Like Day, Comes Night

 

Titel: Refuge  
Autor: Lady Charena
Fandom: Forever Knight
Episode: 3x22 Last Knight
Prompt: # 083 Prison (100 Situations)
Charaktere: LaCroix, Nicholas
Pairing: --
Rating: pg, gen, AR
Beta: T'Len
Worte:2240

Summe:  Fortsetzung zu „Fading Stars“ – LaCroix bringt Nicholas nach Hause.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

A/N: Meinen Dank an Gaby für die Übersetzungen ins Französische!



Nicholas: I hate you.
LaCroix: Good, Nicholas. Hate is a step into the right direction (2.01 Killer Instinct)


Seine Welt hatte sich auf diesen Raum, auf diese Suite eingegrenzt.

Nicholas trat ans Fenster, seine Handflächen berührten die schweren Falten der Vorhänge, die das Sonnenlicht draußen hielten. Der Stoff fühlte sich warm gegen seine Haut an. Den Körper leicht zur Seite gedreht, schob er zwei Finger in einen Spalt zwischen die Vorhangbahnen und zog sie etwas auseinander. Ein dünner, heller Strahl Tageslicht fiel in den halbdunklen Raum.  Die Verbrennung auf seinem Handrücken begann zu pochen und er zog die Hand zurück, schloss das Licht erneut aus.

Er achtete darauf, dass die Vorhänge dicht waren – um eine Wiederholung der Ereignisse etwas früher zu vermeiden. Den Schmerz eines einzelnen, schmalen Sonnenstrahls, der direkt auf seinen Handrücken traf, als er durch den Spalt zwischen den beiden Vorhanghälften in den Raum drang. Er riss die Hand weg und spürte das Sonnenlicht seinen Brustkorb treffen. Sekundenlang war er wie gelähmt, dann warf Nicholas sich nach hinten, weg vom Licht und hin zur Wand, wo er sich in sich zusammenkauerte. Einen Moment lang lag er einfach nur da und wartete darauf, dass der weißglühende Schmerz verschwand; der Geruch nach verbranntem Fleisch schlug sich mit jedem Atemzug in seinem Mund nieder, bis er ihn auch schmecken konnte.

LaCroix?“ Er hasste, wie schwach seine Stimme klang; doch sein Körper war noch immer in dieser Mattigkeit gefangen, seine Gedanken überwältigt von Lethargie. „Lucien. es-tu?“

Er erhielt keine Antwort und als er in sich hinein lauschte, verstärkte sich die Gewissheit, dass LaCroix nicht hier war. Zumindest weder in diesem Raum, noch im Hotel selbst. War das seine Strafe? Hilflos und schwach und schutzlos in diesem Bett zu liegen und darauf zu warten, dass die Nacht kam? Was, wenn jemand entdeckte wer oder was er war? Wo war LaCroix? Die bleierne Müdigkeit zog ihn zurück ins Dunkel.

Als er das nächste Mal die Augen öffnete, war das Licht weitergewandert und er nicht mehr in akuter Gefahr, spontan in Flammen aufzugehen. Nicholas rollte sich zurück auf die andere Seite des Bettes und schwang die Beine über die Bettkante. Er setzte sich auf – und musste beiden Handflächen gegen die Matratze stemmen, um die Balance zu halten, als sich der Raum vor seinen Augen drehte. Als der Schwindel nachließ, hob Nicholas den Kopf und sah sich um. Er war alleine.

Und das war er nach wie vor. Nicholas trat vom Fenster weg. Es hatte mehrere Versuche benötigt, bis seine Beine stabil genug schienen, um ein paar zaghafte Schritte zu wagen; doch inzwischen bewegte er sich wesentlich sicherer durch die Suite. Nicht, dass er irgendwo hätte hingehen können.

Er verließ das Schlafzimmer und trat den angrenzenden Raum – er erinnerte sich vage an sein erstes Erwachen; an die Stimmen, die von dort zu ihm drangen und dass LaCroix durch diese Tür eintrat. Vor ihm erstreckte sich eine großzügig angelegte Wohnlandschaft. Es erinnerte eher an eine elegante Wohnung, als an ein Hotelzimmer – vielleicht für Leute, die längere Zeit hier wohnen wollten.

Aber LaCroix würde sicherlich nicht vorhaben, länger als nötig in einem Hotel zu bleiben. Er schätzte seine Privatsphäre zu sehr. Und sie waren in Paris - Zuhause. Er fragte sich, ob das Haus noch stand, in dem sie zu Dritt lange Jahre gelebt hatten, oder ob es irgendwann einem Wohnblock hatte weichen müssen. Und auch wenn nicht, es gab immer jemand, der eine Unterkunft für sie arrangieren konnte, dafür würde die Gemeinschaft Sorge tragen. LaCroix hatte ausgezeichnete Kontakte, wohin auch immer sie gingen.

Er durchquerte den Raum und öffnete einen der Wandschränke. Er enthielt eine Stereoanlage und eine Sammlung an CDs mit Klassischer Musik. Doch als Nicholas das Gerät einschaltete und auf den Knopf für das Radio drückte, kam nichts als Rauschen und Rascheln aus den Lautsprechern.

„Wie kannst du diesem Irren nur zuhören? Das ist gruselig.“ Die Stimme eines Mannes echote durch sein Bewusstsein... sie war vertraut und er dachte, er müsse einen Namen, ein Bild zu der Stimme kennen... Er sah sich selbst im Caddy sitzen und hörte LaCroix’ Stimme im Radio, und die Antwort, die aus seinem Mund kam: „Es ist eine Sache der Gewöhnung...“

Der Mann auf dem Beifahrersitz... Schanke... das Flugzeug...

Dann war das Bild verschwunden.

Nicholas rieb sich übers Gesicht, nicht erstaunt darüber, dass sich seine Haut trocken und rau anfühlte.

Er runzelte die Stirn. Woher war dieser Gedanke gekommen? Er konnte sich nicht entsinnen, wer dieser Schanke gewesen war – nur daran, dass er tot war und dass er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Nicholas fühlte, dass er ihn kennen sollte, dass der Name ein Bild... eine Flut an Bildern und Empfindungen und Erinnerungen auslösen sollte – doch diese Flut blieb einfach aus. Alles was zu ihm kam, waren Echos und Dunkelheit. Er schüttelte den Kopf und schloss den Schrank wieder.

Er war sich nicht sicher, wie lange er sich in diesem Raum schon aufhielt. Da war nichts, an dem er den Verlauf der Zeit festmachen konnte. Seine Armbanduhr war verschwunden und auch sonst fanden sich in der Suite keine Uhren.

Nicholas schätze aufgrund der Intensität des Lichts dass es gegen Mittag sein musste – doch an welchem Tag?

Sein Blick fiel auf einen weiteren, ähnlichen Wandschrank, dessen größere Abmessungen vermuten ließen, dass er einen Fernseher verbarg. Die Lösung für sein Problem. Es musste sich irgendeine Nachrichtensendung finden, aus der er erfuhr, welcher Tag es war und welche Uhrzeit... Doch als er die Türen öffnete, entpuppte sich die dahinter zum Vorschein kommende Nische als leer – abgesehen von einem aus der Wand ragenden Antennenkabel.

Natürlich. LaCroix überließ nie etwas dem Zufall.

Nicholas schloss die Türen und lehnte resigniert die Stirn gegen das kühle Holz. Es war sinnlos. Die einzige Wahl, die er hatte, war hier auf LaCroix zu warten – oder die Vorhänge zu öffnen und der ganzen Ungewissheit ein Ende zu bereiten. Die Vorstellung allein ließ kalte Schauer über seinen Rücken rinnen.


* * *


Beide Hände auf den Rand des Waschbeckens gestützt, betrachtete Nicholas sich im Spiegel.

Wasser lief in kleinen Rinnsalen aus seinem Haar über seinen Nacken und seine Schultern. Über seinen Hals und die blassen, aber deutlich sichtbaren Bissmarken.

Über seine Brust, wo sich vor dem Duschen noch blutrotes Fleisch unter einer schwarzen Kruste verbrannter Haut gezeigt hatte.

Die Haut hatte sich endlich geschlossen als der Wundschorf abfiel, doch die Heilung setzte nur stark verzögert ein und schritt besorgniserregend langsam voran. Ein weiteres, deutlich sichtbares Zeichen seiner Schwäche.

Er hob die Hand und die vernarbte Haut auf dem Handrücken spannte sich, selbst diese – im Gegensatz zu der an seiner Brust – geringfügige Wunde hätte unter normalen Umständen bereits geheilt sein müssen. Es war fast, als wehre sich in ihm etwas dagegen, zu heilen... Nicholas strich mit den Fingerspitzen über die rauen, offenen Bissspuren an seinem Hals.

Was hatte LaCroix vor?

In all den Jahrzehnten... Jahrhunderten... hatte LaCroix ihm gedroht, ihn wie einen ungehörigen Welpen geschüttelt, geschlagen und gegen Wände geworfen. Er hatte ihn manipuliert – mit Worten und Taten, ihn gedemütigt und seinen Willen gebrochen. Er hatte ihn an der Hand geführt und ihn vor dem Zorn der Enforcer geschützt, und mit Worten väterlicher Fürsorge und Worten der Liebe zu ihm gesprochen.

Que suis-je?“, hatte er LaCroix vor 800 Jahren in den Katakomben gefragt. Er hatte die ewige Frage der Menschheit gestellt: Was bin ich?

„Mon protégé.“, antwortete LaCroix.

„Ta esclave.“ Bereits damals kannte er die Wahrheit. Dein Sklave.

LaCroix hatte nie versucht, seinen Widerstand dadurch zu überwinden, indem er ihn langsam ausblutete. Nichtsdestotrotz war es effektiv. Nicholas schloss die Augen. Ohne frisches Blut zu trinken konnte er sehr lange in diesem hilflosen Zustand vor sich hin vegetieren.

Damit wurde jeder Ort zu einem Gefängnis.

Mit LaCroix als seinem Gefängniswärter.

Nicholas fühlte zynisches Gelächter in sich aufsteigen, und unterdrückte es. Er senkte den Kopf - welchen Sinn machte es, sich weiterhin im Spiegel anzustarren? – und sah Blutstropfen auf dem vorher makellos weißen Porzellan des Beckens zerplatzen. Nicholas hob den Blick und starrte auf sein Spiegelbild, auf die blutigen Tränen, die über seine Wange und sein Kinn rannen. Er hob die Hand, wischte die Tränen ab und sah lange auf seine Fingerspitzen, bevor er die dringend benötigte Flüssigkeit von ihnen sog. Nicholas wandte dabei den Blick von seinem Spiegelbild ab.


* * *


Zurück in seinem Schlafzimmer fand er einen Koffer mit seiner Kleidung im Wandschrank. Er ließ die Sachen, in denen er – wer weiß wie viele Stunden – geschlafen hatte, auf einem Stuhl liegen und zog seinen seidenen Morgenmantel und eine Pyjamahose an. Er ließ den Mantel offen, denn selbst das leichte, kühle Material irritierte die Brandwunde auf seiner Brust.

Nicholas legte sich zurück aufs Bett, sein kurzer Ausflug in den Raum und die Dusche hatten ihn erschöpft. Sein Kopf berührte kaum das Kissen, als er auch schon einschlief.






II.

Es war wieder dunkel, als er erwachte. Dazu musste er nicht erst die Vorhänge beiseite ziehen, um nach draußen zu sehen. Nicholas konnte fühlen, dass die Sonne untergegangen war.

Nacht.

Er könnte sich anziehen und die Suite – das Hotel – verlassen, ohne dass ihn jemand daran zu hindern vermochte. Denn er spürte deutlich, dass er noch immer alleine war. LaCroix war nicht hier.

Nicholas setzte sich auf und dieses Mal war er auf den Schwindel vorbereitet, so dass er bereits nach wenigen Augenblicken sicher auf den Beinen stand. Während er schlief, war die Wunde auf dem Handrücken zu einer blassen Narbe verheilt. Die Brandwunde auf seiner Brust war jedoch noch immer rot und es hatte eben erst eine neue Hautschicht begonnen, sich wie ein milchiger Film darüber zu bilden.

Er trat aus dem Schlafzimmer und durchs Wohnzimmer zu einer weiteren Tür. Sie führte – wie er vermutet hatte – in ein zweites Schlafgemach. Das Bett war unberührt und auch sonst deutete kaum etwas auf den Bewohner des Raumes hin.

Dennoch konnte Nicholas LaCroix’ Gegenwart in diesem Zimmer überdeutlich spüren. Es war ähnlich wie in einen Raum zu treten und das Parfüm einer schönen Frau zu riechen, das sofort ihr Bild vor dem inneren Auge erscheinen ließ. Doch es war nicht seine Nase, mit der er LaCroix wahrnahm. Es war ein anderes Sinnesorgan, etwas in seinem Kopf... er hatte diesen Sinn genutzt, dieses Spüren der Präsenz einer anderen Person, der er sich verbunden fühlte – Janette auf diese Weise spüren zu können, hatte ihn Jahrzehnte lang gewärmt – aber er hatte nie verstanden, woher es kam und wie es funktionierte. Vielleicht hatte er es auch nie hinterfragen wollen; aus Angst, das Wissen führe ihn nur immer weiter und weiter von seiner Menschlichkeit weg.

Er setzte sich auf die Bettkante und starrte auf seine Füße, bloß und blass gegen den dezent gemusterten Teppich.

Nur ein paar Schritte, ein oder zwei Türen und etwas Mauerwerk standen zwischen ihm und der Freiheit. Aber es war mehr als die Mattigkeit seiner Glieder und die Erschöpfung seines Geistes, die es ihm unmöglich machten, diese Schritte zu gehen.

Er hatte Angst. Wohin sollte er gehen? Er wusste nicht, weshalb ihn LaCroix aus Toronto weggebracht hatte; doch irgendwo in ihm war die Gewissheit, dass er dorthin nie wieder zurückkehren konnte.

Nicholas verbarg das Gesicht in den Händen, presste die Fingerspitzen gegen Schläfe und Stirn, als könne er die Erinnerungen auf diese Weise greifen. Etwas war passiert. Etwas sehr Schlimmes. Irgendwo in ihm echoten körperlose Stimmen und Erinnerungsbilder warteten darauf, dass er sie ansah - gerade außerhalb seiner Reichweite, wie hinter einer undurchdringbaren Nebelwand.

Er war sich seiner selbst weniger sicher, als jemals zuvor.

es-tu, LaCroix?“ Erst als er seine eigene Stimme hörte, wurde ihm bewusst, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte.  Er grub die Finger in die Kopfhaut und presste sein Gesicht gegen die Unterarme. So in sich gefaltet, saß er eine Zeitlang reglos da, bis es ihm still wurde und die allverschlingende Müdigkeit es ihm sogar unmöglich machte, zu denken.

Langsam hob Nicholas den Kopf und sein Blick fiel auf eine Notiz, die an einem - seitlich vom Bett angebrachten - Schränkchen mit kunstvoll verzierter Tür, haftete. Es stand nur ein einziges Wort darauf, in LaCroix’ vertrauter Handschrift: „Santé

Zögernd stand Nicholas auf und öffnete das Schränkchen, das sich als Minibar entpuppte. Doch statt Snacks, Süßigkeiten und kleinen Fläschchen mit Alkohol befand sich nur ein silberner Becher in dem kleinen Kühlschrank.

Das Metall fühlte sich sehr kalt an, als er den Becher mit klammen Fingern heraus nahm. Das Gefäß beschlug sofort in der Wärme des Raumes.

Der Becher war mit Blut gefüllt und an seinen Lippen, bevor er darüber nachdenken konnte. Der Hunger, der vorher geschlafen zu haben schien, erwachte wieder zu vollem Leben und es war kaum genug in dem Becher, um ihn einigermaßen zu besänftigen.

Der leere Becher glitt aus seinen Fingern und landete auf dem Teppich, wo er sich für einen Augenblick um sich selbst drehte und ein Stück davon rollte. Nicholas ließ sich auf das Bett zurücksinken, rollte sich auf die Seite und in sich zusammen.

Er schlief, tief und traumlos -  und die Brandwunde auf seiner Brust begann endlich zu heilen.


Ende dieses Teils

 

Titel: J’adoube
Autor: Lady Charena
Fandom: Forever Knight
Episode: 3x22 Last Knight
Prompt: # 092. Trap (100 Situations)
Charaktere: LaCroix, Nicholas, OFC
Pairing: --
Rating: pg, gen, AR
Beta: T'Len
Worte: 2151


Summe:  Fortsetzung zu „Refuge“ – LaCroix bringt Nicholas nach Hause /Teil 2.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.


Will ein Spieler die Figur lediglich zurechtrücken, muss er das vorher bekanntgeben. Dafür hat sich der französische Ausdruck J’adoube eingebürgert. (Schachregel - Quelle: Wikipedia)


Nicholas kippte den weißen König um. aš-šāh māt. Er war es leid, gegen sich selbst Schach zu spielen – und da er sich nicht mehr erinnern konnte, mit welcher Farbe er diese Partie eröffnet hatte, konnte er nicht einmal sagen, ob er sie gewonnen oder verloren hatte...

Drei Tage waren vergangen, seit er erwacht war und LaCroix’ auf sein Rufen nicht geantwortet hatte.  Inzwischen hatte er daran gedacht, nach einem Telefon zu suchen – doch auch das schien aus dem Raum entfernt worden zu sein. Er fühlte sich etwas kräftiger. Mit Hilfe des Blutes aus der Minibar waren seine Wunden weitestgehend verheilt – auch die Bissspuren an seinem Hals hatten sich endlich geschlossen – aber er hatte weiterhin die Mobilität eines in einen Bernstein eingeschlossenen Insekts. Oder genauer gesagt, er hatte dessen Willen zur Mobilität.

Nacht für Nacht stand er am offenen Fenster und starrte hinaus in die Nacht, in die Lichter – in die Illusion von Freiheit. Es waren nur ein paar Schritte aus der Suite, aber er unternahm sie nicht. Die vage Ahnung, dass außerhalb dieser Wände etwas Furchtbares auf ihn wartete... etwas nicht-greifbares, Bilder und Erinnerungen... hatte sich zu einer unerklärbaren Gewissheit ausgewachsen.

Nicholas hatte sich in seinem ganzen Leben nie als Feigling betrachtet, doch nun überwältigte ihn die Angst vor dem, was „da draußen“ warten mochte. Er sagte sich selbst, dass er nur auf LaCroix’ Wiederkehr wartete; dass LaCroix all die Erklärungen hatte, die er nicht greifen konnte, und dass er gehen würde, sobald er sie erhalten hatte. Es war seltsam... nach fast zwei Jahrhunderten, in denen er alles tat, um LaCroix zu entkommen, wartete er nun mit Ungeduld auf sein Auftauchen.

Das Problem war, LaCroix ließ sich damit Zeit.

Unruhig stand Nicholas auf und trat wieder ans Fenster. Seit Anbruch des Abends waren die Vorhänge und Fensterflügel weit geöffnet. Er war eine Weile hier gestanden und hatte die letzten Farben des Sonnenuntergangs beobachtet, wie sie vom Grau verschluckt wurden – eine passende Metapher für seinen Gemütszustand.

Er hatte von Janette geträumt. Janette im „Raven“, lachend, mit einer eleganten Handbewegung ihre Worte unterstreichend – und dann hatte sich das Bild gewandelt, wurde von einem anderen überlagert... Janette, blass und mit schmerzverzerrten Zügen auf einer Liege in einem sehr grellen, gekachelten Raum sitzend. Eine andere Frau beugte sich über sie, ein silbern blitzendes Skalpell in der Hand – er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, nur ihren weißen Arztkittel und über die Schultern fallendes, lockiges braunes Haar. Er griff nach ihrer Hand, in der Annahme, sie wäre dabei, Janette zu verletzen – obwohl etwas in ihm sagte, dass sie im Gegenteil ihr zu helfen versuche.

Er war ruckartig aus diesem Traum hoch geschreckt, noch bevor die Frau sich umgedreht hatte und er ihr ins Gesicht sehen konnte.

Nicholas hob die Hände und presste die Handballen gegen die Lider seiner Augen. Wieso konnte er sich nicht erinnern? Wieso erinnerte er sich an Janette und den Club und den Spott des Nightcrawlers, doch nicht an all das, was dazwischen sein musste? Es war, als blicke er auf ein Puzzle, das aus tausend Teilen bestand und er hatte erst drei zusammenpassende gefunden, die verloren auf dem Tisch lagen – umgeben von anderen, die ihnen in Farbe und Form ähneln mochten, jedoch in ihrer Einzelheit zu abstrakt waren, um ihm einen Blick auf das Gesamtmotiv zu erlauben.

Seine Vergangenheit lag deutlich vor ihm. Gwyneths Tod; die Kreuzzüge… die Nacht in Paris, als er Janettes Verführung erlag und LaCroix ihm ewiges Leben versprach. Das erste Erwachen in den Katakomben; der erste Hunger und das erste Töten. Die ersten Qualen der Gewissheit, zu was er geworden war... die Jahrzehnte, die in Jahrhunderte übergingen. Fleur und ihr Sohn, sein Neffe. Seine Frau Alyssa. Die Reisen, die Kriege und Konflikte, die Jagd, die Spiele und Festivitäten. Die Menschen, denen er begegnet war – und die Vampire, deren Wege sich mit seinen gekreuzt hatten. Jede von LaCroix grausamen Lektionen... Sylvane… Alexandra… Francesca… so viele Namen, so viele Gesichter. Er konnte sie nicht vergessen, nicht einmal wenn er es sich wünschte. Doch seine Erinnerungen wurden nach seiner Ankunft in Toronto lückenhaft. Er erinnerte sich an den Drogenring, den er versucht hatte, zu unterwandern und an die Rohrbombe, die der Lohn für seine Bemühungen gewesen war...

Wie dicht war er an diesem Tag an die Grenze geraten, von der es selbst für einen Unsterblichen keine Rückkehr mehr gab.  Er erinnerte sich in der Dunkelheit eines Leichensacks aufgewacht zu sein – selbst Angesichts seines bizarren Daseins ein Novum – benommen und verwirrt und zu spüren, wie das Leben langsam aus ihm heraus sickerte. Er war es längst leid, sich dagegen zu wehren und ließ es einfach geschehen; hieß den Tod willkommen. Aber es gab einen Punkt, an dem Instinkt – der Urinstinkt unter allen Umständen zu überleben – den freien Willen überwand und er begann zu heilen.

Dann wurde der Reißverschluss des Leichensacks geöffnet und er sah in das Gesicht von...

Die Erinnerung brach hier ab, wurde wieder nebulös.

Jemand lachte im Nebenraum und für einen Moment dachte Nicholas, es wäre ein Echo seiner Erinnerungen. Dann traf ihn LaCroix’ Anwesenheit mit einer Wucht, die der des Sonnenstrahls der seine Brust verbrannt hatte, in nichts nachstand. Nur der Schmerz blieb aus.

Nach ein paar Sekunden verringerte sich die Intensität und LaCroix wurde zu einem Hintergrundrauschen, wie es immer gewesen war, so lange sie sich einander räumlich nahe waren. Er hatte nie die Fähigkeit gemeistert, die Verbindung über längere Distanzen aufrecht zu erhalten. Oder sie gar in irgendeiner Hinsicht zu kontrollieren. Bestenfalls ignorierte er sie so lange, bis sie fast in Vergessenheit geriet.

Lachen drang aus dem anderen Raum in sein Zimmer und Nicholas wandte sich vom Fenster ab. Er durchquerte das Schlafzimmer und öffnete die Tür zum Wohnbereich.




Regina regit colorem, die Dame bestimmt die Farbe  (Schachregel – Quelle: Wikipedia)


LaCroix war nicht alleine. Neben ihm saß eine Frau mit langen, lockigen braunen Haaren, die offen über ihren Rücken und ihre Schultern fielen. Es war ihr Lachen, das er gehört hatte. Sie trug ein dunkelblaues Kleid, das die milchweiße Haut ihrer Schultern und Oberarme entblößte.

Für einen Moment dachte Nicholas es wäre die Frau aus seinen Träumen.

Dann begegnete ihm LaCroix’ spöttischer Blick über ihre Schultern hinweg. „Ah, mon ami. Hast du gut geschlafen, Nicholas? Wenn ich so sagen darf, du siehst bereits erholter aus als bei unserer Ankunft. Ich wusste, es war eine gute Idee, dich nach Hause zu bringen.“

avez-vous été, LaCroix?“, wollte Nicholas wissen.

Die Augen des älteren Vampirs nahmen einen metallenen Ausdruck von Härte an. „Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig.“ Er nahm die Hand der Frau, die auf seinem Arm lag, hob sie hoch – und ließ sie dann einfach achtlos fallen. „Verschwinde. Lass’ uns allein“, befahl er.

Nicholas presste die Lippen zusammen und wandte sich ab, um in sein Zimmer zurück zu gehen. Er hätte es besser wissen müssen, als eine Artwort zu erwarten – oder als etwas anderes denn als kleiner, trotziger Junge behandelt zu werden, der ins Bett geschickt wurde, damit er die Erwachsenen nicht störte.

„Nicht du, Nicholas.“

Er wandte sich wieder LaCroix zu, als der seine Worte mit einer abweisenden Handbewegung in Richtung seiner Begleiterin verdeutlichte.

Die Frau stand auf und strich indigniert ihr Kleid glatt. Sie drehte den Kopf, um Nicholas zum ersten Mal seit seinem Eintreten anzusehen. Ihre Augen glühten auf und sie fauchte wütend, ihre Fangzähne entblößend. Offenbar war sie gar nicht gut auf die Unterbrechung zu sprechen.

Salaud.“ Es schien ihnen beiden zu gelten. LaCroix reagierte nicht, es schien als wäre sie überhaupt nicht mehr im Raum anwesend.  Nicholas versuchte sich an einem Schulterzucken.

Sie griff nach einem dunkelblauen Cape, warf es sich über die Schultern und verließ die Suite. Ihre Absätze trommelten ein wütendes Stakkato, das selbst der dicke Teppich nicht völlig dämpfen konnte.

LaCroix schenkte ihr keinen weiteren Blick. Er lehnte sich entspannt zurück und musterte Nicholas.

„Wo bist du gewesen?“, fragte Nicholas erneut.

„Wir werden das Hotel morgen Abend verlassen“, entgegnete LaCroix als wäre es eine völlig logische Antwort und nicht die auf eine völlig andere Frage. „Ich habe veranlasst, dass deine Sachen gepackt werden.“

„Ich gehe hier nicht weg, bevor ich...“ Nicholas brach verunsichert ab, als LaCroix erfreut lächelte. „Ich gehe nirgendwo hin, bevor ich nicht weiß, was passiert ist.“

LaCroix stand auf und trat zu ihm. „In diesem Fall sollte ich dir die Antworten, die du suchst, noch für eine lange Zeit verweigern, nicht wahr, Nicholas?“

„Was?“ Nicholas hatte plötzlich das Gefühl, sie führten zwei Unterhaltungen über verschiedene Themen – gleichzeitig. Und er hatte keine Ahnung, von was LaCroix sprach.

Der andere Mann legte die Hand an Nicholas’ Kinn und drehte seinen Kopf zur Seite, um den Hals frei zu legen. „Die Wunden sind verheilt“, stellte er fest und zog die Hand zurück. „Du heilst. Das ist gut. Die Pariser Gemeinde erwartet unserer Rückkehr.“

Nicholas wich instinktiv einen Schritt zurück, bevor er sich selbst dabei ertappte und die Schultern straffte. „Ich bezweifle, dass das auch für mich gilt.“

LaCroix machte eine wegwerfende Geste. „Vielleicht wirst du nicht mit offenen Armen willkommen geheißen, aber niemand wird sich mir widersetzen.“

„Gut. Es gibt doch nichts, was du mehr fürchtest, als die Kontrolle über etwas zu verlieren, nicht wahr?“ Die Worte waren über Nicholas’ Lippen, bevor er sie bewusst gedacht hatte. „Deshalb sperrst du mich hier ein und...“

Eine Ohrfeige brachte ihn zum Schweigen. LaCroix hatte so rasch und hart zugeschlagen, dass Nicholas es nicht hatte kommen sehen und sein Kopf wurde zur Seite geschleudert.

« Imbécile»  LaCroix packte ihn am Kragen und zog ihn zu sich her; dicht genug, dass sich beinahe ihre Nasenspitzen berührten. „Ich sollte dich einfach dir selbst überlassen, du undankbarer Bastard.“

Das wütende Glühen in seinen Augen erfüllte Nicholas mit kaltem Unbehagen.  Doch bevor er eine Geste zur Gegenwehr unternehmen konnte, ließ ihn LaCroix los und gab ihm einen Stoß, der Nicholas rückwärts beförderte. Er torkelte zurück, stieß mit den Kniekehlen gegen die Kante eines Sessels und ließ sich auf ihn fallen. Wachsam sah er zu LaCroix auf, doch das Gesicht des älteren Vampirs zeigte nur eine vertraute Maske von Gleichgültigkeit. Nicholas unterdrückte den Drang, nach einem Spiegel zu suchen und zu sehen, ob er einen blutroten Handabdruck auf der Wange hatte. „Ich habe dich nicht darum gebeten, mich aus Toronto weg zu bringen“, sagte er leise, den Blick wieder auf den Teppich gerichtet.

LaCroix beugte sich zu ihm herab, die Hände auf Nicholas’ Schultern gestützt, so dass er ihn tiefer in den Sessel drückte. „Nein“, entgegnete er sarkastisch. „Alles, um was du mich gebeten hast, war dich zu töten.“

Ein unidentifizierbarer Ausdruck glitt über das Gesicht des älteren Vampirs, zu rasch als dass Nicholas sich sicher sein konnte was es zu bedeuten hatte, aber es erinnerte ihn an die Nacht im Raven, als LaCroix ihm die Wahrheit über Divia sagte. „Ich verstehe nicht...“

„Ich bin nicht der, der die Verbindung zwischen uns abgebrochen hat, Nicholas. Ich habe mich nicht von dir abgewendet, mich dir verschlossen. Ich habe dir das Leben geschenkt und die Ewigkeit. Und du wolltest dieses Geschenk für das bedeutungslose Dasein eines Menschen wegwerfen? Nein, Nicholas. Wir sind miteinander verbunden. Für immer.“

Doch LaCroix fing sich rasch und bevor Nicholas noch einmal den Mund öffnen konnte, befahl er ihm zu schlafen. Es sah für einen Moment so aus, als würde sich der jüngere Mann dem hypnotischen Befehl widersetzen, doch es war vergeblich – seine Augenlider schlossen sich und die Muskeln unter LaCroix’ Handflächen entspannten sich.

LaCroix richtete sich auf. „Du kannst mich nicht verlassen. Du kannst mich nicht töten - so wenig wie du einfach in den Sonnenaufgang hinaustrittst, um deine Existenz zu beenden. Was willst du also tun, Nicholas? Die Ewigkeit damit verbringen, vor mir weg zu laufen? Dazu ist die Erde nicht groß genug.“  Seine Fingerspitzen strichen über Nicholas Stirn, seine Schläfen – berührten den verblassenden Abdruck auf dessen Wange. „Dich in deiner Illusion von Menschlichkeit verstecken, mit deinen sterblichen Spielkameraden? Du kannst dich nicht vor mir verstecken. Ich werde dich überall finden. Und deine sogenannten Freunde sind nichts als Bauern, die  nach Belieben geopfert werden können. Du hast keine Wahl, du wirst dein Erbe akzeptieren. Du gehörst mir. Du bist mein. Ich habe alle Zeit der Welt, dich davon zu überzeugen, wenn es nötig sein sollte.“

Er zog seine Hand zurück, er hatte noch einiges vor Sonnenaufgang zu organisieren. „On ne peut pas revenir sur le passé, Nicholas.“ Niemand konnte in die Vergangenheit zurückkehren.



Ende