Titel: Morphine
Autor: Lady Charena
Fandom: House MD
Pairung: House, Wilson
Rating: gen, PG
Archiv: ja

Summe: Im Anschluss zu 2.23 „Who’s your Daddy?“ – Nachdem House sich am Telefon nicht gemeldet hat, beschließt Wilson, bei ihm vorbei zu fahren. Dabei stößt er auf House’ Vorrat.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics: M. Jackson

You just sit around talkin' nothing
You're takin' morphine

He's tried hard
Today he wants twice as bad
Don't cry
Yesterday you had his trust
Today he's taking twice as much


„Okay“, sagte Wilson, als er das Apartment betrat.
Am besten ließ er House gar nicht erst damit anfangen, sich zu beschweren. „Du kennst die Spielregeln. Es ist mir völlig egal, was du gerade machst – du gehst nicht ans Telefon, du hast das Handy ausgeschaltet und vermutlich den Pager im Klo versenkt. Du wusstest also, dass ich früher oder später hier auftauchen würde.“ Er hielt eine Papiertüte hoch, auf der sich Fettflecken zeigten. „Ein Friedensangebot. Von deinem Lieblings-Mexikaner.“

Das Wohnzimmer war leer. Aber der Fernseher flackerte stumm vor sich hin, der Stock lehnte am Couchtisch und als er auf dem Sofa Platz nahm, spürte er an einem der Kissen Wärme, als wäre gerade eben erst jemand aufgestanden. Er grinste, als er einen Blick in Richtung Badezimmer warf, der einzig geschlossenen Tür. Wenn House dachte, er könne sich da drin verstecken, würde ihn das Essen ganz sicher herauslocken.

Wilson begann, die Sachen auf dem Couchtisch zur Seite zu schieben, um den Inhalt der Papiertüte auszupacken, als er die Metallbox mit dem Schloss sah. Nun, genaugenommen sah er sie nicht zum ersten Mal, sie stand seit Jahren auf House’ Bücherregal, mal hier, mal dort. Er hatte sich gelegentlich gefragt, was sein Freund darin aufbewahrte, wenn er auf der Suche nach einem bestimmten Buch an sie geriet, aber immer entschieden, dass es ihn nichts anging.

Als er sie jetzt aus dem Weg räumte, bemerkte er, dass der Deckel nur lose auflag. Okay, er wusste, dass er das nicht tun sollte... aber bevor er den Gedanken ganz zu Ende gedacht hatte, war die Box bereits offen.

Er hatte keine Ahnung, was er erwartet hatte – jedoch sicherlich nicht ein Spritzset und mehrere Glasampullen. Er nahm eine davon heraus und blinzelte ungläubig, als er den Aufdruck entzifferte.

Morphium.

Er drehte die Ampulle zwischen den Fingern und bemerkte abwesend, wie sich das Licht darin fing, das durch die Fenster kam. Woher hatte House sie? Aus dem Krankenhaus? Es waren keine Markierungen an den Glasröhrchen, wie sie die Apotheke im PPTH anbrachte, um sie zu identifizieren, die Ausgabe zu kontrollieren und vor allem um Diebstahl zu verhindern. Allerdings waren die Seriennummern eingraviert, auf diese Weise ließen sie sich nach verfolgen. Er hoffte, dass House intelligent genug gewesen war, sie nicht auf der Straße von einem Dealer zu kaufen... Was zum Teufel sollte das? House war Arzt, er hatte ein ganzes Krankenhaus voller Ärzte zur Verfügung, wenn...

Plötzlich hatte er das Gefühl, dass er beobachtet wurde und als er aufsah, stand House im Türrahmen und musterte ihn. Die blauen Augen waren unlesbar.

„Es tut mir leid“, sagte Wilson, ohne sich wirklich sicher zu sein, wofür er sich entschuldigte.

House gab einen Laut der Verachtung von sich. „Konntest du mir nicht wenigstens ein Geheimnis lassen, Jimmy? Warum bist du nie zufrieden, bevor du nicht alles weißt, dich nicht um alles kümmerst, nicht alles in Ordnung gebracht hast?“

Wilson stand auf. Er wurde sich bewusst, dass er noch immer die Ampulle in der Hand hielt und legte sie vorsichtig zurück. „Das ist kein... kein Geheimnis – das ist Morphium, House. Wenn du endlich anfangen würdest, dich wie ein normaler Mensch zu benehmen, dann könnte man dich vielleicht auch so behandeln. Du kannst einfach nicht um Hilfe bitten, nicht wahr?“

„Ich bin derjenige, der ein Problem hat? Von dir stammt diese nette kleine Theorie, dass die Schmerzen nur in meinem Kopf sind.“

Wilson fuhr sich durch die Haare. „Okay. Mach’ es wie immer, schieb jemand anderem die Schuld zu.“ Er starrte auf die Box, nahm sie dann vom Couchtisch.

„Was hast du damit vor?“, fragte House kalt.

„Ich bringe etwas in Ordnung“, entgegnete Wilson leise. Ohne ein weiteres Wort, ohne einen weiteren Blick auf House, ging er in die Küche, die Box in der Hand. Er nahm das Spritzset und schob es in die Tasche seines Jacketts. Dann kramte er in einer der Schubladen, bis er einen Plastikbeutel fand. Ohne allzu genau darüber nach zu denken, was er tat, holte er die Ampullen aus der Box und packte sie in den Beutel, drückte die Luft heraus und verschloss ihn. Dann legte er ihn in die Spüle und zerdrückte sie mit dem Handballen. Seine Zähne gruben sich in seine Unterlippe, als die Glasampullen zersplitterten. Einen Moment sah er auf seine Handfläche, doch die Glassplitter hatten die Folie nicht durchdrungen, dann griff er nach einem Messer und bohrte ein kleines Loch in eine Ecke des Beutels. Das Morphium tropfte heraus. Er wartete, bis alles in die Spüle getropft war und drehte dann den Wasserhahn auf, um es in den Ausguss zu spülen. Nachdem er seine Hände an seiner Jeans abgetrocknet hatte, wickelte er den Beutel auf, so dass wirklich keine Splitter heraus konnten und warf ihn in den Müll.

Sollten House’ Schmerzen jemals wieder so schlimm werden, dass er Morphium brauchte, dann würde er ganz einfach ins Krankenhaus gehen müssen, um es zu bekommen. Genau wie jeder andere auch. Keine Selbstbehandlungen mehr.

Er ließ die Box bei der Spüle stehen und lehnte sich mit dem Rücken dagegen, presste den Handballen gegen die Stirn. Was zum Teufel ging in House’ Leben vor und wieso hatte er nichts davon bemerkt? Er machte sich nicht vor, dass es das erste Mal gewesen war.

Abrupt stieß er sich von der Spüle ab und ging ins Wohnzimmer zurück. House lag auf dem Sofa, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Er hatte die Augen geschlossen.

Wortlos trat Wilson zu ihm und zog seinen linken Arm hinter dem Kopf hervor. Er sah die Narben alter Einstiche in der Armbeuge: ein, zwei Wochen alt. Einer davon war frisch, keine vierundzwanzig Stunden alt.

Noch immer schweigend schob er House’ linkes Bein von der Couch und schuf Platz, um sich zu setzen. Er rieb sich übers Gesicht, dann sah er seinen Freund an.

House schlug die Augen auf und setzte zu einer Bemerkung an, doch bevor er etwas sagen konnte, hob Wilson die Hand. „Sei’ still“, sagte er müde. „Einmal in deinem Leben halt’ einfach nur den Mund.“

House sah ihn einen Moment an, dann schlossen sich seine Lider wieder über den blauen Augen und ihren Geheimnissen.

Ende