neu: Das Kind im Schnee (Beauty and the Beast, gen, AR)
Titel: Das Kind im Schnee
Autor: Lady Charena
Fandom: Beauty and the Beast
Paarung: Jacob Wells, Anna und John Pater, Mary
Rating: gen, AR
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe/Hintergrund: Eine Geschichte, wie Vincent in die Tunnelgemeinschaft aufgenommen wurde und wie sich Jacob Wells und John Pater darüber entzweiten. Sie beruht auf dem, was über die Vergangenheit Vincents und Paracelsus in „Das Ritual der Unschuld“ zu erfahren ist.

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„Jacob! Sieh’ nur!“

Er schreckte hoch und wandte sich zum Eingang der Kammer. Eine schmale, in Mantel und Schals gehüllte Gestalt stand dort, ein Bündel in den Armen. Jacob Wells blinzelte einige Male, um den Schlaf aus den Augen zu vertreiben und richtete sich in dem harten Lehnstuhl auf, in dem er über einem Buch eingenickt war. „Anna? Bist du das? Ist etwas passiert?“

Sie trat näher. Und Jacob bemerkte erstaunt das glückliche Strahlen, das von ihr ausging; ihren fliegenden Atem, als wäre sie durch die Tunnel gerannt. Lächelnd presste sie das Bündel in ihren Armen an sich, wiegte es sachte hin und her. Er sprang auf und trat ihr entgegen. „Was hast du da? Warst du oben? Es muss schon spät sein. Anna, du solltest dich noch nicht so anstrengen.“

Doch Anna schien ihn nicht zu hören. Sie begann damit, einen verblichenen Schal von dem Bündel ab zu wickeln. „Sieh’ dir an, was ich gefunden habe, Jacob. Es lag hinter dem Saint-Vincent-Krankenhaus. Das ist ein Kind, Jacob. Ein Baby.“ Sie hielt es ihm entgegen. „Es lag einfach da im Schnee. Ich habe es so rasch es ging, hierher gebracht. Aber es ist so kalt, so still. Du bist Arzt, Jacob. Hilf’ ihm, bitte. Du musst ihm helfen.“

„Natürlich, Anna. Ein Baby, sagst du? Im Schnee? Leg’ es hierher auf den Tisch, ich werde die Lampe anzünden, ich brauche mehr Licht, um es zu untersuchen.“ Jacobs Gedanken hatten endlich die Betäubung des Schlafes überwunden.

Ein Kind? Im Schnee? Es war erst der 12. Januar. Er befürchtete, was immer Anna auch gefunden hatte, es war bereits erfroren. Und er machte sich Sorgen, was dies ihr antun würde. Sie hatte erst vor kurzem ihr eigenes Kind verloren, ein weiterer Schock mochte sie völlig zerstören. Seine klammen Finger rissen ein Streichholz an. Dann flammte die Petroleumlampe auf und er stellte sie neben das Bündel auf den Tisch.

Anna schob den Schal weg, mit dem sie das Gesicht des Kindes vor der kalten Winterluft geschützt hatte.

Und Jacob hielt den Atem an. Entsetzen rang mit ungläubigem Staunen in ihm, als er das Kind ansah. „Gütiger Gott im Himmel steh’ mir bei“, murmelte er schließlich. „Anna. Was ist das?“

Ein Riss spaltete die Oberlippe in zwei Hälften. Die Nase darüber war flach gedrückt wie die eines Tieres und eingerahmt von ungewöhnlich stark hervortretenden Wangenknochen, die dem ganzen Gesicht fast den Anschein eines Totenschädels gaben. Eine flache glatte Stirn schloss an feinen, goldblonden Flaum an, der mit blutigem Schorf verklebt war. Fast durchsichtige, blau schimmernde Lider bedeckten tiefliegende Augen. Er hatte beinahe Angst davor, was sie enthüllen würden, sollten sie sich öffnen. Konnte es so etwas geben? Konnte so etwas existieren? Oder vielleicht träumte er das alles nur...

„Es ist ein Kind, Jacob. Und es braucht Hilfe.“ Annas Stimme riss Jacob aus seiner Erstarrung.

„Hilfe?“, wiederholte er verständnislos. „Ich... ich bin nicht sicher, Anna, ob ich...“ Er starrte noch immer das, das... Ding... auf dem Tisch an.

„Du bist Arzt, zum Teufel. Also tu’ etwas. Hilf’ ihm“, fuhr ihn Anna energisch an.

Erstaunt blickte Jacob auf die sanfte, zierliche Frau, die selten ihre Stimme erhob. „Ich... will es versuchen.“

Seine Arzttasche stand nur, einige Schritte entfernt, auf einem Stuhl - er hatte sie früher am Tag benötigt, um eine Schramme an Pascals Knie zu verbinden. Der Zweijährige war aus der Hängematte in der Rohrkammer gefallen, hatte sich aber zum Glück nicht schwerer verletzt. Er holte die Tasche, öffnete sie und schloss wie immer mit leichtem Zögern die Hand um das Stethoskop. Unwillkürlich blitzte in ihm der Gedanke auf, ob es ihm jemals gelingen würde, dieses Sinnbild des Ärztestandes in die Hand zu nehmen, ohne an seinen Verlust erinnert zu werden...

Anna hatte das Kind inzwischen weiter ausgewickelt. Ein schmutziges Tuch war die letzte Hülle und er wusste nicht, was er erwartete hatte... doch vor ihm lag ein völlig normal aussehendes Baby. Die Haut wirkte durchsichtig - blau schimmerten auch hier die Adern durch - und war nur notdürftig vom Blut der Mutter gereinigt worden. Es war ein Junge und er lag völlig reglos.

Zögernd berührte Jacob das Kind. Die Haut war eiskalt und unerwartet weich. Es war unmöglich zu sagen, ob es noch lebte. Und selbst wenn, vielleicht war es gnädiger, es jetzt gleich sterben zu lassen...

Unsicher befeuchtete Jacob seine Lippen. Dann legte er das Stethoskop an. Der Herzschlag war schwach, aber regelmäßig. Es lebte! Etwas, das er nicht wirklich erwartet hatte. Es schien so... bizarr. „Es braucht in erster Linie Wärme, denke ich. Du musst es wieder gut einwickeln. Und es braucht Nahrung. Ansonsten – ich weiß nicht, es scheint gesund zu sein.“

Eine der beiden winzigen, zu Fäusten geballten Händchen bewegte sich schwach – und öffnete sich. Die Finger endeten in krallenähnlichen Nägeln, mit milchiger Haut überzogen. Verwirrt blickte er auf. „Aber Anna, ich weiß nicht... ich habe so etwas noch niemals gesehen.“

Anna sah ihn an. Ihre Augen leuchteten im matten Kerzenlicht. „Er ist ein Geschenk“, sagte sie leise. „Was immer er auch sonst sein mag, Jacob – er ist ein Geschenk.“ Sie nahm das Kind auf und wandte sich zum Gehen. „Ich bringe ihn am besten zu Mary. Sie hat alles, was er jetzt braucht.“

„Anna!“ Jacob hielt sie zurück. „Das ist kein normales Kind.“

Sie drehte sich zu ihm um und blickte ihn an. Eine blasse, zu dünne Frau in einem viel zu großen, schäbigen Mantel, die jedoch eine eiserne Entschlossenheit ausstrahlte. „Es ist ein hilfloser, lebender, kleiner Mensch, der unsere Hilfe braucht. Etwas anderes ist nicht wichtig, Jacob.“ Sie wandte sich von ihm ab und verließ die Kammer.

Blind tastete Jacob nach einem nicht weit entfernt stehenden Stuhl, zog ihn zu sich heran und ließ sich schwer auf ihn niedersinken. Er rieb sich nachdenklich das Kinn, während sich seine Gedanken im freien Fall zu befinden schienen...

„Jacob?“, drang eine zögernde Frauenstimme in sein Bewusstsein. „Störe ich dich?“

Er blickte auf, fuhr sich durchs Haar. „Mary. Nein, natürlich nicht. Komm bitte herein.“ Jacob stand auf und ging ihr entgegen.

Mary knetete unsicher ihre Finger. „Anna war bei mir. Sie... sie hatte ein Kind bei sich. Es... oh... es sieht so merkwürdig aus. Ich kann es nicht beschreiben.“

Jacob berührte beruhigend ihren Arm. „Ich habe es gesehen. Anna war auch hier.“

Sie blickte ihn dankbar an. „Was ist das nur für ein Kind, Jacob? Was ist mit ihm passiert?“

„Ich weiß es nicht, Mary. So etwas habe ich noch nie gesehen oder auch nur von solchen Missbildungen gehört.“ Jacob schüttelte den Kopf.

„Ich habe ihr gegeben, was sie brauchte. Und ihr geholfen, es zu baden und zu füttern. Sie ist jetzt mit ihm in meiner Kammer.“ Mary senkte den Kopf. „Ich habe mir das Baby angesehen. Die Nabelschnur ist fachmännisch abgeklemmt worden, von einer Hebamme oder einem Arzt. Es kann noch nicht mehr als ein paar Stunden auf der Welt sein. Glaubst du... wird es überleben?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es besser, wenn es stirbt.“

Entsetzt blickte Mary ihn an. „Jacob – es ist eine Sünde so etwas zu sagen!“

„Ich...“, müde fuhr sich Jacob durch sein ohnehin bereits wirr in alle Richtungen abstehendes Haar. „Ich weiß. Es tut mir leid, dass ich das gesagt habe, Mary. Wie... wie geht es Devin?“

Warme, braune Augen musterten ihn. „Er ist so viel gewachsen, Jacob. Du solltest ihn besuchen.“

Er wandte sich von ihr ab. „Ich... ja, das werde ich. Bald.“

Mary legte eine Hand auf seine Schulter. „Jacob. Grace’ Tod ist ein Verlust für unsere ganze Gemeinde gewesen. Sie war eine wundervolle Frau und meine Freundin. Ich vermisse sie ebenfalls. Aber Devin hat bereits seine Mutter verloren. Er braucht seinen Vater.“

Jacob zuckte zusammen und drehte sich zu ihr herum. „Du weißt es?“, fragte er.

Mary nickte. „Wenige Tage vor Devins Geburt hat sie es mir gesagt. Sie... sie hatte dich sehr gerne, das weißt du doch, Jacob?“

Er senkte den Blick. „Weiß es sonst noch jemand?“, fragte er, ohne ihre Frage zu beantworten.

„Ich denke, Anna weiß es. Grace war ihre beste Freundin. Sie kannten sich schon so viele Jahre.“ Mary zögerte und zupfte an ihren Manschetten. „Darf ich dich etwas fragen, Jacob? Warum möchtest du nicht, dass die Gemeinde erfährt, dass Devin dein Sohn ist?“

„Ich... Mary, ich bitte dich. Es ist besser für Devin, mit den anderen Kindern aufzuwachsen.“ Jacob räusperte sich. „Wenn er erst einmal alt genug ist, um zu verstehen, werde ich es ihm sagen.“ Er schwieg einen Moment. „Bitte kümmere dich um Anna und dieses... dieses - oh mein Gott, ich habe fast vergessen, was sie uns gebracht hat. Dieses merkwürdige Kind...“

„Ich werde sofort zu ihr gehen.“ Sie zögerte einen Moment. „Bitte überlege es dir. Devin braucht dich.“

Jacob schwieg, während sich ihre Schritte entfernten. Er setzte sich und legte den Kopf in die Hände.


Fortsetzung: Vaterliebe