Schuld und Sühne

T’Len

2009

 

 

 

Fandom: Karl May

Charaktere: Winnetou/Old Shatterhand

Kategorie: PG-13

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Summe: Old Shatterhand gibt sich die Schuld an Intschu-tschunas und Nscho-tschis Tod.

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Vielen Dank an Lady Charena und Aisling fürs Beta.

 

 

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass Winnetou mich in einer alles andere als vorteilhaften Situation antraf. Ich war in den Wald gegangen, um Feuerholz zu machen. Ein paar trockene Äste abschlagen, Reisig vom Boden aufsammeln, dies sollte keine große Sache sein.

 

Stattdessen bearbeitete ich schon seit wer weiß wie lange - ich hatte in diesem Zusammenhang mein Zeitgefühl vollkommen verloren - den stärksten Baum weit und breit mit meinem Tomahawk.

 

Ich war mir durchaus bewusst, dass dies eine ebenso unsinnige wie potentiell gefährliche Aktion war, konnten die Geräusche doch unerwünschte Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Doch ich musste meine seit Wochen angestauten Wut irgendwie abreagieren. Und vor allem meine Schuldgefühle. So hieb ich mit äußerster Vehemenz auf jeden Ast des Baumes ein, bis er schließlich unter meinen Schlägen nachgab und brach. Mehr als einer hätte mich dabei fast mitgerissen.

 

Wut, weil der Mörder Sander uns nach wochenlanger Hatz im letzten Moment erneut entkommen war. Vorwürfe, weil ich mich mit jedem Tag mehr schuldig fühlte am Tod von Intschu-tschuna und Nscho-tschi. Sie waren ermordet worden, weil ich Winnetous Schwester in dem Glauben ließ, würde sie lernen, sich wie eine weiße Frau zu verhalten, hätte sie Chancen mein Herz zu erobern.

 

Ich hätte ihr sagen müssen, dass dies nichts an meiner Zurückweisung ihrer Annäherungsversuche ändern würde, dass ich sie niemals würde lieben können, dass der Grund meiner Ablehnung nicht mit ihrem Bildungsstand lag. Wenn sie nicht auf eine Schule der Weißen gewollt hätte, wären wir nicht zum Nugget-tsil geritten, um das benötigte Gold zu holen, sie und ihr Vater wären noch am Leben.

 

Doch ich hatte nicht den Mut, ihr zu sagen, dass ich sie nicht lieben konnte, nie würde lieben können, weil mein Herz längst jemand anderem... ihrem Bruder gehörte. Winnetou, der für mich längst so viel mehr als ein Bruder geworden war. Etwas, was ich nie aussprechen würde.

 

"Scharlih!" Wie ich später erfuhr, hatte Winnetou, besorgt über mein langes Fernbleiben vom Lager, sich auf die Suche gemacht, mich gefunden, für einige Minuten beobachtet und mehrmals angesprochen, bevor ich endlich reagierte.

 

Ich war so erschrocken, dass ich mich herum drehte, den Tomahawk erhoben. Winnetou wich einen Schritt zurück und hob in einer besänftigenden Geste seine Hände. "Schleich dich nie wieder so an mich an", fauchte ich ihn an.

 

"Ist mit meinem Bruder alles in Ordnung?" Seine dunklen Augen betrachteten mich besorgt.

 

Ich schüttelte stumm den Kopf, ließ den noch immer erhobenen Arm sinken und glitt langsam den Baumstamm hinunter. Auf einmal schien alle Energie aus mir gewichen. Ich fühlte mich müde und erschöpft. Der Tomahawk fiel neben meine Füße.

 

"Es ist alles meine Schuld, Winnetou", sagte ich leise und barg meinen Kopf in meinen Händen. "Ohne mich würden Intschu-tschuna und Nscho-tschi noch leben." Da hatte ich es gesagt, was mich seit Wochen quälte.

 

"Mein Bruder darf so etwas nicht sagen." Winnetou hockte sich neben mich auf den Boden. "Der große Manitu hat Intschu-tschuna und Nscho-tschi zu sich gerufen. Old Shatterhand konnte nichts tun."

 

Ich schüttelte vehement den Kopf. "Winnetou versteht mich nicht. Nscho-tschi wollte meinetwegen auf eine Schule der Bleichgesichter. Hätte sie das nicht gewollt, wäret ihr nicht zur Stelle des Goldes und ihr..." Ich brach ab.

 

Winnetou griff nach meinen Händen und zog sie von meinem Gesicht. "Es war Nscho-tschis eigene Entscheidung. Scharlih hat damit nichts zu tun."

 

"Sie dachte, wenn sie wie eine weiße Squaw wird, dann würde ich sie lieben", erwiderte ich. "Ich hätte ihr das ausreden müssen, hätte ihr klar machen müssen, dass sie nie meine Squaw werden kann, egal, was sie lernt. Dann wäre sie im Pueblo geblieben und noch am Leben." Ich merkte, wie verzweifelt meine Stimme klang.

 

Winnetou musterte mich eingehend. "Scharlih hätte Nscho-tschi nie zu seiner Squaw genommen?", fragte er schließlich.

 

"Es lag nicht an ihr", sagte ich hastig, als mir bewusst wurde, dass meine Reaktion andeuten musste, dass eine Apachenfrau nicht gut genug für mich war. "Es ist nur..." Was sollte ich ihm sagen? Dass ich mich nach ihm verzehrte, nach seiner Berührung sehnte, nichts lieber wollte, als die Lippen, die mir jetzt, da er noch immer vor mir kniete, so nah waren, küssen und ihn nie wieder los lassen wollte? Den Mut hatte ich nicht. Lieber hätte ich mit bloßen Händen gegen den größten Grizzly gekämpft oder mich allein mit dem ganzen Stamm der Kiowas gemessen, als Winnetous Freundschaft mit dem Geständnis meiner ungebührlichen Gefühle für ihn zu verlieren.

 

"Mein Herz... es ist nicht frei", sagte ich schließlich.

 

Ein Schatten huschte über Winnetous Gesicht. "Mein Bruder hat eine Squaw in seiner Heimat?", fragte er.

 

"Nein", antwortete ich. "Es ist nur..." Ich schüttelte den Kopf. "Es ist nicht wichtig. Die Wahrheit ist, ich war zu feige, euch die Wahrheit zu sagen und deine Schwester und dein Vater haben dafür bezahlt." Würde er mir das je verzeihen können? Oder hatte ich soeben die mir so wichtige Freundschaft auch ohne mein Liebesgeständnis zerstört?

 

"Winnetou ist überzeugt, dass alles was geschehen ist, Manitus Wille war. Scharlih sollte sich nicht mit Vorwürfen quälen. Intschu-tschuna und Nscho-tschi hätten dies nicht gewollt und Winnetou möchte seinen Bruder nicht leiden sehen."

 

Er ergriff meine Hände und zog mich auf die Füße. Ich ließ es geschehen. Winnetou hob den Tomahawk auf und reichte ihn mir. Ich steckte ihn an meinen Gürtel. "Verspricht Scharlih Winnetou nie wieder eine solche Aktion."

 

Ich schenkte ihm ein schwaches Lächeln. "Ich werde es versuchen".

 

Ich begann, das Ergebnis meiner Raserei aufzusammeln. Mehr als genug Äste hatte ich ja abgeschlagen. Winnetou half mir.

 

Plötzlich sagte er: "Winnetou hat Scharlih auch ein Geständnis zu machen. Er selbst wünschte sich, dass sein Bruder nicht seine Schwester zur Squaw nehmen würde."

 

Das überraschte mich. War Intschu-tschuna doch geradezu bestrebt gewesen, mich mit seiner Tochter zu verheiraten und Winnetou schien immer mit seinem Vater einer Meinung gewesen zu sein. Doch was immer seine Beweggründe für die Ablehnung sein mochten, ich war sicher er meinte es nicht böse. Deshalb klang meine Stimme kein bisschen beleidigt, als ich fragte: "Du hättest dir lieber einen Apachen als ihren Gatten gewünscht, keinen weißen Mann?"

 

Winnetou hielt im Aufsammeln der Äste inne und betrachtete mich für einen langen Augenblick nachdenklich. "Winnetou wünschte sich, Scharlih würde sich für ihn entscheiden", sagte er schließlich. Es kam so schlicht und selbstverständlich. Ich ließ vor Überraschung das Reisig fallen.

 

"Du willst mich?", fragte ich ungläubig.

 

"Mein Bruder Scharlih, mag Winnetou verzeihen, dass er von seinen Gefühlen sprach", sagte er. "Winnetou weiß, dass die Bleichgesichter solcher Art Gefühle nicht akzeptieren. Er hat Klekih-petra schon vor vielen Sommern danach gefragt, als Winnetou noch ein Knabe war, und Klekih-petra hat ihm erklärt, dass der Gott der Bleichgesichter dies als große Sünde ansieht. Aber Winnetou kann nicht verleugnen, was er fühlt."

 

Ich starrte ihn an. Da stand er, der angeblich Wilde, und sprach so offen über seine Gefühle für mich, während ich mich seit Wochen mit den meinigen für ihn herum quälte, gefangen in den Konventionen und Vorurteilen meiner Herkunft und meines Glaubens.

 

"Wird Scharlih Winnetou vergeben, dass er...", begann der Apache.

 

Ich unterbrach ihn. "Ich liebe dich", sagte ich schlicht. Mir fehlten die Worte, um zu beschreiben, welche Gefühle mir in diesem Augenblick durch den Kopf schossen. Mein Herz klopfte wie wild vor Aufregung und Freude. Sollte wirklich alles so leciht sein? Ich griff zur einfachsten aller Formulierungen.

 

"Als Scharlih vorhin sagte sein Herz sei nicht frei...", erwiderte der Häuptling.

 

"...meinte ich Winnetou", vollendete ich seinen Satz.

 

Er legte das Holz auf die Erde und kam zu mir. Ich glaubte in seinen dunklen Augen zu versinken, als er vor mir stand. "Winnetous Herz möchte vor Freude in seiner Brust zerspringen", sagte er.

 

"Meines auch", gestand ich und dann nahm ich ihn in meine Arme und küsste ihn.

 

Weitere Worte waren zwischen uns nicht nötig und als wir uns später zum ersten Mal liebten, waren die Sterne unsere Zeugen.

 

Ende