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Basil von Lady Charena: Ich hatte mich bedauerlicherweise bereits verspätet – Mrs. Brownings wollte mich nach der Untersuchung ihrer Tochter nicht eher gehen lassen, als dass ich Tee mit ihr getrunken hatte. Sie war seit einigen Jahren Witwe und verhätschelte ihr einziges Kind, ein sieben Jahre altes Mädchen, übermäßig. Weiters – so erschien es mir seit geraumer Zeit – hatte sie... nun, wie soll ich sagen... eine unglückliche Zuneigung zu mir entwickelt, die mir sehr unangenehm war. Mein Versuch, sie an einen Kollegen zu verweisen, der ausgebildeter Kinderarzt war, scheiterte an ihrer Behauptung Violetta – so hieß ihre Tochter – würde sich an einen fremden Arzt nicht gewöhnen.

 

Das Kuckucksei von BR: „Dr. Watson, kommen Sie schnell!“ Der Ruf unserer guten Mrs. Hudsons schreckte mich von meiner morgendlichen Lektüre, welche ich zusammen mit einer mir mundenden Tasse Kaffee und einem – wie immer – köstlichen Frühstück genoss, auf. Mein Freund Sherlock Holmes war nicht zugegen. Ich hatte ihn weder an diesem Morgen noch am vorigen Abend zu Gesicht bekommen und mutmaßte, dass er in einem Fall unterwegs war, der ihn nun auch über Nacht außer Haus gehalten hatte. Wiewohl meine Neugier groß war, wusste ich doch aus langjähriger Erfahrung, es hatte keinen Sinn um Informationen in ihn zu dringen. Wenn er bereit dazu war, würde er sein Wissen mit mir teilen oder mich in seine Ermittlungen einbeziehen. Eher nicht. Und so hatte ich mich denn allein dem Müßiggang hingegeben.

 

Das Gift der süßen Träuem von Lady Charena: ... Natürlich kam ich während meiner Zeit als Regimentsarzt in Indien und Afghanistan mit exotischen Drogen in Kontakt. Ich habe meine Kameraden dabei beobachtet (und musste sie gelegentlich später auch behandeln), die sich mit einheimischen Rauschmitteln betäubten – doch kann ich mit Fug und Recht behaupten, nie selbst dieser gefährlichen Verlockung erlegen zu sein. Mehr noch – als Arzt die teilweise drastischen Auswirkungen auf den menschlichen Körper kennend – empfand ich stets eine Abscheu, die jegliche Neugier auf die berauschende Wirkung völlig unterband. Viele Jahre, bevor ich Sherlock Holmes kennen lernte und schließlich sein Geheimnis aufdeckte, war ich der festen Überzeugung, dass kein Mann mit gesundem Menschenverstand und einem Anflug von Intelligenz und Bildung sich jemals solchen trügerischen Illusionen hingeben würde.

 

Der Brief von BR: Sherlock Holmes lebt! Hätte er mir nicht in diesem Moment gegenüber gesessen, ich selbst hätte es wohl nicht geglaubt. Doch da war er, in seinem grauen Hausmantel, die unvermeidliche Pfeife im Mund – als hätte er die Wohnung in der Baker Street 221b nie verlassen, als würden nicht gerade jene bangen Stunden hinter uns liegen, die zur Ergreifung Colonel Sebastian Morans geführt hatten, Moriartys Handlanger – eben jener Professor den ich zwei Jahre lang glaubte, für den Tod meines Freundes verantwortlich machen zu müssen.

 

In Guten wie in schlechten Zeiten von Lady Charena: Keine Reaktion. Ich wusste nicht, was ich in diesem Moment von ihm erwartet hatte – eine zynische Bemerkung höchstwahrscheinlich. Nicht jedoch diese absolute, schweigende Gleichgültigkeit. Holmes blickte nicht einmal von der Morgenzeitung auf. Tagelang hatte ich darüber gegrübelt, nächtelang kaum ein Auge zugetan, um einen angemessenen Weg zu finden, meinem Freund mitzuteilen, dass ich die Baker Street verlassen würde und dass ich Mary Morstan gebeten hatte, meine Frau zu werden.

 

Verdrängung von BR: „Ich kehre nicht nach England zurück.“ Die Stimme meines Freundes Sherlock Holmes hallt noch in meinen Ohren, während ich dem Zug hinterher starre, den er so eben bestieg und der nun laut ratternd aus dem Wiener Bahnhof Richtung Mailand davon dampft. Ich kann nicht verhehlen, dass ich über diese Entscheidung fast erleichtert bin. Zumindest bleibt mir so Zeit, das kürzlich Geschehene zu verarbeiten, auch wenn ich bezweifle, dass ich es je werde richtig verstehen können. Zu viel ist passiert.

... und vieles mehr.

 

 

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