Titel: Kaffee für Zwei
Autor: Lady Charena (2007)
Fandom: House, MD
Charaktere: Wilson, Cuddy, House
Thema: # 071. Zerbrochen (100-ff-Challenge)
Word Count: 1354
Rating: pre-series,  gen
Anmerkung des Autoren: Vielen Dank an T’Len fürs betalesen.




           It’s my leg. It’s my life.         (1.21 three stories)



Er lehnte neben der Tür an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Gesicht war sorgfältig neutral, verriet nichts von seinen Gedanken. Seine Augen schienen wachsam, doch waren sie gleichsam verschlossen wie seine Miene. Er hielt den Blick auf den Mann am anderen Ende des Raumes gerichtet. Das einzig äußere Anzeichen seiner Anspannung zeigte sich im Hüpfen seines Adamsapfels, wenn er schluckte.

Abgesehen von den Anweisungen des Physiotherapeuten war es sehr still. Das war das beunruhigende. Keine zynischen Bemerkungen, kein scharfer Widerspruch, kein Ärger. Vor allem das. Die Wut über das, was mit ihm geschehen war, hatte House durch die ersten Tage nach der OP gebracht. Sich gegen alles zu sträuben, sich über alles zu beschweren, zu fluchen und allen das Leben so schwer wie möglich zu machen, das war House. Sogar die Verbissenheit, mit der er die Bewegungstherapie anging, war Greg House. Noch während er – entgegen ärztlichem Rat – bereits die ersten Versuche machte, sich mit Hilfe von Krücken fortzubewegen – als er eigentlich noch in einem Rollstuhl sitzen sollte – plante er die Benutzung eines Stocks für die Zukunft.

Wilson hielt unbewusst den Atem an, als House sich aus dem Rollstuhl hochstemmte, schwer auf die Krücken gestützt. Aber es geschah das gleiche, wie all die anderen Male zuvor – House belastete unwillkürlich sein krankes Bein und das gab unter seinem Gewicht nach. Er geriet aus dem Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Es kam kein Laut über House‘ Lippen, obwohl sein Gesicht alle Farbe verlor und sich in seinen Zügen deutlich Schmerz zeigte.

Der jüngere Mann biss sich auf die Unterlippe und hielt sich mit Anstrengung zurück, zu seinem Freund zu gehen und zu versuchen, ihm zu helfen. Er wusste aus bitterer Erfahrung, dass diese Art von Hilfe nicht erwünscht war. Einen Moment lang sah er House’ Bemühungen zu, wieder auf die Beine zu kommen, dann hielt er es nicht länger aus. Doch anstatt zu ihm zu gehen, ihn dazu zu zwingen, seine Hilfe anzunehmen, drehte Wilson sich auf dem Absatz um und verließ den Anbau, in dem die Bewegungstherapie stattfand.

Über einen kurzen Korridor gelangte er zu einer Glastür, durch die er ins Freie trat. Eine Weile stand er einfach nur da, den Kopf in den Nacken gelegt, nach oben in einen grauen Himmel starrend. Er blinzelte in den schwachen Sonnenschein und sagte sich, dass das Brennen und Tränen seiner Augen nur von der letzten, fast schlaflosen Nacht stammte. Genauer gesagt, schlaflosen Nächten. Tief Atem holend, ließ er den Kopf wieder sinken und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. Ohne seiner Umgebung viel Aufmerksamkeit zu schenken, folgte er dem Weg, der um das Gebäude herum führte, bis er sich plötzlich vor der Cafeteria wiederfand. Er ließ sich auf einen der Stühle fallen, die so aufgestellt waren, dass man die Sonne genießen konnte, wenn sich die Wolken irgendwann einmal verziehen sollten. Jemand hatte seinen Müll nicht weggeräumt und die beiden Kaffeebecher, die auf dem Tisch standen, erinnerten ihn daran, wie viele Lunchpausen er hier mit House verbracht hatte; mit Kaffee, den er bezahlt hatte und Fastfood, das definitiv nicht aus der Cafeteria des Krankenhauses stammte. Es schien Jahre her zu sein, dass er zuletzt hier saß und House ironische Bemerkungen über die anderen Anwesenden machen hörte. Dabei waren nur ein paar Wochen vergangen...

Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte die Stirn gegen die Handflächen. Er war so verdammt müde.

Jemand räusperte sich und er versteifte sich unwillkürlich, sah aber nicht auf. Vielleicht würde – wer immer es auch war – den Hinweis verstehen, gehen und ihn in Ruhe lassen. Stattdessen spürte er gleich darauf eine Berührung an der Schulter. Mit einem ärgerlichen Seufzen sah er auf, um wen auch immer zurecht zu weisen, doch sein Ärger flaute ab, als er Lisa Cuddy erblickte. Sie hielt ihm einen Kaffeebecher hin. „Ich dachte mir, Sie könnten den vielleicht brauchen.“

Als er ihn nahm, lächelte sie flüchtig und setzte sich auf den Stuhl gegenüber. „Danke“, sagte der junge Onkologe leise und nippte an der heißen Flüssigkeit.

„Seine wievielte Stunde ist das heute? Die vierte? Fünfte?“, brach Lisa Cuddy schließlich das Schweigen. Sie hatte für sich ebenfalls einen Kaffee mitgebracht, trank jedoch nicht davon, sondern strich mit dem Finger den Rand entlang. „Es wird mit der Zeit besser werden.“

Wilson stellte den Becher ab und bemerkte, dass seine Hände leicht zitterten. Er ballte sie zu Fäusten, stopfte sie in die Taschen seines Kittels. „Ich weiß“, erwiderte er. „Es ist nur...“ Er sah weg und atmete hörbar aus. „Ihm dabei zuzusehen... wie er... es mit aller Gewalt versucht, nur um wieder und wieder ab zu stürzen. Was passiert ist, zerbricht ihn. Und ich weiß nicht mehr, wie lange ich das noch aushalte, ihm dabei zusehen zu müssen.“

„Sie kennen ihn besser als ich... aber sogar ich weiß, dass er nicht anders kann“, entgegnete Lisa Cuddy, ihre Stimme voll Mitgefühl. „Er ist der sturste Bastard, dem ich jemals begegnet bin. Aber ohne Sie wird er das nicht durchstehen. Er lässt niemand sonst an sich heran. Nicht mich. Nicht einmal Stacy.“ Sie zögerte. „Wo ist Stacy?“

Wilson blickte an ihr vorbei. „Sie ist auf Gregs Drängen weggefahren. Um ein paar Tage Abstand zu gewinnen. Vielleicht... ich bin nicht überzeugt, ob sie zurückkommen wird.“

Cuddy schwieg einen Moment, Überraschung zeigte sich auf ihrem Gesicht. „Abstand“, wiederholte sie dann, ihre Stimme neutral, ohne jede Betonung.

Trotzdem schien Wilson es als Frage aufzufassen. „Sie hat mich gestern Abend angerufen. Sie wissen so gut wie ich, wie er mit ihr seit der OP umgegangen ist. Sie ist überzeugt, dass er sie hasst. Aber... das ist es nicht. Er kann ihr nicht verzeihen, er liebt sie noch immer, aber er wird ihr nie verzeihen, dass sie für ihn entschieden hat. Und jetzt... wenn sie nicht von ihm weggeht, wird sie genauso zerbrechen wie er. Wer weiß. Vielleicht ist es besser so. Vielleicht trifft sie die einzig richtige Entscheidung. Für sie beide.“

„Glauben Sie das wirklich, James?“ Lisa Cuddy schüttelte den Kopf. „Es ist nicht richtig, was er tut. Sie hat immerhin sein Leben gerettet.“

„Ich weiß.“ Wilson seufzte erneut und nahm eine Hand aus der Tasche, um mit seinem Kaffeebecher zu spielen.

„Ich behaupte nicht, zu verstehen, warum Sie mit ihm klarkommen. Oder wie Ihre Freundschaft funktioniert“, brach Lisa Cuddy das erneute Schweigen. „Aber offenbar funktioniert es. Sie sind der Einzige, dem er noch vertraut. Er braucht Sie. Er lässt sich von niemand sonst helfen.“

„Seit dem Infarkt ist es als hätte er... als wäre etwas in ihm zerbrochen und ich weiß nicht... gestorben. Etwas ist nicht mehr da.“

Cuddy nickte. Sie hatte das gleiche Gefühl.

„Er versucht, es sich nicht anmerken zu lassen, aber es kostet ihn alle Kraft, morgens auch nur auf zu stehen, Lisa.“ Seine Stimme wurde leiser, fast so als spreche er zu sich selbst. „Sich den Blicken anderer Menschen auszusetzen. Ich... ich weiß, das klingt nicht nach dem Greg House, den wir beide kennen. Aber er ist extrem unsicher. Sie wissen, dass er noch niemals großes Vertrauen oder Zutrauen zu anderen hatte, aber jetzt... er hat mir gesagt, dass er hasst, wie man ihn ansieht. Er hasst es, sich mit dem Mitgefühl und der Dummheit der anderen Menschen auseinander setzen zu müssen. So wie es im Moment aussieht, hält ihn nur seine Wut überhaupt auf den Beinen. Aber ich weiß nicht, was passiert, wenn diese Wut eines Tages verraucht.“

Lisa Cuddy musterte ihn. „Er braucht etwas, dass ihn ablenkt. Von seinem Bein und von allem anderen. Er braucht eine Aufgabe.“ Wilson sah sie fragend an, doch sie winkte ab. „Überlassen Sie das mir.“

Wilson trank einen letzten Schluck von seinem inzwischen fast kalten Kaffee, dann nahm er den Becher und kippte ihn auf den Grünstreifen neben seinem Stuhl. „Ich gehe besser zurück“, sagte er nur. „Die Stunde ist fast um.“ Er rieb sich den Nacken. „Danke für den Kaffee.“

Lisa Cuddy nickte nur und sah ihm nach.

Ende