Titel: Vermächtnisse
Autor: Lady Charena (Juni 2006)
Fandom: Kung Fu – Im Zeichen des Drachen
Charaktere: Matthew Caine, Père Vashon
Rating: gen
Beta: T’Len
Worte:908

Summe/Hintergrund: Père Vashon redet einem alten Freund ins Gewissen.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern (Warner, Michael Sloan). Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

"It is the function of a father. To be what is needed."  - Episode: The Lacquered Box



Der alte Shaolin richtete sich überrascht auf, als er Schritte auf dem Kiesweg knirschen hörte, der zu dem kleinen Haus im Cottage-Stil führte, in dem er seit fast dreißig Jahren lebte, wann immer er sich in Frankreich aufhielt. In den letzten Jahren war es sein ständiges Heim geworden, als sein Gesundheitszustand seinem Wanderleben ein Ende setzte.

Es war noch früh am Tag, außer in Notfällen kam um diese Zeit kein Besuch zu ihm. Und dies war kein Notfall, so viel konnte er in der Aura des Ankömmlings spüren. Matthew Caine konzentrierte sich etwas mehr und dachte mit einem Anflug von Bedauern an eine Zeit, zu der es ihn weniger Anstrengung gekostet hatte, seinen Besucher zu identifizieren. Er ignorierte den Schmerz in seinen alten Knochen und griff nach seinem Gehstock, um sich aufzurichten. Als Père Vashon um die Ecke des Häuschens bog und den gutgepflegten Garten betrat, kam ihm Matthew entgegen.

Père Vashon umschloss die Hand, die ihm gereicht wurde, mit beiden Händen und lächelte. Da war etwas neues, friedvolles in den Augen und dem Gesicht des greisen Shaolin. Das Wissen, dass sein Sohn und sein Enkel noch am Leben waren, und es ihnen gut ging, schien eine unsichtbare Last von Matthew Caine genommen zu haben. Aber dennoch war da mehr, als an der Oberfläche zu erkennen war.

„Ich sehe, du bist sehr beschäftigt, alter Freund“, sagterst e der Priester und blickte anerkennend auf die Rosenrabatten, die offensichtlich kürzlich von überhandnehmendem Unkraut befreit worden waren.

Matthew seufzte. „Als ich ein Junge war, ließ mich meine Mutter die Beete in ihrem Gemüsegarten jäten, wenn ich ungezogen war, anstatt mir zu erlauben, mit meinen Freunden zu spielen. Heute ist es ein Privileg...“ Er räusperte sich – und wechselte das Thema. „Was führt dich zu dieser frühen Stunde zu mir, alter Freund? Wie geht die Renovierung der Kirche voran?“

Père Vashon folgte dem Shaolin ins Haus. „Um ehrlich zu sein, ich bin vor Natalie geflohen. Ihr Vater hat mich in seinem Wagen mitgenommen und hier abgesetzt. Ihre Energie ist scheinbar grenzenlos. Sie erinnert mich...“ Der Priester lächelte und warf Matthew einen Blick zu. „Sie erinnert mich wirklich sehr an deinen Enkel Peter.“

„Peter ist... ja, er erinnert mich sehr an Kwai. Als Kind war mein Sohn... so neugierig auf das Leben. Er hatte so viele Fragen – und dachte, ich würde alle Antworten kennen.“

Vashon faltete die Hände. „Sie sind sehr rasch in die USA zurückgereist. Ihr hattet nicht sehr viel Zeit für ein Wiedersehen.“

Der Shaolin zögerte merklich, als ihm klar wurde, dass dies der eigentlich Zweck des Besuches war. Vashon kannte Matthews Vergangenheit. Die Jahre und die gemeinsame Aufgabe hatten eine Brücke zwischen den beiden so verschiedenen Priestern geschlagen. „Peter ist Polizist. Er konnte nicht sehr lange Urlaub nehmen. Und mein Sohn wird von der Gemeinde gebraucht, in der er jetzt lebt.“

„Ich bin sicher, da sie nun wissen, dass du hier lebst, werden sie dich bald wieder besuchen“, meinte der katholische Priester.

Matthew erhob sich, mühsamer als sonst, schwer auf seinen Stock gestützt. Er trat zu einem Fenster, berührte die Blätter eines Kräuterstocks, der zu empfindlich war, um im Freien zu wachsen. „Ich weiß es nicht“, gestand er. „Es ist vielleicht zu viel... verlangt. Ich bin für meinen Sohn nur eine vage Erinnerung und für Peter ein Fremder. Welchen Anspruch könnte ich auf einen Platz in ihrem Leben erheben?“ Er drehte sich um, und schüttelte den Kopf. „Ich verbringe bereits den Rest meiner Zeit damit, die erste Hälfte meines Lebens zu bereuen. Es ist zu spät für mich – und warum soll ich dieses Vermächtnis an meinen Sohn und meinen Enkel weitergeben. Sie haben ihre eigenen Wunden.“

Père Vashon  blickte ihn an. „Verzeih’ mir, alter Freund, wenn ich auf unsere lange Freundschaft zähle und mir erlaube, dir eines zu sagen: Ich denke, du hast Angst, deinen Sohn zu lieben, Matthew. Vielleicht fürchtest du dich auch vor seiner Liebe – oder welche Gefühle er auch immer für dich hegen könnte, gute wie böse.“ Er stand ebenso mühsam auf. „Ich habe mit Kwai Chang gesprochen, während Peter bei dir war. Du hast dieses Vermächtnis bereits weitergeben. Auch er hat seinen Sohn verlassen, mehr als einmal. Aber er ist zu Peter zurückgekehrt. Es gibt immer Hoffnung, mein Freund. Auch wenn es nur die Hoffnung auf Verzeihung ist.“ Der katholische Priester griff in eine Tasche und zog eine Visitenkarte hervor, die er in die Mitte des Tisches legte. „Die habe ich von Natalie. Auf der Rückseite steht Peters Privatadresse. Vierzig Jahre sind wahrlich genug, Matthew – lass nicht noch mehr Zeit verstreichen.“ Er nickte Matthew zu, dann ging er.

Der alte Shaolin blieb lange am Fenster stehen, bevor er zum Tisch trat und die Visitenkarte in die Hand nahm. Er zögerte, doch dann durchquerte er den Raum, wo in einer Ecke ein alter Sekretär stand. Matthew legte die Visitenkarte in eine der zahllosen kleinen Schubladen und schob sie sanft zu. Vielleicht war er doch zu alt, um noch genügend Mut aufzubringen…




Ende