimperpol gesprochen haben?“

 

„Quimperpol? Nie gehört!“, entschied Gwizdo kurz angebunden.

 

„Aber du musst es doch auch gehört haben. Du hast den Leuten Essen und Trinken gebracht.“

 

Gwizdo schnitt eine Grimasse. Ihm gefiel es gar nicht an seine Kellnerarbeit erinnert zu werden – schon gar nicht von einem Mann, der endlos damit beschäftigt war, Socken zu stricken und hübsche rotweißkarierte Tischtücher zu fertigen, während er – Gwizdo – mit niederem Küchendienst belangt wurde. „Und da denkst du, ich habe Zeit auf das uninteressante Geplapper der Kundschaft zu hören?“ Natürlich hörte er genau hin. Man wusste ja nicht, wann sich eine Gelegenheit zu einem Geschäft bot und schon so manche Information hatte er nebenbei in der Schenke aufgeschnappt.

 

„Es ist wegen Leopold, Gwizdo.“

 

„Was willst du denn mit dem? Der ist längst im Schweinehimmel.“ Gwizdo stach befriedigt einer weiteren Kartoffel die Augen aus.

 

„Das wissen wir eben nicht“, beharrte Lian Chu. „Was ist, wenn er noch auf der Insel ist? Ganz allein und einsam und sicherlich sehr verängstigt. ZaZa ist immer so traurig und es würde doch nichts schaden, wenn wir noch einmal dorthin fliegen und diesen Herrn Quimperpol fragen. Er wohnt auf der Insel, ZaZa hat mir erzählt, dass er sie vor dem Drachen gewarnt hatte.“

 

Gwizdo legte das Messer beiseite. Die Worte Drache und bewohnte Insel ergaben zusammen einen sehr schönen Klang. „Und vielleicht ist dieser Herr Quimperpol auch sehr froh darüber, wenn wir ihm bei dieser Gelegenheit das Vieh vom Hals schaffen, was? Wir sollten mal wieder ein paar Klimperlinge verdienen, bevor ich hier völlig zur Küchenmamsell verkümmere.“ Er sprang auf und wischte sich die Kartoffelschalen von der Hose. „Erklär’ du Jeanneline warum sie die Kartoffeln selbst schälen soll, ich hole inzwischen eine Ausfertigung meines Standardvertrages.“ Sprach’s und eilte bestgelaunt aus der Küche, an Jeanneline vorbei, die gerade mit einem großen Stapel schmutzigen Geschirrs eintrat.

 

„Wo will er hin?“, fragte die Wirtin misstrauisch. „Er wird sich doch nicht vor dem Geschirrspülen drücken?“

 

Lian Chu rieb sich das Kinn und begann es ihr zu erklären.

 

* * *

 

Keine Stunde später waren sie unterwegs, wenn auch nicht mit Jeannelines Segenswünschen, die das ganze für Hirngespinste hielt. Natürlich wäre sie froh, wenn ZaZa wieder fröhlicher sein würde, aber sie hoffte, das ginge auch ohne eine wundersame Rückkehr Leopolds, den sicher längst irgendein Untier erwischt hatte. Jeanneline war nun einmal eine sehr realistische Frau.

 

Da sie dieses Mal auf direktem Weg zu der Insel des Schweinezüchters flogen, kamen sie auch bald dort an und als sie die Insel überflogen, entdeckten sie rasch ein Gebiet, in dem der Wald gerodet war, um einer Umzäunung mit zahlreichen Schweinen Platz zu bieten. In der Nähe landeten sie.

 

Gwizdo hielt sich die Nase zu, als sie sich den Tieren näherten. „Hier gibt es sicher keinen Drachen“, murrte er. „Bei diesem Gestank müsste das Vieh ja tot vom Himmel fallen, sobald es zu nahe kommt.“

 

„Drachen haben keine so feine Nase wie du, Gwizdo.“ Lian Chu übersah dabei allerdings das Hector – wenn auch klein, so doch ein Drache - sich die Nase zuhielt und nach Luft röchelte, genau wie Gwizdo. Auch ein Drachenjäger mit so viel Erfahrung konnte sich mal irren.

 

„Ja sapperlot, ich trau meinen Augen nicht.“ Gwizdo vergaß seine Klagerede über den Gestank als er inmitten der Schweineherde Leopold entdeckte. Es war unverkennbar ZaZas Haustier, das da umringt von vielen anderen und kleineren Tieren sein Futter fraß.

 

„Es ist wirklich Leopold“, stimmte Lian Chu zu.

 

„Leopold? Ich kenn’ keinen Leopold“, tönte es hinter ihnen. „Und das ist meine Insel, also zieht gefälligst Leine.“

 

Gwizdo drehte sich um. Hier war Redekunst und Diplomatie gefragt, das war ein Job für ihn. „Sie sind sicher Herr Quimperpol?“, erkundigte er sich höflich. „Wir sind hergekommen um Sie von der Gegenwart dieses Ungetüms zu erlösen. Sicher sind Sie froh, ihn loszuwerden. Und natürlich erwarten wir keinerlei Belohnung für diese gute Tat. Wir sind einfach so hilfsb...“

 

„Halt’ die Luft an, Kleiner“, unterbrach ihn Quimperpol. „Ihr sollt verschwinden. Aber dalli.“

 

„Wir sind gekommen, um Leopold zu seiner Besitzerin zurück zu bringen“, wandte sich nun Lian Chu an den Schweinzüchter. „Sie erinnern sich doch sicherlich an das kleine Mädchen, ZaZa, die mit dem Schwein hierher kam.“

 

„Könnte mich nicht erinnern. Hab kein Schwein, das mal jemand anderem gehörte. Sind alle meine.“ Quimperpol machte ein unfreundliches Gesicht, obwohl ihm beim Anblick des mindestens zwei Köpfe größeren Lian Chu und dem Schwert auf seinem Rücken alles andere als wohl zumute war.

 

„Bitte, Herr Quimperpol. ZaZa ist sehr traurig, weil sie denkt, Leopold wäre von einem Drachen gefressen worden.“

 

An dieser Stelle mischte sich Gwizdo ein. „Falls Sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollen – Sie sehen hier vor sich die berühmten, die unerreichten, die meisterhaftesten Meister aller Drachenjäger – Gwizdo und Lian Chu. Gegen einen kleinen Obolus, wirklich nur die Unkosten, befreien wir Sie von Drachen aller Art.“

 

„Ich hab kein Drachenproblem. Hier gibt’s solche Viecher nicht. Ihr Großmäuler seid das einzige Problem hier. Und jetzt verschwindet gefälligst.“ Doch als ob Quimperpols Worte das Tier herbei gelockt hätten, begannen die Schweine auf einmal angsterfüllt zu quieken und in den Schutz ihres Stalles zu flüchten. Quimperpol wurde blass, als über ihnen ein Untier mit Fledermausschwingen und einem großen Eidechsenkopf erschien – der Raffemaul. Normalerweise jagte der Drache nie bei Tag. Er kam immer nur nachts, so dass Quimperpol genügend Zeit und Raum hatte, seine Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Es gab nur eine Möglichkeit, nämlich dass die Fremden ihn geweckt und angelockt hatten. Er stürzte in Richtung seines Hauses, ohne auf die panischen Tiere zu achten oder darauf, dass er seine Pfeife in den Schlamm fallen ließ und verriegelte die Haustür hinter sich. Endlich war es auch allen Schweinen gelungen, in den Stall zu gelangen und so angsterfüllt waren die Tiere, dass man kaum noch ein Grunzen oder Quieken vernahm.

 

Nur Leopold stand inmitten der Umzäumung, ob nun aus Freude oder Verwirrung über das plötzliche Auftauchen der vertrauten Gesichter. Gwizdo starrte das Ungetüm an, das die Lichtung umkreiste, wie auf der Suche nach einem Landeplatz. „Rostige Feuerschleuder“, murmelte er. „Das Vieh ist ja riesig.“ Er machte vorsichtig ein paar Schritte nach hinten.

 

Lian Chu ließ den Drachen nicht aus den Augen. „Hector, ich brauche den verstärkten Schild“, rief er dem kleinen Drachenhund zu, der sich hinter dem Drachenjäger versteckt hatte. Wenig glücklich über diesen Auftrag führte ihn Hector nichtsdestotrotz aus.

 

Gwizdo tauchte neben seinem Freund auf. „Glaubst du, er will landen?“, fragte er mit schlotternden Knien.

 

Lian Chu zog sein Schwert. „Ich denke, er wird versuchen, Leopold mitzunehmen. Der Raffemaul frisst am liebsten in seinem Nest.“

 

„Na hör mal, das Biest ist zwar riesig, aber es könnte doch nicht dieses Riesenschwein mitschleppen.“ Gwizdo hielt es für weiser, sich noch ein Stück zurück zu ziehen.

 

„Dieser Drache ist sehr viel stärker, als er aussieht.“

 

Der Raffemaul hatte nun ganz offenbar nicht nur das Schwein, sondern auch die Drachenjäger entdeckt. Er zog immer engere Kreise über der Lichtung, überraschend wendig für ein so großes und ungelenk aussehendes Geschöpf. Der Drache zischte und zeigte seine lange Zunge.

 

Leopold drückte sich panisch gegen den Zaun, der jedoch standhielt. Der Raffemaul beachtete ihn jetzt gar nicht mehr, seine Aufmerksamkeit schien nur auf Lian Chu konzentriert. Er landete nur wenige Schritte von dem Jäger entfernt, der ganz still stand. Die Flügel wie eine Fledermaus zusammengefaltet, umrundete der Drache Lian Chu. Offenbar war er nicht sicher, ob sich dieses Wesen mit seiner Diät vertrug. Er zischte und streckte die Zunge heraus, um an Lian Chus Schild zu züngeln. Der Geschmack schien ihm nicht zuzusagen, denn nun klang das Zischen ziemlich enttäuscht. Der Raffemaul senkte den Kopf ein wenig, und diese Gelegenheit ließ der Jäger nicht ungenutzt. Er sprang in die Luft und bevor das Ungetüm sich versah, landete Lian Chu auf seinem Rücken. Danach war es eigentlich nur noch eine Sache von Sekunden, bis der Drache schwer auf dem Boden aufschlug und zum letzten Mal Staub aufwirbelte. Lian Chu verstaute sein Schwert und beobachtete, wie seine Freunde aus der Deckung kamen. Hector umrundete den toten Drachen und beschnüffelte ihn. Und Gwizdo zog seinen Standart-Vertrag heraus, um ein paar Ergänzungen vorzunehmen.

 

Auch Quimperpol tauchte aus seinem Versteck auf. Er betrachtete das erlegte Ungeheuer mit großen Augen.

 

Gwizdo nutzte die Gelegenheit und näherte sich ihm mit seinem Vertrag. Doch bevor er den verwirrten Schweinezüchter erreichte, stellte sich ihm Lian Chu in den Weg. Er wandte sich an Quimperpol. „Ich habe einen Vorschlag zu machen, Herr Quimperpol.“

 

Selbstverständlich gefiel Gwizdo dieser Vorschlag nicht besonders...

 

* * *

 

„Ich frage mich, wo sie wieder stecken.“ Jeanneline musterte den blauen Himmel, an dem sich kein Wölkchen und auch kein Flugschrauber zeigte. Sie hatte das ganze ja von Anfang an für eine Schnapsidee gehalten. ZaZa hatte sie nichts vom Ausflug der ‚Jungs’ erzählt, um zu vermeiden, dass die Kleine enttäuscht wurde. Und jetzt schob sich auch noch eine Wolke vor die Sonne... Jeanneline blinzelte und beschattete ihre Augen mit der Hand. Ja war das denn die Möglichkeit? Jeanneline glaubte kaum, was sie da sah. Der Flugschrauber steuerte auf die Schenke zu – und in einem Netz unterhalb des Fluggerätes baumelte Leopold.

 

Das Rattern des Propellers lockte auch ZaZa nach draußen, die mit großen Augen ungläubig auf ihr geradezu majestätisch heranschwebendes Kuscheltier starrte.

 

Gwizdo lenkte den Flugschrauber tiefer und als sie nur noch wenig mehr als einen Meter über dem Erdboden schwebten, berührten Leopolds Beine festen Boden und Lian Chu kappte die Seile, die das Netz festhielten.

 

Mit einem Freudenschrei stürmte ZaZa auf ihren Spielkameraden zu und umarmte das Schwein, das von der Reise noch ein wenig taumelig auf den Beinen war, aber ihr mit Begeisterung das Gesicht ableckte. „Mami, Mami, jetzt darf Leopold doch bleiben, oder? Wir geben ihn nicht mehr her.“

 

Jeanneline stand kopfschüttelnd daneben, die Hände in die Hüften gestemmt. Was sollte sie dazu schon sagen. Sie blickte Gwizdo und Lian Chu an, die sich zu ihr gesellten. „Ich hoffe nur, dass gewisse Herren in Zukunft ihre Miete pünktlich bezahlen. Rostige Feuerschleuder, ich glaube, dieses Schwein ist noch gewachsen, seit ich es das letzte Mal gesehen habe. Wie soll ich das Ungetüm nur satt kriegen?“ Sie marschierte auf die Schenke zu, während ZaZa glücklich ihren Leopold in seinen Koben zurückbrachte. „Gwizdo, wo zum Bator bleibst du? Glaubst du, die Kartoffeln schälen sich von alleine?“

 

Alles war wieder beim alten...

 

 

Ende