Kalte Welt - Teil 8



Disclaimer siehe Teil 1
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Kirk beschloss die in seiner Kabine wartende Order später zu lesen. Zuvor würde er noch einmal bei Spock vorbeischauen. Als er die Krankenstation betrat war dort alles ruhig. Das Licht war herunter gedimmt und es hielt sich niemand in dem kleinen Vorraum auf. Kirk erinnerte sich, dass sowohl Chapel als auch McCoy vermutlich bereits schliefen.

Er ging zu dem kleinen Intensiv Raum. Die Scheiben waren transparent jedoch saß niemand mehr an den Monitoren. Einen Moment stand er vor einer Scheibe und beobachtete die schlafende Gestalt darin. Sah wie sich der Brustkorb des Vulkaniers regelmäßig hob und senkte.

Er wollte seine Finger durch die zarte Brustbehaarung wandern lassen, die Muskeln unter der zarten Haut erbeben fühlen und seine Haut daran reiben. All das musste warten. Nein, all das konnte warten. Spock würde leben, es gab eine Zukunft. Kirk schloss die Augen und genoss das angenehme Gefühl was sich bei dem Gedanken an eine gemeinsame Zeit in ihm ausbreitete.

„Captain?"

Kirk fuhr herum, er hatte M´Benga nicht kommen hören. Wie lange stand er schon dort? M´Benga stellte sich neben ihn und blickte ebenfalls durch die Scheiben.

„Doktor M´Benga?" Kirk nickte ihm zu und richtete seinen Blick wieder auf Spock. „Ich bin sehr dankbar, dass wir mit ihnen einen Spezialisten für vulkanische Medizin an Bord haben."

„Danke Captain, allerdings war in der gestrigen Nacht nicht meine Spezialisierung ausschlaggebend für das Überleben von Mr.Spock."

Kirk schaute ihn fragend an. M´Benga sprach nicht weiter, sondern blickte weiter in den Raum.

Kirk nahm seinen Mut zusammen, „Dr. McCoy deutete mir an, dass sie etwas von einem vulkanischen Konzept, dessen Aussprache er sich nicht mehr mächtig fühlte, gesagt hatten.... ."

Keine Reaktion, nur ein angedeutetes stummes Nicken.

„Dr. M´Benga?"

„Captain, es ist mir unangenehm und ich hoffe das ich nicht ihre Privatsphäre verletzt habe. Es war in medizinischem Kontext notwendig, das ich meinen Vorgesetzten darüber informiere." M´Benga hatte Schuldgefühle? Wegen seiner Privatsphäre?

Kirk blickte ihn verwirrt an. „Privatspähre? Doktor ich fürchte ich kann ihnen nicht ganz folgen. Niemand hat meine Privatsphäre verletzt, nicht gestern und auch nicht heute. Man hat meinen Freund und Ersten Offizier verletzt aber ..."

Nun war es an M´Benga verwirrt zu gucken. „Ihren Freund? Sir, entschuldigen sie aber T´hy´la bedeutet mehr als Freund, es ...."

T´hy´la!!!???? Kirk unterbrach den Arzt mitten im Satz, „Spock sagte es mir, dieses Wort, T´hy´la, so klang es, auf dem Planeten, kurz bevor er ....", er hielt inne als er sah das der Arzt ihn mit geweiteten Augen ansah.

„Dr. M´Benga? Habe ich etwas falsches gesagt?"

„Sie wissen nichts darüber?", M´Bengas Frage war leise, doch konnte Kirk das Erstaunen darin nicht überhören.

„Nein. Kaum. Eigentlich nein. Nur das Spock dieses Wort benutzte im Zusammenhang mit Freundschaft kurz bevor er ..... und dann ..... Doktor wenn sie mehr wissen, dann ... "

M´Benga blickte zu Spock dann zum Fußboden. Er schien sich plötzlich unwohl zu fühlen. „Es ist sehr privater Natur Sir", antwortete er schließlich leise. „Vielleicht ist es angebrachter wenn Mr. Spock selber .... ich dachte sie wüssten ... "

„Nein," unterbrach Kirk heftig. Leiser fuhr er fort, „Doktor, Spock ist Vulkanier. Sie sollten am besten wissen wie fürchterlich privat Vulkanier die einfachsten Dinge behandeln. Sie jedoch, sind ein Mensch, wie ich. Ich bitte sie, es mir zu erklären, bevor ich 2 Wochen lang bei Spock um den heißen Brei herumschleichen muss und
eine ganze Festung an vulkanischer Selbstdisziplin überwinden muss .... bitte."

M´Benga sah ihn einen Moment an, dann lächelte er leicht, „Vielleicht haben sie Recht Captain."

M´Benga schwieg einen Moment und schien die Anzeigen in Spocks Raum abzulesen. Dann holte er seufzend Luft.

„T´hy´la ist das vulkanische Wort für Freundschaft. Es ist allerdings auch das Wort für Bruder, Kampfgefährte oder ...." M´Benga schien nach dem richtigen Wort zu suchen, lief er rot an? Wenn ja war seine dunkle Haut in diesem Moment von Vorteil für ihn.

„Oder?" hakte Kirk nach.

„ ... oder Geliebter." M´Benga flüsterte es fast und hatte die Augen geschlossen.

Geliebter, klang es in Kirks Kopf nach. Hatte Spock etwa das gemeint. Mehr als Freundschaft? Liebe? Kirk fühlte wie sein Herz einen Moment aussetzte. Empfand sein Freund dasselbe für ihn, was er für Spock empfand? Liebe?

Er fixierte M´Benga, der noch immer mit geschlossenen Augen und abgewandtem Gesicht da stand. Offensichtlich beschäftigte ihn noch mehr. „Doktor?", sprach Kirk den Arzt leise an. M´Benga drehte langsam den Kopf und sah Kirk einen Moment an, als wüsste er nicht wo er war. Dann klärte sich sein Blick und er holte tief Luft. „Entschuldigen sie Captain, ich war einen Moment in eigenen Gedanken versunken. Haben sie eigentlich schon etwas gegessen?"

Kirk bemerkte erst jetzt, als der dunkelhäutige Arzt ihn daran erinnerte, dass er tatsächlich Hunger hatte. „Nein, jetzt wo sie es sagen. Ich könnte wirklich etwas zu Essen vertragen." M´Benga nickte, „Kommen sie, Spock ist noch eine Weile in Trance und auch ich habe Hunger. Ich lasse etwas von der Messe kommen und wir setzen uns in McCoys Büro. Dann werde ich ihnen vielleicht etwas mehr Erklärungen anbieten können."

Kirk nickte stumm und M´Benga verschwand im Vorraum der Krankenstation. Kirk war wieder allein und blickte durch die Scheiben. Spocks Kopf lag nach wie vor auf der Seite, ihm zugewandt, die Augen geschlossen. Von der Wunde an der Schläfe war aus dieser Distanz nichts mehr zu erkennen. Seine Haare lagen glatt am Kopf an
außer dort wo er das Kissen berührte. Dort waren sie ein wenig wirr. Er wirkte friedlich und ..... wunderschön. Kirk schluckte.

„T´hy´la", flüsterte Kirk leise und lehnte sich mit der Stirn an das kühle Glas der Scheiben. Wenn Spock wieder gesund war würden sie reden. Er würde alles mit ihm besprechen. Wie lange hatten sie ihre Gefühle zueinander verborgen. Aus falsch verstandener beruflicher Distanz vielleicht? Oder täuschte er sich, empfand Spock nicht dasselbe?

„Captain?" eine Hand legte sich auf seine Schulter und riss ihn aus seinem Gedankenkokon. „Das Essen ist da." M´Benga sah ihn einen Moment neugierig an. Kirk richtete sich auf und holte tief Luft. Es war nicht gut, wenn seine Besatzung den Captain so sah, schalt er sich. „Ich habe nur ...", fing er an.

Doch M´Benga machte eine abwehrende Handbewegung. „Sir, ich bin Arzt, sie brauchen mir nichts zu erklären. Ich habe selber einmal, wie sie heute an einem Fenster gestanden und mit meinen Gefühlen und meiner Sorge gekämpft."

Kirk blickte ihn überrascht an. Was meinte er damit? Er wollte fragen, doch M´Benga sprach bereits weiter. „Solek ist sein Name. Wir studierten gemeinsam an der vulkanischen Akademie Medizin. Eines Tages stürzte sein Gleiter über der Wüste ab. Leider passiert das nicht selten auf Vulkan, denn die Sandstürme sind noch immer
unberechenbar und auch die Dickköpfigkeit von Vulkaniern. Es wurde eine Suche eingeleitet die ergebnislos war." M´Benga machte eine Pause und studierte Kirks Gesicht.

„Ich wusste wo er zu finden war. Ich konnte es spüren, konnte spüren das er noch lebt, im Gleiter gefangen war und verletzt, er starb. Die vulkanischen Behörden schenkten mir keinen Glauben, so kontaktierte ich Soleks Familie. Lady Amanda hat mir damals sehr geholfen, denn ohne sie wäre ich kaum durch den engen Zaun der
vulkanischen Privatsphäre gekommen."

Bei der Erwähnung von Spocks Mutter hob Kirk die Augenbrauen und hörte interessiert weiter zu.

„Soleks Vater hat mir mit Sicherheit auch nicht geglaubt. Doch ein Sohn bedeutet auf Vulkan sehr viel, ebenso das Wort des Freundes in der Familie und so gab er mir einen Gleiter und begleitete mich in die Wüste. Wir fanden Solek, es war fast zu spät. Er war unter Sandmassen verschüttet und schwer verletzt. Doch er lebte noch, ich
konnte seinen Geist fühlen als ich ihn berührte. In der vulkanischen Akademie stand ich fast drei Tage an solch einer Scheibe und sorgte mich und wartete."

„Hat er überlebt?", fragte Kirk vorsichtig. Damit hatte er nicht gerechnet und ihm wurde bewusst wie wenig er diesen Arzt kannte.

M´Benga nickte langsam. „Ja, er musste die Beweglichkeit seiner Beine einbüssen und brauchte lange für die Genesung. Aber er hat überlebt. Und ..." M´Benga zögerte kurz, „ .... Solek ist mein T´hy´la, Captain."

Kirk sah den Arzt verwundert an. „Ihr Freund, und .... mehr?"

„Mehr Captain? Wesentlich mehr. Die Übersetzung des Wortes die ich ihnen vorhin gab ist kaum ausreichend. Wir sind gebunden, im Geiste. Selbst jetzt, in dieser Entfernung kann ich ihn wahrnehmen. ..."

Kirk versuchte das Erfahrene zu verarbeiten. Mit jeder neuen Information taten sich neue Fragen auf.

„Captain ich denke wir sollten das Essen nicht kalt werden lassen" M´Benga drehte sich und ging ins Büro. Zögernd folgte Kirk, seine Gedanken noch ganz bei der eben gehörten Sache.

Sie aßen schweigend ihr Essen, jeder hing seinen Gedanken nach. War es das was Spock ihm noch sagen wollte, als er fast gestorben wäre? War er sein T´hy´la und war Spock dasselbe für ihn? Er hatte unzählige Fragen und wusste nicht recht wo er anfangen sollte.

M´Benga war fertig mit Essen und hatte sein Besteck zurückgelegt. Er lehnte sich zurück und blickte Kirk forschend an. „Captain es liegt mir fern in ihre Privatsphäre einzudringen. Bitte ..."

„Nein, nein," erwiderte Kirk rasch, „ich denke ich habe in dieser Sache noch keine Privatsphäre die sie verletzen könnten. Ich weiß selber noch nicht einmal was im Moment vorgeht und bin ihnen sehr dankbar, wenn sie mir dabei ein wenig auf die Sprünge helfen."

M´Benga nickte und räusperte sich. „Sir, wenn die Frage erlaubt ist, wie lange wissen sie schon .... .

Kirk überlegte. Er vertraute sich einem Fremden an. War das richtig? Doch auf der anderen Seite schien M´Benga ähnliches erlebt zu haben und hatte ihm vertraut. Wer könnte ihm kompetenteren Rat geben?

„Eigentlich weiß ich es noch gar nicht." Kirk schüttelte den Kopf, nein das klang falsch. „Ich weiß nicht recht wo ich anfangen soll. Ich sah in Spock immer mehr als nur meinen 1. Offizier. Wollte hinter die vulkanische Fassade schauen und war mir sicher das dahinter ein sensibler Mann steckt. Wir hatten unsere Problemchen am
Anfang, allerdings entwickelte sich mit der Zeit eine sehr tiefe und intensive Freundschaft, Vertrauen und Loyalität. Er hat mir mehr als einmal das Leben gerettet ..... ich fühle mich wohl und entspannt in seiner Gegenwart. Irgendwann war da einfach mehr."

M´Benga nickte wieder, „Sie sind der einzige an Bord der Enterprise der Spock berührt. Niemand berührt einen Vulkanier ohne Erlaubnis Captain. Aber sie tun es als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Als ich das sah und wichtiger noch, als ich sah das Mr. Spock ihre Berührungen und Gesten tolerierte, sie fast erwartete – nun ich
wusste das mehr zwischen ihnen war als Freundschaft. Vulkanier sind immer für eine Überraschung gut, doch zumindest kenne ich Vulkanier gut genug, das ich wusste das Mr. Spock ihnen wesentlich mehr entgegenbringt."

Kirk ließ das was M´Benga sagte in seinen Gedanken kreisen. Er sah Spock, wie er ihn mit seinem üblichen „Fast-Lächeln" bedachte auf der Brücke. Die amüsiert hochgezogene Augenbraue, wie sie ihn sanft auszulachen schien in manchen Situationen und die gleichzeitige Zuneigung in den schwarzen Pupillen. Er war offensichtlich blind gewesen.

„Captain, entschuldigen sie wenn ich ihnen zu nahe trete. Bei Vulkaniern ist das Verhalten recht eindeutig – wenn man weiß worauf man achten muss. Allerdings war ich mir bei ihnen nie sicher, ob es lediglich der übliche menschliche Drang ist jemanden zu berühren, ob es unbewusst geschieht oder ob da mehr ist. Es lag mir immer fern danach zu fragen. Doch als ich sie gestern sah an seinem Bett, als
ich sah was sie taten und ...... Sir, ich möchte mich in aller Form entschuldigen, das ich daran gezweifelt habe das ...." M´Benga blickte Kirk an und wartete scheinbar auf ein Urteil.

„Doc, sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ich bin selber blind gewesen. Und Spock hat nie etwas gesagt, woher sollte ich wissen das meine Gefühle nicht einseitig sind?" Kirk stand auf und begann im Raum umherzuwandern.

„Seine vulkanische Erziehung. Er hätte ihnen vermutlich niemals etwas gesagt. Sir vergessen sie es nicht. Sie sind der Captain, sein vorgesetzter Offizier. Vulkanier haben seit ihrer Kindheit gelernt persönliche Gefühle und Wünsche zu unterdrücken, zu beherrschen und sie den beruflichen Anforderungen unterzuordnen."

Kirk brummte, „Starrsinniger Vulkanier, er musste fast sterben bis er es über seine Lippen brachte und ich habe es nicht einmal verstanden." Er schüttelte den Kopf.

„Was ist wenn er aufwacht?" Kirk drehte sich zu M´Benga. „Wird er es noch wissen, wird er es akzeptieren, das ich es jetzt weiß. Das er selbst es mir gestanden hat? Er ist sehr hart zu sich selbst .... es würde mich nicht wundern wenn er sich in sein vulkanisches Schneckenhaus verkriecht und .... Nein, das darf nicht passieren."

M´Benga legte den Kopf schräg. „Das ist möglich. Wenn ihnen Mr. Spock etwas bedeutet, dann werden sie den ersten Schritt machen müssen. Er selbst kann es nicht."

„Ja," seufzte Kirk, „wenn ich nur wüsste wie."

„Captain, sie haben ebenfalls einiges hinter sich. Soweit ich es beurteilen kann fehlt ihnen auch eine gute Portion Schlaf. Vielleicht sollten sie diese nachholen. Dann ist dort unten ein Planet, den wir gerade untersuchen, von dem ich weiß das die
medizinisch botanische Abteilung ihn recht interessant findet. Die romulanische Grenze ist vor der Haustür und all das trägt nicht dazu bei zu klaren Gedanken zu kommen."

M´Benga begann die Essenstabletts fortzuräumen und drehte sich zu Kirk. „Mr. Spock wird vermutlich morgen aus der Heiltrance erwachen. Seine Verletzungen sind dann auskuriert, jedoch wird er noch sehr schwach, erschöpft und vor allem müde sein. Im Laufe des Tages werden wir ihn aus der Krankenstation entlassen, damit er in seiner Kabine etwas mehr Privatsphäre hat. Ich werde ihnen Bescheid geben, Sir."

Kirk nickte, „Danke Doktor, für alles:" M´Benga lächelte und blickte Kirk hinterher als dieser aus der Krankenstation ging. Sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht. Der Arzt schloss die Augen und suchte in seinem Geist nach der vertrauten Präsenz.

<Solek?>

<T´hy´la, deine Gedanken sind sehr emotional. Was bewegt dich so? Hast du Spock helfen können?>

<Ich bin müde Solek und vielleicht nicht mehr in der Lage meine Gefühle abzuschirmen. Verzeih. Ja Spock geht es besser, er ist in Heiltrance.>

Als Antwort bekam er eine warme Umarmung und Verständnis.

<Es wird Lady Amanda freuen das es ihrem Sohn besser geht. Hat der Mensch verstanden?>

<Das wird die Zeit zeigen Solek, du solltest Menschen kennen.>

Ein mentales Lachen hüllte ihn ein und er lächelte ebenfalls. <Sicher hast du Recht. Spock ist nicht dafür bekannt leichtfertig zu wählen. Du wirst mir alles erzählen, wenn du zurückkehrst.>

M´Benga fühlte Freude in der Erwartung seiner Rückkehr. Nur noch einen Monat dauerte ihre Trennung und seine Versetzung auf die Enterprise. Es war ein aufregendes Jahr gewesen und er hatte einiges gelernt.

<Bald Solek, bald. Doch nun muss ich wieder arbeiten.>

M´Benga dämpfte das Licht wieder, holte sich einen Kaffee und setzte sich seufzend wieder vor die Überwachungsmonitore. Der Vulkanier war tief in der Trance und wenn er den Anzeigen glaubte, würde er das auch noch für die nächsten 10 Stunden sein. Er legte seine Beine auf den Tisch, stellte den akustischen Alarm ein und lehnte sich bequem zurück.

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Ende Teil 8

 

Teil 9