Titel: Freier Fall
Autor: Lady Charena (August 2007)
Fandom: Kung Fu – Im Zeichen des Drachen
Charaktere: Peter Caine, Kwai Chang Caine, Paul und Annie Blaisdell, andere Seriencharaktere
Pairings: Peter/Tyler
Rating: gen
Beta: T‘Len
Worte: 2466

Summe/Hintergrund: Fortsetzung zu „Sunday at the hotel with George“ (Season 1 / Folge 3). Carolyns Hochzeitsfeier kann nun ganz friedlich weitergehen. Abgesehen davon, dass Peter noch mit den Nachwirkungen seines beinahe-Absturzes im Fahrstuhlschacht zu kämpfen hat. Und damit, zwei Familien gleichzeitig zufrieden zu stellen.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern (Warner, Michael Sloan). Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.


„Das Wort eines Mannes ist seine Ehre – und die Ehre eines Mannes ist sein Wort.“  (Episode: „Sacred Trust“)


Obwohl es nur einen Moment dauerte, bis der Fotograf das Hochzeitsfoto gemacht hatte, kam es ihm wie eine Ewigkeit vor. Peter musste sich zwingen, still stehen zu bleiben. Das Lächeln auf seinem Gesicht fühlte sich hölzern und unecht an, eher wie eine schmerzliche Grimasse.

Trotzdem hoffte er, man würde es später auf dem Foto nicht sehen. Das letzte, was er wollte, war seiner Schwester Carolyn die Hochzeitsfeier zu verderben. Das hatten ja bereits George und seine als Handwerker getarnte Überfalltruppe getan. Er konnte es immer noch nicht so recht fassen. Alles war so schnell gegangen. Eben noch hatte er mit Tyler übers Heiraten herumgealbert – und im nächsten Moment wimmelte es zwischen den Hochzeitsgästen von bewaffneten Männern, es standen Posten im Treppenhaus, die Telefonleitung war gekappt und und seine andere Schwester Kelly entführt – ganz zu schweigen davon, dass die Lifts wegen eines angeblichen Rohrbruchs nicht funktionierten. Und dass alles, während einige Stockwerke tiefer der Tresorraum des Hotels ausgeräumt wurde. Pech nur für George, dass die Braut eine Polizistentochter war – und es daher auf ihrer Hochzeitsfeier nur so von Cops wimmelte...

Er hatte gezögert, sich zu ihnen zu stellen, als der Fotograf die Familie um das Brautpaar anordnete, um ein Foto von den beiden beim Anschneiden der Hochzeitstorte zu knipsen. Es fühlte sich plötzlich nicht mehr richtig an. Erst Pauls wiederholte Aufforderung, zu ihnen zu kommen – und der ermunternde Schubs seines Vaters – hatten ihn in Bewegung versetzt. Sein Vater... er schwankte immer noch zwischen Verlegenheit und Amüsement, dass sein Vater ihm Tylers Lippenstift abgewischt hatte, wie bei einem Vierjährigen, der sich mit Eis bekleckerte. Aus dem Augenwinkel versuchte er sich umzusehen. Wo steckte sein Vater?

„Okay, das war’s.“

Peter atmete erleichtert auf, als der Fotograf seine Kamera senkte und sich die Aufmerksamkeit der meisten Gäste auf Carolyn und Todds Geplänkel beim Anschneiden und Austeilen des Kuchens konzentrierten.

Der Platz bei den Vorhängen, dort wo eben noch sein Vater gestanden hatte, und versuchte, das Schmierfett der Liftseile von den Händen und Kleidern zu bekommen, war leer. Sein Herzschlag beschleunigte sich – so wie im Liftschacht, als sie versuchten nach unten zu klettern und sich plötzlich die Kabine einige Stockwerke unter ihnen in Bewegung setzte. Oder zuvor... nein, daran wollte er eigentlich nicht denken. Nicht an diesen einen, entsetzlichen, endlosen Augenblick, als er den Halt an den dünnen Stahlseilen verlor und fiel... Der Sturz dauerte scheinbar eine Ewigkeit. Bis ihn die Hand seines Vaters packte und festhielt. Ihn rettete.

Aber wo zum Teufel steckte er jetzt?

Peter löste sich von Annie und trat einen Schritt vor, um einen besseren Blick auf die andere Seite des Raumes zu erhalten. Dort war niemand. Peter schluckte gegen einen Klumpen in seinem Hals an. Seine Pflegemutter hatte zwar erwähnt, dass sein Vater darüber gesprochen hatte, sich bei Anlässen wie diesem nicht besonders wohl zu fühlen... Und es stimmte ja auch, dass er nur auf Peters Drängen mitgekommen war. Aber wäre er einfach so gegangen? Ohne ein Wort?

Verschwunden wie früher, wenn er vom Tempel geträumt hatte und nach dem Aufwachen wieder aufs neue den stechenden Schmerz des Verlustes spürte. Aber diesmal war es kein Traum. Das wusste er sicher. Sein Vater war Wirklichkeit.

Eine Hand berührte seinen Arm. „Mach’ dir keine Sorgen, Peter. Er lässt dich nicht wieder allein.“

Ohne den Blick von dem leeren Fleck zu nehmen, legte er den Arm um sie und küsste seiner Pflegemutter die Hand, drückte sein Gesicht kurz gegen ihr weiches Haar. Er verstand nicht, wie sie es anstellte, zu wissen was ihn bedrückte. Aber sie wusste nicht, wie es war, im Stich gelassen zu werden. Niemand hatte sich je von ihr abgewandt und... Er holte tief Atem, verbannte die Erinnerung. Nein, niemand konnte verstehen, wie groß seine Angst war, das alles noch einmal erleben zu müssen.

Er fühlte sich nicht gut. Vielleicht war es nur das Abklingen des Adrenalins: der beinahe-Absturz, der Kampf mit dem Mann in Kellys Zimmer, der versucht hatte, ihn zu erwürgen – und nicht zu vergessen, der Typ vor dem Fahrstuhl, den er erschossen hatte. Seine Hand glitt von Annies Schulter und er drehte sich einmal um sich selbst, in der Hoffnung irgendwo seinen Vater zu entdecken. Es war keine gute Idee, denn auf einmal wollte der Saal überhaupt nicht mehr aufhören, sich zu drehen. Die leise Hintergrundmusik gellte plötzlich in seinen Ohren und die Unterhaltung und das Lachen der Menschen um ihn herum brach wie eine Welle über ihm zusammen, begrub ihn und machte es ihm schwer, zu atmen.

„Peter? Peter, mein Schatz, ist alles in Ordnung mit dir?“

Er hörte den besorgten Klang in Annies Stimme, doch es fiel ihm schwer, sich genügend zusammen zu reißen, um ihr zu antworten. „Ich... ich brauche ihn. Wo ist er?“

„Wen meinst du, Peter? Willst du wissen, wo Paul ist?“

Er spürte Annies Hand auf seinem Arm, seiner Schulter, auf der Suche nach seinem Gesicht – er drehte den Kopf weg, wusste sie würde seine Verwirrung, seine Angst in seinen Gesichtszügen ertasten. „Es interessiert mich nicht, wo Paul ist“, gab er heftiger zurück, als er beabsichtigt hatte und bereute seinen Ton sofort. Er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Ihm war übel und hinter seiner Stirn pochte es. „Es tut mir leid, ich wollte nicht... ich wollte dich nicht anschreien. Wo ist mein Vater?“

„Schon gut, Peter. Ich bin nicht gekränkt.“ Die Besorgnis in Annies Stimme hatte sich verstärkt. Ihre Hand berührte seine Schulter. „Ich bin sicher, er ist gleich zurück, Liebling. Warum bringst du mich nicht an unseren Tisch und wir setzen uns ein paar Minuten hin? Du musst erschöpft sein, nach all dem...“

In diesem Moment trat Paul zu ihnen. „Ist alles in Ordnung, Peter?“, fragte er, sein Blick musterte ihn scharf. „Du bist ein bisschen blass um die Nase.“

„Mir fehlt nichts“, gab Peter ärgerlich zurück. „Ich suche nur nach meinem Vater. Er ist verschwunden.“

Paul lachte, doch seine Augen blieben ernst und besorgt. „Um Himmels Willen, Peter, beruhige dich. Wahrscheinlich ist er sich nur die Hände waschen gegangen. Du musst ihm auch mal eine Minute Pause gönnen.“

„Oder was sonst?“ Peter wandte sich von ihm ab. Er blinzelte. Das Licht schien plötzlich viel greller. Ihm taten die Augen weh. „Denkst du, dass er mich über bekommt und wieder abhaut? Dieses Mal dann für immer?“ Das kann er doch nicht tun; nein, das nicht! Was ist, wenn ich wieder falle und er nicht da ist, um mich aufzufangen...? Er wischte sich mit dem Ärmel seines Jacketts den Schweiß vom Gesicht.

„Nein, das wollte ich natürlich nicht damit sagen.“ Pauls Hand legt sich schwer auf seine Schulter. „Peter, du bist ja völlig überdreht. Warum setzen wir uns nicht wieder und ich hole dir etwas Wasser zu trinken? Dann geht es dir sicher gleich besser.“

„Es geht mir gut“, beharrte Peter, obwohl der Raum wieder angefangen hatte, vor seinen Augen zu wogen und sich zu drehen. Es fiel ihm noch immer schwer, genügend Luft zu bekommen. Und warum musste es so verdammt heiß sein?

„Hört auf, mich wie einen übermüdeten Siebenjährigen zu behandeln“, murrte er, ließ sich aber ohne weitere Gegenwehr von Paul zu einem Stuhl bringen und setzte sich. Nicht zu früh, seine Knie schienen sich in Pudding verwandelt zu haben. Er schloss die Augen, spürte eine Hand im Nacken, dann wurde sein Kopf nach unten zwischen seine Knie gedrückt. Sie mussten sich etwas abseits der feiernden Gäste befinden, denn hier war es ruhiger.

„Atme ein paar mal tief durch, Peter. Es geht gleich vorbei.“  Er hörte Pauls Stimme dicht an seinem Ohr.

„Verdammt, mir fehlt nichts. Ich werd’ bestimmt nicht gleich wie ein Mädchen in Ohnmacht fallen.“

„Achte bitte ein wenig mehr auf deine Ausdrucksweise, Peter.“ Annies Stimme erklang von der anderen Seite. Er spürte ihre Hand in seinem Nacken.

Er holte tief Luft und öffnete die Augen. Er starrte auf seine Hände, die zitterten und ballte sie zu Fäusten. „Ich will nur wissen, wo mein Vater ist“, wiederholte er leise.

Er hörte Paul seufzen. „Ich werde nachsehen...“

„Ich bin hier.“

Peters Herz tat einen unwillkürlichen Sprung. Er hob den Kopf und starrte in das ausdruckslose Gesicht seines Vaters. Am Rande nahm er wahr, dass Paul seine Frau am Arm nahm und sie wegführte. „Im Liftschacht...“, flüsterte Peter. „Ich bin gefallen.“

„Ich weiß.“

Der Ausdruck im Gesicht seines Vaters änderte sich nicht, und Peter ließ müde den Kopf hängen. Er schloss die Augen. „Ich bin abgestürzt“, wiederholte er mit mehr Nachdruck.

„Ich habe dich aufgefangen.“

Eine Hand berührte seinen Arm, doch er sah nicht auf. „Was ist, wenn ich wieder falle?“ Irgendwie wurde es leichter, zu atmen und auch der Raum schien nicht mehr erdrückend heiß.

„Dann werde ich dich wieder auffangen.“

Wider Willen erschien ein Lächeln auf seinen Lippen, als er den feinen Unterton von Ungeduld in der Stimme seines Vaters wahrnahm. „Es könnte immer wieder passieren, weißt du? Ich könnte immer wieder abstürzen.“

„Dann werde ich dich wohl jedes Mal auffangen müssen, mein Sohn.“

Jetzt war es... Peter hob den Kopf und fand die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Vaters auf sich gerichtet. Caine kniete vor ihm. Ja, die gleiche Mischung aus Besorgnis und Amüsement, die er in Caines Stimme gehört hatte, zeigte sich auch in seiner Miene. Die ausdruckslose Maske war vom Gesicht des Priesters verschwunden, statt dessen blickte ihn der Vater an, an den er sich aus seinen Träumen erinnerte. Älter zwar, ein feines Netzwerk aus Falten und Fältchen durchzog seine Gesichtszüge wie eine Landkarte seiner langen Wanderjahre – aber immer noch sein Vater. „Versprichst du es mir?“

„Peter, ich...“

Er zog seinen Arm zurück. „Nein, ich muss das wissen. Versprich es mir!“ Er presste die Lippen zusammen, als er den Unterton von Panik in seiner Stimme hörte. Und er wusste, dass er zu weit ging; dass er etwas forderte, auf das er kein Recht hatte. Und doch waren die Worte über seine Lippen, bevor er sie stoppen konnte. „Schwöre es mir.“

Die Züge seines Vaters hatten sich verhärtet. „Ich habe gesagt, dass ich für dich da sein werde. Mein Wort ist genug.“

Peter blickte in die vertrauten, dunklen Augen. Da war etwas in ihnen, an das er sich nicht von früher erinnerte. Eine Leere, die nie ausgefüllt worden war; Schmerz, der zu lange gedauert hatte und eine Narbe hinterließ. Und doch war es kein unvertrauter Anblick – er sah ihn jeden Morgen in seinem Badezimmerspiegel. „Ich brauche mehr als dein Wort. Beweise es mir.“

Fast unmerklich wurden Caines Gesichtszüge noch verschlossener. Er senkte den Blick.

„Schwöre es beim Grab meiner Mutter“, flüsterte Peter. Seine Welt hatte sich auf sie beide verengt, da war nichts sonst mehr um sie herum. Sein Herz schlug so laut, dass es ihm in den Ohren widerhallte.

Sein Vater stand auf und faltete die Hände ineinander. Hätte er noch eine safranfarbene Robe getragen und keine Haare auf dem Kopf, wäre es das perfekte Abbild einer Vergangenheit gewesen, die unwiderruflich verloren war.

Peter stand ebenfalls auf. Als sein Vater endlich aufsah, hielt er seinem Blick stand. „Du warst so lange unterwegs, fünfzehn Jahre lang. Bin ich es wert, dass du bleibst?“ Bin ich es wert, dass du mich auffängst, wenn ich wieder abstürze? Und wenn ich es bin, warum hast du dich damals von mir abgewandt?

Er schloss die Augen erst, als sich eine Hand in dieser inzwischen wieder so vertrauten Geste an seine Wange legte.

„Ich bin hier.“

Es lag kein besonderer Ausdruck in der Stimme seines Vaters – weder Ärger noch Resignation, noch... Aber er hatte auch nichts anderes erwartet. Er wusste nicht, was er tun musste, um den Priester dazu zu bringen, Gefühle zu zeigen – und er war zu müde dafür. Für den Moment musste es reichen. Ein Abend war nicht genug, einen Dämon zu jagen und zu vertreiben, der ihm so lange gefolgt war. Vielleicht würde ein Leben dazu nicht ausreichen.

Peter öffnete die Augen und blickte seinen Vater an. Er versuchte sich an einem Lächeln und es schien zu funktionieren. „Wie wär’s mit einem Abstecher an die Bar?“, meinte er leichthin. „Ich glaube, ich sollte auch mal einen von diesen Grashoppern versuchen.“

„Wasser ist besser für dich“, entgegnete sein Vater streng, doch da war keine Strenge in seinem Gesicht oder seinen Augen. Nein, wie immer wirkte er ausgeglichen und ruhig.

„Sei’ kein Spielverderber, Paps.“ Peter beobachtete ihn durch halb gesenkte Wimpern, doch auch auf die ungeliebte Bezeichnung hin folgte kein Tadel. Sein Puls beschleunigte sich, während er auf eine Reaktion wartete – doch sie blieb aus. „Ich kann dich auch nach Hause fahren, wenn du das lieber willst“, setzt er etwas kleinlauter hinzu.

„Nein, ich...“ Caine stockte, etwas das äußerst selten vorkam, und korrigierte sich. „Wenn du mir die Freude machst, den Rest des Abends mit mir zu verbringen?“

Peter zögerte. Er sah sich nach Annie und Paul um, doch die beiden saßen an ihrem Tisch und unterhielten sich mit Frank Strenlich und ein paar anderen Gästen. Niemand würde auffallen, wenn er früher ginge und außerdem hatte er nach dem ganzen Theater heute ohnehin die Nase voll. Sein Blick fiel auf Tyler, die sich gerade von ihren Bandkollegen trennte. Sie schien ihm im gleichen Moment zu entdecken, denn sie winkte und machte sich daran, den Raum zu durchqueren. Sie würde sauer sein, wenn er sie sitzen ließ – und das gerade jetzt, da ihre Beziehung sich wieder gebessert hatte.

Er wandte den Kopf, blickte seinen Vater an. „Ja, gerne.“ Er nahm Caine am Arm und führte ihn Richtung Fahrstuhl. „Du hast irgendetwas von einer Übung erzählt, im Tempel... war ich gut darin? Ich erinnere mich nicht mehr.“ Er spürte den fragenden Blick seines Vaters auf sich, als sie darauf warteten, dass sich die Türen des Lifts öffneten. Verdammt, wo blieb der lahme Kasten nur? Tyler musste sie gleich eingeholt haben und er wollte um jeden Preis eine Szene vermeiden.

Endlich glitten die beiden Türhälften geräuschlos auseinander und er zerrte seinen Vater fast in die Kabine. Er drehte sich um und sah gerade noch Tylers wütenden Gesichtsausdruck, bevor sich die Türen wieder schlossen. Seltsamerweise machte es ihm nichts aus. Der einzige Mensch, der in seinem Leben wirklich Bedeutung hatte, stand ja direkt neben ihm...


Ende