Katzenträume

T’Len (2006)

 

 

 

Ich vermochte später nicht zu sagen, was mich geweckt hatte. War es ein schnurrendes Geräusch oder eine leichte Berührung, die sich wie Fell anfühlte, gewesen?

 

Jedenfalls schreckte ich aus dem Schlaf hoch. Ich wollte nach dem Schalter meiner Nachttischlampe greifen, um Licht anzuschalten, doch eine Hand hielt die meinige auf. Wieder glaubte ich Fell zu spüren.

 

"Kein Licht", sagte eine Stimme, die mir seltsam vertraut und doch fremd erschien. War da ein leichtes Schnurren in ihr gewesen?

 

"Wer bist du?", fragte ich in die Dunkelheit hinein und versuchte, irgendetwas zu erkennen. Doch um mich herum herrschte finsterste Nacht. Nicht einmal der geringste Schimmer drang von der Straßenlampe vor meiner Wohnung herein. Wirklich ungewöhnlich.

 

"Später", sagte der Fremde, der mir noch immer irgendwie vertraut erschien. Ich war mir mittlerweile sicher, dass es sich um eine männliche Stimme handelte. "Vertrau mir, dir wird nichts geschehen."

 

Ich spürte, wie mir etwas in die Hand gedrückt wurde. "Zieh dich an, beeil dich", drängte mein nächtlicher Besucher.

 

Automatisch gehorchte ich ihm. Irgendwie schaffte ich es, mich im Dunkeln anzuziehen.

 

"Komm", er ergriff mich an der Hand und führte mich aus der Wohnung. Als ich im Treppenhaus Licht machen wollte, hielt er mich erneut auf. Statt dessen trieb er mich zur Eile an.

 

Als wir auf die Straße kamen, bemerkte ich, dass auch hier alles dunkel war. Keine der Lampen brannte. Auch in keinem der umliegenden Häuser sah ich einen  Lichtschein. Der Himmel war dunkel und sternenlos. Um uns herum herrschte gespenstische Stille. Nicht einmal auf der Hauptstraße hörte ich ein Auto.

 

"Beeil dich", forderte mein Begleiter mich erneut auf. An seiner Hand stolperte ich durch die Nacht.

 

Ich wusste nicht, wie spät oder früh es war noch wie lange wir so durch die Dunkelheit liefen. Und obwohl mir die Straßen des Ortes seit der Kindheit vertraut waren, verlor ich rasch die Orientierung.

 

Schließlich wurde mein Begleiter langsamer. Es ging einige Stufen herab. Dann wurde eine Tür geöffnet. Ich fand mich in einem großen, höhlenähnlichen Raum wieder. Ich blinzelte in die plötzliche Helligkeit. Als sich meine Augen wieder ans Licht gewöhnt hatten, glaubte ich im hinteren, im Schatten liegenden Teil andere Personen zu erkennen.

 

Ich wandte mich nach meinem Begleiter um und stutzte. Vor mir stand ein junger Mann, doch wohl kaum ein Mensch.

 

Statt mit Kleidung war sein Körper mit rotbraunem Fell bedeckt. Nur die Innenfläche seiner Hände war felllos. Um seine Nase vibrierten Schnurrhaare. Einen langen Schwanz hatte er fein säuberlich um seine Beine geschlungen. Seien Ohren zuckten aufgeregt. Wieder hatte ich das Gefühl ihn kennen zu müssen.

 

"Du hast sie, gut." Eine weibliche Stimme erklang und aus den Schatten trat eine Katzenfrau mit grau-weißem Fell. Sie wirkte älter als der Fremde.

 

"Wer seid ihr? Was wollt ihr von mir?", fragte ich.

 

"Du kennst uns", sagte sie. Für einen Moment verschwammen die Gestalten vor mir, dann sah ich dort, wo eben noch die Katzenmenschen gestanden hatten, zwei meiner Katzen.

 

"Tiger! Diva!", rief ich.

 

Die Tiere strichen um meine Beine. Automatisch bückte ich mich zu ihnen herab und streichelte sie. Beide schnurrten. Dann flimmerten sie erneut und wieder standen die beiden Katzenmenschen vor mir.

 

"Offensichtlich seit ihr nicht das, wofür ich euch hielt", sagte ich.

 

"Unser Volk lebt am anderen Ende der Galaxie, die ihr Milchstraße nennt", begann Diva ihre Erklärung. "Schon seit Millionen Jahren eurer Zeitrechnung beherrschen wir die interstellare Raumfahrt. Schließlich entdeckten unsere Vorfahren auch euren Planeten."

 

Fasziniert hörte ich ihrer Erklärung zu. Die aktuelle Raumfahrt hatte mich stets ebenso fasziniert wie Science Fiction, aber dass es tatsächlich zur Begegnung mit außerirdischen Intelligenzen kommen könnte, hätte ich bis zu diesem Moment ausgeschlossen.

 

"Es gibt nicht viele Welten mit intelligentem Leben", fuhr Diva fort. "Eure erschien unserem Volk hoffnungsvoll. Natürlich wart ihr noch längst nicht soweit, dass wir mit euch in Kontakt treten konnten. Also mischten wir uns unter die existierenden felinen Spezies und beobachteten eure Entwicklung über die Jahrtausende hinweg."

 

"Aber nun", begann Tiger das Wort zu ergreifen. "Haben unsere Führer beschlossen, dass ihr ein hoffnungsloser Fall seit. Ihr zerstört eure Umwelt ohne Rücksicht auf die, die darin leben. Ihr bedroht euch mit Unmengen an Waffen, von denen schon eine einzige den ganzen Planeten unbewohnbar machen könnte. Ihr verschwendet eure Rohstoffe und führt dann Kriege um die restlichen Reserven. Ihr verurteilt andere, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben oder an einen anderen Gott glauben. Ihr tötet Geschöpfe, die ihr als niedriger als euch anseht."

 

Mir fiel nichts ein, womit ich ihm widersprechen konnte. "Jetzt wollt ihr uns deshalb vernichten?", fragte ich besorgt.

 

Diva ließ ein leises Knurren hören und fletschte die Zähne. "Dann wären wir nicht besser, als ihr", sagte sie. "Nein, die Menschen werden auf andere Planeten gebracht, die weitaus weniger paradiesisch sind als die Erde. Dort werden sie gezwungen sein, zusammen zu arbeiten, um zu überleben und ihre unsinnigen Streitereien vergessen."

 

"Aber diejenigen, die wie du, stets gut zu uns waren, uns zu essen und ein Zuhause gaben, ihr werdet ein neues, besseres Leben führen können. Euch wird es an nichts fehlen", erklärte Tiger. "Wir werden unser Wissen mit euch teilen, eure Krankheiten heilen, euch zeigen, wie ihr im Wohlstand leben könnt, ohne eure Umwelt zu zerstören."

 

"Euch wird nichts passieren", versicherte Diva. "Hier seit ihr in Sicherheit bis es vorbei ist."

 

"Was ist mit meiner Familie?", fragte ich besorgt.

 

"Auch sie ist in Sicherheit. Die anderen zwei kümmern sich um sie", beruhigte mich Tiger.

 

Ich ahnte, wen er mit die anderen zwei meinte, unsere weiteren Katzen.

 

"Bleibe hier und dir wird nichts geschehen", betonte Diva.

 

Erneut verschwammen ihre und Tigers Gestalt und sie verwandelten sich in Katzen. Maunzend strichen sie um meine Beine, dann verschwanden sie und hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss.

 

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Ich vermochte später nicht zu sagen, was mich geweckt hatte. War es ein schnurrendes Geräusch oder eine leichte Berührung, die sich wie Fell anfühlte, gewesen?

 

Ich blinzelte ins helle Sonnenlicht. Offensichtlich war ich in meinem Liegestuhl in unserem Garten eingeschlafen. Auf meinem Schoß lag zusammengerollt eine unserer Katzen.

 

Ich kraulte sie hinterm Ohr. "Du glaubst nicht, was ich eben geträumt habe", sagte ich zu ihr.

 

Ein paar grüne Augen blinzelten mich an, als wollten sie sagen, bist du dir sicher, dass es nur ein Traum war.

 

Ende