Titel: Zweite Chancen (Das Monster)
Autor: Lady Charena
Fandom: House, MD
Charaktere: Wilson [Wilson/House], House, Cuddy, OC
Thema: # 086 Wahl/Auswahl
Word Count: 9293
Rating: AU, [slash], PG-13
Anmerkung des Autoren: Vielen Dank an T’Len für’s betalesen.

Summe: Was wäre gewesen, wenn... Wilson nach der Tritter-Affäre einen Schlussstrich unter sein Leben, seine Arbeit und seine Beziehung mit House ziehen würde, und Princeton verlässt, um einen neuen Job am Sloan-Kettering anzunehmen? Die AU-Story beginnt ein halbes Jahr nach dem Abschied von House (Schlussszene der Episode: „Words and Deeds“), als dieser die Nacht in einer Zelle im Gericht verbringen muss, weil er die Richterin während seiner Anhörung beleidigte.

Anmerkung: Das „Memorial Sloan-Kettering Cancer Center“ ist ein real existierendes Krankenhaus in New York, das auf die Erforschung und Behandlung von Krebs spezialisiert ist. Ich hab’s verwendet, weil in House darauf Bezug genommen wird (Rowan Chase hat sich dort behandeln lassen à 1.13 Cursed).

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen. Lyrics: James Blunt



House: You value our friendship more than your ethical responsibilities.
Wilson: Our friendship is an ethical responsibility.
(1.14 Control)



1. ‚Ich liebe dich’ buchstabiert man K-a-f-f-e-e.

I'm not calling for a second chance,
I'm screaming at the top of my voice.
Give me reason
but don't give me choice.
'Cause I'll just make the same mistake again...



Der rote Kaffeebecher stand einfach mitten auf seinem Schreibtisch. Für einen absurd langen Moment raste sein Herz und er sah sich unwillkürlich um – doch dann fiel die Realität an ihren ordnungsgemäßen Platz zurück und er zog die Tür zu seinem Büro hinter sich ins Schloss, bevor sich seine Assistentin über das seltsame Verhalten ihres Chefs wundern konnte.

Er holte tief Luft, ließ die Akten, die er unter den Arm geklemmt hatte, auf den Tisch fallen und griff nach dem Becher. Der war sicherlich nicht aus eigenem Antrieb von Princeton hierher geflogen. Vermutlich hatte er ihn aus Versehen eingepackt, als er sein Büro ausräumte.

Es würde ihn nicht wundern, er war an diesem Tag in einer Art Trance gewesen.

Er hatte sehr früh gelernt, seine Gefühle zu kontrollieren, anders hätte er seine Arbeit nicht machen können – doch als er automatisch Akten zu ordentlichen Stapeln aufschichtete und mit Notizen versah, damit seine Assistentin sie weiterleiten konnte; er seine Bücher und Trophäen, die Bilder und Memoranden von unzähligen Patienten aus den Regalen räumte, war er quasi völlig gefühllos. Es war spät, fast Mitternacht; die Aktivität außerhalb seines Büros auf ein Minimum gesunken.

Er dachte an gar nichts. Nicht an House, der - mit Hilfe seines getreuen Vicodins - heute Nacht selbst in einer kahlen Zelle mit ruhigem Gewissen schlief. Nicht an Cuddys fünf-vor-zwölf-Manöver vor Gericht; an ihre Lüge, mit der sie House’ Haut rettete – so überzeugend, dass sogar er ihr für einen Augenblick geglaubt hatte. Und sicherlich dachte er nicht an Tritter, und ob der Mann wohl eine Ahndung seiner Niederlage plante.

Vermutlich war der Becher irgendwann in seinem Büro stehen geblieben – obwohl er sich nicht daran erinnern konnte, ihn je außerhalb House’ Büro oder des Konferenzraumes der Diagnostik gesehen zu haben – und er packte ihn mit in einen der Kartons mit den Sachen, die letztlich hier in seinem neuen Zimmer landeten.

Aber er konnte sich nicht daran erinnern, ihn auch wieder ausgepackt zu haben. Und wieso tauchte er jetzt nach all den Monaten erst auf? Wilson nahm den Becher in die Hand, um sich zu vergewissern, dass er real und keine Einbildung war – hervorgerufen von zu wenig Schlaf und zu viel Koffein. Er fühlte sich zumindest sehr real an.

Er sah die beiden leeren Kartons, zusammengefaltet, an der Wand neben der Tür stehen und erinnerte sich, dass er seine Assistentin gebeten hatte, die Sachen, die sich darin befanden, weg zu werfen oder der Wohlfahrt zu stiften, oder was auch immer sie damit anfangen wollte. Bestimmt war der Becher mit in den Kartons gewesen und aus irgendeinem Grund hatte sie sich entschieden, ihn auszusortieren. Genau. So musste es gewesen sein. Sein müder Geist klammerte sich an diese rationale Begründung wie ein Ertrinkender an einen Schwimmring.

Er stellte den Kaffeebecher zurück auf seinen Schreibtisch und hob die Hand, um seinen Nacken zu reiben.

Nachdem er fast die ganze letzte Nacht bei einem Patienten verbrachte, der einen unerwarteten, schweren Rückfall und eine Wendung zum Schlechteren erlebt hatte; duschte er nur kurz, zog sich um und trank Kaffee in der Cafeteria, bevor er die nächste Schicht antrat. Eigentlich wäre heute sein freier Tag gewesen, doch mehrere Grippeerkrankungen unter seinen Kollegen hatten ihn gezwungen, einzuspringen. Nicht, dass es ein Problem darstellte. Er wusste ohnehin nicht, was er mit einem freien Tag anfangen sollte, abgesehen von vagen Plänen, seine Eltern zu besuchen, die von seinem Umzug nach New York nicht sonderlich begeistert waren – und ihn dies auch nach einem halben Jahr noch deutlich spüren ließen. Er konnte es ihnen nicht verübeln. Obwohl die Entfernung zwischen New York und Princeton nicht sonderlich groß war, hatten sie sich sicherlich darüber gefreut, wenigstens einen ihrer Söhne in ihrer unmittelbaren Nähe zu wissen.

Sie wurden nicht jünger und sein Pflichtgefühl fütterte das Monster mit dem Namen ‚schlechtes Gewissen’.

Wie dieser Kaffeebecher. Er schloss die Augen und ungebeten tauchte eine Erinnerung auf...

„Kaffee?“

tbc

 

* * * flashback * * *

„Kaffee?
Ich wusste nicht, dass ich noch welchen habe.“

Er zuckte zusammen, als sich zwei Arme um ihn schlangen und House’ vom Schlaf raue Stimme direkt an seinem Ohr erklang. Verdammt. Für einen angeblichen Krüppel konnte Greg sich verflixt leise bewegen, wenn er wollte. Er lächelte, als House’ stoppeliges Kinn über die weiche Haut an seinem Hals kratzte. „Du hast nicht nur Kaffee, sondern auch Eier, Brot, Milch und alles, was man sonst noch für ein Frühstück braucht.“

„Wo hast du das gefunden?“ House lehnte sich gegen seinen Rücken, darauf vertrauend, dass er sie beide auf den Beinen hielt. „Nicht in meiner Küche. Hast du meine Nachbarn belästigt? Ich hoffe, du hattest mehr als diese Boxershorts an, als du das getan hast. Sonst muss ich dich töten.“

„Ich schwöre, ich habe mich angezogen, bevor ich die Wohnung verlassen habe. Aber nachdem ich nicht vorhabe, das heute noch mal zu tun...“ Er zuckte mit den Schultern. „Wozu sich die Mühe mit Kleidung geben.“

House’ Hände begaben sich auf Wanderung Richtung des Bundes seiner Shorts und er schlug sie weg.

„Uah, Spielverderber“, beschwerte sich Greg. „Aber ich liebe es, wenn du mitdenkst.“

Er lächelte über das, was hinter diesem Satz steckte und schob die Pfanne von der Platte, dann schaltete er den Herd ab. Das Frühstück konnte warten – das hier nicht. Er drehte sich in House’ Griff um, lehnte sich gegen die Anrichte und sah ihn an. „Es gibt einen 24/7-Markt nur fünfzehn Minuten von hier. Wie kommt es, dass du nie etwas Essbares da hast?“

House ließ die Hände auf seine Hüften gleiten und zuckte mit den Schultern. „Ich liebe Männer, die in die Wildnis hinausgehen, um Nahrung für mich zu finden.“

Wieder einer dieser Sätze, mit einem Unterton, der direkt auf sein Herz zielte. Und etwas tiefer. „Ich kann sie sogar zubereiten“, erwiderte er trocken. Dann zog er fragend die Augenbrauen hoch. „Männer, ja?“

„Das war eher allgemein gesprochen.“ House beugte sich vor, um ihn zu küssen. „Komm’ zurück ins Bett“, murmelte er gegen die Lippen des jüngeren Mannes. „Ich habe dich vermisst.“

* * * flashback ende * * *

tbc

 

Wilson kehrte in die Gegenwart zurück und starrte den roten Kaffeebecher mit einem Gefühl nahe an Hass an. Er nahm ihn und schleuderte ihn gegen die Wand. Der Becher zersplitterte mit einem dumpfen Knall.

Es klopfte an seine Tür, dann erschien das fragende Gesicht seiner Assistentin. „Ist alles in Ordnung, Doktor Wilson?“

„Uh... ja. Es ist alles in Ordnung.“ Er hoffte, sie konnte von da, wo sie stand, die Scherben nicht sehen. „Ich... brauche Sie heute nicht mehr, gehen Sie nach Hause, Patty. Es ist spät genug.“ In Wirklichkeit hatte er keine Ahnung, wie spät es war. Aber was an Licht durch die zugezogenen Vorhänge vor dem Fenster drang, hatte die fast greifbare Schwere des Abends.

Sie musterte ihn einen Moment länger, schien dann zu entscheiden, dass es sie nichts anging, wenn merkwürdige Geräusche aus dem Büro ihres Chefs drangen und nickte. „Bis morgen dann. Auf meinem Schreibtisch liegt eine Unterschriftenmappe mit Ihrer Post. Und ich habe Ihnen die Anrufnotizen hingelegt. Dr. Lisa Cuddy vom Princeton Lehrkrankenhaus bittet Sie um Rückruf, egal wann.“

Er nickte und dankte ihr abwesend. Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte und er wieder alleine war, trat er zu seinem Schreibtisch. Er pickte die Notiz aus dem Stapel, auf der „Dr. Cuddy“ in dicken Buchstaben stand, zweimal unterstrichen. Die Kästchen „dringend“ und „Bittet um Rückruf“ waren auf dem Vordruck mit dem Schriftzug Sloan-Kettering angekreuzt. Er zerknüllte den Zettel und warf ihn in den Papierkorb. Dann machte er sich daran, die Scherben aufzusammeln. Sein Ärger war längst aus ihm herausgeblutet.

tbc

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X

 

Die Verwaltung des Krankenhauses hatte ihm geholfen, eine Wohnung zu finden und innerhalb kürzester Zeit hatte er herausgefunden, welche U-Bahnlinie ihn am schnellsten dorthin brachte. Das Leben in New York war anders als in Princeton – und doch war es irgendwie das gleiche. Er hatte sich nicht viel umgesehen; keine Restaurants, Bars, Cafés oder Kinos gesucht, wie damals als er nach Princeton kam. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte er im Krankenhaus oder in der unmittelbaren Nähe davon – fast wie auf dem Campus reihten sich hier die Geschäfte aneinander, die ihm seine Kollegen oder Schwestern empfohlen hatten. Er fand eine Wäscherei für seine Kleidung und einen Supermarkt für den Rest. Am ehesten so etwas wie Freizeit verbrachte er in einer kleinen Buchhandlung, die auf medizinische Literatur – auch antiquarische Bücher – spezialisiert war. Gelegentlich kaufte er einen besonders obskuren Band, ließ ihn in Packpapier schlagen und legte ihn dann in seiner Wohnung in einen Schrank. Er brachte nie den Mut auf, einen davon an House zu senden.

Er ließ seine Post – auch die private – in sein Büro schicken, so fanden sich nicht mehr als ein paar Werbezettel in seinem Postfach im Eingangsbereich des Apartmentgebäudes. Der Concierge nickte ihm grüßend zu und Wilson wurde bewusst, dass er nach mehr als fünf Monaten noch immer nicht den Namen des Mannes kannte – er war sich sogar nicht mal sicher, ob ihn immer der gleiche begrüßte.

Er fuhr mit dem Lift in den dritten Stock und ging langsam den mit schallschluckendem Teppich ausgelegten Flur entlang. Als er sein Apartment erreichte, wechselte er seine Tasche in die andere Hand und zog den Schlüssel aus der Jacke, um aufzuschließen.

Die Tür fiel hinter ihm zu und er lehnte sich einen Moment aufatmend dagegen, bevor er seine Tasche abstellte, die Schuhe von den Füßen kickte und seine Jacke an einen Haken hängte. Er warf Schlüssel, Handy, Pager und die Werbeprospekte auf eine Kommode im Flur und rieb sich übers Gesicht, als er in den Wohnbereich mit integrierter Kochnische trat. Er hatte zuletzt in so einer kleinen Wohnung gelebt... kurz vor seiner ersten Ehe, als er gerade seine Assistenzzeit begonnen hatte und er sich nichts Besseres leisten konnte. Aber das war okay. Er brauchte nicht mehr Platz.

Müde lockerte er seine Krawatte, nahm sie ab und legte sie über eine Sessellehne, als er den Raum durchquerte und den Fernseher einschaltete. Er stellte den Ton leiser, irgendeine Nachrichtensendung lief, und ging weiter in die Küchennische. Dort öffnete er den Kühlschrank, nahm das nächstbeste Fertiggericht, warf einen flüchtigen Blick auf die Zubereitungsanleitung und stellte es in die Mikrowelle. Er warf nicht wirklich hungrig, fühlte nur eine vage Leere, die er auf einen leeren Magen zurückführte. Sein Lunch hatte aus einem Sandwich bestanden, das ihm Patty auf den Schreibtisch gestellt hatte. Und noch mehr Kaffee. Mit all dem Koffein in seinem Blut war es fraglich, ob er heute Nacht auch nur eine Minute schlafen würde.

Während sein Essen heiß wurde, ging er weiter ins Bad. Ihm war nach einer Dusche und frischen, bequemeren Klamotten mehr als nach allem anderen.

Als er Hemd und Socken ausgezogen hatte und sie in den Wäschekorb warf, fiel sein Blick auf die Badewanne und er änderte seine Meinung. Ein langes, heißes Bad würde ihm besser helfen, sich zu entspannen und eher dafür sorgen, dass er heute Nacht schlief. Während das Wasser einlief, tappte er barfuss in die Küchennische zurück und holte ein Bier aus dem Kühlschrank. Er presste die angenehm kühle Flasche gegen die Stirn und machte sich auf den Rückweg, als ihn das Piepen der Mikrowelle an sein Essen erinnerte. Er stellte die Plastikschale auf einen Teller, ohne sich die Mühe zu machen, das ganze umzufüllen; holte Besteck aus einer Schublade und steckte es in die Hosentasche. Dann balancierte er mit dem Teller in der einen und der Flasche in der anderen Hand ins Bad und setzte alles auf einem kleinen Hocker ab, den er neben die Wanne in Griffweite gestellt hatte.

Er hatte die Wohnung möbliert übernommen und als er den Hocker zum ersten Mal entdeckt hatte, verkrampfte sich etwas in seiner Magengegend. Es war das gleiche Modell wie in House’ Bad, nur in einer anderen Farbe und offensichtlich neuer. Für einen Moment spürte er den Drang, ihn aus dem Fenster zu werfen. Er hatte sich gesagt, dass er sich wie ein Idiot benahm und den Hocker gelassen, wo er war. Inzwischen ignorierte er ihn, wie er jetzt den Gedanken an den unerwartet wieder aufgetauchten, roten Kaffeebecher verdrängte. Es war nur noch ein praktisches Möbel, keine Erinnerung an etwas, das vorbei war.

Die Wanne war voll. Wilson entledigte sich rasch des Restes seiner Kleidung – fischte in letzter Minute das Besteck aus der Hosentasche, bevor er die Hose in die Schmutzwäsche warf – und streckte sich mit einem müden Seufzen im heißen Wasser aus. Für eine Weile lag er einfach nur still da, die Augen geschlossen, untergetaucht bis zum Kinn und ließ die Hitze in seinen Körper sickern, seine Muskeln entspannen. Dann holte er tief Luft und sank zurück, bis er ganz untergetaucht war. Er blieb so lange unter Wasser, wie er konnte, tauchte schließlich prustend auf und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. Dann lehnte er sich zurück und griff nach dem Teller.

Das Essen war inzwischen weitaus stärker abgekühlt, als er es mochte, aber er aß es trotzdem. Er stellte den Teller zurück, ohne sich ganz sicher zu sein, was er gegessen hatte – er erinnerte sich vage an die Abbildung eines Huhns und verschiedener Gemüse auf der Packung – und ließ noch mehr heißes Wasser in die Wanne. Er griff nach einem bereitgelegten Handtuch, rollte es zusammen und stopfte es in den Nacken.

Langsam fiel die Anspannung der vergangenen Nacht und des darauf folgenden Tages von ihm ab.

Im Grunde war die Arbeit im Sloan-Kettering die gleiche wie im PPTH. Abgesehen davon, dass er keine Boardmeetings hatte, keine Studenten, keine Assistenzärzte oder sonstige Pflichten, die ihn davon abhielten, sich voll auf seine Patienten zu konzentrieren. Streng genommen mochte man seinen neuen Posten als Abstieg werten – aber Sloan-Kettering war wesentlich größer als das Lehrkrankenhaus in Princeton und als Leiter einer Unterabteilung stand er beinahe ebenso gut da, wie als Leiter der Onkologie im PPTH. Er war in seinen Entscheidungen und Verantwortungen genauso frei wie vorher – vielleicht sogar noch mehr, denn er musste seine Pflichten als Arzt nicht immer mit denen des Bürokraten und Boardmitglieds ausbalancieren. Er konnte sich endlich so um seine Patienten kümmern, wie er es am Anfang getan hatte, bevor er die Nachfolge des Abteilungsleiters antrat und Cuddy ihn in verschiedene Komitees verpflichtete. Vor allem, es gab keinen Klinikdienst zu erfüllen. Wer hätte gedacht, dass ihm das einmal fehlen würde...

Und wenn er die Konsultationen für die Diagnostikabteilung vermisste, die exotischen Krankheiten und noch exotischeren Behandlungsmethoden, die er verfolgt oder an denen er aktiv mitgewirkt hatte, obwohl es seinen Bereich nicht betraf, so erlaubte er sich nicht, bei diesen Gedanken zu verweilen.

Das Wasser war längst kalt und das unberührte Bier warm geworden, als er sich die Haare wusch und die Wanne verließ, sich abtrocknete und ins Schlafzimmer tappte, um sich bequeme Kleidung überzustreifen. Er legte die Beine auf den Couchtisch, zappte durch die Programme, bis er bei einem Actionfilm landete, dessen Handlung ihm vage bekannt vorkam.

Ein paar Minuten später sackte sein Kopf zurück an die Sofalehne und er schlief ein.

Hinter ihm, auf dem Schreibtisch beim Fenster, bat der Anrufbeantworter geduldig blinkend um ein wenig Aufmerksamkeit. Das Monster drehte sich im Schlaf um und bemerkte es nicht.

tbc

 

* * * flashback * * *

„Du hast ein Interesse an moderner Kunst entwickelt, von dem ich noch nichts weiß?“, fragte er leichthin, als er in den Raum trat und die Bescherung an der Wand sah.

Für einen Moment rührte sich die auf dem Bett zusammengesackte Gestalt nicht, dann hob House endlich doch den Kopf und blinzelte ihn müde an. „Ist sie noch immer draußen?“, fragte er heiser.

„Nein.“ Er umrundete die JELL-O -Spritzer auf dem Boden, und setzte sich links neben House auf die Bettkante. Er fragte nicht, was es dieses Mal gewesen war, was Stacy getan oder nicht getan oder gesagt oder nicht gesagt hatte, um House in Rage zu bringen. Nicht, dass es dieser Tage dazu viel benötigte. Ein zu langsam oder zu rasch abgewandter Blick, eine Geste... House war immer in der Lage gewesen, die Menschen um ihn herum auf fast unheimliche Weise zu ‚lesen’. Schmerzen, Übelkeit und die Stärke eines neugeborenen Kätzchens hatten es nicht geschafft, diese Fähigkeit zu untergraben. Es machte den Umgang mit House nicht nur einfach schwierig. Ein mitleidiger Blick brachte ihn dazu, aus der Haut zu fahren und die Person, die ihr unerwünschtes Mitgefühl nicht besser verbergen konnte, mit der vollen Wucht seines Zynismus und seiner Wut zu konfrontieren. Er war oft genug diese Person gewesen, um es besser zu wissen.

„Sie stopft dieses Zeug in mich rein, als wäre es ein Vergnügen, sich in drei Farben und vier Geschmacksrichtungen zu übergeben“, sagte House nach einer Weile müde.

Er sah ihn von der Seite an und bemerkte die rigide Haltung der Schultern, die zu Fäusten geballten Hände des anderen Mannes. „Vier Farben und vier Geschmacksrichtungen.“

Blaue Augen, blass vor Müdigkeit und Schmerz, richteten sich auf ihn und wieder spürte er ein undefiniertes Brennen irgendwo in seinem Brustkorb – eine Mischung aus Angst und Ärger, aus Verzweiflung und Hilflosigkeit gegenüber der Pein seines Freundes. Manchmal fühlte er sich versucht, die Hand zu heben und zu versuchen, die tiefen Linien weg zu wischen, die der Schmerz in House Gesicht gezeichnet hatte. Innerhalb kürzester Zeit schien er um Jahre gealtert zu sein.

„Orange ist keine Farbe.“ Für einen Augenblick war der alte House zurück, der keine Gelegenheit zum Spotten, zur Konfrontation, auslassen konnte.

„Was dann? Und sag’ jetzt nicht, eine Frucht – der Witz ist lahm, House.“

„Eine Mischung aus Gelb und Ro...“

Das Wort brach mittendrin ab und House krümmte sich zusammen, seine Hände flogen zu dem Verband um seinen Oberschenkel und Wilson wurde mit Entsetzen klar, dass Greg nicht so hier sitzen sollte, dass die Haltung zu viel Druck auf die OP-Narbe und die heilenden Muskeln in seinem Bein ausübte. Aber stur wie House nun einmal war...

Er sprang auf, und griff nach House’ Schultern, um ihn dazu zu bringen, sich hin zu legen und den Muskeln eine Chance zu geben, sich zu entspannen. Er ergriff House Bein unterhalb des Knies und richtete es aus, damit es flach auf dem Bett lag. Nach kurzer Gegenwehr ließ Greg ihn gewähren, ließ sich auf dem Bett positionieren, das Gesicht von ihm abgewandt. Und die ganze Zeit über erlaubte er sich nicht zu denken, nicht zu fühlen. Tat so, als hätte er die Tränen nicht gesehen, die Schmerz und die ohnmächtige Wut der Hilflosigkeit in die blauen Augen getrieben hatten.

Gerade als er überlegte, ob er es wagen sollte,  House vorzuschlagen, ein krampflösendes Mittel zu spritzen, schien es vorüber. Einfach so. Während House erschöpft in sein Kissen zurücksackte, ging er ins Bad und holte einen Stapel Papiertücher.

Den gepeinigten Atemzügen seines Freundes lauschend, machte er sich daran, das JELL-O vom Boden aufzuwischen. Nicht, weil er sich Sorgen machte, jemand könnte hineintreten. Die Schwestern würden sich nicht einmal mehr darüber wundern. Sondern um einen Vorwand zu haben, House den Rücken zuzuwenden, ihm wenigstens einen Anschein von Privatsphäre zu geben, ohne dazu den Raum verlassen zu müssen. Er wusste, wie sehr House es hasste, wenn man ihn so sah.

„Lass’ das“, kam es schließlich harsch vom Bett und er richtete sich auf, warf die Tücher in den Papierkorb und wischte achtlos seine Hände an seinem Kittel ab. „Du kannst es einfach nicht lassen, nicht wahr? Saint-Wilson-der-alles-in-Ordnung-bringt.”

Er hob nur die Schultern, an den Spott gewöhnt, wenn auch nicht an die neue Schärfe darin und setzte sich wieder auf die Bettkante, den Blick auf den Boden vor sich gerichtet.

„Warum gehst du nicht einfach und lässt mich endlich in Ruhe.“

Auch daran hatte er sich gewöhnt – an die Depression, die den Schmerzen wie ein gehorsamer Hund seinem Herrn folgte. Und er hatte peinvoll erfahren, dass nichts, das er sagen konnte, etwas änderte. Also ließ er etwas anderes für sich sprechen. Er drehte sich auf die Seite, bis er House ansehen konnte und beugte sich über ihn, presste seine Stirn gegen Gregs, und schloss die Augen, als sich House’ Finger in seine Haut bohrten, so fest umklammerte er seine Schultern. Er verschloss sich gegen den scharfen Geruch aus Schweiß, Erbrochenem und Krankheit. Gegen die harschen Atemzüge, die fast wie ersticktes Schluchzen klangen. Gegen das Zerren in seinem Rücken, das von der unkomfortablen Haltung hervorgerufen wurde. Es interessierte ihn nicht, was ein unerwartet eintretender Besucher denken könnte, wenn er sie in dieser Haltung vorfand. Das einzige, was zählte, war, dass House es duldete...

* * * flashback ende * * *

tbc

 

Er rieb sich mit einer Hand übers Gesicht und lächelte matt, als er die Irritation in Marnies grünen Augen sah. „Entschuldigung, ich... ich hatte wenig Schlaf in der letzten Zeit“, bot er als lahme Begründung an, dass er sich irgendwann geistig aus ihrer Unterhaltung und aus der Gegenwart ausgeklinkt hatte. Das Monster wuchs ein bisschen mehr.

„Ja. Natürlich. Das geht uns doch allen so.“ Marnies Lachen klang etwas zu gekünstelt und war so wenig überzeugend, wie der erschrockene Blick auf ihre Armbanduhr. „Oh je, meine Mittagspause ist bereits vorbei. Ich muss zurück an die Arbeit.“ Sie stand auf und nahm ihr Tablett. „Es war nett, sich mit Ihnen zu unterhalten, Dr. Wilson.“ Ohne auf eine Erwiderung von ihm zu warten, ging sie.

Er sah ihr mit einer Mischung aus Amüsiertheit und Resignation nach; fragte sich, ob er soeben der Gerüchteküche neue Nahrung geliefert hatte. Sein Blick fiel auf die unschuldigen Plastikbecher mit JELL-O, die das Ganze ausgelöst hatten und er hörte auf, seinen Nasenrücken zu massieren und grub statt dessen die Finger in die Haare, um kräftig daran zu ziehen. Der scharfe Schmerz wirkte wie eine kalte Dusche und sein Kopf wurde wieder klar. Er stand auf, räumte alles auf das Tablett zurück und stoppte an den Abfalltonnen, um die bunten Becher darin verschwinden zu lassen.

Als er in sein Büro zurückkam, war der Stapel der Telefonnotizen, die ihm seine Assistentin hinterlassen hatte, auf neue Höhen gewachsen.

tbc

 

3. ‚Ich liebe dich’ buchstabiert man V-i-c-o-d-i-n

And so I sent some men to fight,
And one came back at dead of night.
Said he'd seen my enemy. Said he looked just like me,
So I set out to cut myself and here I go



Das Telefon klingelte, während er mit Patty seine Morgenpost durchging.
Vermutlich sah er deshalb nicht vorher aufs Display, sondern erst, als er den Hörer bereits in der Hand hielt. Er kannte diese Nummer. Wieder aufzulegen sähe etwas seltsam aus, ganz zu schweigen feige, also seufzte er leise und klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter, um die Hände frei zu haben. Es gab ihm das Gefühl zu beschäftigt zu sein, um wirklich Zeit für diesen Anruf zu haben. Und hielt das Monster im Zaum.

„Es ist mir egal, was er getan hat“, sagte er, bevor der Anrufer Gelegenheit hatte, sich zu melden. „Ich bin nicht für ihn verantwortlich.“

Patty sah von ihrem Notizblock auf und blickte ihn mit einem halb fragenden, halb erstaunten Gesichtsausdruck an. Er konnte es ihr nicht verdenken, vermutlich hatte sie nicht vermutet, dass er so unwirsch sein konnte. Er versuchte sich an einem halbherzig-entschuldigenden Lächeln und nickte. Patty senkte wieder den Blick auf ihre Notizen, aber er konnte fast sehen, wie sie die Ohren spitzte. Neue Nahrung für die Gerüchteküche. Auch gut. Das lenkte vielleicht die Aufmerksamkeit von seinem Privatleben – oder dem Mangel daran - ab.

„Ich rufe nicht wegen ‚ihm’ an“, kam es nach kurzem Zögern von Cuddy. Doch sie erholte sich rasch genug von dem ungnädigen Empfang. „Noch immer dreht sich die Welt nicht um Gregory House.“ Eine merkliche Kühle lag in ihrer Stimme. Er kannte diesen Ton. Normalerweise bedeutete er, dass House etwas angestellt hatte und sie ihm einen Teil der Schuld zuschob.

Offenbar war sie entschlossen, sich von ihm nicht den Wind aus den Segeln nehmen zu lassen. Ein Gedanke, der ihn für einen Moment lächeln ließ. Er vermisste Cuddy, das ganze PPTH mehr, als er sich eingestehen konnte.

Aus Sympathie war ein zartes Pflänzchen Freundschaft gewachsen, genährt von ihrer gemeinsamen Verantwortung, diesen unausgesprochenen Pakt, House vor sich selbst zu retten, egal was dazu nötig war. Der erste Rückschlag war eingetreten, als er sie zu dieser unglückseligen Wette überredete, die damit endete, dass er House’ gebrochene Finger verband. Der zweite, als er für Vogler zum Bauernopfer wurde. Der dritte bei diesem seltsamen Dinner, das – wie ihm erst so viel später klar wurde – dazu diente, ihn als möglichen Samenspender auszuloten. Noch immer ein befremdlicher Gedanke. Kinder waren etwas gewesen, das er in seinem Lebensplan nicht bewusst vorsah. Und sah man sich die Bilanz seiner Beziehungen so an, war das ein Glück...

„Was kann ich dann für Sie tun, Dr. Cuddy?“, fragte er, sein Ton nun förmlicher, als er seit Jahren gewesen war. Seine Zeit für Artigkeiten war knapp bemessen, das sollte sie ruhig hören. „Für Konsultationen...“

Sie unterbrach ihn. „Ich kann sehen, dass Sie zu beschäftigt sind für Konsultationen... zu sehr, selbst um meine Anrufe in den letzten vier Monaten zu beantworten.“

Autsch. Das hatte gesessen. Er hob die Hand, begann wieder seinen Nasenrücken zu reiben, in der Hoffnung, die Kopfschmerzen im Keim zu ersticken, die er als dumpfen Druck in den Schläfen spürte. „Es tut mir leid.“ Die lahme Entschuldigung war über seine Lippen, bevor er sie bewusst gedacht hatte. Und vielleicht meinte er es so unehrlich, wie sie klang... Er verpasste dem Monster einen Tritt, doch es dachte nicht daran, in seine Höhle zurück zu kriechen.

„Brown hat mich sitzen lassen. Er hat einen Forschungsposten angetreten. Ich brauche einen neuen Leiter der Onkologie.“

„Moment.“ Unwillkürlich hob er die Stimme. „Sie haben Brown zu meinem Nachfolger gemacht?“ Er hätte es damals natürlich in der Presse oder auf der Homepage des PPTH nachlesen können, aber er wollte es auch nicht wirklich wissen.

„Was haben Sie erwartet? Dass ich für Gelegenheiten wie diese einen Wilson-Klone in meinem Schrank versteckt halte? Stone hat sich für mindestens ein halbes Jahr nach Afrika verpflichtet und Brown ist nach ihm der Onkologe mit den besten Präferenzen und der längsten Dienstzeit.“

Ihr Zynismus, so scharf er auch sein mochte, berührte ihn kaum. Er seufzte erneut. „Lisa, was erwarten Sie von mir? Meinen Rat bei einer Neueinstellung? Wenn ich den Arzt kenne, kann ich eine Empfehlung aussprechen, kein Problem. Aber dafür hätte auch eine eMail gereicht. Vielleicht ist es Ihnen nicht aufgefallen, aber ich arbeite nicht mehr für das PPTH.“ Er konnte ebenfalls sarkastisch werden.

„Ich erwarte nichts“, erwiderte Cuddy nach einem Moment. „Aber ich wünschte mir, Sie würden zurückkommen. Wir brauchen Sie hier. Nicht nur als Arzt.“

Er ließ die rechte Hand sinken und legte sie auf die Tischplatte, die Finger leicht ausgespreizt, als beabsichtige er, sich hoch zu stemmen. Mit der Linken griff er nach dem Hörer und hielt ihn etwas weg, als er sich an seine Assistentin wandte. „Wir machen später weiter, Patty.“

Sie nickte, nahm den Stapel Post, der bereits zu ihr gewandert war und ihren Block und ließ ihn alleine.

„Sie wissen, dass ich nicht zurückkommen kann“, meinte er, den Hörer wieder dicht an den Mund haltend. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück und schloss die Augen. Das ganze fühlte sich schon surreal genug an; wenn er nichts sah, konnte er sich vielleicht einreden, zu träumen. „Wenn ich eins aus der Sache mit Vogler gelernt habe, dann dass das Krankenhaus sehr viel leichter auf mich als auf House verzichten kann. Und nach allem, was passiert ist...“ Er brach ab. „Ich musste weg, um zu... ich musste einfach weg.“

„Ich kann das nicht akzeptieren, James – aber es ist nicht so, als könnte ich es in gewisser Weise nicht verstehen.“ Cuddy seufzte ebenfalls. „Überlegen Sie es sich bitte. Ich kann den Posten bis Ende nächsten Monats freihalten. Und ich bin sicher, ich könnte gegenüber dem Board bessere Konditionen rechtfertigen. In finanzieller Hinsicht, und was die Arbeit in der Klinik betrifft. Ich weiß, ich habe Sie in den letzten Jahren sehr oft für meine Zwecke eingespannt, für die Suche nach Spendern, für die diversen Komitees und das Board... und ich weiß auch, dass Sie immer der Meinung waren, Ihre Patienten würden zu sehr darunter leiden, dass so viel Zeit für die Bürokratie verloren geht.“

„So sehr ich das zu schätzen weiß, darum geht es mir nicht.“ Er hob die Hand und rieb sich den Nacken. „Es hat mich nie gestört, in der Klinik zu arbeiten, oder in Komitees mitzuwirken und Julie verzichtet bei der Scheidung auf Unterhalt. Sie hat einen neuen Job und eine neue Beziehung in Atlanta.“ Warum erzählte er ihr das alles? Cuddy interessierte sich nicht wirklich dafür. Doch so lange er sprach, konnte sie nicht die Fragen stellen, die er mehr als alles andere fürchtete, weil er keine Antworten darauf wusste. „Ich habe in meinem Kündigungsschreiben dargelegt, warum ich das PPTH verlasse.“

„Persönliche Gründe. Damit gehen Sie nicht sehr ins Detail.“ Cuddy zögerte einen Moment, und als sie weiter sprach, klang ihre Stimme sanfter. „Sie haben mir nie eine Möglichkeit gelassen, um Sie zu kämpfen. Ich dachte, wir hätten ein Vertrauensverhältnis, das wir über alles reden könnten. Aber mitten in der Nacht das Büro auszuräumen und mir einen Brief auf den Schreibtisch zu legen... das war eine Flucht.“ Sie schwieg, wartete offenbar auf eine Entgegnung. Als nichts kam, fuhr sie fort. „Danach sind Sie einfach für zwei Wochen vom Erdboden verschwunden. Julie hatte keine Ahnung und es interessierte sie wohl auch nicht wirklich. Ihre Eltern waren der Meinung, Sie hätten Urlaub genommen. Und House leugnete jedes Wissen.“

Er lächelte humorlos. „Falls es Sie beruhigt, er wusste tatsächlich nichts davon.“

„Kurz bevor wir die Polizei einschalten und Sie als vermisst melden“, fuhr Cuddy fort als hätte er nichts gesagt, „gibt Sloan-Kettering eine Pressemitteilung heraus, dass sie ab sofort Doktor James Evan Wilson zu ihren Ärzten zählen. Es hatte etwas von einer Ohrfeige an sich“, ergänzte sie trocken. „Wann haben Sie das Angebot erhalten?“

Dieses Mal lachte er leise, aber alles andere als fröhlich. „Ich habe Angebote von anderen Kliniken erhalten seit ich im PPTH bin. Von Sloan-Kettering über die Jahre sicherlich zehn. Das letzte kurz vor... kurz vor Tritters Auftauchen. Aber ich habe es nie in Betracht gezogen...“

„Bis?“, hakte Cuddy nach.

Das war eine dieser Fragen, auf die er keine Antwort wusste – zumindest keine, die Cuddy oder sonst jemand wirklich zufrieden stellen würde. „Bis Tritters Ermittlungen dazu führten, dass meine Lizenz vorübergehend ausgesetzt wurde.“ Selbst der Gedanke daran hinterließ einen scheußlichen Geschmack in seinem Mund und einen Knoten in seiner Kehle. „Zuerst war es... es war eine Art Trotzreaktion, um zu sehen, ob sie ihr Angebot selbst dann noch aufrechterhalten würden. Sie haben es sogar erneuert und am Weihnachtsmorgen habe ich zugesagt.“

„Aber das war lange bevor...“ Cuddy unterbrach sich, doch er hörte die Worte auch so, vor dem Prozess’. Das war okay, dass sie dachte, der Prozess wäre der Strohhalm gewesen, der dem Kamel den Rücken brach. Sie wusste nicht, was in der Nacht des 24. Dezember passiert war. Das war eine Sache, die nur House und ihn etwas anging.

„Ich habe mir vier Wochen Zeit erbeten, um meine Angelegenheiten zu regeln“, fuhr er fort. „Und den Umzug zu organisieren. Das Krankenhaus hat mir geholfen, eine Wohnung in Manhatten zu finden. Meine Ehe mit Julie war schon lange vorher am Ende, die Scheidung besprochene Sache. Meine Eltern waren zwar nicht erfreut über meine Entscheidung, aber sie haben es akzeptiert. Es gab also nichts, was mich in New Jersey hielt.“

„Was ist mit House?“, fragte Cuddy.

„House hat damit nichts zu tun.“ Die Lüge klang hohl, selbst in seinen eigenen Ohren. „Er hat seine eigenen Entscheidungen auch ohne jede Rücksicht auf andere getroffen.“ Auf dem Fußboden seiner Wohnung, mit einer leeren Dose Oxycodone neben sich und antrocknendem Erbrochenen. Das Monster streckte sich faul und widmete sich dann der Fellpflege. Er konnte es leise lachen hören.

„Ich weiß, was während der Rehab passiert ist“, entgegnete Cuddy zu seiner Überraschung. „Der Pfleger – Voldemort, wie House ihn genannt hat - in McDaniels ist aufgeflogen. Dieser Idiot hat Listen geführt, wem er wann und wie viel Alkohol, Drogen oder Medikamente besorgt hat. Ich habe dafür gesorgt, dass er nie wieder in einem Krankenhaus arbeiten wird, nicht einmal als Hausmeister.“

„Er hat wirklich das Vicodin abgesetzt. Die ersten Tage nach seiner Einweisung in McDaniels... zumindest da meinte er es ernst.“ Verdammt, selbst jetzt verteidigte er ihn noch. Er nahm die Hand aus dem Nacken und presste den Handballen gegen seine Stirn. „Das alles spielt keine Rolle. Nichts davon ist bedeutend genug, mich dazu zu veranlassen, zurück zu kommen. Ganz abgesehen davon, dass es sich bestimmt sehr gut in meinem Lebenslauf machen würde, eine neue Stelle nach nicht ganz sechs Monaten bereits wieder aufzugeben.“

Wilson ließ die Hand sinken und öffnete die Augen. Er starrte auf die Wand neben der Tür, wo ihn das Monster glauben machen wollte, dass er Spuren seines Ausbruchs erkennen konnte, dem der rote Kaffeebecher zum Opfer gefallen war. Irgendwo in sich spürte er noch immer das Echo der Wut, die ihn überrascht hatte. Er nutzte es, um die eine Frage zu stellen, die einzig wichtige Frage. „Warum wollen Sie wirklich, dass ich zurückkomme? Und ich nehme es Ihnen nicht ab, dass mich das Krankenhaus braucht. Ich bin nicht das Genie, das die großen Förderer anlockt und dem PPTH berühmte Patienten einbringt. Ich will die Wahrheit wissen, Cuddy.“

Sie zögerte einen Moment zu lange mit einer Antwort.

„Sie wollen mich als Wachhund für House, nicht wahr? Um ihn unter Kontrolle zu halten, den Schaden zu begrenzen den er anrichtet. Um ihn bei Laune zu halten und darauf zu achten, dass er sich nicht eines Tages wirklich umbringt. Es geht nur um ihn, es geht immer nur um ihn. Doch, die Welt dreht sich um Gregory House. Aber ich bin... ich kann nicht mehr Teil dieser Welt sein. Leben Sie wohl, Cuddy.“ Ohne auf eine Erwiderung zu warten, legte er auf. Seine Hand zitterte ein klein wenig und er ballte sie zur Faust.  


tbc

 

Wilson warf einen Blick auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zum Ende der Visite, dann hatte er keine Termine mehr bis zum Abend. Er hatte geplant, den freien Nachmittag zur Abarbeitung seines aufgelaufenen Papierkrams zu verwenden, doch nach Cuddys Anruf war er dazu zu unruhig. Er hatte das Gefühl, dass ihn die Wände erdrückten. Früher wäre er laufen gegangen, vorzugsweise mit House. Nach House’ Infarkt hatte er es aus Solidarität aufgegeben und sich angewöhnt, in Gregs Büro aufzutauchen, wo sie über Patienten spotteten oder House die saftigsten Gerüchte zum Besten gab, die er aufgeschnappt hatte. Oder er stand mit Takeout und Bier in House’ Wohnung, wo sie sich über miese Filme lustig machten und nicht so viel tranken, dass der Abend schon auf der Couch endete. Manchmal ging er auch aus und suchte sich eine Frau, die ihre eigenen Gründe hatte, für eine Nacht nicht alleine sein zu wollen.

Er wusste nicht, was er jetzt mit seiner Unruhe anfangen sollte. Es gab ein Fitnessstudio in der Nähe, das ihm ein Kollege empfohlen hatte. Vielleicht sollte er dort...

„Dr. Wilson?“

Er blinzelte und wandte seine Gedanken wieder der Gegenwart – und der Krankenschwester zu, die ihn fragend ansah. „Ja?“ Er warf einen Blick auf ihr Namensschild. Sie war neu auf seiner Station. „Nellie?“ Ihre Wangen färbten sich rosa und er setzte automatisch mit einem Lächeln nach. Es war kein wirkliches Interesse auf seiner Seite, eher eine Reaktion auf die er keine bewusste Kontrolle ausübte. House hatte ihn einmal beschuldigt, die Menschen durch Flirten zu manipulieren. „Was kann ich für Sie tun?“ Nellie zog ein Rezept aus einer Patientenakte und noch ehe er es in die Hand genommen hatte, erkannte er seine eigene Handschrift. „Ist etwas damit nicht in Ordnung?“ Bevor sie antworten konnte, überprüfte er Medikament und Dosierung. Vicodin, 30 Pillen.

„Es ist nur so...“ Ein wenig Verlegenheit zeigte sich auf dem Gesicht der jungen Frau. „Sie haben das Rezept auf den falschen Namen ausgestellt. Der Name des Patienten ist George Henson.“

Wilson sah auf die Zeile mit dem Namen. Er hatte das Rezept komplett selbst ausgefüllt, weil die bereits vorbereiteten Formulare in der Patientenakte verbraucht gewesen waren und er nicht auf die Schwester warten wollte. Das Rezept war auf Gregory House ausgestellt.

Er räusperte sich und knüllte das Papier zu einem Ball zusammen. „Ich... bringe das in Ordnung. Vielen Dank, Schwester.“

Das Monster warf den Kopf in den Nacken und lachte.

tbc

 

4. ‚Ich liebe dich’ buchstabiert man S-c-h-w-e-i-g-e-n

Saw the world turning in my sheets
And once again, I cannot sleep.
Walk out the door and up the street;
Look at the stars beneath my feet.
Remember rights that I did wrong,
so here I go.



Wilson drehte sich auf die andere Seite und sah auf die Leuchtziffern des Weckers. Es war nach halb drei. Wolfsstunde. Er konnte nicht schlafen. Glücklicherweise war es Sonntagmorgen, so dass er nicht erneut unausgeschlafen und erschöpft zur Arbeit kam. Er wusste, dass er noch immer bis zu einem gewissen Grad unter der kritischen Beobachtung seiner Kollegen stand, was er seinem Wunderkind-Ruf verdankte. Dunkle Ringe unter seinen Augen würden zu Spekulationen führen.

Schließlich gab er den Versuch auf, wickelte sich aus den Laken und stand auf. Es musste die Hitze sein, die ihn nicht schlafen ließ. Er hatte immer schon Probleme gehabt, zu schlafen, wenn es zu heiß war. Es hatte dazu geführt, dass sie einmal früher aus dem Urlaub zurückfahren mussten, als er zwölf war. Seine Eltern hatten gedacht, er wäre krank, weil er jede Nacht durch die Gegend lief, anstatt zu schlafen. Seine Brüder hassten ihn dafür und er steckte den Rest des Sommers allerhand Unannehmlichkeiten ein.

Er öffnete das Fenster, doch die Luft, die von draußen hereinkam, war genauso unerträglich, schlimmer noch und er schloss es wieder. Vielleicht würde ihn eine kalte Dusche genug abkühlen, dass er einschlafen konnte.

Doch auf dem Weg ins Bad änderte er seine Meinung und die Richtung und ging ins Wohnzimmer. Er knipste eine Lampe an, setzte sich auf die Couch und griff nach der Fernbedienung. Doch dann ließ er sie wieder sinken, ohne den Apparat eingeschaltet zu haben. Er stützte den Kopf in die Handfläche der freien Hand und schloss die Augen.

Das Monster schlief neben dem blinkenden Anrufbeantworter.

Er hatte geglaubt, es würde etwas ändern, weg zu laufen. Er hatte geglaubt, er würde seine Dämonen in Princeton lassen und hier neu anfangen. An einem Ort ohne Erinnerungen an etwas, dass er vielleicht nie besessen hatte. Nach fast sieben Monaten musste er sich eingestehen, dass er keinen Schritt weitergekommen war. Genau wie nach der Trennung von Julie, als er ins Hotel zog, schien er sich in einer Art von Warteraum zu befinden. Und dieses Mal gab es keinen House, zu dem er sich flüchten konnte. Niemanden, der die Stille in seinem Inneren vertrieb.

Vielleicht war die Stille das, was es ihm am Schwersten machte, in seine Wohnung zurück zu kehren. Es war seltsam, nie zuvor hatte ihn das Schweigen gestört, im Gegenteil, er hieß es willkommen nach einem langen, lauten, anstrengenden Tag im Krankenhaus. Selbst in seinen Ehen war es früher oder später dazu gekommen, dass er sich zurück zog, die Stille suchte. Oft genug lag eine Scheidung dann bereits in der Luft. Manchmal hatte es ihn gestört, dass House keine Stille zu ertragen schien. Wenn nicht der Fernseher lief, dann Musik – manchmal beides gleichzeitig, dann warf das stummgeschaltete Fernsehbild Schatten über sein Gesicht. Aber was er wirklich liebte war, wenn House Klavier spielte...


tbc

 

* * * flashback * * *

Er liebte es, ihn zu beobachten, die Art wie die langen Finger über die Tasten glitten, präzise, elegant. Vor allem in den Wochen, als er in House’ Wohnung Unterschlupft gefunden hatte. Äußerlich gab er sich den Anschein, House keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken; entweder saß er über Papierkram, den er mitgebracht hatte oder schien auf der Couch eingeschlafen zu sein. Er wusste, er täuschte House damit nicht, aber es störte ihn auch nicht – es war perfekt für beide. House musste nicht reden und er keine Fragen stellen, um ausweichende Antworten zu bekommen.

Und manchmal, wenn die letzten Noten noch in der Luft hingen, stand er auf und trat zu ihm, legte ihm die Hände auf die Schultern, bevor er seine Finger der linken Hand House’ Arm entlang gleiten ließ, um sie um sein rechtes Handgelenk zu schließen. Es erzeugte jedes Mal die gleiche Reaktion, so simpel die Geste auch war – ein Schauer rann durch Greg und es zeigte sich eine Gänsehaut auf seinen Unterarmen. Langsam verschwanden die tiefen Spannungsfalten um seine Augen, sein Atem wurde ruhig und tief. Und wenn er sich vorbeugte, so dass seine Wange Gregs streifte, hörte er diesen unwillkürlichen, ununterdrückbaren Laut, den House von sich gab – ein Ton, fast wie das Schnurren einer zufriedenen Katze. Es war so leise, dass er es nur hören konnte, weil er so dicht bei ihm stand, sein Rücken gegen den des anderen Mannes gepresst. Er verstärkte den Griff seiner Finger um Gregs Handgelenk ganz leicht, rieb mit dem Daumen entlang der großen Arterie und spürte den Unterschied in der Textur. House’ Haut war trocken, fast rau an seiner.

„James.“ Gregs Stimme, kaum mehr als ein Flüstern. Und er wusste, dass die blauen Augen sich schlossen, akzeptierten und nicht nur tolerierten. Er brauchte das, brauchte das Gefühl, gebraucht und gewollt zu werden – aber House war niemand, der dieses Gefühl leichthin gab.

Er versteckte sein Lächeln an Gregs Hals. Ihre Beziehung hatte sich nur sehr langsam entwickelt, wie es geschah, wenn aus Freundschaft mehr wurde. Dabei war es völlig unspektakulär geschehen. Es war ein normaler Abend in House’ Wohnung gewesen und er hatte sich eben in der Küche aufgehalten, um etwas zu trinken zu holen, nachdem er die Verpackungen des Essens entsorgt hatte. Er holte eine Flasche Bier aus dem Eisschrank und war im Begriff, sich umzudrehen, um House im Wohnzimmer zu fragen, ob er noch irgendetwas andere mitbringen sollte, als House plötzlich hinter ihm stand. Greg griff nach der Flasche in seiner Hand und ihre Finger streiften aneinander. Mehr war es nicht gewesen, nichts was nicht zuvor passiert war, ohne dass einer von ihnen einen Gedanken daran verschwendete. Ein Unfall. Doch an diesem Abend hatten sie beide abrupt mitten in der Bewegung innegehalten. Er erinnerte sich an einen Ausdruck von Verwunderung in den blauen Augen, die seine musterten – dann ließ er die Flasche los und House richtete sich auf – und es war vorbei. Genauer gesagt, es war nicht vorbei. Etwas hatte in diesem Moment begonnen...

Lange dauerte es selten, bevor er spürte, wie House bei dieser zu intimen Berührung unruhig wurde und er ihn losließ. Auch dieses Mal kehrte die Anspannung zurück und er löste seinen Griff, setzte sich – mit dem Rücken zum Klavier - neben Greg auf die schmale Bank, der einzige Punkt der Berührung zwischen ihnen ihre aneinander gepressten Hüften.

Er schloss die Augen und lauschte, als House wieder zu spielen begann. Nach einer Weile stutzte er, als die Melodie sich veränderte... er wusste genau, er hatte sie schon einmal gehört, konnte aber keine Verbindung dazu herstellen, wo - oder wie das Stück hieß. „Was ist das?“, fragte er schließlich. „Ich weiß, ich kenne es, aber woher?“

„Es ist ein altes, spanischstämmiges Wiegenlied.“

Dürftig genug war diese Information, doch sie brachte ihn auf den richtigen Weg. „Alfredos Mutter. Die Mutter von diesem jungen Mexikaner, der für Cuddy gearbeitet hat und von ihrem Dach fiel. Sie hat es ihm vorgesungen, die halbe Nacht lang, vor der OP.“ Er bedauerte sein gutes Gedächtnis, als House abrupt aufhörte zu spielen, und öffnete die Augen, um Greg fragend anzusehen.

„Woher weißt du das?“, fragte House irritiert. „Hast du mir nachspioniert?“

Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich wurde zu einer Konsultation zu einem Patienten in der Intensivstation gerufen. Er war im Raum neben Alfredos. Und weil ich wusste, dass Cuddy sich Sorgen um ihn macht... ich wollte nur sehen, wie es ihm geht. Du hast es vorgezogen, in deinem Büro zu brüten.“

„Seine Hand zu halten war auch nicht meine Aufgabe.“ Greg sah auf die Tastatur vor sich. „Ihr seid beides sentimentale Idioten – du und Cuddy“, brummte er, doch es klang nicht böse. Und er spielte weiter.

Lächelnd rückte er ein wenig näher und schmiegte wie ein müdes Kind die Seite seines Gesichtes gegen House’ Schulter. Er war ein wenig zu groß, dass diese Haltung auf längere Sicht bequem sein konnte, doch er wusste auch so, dass Greg es ohnehin nicht lange dulden und sich beklagen würde, dass er auf diese Weise nicht spielen konnte. Er schloss die Augen, um das Schweigen zu genießen, so lang er es durfte.

* * * flashback ende * * *


tbc

 

Müde stand er auf und trat zum Fenster. Als er sich umwandte, fiel sein Blick auf das Telefon auf dem Schreibtisch. Er griff danach und seine Finger tippten die Nummer wie aus eigenem Antrieb ein. Bevor er zum Überlegen kam, lauschte er mit klopfendem Herzen auf das Tuten.

Es klickte und dann erfüllte House’ Stimme sein Ohr. In dem halbdunklen Raum war es fast, als stände der andere Mann neben ihm. „Was?“, brachte er schließlich heraus, als ihm klar wurde, dass er kein Wort verstanden hatte. Er hatte nicht erwartet, dass House abnehmen würde – er ging nie beim ersten Klingeln ans Telefon.

„Ich sagte, ob du dich so ganz alleine in der Dunkelheit fürchtest, weil du mich mitten in der Nacht anrufst, Jimmy.“ House klang amüsiert und irgendwie auch sehr selbstgefällig.

Verdammt, er vermisste ihn so sehr, dass es wehtat; als hätte ihm jemand ein Stück herausgerissen, als er ging. Er rieb sich über die Schläfen. „Uh... warum denkst du, ich wäre allein? Und woher zum Teufel wusstest du, dass ich es bin?”

„Ah, Jimmy, du erwartest doch nicht, dass ich dich in alle meine Geheimnisse einweihe?“ Kühler Spott, in dem eine Note von Lachen mitschwang.

„Doch“, entgegnete er schärfer als beabsichtigt.

„Anruferidentifizierung? Ich bin sicher, dass es das in New York auch gibt.“

Er lehnte sich gegen die Fensterbank, seine Finger umklammerten den Hörer fest genug, dass sie weißlich schimmerten. „Du kennst meine neue Nummer?“

„Und noch mal... erwartest du wirklich...“

„Ja, das erwarte ich“, unterbrach er Greg, auch wenn er ihn um sein Vergnügen brachte. Es war zu spät, er war zu müde, und zu verdammt einsam, um Spielchen zu spielen.

„Es gibt da eine ganz praktische Erfindung, Jimmy. Sie wird von Eingeweihten „Auskunft“ genannt“, entgegnete House nach einer kurzen Pause, seine Stimme immer noch milde tolerant und eher amüsiert als verärgert. „Ich denke, New York bekommt dir nicht, du klingst wie ein Idiot.“

Das war Gregory House wie er ihn kannte und liebte. Aber es war etwas anderes, das ihn beschäftigte. „Du kennst meine Nummer – kennst sie sogar auswendig! – aber du hast nie versucht, mich an zu rufen?“

Dieses Mal schloss sich eine längere Pause an, in der er nichts hörte, als leises Atmen und das Geräusch, dass die Gummispitze des Stocks auf House’ Fußboden machte. „Hätte es etwas genutzt, wenn ich angerufen hätte? Du hast eine Entscheidung getroffen, die ich zu akzeptieren hatte.“

Vielleicht zum ersten Mal in den vergangenen sechs Monaten wurde ihm klar, dass Greg nicht seine Entscheidung akzeptierte – House hatte darauf gewartet, dass er ging. Das jede Beziehung zwischen ihnen ein eingebautes Verfallsdatum besaß und Tritters Kreuzzug gegen sie der Auslöser gewesen war. Weil alle seine Beziehungen so geendet hatten. Und was vielleicht am schwierigsten war, er hatte sich nicht anders verhalten als Stacy. Schlimmer noch, er war ohne eine Erklärung gegangen, hatte seine Sachen gepackt und war aus der Stadt geflüchtet. Sie hatte wenigstens den Mut und den Anstand besessen, House ins Gesicht zu sagen, dass sie ihn verließ. Und warum.

Er presste die Augen zusammen, um das Monster nicht ansehen zu müssen, dass sich neben dem Telefon vor schadenfrohem Lachen kugelte und fast in den Pelz machte.

„Es tut mir leid.“

„Ich will nicht, dass du dich entschuldigst.“ Nun klang House wütend. „Sei’ einmal in deinem Leben nicht so verdammt hinnehmungsvoll. Du hattest jedes Recht zu gehen, wenn du das wolltest.“

„Ich wollte es nicht, aber es... es war als hätte ich keine andere Wahl. Du wirst dich niemals ändern... und vielleicht habe ich endlich eingesehen, dass ich dich nicht ändern kann. Aber das...“ Er stockte. „Aber das ändert nichts daran, dass ich dich vermisse.“

Es blieb so lange still, dass er fast dachte, die Verbindung wäre unterbrochen worden.

„Das heißt, du kommst nicht zurück nach Princeton.“ House’ Stimme war sorgfältig neutral, er konnte ihr keine Emotion entnehmen.

„Nicht heute. Nicht morgen. Ich weiß es nicht.”

„Cuddy versucht dich zurück zu locken, nicht wahr? Sie hatte in den letzten beiden Wochen so viele Krisensitzungen, dass ich mich um alle meine Klinikstunden drücken konnte, ohne dass sie etwas davon bemerkt hat. Und ihr Ausschnitt ist auf neue Rekordtiefen gesunken. Ich glaube, sie versucht mir etwas damit zu sagen.“

Wider Willen musste er lachen. „Freut mich, dass sie mir sogar die Schuld an deiner Faulheit geben kann, wenn ich nicht da bin.“ Dann wurde er wieder ernst. „Es stimmt. Sie hat mir angeboten, auf meinen alten Posten zurück zu kehren, da Brown weg will.“

„Brown ist ein Idiot. Er weigerte sich, bei meinen Fällen zu konsultieren, wenn wir Krebs oder einen Tumor ausschließen müssen.“

„Greg, du machst manchen Menschen Angst. Brown hat sich vermutlich jedes Mal fast die Hosen nass gemacht“, erwiderte er und spürte den Klammergriff des Monsters, das wie ein Bleigewicht an ihm hing.

Irgendwo begann ein Pager zu piepen und blinzelnd registrierte Wilson, dass es nicht seiner war, sondern das Geräusch vom anderen Ende der Leitung kam.

„Verdammt.“ Nach einem Moment hörte er House. „Ich muss ins Krankenhaus, mein idiotisches Team ist dabei, unseren Patienten schon wieder über die Klinge springen zu lassen.“

Das Bild machte plötzlich einen Sinn. Ein Fall hatte Greg nicht schlafen lassen, deshalb war er so schnell am Telefon gewesen. „Natürlich.“ Er spürte starken Widerwillen, das Gespräch zu beenden, weil er nicht wusste, ob er noch mal den Mut aufbringen würde, anzurufen. Und House würde es von sich aus nicht tun. „Nimm’ sie nicht zu hart ins Gericht.“

House schnaubte amüsiert. „Ruf’ mich wieder an“, forderte er dann unvermittelt und es klang nicht wie eine Bitte.

„Was?“, fragte er überrumpelt und kam sich dabei selbst dumm vor.

Er hörte House’ Grinsen in seiner Stimme. „Ruf’ wieder an. Aber nicht mitten in der Nacht, Jimmy. Manchmal muss auch ich schlafen.”

Bevor er etwas sagen konnte, wurde die Verbindung unterbrochen. „Gute Nacht, House.“ Er legte langsam den Hörer auf. Die Arme vor der Brust verschränkt, drehte er sich um und starrte wieder aus dem Fenster.

Seine Flucht war vergeblich gewesen. Seine Schuldgefühle, das immer gegenwärtige Monster, hatte er mitgenommen. Er hatte sich so lange schuldig gefühlt, dass es ein völlig normales Gefühl geworden war. Und dieses absurde Gespräch, mitten in der Nacht, schien zu sagen, dass er sie auch nicht loswurde, wenn er weiter weglief.

Cuddy hatte ihm die perfekte Entschuldigung geboten, zurück zu kommen. Aber er konnte die Gelegenheit nicht ergreifen, wenn er nicht wusste, dass er zurückkommen sollte – nicht bevor er wusste, dass House wollte, dass er zurückkam.


And maybe someday we will meet
And maybe talk and not just speak
Don't buy the promises 'cause
There are no promises I keep,
and my reflection troubles me
so here I go

Ende