Titel: Angst
Autor: Lady Charena (Mai 2006)
Fandom: Kung Fu – Im Zeichen des Drachen
Charaktere: Peter Caine, Kwai Chang Caine
Rating: gen
Beta: T’Len
Worte: 817

Summe/Hintergrund: Angst kann leicht blind machen

Disclaimer: Die Rechte der verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern (Warner, Michael Sloan). Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, Geld zu verdienen oder Inhaberrechte zu verletzen.



„Hey, Paps. Paps, bist du da?“

Peter hatte den Hintereingang über die Terrasse genommen und stürmte nun schwungvoll in die Apotheke. Der Raum war leer und er schnitt eine Grimasse.

Die vergangenen beiden Wochen hatten an Peters Nerven gezerrt. Zusammen mit Kermit war es ihm gelungen, einen besonders hässlichen Mordfall aufzuklären – doch der Täter hatte sich umgebracht, bevor sie ihn verhaften konnten. Jetzt fühlte er sich überspannt, erschöpft und voll frustrierter Aggression, die sich über seine Kollegen im Revier bereits wie eine Gewitterwolke entladen hatte, bis Captain Simms ihn förmlich dazu zwang, sich ein paar Tage frei zu nehmen – so ungern sie auch auf ihn verzichtete.

Widerwillig beugte Peter sich ihrer Entscheidung. Er hatte das Gefühl, zu explodieren, wenn es ihm nicht gelang, seinen Frust loszuwerden. Und der einzige, von dem er sich sicher war, dass er ihm dabei helfen konnte, war sein Vater und die friedliche Stimmung des Lofts. Sah irgendwie nicht so aus, als hätte er Glück.

Ein Geräusch aus dem Hauptraum ließ ihn weitergehen. Doch als er im Durchgang stand, breitete sich ein flaues Gefühl in seinem Magen aus – sein Vater war damit beschäftigt, eine Tasche zu packen. Er lehnte sich gegen den Türrahmen, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf Caine, der ihm einen kurzen Blick zuwarf und dann weiter packte.

Peter stieß sich vom Türrahmen ab und trat zu ihm. „Wohin gehst du?“, fragte er barsch. Ohne Provokation und plötzlich wallte Ärger in ihm auf und er schlug blindlings aus, noch bevor Caine eine Antwort geben konnte. „Du gehst wieder weg, nicht wahr? Du verlässt mich. Wohin zum Teufel verschwindest du dieses Mal?“ Bitterkeit färbte seine Stimme, als er die ätzenden Worte förmlich ausspuckte.

Caine sah zu ihm auf, hielt seinem wütenden Blick stand, neigte den Kopf fragend zur Seite und versuchte den Zorn zu verstehen, der von seinem Sohn ausstrahlte. „Ich wollte nur... einen Freund besuchen. Ich verlasse dich nicht.“

„Komm’ mir nicht so, Vater, ich kauf’ dir das nicht ab!“, brach es aus Peter heraus. Du lässt mich allein, dachte er. „Wie lange wird es diesmal dauern? Nochmal sechs Monate? Ein Jahr? Zwanzig Jahre?“

“Peter – deine Angst ist völlig unbegründet”, versuchte Caine ihn zu besänftigen und schloss seine Tasche, um sie zur Seite zu stellen. „Warum begleitest du mich nicht?“, schlug er vor.

„Ich... ich...“, stotterte Peter als sich seine Wut so plötzlich auflöste, als hätte man aus einem Ballon die Luft herausgelassen. Dafür stieg Scham in ihm auf, als ihm klar wurde, dass er sich wie ein trotziges Kleinkind bei einem Wutanfall benahm. Er fuhr sich verlegen durch die Haare. „Du... du willst also, dass ich mitkomme?“

„Ja, das will ich“, entgegnete Caine mit Bestimmtheit. „Ich möchte einen Freund aus der Zeit meiner Wanderschaft besuchen. Er würde sich sicherlich freuen, dich kennen zu lernen. Ich habe ihm viel von dir erzählt.“

Peter nickte, wusste nicht, was er sagen sollte. Es gab nichts mehr zu sagen, in die Nesseln hatte er sich schon gesetzt. Und mit jedem Versuch, sich zu entschuldigen, konnte er sich nur tiefer hineinreiten.

Er blickte seinen Vater an, versuchte herauszufinden, ob der Shaolinpriester gekränkt war, doch seine Miene war nicht zu deuten. Vielleicht war es nicht schlecht, ihn auf dieser Reise zu begleiten. Und vielleicht bot sich ihm da eine Gelegenheit, seinem Vater zu erklären, warum es zu diesem Ausbruch gekommen war – und wieso er seinen Frust ausgerechnet an der Person ausgelassen hatte, die am wenigsten dafür konnte. Er fragte sich, wann er endlich lernen würde, nicht immer blindlings um sich zu schlagen und den Mann zu verletzen, der ihm am meisten bedeutete.

Er sah auf und sein Vater lächelte. Der Priester trat näher zu seinem Sohn und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Warum setzen wir uns nicht und du erzählst mir, was dich beschäftigt?“, fragte er ruhig. „Ich glaube, wir haben noch einiges zu klären, bevor wir uns auf diese Reise begeben.“

Ein zögerndes Lächeln erschien auf Peters Gesicht. „Das... klingt gut.“ Er zögerte. „Es tut mir leid. Ich habe mich wie ein kompletter Idiot benommen.“ Wann würde er diese Angst, das Gefühl des Verlassen-seins, endlich loswerden? Er wusste doch, dass sein Vater ihn liebte und für ihn da war.

„Es gibt nichts, für das du dich entschuldigen musst.“

Vielleicht war ihm bereits vergeben worden. Das er um eine neuerliche Lektion nicht herumkommen würde, war ihm allerdings auch klar... Aber es gab schlimmeres. Peter eilte seinem Vater nach, der sich schon auf dem Weg in die Küche befand und legte ihm den Arm um die Schulter. „Danke, Paps.“


Ende