Titel: Kamingespräch #1
Serie: Martha Grimes‘ Inspector Jury Romanreihe
Autor: Lady Charena / Feb. 2003
Charaktere: Melrose Plant, Richard Jury, Marshall Trueblood, Diane Demorney, Dick Scroggs, Vivian Rivington, weitere Charaktere
Rating: pg12
Worte: 2162
Beta: T’Len

Summe: Ein Abend im Jack-and-Hammer endet überraschend. (Teil 1 des Prequels zu „Mord in Ardry End“)


Disclaimer: Bei dieser Story handelt sich um nicht-kommerzielle Fanfiction, es wird keine Verletzung von Urheberrechten beabsichtigt. Die Charaktere wurden von Martha Grimes geschaffen.



Nachdrücklich faltete Dick Scroggs den „Bald Eagle“ zusammen, schüttelte die Falten heraus und legte ihn auf ein Regal hinter dem Tresen ab, auf dem sich bereits die früheren Ausgaben des Regionalblättchens stapelten. Er warf einen Blick auf die Standuhr in der Ecke, verglich sie vorsichtshalber mit seiner Armbanduhr und räusperte sich, um die letzte Runde auszurufen.

Mrs. Withersby hatte sich im seligen Ginschlummer vor dem Kamin niedergelassen und war von Dicks Stimme allein nicht wach zu kriegen. Der Wirt wusste sich jedoch zu helfen. Er hob einfach Withers selten benutzten Putzeimer hoch und schlug mit dem noch fast jungfräulich neuen Feger dagegen. Mrs. Withersby schlug die Augen auf, lächelte wie ein schlaftrunkenes Baby und zeigte dabei ihre wenigen Zähne. Dann rappelte sie sich mit Scroggs Unterstützung auf, schnorrte noch eine Zigarette aus Melrose’ Etui und machte sich schwankend, aber glücklich, auf den Heimweg. Einsam zurück blieben Eimer und Putzlappen.

Marshall Trueblood war gänzlich unelegant in seinem Stuhl zusammengesackt und bot einen ungewohnt aufgelösten Anblick. Sein eierschalenfarbenes Armani-Jackett war auch an anderen Stellen, als an den dafür vorgesehenen zerknittert, die Enden eines rostroten Schals lugten matt aus dem rosa Hemd. Anstatt zu rauchen, rührte er gedankenverloren mit einer weißen Zigarettenspitze in einem Martiniglas gewaltigen Ausmaßes. Selbst seine Frisur schien aus dem Gleichgewicht geraten, ein unbändiges Haarbüschel am Hinterkopf strebte der Decke entgegen.

Diane Demorney – die Hauptverantwortliche für Truebloods derangierten Zustand – wirkte hingegen wie das blühende Leben selbst. Oder war sie zu Eis erstarrt? Ihr schneeweißes Kleid mit Pelzbesatz am Kragen weckte eher Gedanken an klirrende Winternächte, als an einen sonnigen Frühherbsttag, der eben erst sein Ende gefunden hatte. Ihr schwarzes Haar war frisch in Form gebracht worden und lag wie eine Kappe glatt um ihr Gesicht. Abgesehen davon war sie natürlich wie immer von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet. Aus der enormen Handtasche, aus der sie vor einigen Stunden die beiden überdimensionierten Martinigläser aus ihrem Privatbesitz genommen hatte, fischte sie nun ein silbernes Etui, um sich eine neue Zigarette anzuzünden.

Sie gab Trueblood einen nicht gerade sanften Stoß, der ihn aus seiner Grübelei aufschreckte und hielt ihm die Zigarette hin, damit er ihr Feuer geben konnte.

Trueblood murmelte etwas und griff nach dem goldenen Feuerzeug mit seinen Initialen, das auf dem Tisch lag. Er verfehlte es knapp und warf statt dessen das Glas um, das auf dem Boden gelandet wäre, hätte Richard Jury nicht reaktionsschnell danach gegriffen.

Diane blickte Jury an, während sie sich selbst Feuer gab und lächelte, als würden sie nun ein Geheimnis teilen. Sie schob das Zigarettenetui zurück in ihre Tasche und brachte dafür einen Flachmann hervor, mit dem sie einladend winkte. Sie ging nie ohne einen ausreichenden Vorrat ihres Lieblingsgetränks aus dem Haus und ließ es sich auch von Dick Scroggs servieren.
So hatte sie auch früher am Abend wortlos zwei der Flaschen, in denen Grashalme schwammen, auf den Tresen gestellt.

Richard Jury lehnte dankend ab, indem er den Kopf schüttelte und auf sein halbvolles Glas wies. Nachdem er über die letzten Stunden hinweg hatte beobachten können, was Dianes Büffelgraswodka bei Trueblood anrichtete, verzichtete er gerne. Der Antiquitätenhändler hatte sich unüberlegterweise durch eine Bemerkungen von Diane zu einer Art Wett-trinken herausfordern lassen. Jury überlegte, aus welchen ominösen Quellen Diane Demorney ihren Wodka wohl bezog, denn es schien ihn nirgendwo in England zu kaufen zu geben...

Melrose Plant blickte den neben sich sitzenden Richard Jury an. „Wälzen Sie schwerwiegende Gedanken, Superintendent oder überlegen Sie, Dianes Locken nachzugeben?“, spottete er. Als Jury sich ihm zuwandte, spürte er plötzlich Verlegenheit und senkte die Augen auf sein Pint Old Peculier.  

Jury lächelte. Diane „lockte“ nicht, sie nahm, was ihr gefiel. Das Gehalt eines Superintendenten von Scotland Yard war nach Demorney’schen Maßstäben zu mickrig, um sich die Mühe überhaupt zu machen. Verdammt, das war es nach jeden Maßstäben. Er fragte sich, warum sie ihre Klauen nicht längst nach Melrose ausgestreckt hatte, unbestritten der Wohlhabendste in ihrer trauten Runde. „Ich habe gerade darüber nachgedacht, woher Diane ihren Wodka bezieht.“

Trueblood behauptet, sie würde ihn in ihrer Badewanne brauen und Unkraut aus dem Garten zupfen, um es in die Flasche zu stopfen.“ Stur hielt Melrose den Blick auf sein Glas gerichtet.

„Das hat er natürlich frei erfunden“, entgegnete Vivian Rivington rasch, als fürchte sie, Jury würde Melrose tatsächlich ernst nehmen. Sie hielt sich krampfhaft an ihrem zweiten Glas Tito Pepe an diesem Abend fest. In der matten Beleuchtung im „Jack-and-Hammer“ glänzten ihre Haare im gleichen Farbton wie der Sherry. Als wäre es ihr peinlich, plötzlich Jurys Aufmerksamkeit auf sich zu finden, zupfte sie wie ein kleines Mädchen an ihrem laubbraunen Twin-Set. „Sie bezieht ihn über einen Händler in London direkt aus Russland.“ Dabei machte sie den Eindruck, als würde sie sich gern auf die Suche nach einem Mauseloch machen. In Jurys Anwesenheit benahm sie sich häufig so.

Jury nickte unverbindlich und leerte sein Whiskeyglas. Bedauerlicherweise fühlte er sich inzwischen wieder nüchterner als bei seiner Ankunft vor einigen Stunden...

Dick Scroggs erschien an ihrem Tisch, um sie höchstpersönlich noch einmal daran zu gemahnen, dass er jetzt schließen würde. Um es zu verdeutlichen, machte er sich unmittelbar daran, die Gläser einzusammeln. Mit einem höflichen „Mylord“ zog er Melrose als erstem sein fast geleertes Pint aus der Hand, lächelte dann Jury an, der ihm sein Glas freiwillig überließ und wartete geduldig, bis Vivian ihres geleert hatte. Dann begab er sich an den Nebentisch zu Diane und Trueblood.

Jury lauschte mit halbem Ohr auf Truebloods Gezänk mit Scroggs, der sich über die Asche aus der Zigarettenspitze im Glas beschwerte. Er tippte auf Melrose Arm. „Vielleicht sollten Sie sich darum kümmern, dass Trueblood heil nach Hause kommt.“

Melrose blinzelte ihn an. „Und Sie?“, fragte er.

„Ich begleite Vivian.“

Neben ihm zuckte Vivian Rivington überrascht zusammen.

Melrose blinzelte erneut und schob sich dann samt Stuhl vom Tisch weg, um aufzustehen. Er zerrte Trueblood – mit Dianes nur verbaler Unterstützung – hoch. Trueblood fiel schwer gegen Melrose und brachte sie beinahe beide zu Fall. Er hätte es wohl auch tatsächlich geschafft, wenn Jury nicht zu Hilfe geeilt wäre. Es war das erste Mal, dass er den Antiquitätenhändler betrunken sah. Sonst merkte man Trueblood ein Zuviel an seinen geliebten Campari-Lemon nicht oder nur kaum an – meist an seiner Geschwätzigkeit, die (ohnehin bereits stark ausgeprägt) mit steigendem Alkoholspiegel nur noch zunahm.

Gemeinsam schafften sie Trueblood an die frische Luft, die aber keinelei ernüchternde Wirkung zu haben schien. Schweigend legten die drei Männer – Vivian folgte ihnen – das Stück Weg zu Truebloods Geschäft zurück, in dem sich auch seine Wohnung befand.

Melrose öffnete die Tür und schob ihn hinein. „Ab jetzt finden Sie sich sicherlich allein zu-recht“, meinte er.

Trueblood lehnte gegen den Türrahmen und schien keine Anstalten zu machen, ganz hinein zu gehen. Er blickte stattdessen Jury an. „Ich weiß, warum Sie hier sind“, nuschelte er.

Jury lächelte. „Es ist ja kein Geheimnis, dass ich hier bin, um meine Freunde zu besuchen.“

Auf Truebloods Gesicht erschien ein listiges Grinsen, wie es keiner der drei anderen jemals zuvor gesehen hatte. „Offiziell, ja...“

„Ich versichere Ihnen, dass ich dieses Mal nicht in Ihrem Laden nach einer Leiche suchen werde“, entgegnete Jury.

Ein glucksendes Kichern kam von Trueblood. „Sie sind ja auch nicht wegen mir hier, Super“, sagte er bedeutungsvoll. „Sondern...“ Er schlug geziert die Hand vor den Mund, als hätte er schon zu viel gesagt.

„Sondern?“ Eigentlich hatte Jury um diese Zeit keine Lust mehr auf Rätselraten.

„Gute Nacht, Trueblood“, mischte sich an dieser Stelle Melrose Plant plötzlich ein.

„Warum denn so eilig? Die Nacht ist noch jung“, maulte der Antiquitätenhändler und zwinkerte Vivian Rivington zu. „VivViv hier weiß es auch.“

Prompt wandten sich Jury und Melrose Vivian, die rot anlief, was in der hellen Straßenbeleuchtung direkt vor dem Laden gut zu erkennen war, zu. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, von was er redet“, protestierte sie.

Trueblood zog sie zu sich und legte vertraulich den Arm um sie. Dann wies er mit dem Kopf auf Jury und Melrose, die nebeneinander vor ihnen standen. „Sind sie nicht ein soooo hübsches Paar?“, meinte er in übertrieben tuschelndem Tonfall.

Die Röte auf Vivians Wangen vertiefte sich noch und sie machte sich von Trueblood los. „Sie wissen ja nicht mehr, was Sie reden“, murmelte sie und wandte sich zum Gehen.

„Ich begleite Sie“, erbot sich Jury sofort, doch sie schüttelte nur den Kopf und verschwand um die Straßenecke.

Trueblood kicherte. „Wirklich ein sehr hübsches Paar.“

Jury wandte sich ihm mit gerunzelter Stirn zu, setzte zu einer Antwort an, schwieg aber und blickte Melrose an. Der studierte angestrengt den Asphalt zu seinen Füßen. „Ich verstehe nicht“, meinte er schließlich. Oder doch?

Trueblood schien sich auszuschütten vor Lachen. „Super, Sie hätten sehen sollen, wie die grünen Augen unseres guten, alten Melrose hier zu leuchten begannen, als Sie gestern im „Jack-and-Hammer“ anriefen...“

Melrose stampfte mit seinem Stock auf. „Gehen Sie zu Bett!“ Seine Stimme klang jedoch eher erschöpft als wütend. Dann wandte er sich ab und verschwand im Dunkel.

Jury verharrte einen Moment, dann zuckte er mit den Achseln und folgte Melrose.

Trueblood lehnte sich gegen die Tür, grinste den Mond an und stimmte ein fröhliches Liedchen an.


* * *


Ruthven öffnete die Tür. „Mylord ist bereits zu Bett gegangen“, informierte er Jury, als käme der Stunden und nicht bloß Minuten später.

Jury fuhr sich durchs Haar und unterdrückte ein Gähnen, als er an dem Diener vorbei eintrat. „Es ist spät, ich werde auch schlafen gehen. Gute Nacht, Ruthven.“

„Gute Nacht, Superintendent.“


* * *


Er warf einen Blick auf die Uhr. Halb ein Uhr morgens und er war noch immer hellwach. Melrose knipste das Licht an und drehte sich auf den Rücken, um die Decke zu studieren. Er knipste das Licht wieder aus. Er zählte Schäfchen. Er knipste das Licht wieder an und setzte sich auf, um einen Schluck Wasser zu trinken.

Schließlich stand er auf, zog seinen Morgenmantel über und ging ins Wohnzimmer, um sich einen Schluck zu trinken zu holen.

Im Kamin war noch ein wenig Glut, in der er lustlos herumstocherte. Er stellte das unberührte Glas Kognak auf dem Kaminsims ab und vergaß es. Verdammt, was war nur los... Ein Geräusch hinter ihm schreckte ihn auf und er drehte sich um.

Richard Jury stand in der offenen Tür und war offensichtlich gerade im Begriff, wieder zu gehen.

Melrose räusperte sich. „Bitte, bleiben Sie.“ Eine Pause. „Richard.“

Jury wandte sich ihm zu. „Ich wollte nicht stöen“, meinte er und schloss die Tür hinter sich. Er fuhr sich durchs Haar. „Es scheint keine gute Nacht zum Schlafen zu sein“, sagte er mit einem schiefen Lächeln.

„Nein“, stimmte ihm Melrose vorsichtig zu. Er wies auf einen Sessel. „Setzen wir uns.“

Jury trat zum Kamin. Er nahm den Schürhaken, stocherte in den grau beflockten Kohlen, die gelegentlich müde ein paar Funken zustande brachten.

Melrose sah ihm dabei zu und lachte, es klang jedoch nicht besonders fröhlich. „Sie haben offenbar eine besondere Anziehungskraft“, sagte er mit einem Nicken in Richtung der Feuerstelle.

Jury blickte auf. „Was ist mit Ihnen?“ Melrose schwieg. „Wenn es wegen Trueblood ist – darauf gebe ich nichts, er war betrunken.“ Er lächelte schief, zuckte mit den Schultern.

„Aber mir liegt zufällig etwas daran“, erwiderte Melrose schärfer, als er beabsichtigt hatte. „Trueblood ist abgesehen von Mrs. Oilings das größte Klatschmaul in ganz Long Piddleton. Wenn er...“

Jury blickte ihn erstaunt an. „Wo ist das Problem?“, fragte er.

Seufzend wandte sich Melrose ab. „Ich weiß es nicht. Bitte entschuldigen Sie mich, ich... es ist spät, ich...“ Er brach ab.

Jury folgte ihm, er hob die Hand, um sie auf Melrose’ Schulter zu legen, ließ sie aber vorher sinken, als er die Anspannung in Melrose’ steifem Rücken sah. „Ich wusste nicht, dass Sie... ein Problem damit haben.“

„Ich habe kein Problem mit... irgend etwas.“

Melrose blickte ihn an. In seinen Augen tanzten Funken, die denen glichen, die er in der Feuer-stelle aufgestochert hatte. Einen Moment lang fühlte Jury sich verwirrt von der Intensität dieses Blicks. Hätte ihm in diesem Augenblick eine Frau gegenüber gestanden... verblüfft hielt Jury inne und schüttelte den Kopf.

Er wich einen Schritt zurück. „Es ist wirklich spät... oder besser gesagt – früh.“

Einen Moment lang schien Enttäuschung über Melrose’ Gesicht zu huschen. „Ja.“ Er nickte, trat zum Kamin, nahm sein Glas und ging zur Tür. „Gute Nacht – Richard.“


* * *


Er stellte das Glas mit dem warmgewordenen Kognak angewidert ab und setzte sich auf die Bettkante. Und da saß er dann geraume Zeit, ohne zu schlafen, ohne zu denken.

Ende






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I know this must be wrong, it can't go on.
This kind of thing it's taking all my sanity.
And making me a mockery…

(Darren Hayes)