2007 Paradies-Apfel-Award: Erster Platz Beste SK Kölsch-Story

 

 

 

Titel: Das kleine Glück  (It’s Not Over Till It’s Over)
Autor: Lady Charena
Fandom: SK Kölsch (Staffel 1+2)

Pairung: Jupp Schatz, Klaus Taube, Ellen + div., Klaus/m
Rating: R, m/m, A/R (für event. out-of-character)

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Klaus erhält Besuch von seinem früheren Lebensgefährten. Alte Wunden öffnen sich und Jupp erfährt zum ersten Mal mehr über die Vergangenheit seines Freundes.

 

Da über Taubes Vergangenheit so gut wie nichts zu erfahren ist, habe ich mir Andreas Reimers; seinen, Taubes und ihren gemeinsamen Background nach bestem Gewissen aus vielen kleinen canon-Splittern zusammengestückelt und den Rest frei erfunden. Etwaige Fehler, Missverständnisse und Irrtümer gehen daher einzig zu meinen Lasten. J

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics by Nickelback „Savin’ me“

 

 

 

Humans are the most complex of animals. (Poppycock)

 

Schweigen schlägt Wunden. Und unter den Narben beginnt das Fleisch zu faulen. Schweigen ist tödlich. (Daryl van Horne - Die Hexen von Eastwick)

 

 

 

1.

Der Mann im Taxi blickte erstaunt von dem Schild über dem Eingang auf die Notiz, die er aus der Tasche seiner Jacke gezogen hatte. Die Adresse stimmte überein, aber bei dieser Hausnummer schien es sich ganz offensichtlich um eine Kneipe zu handeln. „En de Rättematäng“, las er. Ein offenes Fenster im Stock darüber, aus dem sich ein Vorhang blähte, schien das Vorhandensein einer Wohnung anzudeuten. Aber über einer Kneipe? Bezahlten die bei der Kripo so schlecht, dass sich Klaus nichts besseres mehr leisten konnte?

 

Der Taxifahrer drehte sich zu ihm um und fragte, ob er aussteigen wolle oder ob die Fahrt weitergehen würde. Er schüttelte den Kopf und bezahlte ihn. Dann schob er die Quittung und die Notiz mit der Adresse in die Tasche und stieg aus.

 

Als das Taxi wegfuhr, fragte er sich bereits, ob es tatsächlich eine gute Idee gewesen war, hierher zu kommen. Als er erfahren hatte, dass er einige Termine in Köln absolvieren würde, waren nur wenige Anrufe nötig gewesen, um Klaus neue Adresse zu erfahren. Offenbar hielt er immer noch gelegentlichen Kontakt zu seinen Kollegen beim BKA, auch wenn er jetzt nicht mehr als Profiler tätig war, sondern als Ermittler bei einer Sonderkommission der Kölner Kriminalpolizei. Es schien nicht unbedingt ein Karrieresprung gewesen zu sein.

 

Er studierte das Klingelschild neben der Tür, doch außer einem nicht beschrifteten zweiten Knopf stand da nur ein schlichtes „E. Hennes“. Ob Klaus hier mit jemand zusammenlebte und deshalb nur ein Name an der Tür stand? Aus dem Inneren des Gebäudes drangen Stimmen und er wich unwillkürlich ein Stück zurück, trat zwischen zwei am Straßenrand geparkte Autos, als hätte man ihn bei etwas Unerlaubtem ertappt.

 

Die Tür ging auf und eine große, blonde Frau mit einem Kind an der Hand trat auf die Straße. Und nach ihnen folgte Klaus.

 

Er war zu weit weg, um etwas zu verstehen, doch es schien ganz offensichtlich, dass die drei sich gut kannten und miteinander vertraut waren. Der Junge schulterte seinen Schulranzen und drehte sich zu Klaus um, der ihm eine Sporttasche reichte. Er sagte etwas zu ihm, von dem nur das Wort „Fußballspiel“ zu ihm drang. Klaus nickte lachend und erwiderte etwas, das jedoch im Lärm eines vorbeifahrenden Wagens unterging. Er beugte sich vor und legte die Hand auf die Schulter des Jungen, dann strich er ihm übers Haar. Das Kind nickte und lief zu einem ganz in der Nähe geparkten Auto. Die blonde Frau wandte sich Klaus zu und sagte etwas zu ihm, worauf Klaus lächelnd den Kopf schüttelte. Sie lachte, umarmte ihn und küsste Klaus auf die Wange. Ihre Worte „Du bist ein Schatz“, drifteten bis zu dem stillen Beobachter.

 

Das war... interessant. Und sicherlich unerwartet. Oder vielleicht doch nicht. Klaus Sehnsucht nach einer Familie war ein offenes Geheimnis gewesen, genauso wie die Unerfüllbarkeit dieses Wunsches. Offenbar hatte sich das geändert. Es schien, als habe Klaus in Köln etwas gefunden, das er weder in Wiesbaden noch irgendwo anders zuvor fand.

 

Die blonde Frau drehte den Kopf und sah ihn zufällig direkt an. Aus welchem Grund auch immer, ihr Blick verharrte einen Moment lang neugierig auf ihm – und Klaus bemerkte es und sah in die gleiche Richtung. Überraschung zeigte sich auf seinem Gesicht, Schmerz – und vielleicht auch Verlegenheit. Dann senkte er den Blick zu Boden und als er wieder aufsah, war nichts davon mehr in seinen Zügen zu sehen. Abgesehen von einer kühlen Wachsamkeit.

 

Er setzte ein freundliches Lächeln auf und trat auf die beiden zu. „Hallo Klaus“, sagte er, legte einen Arm um seinen früheren Liebhaber und küsste ihn auf die Wange. „Gut siehst du aus.“ Ein spürbarer Ruck ging durch die Gestalt an seiner Seite, dann trat Klaus von ihm weg, aus seinem Griff.

 

„Andreas“, sagte er, seine Stimme so steif wie die Haltung seiner Schultern. „Du... bist in Köln?“

 

„Der Verlag hat kurzfristig ein paar Lesungen angesetzt und ich dachte, ich nutze die gute Gelegenheit um zu sehen, wie es dir hier so geht.“ Andreas blickte die blonde Frau neugierig an. „Willst du mich nicht vorstellen?“

 

Klaus zögerte – und die blonde Frau blickte ihn fragend an, bevor sie sich wieder Andreas zuwandte.

 

„Ellen Hennes“, meinte sie und reichte ihm die Hand. „Ich bin eine Freundin von Klaus. Er wohnt zur Zeit bei mir.“ Wieder blickte sie Klaus fragend an.

 

„Mein Name ist Andreas Reimers. Klaus und ich kennen uns schon lange. Eine ziemlich lange Zeit sogar.“ Andreas sah Klaus an, als er das sagte, doch der reagierte nicht. „Freut mich, dass er in Köln Freunde gefunden hat.“

 

„Ja. Wir sind auch alle sehr froh, dass wir ihn haben.“ Ellen blickte Klaus ebenfalls an. „Hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen. Aber ich muss los, Florian kommt sonst zu spät in die Schule. Und, Klaus, bitte erinnere Jupp daran, dass er Flo versprochen hat, ihm vom Spiel abzuholen, wenn er es schon nicht schafft, dabei zu sein.“

 

„Ich werde daran denken.“ Klaus blickte ihr nach, wartete bis sie in ihr Auto eingestiegen war und losfuhr. „Was willst von mir?“, fragte er dann kühl, die Augen immer noch von ihm abgewandt.

 

Andreas zuckte mit den Schultern. „Ich wollte wirklich nur sehen, wie es dir hier in Köln so geht.“

 

„Es hat dich doch auch schon lange nicht mehr interessiert, wie es mir ging, als ich noch in Wiesbaden war“, entgegnete Klaus bitter.

 

„Machst du es dir nicht ein wenig zu einfach? Ich bin nicht an allem schuld, was zwischen uns passiert ist“, entgegnete Andreas. „Du bist...“

 

Klaus unterbrach ihn. „Andreas, bitte. Das ist vorbei. Und ich wäre dir sehr dankbar, wenn du jetzt gehen würdest.“ Er zuckte sichtlich zusammen, als in diesem Moment eine Stimme hinter ihnen erklang.

 

„Morgen, Klaus. Hey, tut mir leid, ich bin wieder mal zu spät. Ist Flo schon weg? Ich wollte ihm doch noch Glück für das Spiel wünschen.“ Atemlos kam neben den beiden Jupp Schatz an.

 

„Vor fünf Minuten“, sagte Klaus, machte aber keine Anstalten, sie einander vorzustellen. „Aber Florian hat das Handy mit, du kannst ihn ja nach der Schule anrufen.“

 

Andreas musterte ihn interessiert. Helles Haar, das einen Schnitt dringend nötig hätte. Unter einer Jeansjacke blitzte ein T-Shirt mit dem Cover einer Rockband hervor und auch die im Motorrad-Stil gearbeitete Lederhose verriet den Geschmack des vor ihm stehenden Mannes ganz gut. Als er die Hand hob, glitt seine Jacke zur Seite und eine Waffe wurde sichtbar. Ah, offenbar ein Kollege von Klaus. Als der Neuankömmling die Sonnenbrille, die er trotz der noch frühen Morgenstunde trug, abnahm, war Andreas überrascht, dass die dahinter zum Vorschein kommenden, blaugrauen Augen ihn misstrauisch, ja fast unfreundlich ansahen.

 

„Entschuldige uns bitte, wir müssen ins Präsidium.“ Klaus trat von ihm weg, und auf den Wagen zu, mit dem der andere angekommen war. „Jupp, kommst du?“

 

„Willst du uns nicht vorstellen?“, fragte Jupp.

 

Klaus kam zurück und seufzte. „Mein Kollege Josef Schatz“, sagte er knapp. „Andreas Reimers, ein... Bekannter aus Wiesbaden. Auf der Durchreise.“

 

Jupp Schatz ignorierte die Hand, die ihm Andreas entgegenstreckte, spielte statt dessen mit der Sonnenbrille. „Aus Wiesbaden, na so was.“

 

„Jupp, wir kommen zu spät“, mahnte Klaus.

 

Der Ausdruck seines Gesichtes verriet, dass er sich verlegen fühlte und es ihm sehr viel lieber gewesen wäre, wenn diese Begegnung nicht stattgefunden hätte. Andreas fand diese Geheimnisgräberei sehr interessant. „Ich will euch natürlich auf keinen Fall aufhalten.“

 

„Ach, ich hab’s nicht eilig.“ Jupp warf Klaus einen Blick zu, dann wandte er sich wieder an Andreas. „Sind Sie auch beim BKA?“

 

Andreas lachte. „Himmel, nein. Ich bin Schriftsteller. Ich schreibe trockene, langweilige Ratgeber, die sich aber merkwürdigerweise trotzdem blendend verkaufen. Offenbar findet mein Verleger das noch nicht ausreichend, also hat er mich auf eine Reihe von Buch-Lesungen geschickt.“ Er zog eine Karte aus der Tasche und reichte sie Jupp, der sie ohne anzusehen in die Tasche stopfte. „Morgen Abend findet die erste hier in Köln statt. Kommen Sie doch vorbei, wenn Sie Lust haben.“

 

Jupp lächelte dünn. „Buchlesungen sind nicht so mein Ding.“

 

„Das dachte ich mir schon“, erwiderte Andreas trocken. „Aber vielleicht begleiten Sie ja Klaus. Wie ich ihn kenne, lässt er sich die Gelegenheit nicht nehmen.“

 

„Bedauere, wir haben morgen Abend schon etwas anderes vor“, brachte sich Klaus an dieser Stelle wieder ins Gespräch ein. „Jupp, wir müssen los.“

 

Schatz verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir haben etwas vor?“, fragte er ironisch und sah dabei Andreas an.

 

„Jupp, bitte.“ Etwas wie Verzweiflung hatte sich in Klaus Stimme eingeschlichen.

 

Jupp ignorierte ihn. „Sie kennen Klaus schon länger?“

 

Andreas begann dieses Spiel langsam Spaß zu machen. Irgendetwas lief da zwischen Klaus und seinem „Kollegen“, er wusste nur noch nicht, was genau. Und wenn Klaus nicht plötzlich eine 180°-Drehung hingelegt hatte, entsprach dieser Jupp doch gar nicht seinem Geschmack. „Seit fast zehn Jahren. Er kam in meine Praxis und wir entdeckten, dass wir viel gemeinsam haben.“

 

„Praxis?“, fragte Jupp. „Sagten Sie nicht, Sie sind Schriftsteller?“

 

Andreas lachte. „Entschuldigung. Ich hatte vergessen, wie genau Polizisten aufpassen, was man ihnen erzählt. Bis vor ein paar Jahren hatte ich eine Praxis als Psychologe. Aber jetzt schreibe ich nur noch Ratgeber.“

 

„Taube war Ihr Patient?“ Neugierig blickte Jupp zu seinem Kollegen, dann wieder zu Andreas.

 

„Andreas! Das gehört wirklich nicht hierher!“, entgegnete Klaus scharf.

 

Der Schriftsteller hob beide Hände und lachte. „Keine Sorge, ich verrate deine Geheimnisse nicht...“ Sein Blick glitt abschätzend über Jupp. „...an deinen Kollegen.“ Er betonte das letzte Wort leicht, so dass es einen fast zweideutigen Klang annahm.

 

Aber es war Jupp, der darauf antwortete. „Klaus und ich sind auch Freunde.“

 

„Wirklich. Wie interessant.“ Andreas blickte Klaus an, um dessen Reaktion zu sehen, doch sein Ex-Geliebter hatte den Kopf gesenkt. „Ich bin eine ganze Woche in Köln.“ Er zog eine Visitenkarte aus der Tasche und hielt sie Klaus hin. „Meine neue Handynummer. Warum meldest du dich nicht mal bei mir und wir treffen uns und gehen irgendwo essen. Oder frischen Erinnerungen auf.“

 

„Meine Erinnerungen müssen nicht aufgefrischt werden“, entgegnete Klaus bitter. Er ignorierte die Karte. „Und jetzt entschuldige mich bitte. Im Büro wartet eine Menge Arbeit auf mich.“ Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging zu Jupps Auto.

 

Andreas blickte ihm hinterher, als er den Kopf zurückdrehte, begegnete er dem abschätzenden Blick von Jupp Schatz.

 

Jupp nahm die Visitenkarte aus Andreas Fingern, steckte sie in die Brusttasche seiner Jacke und setzte seine Sonnenbrille wieder auf. „Wo er recht hat... Wir sind spät dran. Hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen.“ Er nickte Andreas zu. „Ich bin sicher, wir sehen uns noch.“ Dann wandte er sich ab und folgte Klaus, der – ihnen den Rücken zugedreht – am Auto lehnte.

 

„Davon bin ich überzeugt“, sagte Andreas leise. Er sah ihnen nach, dann zog er das Handy aus der Tasche, um sich ein Taxi zu rufen, das ihn ins Hotel zurück brachte.

 

 

2.

„Du bist heute morgen nicht besonders gesprächig.“ Jupp blickte zu seinem Partner, der angestrengt aus dem Seitenfenster starrte, während sie darauf warteten, dass die Ampel von Rot auf Grün wechselte. Klaus presste die Lippen zusammen und schwieg. „Sehr gefreut hast du dich ja nicht über den Besuch deines alten Freundes.“

 

„Andreas ist kein alter Freund.“ Taube starrte nun geradeaus. „Es ist grün.“

 

„Was? Jetzt lenk’ mal nicht vom Thema ab.“ Jupp ignorierte das Hupen der Fahrer hinter ihm. „Was is’n los mit dir? Du bist heute ja ungenießbar.“

 

Klaus machte den Gurt los. „Dann werde ich dich wohl besser von meiner Gegenwart befreien.“ Er öffnete die Tür, stieg aus und duckte sich gegen den Regen, der kurz nach ihrer Abfahrt aufgekommen war. Und dann fiel die Autotür ins Schloss und Klaus war weg.

 

Jupp riss die Fahrertür auf und stieg aus. „Spinnst du?“, schrie er Klaus nach, der die Straße überquerte. „Du kannst doch nicht einfach... es regnet doch wie Sau!“ Das wütende Hupen der anderen Fahrer drang endlich in sein Bewusstsein und er schlug mit der Hand aufs Wagendach. „Ja, ja, schon gut“, brüllte er. Dann setzte er sich wieder ans Steuer. Als er losfahren wollte, schaltete die Ampel auf rot. Jupp fluchte. Nachdem die Ampel wieder grün war, fuhr er weiter, drehte bei der ersten Gelegenheit um und fuhr zurück. Aber keine Spur von Klaus.

 

Als er dann endlich im Präsidium ankam, war er über eine Stunde zu spät und Haupt hatte schon dreimal nach ihm gefragt. Seufzend machte Jupp sich ins Büro seines Vorgesetzen auf.

 

Überraschenderweise noch mit heiler Haut kehrte er eine knappe halbe Stunde später in sein Büro zurück. Haupt hatte ihm seine übliche Predigt gehalten und dann an die Arbeit zurückgeschickt. Jupp hatte es schon fast wieder vergessen, als er an Achims Schreibtisch trat. „Is’ Klaus schon da?“

 

„Siehst du ihn hier irgendwo?“, fragte Achim  „Was ist eigentlich los? Habt ihr euch verpasst?“

 

„Würde ich fragen, wenn ich wüsste, was los ist?“, gab Jupp gereizt zurück. „Verdammt noch mal spinnen hier heute alle?“ Er verließ das Büro und stieß in der Tür fast mit Jenny zusammen, die eben hereinkam.

 

„Was ist denn mit dem los?“, fragte sie Achim.

 

Der zuckte mit den Achseln. „Sieht so aus als hätten er und Klaus Trouble.“

 

Jenny grinste. „Wie das klingt. Als hätten sie was miteinander.“

 

„Manchmal benehmen sie sich aber auch wie ein altes Ehepaar, findest du nicht?“, sinnierte Achim.

 

„Lass’ das man bloß Jupp nicht hören“, flachste Jenny.

 

* * *

 

Jupp wusch sich die Hände und starrte dabei missmutig auf sein Spiegelbild. In diesem Moment ging hinter ihm die Tür zur Toilette auf und Klaus Taube kam in den Raum. Er war nass bis auf die Knochen, aus seinem Haar liefen dünne Rinnsale Wasser über sein Gesicht. Er hob den Blick und ihre Augen trafen sich im Spiegel.

 

Jupp drehte sich um und trocknete die Hände an seinem T-Shirt ab. Einen Moment lang sahen sie sich nur an. „Mann, Alter, siehst du Scheiße aus“, sagte Jupp schließlich. Er riss eine Handvoll Papiertücher aus dem Spender und gab sie Klaus. „Du bist doch nicht etwa den ganzen Weg gelaufen?“

 

Taube zuckte mit den Schultern. „Ich brauchte frische Luft.“ Er trat neben Jupp vor die Spiegel und begann, sein Gesicht trocken zu reiben. „Außerdem versuch’ mal um die Zeit ein Taxi zu bekommen.“

 

Jupp lehnte sich gegen ein Waschbecken und sah ihn von der Seite an. „Was ist eigentlich los mit dir?“, fragte er. „Seit du heute morgen mit diesem Andreas...“

 

„Ich will nicht darüber reden, Jupp. Lass’ es gut sein.“

 

Klaus sah ihn an und Schatz war überrascht, wie erschöpft sein Partner wirkte. So hatte er ihn zuletzt bei ihrem ersten gemeinsamen Fall gesehen, als sie nach einem Mann suchten, der „falsche“ Karnevalsjungfrauen tötete. Damals hatte Klaus kaum geschlafen, sondern nächtelang über den Akten gebrütet, um ein noch genaueres Profil zu erstellen. Und genau wie damals, als er in Jupps Küche saß, hatte er auch jetzt wieder diesen gehetzten Ausdruck in den Augen. Aber diesmal konnte es nicht an der Arbeit liegen.

 

„Okay.“ Jupp streckte die Hand aus, berührte Klaus Schulter. „Wenn du doch irgendwann reden willst, du weißt ja, wo du mich findest.“

 

Klaus nickte und wandte den Blick ab. Er starrte geradeaus in den Spiegel, begann dann seine Haare trocken zu reiben.

 

Jupp zögerte noch einen Moment, doch als keine Antwort kam, verließ er die Toilette.

 

Klaus ließ die nassen Papierhandtücher fallen, stützte sich mit beiden Händen auf das Waschbecken und senkte den Kopf. Er holte ein paar Mal tief Luft, schloss die Augen, ballte die Finger zu Fäusten.

 

Nach einer Weile drehte er den Heißwasserhahn voll auf und begann seine Hände rigoros zu waschen, bis die Haut sich tiefrot verfärbte. Auf einmal öffnete er die Augen, starrte fast erschrocken auf seine Handflächen und drehte dann den Wasserhahn ab. Er zitterte, als er den Kopf hob und wieder auf sein Spiegelbild starrte. Was tat er nur? Das war vorbei. VORBEI!

 

 

 

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Prison gates won't open up for me
On these hands and knees I'm crawlin'
Oh, I reach for you
Well I'm terrified of these four walls
These iron bars can't hold my soul in
All I need is you
Come, please, I'm callin'
And oh, I scream for you
Hurry, I'm fallin', I'm fallin'
**************************************

 

 

 

Ein paar Minuten später trat Klaus ins Büro und setzte sich kommentarlos an seinen Schreibtisch, nachdem er seinen durchnässten Mantel und das ebenfalls nasse Jackett aufgehängt hatte.

 

Achim und Jenny starrten neugierig zu ihm hinüber, doch Jupp sah sie böse an und die beiden vertieften sich eilig wieder in ihre Arbeit. Dann trat er zu Klaus Schreibtisch und stellte einen dampfenden Kaffeebecher vor ihn auf den Tisch. „Du siehst aus, als könntest du was Warmes vertragen.“

 

Klaus sah auf, doch dieses Mal schien es keine von Jupps üblichen Frotzelein zu sein, sondern ernst gemeint. Mit einem dankbaren Nicken nahm er den Becher in beide Hände und nippte daran. Er sah auf, als er Jupp nach Luft schnappen hörte.

 

„Verdammt, was ist mit deinen Händen passiert?“

 

Klaus betrachtete die gerötete Haut teilnahmslos. „Es ist nichts“, sagte er, stellte den Kaffeebecher beiseite und griff nach einer Akte. Als er nach einem Moment wieder aufsah, war Jupp an seinen eigenen Tisch zurückgekehrt. Erleichtert, ohne genau zu wissen wieso, richtete er den Blick wieder auf die Unterlagen, ohne auch nur ein Wort davon aufzunehmen.

 

 

3.

Nach einem ruhigen, relativ ereignislosen Tag freute sich Jupp darauf, Flo vom Sportplatz abzuholen. Er warf einen Blick auf die Uhr, dann trat er zu Taube an den Schreibtisch.

 

Klaus hatte sich den ganzen Tag nicht davon wegbewegt, nur verbissen auf seiner Tastatur herumgehackt oder in Akten geblättert, als gäbe es nichts faszinierenderes als für Haupt eine Statistik über ihre Fälle des letzten halben Jahres zu erstellen. Nicht einmal mit zum Essen war er gegangen, sondern hatte nur wortlos abgewunken. Als Jenny ihm zwei Äpfel auf den Tisch legte, die sie aus der Kantine mitbrachte, sah er nur kurz auf und lächelte flüchtig, rührte sie aber nicht an. Sein Anzug, in der Wärme des Raumes langsam getrocknet, war voll Knitterfalten und so bot er einen ungewohnten Anblick für seine Kollegen, die sich längst an sein normalerweise makelloses Outfit gewöhnt hatten.

 

„Ich geh’ Florian abholen“, sagte er und lehnte sich gegen den Schreibtisch. „Kommst du?“

 

„Ich bin hier noch nicht fertig, Jupp. Fahr’ alleine und sag’ Flo, dass es mir leid tut“, erwiderte Klaus ohne aufzusehen.

 

Jupp beugte sich vor und klappte das Laptop zu, wobei er fast Klaus Finger einklemmte. „Das hat doch Zeit bis morgen. Und du siehst aus, als könntest du ne Pause vertragen.“

 

„Ja, von deiner ewigen Fragerei“, entgegnete Klaus heftig. „Kannst du kein Nein akzeptieren? Und mich einfach in Frieden lassen?“

 

„Schon gut, kein Grund, laut zu werden.“ Jupp stand auf und hob abwehrend beide Hände. „Ich geh ja schon.“ Er wandte sich ab.

 

„Jupp, warte.“ Klaus folgte ihm. „Es tut mir leid.“ Er fuhr sich über die Haare. „Ich...“

 

„Hey, ist okay. Jeder hat das Recht auf einen schlechten Tag.“ Jupp grinste. „Und du erträgst meine Launen oft genug, ist also nur fair.“ Er zog seinen FC-Schal hervor und hängte ihn um. „Kommst du nun mit?“

 

Klaus warf einen Blick auf seinen Schreibtisch, dann nickte er. Während Jupp ungeduldig auf den Hacken wippte, speicherte er seine Daten, schaltete das Gerät ab und zog Jackett und Mantel an. „Okay, lassen wir Florian nicht warten.“

 

* * *

 

Florian erzählte während der Heimfahrt begeistert vom Spiel, so dass es nicht weiter auffiel, dass sein Vater und Onkel Klaus ungewöhnlich schweigsam blieben. Er stürmte aus dem Wagen, kaum das Jupp angehalten hatte und ins Rättematäng, um seiner Mutter die Neuigkeit ihres Sieges mitzuteilen.

 

Jupp und Klaus folgten wenig später und Ellen winkte ihnen zu, als sie an die Theke traten. „Klaus, dein Freund von heute morgen hat angerufen und seine Nummer im Hotel hinterlassen.“ Sie legte ihm einen Notizzettel hin, den Klaus nach kurzem Zögern nahm, zusammenfaltete und in die Tasche schob. „Alles okay mit dir?“, fragte Ellen und schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du bist ein bisschen blass um die Nase.“

 

„Ja, alles in Ordnung“, erwiderte Klaus. „Ich bin nur müde. Entschuldige mich, ja? Ich gehe nach oben.“

 

„Sicher.“ Ellen musterte ihn aufmerksam. „Das Essen für Florian steht im Kühlschrank. Spaghetti. Ist genug für zwei, wenn du auch Hunger hast. Bist du nur so lieb und machst es für ihn in der Mikrowelle warm? Ich schick dir unseren Fußballhelden gleich hoch.“

 

„Natürlich.“ Er nickte Jupp zu und verschwand nach hinten, wo eine Treppe nach oben führte.

 

Ellen sah ihm nach, dann blickte sie ihren Ex-Mann fragend an. „Hattet ihr Stress bei der Arbeit?“, fragte sie, als sie Jupp ein Kölsch hinschob.

 

„Nein, das ist es nicht.“ Jupp rieb sich nachdenklich das Kinn. „Er ist schon den ganzen Tag so merkwürdig drauf, redet nicht, isst nicht.“

 

Ellen eilte an das andere Ende der Theke und machte eine Bestellung fertig. Die Hände an einem Tuch abtrocknend, kam sie zu Jupp zurück. „Als ich mich mit Flo auf den Weg machte, kam er mit uns runter, um auf dich zu warten, da war noch alles okay. Dann tauchte auf einmal dieser Typ auf, dieser Reimers und von einem Moment auf den anderen war Klaus verschlossen wie eine Auster.“

 

„Der Schriftsteller? Den habe ich auch kennen gelernt. Komische Type.“ Jupp verschmierte mit dem Finger nachdenklich einen Feuchtigkeitsring, den sein Glas auf dem Tresen hinterlassen hatte. Ellen klopfte ihm auf die Finger und wischte mit dem Tuch die Theke sauber. „Machte so merkwürdige Anspielungen. Seither ist Taube durch den Wind. Als ich auf dem Weg ins Präsidium wissen wollte, was mit ihm los ist, ist er mitten auf der Straße ausgestiegen und im Regen zu Fuß ins Büro gelaufen. Und später...“ Er verstummte, erinnerte sich an die Szene in der Toilette.

 

Ellen zapfte rasch weitere Kölsch, dann wandte sie sich wieder an Jupp. „Ich glaube nicht, dass dieser Andreas nur einfach so ein Freund von Klaus ist“, sagte sie.

 

„Wie meinst du das?“ Jupp hob leicht die Schultern, als ihn ein belustigter Blick seiner Ex-Frau traf. „Ach so. Du meinst, sie hatten mal was miteinander? Woher willst du das wissen? Hat er was gesagt?“

 

„Nein, hat er nicht. Aber eine Frau spürt so was, Jupp. Das sind Nuancen, von denen du keine Ahnung hast.“ Auf einen verzweifelten Blick ihrer Aushilfe hin, eilte Ellen weg und ließ Jupp mit seinen Gedanken allein.

 

* * *

 

Flo saß mit seinen Spaghetti zufrieden vor dem Fernseher, als Klaus aus dem Bad kam. Die heiße Dusche hatte nur unzulänglich das Gefühl von Kälte aus ihm vertrieben, das in seinen Knochen zu stecken schien, seit er im Regen zum Präsidium gelaufen war. Er zog Jeans und einen dicken Pullover an und betrachtete seinen zerknitterten Anzug mit Abscheu.

 

Dann trat er barfuss zum Fenster und starrte blicklos nach draußen. Kein Licht brannte und im Widerschein der Straßenbeleuchtung sah er sein eigenes Spiegelbild, verzerrt und verschwommen von den Regentropfen, die an der Außenseite der Scheibe hingen. Nach einem Moment senkte er den Blick auf seine Hände; drehte sie, als wären sie ihm fremd und er würde sie zum ersten Mal betrachten. Die Haut war stellenweise noch immer leicht gerötet, fast wie bei einem Sonnenbrand. An der Außenkante der linken Hand bemerkte er eine aufgeplatzte Blase. Er hatte den Schmerz nicht einmal gespürt.

 

Er konnte nicht fassen, dass er so die Kontrolle über sich verloren hatte. Seit seinem Umzug nach Köln war es nicht mehr passiert. Und jetzt tauchte Andreas plötzlich auf und alles, was er erreicht hatte, schien sich in Luft aufzulösen.

 

Nein! Er war über Andreas hinweg. Die Ereignisse in Hamburg waren nur noch Schatten seiner Vergangenheit. Er war stärker. Und er war nicht allein. Er hatte Freunde, Kollegen – sogar so etwas wie eine Familie. Ellen, Florian - und Jupp. Jupp... Sicher saß er noch unten im Rättematäng. Fast fühlte er sich versucht, Jupps Angebot anzunehmen und ihm alles zu erzählen. Wie er Andreas kennen gelernt hatte und wie der ihm aus der Hölle half. Wie er zum ersten Mal erlebte, was es bedeutete, einen anderen Menschen bedingungslos zu lieben. Wie ihn die Hölle dann doch wieder einholte. Und wie ihre Beziehung daran zerbrach, und in nichts als Schmerz und gegenseitigen Vorwürfen endete. Vom wahren Grund für seine Versetzung nach Köln. Aber er wusste, dass er nicht die richtigen Worte finden würde, die Jupp verstehen konnte. Da war zu vieles, das er selbst nie verstanden hatte.

 

Er ballte die Hände zu Fäusten, zwang sie, als das zu sehen, was sie waren. Sauber. Da war nichts und dennoch fühlte er den quälenden Drang, sie unter heißes Wasser zu halten, sie wieder und wieder zu waschen und zu schrubben, bis die Haut tiefrot wurde und wie Feuer brannte. In der schlimmsten Zeit hatte er sich die Haut förmlich von den Fingern geschrubbt, bis das rohe, blutende Fleisch zum Vorschein kam und der Schmerz durch seine Arme bis in seinen Kopf pochte, ihn mit Nebel füllte und die Alptraumbilder darüber verschwanden. Zumindest für eine Weile.

 

Klaus entspannte bewusst jeden Finger einzeln, öffnete die Hände. Seine Handflächen fühlten sich sehr warm an und kribbelten leicht. Das feine Netz von Narben in ihnen war nur zu entdecken, wenn man wusste, wo man sie suchen musste. Sie stammten von einem Spiegel, den er einmal zerschlagen hatte.

 

Langsam ließ er die Hände sinken, wandte sich vom Fenster ab. Er setzte sich in einer Ecke seines Zimmers auf den Boden, zog die Beine an und legte die verschränkten Arme auf die Knie. Er stützte seine Stirn dagegen und schloss die Augen.

 

Fast drei Jahre waren vergangen, seit Andreas ihn verlassen hatte. Aber nun waren die Bilder in seinem Kopf wieder so klar und deutlich, als wäre es erst gestern gewesen...

 

 

* * * * flashback * * * *

 

Als Klaus in ihre Wohnung zurückkam, war es erst kurz nach Mittag. Doch er fühlte sich zu erschöpft, um weiter zu arbeiten. Obwohl ihm volle Diensttauglichkeit bescheinigt worden war, hatte er darum gebeten, vorerst keine Fälle übertragen zu bekommen, die ihn zum Reisen zwangen. Die Unterlagen, die heute aus Köln gekommen waren, hatte er mit nach Hause genommen. Er wollte sich ein paar Stunden hinlegen und hoffentlich ohne Alpträume schlafen, danach würde er sich an die Arbeit machen und dem Computer das Profil des Kölner Serienmörders diktieren. Der Fall schien nicht besonders kompliziert.

 

Als er an Andreas Arbeitszimmer vorbeiging, hörte er ihn sprechen. Es wunderte ihn, dass sein Partner Zuhause war, hatte er nicht heute ein Geschäftsessen mit seinem Verleger? Klaus öffnete die Tür.

 

Andreas ging im Raum auf und ab, während er telefonierte. „Ja, 14.00 Uhr passt mir sehr gut. Die Adresse haben Sie? Danke. Ja. Auf Wiederhören.“ Entweder spürte er Klaus Anwesenheit oder er sah seine Reflektion auf der großen Glastüre, die auf die Terrasse der im Erdgeschoss gelegenen Wohnung führte. Er drehte sich um, ließ das Handy auf dem Schreibtisch liegen und trat zu Klaus. „Du bist schon da?“ Er legte den Arm um seinen Partner und küsste ihn auf die Stirn. „Wieder Kopfschmerzen?“

 

„Nein.“ Klaus wandte sich ab. „Ich bin nur müde.“

 

„Du hast letzte Nacht nicht geschlafen.“ Andreas ließ ihn los und trat wieder zu seinem Schreibtisch, wo er Unterlagen in einen Aktenkoffer packte. „Ich habe dich in deinem Büro auf- und abgehen hören.“

 

„Ich konnte nicht schlafen.“ Klaus runzelte die Stirn. „Was machst du da?“ Er sah sich um und entdeckte die Lücken im Bücherregal, die Kartons auf dem Boden, in denen sich die fehlenden Bücher befanden.

 

„Du hast doch diese Schlaftabletten. Helfen die nicht?“ Andreas schloss den Koffer und ließ die Schlösser zuklicken.

 

„Ich nehme sie nicht gerne, das weißt du. Ich träume dann zwar nicht, aber es dauert Stunden, bis sich mein Magen wieder beruhigt hat. Außerdem machen sie es mir schwer, mich zu konzentrieren.“ Klaus trat neben Andreas und sah ihn an. „Was machst du?“

 

Andreas stellte den Koffer auf den Boden. „Ich ziehe aus.“

 

Klaus lehnte sich gegen den Schreibtisch, er brauchte den Halt. „Wieso?“, fragte er leise.

 

„Ich hätte es schon längst tun sollen. Gleich nach meiner Rückkehr aus London. Es tut mir leid, Klaus – aber wir können nicht so weitermachen und so tun, als wäre nichts passiert.“

 

Klaus sah zu Boden. „Du ziehst zu ihm, ist es das?“

 

„Falls du von David redest, nein – er ist wieder in London. Wichtige Geschäfte. Er kommt erst gegen Ende des Jahres zurück, zur Präsentation meines Buches.“ Andreas wandte sich ihm zu. „Ich habe mir eine Wohnung in der Innenstadt genommen. Sie ist nicht besonders groß, aber für den Anfang reicht es.“

 

„Gehe ich dir auf die Nerven? Ich verstehe nicht...“, begann Klaus, doch Andreas legte ihm einen Finger auf den Mund.

 

„Es ist nicht deine Schuld. Es ist unsere.“ Andreas seufzte. „Die Geschichte mit David in London hat nichts damit zu tun. Wir haben doch beide schon seit geraumer Zeit gewusst, dass dieser Moment kommt. Es ist dein verdammter Beruf und was er aus dir gemacht hat. Genauso wie mein verdammtes Buch, das nicht fertig wurde und der ganze Ärger im Verlag. Wir haben uns beide verändert, Klaus. Aber das was zwischen uns war, das hat sich nicht mit uns verändert. Es ist einfach immer weniger geworden. Und jetzt reicht es nicht mehr. Es reicht mir nicht mehr. Und wenn du ehrlich bist, brauchst du auch mehr.“

 

Klaus schüttelte seine Berührung ab. „Das was zwischen uns war hast du einmal Liebe genannt“, sagte er heiser.

 

Andreas lächelte traurig. „Ja. Und in gewisser Weise liebe ich dich immer noch. Vielleicht werde ich das immer. Es war einmal sehr leicht, dich zu lieben. Aber so zu tun, als wäre nichts geschehen... Das macht uns beide kaputt.“

 

Klaus wandte sich ab.

 

„Du bist so kalt geworden seit diesem schiefgegangenen Einsatz in Hamburg, seit deiner Verletzung. Versteh’ mich richtig, das ist kein Vorwurf. Es ist mir klar, dass du mehr Zeit als ein halbes Jahr brauchst, darüber hinweg zu kommen. Aber wenn man jemand liebt... und voll Sehnsucht auf ein Wort wartet, auf eine Berührung... und dann kommt da nichts. Das ist grausam. Neben dir kann man nur noch erfrieren oder den Verstand verlieren. Du quälst dich und du quälst mich - aber ich kann das nicht länger mitmachen, sonst zerstört es mich genauso wie dich.“

 

Andreas schloss die Augen, warf den Kopf in den Nacken, atmete tief ein. Er hob den Kopf, atmete langsam wieder aus und öffnete die Lider. „Ich hatte gedacht, ich wäre weg, bis du aus dem Büro kommst. Um 14.00 Uhr kommt jemand und holt die Kartons ab. Ich habe das Wichtigste eingepackt, den Rest werde ich irgendwann abholen. Wenn es dir lieber ist, auch wenn du im Büro bist. Es tut mir wirklich leid, Klaus. Aber ich kann es nicht ändern, wie es ist. Und wenn du ehrlich bist, weißt du, dass ich recht habe.“

 

Er stockte, sah Klaus an, wartete auf eine Antwort. Es kam keine. Schweigen. Wieder nur Schweigen. Die ganzen Monate immer nur Schweigen. Und an dieser Mauer aus Schweigen zerbrach alles. Er konnte nichts anderes tun, als seine Scherben aufsammeln und weggehen, bevor die Bruchstücke zu klein sein würden, um noch einmal gekittet zu werden. Er hob die Hand als wolle er Klaus berühren, doch ließ sie wieder sinken, drehte sich um, nahm den Koffer und verließ das Arbeitszimmer.

 

Als sich die Tür hinter ihm schloss, setzte sich Klaus schwerfällig auf den Boden. Er stützte beide Hände auf die Ellbogen, presste das Gesicht gegen die Handflächen, grub die Finger schmerzhaft tief in seine Kopfhaut. Er versuchte etwas zu fühlen. Aber wenn er einen Verlust spürte, dann war er so groß, dass er jede Empfindungsfähigkeit betäubte...

 

* * * * flashback end * * * *

 

 

Ein plötzliches Aufbranden von Lachen und Musik in der Kneipe unter ihm holte Klaus zurück in die Gegenwart. Er rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht, verschränkte dann die Arme vor der Brust. Ihm war kalt. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass kaum eine halbe Stunde vergangen war, doch die Muskeln in seinem Nacken, Rücken und Beinen waren steif und verspannt, als hätte er die halbe Nacht hier gesessen und an längst vergangene Dinge gedacht. Müdigkeit brannte hinter seinen Augen, seine Lider fühlten sich an, als wären sie innen mit Sandpapier gepolstert. Mit einer Hand gegen die Wand gestützt, richtete er sich auf und streckte sich. Er trat an den Nachttisch, zog eine Schublade auf und kramte darin herum, bis sich seine Finger um die Medikamentenschachtel schlossen, die ganz nach hinten gerutscht war. Er zog sie hervor und drückte zwei der kleinen, hellblauen Tabletten aus ihrer Plastikhülle. Sie lagen auf seiner Handfläche. Klein und unschuldig, kaum gefährlicher als Süßigkeiten. Er nahm sie ungern. Aber ohne die Schlaftabletten würde er keine Ruhe finden. Nicht diese Nacht, und in keiner anderen. Seit er in Köln war, hatte er sie nur noch einmal gebraucht – nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, um von den Erinnerungen an seine Geiselhaft loszukommen.

 

Klaus zögerte – dann schluckte er die beiden Tabletten trocken. Ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus, das Medikament kratzte in seiner Kehle. Er legte sich auf sein Bett, rollte sich zusammen und drückte das Gesicht ins Kissen. Ein paar Minuten später entspannte sich sein Körper, als er einschlief...

 

 

 

**************************************

Heaven's gates won't open up for me
With these broken wings I'm fallin'
And all I see is you
These city walls ain't got no love for me
I'm on the ledge of the eighteenth story
And oh, I scream for you
Come, please, I'm callin'
And all I need from you
Hurry, I'm fallin', I'm fallin'

**************************************

 

 

 

„Jupp? Hey, bist du noch da?“ Ellens Stimme riss ihn aus seinen Grübelein.

 

Schatz sah auf. „Was hast du gesagt?“

 

„Ich habe dich gebeten, nachzusehen, ob Florian auch im Bett ist. So überdreht wie der heute war, sitzt er vielleicht noch vor dem Fernseher oder liest Comics.“ Ellen schüttelte den Kopf und lachte. „Du warst wohl gerade ganz weit weg, was?“

 

„Klaus ist doch oben“, meinte Jupp und zündete sich eine Zigarette an. „Er hat bestimmt ein Auge auf ihn.“

 

„Du hast doch gesehen, dass es ihm nicht gut geht. Außerdem ist Flo dein Sohn, kümmere du dich um ihn.“ Ellen nahm ihm die Zigarette aus dem Mund und hielt sie unter den Wasserhahn. „Los, los.“

 

„Ich geh’ ja schon.“ Jupp stand auf, leerte sein Glas und gähnte, bevor er sich nach oben machte.

 

Florians Zimmer war leer. Jupp fand seinen Sohn – wenigstens bereits im Schlafanzug - aber eingeschlafen vor dem Fernseher, den Teller mit einem Rest Spaghetti neben sich. Grinsend schaltete er das Gerät ab und hob Flo vorsichtig hoch. Der wachte nicht richtig auf, drehte sich nur und kuschelte sich an seinen Vater, als der ihn ins Bett brachte. Jupp deckte ihn zu, küsste ihn auf die Stirn und schaltete dann das Licht aus.

 

Auf dem Weg zurück kam er an Klaus Zimmer vorbei. Er zögerte. Dann klopfte er. „Klaus?“, fragte er leise. Es kam keine Antwort – aber trotzdem drückte er die Klinke herunter und spähte in den Raum. Es brannte kein Licht, doch es fiel genug Helligkeit vom Flur hinein, dass er sehen konnte, dass Klaus auf dem Bett lag und schlief. Er musste schon ziemlich erschöpft gewesen sein, wenn er sich nicht einmal ausgezogen hatte. So leise, wie er eingetreten war, zog Jupp die Tür wieder ins Schloss und ging zurück nach unten ins Rättematäng. Morgen war ja auch noch ein Tag.

 

Bevor er in die Gaststube zurückkehrte, kam er an dem Münzfernsprecher vorbei, der da hing. Er zögerte, dann zog er die Visitenkarte aus seiner Brusttasche und starrte auf die Nummer. Nach einem Blick auf seine Uhr nahm er den Hörer ab und grinste schief. Es dauerte eine Weile bis abgenommen wurde. „Achim? Hör’ mal, du musst mir... Ja, Achim, natürlich weiß ich, wie spät es ist. Jetzt reg’ dich wieder ab, das ist nicht gut für deinen Blutdruck. Bist du jetzt aufnahmefähig? Okay, dann hör’ zu. Du musst mir morgen früh einen Gefallen tun, du bist doch als Erster im Büro. Hast du einen Stift irgendwo? Ich geb’ dir gleich eine Handynummer und einen Namen durch. Kuck’ nach, ob wir über den Mann irgendwas haben. Aber behalt’s für dich, klar? Kein Wort zu niemandem, besonders nicht zu Taube, verstanden? Also, der Name ist Andreas Reimers. Frag’ jetzt nicht warum, Achim. Und die Nummer... “

 

 

4.

Andreas blickte von dem Manuskript für den Abend auf. „Setz’ dich doch.“ Er legte die Seiten zusammen und schob sie an das freie Ende des Tisches. Nachdem er einem der Kellner einen Wink gegeben hatte, nahm er mit einem Lächeln seine Lesebrille ab. „Wir werden alle nicht jünger. Außerdem hat man mir gesagt, sie gebe mir einen gewissen intellektuellen Touch“, bemerkte er und legte sie auf das Manuskript. Er bemerkte, dass Klaus noch immer stocksteif dastand. „Jetzt setz’ dich doch – bitte. Ich habe mich über deinen Anruf heute morgen gefreut.“

 

Klaus nahm Platz.

 

„Deine Mittagspause ist vermutlich ziemlich knapp bemessen, deshalb habe ich mir die Freiheit herausgenommen, bereits für uns beide im voraus zu bestellen.“ Andreas schien der Mangel an Antworten nicht zu stören. „Aber um ehrlich zu sein, war ich mir nicht sicher, ob du überhaupt kommen würdest, auch wenn dieses Treffen dein Vorschlag war.“

 

Der Kellner brachte den Aperitif und Klaus betrachtete überrascht das Glas, das vor ihn gestellt wurde. „Ich hätte gerne ein Mineralwasser, bitte.“

 

„Natürlich.“

 

Er schob das Glas beiseite und sah Andreas an. „Eine Bloody Mary? Um diese Uhrzeit?“

 

Der lachte leise. „Dachtest du, ich erinnere mich nicht mehr daran?“, erwiderte er. „An die zwei Wochen Urlaub in den USA? Ich habe die meisten schließlich gemixt und dir ans Bett gebracht. Erinnerst du dich noch daran, dass sie uns fünfzig Dollar extra auf die Rechnung gesetzt haben, wegen der ruinierten Bettwäsche? Als du mir das Glas über...“

 

„Das reicht, Andreas“, unterbrach ihn Klaus. „Ich bin nicht hier, um alte Geschichten aufzuwärmen.“

 

Andreas lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann erkläre mir doch bitte, warum du hier bist.“

 

Klaus sah auf den Tisch, seine Finger spielten mit einer aufgerollten Serviette, der silberne Ring, der sie zusammenhielt, wies eine matte Stelle auf. Geistesabwesend rieb er daran herum, bis sie glänzte.

 

„Wie ich sehe, hast du noch immer diesen Sauberkeitszwang.“

 

„Halte dich aus meinem Leben heraus, Andreas“, entgegnete Klaus, ohne auf seine Worte einzugehen. „Ich habe kein Interesse daran, meine Vergangenheit mit dir vor meinen Kollegen auszubreiten.“

 

„Ah, jetzt wird es interessant“, meinte Andreas. „Denkst du da an jemand bestimmten? Vielleicht an diesen Herrn Schatz, der gestern morgen so viele Fragen stellte?“

 

Klaus blickte auf, die Augen dunkel und hart. „Ob und was er darüber wissen muss, entscheide ich allein“, entgegnete er scharf. „Ich möchte auch in Zukunft weiter mit ihm zusammenarbeiten.“

 

„Es liegt dir soviel daran, mit ihm zu *arbeiten*? Oder liegt dir nicht vielmehr an ihm – und seiner netten kleinen Familie? Hast du das kleine Glück der kleinen Leute für dich entdeckt?“

 

„Das es etwas Kleines ist, war immer nur deine Meinung.“

 

Andreas beugte sich vor. „Man kann eine ganze Menge herausfinden mit ein wenig Recherche im Internet. Dein Partner ist ja so was wie ein Held hier in Köln. Interessant, dass du ausgerechnet bei seiner Ex-Frau und seinem Sohn wohnst.“ 

 

„Hör’ auf damit.“

 

„Ist er dein neuer Liebhaber?“, fuhr Andreas unerbittlich fort. „Bist du seinetwegen hier geblieben? Bestimmt sind es nicht die beruflichen Aussichten gewesen. Deine Karriere war dir doch einmal wichtig. Deine Arbeit. Du warst einer der besten Profiler Europas. Und was machst du jetzt hier? Bankräuber jagen und Hausfrauen-Morde aufklären?“

 

„Das ist lange her, das war vor Hamb...“ Klaus unterbrach sich. „Jupp ist mein Freund, und mein Partner im Job.“ Für einen Moment spielte ein dünnes Lächeln um seine Lippen. „Und wenn er dich eben gehört hätte, würdest du da nicht mehr so ruhig sitzen. Er ist ausgesprochen empfindlich, wenn man das anzweifelt, was er als seine Männlichkeit auffasst. Aber ich bin nur gekommen, um dich zu bitten, nicht mit ihm zu sprechen, sollte er bei dir auftauchen.“

 

„Du bittest mich darum? Gestern morgen warst du nicht so höflich.“

 

„Du hattest mich überrascht, das war alles.“

 

Andreas griff plötzlich über den Tisch und umschloss Klaus Handgelenk. Dann drehte er seine Hand mehr ins Licht, betrachtete die kaum mehr zu sehende Rötung, das kleine Pflaster an der Seite, das die aufgeplatzte Haut verdeckte. „Bist du hier in Therapie oder ist das meine Schuld?“

 

Klaus entzog ihm ruckartig seine Hand. „Lebwohl, Andreas“, sagte er leise, drehte sich um und ging, beinahe mit dem Kellner zusammenstoßend, der ihr Essen brachte.

 

Der Schriftsteller sah ihm nach, das Gesicht ausdruckslos.

 

* * *

 

Es hatte aufgehört zu regnen, aber die Luft war ziemlich kalt. Klaus blickte auf seine Uhr und sah sich nach einem Taxistand in der Nähe des Hotels um. Wenn er zu spät zurückkam, stachelte er damit nur die Neugierde seiner Kollegen weiter an. Er ging ein paar Schritte den Gehweg entlang; achtete nicht auf die Passanten, die ebenfalls unterwegs waren. Sein Mund füllte sich mit dem Geschmack der Erinnerung an einen lang vergangenen Sommer...

 

 

* * * * flashback * * * *

 

Es war Andreas Vorschlag gewesen, nach San Francisco zu fahren, das ‚In’-Reiseziel der Schwulen in diesem Sommer. Er hatte sich zunächst dagegen gesträubt, er war nicht an der „Szene“ interessiert. Aber dann... Die kalifonische Sonne, das Meer, eine Atmosphäre von Freiheit, wie er sie nie zuvor erlebt, nie zuvor gespürt hatte. In diesen Tagen fühlte er sich wie ein anderer Mensch, frei von allen Zwängen, von den Einschränkungen ihres Alltags, seines Berufs. Sie schliefen bis Mittag, verbrachten die Tage als Touristen, lagen am Strand, gingen einkaufen und ackerten alle Sehenswürdigkeiten des schwulen Stadtplans ab, verbrachten die Nächte in Bars und Diskos, als wären sie zwei verliebte, vergnügungssüchtige Sechzehnjährige, die ihren ersten Urlaub ohne elterliche Aufsicht verbrachten.

 

Nach einer besonders langen Nacht, die damit endete, dass sie sich am Strand liebten und fast von einer Patrouille entdeckt wurden, verbrachten sie einen faulen Nachmittag am Strand. Bis Andreas sich lachend beklagte, dass er einen Hitzschlag bekäme, wenn sie nicht sofort in ihr Zimmer mit Aircondition gingen. Kaum dort angekommen, war von Erschöpfung keine Rede mehr und Andreas zog ihn unter die Dusche.

 

Später lagen sie im Bett, tranken Bloody Marys in einem Schwebezustand angenehmer Müdigkeit. Die Abendsonne flitterte als goldene Sprenkel durch die Bambusjalousien vor dem Fenster, über das Bett im Halbdunkel, über ihre Körper.

 

Andreas lag auf dem Rücken, einen Arm über die Augen gelegt. Klaus lag neben ihm auf der Seite, den Arm ausgestreckt, zeichnete träge mit den Fingern die Umrisse der goldenen Sonnenflecken auf Andreas gebräunter Haut nach. Er richtete sich ein wenig auf, küsste das Kinn seines Partners, mehr befriedigte Zärtlichkeit, als Begehren.

 

Andreas lächelte und nahm den Arm vom Gesicht weg. Er griff nach Klaus Kopf, schob seine Finger in sein Haar, zog ihn zu sich, halb auf sich, um ihn zu küssen. Sie drifteten nach einer Weile auseinander und Andreas griff nach seinem Glas auf dem Nachttisch.

 

Klaus nahm es ihm aus der Hand, trank, beobachtete fasziniert ein paar Tropfen, die an der Außenseite des Glases entlang rannen, auf Andreas Bauch fielen. Er kippte das Glas, ließ mehr von der roten Flüssigkeit auf Andreas Haut tropfen, ignorierte den gemurmelten Protest seines Liebhabers. Die Tropfen bildeten ein kleines Rinnsal, das mit jedem Atemzug zitterte, sich schließlich in Bewegung setzte... Klaus senkte den Kopf und folgte ihm mit der Zunge.

 

Andreas schloss die Augen, legte eine Hand auf seinen Hinterkopf, drückte ihn nach unten, bis der heiße Mund seine rasch wachsende Erektion bedeckte...

 

* * * * flashback end * * * *

 

 

Klaus öffnete die Augen, wurde sich bewusst, dass er mitten auf dem Gehsteig stand, links und rechts um ihn strömten Menschen ihren Zielen zu. Jemand rempelte ihn an und eilte ohne Entschuldigung weiter. Unwillkürlich wischte er sich den Arm ab, wo ihn der Passant berührt hatte, als putze er einen unsichtbaren Fleck weg. Seine Hand glitt weiter, überprüfte den korrekten Sitz seiner Krawatte. Sein Mund fühlte sich trocken an, seine Kehle rau. Er sah sich um. Der Taxistand war nur wenige Meter von ihm entfernt. Klaus nahm in einen der Wagen Platz und ließ sich ins Präsidium zurückbringen.

 

* * *

 

„Ist Taube schon zurück?“ Jupp steckte den Kopf durch die Tür und stellte diese Frage bereits zum dritten Mal in der letzten halben Stunde.

 

„Nein“, erwiderte Achim zum eben so vielen Male. Er sah zu, wie Jenny ein paar Akten zusammen raffte und damit den Raum verließ. „Ach Jupp – was deinen Anruf von heute Nacht betrifft...“

 

Jupp fuhr sich durch die Haare. „Ja, das. Tut mir leid, ich hatte nicht daran gedacht, dass deine Mädchen um die Zeit schon im Bett sind.“

 

„Schon gut.“ Achim winkte ab. „Ich konnte über diesen Reimers nichts in unseren Dateien finden. Aber er steht in der Zeitung. Auf der Kulturseite. Er liest aus seinem neuen Buch, heute Abend. Wieso interessierst du dich für einen Schriftsteller? Hast du plötzliche dein Interesse an Büchern entdeckt?“

 

Jupp zuckte mit den Achseln. „Ach, sein Name tauchte irgendwo auf. Nur Neugier. Dank’ dir.“ Er wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch mal zurück. „Und Achim... vergiss einfach wieder, dass ich dich darum gebeten hatte, okay? Ich nenn’ dich dafür auch nie wieder Aktenlurch.“

 

“Okay“, wiederholte Achim verblüfft und sah ihm nach. Was war eigentlich die letzten beiden Tage hier los?

 

 

5.

Klaus lehnte das Angebot ab, mit Jupp in der Gaststube Fußball zu kucken und ging nach oben. Es war noch früh, Florian saß unten bei seinem Vater vor dem kleinen Fernseher und da noch nicht viel los war um diese Zeit, hatte er Ruhe und die Wohnung für sich allein.

 

Er stieg in den kleinen Dachboden hinauf, wo noch einige Kartons mit seinen Sachen standen, die in seinem Zimmer keinen Platz gefunden hatten. In einem kleinen mit „Dokumente“ beschrifteten Karton wurde er fündig. Ganz unten zog er einen nicht gekennzeichneten Umschlag hervor und nahm ihn mit in sein Zimmer. In irgendeinem unlogischen Winkel seines Herzens hatte er gehofft, er wäre einfach nicht mehr da, beim Umzug verloren gegangen; während des Rohrbruchs durchnässt worden oder versehentlich ins Altpapier gewandert. Er hätte ihn verbrennen sollen, als er Wiesbaden verließ. Klaus ließ den Umschlag auf dem Bett liegen und ging duschen.

 

Barfuss und mit feuchten Haaren setzte er sich später im Schneidersitz auf sein Bett und drehte den Umschlag in den Händen. Nach einer Weile schob er einen Finger unter die offene Ecke und riss die obere Kante auf. Er drehte den Umschlag auf den Kopf und ließ seinen Inhalt herausgleiten. Ein paar Fotos, ein Ausschnitt aus einer Zeitung und zwei Briefe fielen auf die ordentlich glattgestrichene Tagesdecke.

 

 

 

***********************************

And all I need is you
Come, please, I'm callin'
And oh, I scream for you
Hurry, I'm fallin', I'm fallin', I'm fallin'

 

And say it for me, say it to me
And I'll leave this life behind me
Say it if it's worth savin' me

***********************************

 

 

 

Klaus schob die Briefe zurück in den Umschlag und den Zeitungsausschnitt zur Seite und nahm die Fotos zur Hand. Eines zeigte einen jüngeren Andreas vor seiner Praxis. Er hielt das Messingschild mit seinem Namen über die Mülltonne, breit grinsend, gerade im Begriff es wegzuwerfen. Klaus erinnerte sich, dass Andreas an diesem Tag den Vertrag mit dem Verlag unterschrieben hatte. Später holten sie das Schild wieder aus der Mülltonne und Andreas befestigte es in seinem Arbeitszimmer, als sie ihre gemeinsame Wohnung bezogen. Nicht um sich an die Praxis zu erinnern, sondern daran, wie es zwischen ihnen begonnen hatte.

 

 

* * * * flashback * * * *

 

Die Anordnung seines Vorgesetzten war eindeutig gewesen – entweder er unterzog sich einer Therapie oder man sah sich gezwungen, ihn einem anderen Aufgabengebiet zuzuordnen. Klaus sah sich in dem hell und unauffällig eingerichteten Wartezimmer um. Er wusste genau wem er diesen Termin zu verdanken hatte – Jan Holding.

 

Sie waren zusammen bei Ermittlungen in Belgien eingesetzt worden. Zwei Mädchen waren in Deutschland verschwunden, ihre Spur verlor sich auf einer Art Landgut, das sich im Besitz einer deutschen Familie befand. Es gab Gerüchte, die von Kinderpornographie bis Teufelsanbeterei reichten – aber nicht einen einzigen Beweis. Eine Durchsuchung der belgischen Polizei in Zusammenarbeit mit dem BKA brachte keine Ergebnisse. Also wurde Jan Holding ins Spiel gebracht. Er und Klaus teilten sich ein winziges Ferienhaus in einer kleinen Stadt nahe des Landgutes. Jan Holding war ein speziell ausgebildeter Beamter, der häufig Undercover arbeitete. Er war damit beauftragt, das Vertrauen eines der Bewohner des Landgutes zu gewinnen und dort aufgenommen zu werden. Klaus analysierte die Daten, die Jan gewann und beriet ihn in seinem weiteren Vorgehen. Er war gerade von einem Fall zurückgekehrt, bei dem zwei brutal verstümmelte Leichen eine zentrale Rolle gespielt hatten. Er hatte versucht, ein Profil des Täters zu erstellen – doch die Suche war noch ohne Erfolg gewesen, als man ihn abgezogen hatte. Klaus schien nicht in der Lage, die Bilder abzuschütteln. Alpträume quälten ihn, machten seine Konzentration zunichte. Oft kehrte Jan in das kleine Ferienhaus zurück, fand ihn im Schlaf stöhnen und schreien und schüttelte ihn wach. Schließlich wurde Klaus von dem Fall abgezogen. Jans Bericht hatte dafür gesorgt. Er machte dem Kollegen keinen Vorwurf, er wusste, dass er den Fall bereits früher hätte abgeben müssen. Im Laufe seiner Ausbildung war er immer wieder darauf hingewiesen worden, dass so etwas passieren konnte. Dass ihn irgendwann das Blut und das Grauen, in das er sich immer wieder aufs Neue vertiefen musste, einholen würden. Und bis zu diesem Zeitpunkt hatte er geglaubt, es von sich fernhalten zu können. Mit jedem gefassten Täter war er sicherer, dass er alles im Griff hatte. Bis zu seinem ersten ungelösten Fall, seinem ersten Versagen.

 

Und deshalb stand er nun in diesem Sprechzimmer und wartete darauf, bei einem Dr. Andreas Reimers vorstellig zu werden, der ihm helfen sollte, mit den Erinnerungen fertig zu werden. Der Raum lag tiefer als der Eingangsbereich, drei breite Stufen überbrückten die Distanz.

 

Seltsamerweise standen auf den Stufen Worte. Auf der untersten, auf die Klaus nun sah, stand: „Ich hatte die beste Absicht...“ Auf der darüber: „Ich wende das Blatt um und beginne ein neues...“ Und auf der obersten: „Ich kann es jeden Augenblick aufgeben...“

 

„Die guten Vorsätze, mit denen der Weg zur Hölle gepflastert ist.“

 

Klaus sah auf. „Sehr ungewöhnlich.“

 

Auf der obersten Stufe stand ein Mann, kaum älter als er selbst, blond, lässig gekleidet in Jeans und ein T-Shirt. Helle, graue, kühle Augen musterten ihn interessiert. „Ein kleiner Scherz“, antwortete der Mann und trat zu ihm herunter. Er reichte ihm die Hand. „Ich bin Andreas Reimers. Sie müssen Klaus Taube sein. Sie wurden mir angekündigt.“

 

Er lächelte und Klaus nahm die ihm entgegengestreckte Hand. Er spürte ein unruhiges Flattern in der Magengegend, das er auf einen plötzlichen Anfall von Nervosität schob.“

 

Erst viel später wurde ihm bewusst, dass er sich zum ersten Mal in seinem Leben auf den ersten Blick verliebt hatte...

 

* * * * flashback end * * * *

 

 

Andreas hatte ihn an einen Kollegen überwiesen, als ihnen beiden klar wurde, dass ihre Beziehung rasch über die eines Patienten und eines Psychologen hinausgehen würde. Die Alpträume verschwanden nicht sofort und sie verschwanden nie völlig – aber sie traten seltener auf, wenn er neben Andreas einschlief. Er erlebte zum ersten Mal ein Gefühl von Geborgenheit, das er zuvor so nie gekannt hatte.

 

Klaus legte das Foto beiseite. Er hatte geglaubt, es würde mehr schmerzen, daran zu denken, wie alles begonnen hatte. Aber alles, was er empfand, war ein eher diffuses Bedauern. Er konnte nicht klar erkennen, was er bereute. Er war ausgebildet worden, die Emotionen und Motive anderer zu deuten. Er konnte sich in die Gedankenwelt von Schwerverbrechern und Psychopaten hineinversetzen, ihre Handlungen nachvollziehen, voraussehen und intervenieren. Aber er sah sich außer Stande, seine eigenen Empfindungen zu verstehen.

 

Das nächste Foto zeigte sie in San Francisco, mit der Golden Gate Bridge als Hintergrundmotiv, ein typisches Touristenfoto, ein wenig unscharf, ein wenig zu stark belichtet. Er wusste nicht mehr, wer es gemacht hatte. Andreas hatte den Arm um seine Taille gelegt und sah direkt in die Kamera. Er hingegen war von irgendetwas abgelenkt worden und sah zur Seite. Sie hatten das Bild nicht noch einmal aufnehmen können, da es das letzte Bild dieses Films gewesen war und sie keine weiteren Filmrollen auf diesen Ausflug mitgenommen hatten.

 

Das dritte Foto war eine Aufnahme von ihm. Es zeigte ihn schlafend in einem Liegestuhl auf der Terrasse ihrer gemeinsamen Wohnung. Sein Oberkörper war nackt, seine linke Schulter bandagiert, seine Züge nicht entspannt, sondern schmerzverzerrt. Es war merkwürdig, sich selbst so zu sehen. Quer über die freie Ecke des Fotos stand in Andreas unverkennbarer Handschrift: „Die Tore der Hölle sind für alle geöffnet.“

 

Andreas hatte das Foto gemacht und es ihm aufs Kopfkissen gelegt, bevor er nach London flog - fast zwei Wochen nach Klaus Entlassung aus der Reha-Klinik. Eigentlich wäre der Verband nicht mehr nötig gewesen, ein Pflaster hätte ausgereicht, die Narbe der Schusswunde zu bedecken. Doch so musste er sie nicht ansehen und an die Ereignisse denken, die ihm ein zerschmettertes Schlüsselbein und ernsthafte psychische Probleme eingebracht hatten.

 

Die Vertragsverhandlungen mit einem englischen Verlag über eine Übersetzung und englischsprachige Ausgabe seines letzten Buches waren zu wichtig, als dass Andreas sie absagen konnte, um sich um seinen Partner zu kümmern. Und er hatte auch darauf bestanden, dass Andreas flog. Was er nicht vorausahnen konnte, war Andreas Begegnung mit David Langley, dem Verantwortlichen für die deutsche Niederlassung des englischen Verlagshauses. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Betreuung von Autoren. Und die von Andreas schien er besonders intensiv zu übernehmen. Aus den fünf Tagen in London wurden drei Wochen, nach deren Ablauf ein veränderter Andreas zurückkam. Die Distanz, die sich nach seiner Verletzung zwischen ihnen aufgetan hatte, war gewachsen.

 

David war niemals die Ursache, sondern vielmehr die Folge dieser Distanz gewesen. Damals hatte Klaus nur den Schmerz gefühlt, den Verrat – heute sah er mehr. Sie hatten nie darüber gesprochen, ihre Beziehung exklusiv zu halten. Doch nachdem er Andreas kennen gelernt hatte, war in ihm kein Interesse mehr an anderen Männern gewesen. Und bis zu der Affäre mit David hatte er das gleiche von seinem Partner gedacht.

 

 

* * * * flashback * * * *

 

Er war eingeschlafen. In seinem Arbeitszimmer, über einem englischsprachigen Fachartikel, den ihn ein Kollege geschickt hatte. Da er noch immer krankgeschrieben war, hatte Klaus beschlossen, die freie Zeit zur Weiterbildung zu nutzen. Außerdem hielt es seine Gedanken von dem fern, was passiert war. Aber es war ihm schwergefallen, sich darauf zu konzentrieren, die Worte auf dem Bildschirm verschwammen und tanzten. Die Medikamente, machten ihn schläfrig und träge. Er nahm sie nicht gerne, aber ohne Andreas... sie hatten ihm geholfen das Alleinsein besser zu ertragen, das ihm seit dem schiefgegangenen Einsatz in Hamburg so unerträglich geworden war. Und jetzt war Andreas wieder da und er fühlte sich noch immer allein.

 

Er erwachte abrupt, die Schreie noch im Ohr – und das erstickte Gurgeln, in das sie übergegangen waren. Nur das Schweigen, das ihnen folgte, entpuppte sich als noch schrecklicher. Er öffnete die Augen, hob den Kopf und sah sich um, einen Moment orientierungslos. Er starrte auf seine Hände hinab, die in seinem Schoß lagen und für einen Augenblick schienen sie blutbefleckt. Klaus hob sie hoch, und begann sie an seiner Hose abzuwischen. Wieder und wieder, bis die Reibung Stoff an Haut seine Finger schmerzhaft kribbeln ließ. Er schrak aus dem tranceähnlichen Zustand hoch, in den er geglitten war und hielt inne. Seine Handflächen waren heiß und rot und brannten, als hätte er sie mit heißem Wasser verbrüht.

 

Klaus setzte sich auf, massierte stöhnend seinen verkrampften Nacken. Es war Wahnsinn, im Sitzen einzuschlafen, zusammengesackt wie eine Marionette, deren Fäden man durchgeschnitten hatte. Sein Hals war trocken und die Mineralwasserflasche, die unter dem Tisch stand, leer. Er fühlte sich müde und verschwitzt und sehnte sich nach einer Dusche.

 

Langsam stand er auf und verließ das Arbeitszimmer. Aus dem Erdgeschoss drangen Stimmen, Lachen, leise Musik. Hatte Andreas Besuch? Davon hatte er nichts erzählt. Klaus ging nach unten. Andreas und ein anderer Mann saßen auf der Couch, auf dem Tisch davor waren Druckfahnen ausgebreitet. Sie beugten sich darüber und Andreas machte Anmerkungen auf den Seiten.

 

Es war der andere, der ihn zuerst am Fuß der Treppe stehen sah. Er berührte Andreas Arm, machte ihn darauf aufmerksam.

 

Andreas sah auf, eine Seite in der Hand. „Klaus. Du siehst müde aus. Ich dachte, du schläfst schon und wollte dich nicht wecken.“

 

Er schüttelte den Kopf, rieb über seine Schulter, über den Verband, fast ohne es zu bemerken. „Nein. Ich wollte... ich war noch im Arbeitszimmer. Wie spät ist es?“ Er blickte auf den Fremden, den Andreas nicht vorgestellt hatte.

 

„Fast halb zwölf.“ Andreas legte die Druckfahne weg und stand auf, um zu ihm zu treten. „Das ist David, mein englischer Herausgeber. Die Druckfahnen für die ersten fünf Kapitel sind da. Er ist für ein paar Tage in Wiesbaden und ich habe ihm unser Gästezimmer angeboten.“ Er berührte Klaus unverletzte Schulter. „Alles okay mit dir? Hast du wieder schlecht geträumt?“

 

Klaus leugnete automatisch. „Nein, es ist nur... nur die Schulter. Vermutlich habe ich es heute übertrieben. Ich... werde heiß duschen und dann ins Bett gehen.“

 

„Schön. Warte nicht auf mich. Wir haben hier noch eine Weile zu arbeiten.“ Andreas küsste ihn, auf die Wange, schon halb von ihm abgewandt. „Schlaf’ gut.“

 

Klaus warf einen Blick auf die Szene – die Weingläser, das halbgedämpfte Licht, die Musik im Hintergrund. Die Atmosphäre schien eher auf Verführung als auf Arbeit ausgerichtet. Aber er drängte den Gedanken beiseite, schob es auf seine Müdigkeit, die Medikamente. Dann wandte er sich ab und ging wieder nach oben; der Grund, der ihn eigentlich nach unten geführt hatte, vergessen.

 

In dem gleichen, traumwandlerischen Zustand zog er sich aus, entfernte den Verband – wobei er darauf achtete, dass er die Wunde nicht im Spiegel sah – und trat unter die Dusche. Zuerst war alles gut. Das heiße Wasser lockerte die Anspannung, seine verkrampften Muskeln, sog ihn in einen angenehmen Zustand des Nicht-Denkens. Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, hielt sein Gesicht in den Wasserstrahl, bis ihn das weiße Rauschen völlig einhüllte.

 

Doch als er die Augen öffnete, war es kein Wasser, das über seinen Körper strömte, sondern Blut. Zäh, dickflüssig, stinkend. Mit einem erstickten Aufschrei wich er zurück, presste sich an die Wand, entsetzt auf seine Hände starrend; auf das Blut, das von seinen Fingern tropfte.

 

Dann schnappte die Realität wieder zurück und es war nur noch Wasser, das über seine Hände strömte. Zitternd drehte er den Hahn zu und sank, an die Wand gepresst, langsam nach unten, bis er auf dem gefliesten Boden saß. Er zog die Knie an, schlang die Arme darum und legte die Stirn darauf.

 

Eine unendlich lange Zeit saß er so da, die Kälte der Fliesen drang langsam durch seinen ganzen Körper. Er spürte es nicht. Tief in seinem Inneren war es schon lange kalt.

 

Später lag er schlaflos im Bett, starrte auf die leere Hälfte. Ein Teil von ihm hoffte, das Andreas zu ihm kam, ihn in den Arm nahm, den Horror von ihm fernhielt. Der andere Teil von ihm wollte nicht, dass sein Partner ihn in diesem Zustand sah.

 

Das Bett neben ihm war noch immer leer, als die Medikamente und seine Erschöpfung überhand nahmen und ihn in einen tiefen, glücklicherweise traumlosen Schlaf zogen.

 

* * * * flashback end* * * *

 

 

Die Tore dieser Hölle mussten unter allen Umständen geschlossen bleiben.

 

Klaus ordnete die Fotos und legte sie zurück auf den Umschlag. Er zögerte, als er nach dem Zeitungsausschnitt griff. Warum hatte er ihn aufbewahrt? Er war dabei gewesen. Und wenn er auch inzwischen mit einer gewissen emotionalen Distanz daran denken konnte – eine Distanz, um die er hart gekämpft hatte – würde er es doch nie vergessen. Es genügte, die Augen zu schließen, um das verängstigte Gesicht des kleinen Mädchens vor sich zu sehen. Um ihren zierlichen, zerbrechlichen Körper zu spüren, der sich schutzsuchend in seine Arme schmiegte. Um ihre entsetzten Schreie zu hören, die abrupt abgebrochen waren, als...

 

Mit klopfendem Herzen riss er sich aus der Erinnerung, fühlte Schweiß auf seiner Stirn. Er stand auf, trat zum Fenster, öffnete es und sog die kühle Nachtluft gierig ein. Langsam beruhigte sich sein Puls. Trotzdem schreckte er zusammen, als jemand an seine Tür klopfte. „Ja?“ Ihm wurde bewusst, dass er den Zeitungsausschnitt noch in der Hand hielt, faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Tasche.

 

„Darf ich reinkommen?“ Jupp steckte den Kopf ins Zimmer.

 

Klaus hatte damit gerechnet, allerdings nicht erwartet, dass der Freund dafür ein Fußballspiel sausen ließ. Er nickte. „Ist das Spiel schon zu Ende?“, fragte er.

 

Jupp schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf eine Kante des Bettes. Er warf einen neugierigen Blick auf die Fotos. „Ach, das läuft heute nicht so besonders, lohnt sich kaum zu kucken.“

 

Klaus zog beide Augenbrauen hoch. „Okay, wer sind Sie und was haben Sie mit *meinem* Jupp Schatz gemacht?“, fragte er in seiner besten böser-Cop-Stimme.

 

Sein Partner grinste und zuckte mit den Achseln. „Weißt du, du hast nicht das Monopol drauf, dir um jemand Sorgen zu machen.“ Er blickte Taube direkt an. „Also, das ist jetzt ne ungewohnte Situation für mich, Klaus. Du musst mir schon weiterhelfen.“ Als eine Antwort ausblieb, senkte er den Blick auf die Fotos.

 

„Du kannst sie dir ansehen“, sagte Klaus leise. Er beobachtete Jupps Gesicht, versuchte eine Reaktion darin abzulesen.

 

„Das ist dein Freund, dieser Schriftsteller.“

 

„Andreas ist mehr als ein Freund gewesen. Wir haben zusammen gelebt, sechs Jahre lang.“

 

Jupp sah auf. „Zusammengelebt, ja? Also so... so richtig? Mit allem drum und dran? Genau wie bei...“

 

Wider Willen musste Klaus lachen. „Ja, Jupp“, entgegnete er, amüsiert über den ungläubigen Ton in Jupps Stimme. „Genau wie bei euch Heteros.“

 

„Sechs Jahre sind auf jeden Fall ne lange Zeit“, fuhr Jupp fort. „Meine Ehe mit Ellen hat nicht so sehr viel länger gehalten. Warum ist es bei euch schiefgegangen?“

 

Taube wandte sich ab, sah aus dem Fenster. „Es gab viele Gründe – genau wie bei dir und Ellen.“ Er spürte mehr, als dass er hörte, wie Jupp zu ihm trat.

 

„War das einer davon?“ Jupp reichte um ihn herum und legte das Foto mit der Aufschrift auf das Fensterbrett. „Sieht schlimm aus.“

 

Gedankenverloren strich Klaus mit den Fingerspitzen über die Worte in der Ecke. „Ich wurde angeschossen. Während eines Einsatzes in Hamburg. Die Polizei dort hatte Unterstützung vom BKA angefordert. Es ging um eine Mordserie. Als es uns gelang, den Täter zu stellen...“ Er stockte. „Er hatte eine Frau und zwei Kinder, Mädchen, acht und zehn Jahre alt. Sie lebten getrennt von ihm, schon seit Jahren. Und sein Hass ist immer größer geworden.“ Wieder unterbrach er sich für einen Moment. Selbst die nüchternen Fakten waren nicht einfach auszusprechen. „Als er... als ihm klar wurde, dass wir ihm auf der Spur waren, nahm er seine Familie als Geiseln. Als wir in das Gebäude kamen, hatte er seine Frau erschossen.“ Er schluckte. „Und das ältere der beiden Mädchen. Die jüngere konnte irgendwie entkommen, sie war völlig panisch, schrie, war mit Blut bedeckt. Die Spurensicherung fand später heraus, dass sie direkt neben ihrer Mutter stand, als die erschossen wurde. Sie riss sie im Fallen mit sich, nur dadurch verfehlte er das Mädchen überhaupt.“ Klaus schloss die Augen, presste die Handballen dagegen. „Ich kniete neben ihr auf dem Boden, hielt sie fest, versuchte sie ein wenig zu beruhigen. Da tauchte dieser Typ auf, ihr Vater. Er sah mich, sah die Beamten – und schoss auf sie. Oder vielleicht auf mich, ich weiß es nicht. Es war ein reiner ‚Glückstreffer’, direkt in ihren Kopf. Die Kugel durchschlug ihren Schädel und zerschmetterte mir das Schlüsselbein. Das erste und einzige Mal, dass ich ohne schusssichere Weste in einen solchen Einsatz gegangen war. Danach... danach konnte ich lange nicht mehr arbeiten. Nicht nur wegen der Schusswunde.“

 

„Warum hast du davon nie was erzählt?“, fragte Jupp.

 

Klaus ließ die Hände sinken, schüttelte den Kopf. „Warum hätte ich das tun sollen. Sprichst du gerne über deine Misserfolge?“ Er blickte über die Schulter, doch Jupp sah weg.

 

„Das war sicher ein ziemlicher Schock.“

 

„Ja, so kann man es auch nennen“, erwiderte Klaus mit einem traurigen Lächeln.

 

„Was passierte mit dem Kerl? Habt ihr ihn nicht geschnappt? Weil du Misserfolg sagtest.“

 

„Doch. Er wurde festgenommen.“ Klaus hob die Schultern. „Brachte sich in der U-Haft um. Wir sind zu spät gekommen. Ist das vielleicht ein Erfolg?“

 

Jupp erwiderte darauf nichts. Er war selbst schon zu lange Polizist. „Die Tore der Hölle sind für alle geöffnet. Was bedeutet das? Ist das irgendein Zitat?“

 

Taube schüttelte den Kopf. „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“ Er drehte sich um und blickte ihn direkt an. „Es war ein... Angebot. Oder eine Aufforderung... von Andreas. Mit ihm über das zu sprechen, was passiert ist. Aber ich konnte es nicht.“

 

„Und wie lange ist das her?“

 

„Das war etwa acht Monate bevor ich nach Köln kam.“ Klaus hob wieder die Schultern. „Ich hatte drei Monate in Reha verbracht und war danach noch zwei Monate krankgeschrieben.“ Unbewusst begann er wieder seine Hände aneinander zu reiben. „Ich bekam die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Es passierte immer und immer wieder, jede Nacht, in meinen Träumen. Ich...“ Er sah zur Seite. „Ich sah nur noch das Blut des kleinen Mädchens an meinen Händen.“

 

„Hat das etwas damit zu tun, wie deine Hände gestern Mittag aussahen? Als du von der Toilette kamst?“ Klaus blickte ihn überrascht an und Jupp grinste schief. „Ich benehme mich vielleicht manchmal wie der sprichwörtliche Bulle im Porzellanladen, aber denkst du, ich habe gar nichts von dir gelernt?“

 

Klaus sah wieder aus dem Fenster. „Ich kann dir das nicht wirklich erklären, Jupp. Nur, dass es nicht hätte passieren dürfen.“ Er holte tief Luft. „Man nennt das eine Zwangshandlung. Ich... eine Zeitlang war es sehr schlimm. Es begann während der Reha. Immer und immer wieder sah ich das Blut an meinen Händen und konnte es nicht abwaschen. Aber ich konnte nicht mehr damit aufhören... versuchte es immer und immer wieder, bis sich die Haut ablöste. Neben der Physiotherapie für meine Schulter unterzog ich mich in der Klinik auch einer psychologischen Behandlung. Danach hatte ich es im Griff. Außer in... Stresssituationen.“ Er atmete hörbar aus – und versteifte sich leicht, als er Jupps Hände auf seinen Schultern spürte. „Ich nehme an, das ganze ist dir ziemlich unverständlich. Du hältst mich jetzt sicher für ein Weichei.“

 

„Nein, Quatsch.“ Jupps Griff verstärkte sich. „Ich bin nur... ziemlich sprachlos, dass du mir das alles anvertraust. Ich glaube nicht, dass ich den Mut aufbrächte, an deiner Stelle.“

 

Klaus wandte den Kopf, blickte ihn suchend an.

 

„Ich habe in diesem Job auch schon vieles erlebt, aber ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, mit dem Grauen umzugehen, dass du gesehen hast. Ich habe dich im Einsatz erlebt, deine Ruhe, deine Kontrolle in Situationen, in denen ich die Wände hochgehe. Du hast mir damit oft den Hals gerettet. Ich hätte nur nicht gedacht, dass sich dahinter...“

 

„...solche Schwächen verbergen?“, beendete Klaus den Satz.

 

„Ich habe dich nie als schwach angesehen.“ Jupp schüttelte den Kopf. „Nur halt anders. Ich kann dich zwar nicht immer verstehen, aber ich weiß, dass ich mich immer auf dich verlassen kann. Du musst nicht so überrascht kucken. Mir ist schon klar, wie oft ich mich in die Scheiße reite und sicher sein kann, dass du einen Weg findest, mich da raus zu holen. Oder wie oft du bei Haupt den Kopf für mich hingehalten hast, weil ich mal wieder mit meinem durch die Wand bin.“ Sein Tonfall änderte sich. –„Bist du deshalb von Wiesbaden weg? Um nicht mehr als Profiler zu arbeiten? Ich habe mich immer gewundert, warum du dich zu uns zur Kriminalpolizei versetzen lassen hast. Bei deinem Ruf und deinem Können muss das hier ein Abstieg sein.“

 

„Als ich den Fall mit dem Priester auf den Tisch bekam, zog Andreas gerade aus. Er hatte... es gab da einen anderen Mann in seinem Leben, aber das war nicht alles. Er... wir... kamen beide nicht mit den Veränderungen klar. Ich hatte mich verändert. Den Fall zu übernehmen und hier in Köln als Berater tätig zu werden, war ein Weg, mich in die Arbeit zu vergraben, um darüber hinweg zu kommen. Du weißt, wie das ist.“

 

Jupp nickte. Auch er hatte sich nach der Trennung von Ellen in seinen Beruf gestürzt.

 

„Als Haupt mir das Angebot des Polizeipräsidenten mitteilte, auf Dauer hier in Köln eingesetzt zu werden, schien es eine gute Möglichkeit, neu anzufangen.“

 

„Obwohl du anfangs ziemlich an uns verzweifelt sein musst.“ Jupp lachte leise, als er an Klaus Empörung über die Karnevalsfeier mitten in ihren Ermittlungen dachte. „Warum hast du mir nie davon erzählt? Von dir und diesem Andreas“, fragte er nach einem Moment. „Ich meine, du weißt alles über mich und Ellen, über unsere Ehe, die Scheidung, Flo. Aber du... du scheinst kaum ein Privatleben zu haben. Sogar dass du mit deinem Freund in den Urlaub fliegen würdest, bekam ich nur mit, weil die Tickets aus Versehen auf meinem Schreibtisch gelandet sind. Was dachtest du? Dass ich die Gelegenheit nur nutzen würde, Witze über Schwule zu reißen?“

 

Klaus lachte zu Jupps Erstaunen leise. „Nein, aber ich habe immer gespürt, dass du dir nicht wirklich sicher bist, wie du mit meiner Homosexualität umgehen sollst. Du akzeptierst es als einen Teil von mir, ja – wie eine Behinderung. Die Nachsicht eines Mannes mit zwei Beinen gegenüber einem Mann, dem ein Bein amputiert wurde und der sich jetzt mit einer Prothese begnügen muss.“ Als er keine Antwort darauf erhielt, wandte er sich wieder um.

 

Jupp hatte sich ein paar Schritte entfernt.

 

„Es tut mir leid“, sagte Klaus, obwohl er nicht genau wusste, wofür er sich entschuldigte.

 

Jupp zuckte mit den Achseln. „Das musste ja wohl irgendwann mal gesagt werden“, meinte er und wandte sich ihm zu. „Du hast vielleicht recht. Ich kann nicht anders sein, als ich bin.“ Er grinste. „Aber du wusstest zumindest von Anfang an, worauf du dich mit mir einlässt.“

 

„Du warst allerdings ziemlich direkt“, erwiderte Klaus trocken. „Und ich konnte mir nicht vorstellen, auch nur zwei Tage lang mit dir zusammen zu arbeiten.“

 

„Aber du bist immer noch hier.“

 

„Ja, ich bin immer noch hier.“

 

Jupp stopfte die Hände in die Taschen seiner Jeans. „Weil es in Wiesbaden nichts mehr gab, zu dem du zurückwolltest?“

 

„Weil es hier etwas gibt, dass ich in Wiesbaden nie so gefunden habe.“

 

„Ich verstehe nicht...“

 

Klaus blickte ihn direkt an. „Davor gab es für mich nur meine Arbeit und manchmal jemand, der genauso einsam war wie ich. Aber hier habe ich Freundschaft erfahren. Das Gefühl, angekommen zu sein. Die Akzeptanz, die du, Ellen und Florian mir entgegengebracht habt, dafür bin ich euch unendlich dankbar. Es... ist gut, dir das zu erzählen.“

 

„Hey, nicht der Rede wert.“ Jupp zuckte leicht verlegen mit den Schultern. „Du gehörst immerhin zur Familie, Klaus.“ Er blickte ihn prüfend an. „Du warst gestern ziemlich neben dir. Kommst du denn jetzt klar?“

 

„Ich denke, ich werde damit klarkommen. Andreas unerwartetes Auftauchen hat nur eine Menge Erinnerungen wachgerufen, und einige davon sind nicht besonders angenehm.“

 

Jupp sah auf das Bett, auf die beiden Fotos und schien sich dagegen zu entscheiden, noch mehr Fragen zu stellen. „Dann kommst du jetzt mit nach unten, die zweite Halbzeit kucken?“

 

Klaus lächelte. „Geh’ schon mal vor, ich bin in ein paar Minuten bei euch.“ Er wartete, bis Jupp nickte und den Raum verlassen hatte, dann sackte er gegen die Wand, schloss die Augen und holte tief Luft. Eine seltsame Euphorie ließ sein Herz schneller schlagen. ‚Du gehörst zur Familie’, er hörte es Jupp immer und immer wieder sagen.

 

Er war endlich angekommen. Es tat weh, es war ein wundervoller Schmerz, der etwas in ihm zerbrechen zu schien. Er berührte sein Gesicht und war überrascht, als er seine Finger feucht zurückzog.

 

Ein paar Minuten später betrat er die Gaststube. Flo und ein paar andere Gäste verfolgten das Spiel auf dem kleinen Fernseher, doch Jupp war nicht zu sehen.

 

„Onkel Klaus.“ Florian hatte ihn zuerst entdeckt und winkte ihm zu. „Wir haben einen Platz für dich freigehalten.“

 

Ellen sah auf, als er sich neben Florian setzte und einen Arm um die Schultern des Jungen legte, der bereits wieder völlig in sein Lieblingshobby versunken war. „Hey Handsome“, sagte sie mit einem Lächeln. „Was kann ich dir Gutes tun? Ein Kölsch?“

 

„Nur ein Wasser, bitte. Ellen, wo steckt eigentlich Jupp? Er wollte doch die zweite Halbzeit ansehen.“

 

„Hat er dich damit heruntergelockt?“ Ellen schüttelte den Kopf, als sie ihm das Glas hinstellte. „Ich weiß nicht, was los ist. Er hat telefoniert und meinte dann, er müsse noch mal weg. Wenn er dir nicht Bescheid gegeben hat, ist es wohl kein Einsatz.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hat er ein Date vergessen.“

 

„Vielleicht.“ Klaus nippte an seinem Mineralwasser und versuchte seine Aufmerksamkeit auf das Spiel zu konzentrieren, mit einem Ohr auf Flos begeisterte oder kritische Bemerkungen lauschend. Da hatte sich ein ungutes Gefühl in seiner Magengrube eingenistet und er schob es nicht auf die Nachwirkung der Tabletten vom letzten Abend. Es war ein Gefühl, dass er aus zahlreichen Einsätzen kannte, wenn er wusste, dass Jupp wieder gegen alle Vernunft etwas durchzog, von dem er überzeugt war, dass es richtig war...

 

* * *

 

Jupp kam sich entschieden deplaziert vor, als er sich in der sehr modern mit viel Glas, Chrom und blendenden Halogenstrahlern eingerichteten Buchhandlung umsah. Fehl am Platze, unpassend gekleidet und daher aus der Menge herausstechend. Außerdem war da ein nagendes Gefühl, dass er wieder einmal dabei war, sich Hals über Kopf in eine Dummheit zu stürzen. Klaus würde – zu Recht – sauer sein, dass er sich in etwas einmischte, das ihn nichts anging. Er verfluchte den Impuls, der ihn zum Hörer hatte greifen lassen um diesen Schriftsteller anzurufen. Reimers sagte ihm, dass die Lesung gerade zu Ende sei und eine kleine Party stattfinde, zu der er doch einfach vorbeikommen solle. Und deshalb stand er jetzt hier und kam sich sehr, sehr dumm vor.

 

„Sie haben sich ja nichts zu Trinken geholt“, erklang hinter ihm eine Stimme. „Damit beschämen Sie den Gastgeber.“ Jupp drehte sich um. Andreas Reimers lächelte ihn an. „Der Gastgeber bin ich. Und ich schäme mich nicht gerne.“

 

„Ich... nein, danke. Ich werde Sie nicht lange stören.“ Jupp schob unbehaglich die Hände in die Taschen seiner Jacke. Er wusste plötzlich nicht mehr, was er sagen wollte. Wieso war er hergekommen? Reimers ergriff ihn am Ellbogen und führte ihn zwischen den Regalen in eine Ecke mit Stühlen und kleinen runden Tischen, offenbar eine Lesenische. Niemand außer ihnen war im Moment dort.

 

„Ich bin froh über jede Störung. Um ehrlich zu sein, Sie retten mich vor einem Haufen Leute, die mir alle sagen, wie großartig mein Buch ist. Und dann versuchen sie mir zu erklären, was ich geschrieben habe, um damit zu zeigen, dass sie nichts verstanden haben.“ Er lachte leise, nahm Platz und sah Jupp erwartungsvoll an, der jedoch hinter einem gegenüberstehenden Stuhl stehen blieb. „Sie haben die Lesung leider verpasst.“ Andreas schlug einen lockeren Konversations-Ton an. Wieder fragte er sich, warum Klaus dieser Mann so wichtig war. Sie konnten unmöglich gemeinsame Interessen haben. Abgesehen von ihrem Beruf. „Aber ich denke auch nicht, dass Sie sich für mein Buch interessieren. Warum haben Sie Klaus nicht mitgebracht?“

 

„Er weiß nicht, dass ich hier bin“, erwiderte Jupp unbehaglich. „Und es wäre mir lieber, er würde auch nichts davon erfahren.“

 

Andreas beugte sich vor. „Und wenn nicht?“, fragte er ironisch. „Schlagen Sie mich dann zusammen? Oder machen Sie sich nicht gerne selbst die Hände an einer Schwuchtel schmutzig?“

 

Jupp sah ihn kalt an. „Ich bin nicht die Art von Bulle.“

 

„Touche.“ Andreas lachte. „Dachten Sie etwa, Vorurteile seien ein Privileg von Heteros?“ Er lehnte sich zurück. „Um ehrlich zu sein, ich hatte es auch noch nie mit ‚solchen Bullen’ zu tun. Klaus Kollegen waren immer von ausgesuchter Höflichkeit, zumindest solange sie sich in unserer Wohnung befanden.“ Er grinste. „Natürlich kann ich nur spekulieren, über was sie hinterher redeten oder was sie sich über unsere Aktivitäten im Bett vorzustellen versuchten.“

 

„Seine Kollegen wussten Bescheid?“, erkundigte sich Jupp unbehaglich. Der selbstverständliche, provozierende Ton des Schriftstellers brachte ihn aus der Balance.

 

„Über seine Homosexualität? Wenn man eng mit anderen Menschen zusammenarbeitet, lässt es sich im Laufe der Zeit kaum vermeiden, das eine oder andere über sich preiszugeben. Und wofür hätte er sich schämen müssen? Ich nehme an, Sie sind im Laufe Ihres Berufslebens ein paar Mal in Szenekneipen gelandet, haben ein paar Tunten, Transen und Klischeeschwulen gesehen und haben sich daraus ein kleines, feines Bild zusammengebastelt. Klaus musste für Sie dagegen von geradezu überwältigender Biederkeit sein.“.

 

„Nein, er ist so...“ Jupp stoppte sich selbst, bevor er das Wort ‚normal’ aussprach. Er sah die Belustigung in Andreas Reimers Augen und war sich fast sicher, dass er darauf wartete, dass er es verwendete. „Klaus ist so zurückhaltend, was sein Privatleben betrifft. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er beiläufig erzählt, dass er... dass er mit einem Mann zusammenlebt. “

 

„Wann hat er es Ihnen gesagt? Oder hat er es überhaupt nicht gesagt? Haben Sie es einfach gemerkt?“

 

„Es war seine Reaktion auf eine...“ Jupp räusperte sich. „...auf einen ziemlich dummen Spruch in Bezug auf den Karneval.“ Ganz zu schweigen von seinen geradezu schwachsinnigen Sprüchen vorher, die ihm noch im Rückblick fast wie ein Schulmädchen rot werden ließen.

 

„Auf die gleiche Art und Weise haben es seine Kollegen erfahren. Seine Reaktionen haben ihn ‚verraten’. Er hat nicht – um es salopp zu formulieren – eine Notiz ans Schwarze Brett gehängt, aber er leugnete nichts und hielt keine falsche Fassade aufrecht. Er war im Reinen mit sich.“ Andreas lachte. „Aber Sie kannten ihn bereits als einen zu guten Ermittler, um sich an seinem Privatleben zu stören. Wir liebten uns und er hat mich nicht versteckt. Es geht beim BKA anders zu, als Sie sich das vielleicht vorstellen. Die Leute, mit denen er zusammenarbeitete, mussten einen offenen Geist bewahren. Wenn Sie genug Grauen und Blut und all die hässlichen Dinge sehen, die Menschen anderen Menschen antun, kann Sie ein schwuler Profiler nicht mehr schrecken. Natürlich habe ich ihn nicht zu offiziellen Essen begleitet, zu denen andere Kollegen ihre Ehefrauen mitbrachten. Aber ich war dabei, als er eine Auszeichnung erhielt. Und er hat auch einige Male einen kleinen Kreis an Kollegen zum Abendessen zu uns eingeladen. Natürlich haben wir beim Aperitif nicht Händchen-gehalten, aber Klaus hat mich auch nicht im Schrank versteckt.“ Wieder lachte der Schriftsteller. „Verzeihen Sie, ich muss Sie mit meiner Offenheit überfordern. Sie sind von Klaus etwas anderes gewöhnt. “

 

Jupp sah ihn einfach nur an. Er wusste nicht, was er denken sollte.

 

Als Andreas weitersprach, hatte seine Stimme einen gedankenverlorenen, fast abwesenden Klang angenommen, als spräche er zu sich selbst. „Ich wüsste zu gerne, was er eigentlich von Ihnen will. Was das Besondere an Ihnen ist.“ Andreas musterte ihn. „Er will nicht mit Ihnen ins Bett, er versucht nicht, Sie ‚umzudrehen’ – nein, Klaus ist zu intelligent, um sich in einen Mann zu verlieben, der seine Gefühle niemals erwidern kann.“ Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Oh, ich bin sicher, dass er Ihnen viel bedeutet – sonst wären Sie nicht hier: der weiße Ritter, stets selbstlos dazu bereit, die edle Maid vor dem Ungeheuer zu retten. Aber ich kann sehen, dass die Vorstellung, er könnte Sie berühren oder küssen, was er mit Ihnen tun könnte... Ihnen den Magen umdreht. Nicht wahr?“ Andreas stand auf und trat vor Jupp, der Stuhl wie ein Schutzwall zwischen ihnen. „Oder ist es das, von dem du heimlich träumst, kleiner Bulle?“, fuhr Andreas mit Seidenstimme fort. „Bist du deshalb zu mir gekommen? Fragst du dich, wie es wäre, wenn er dich küsst? Willst du es von mir wissen? Wie er dich berühren würde? Und wo? Weißt du, wie es ist, seine Arme um dich zu spüren? Ich weiß es. Ich weiß alles. Es fühlt sich großartig an...“

 

„Nein!“ Jupp ließ die Stuhllehne los, um die sich seine Finger gekrampft hatten und wich zurück. „Nein. Ich bin nicht... so. Klaus ist nur mein Freund. Ich bin nur hier, weil ich mir Sorgen um ihn mache.“

 

* * *

 

Klaus tat etwas, das Jupp so gerne als Argument anführte, wenn er wieder einmal einer Ahnung folgte – er hörte auf seinen Bauch. Aber er fühlte sich nicht besonders wohl dabei. „Ellen, kannst du mir bitte ein Taxi rufen?“

 

Sie musterte ihn. „Ist irgendwas mit Jupp?“, fragte sie mit der Intuition langer Vertrautheit mit den Eskapaden ihres Ex-Mannes. „Steckt er mal wieder in Schwierigkeiten?“

 

Klaus schüttelte nur den Kopf.

 

Florian sah ihn enttäuscht an, als er aufstand. „Gehst du jetzt auch, Onkel Klaus?“

 

„Es tut mir leid, Flo.“

 

Mit der Resignation eines Kindes, dass diesen Satz schon zu häufig gehört hatte, widmete sich Florian wieder dem Fernseher.

 

* * *

 

„Er ist gut darin, Menschen dazu zu bringen, über etwas zu sprechen, über das sie eigentlich nicht sprechen wollen, Jupp. Es ist eine Berufskrankheit. Und eine Angewohnheit, die ihr teilt: Auch Andreas lässt gerne Ballons steigen und wartet, was passiert.“

 

Jupp wirbelte herum, doch Andreas hob nur den Kopf und lächelte Klaus zu. Dann setzte er sich wieder. „Schön, dass du dich zu uns gesellst. Wir unterhalten uns gerade so... angeregt.“ Er wartete, bis Klaus ihm gegenüber Platz genommen hatte. Interessiert bemerkte er, dass Schatz fast im gleichen Augenblick hinter Klaus Stuhl trat, als wolle er ihm den Rücken decken. Polizisteninstinkt? Oder einfach nur der Wunsch, einen Freund zu schützen. „Aber zu viel der Ehre. Ich konnte dich nie dazu bringen, mit mir zu sprechen, wenn du das nicht wolltest.“

 

Klaus drehte den Kopf und sah Jupp an, der den Blick verwirrt zurückgab. „Alles okay? Andreas kann auf Menschen, die ihn nicht kennen, ziemlich verstörend wirken.“

 

„Ich freue mich, dass es dir besser geht“, sagte Andreas. „Dein... Freund... hier wollte mir gerade erzählen, warum er sich Sorgen um dich macht.“

 

„Ja, es geht mir gut.“ Klaus sah Jupp an, während er antwortete. „Ich musste nur von einem Freund an etwas erinnert werden. Daran, was ich jetzt bin.“ Er richtete den Blick auf Andreas. „Und daran, dass ich nicht mehr bin, was ich einmal war.“ Er stand auf. „Es wäre sehr unhöflich von uns, dich länger von deinen Gästen fernzuhalten. Leb’ wohl, Andreas.“

 

Der Schriftsteller folgte seinem Beispiel. Als Klaus ihm die Hand reichte, beugte er sich vor und küsste ihn – vor den Augen seines Kollegen, der verlegen auf den Boden sah, nur um sie sofort wieder anzustarren - direkt auf den Mund. Und zu seinem Erstaunen wich Klaus nicht zurück, griff statt dessen mit beiden Händen nach seinen Oberarmen, zog ihn näher, küsste ihn wieder. Zuerst hielt er es für Provokation - doch dann wurde ihm klar, dass es ein Abschiedskuss war. Ein endgültiger Abschied; der Schlusspunkt, den sie bei seinem Auszug nicht gezogen hatten. Klaus war endlich bereit, seine Vergangenheit loszulassen. Er hatte sein „kleines Glück“ gefunden.

 

Andreas lächelte und nickte, als sie sich voneinander lösten. Er hatte verstanden. „Pass’ auf dich auf, Klaus.“

 

Klaus sah sich nicht noch einmal um, als er zusammen mit seinem Partner die Buchhandlung verließ.

 

„Ins Rättematäng?“, fragte Jupp, als sie in seinem Wagen Platz genommen hatten. Er blickte Klaus von der Seite an.

 

„Ins Rättematäng“, erwiderte Klaus. Nach Hause.

 

 

Ende

 

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Ich befahl die Armeen meiner Wut.

Und setzte sie in Marsch.

(Alison Fell – aus „Der Ursprung von Liebesgeschichten“)