neu: Life's a rainbow (FarbenChallenge, House MD, AR, slash, PG)
Titel: Farben-Challenge: House, MD
Autor: Lady Charena
Fandom: House MD
Paarung: House/Wilson, Cuddy, div. andere
Rating: AR, slash (ER), PG
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Zehn Ficlets, basierend auf einer Farbliste (mehr oder weniger willkürlich ausgewählt von meiner großen Hühnerschwester T’Len). Zu verwendende Farben: rot, pink, türkis, grün, gelb, lila, orange, braun, ocker, weinrot
In den letzten beiden Kapiteln habe ich die Zeitlinie ein bisschen gestrafft. In Folge 2.05 ‚Daddys Boy’ (Väter und Söhne) sagt House, dass seine Eltern seit 47 Jahren verheiratet sind. In dem AR-Universum, in dem diese Storys stattfinden, habe ich die drei fehlenden Jahre unterschlagen...

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



rot

James Wilson steckte den Kopf ins Büro der Diagnostikabteilung und sah sich um. House war alleine, sein Schreibtisch mit Computerausdrucken, Laborberichten, aufgeschlagenen Büchern und medizinischen Fachzeitschriften in mindestens zwei Sprachen übersät. Er warf einen Blick durch die Trennwand in den Konferenzraum. Auch dort sah alles nach angestrengtem Arbeiten aus. Chase kaute mit Hingabe auf seinem Bleistift herum. Cameron hackte mit verbissenem Gesichtsausdruck auf die Tastatur ihres Laptops ein und Foreman stand mit gerunzelter Stirn vor dem Whiteboard.

Wilsons Blick kehrte zu seinem Freund zurück. „Kann ich einen Moment mit dir sprechen oder bist du wirklich so beschäftigt?“

„Wenn du nicht mindestens die Neuigkeit bringst, dass es in Princeton bald ein „Hooters“ gibt, bin ich sogar sehr beschäftigt“, entgegnete House ohne aufzusehen. „Komm’ schon rein. Mein Patient wird in den nächsten fünf Minuten nicht sterben, nur weil ich mich mit dir unterhalte. Und mein Team hat wieder etwas zu reden.“

Wilson ließ die Tür hinter sich zufallen. Er zog eine sauber gefaltete Krawatte aus der Kitteltasche. Bis auf ein Muster kleiner, goldfarbener Punkte sah sie derjenigen sehr ähnlich, die er House während des Aufenthalts in der Entzugsklinik als Glücksbringer für seinen Prozess geschenkt hatte. „Nicht dass ich mich über das Geschenk nicht gefreut habe. Aber wieso schenkst du mir eine rote Krawatte? Du hasst Krawatten.“

House blätterte eine Seite um. „Nur wenn du darauf bestehst, sie um den Hals zu tragen.“ Er ließ mit comichaft-lüsternem Gesichtsausdruck die Augen einmal von Kopf bis Fuß über Wilson wandern.

Wilson seufzte. „Im Ernst, Greg?“, fragte er leise.

Zwei Zeitschriften wurden vom Schreibtisch auf den Fußboden gewischt. „Ich dachte, wenn ich das nächste Mal vor Gericht stehe, können wir gleich im Partnerlook gehen“, erwiderte House lakonisch.

Bevor Wilson etwas darauf sagen konnte, öffnete Chase die Tür und steckte den Kopf ins Büro. „Wir denken, wir sind dahintergekommen, warum die Werte so schlecht sind.“ Er beäugte neugierig die Krawatte in Wilsons Hand und dann seinen Chef.

House gab ein Geräusch ähnlich dem Buzzer bei einer Gameshow von sich, griff nach seinem Stock und stand auf, navigierte geschickt um das Chaos zu seinen Füßen. „Tut mir leid, die Zeit ist um.“

Wilson verstaute die rote Krawatte wieder in seinem Kittel. „Wir sprechen heute Abend darüber.“ Er ignorierte, dass sich Chase Augen neugierig weiteten und die Ohren des Australiers förmlich gespitzt waren.

House nicht. Er knurrte seinen Untergebenen an und drückte sich an ihm vorbei ins Konferenzzimmer. Chase machte einen Schritt rückwärts, stolperte und landete auf seinen vier Buchstaben. Während Foreman grinste und Cameron ihr Lachen hinter einer höflich vorgehaltenen Hand versteckte, bevor sie zu Chase eilte, um sich zu überzeugen, dass er nicht verletzt war, verfärbten sich dessen Ohren in einem Ton, der sehr an die Krawatte in Wilsons Tasche erinnerte.

Wilson schüttelte den Kopf und rieb sich flüchtig über die Schläfen, bevor er den taktischen Rückzug antrat; begleitet von den scharfen Worten, mit denen House Chase’ Slapstickeinlage kommentierte und dann sein Team zurechtwies, weil ihre Diagnose offenbar einen Fehler aufwies. Vielleicht hätte er es nicht hinterfragen sollen. Vielleicht war manchmal ein Geschenk einfach nur ein Geschenk und eine Krawatte nur eine Krawatte...




orange


„Wilson! Was zum Teufel ist das?“ House hielt mit angewidertem Gesichtsausdruck und gespitzten Fingern ein Ziploc hoch, in dem sich undefinierbare Objekte in einer von grünen Schnipseln durchzogenen, orangefarbenen Flüssigkeit bewegten. „Das sieht aus wie...“

„House! Wage es nicht!“, rief Wilson vom Wohnzimmer aus.

„Hast du in der Klinik heute jemand den Magen ausgepumpt und eine Probe mitgebracht?“

Wilson sah einen Moment zur Decke hoch, die wie üblich weder Antworten, noch Geduld, auf ihn nieder regnen ließ. „Es ist Hühnerbrust in einer Orangenmarinade. Mit Kräutern. Du hast neulich ‚licence to grill’ gesehen und wolltest, dass ich die Spieße nachkoche. Hast du eine Ahnung, wie lange ich gebraucht habe, um das Rezept im Internet zu finden? Und das ganze Zeug einzukaufen?“

House kam mit einem Bier ins Wohnzimmer und ließ sich neben ihn auf die Couch fallen. „Es ist eine Sendung über Fleisch und einen Kerl, der mit scharfen Messern und Feuer hantiert. Aber da habe ich nur das fertige Essen gesehen“, verteidigte er sich. „Nicht, wie es vorher aussieht. So... so orange.“ Er schüttelte sich übertrieben und warf einen Seitenblick auf seinen Partner. Wilsons Miene verhieß nichts Gutes. Vor allem verhieß es nichts Gutes für seinen Magen. Und er hatte sich an Wilsons Kocherei gewöhnt. Selbst wenn das Essen soooo aussah. Mit einem Seufzen stellte er die Flasche weg. „Rainford ist nie so unentspannt beim Kochen“, sagte er in seinem besten versöhnlich gemeinten Tonfall.

Wilson verschränkte die Arme vor der Brust. „Das liegt vermutlich daran, dass er nicht für jemand kocht, der eine Schüssel mit Lays und Cheese Whizz zum Abendessen serviert und sich dabei wie ein Drei-Sterne-Koch vorkommt.“

„Es war auch Dip dabei“, wandte House ein. Er rückte näher und legte den Arm äußerst... unauffällig... um Wilsons Taille. Das war doch genau der Grund, warum er gezögert hatte; warum sie so lange die Illusion von „wir sind nur Freunde“ aufrecht erhalten hatten; warum es so lange keine „richtige Beziehung“ gewesen war... zumindest keine richtige Beziehung, wie Wilson sie haben wollte. Es stand plötzlich so viel mehr auf dem Spiel, wenn sie stritten, lachten, schwiegen... Es ging nicht um Sex oder kein Sex, oder um ein selbstgekochtes Abendessen. Es ging um Kompromisse, um Gefühle, um Vertrauen und um... Offenheit. Darum, angreifbar und verletzbar zu sein – etwas, mit dem er sich nie völlig behaglich gefühlt hatte.

„Richtig. Wie konnte ich das vergessen“, entgegnete Wilson trocken. „So viel Mühe wäre doch nicht nötig gewesen.“

Er klang nicht unbedingt wütend oder enttäuscht, oder resigniert. So weit, so gut. „Warum bestellen wir nicht einfach Pizza? Spart den Abwasch“, schlug House vor.

Wilson wandte sich ihm voll zu. „Oh nein. So leicht kommst du nicht aus der Sache raus. Ich werde kochen. Und ich fürchte, ich werde extrem viel Geschirr dabei produzieren. Das ist doch kein Problem, oder?“ Er lächelte und beugte sich vor, bis seine Lippen House’ Ohr fast berührten. „Dafür fällt für den Nachtisch kein Abwasch an.“




pink

„Oh. Mein. Gott. Sag’ mir bitte, dass du nicht Tapetenmuster sichtest. Oder...“ House schauderte sichtlich. “Gardinen.“ Er trat neben Wilson an den Küchentisch, wo der bedauerlicherweise nicht damit beschäftigt war, seinem darbenden Liebhaber etwas zu essen zu machen. „Ich wusste, ich hätte dich diesen Michael Moloney nicht ansehen lassen dürfen. Glaubst du vielleicht, ich habe nicht bemerkt, wie deine Augen anfangen zu leuchten, wenn er über Farben und Muster redet...“, spottete House. Ein Ellbogen boxte ihn in die Seite. „Umphff. Hey! Warte nur, bis ich Cuddy erzähle, dass du mich misshandelst.“

„Richtig. Sie wird dir jedes Wort glauben“, erwiderte Wilson geistesabwesend. Seine Zungenspitze erschien zwischen den Lippen, als er mit dem rechten Unterarm das Geschenkpapier glatt zu streichen versuchte, das er auf dem Tisch ausgebreitet hatte und gleichzeitig mit der linken Hand nach der am Tischrand bereitgelegten Schere, Klebeband oder dem Band angelte.

House benutzte seinen Stock, um die Plastiktüte zu sich herzuziehen und spähte neugierig hinein. „Pink?“ Er ließ die Tüte fallen, als hätte er sich daran verbrannt. „Wirklich, Jimmy!” Seine Stimme hob sich zu einem grausigen Falsetto. „Das hätte ich jetzt ab-so-lut nicht von dir erwartet. Pink ist sooo-oo-oo nicht en-vo-gue.“

„Oh, halt die Klappe“, entgegnete Wilson, immer noch abgelenkt. Er streckte die Hand aus und wedelte mit den Fingern. „Gib’ mir das.“

Murrend bückte sich House nach der Plastiktüte mit ihrem abstoßenden pinkfarbenen Inhalt, die er auf den Fußboden hatte fallen lassen und warf sie unzeremoniell auf den Tisch. Er schnaubte verächtlich, als Wilson das T-Shirt mit einem Aufdruck übelkeitserregend-zuckersüßer Kätzchen aus der Tüte holte und auseinander faltete, um es kritisch zu mustern. Er klopfte mit dem Handrücken gegen Wilsons Bauch. „Nie im Leben passt du da rein“, ließ er sich vernehmen. „All diese gestopften Paprikas und Macadamianuss-Pancakes haben ihre Spuren hinterlassen.“

„Es ist ein Geschenk für eine Achtjährige, spar’ dir das“, erwiderte Wilson milde. House beklagte sich nicht, wenn er die Pancakes in sich hineinschaufelte, als hätte er davor drei Wochen gehungert.

„Es ist pink“, murrte House. „Ist deine Patientin blind?“

„Sie ist acht. Achtjährige Mädchen lieben pink.“ Wilson faltete das T-Shirt zusammen und strich ein paar Fältchen glatt. Dann platzierte er es in der Mitte des Geschenkpapiers und begann, es darum herum zu falten.

„Wieso machst du deinen Patienten Geschenke?“

Wilson verdrehte die Augen. Nur House brachte es fertig, zugleich neugierig und gekränkt zu klingen. „Sie hatte eine allergische Reaktion auf ein neues Medikament und wir mussten ihr Herz schocken. Eine der Schwestern hat ihr T-Shirt aufgeschnitten und sie war darüber sehr traurig, es war ihr Lieblings-T-Shirt, sie hat es von ihren Freundinnen geschenkt bekommen, als sie ins Krankenhaus musste.“ Nicht, dass er erwartete, dass House das verstand.

Er verklebte das Papier und betrachtete bekümmert das wenig ansprechende Ergebnis. Früher hatte er so was grundsätzlich seinen Frauen überlassen – oder den Verpackungsservice im Einkaufszentrum in Anspruch genommen. Doch der Verkäufer in dem Geschäft, in dem er es gefunden hatte, musterte ihn ohnehin schon misstrauisch, als er mit dem zerschnittenen T-Shirt als Muster ankam. Erst als er in seinen Wagen stieg und seine Einkäufe auf den Beifahrersitz legte, fiel ihm auf, dass in der richtigen Beleuchtung Blutflecken auf der pinkfarbenen Baumwolle zu erkennen waren. Janey hatte kurz vor der allergischen Reaktion Nasenbluten bekommen und die besorgten Eltern hatten ihn von den Schwestern rufen lassen. Nur deshalb war er dort gewesen und hatte von Janeys Trauer über das Kleidungsstück erfahren.

„Und du hast ihr versprochen, ihr ein Neues zu besorgen?“ House lehnte sich mit gelangweiltem Gesichtsausdruck gegen den Herd. „Wie nobel, Jimmy.“

„Ja, ich weiß, ich bin erbärmlich und bringe dich mit meiner Gefühlsduselei in Verlegenheit.“ Wilson zog Geschenkband über die Klinge der Schere, um es zu kräuseln und schnitt sich in den Finger. „Au, verdammt.“ Er steckte den Finger in den Mund.

House tauchte neben Wilson auf und zog dessen Hand zu sich her, um den Schnitt kritisch zu mustern. „Du wirst es überleben“, diagnostiziert er.

Wilson nahm seine Hand weg – beziehungsweise versuchte es, doch House ließ nicht locker. „Danke für die Konsultation, Dr. House. Willst du nicht losla...“ Er brach ab, als House seine Handfläche nach oben drehte und... sie küsste. Es war so schnell vorbei und Wilson starrte auf House’ Rücken, als der ins Wohnzimmer verschwand, dass er fast sicher war, er hatte sich das nur eingebildet.



gelb

Es hatte völlig harmlos angefangen. Als er gegen zehn in sein Büro kam, stand ein kunstvoll in gelbes Papier verpacktes Geschenk auf seinem Schreibtisch. House warf einen Blick durch die Trennwand in den Konferenzraum, doch sein Team hatte seine Abwesenheit offenbar dazu genutzt, ihre eigenen Wege zu gehen. Er umrundete seinen Schreibtisch, warf seinen Rucksack achtlos auf den Boden und hängte den Stock über die Tischkante, als er Platz nahm. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, das Geschenk samt seiner potthässlichen gelben Schleife in den Müll zu befördern. Andererseits war da seine Neugier... und hier war keiner, der ihm dabei zusehen konnte.

Er drehte das Geschenk. Es war keine Karte oder sonst etwas dran, auf dem stand, von wem es kam. Wilson wusste es besser, als ihm Geschenke zu machen – oder sparte sich zumindest das Einpacken. House schob einen Finger unter das Klebeband einer Lasche und riss das Papier auf. Einen Moment später war die Oberfläche mit gelben Papierschnipseln übersäht. Darunter kam ein Karton zum Vorschein und darin... eine Flasche Marker’s Mark. House zog sein Handy aus der Tasche und wählte Wilsons Nummer.

Es dauerte eine Weile, dann meldete sich sein Partner, etwas außer Atem klingend. „House, das ist jetzt wirklich kein guter Moment. Ich bin mit einer Patientin beschäftigt.“

„Ist sie wenigstens hübsch?“, entgegnete House trocken.

„Gree-eeg.“

House konnte förmlich hören, wie Wilson mit den Augen rollte. Er lehnte sich zurück. „Ich habe dein Geschenk gefunden.“

„Welches Geschenk?“, fragte Wilson nach einem Moment. Im Hintergrund waren andere Stimmen zu hören. „Ich muss Schluss machen.“ Dann war die Verbindung weg.

O-kay. House schnappte sich sein Jojo aus einer Schublade und arbeitete an einer komplizierten Kombination während er überlegte, wer ihm ein Geschenk gemacht haben könnte.




lila (Fortsetzung zu gelb)

„...wir könnten auf dem Heimweg gleich am „Panda Wok“ vorbeifahren und etwas zu essen mitnehmen. Das dauert nicht so lange, wie wenn du sie erst anrufst, wenn wir Zuhause sind und sie liefern. Es ist nur ein Umweg von fünf Minuten oder so.“ Wilson schlug den Kragen seines Mantels hoch als sie das Krankenhaus durch den Vordereingang verließen, es war verdammt kalt, dann warf er House einen Blick zu. Sein Partner hatte seit mindestens fünf Minuten nichts mehr gesagt. „Der Film soll wirklich großartig sein.“

House stoppte und warf einen misstrauischen Blick auf den schneebedeckten Weg. „Robot Warrior 2“, sagte er. „Die zärtliche Geschichte eines Roboters auf einem Rachefeldzug. Inhalt: Null. Robo-Sex, Blutvergießen und Gewalt: vier Sterne.“

„Auf keinen Fall“, protestierte Wilson. „So was sehen wir immer an. Ich will diesen Cowboy-Film sehen, von dem die Schwestern alle reden.“ Er zog den Kopf ein und versteckte sein Grinsen im Kragen seines Mantels, als House’ Augen aufblitzten. Es war ihm egal, was sie sahen und wenn das Robotergemetzel House glücklich machte, war er ebenfalls damit glücklich. Aber auf diese Weise bekam er wenigstens eine Antwort. Ein schweigender House machte ihn nervös.

„Gib’ mir Bescheid, wenn dir Brüste wachsen, dann kann ich...“ House brach plötzlich ab und packte Wilson am Arm, um ihn ein paar Schritte zur Seite zu ziehen.

„Hey, was soll das?“ Wilson wandte den Kopf und sah gerade noch eine Frau in einem lilafarbenen Mantel auf den Krankenhauseingang zueilen. „Was ist los?“

„Da ist sie schon wieder“, zischte House.

„Wer?“

„Meine Münchhausen-Patientin.“ House richtete sich auf, als die Frau ohne die beiden Männer zu bemerken, im Gebäude verschwand.

Wilson überlegte einen Moment. Es wäre einfacher, wenn House sich die Namen der Leute merken würde, die er beleidigte... „Anica... irgendwas. Was ist mit ihr? Will sie dich verklagen?“

„Schlimmer. Sie macht mir Geschenke. Erinnerst du dich an die Flasche Marker’s Mark, die letzte Woche in meinem Büro stand? Sie hat sie am Empfangstresen der Klinik abgegeben.“

„Und wo ist das Problem? Gut, ich gebe zu, du bist nicht daran gewöhnt, dass dir Patienten etwas schenken wollen; aber ich denke, es ist eine angenehme Abwechslung zu den Klagen und Beschwerden...“

„Sie verfolgt mich“, unterbrach ihn House. „Sie ist jeden Tag in der Klinik und will mit mir reden. Sie taucht im OTB auf. Gestern saß sie auf der Treppe vor meiner Wohnung. Sie ruft in meinem Büro an. Ich lasse Cameron ihre Anrufe beantworten, aber nicht einmal das schreckt sie ab.“ Er fuhr sich durch die Haare und brachte es fertig, sie noch wirrer aussehen zu lassen als zuvor. „Ich glaube... sie... ist... in mich... verliebt“, sagte er gedehnt.

Wilson blieb stehen und starrte seinen Partner an. „Und das sagst du mir erst jetzt?“, fragte er fassungslos. „Wenn... wenn sie nicht gerade hier aufgetaucht wäre, wann hättest du mir davon erzählt? Wenn ich vor dir nach Hause komme und sie nackt in deinem Bett finde?“

House zuckte mit den Schultern. „Es ist... kein Problem. Es ist nicht dein Problem. Es ist bedeutungslos. Wenn ich dir davon erzählt hätte, hättest du die Augenbrauen hässlich zusammen gezogen und angefangen, dir Sorgen zu machen.“ Er seufzte. „So wie jetzt.“

Wilson setzte zu einer Erwiderung an, als House sich plötzlich abrupt abwandte und so rasch wie er konnte in Richtung Parkplatz ging. Er drehte sich um und sah die Frau im lila Mantel auf sie zueilen.

Anica sah ihn an. „Da war doch gerade Dr. House bei Ihnen, nicht? Wo ist er denn hin?“

Wilson musterte sie kühl. „Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“

Anica sah sich um, aber House hatte es offenbar geschafft, außer Sichtweite zu gelangen. „Es ist etwas persönliches.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging.

Wilson sah ihr nach, bis er sicher war, dass sie nicht mehr zurückkam, dann ging er zu seinem Auto. House tauchte auf der Beifahrerseite auf und sah ihn an. „Ich will nicht darüber reden“, warnte er.

Wilson zuckte mit den Schultern und ließ die Schlösser des Volvo aufklicken.





türkis (Fortsetzung zu lila)

House lehnte sich gegen die Wand, den Stock vor sich aufgestützt, und beschäftigte sich damit, seinem fast leeren Coke-Becher mit dem Strohhalm Schlürfgeräusche zu entlocken, auf die jeder Sechsjährige stolz gewesen wäre. Er ignorierte die irritierten Blicke, die ihm von den anderen Leuten in der Lobby des Kinos zugeworfen wurden. Eine Säule versperrte ihm die Aussicht auf die Schlange vor dem Snackstand, in die sich Wilson murrend eingereiht hatte, um für ihn Süßigkeiten für die „lange“ Heimfahrt zu erbeuten. Seinen Einwand, dass sie ja auf dem Weg chinesisches Essen kaufen würden, ließ House nicht gelten.

Der Strohhalm erwies sich als der Klügere und gab nach, ein langer Riss in der Seite machte es ihm unmöglich, dem Becher weiter obszöne Geräusche zu entlocken und House warf den Becher in Richtung eines ohnehin überquellenden Müllbehälters. Er fiel daneben und rollte einer älteren Dame in einem schrill-türkisfarbenen Kleid vor die passend türkisfarbenen Sandalen. Auf ihrem violettgetönten Haar thronte ein... na?... türkisfarbener turbanähnlicher Hut. Abgerundet wurde das ganze von türkisfarbenem Lidschatten und großen Klunkern an den Ohren und um einen faltigen Schildkrötenhals – gefertigt aus Türkisen natürlich.

Dieser Albtraum aus Türkis warf House einen strengen Blick zu, der allerdings etwas milder wurde, als sie den Stock in seiner rechten Hand entdeckte. Sie bückte sich, hob den Coke-Becher mit spitzen Fingern auf und legte ihn vorsichtig auf dem Müllberg ab. Das ganze garnierte sie mit einem mitleidsvollen Blick, bei dem sich House der Magen umdrehte. Aus irgendeinem Grund schien sie zu denken, ihn ansprechen zu müssen. „Das war ein wundervoller Film, nicht wahr?“, sagte der türkise Albtraum. „Diese herrlichen Landschaftsaufnahmen.“ Offenbar nahm sie an, House habe den gleichen Film gesehen wie sie.

„Der Film war so langweilig, dass ich mich selbst sexuell belästigen musste“, entgegnete House so beiläufig, als mache er eine Bemerkung über das Wetter.

Der rotgeschminkte Mund, dessen Farbe bereits in die Lippenfalten ausblutete, öffnete sich zu einem perfekten „O“ und blassblaue Augen unter schwerem, türkisfarbenem Lidschatten rundeten sich.

„Greg-go-ry House!“, zischte es hinter ihm und dann tauchte Wilson neben ihm auf, um der Dame mit dem violetten Haar ein verkrampftes, entschuldigendes Lächeln zuzuwerfen. Sie blinzelte ein paar Mal, dann drehte sie sich mit einem empörten Laut um und kehrte zu ihrer Begleitung zurück.

„Du wolltest mich ja nicht belästigen, also musste ich es selbst machen.“ House stieß Wilson den Griff seines Stocks in die Rippen. „Nenn’ mich nicht so. Ich erlaube nicht einmal meiner Mutter, mich so zu nennen.“

„Dann benimm’ dich gefälligst nicht, als wärst du ein unter Wölfen aufgewachsener Sechsjähriger.“ Wilson seufzte und rieb sich den Nacken.

„Aber Moooo-oom...“, quengelte House.

Wilson griff in die Jackentasche, zog einen Schokoriegel heraus und stopfte ihn – ohne weitere Umstände, dafür mit Verpackung – in den Mund seines Partners. „Kein weiteres Wort“, drohte er. „Geh’ und warte im Auto auf mich.“ Halb und halb erwartete er Widerspruch; einen Trotzanfall... doch House nahm lediglich den Schokoriegel aus dem Mund, riss mit den Zähnen die Verpackung auf und humpelte zufrieden Richtung Ausgang.

Wilson sah ihm kopfschüttelnd nach, dann machte er sich auf die Suche nach seinen Einkäufen, die er zurückgelassen hatte, als er sich umdrehte und die Dame mit dem violetten Haar auf House zukommen sah.




grün (Fortsetzung zu türkis)

House lehnte mit Unschuldsmiene am Volvo und leckte sich – wobei er Wilson an eine Katze erinnerte – Schokoreste von den Fingerspitzen.

Wilson blieb vor ihm stehen, die Hände in die Hüften gestemmt und sah ihn an. „Hast du irgendwas zu deiner Verteidigung zu sagen?“ Er entdeckte einen Schokofleck auf House’ Kragen und überlegte, ob er im Handschuhfach noch Feuchttücher hatte.

„Wir werden von einem grünen Auto verfolgt.“

Wilson blinzelte ein Mal, als ob seine vermeintlichen Hörprobleme etwas mit den Augen zu tun hätten. „Was?“

House deutete auf die Straße. „Da drüben. Der Wagen hat hinter uns geparkt und steht jetzt immer noch da.“ Er schnappte sich die Papiertüte mit den geretteten Snacks und unterzog sie einer genauen Kontrolle.

„Okay, du willst ablenken von dem Aufstand, den du gerade da drinnen veranstaltet hast“, erwiderte Wilson trocken. „Lass’ uns einfach das Essen holen und nach Hause fahren.“ Obwohl er sicher war, dass House das mit dem Auto nur erfunden hatte, ertappte er sich doch dabei, wie er über die Schulter sah und den grünen Wagen musterte. Es saß jemand drin, aber die Beleuchtung reichte nicht aus, um mehr zu erkennen. Wilson schüttelte über sich selbst den Kopf und wandte seine Aufmerksamkeit wieder House zu, der einem zweiten Schokoriegel den Garaus machte. „Willst du hier Wurzeln schlagen, oder können wir...“

„Verdammt, da ist sie wieder.“ House sackte gegen das Auto.

Wilson fuhr herum und sah Anica aus dem grünen Wagen klettern und auf sie zu treten. Er sah von ihr zu House und wieder auf die Frau. Okay. House dachte also, sie wäre in ihn verliebt, ja? Und diese Anica hielt House offenbar für frei. Gut, das war ein Irrtum, von dem er sie relativ rasch heilen konnte.

Er packte House bei den Schultern, der überrascht aufsah und presste sich an ihn. Wie üblich schaltete House schnell und hob die Arme, um sie um Wilsons Hüften zu schlingen und ihn noch enger an sich zu ziehen. Er ließ die Tüte fallen, Wilson spürte sie an den Beinen, dann küsste er House und das war das einzige, was er noch wahrnahm.

Irgendwo hinter ihnen rief jemand was, aber keiner der beiden achtete darauf. Wilson war der erste, der den Kopf zur Seite drehte und sich die Lippen leckte, die nach Schokolade und Nüssen und House schmeckten. „Ist sie noch da?“, fragte er, sein Mund dicht an House’ Ohr.

House öffnete die Augen und blickte über Wilsons Schulter. Der grüne Wagen und Anica waren verschwunden. „Sie ist immer noch da“, murmelte er.

„’kay.“ Wilson war mehr als willig, zum Küssen zurück zu kehren. Er hatte einen Besitzanspruch geltend zu machen...





braun

Wilson zog seinen Kittel aus und hängte ihn ordentlich über einen Bügel, den er dann im Schrank verstaute. Anschließend kontrollierte er den Sitz seiner Krawatte in dem auf der Innenseite der Schranktür angebrachten Spiegel und fuhr sich prüfend durch die Haare. Er hielt inne und beugte sich weiter vor, blinzelte sein Spiegelbild an. Da waren ein paar Strähnen... Es musste ein Trick des Lichts sein... oder vielleicht war das Braun von der Sonne ein wenig ausgebleicht... unmöglich... Er war noch viel zu jung... für graue Haare!

„Ich hoffe, du machst dich für mich hübsch“, erklang hinter ihm amüsiert House’ Stimme.

Wilson ließ die Hände sinken und nahm sein Jackett von dem zweiten Bügel im Schrank, um es an zu ziehen. Er drehte sich um und wischte ein paar nicht-vorhandene Stäubchen vom Revers. „Ich sollte mir wirklich angewöhnen, die Balkontür abzusperren“, seufzte er.

House ließ sich auf das Sofa fallen und legte die Beine hoch. „Du hast wirklich einen Spiegel da drin?“, meinte er in einem ungläubigen Tonfall. „Jimmy, du bist so ein Mädchen. Was hast du da eigentlich gerade gemacht? Deine kostbaren Haare nachgezählt? Du probierst doch wohl nicht schon wieder so ein neues Zeug aus... Haarspülung oder Haarkur... oder wie immer das heißt?“

„Entschuldige, dass ich Wert auf mein Aussehen lege“, entgegnete Wilson etwas bissig. „Nicht alle von uns kommen mit dem versifften Penner-Look durch.“

„Hey, hey, whoa, schon gut.“ House hob beschwichtigend beide Hände und setzte eine übertrieben gekränkte Miene auf. „Und ich dachte immer, du liebst mein Aussehen!“

„Nicht jetzt, ja? Ich bin mit Cuddy verabredet und wenn ich mich nicht beeile, komme ich zu spät.“ Wilson griff nach seinem Mantel und wickelte einen Schal um seinen Hals.

House setzte sich interessiert auf. „Warum weiß ich davon nichts?“

„Seit wann ist es wichtig, wenn ich mit Cuddy Kaffeetrinken gehe? Sie ist mein Boss. Deiner übrigens auch.“ Wilson trat zur Tür.

„Eine Tatsache, die ich erfolgreich verdränge“, rief ihm House hinterher. „Du machst mir nichts vor. Kaffeetrinken ist nur ein Code.“

Wilson sah ihn über die Schulter an. „Ein Code? Wofür? Oh, erleuchte mich, weiser Heiler.“

House schnaubte amüsiert. „Du weißt genau, was ich meine. Wenn du mit Cuddy Kaffeetrinken gehst, endest du auf der Couch und röstest deine eigenen Bohnen.“

„Du hast allein hergefunden, ich bin sicher, du findest auch alleine wieder raus“, sagte Wilson unbeeindruckt, und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Das zufriedene Lächeln, das House’ plötzliche Anwandlung von Eifersucht hervorgerufen hatte, blieb lange auf seinen Lippen.

* * *

Lisa Cuddy lehnte sich in der Nische in Buckley’s Café zurück und nippte an ihrem Kaffee. Wilson war wie immer ausgesprochen hilfreich bei der Planung eines Abendessens mit potentiellen Sponsoren gewesen und hatte auch zugesagt, daran teil zu nehmen. Natürlich hätte sie die Besprechung auch in ihrem Büro abhalten können. Aber dort hatten sie keine ruhige Minute – wenn es nichts war, das ihre administrativen Pflichten betraf, dann platzte sicherlich House herein. Entweder mit einer Beschwerde oder aus reiner Neugier. Und sie fand, dass sie eine kleine Auszeit verdient hatte.

Abgesehen davon... sie fühlte sich in der entspannten Atmosphäre auch weitaus wohler dabei, eine Frage zu stellen, die zu persönlich für eine Besprechung zwischen Dekan und Abteilungsleiter war. Aber sie und James verband auch eine Freundschaft, die aus Sympathie und der gemeinsamen Sorge um diesen einen Mann, der ihnen beiden so vieles bedeutete, erwachsen war.

Sie schlug den Ordner mit ihren Unterlagen zu und stellte die Tasse ab. „Ich denke das reicht für heute. Vielen Dank für Ihre Hilfe, James. Wir sind ein großes Stück weitergekommen.“

Wilson sah von seinen Notizen auf und lächelte. „Immer wieder gerne. Und es war eine wirklich gute Idee, dass wir uns hier treffen. Nicht nur, weil der Kaffee besser ist als in der Cafeteria.“

Ihr gefiel, wie entspannt er wirkte. Und so platzte sie völlig ohne Diplomatie und sehr neugierig heraus. „James, wie läuft es zwischen Ihnen und House?“

Der Ausdruck in den braunen Augen wechselte zu Überraschung. „Es ist alles in Ordnung zwischen uns. Wieso?“

Sie lächelte. „Ich denke, ich bin einfach nur neugierig. House kann... er kann so anstrengend sein.“ Cuddy hob die Hand und winkte ab, bevor Wilson mehr sagen konnte. „Oh, vergessen Sie bitte, dass ich gefragt habe. Es geht mich nichts an.“ Sie griff nach ihrer Tasse.

„Oh, Lisa. Vielleicht können Sie mir auch mit etwas helfen. Ich meine... Frauen haben doch mit so was eher Erfahrung...“, begann Wilson nach ein paar Minuten unbehaglich. „Ich wollte wissen...“ Er blickte Cuddy mit einem leicht verlegenen Lächeln an.

Cuddy nickte ermutigend und griff über den Tisch, um beruhigend seine Hand zu tätscheln. „Aber natürlich, James, was kann ich für Sie tun?“

„Hilft dieses Zeug zum Haarefärben wirklich so gut?“ Einen Moment später starrte Wilson fassungslos auf den braunen Fleck – vormals der Rest des Kaffees in Lisa Cuddys Tasse, nun abstrakte Kunst auf seinem ehemals blütenweißen Hemd – der sich auf seiner Brust ausbreitete. Wenigstens war der Kaffee bereits kalt gewesen, dachte er abwesend, während er ihr nachsah, wie sie ihre Sachen zusammenraffte und wütend aus Buckley’s Cafe stürmte.





ocker

Das Geschrei in der Lobby der Klinik lockte Cuddy aus ihrem Büro. Sie schnappte sich Brenda Previn, die mit einem Clipboard in der Hand neben dem Empfangstresen stand und dem Besprechungszimmer, aus dem wütende Stimmen erklangen, den Rücken zudrehte.

„Was ist hier los?“, fragte Cuddy irritiert.

Previn sah nur flüchtig von ihren Formularen auf. Es genügte, um Cuddy das amüsierte Funkeln in ihren Augen erkennen zu lassen. „House ist los.“

Lisa Cuddy stutzte und überflog im Geiste den Dienstplan. „Er ist heute überhaupt nicht zum Klinikdienst eingeteilt. Außerdem habe ich sein Team mit einem Patienten beschäftigt gesehen. Was zum Te... was macht er hier?“ Ihre Welt bewegte sich plötzlich in unsicheren Bahnen, wenn House freiwillig Klinikdienst ableistete.

Brenda zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nur, dass er vor zwei Stunden hier aufgetaucht ist und das Wartezimmer immer leerer wurde, während meine Schwestern mehr Zeit damit verbringen, aufgebrachte Patienten zu beruhigen, die von House beleidigt wurden, als damit irgendjemand zu behandeln.“

„Wie konnte es so weit kommen?“ Cuddy zuckte zusammen, als die Tür des Behandlungsraumes aufflog und gegen die Wand knallte.

„Was hätte ich tun sollen?“, entgegnete Previn schnippisch. „Hätte ich den Sicherheitsdienst rufen lassen sollen, damit sie ihn rauswerfen?“

Cuddy musterte sie. Für ihren Geschmack nahm sich die Oberschwester ein wenig viel heraus in letzter Zeit, doch das musste warten. „Sie hätten mich anrufen können“, erwiderte sie kühl. Wie sonst auch.

„Das habe ich. Aber Ihr neuer Assistent sagte, dass Sie nicht gestört werden dürften.“ Brenda war mit ihren Notizen offenbar fertig, sie ließ das Clipboard sinken und klickte den Kugelschreiber.

„Das war... offenbar ein Missverständnis.“ Cuddy setzte einen weiteren Punkt auf ihre mentale „zu erledigen“-Liste. „Bei Notfällen bin ich immer zu erreichen.“

„Und House ist immer ein Notfall.“ Schwester Previn wandte sich um und folgte dem Patienten, der eben aus dem Behandlungszimmer floh mit ihren Blicken. Ein Stockgriff hakte sich um die Türklinke und zog die Tür ins Schloss.

„Kümmern Sie sich um den Mann“, wies Cuddy an. „Wir brauchen nicht noch mehr Klagen in diesem Quartal. Ich kümmere mich um House.“ Ohne auf Previns Antwort zu warten, zupfte sie unbewusst den Ausschnitt ihrer Bluse zurecht, bevor sie energisch auf das Behandlungszimmer zuging. Ihre Absätze hallten unheilvoll auf dem Klinikfußboden.

Sie öffnete die Tür und wurde von einem ruppigen „Raus!“ begrüßt.

Cuddy holte tief Atem, und zog die Tür hinter sich zu. House thronte auf einem der Behandlungshocker, den Rücken zu ihr gewandt und benutzte seinen Stock eben dazu, einen Ball – dessen rosa Farbe und der Disney-Prinzessinnen-Aufdruck nahe legten, dass er einem kleinen Mädchen gehörte... oder gehört hatte – durch ein auf dem Boden ausgelegtes Labyrinth aus zweckentfremdetem Inventar zu bugsieren. „House!“

Der Stock traf statt des Balls eine kleine Sauerstoffflasche, die umfiel und die umstehenden Dinge mit sich riss, dann rollte sie davon und knallte mit einem metallischen Geräusch gegen die Beine des Behandlungstisches. „Oh, die Königin der Maulwurfsmenschen begibt sich höchstpersönlich in die Niederungen ihrer Untergebenen.“ House drehte den Hocker zu ihr herum, stützte den Stock vor sich auf und legte das Kinn auf den Griff. „Wir elenden Unwürdigen, die wir schuften in den dunklen Minen heißen sie willkommen.“

Cuddy runzelte irritiert die Stirn. Die Worte waren oder waren nicht Greg House, aber der Tonfall... etwas an seinem Tonfall stimmte nicht. „Sehr... poetisch.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und fragte streng: „Was geht hier vor sich, House?“ Zu ihrer Überraschung folgten keine weiteren Tiraden, Ausbrüche, ja nicht mal eine Bemerkung über ihren Ausschnitt. In anderen Worten – House blieb stumm.
Sie musterte ihn kritisch. House Schultern waren nach unten gesackt, er hielt den Stock in beiden Händen und wiegte mit dem aufgestützten Kinn den Stockgriff leicht hin und her. Mehr als alles andere wirkte er in diesem Moment... besiegt. Es schien ein merkwürdiges Wort im Zusammenhang mit House, aber es war das einzige, das ihr einfallen wollte. Er wirkte niedergeschlagen und sie war sich ziemlich sicher, dass es kein Trick war, um der Bestrafung für sein unverschämtes Verhalten gegenüber den Patienten zu entkommen. „House, was ist passiert?“, fragte sie sanft.

House holte tief Luft. „Wilson hat...“, er zögerte. „Er hat mich... hintergangen.“

Sie trat näher und ließ die Arme sinken. Dann ging sie vor ihm in die Hocke, legte eine Hand auf seinen Unterarm und sah ihn an. „Sie wissen, Sie können jederzeit mit mir sprechen. Über alles“, ermunterte sie ihn. Natürlich hatte es früher oder später dazu kommen müssen, dass es zu einer Krise in ihrer Beziehung kam, das geschah in jeder Beziehung, und natürlich würde House nicht wissen, wie er mit der emotionalen Belastung umgehen sollte und unter diesem Gesichtspunkt war es nur ebenfalls natürlich, dass die Patienten in der Klinik ein Ziel seiner Frustration geworden waren. Zufrieden mit dem Klang dieser Erklärung in ihren Gedanken, lächelte Cuddy beruhigend und drückte House’ Arm. „Gehen Sie nur bitte nicht zu sehr ins Detail.“

Ein weiterer, herzenstiefer Seufzer kam von House, gefolgt von den Worten: „Wilson hat mir einen Anzug gekauft. Einen ockerfarbenen Anzug. Als würde ich auf eine Safari in Afrika gehen.“

Cuddy blinzelte, einen Moment unsicher ob sie ihren Ohren trauen konnte. Dann zog sie ihre Hand weg als hätte sie sich an ihm verbrannt und stand auf. Sie hatte sich wieder einmal von ihm für dumm verkaufen lassen! Dieser Mann trieb sie noch zur Weißglut. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. „Das ist doch wohl die Höhe! Diesen... diesen ganzen Zirkus haben Sie nur veranstaltet, weil Wilson IHNEN EINEN ANZUG GEKAUFT HAT?!?!?“

„Es war ein ultrageschmackloser, ockerfarbener Anzug“, berichtigte House.

„Wie bedauerlich, dass wir nicht alle Ihren exzellenten Geschmack haben“, entgegnete Cuddy scharf. „Für dieses Affentheater schulden Sie mir zehn weitere Klinikstunden, House. Und zwar werden Sie diese in diesem Monat ableisten. Und wenn ich noch eine Klage höre, dann...“

„Ich kann diesen Monat nicht mehr in der Klinik arbeiten“, unterbrach sie House und drehte seinen Stock. Er sah Cuddy nicht an.

„Oh, wirklich? Wieso nicht? Passt die Farbe des Fußbodens nicht zu der Farbe Ihrer Augen?“, erwiderte Cuddy sarkastisch.

„Ich muss...“ House starrte mit gequältem Gesichtsausdruck an die Decke. „...auf eine Hochzeit.“

„Tatsächlich? Und wer heiratet, wenn ich frag...“ Sie stockte und ihre Augen weiteten sich. Oh nein, das war nicht möglich. Oder? Natürlich wäre es keine richtige Hochzeit, aber eine vom Staate New Jersey erlaubte Zeremonie... Aber House? Er würde doch nicht... wohingegen Wilson bereits mehr als seinen Soll erfüllt hatte. Aber war er nicht noch mit Julie verheiratet? „House“, begann sie. „Das ist ja eine wundervolle Neuigkeit. Darf ich Ihnen als Erste gratulieren? Ich hoffe, Wilson weiß, auf was er sich da einlässt.“

House sah sie an, als zweifle er an ihrem Verstand. „Was hat Wilson damit zu tun, dass meine Eltern beschlossen haben, ihr Ehegelöbnis zu wiederholen?“

„Ihre Eltern?“, fragte Cuddy ungläubig.

„Ja. Sie wollen ihre Goldene Hochzeit damit feiern, dass sie noch einmal heiraten.“ House sah sie mit unschuldig geweiteten Augen an. „Was dachten Sie denn?“

Cuddy schüttelte den Kopf und hob resigniert die Hände, Handflächen nach außen. „Ich weiß nicht, was ich gedacht habe, aber... Vergessen Sie’s einfach. Und wegen der zusätzlichen Klinikstunden sprechen wir uns noch.“ Sie trat eiligst den Rückzug an.

House sah ihr nach und wandte sich dann grinsend dem Wiederaufbau seines Labyrinths zu.






weinrot (Fortsetzung zu „ocker“)

„Ich hasse dich“, sagte Wilson und ließ sich mit einem müden Seufzen auf die Bank neben House fallen.

Wieso war er nur zuletzt auf die Idee gekommen, im Garten nach zu sehen? Das Haus war voller Menschen, die die Goldene Hochzeit und zweite Vermählung von Blythe und John feierten und da House offenbar der Wirbel zu viel geworden war und er sich nicht in dem Zimmer befand, dass sie für ihren Aufenthalt bewohnten (mit nur widerwilliger Zustimmung von John House’ Seite; doch in diesem Punkt setzte sich Blythe durch, die nicht zuließ, dass sie in ein Hotel zogen), gab es nur diese Möglichkeit.

House blickte ihn amüsiert an. „Du hast mich gezwungen, hierher zu fahren. Du hast mich gezwungen, diesen scheußlichen Anzug zu tragen. Du hast mich gezwungen, die Gesellschaft von unerträglichen Menschen zu ertragen. Ich sollte dich hassen.“

„Du hast mich zwei Stunden lang mit deiner Tante Sarah alleine gelassen.“ Wilson fuhr sich glättend über die Haare. „Mein Gott, wie alt ist diese Frau? Achtzig? Nicht nur, dass sie die ganze Zeit mit mir flirtete und ständig einen neuen Vorwand gefunden hat, mich anzufassen, sie stellte immerzu Fragen über unser Liebesleben. Und das in einer Lautstärke, dass es mich direkt verblüfft, dass die Nachbarn sich noch nicht bei der Polizei beschwert haben. Ich war fast so rot im Gesicht wie dein Vater und wäre am liebsten im nächsten Mauseloch verschwunden. Langsam verstehe ich, warum sie deine Lieblingstante ist.“

House grinste. „Mein Vater konnte seine Schwägerin nie leiden. Sie hatte keine Angst vor ihm. Und er konnte sich nicht an ihr vergreifen, weil ihn seine Marine-Kumpel aus ihrem feinen Club geworfen hätten, wenn sie dahinter gekommen wären, dass er eine Frau geschlagen hat.“ Er stoppte einen Moment und als er weitersprach, war der bittere Unterton aus seiner Stimme verschwunden, ersetzt von seinem üblichen Sarkasmus. „Deswegen haben sie mich auch immer bei Oma und nicht bei ihr gelassen. Sie ist ein taffes, altes Mädchen.“ Er beugte sich vor, bis sein Mund fast Wilsons Ohr streifte. „Und sie hat mir zu dem tollen Fang gratuliert, den ich mit dir gemacht habe.“

„Hmm. Vielleicht war ich zu voreilig mit meiner Einschätzung deiner Tante.“ Wilson drehte den Kopf und küsste House. „Sie hat eigentlich einen ganz guten Geschmack.“ Er lächelte zufrieden, als House das Gesicht an seinen Hals drückte und er das Vibrieren seines Lachens gegen seine Haut spürte. Wilson schlang den Arm um die Taille seines Partners.

Ein Gewicht hob sich von seinem Herzen. Er hatte gewusst, dass er Gregs Vertrauen hinterging, wenn er hinter seinem Rücken mit Blythe paktierte, um ihn zur Teilnahme an der Goldenen Hochzeit seiner Eltern zu bewegen. House war alles andere als ein offenes Buch, was seine Kindheit und das gespannte Verhältnis zu seinem Vater anging. Und das hatte er schon vor langem akzeptiert. Aber es war nicht allein um Blythe’ willen geschehen, dass er sich einmischte, sondern auch weil er das Gefühl hatte, dass es allein Stolz war, der Greg davon abhielt, dem Wunsch seiner Mutter nachzukommen. Stolz und vielleicht auch ein klein wenig... Angst... vor dem Zusammentreffen mit seinem Vater. Letzteres würde House selbstverständlich nie zugeben. Aber Wilson kannte ihn lange genug, um zwischen den Zeilen zu lesen. Und bisher war bis auf das eisige Schweigen zwischen den beiden House-Männern – und abgesehen von Johns verbaler Missbilligung, dass unter seinem Dach sein Sohn mit einem anderen Mann das Bett teilte – alles glatt gegangen.

„Würdest du mich auch heiraten?“, fragte Wilson plötzlich.

„Was?“ House setzte sich auf und sah ihn an.

Wilson spürte seine Wangen rot werden. „Ich meine... meinte... wenn wir verheiratet wären, würdest du mich nach fünfzig Jahren auch noch einmal heiraten?“, versuchte er sich heraus zu reden.

„Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ich lange genug lebe, um Silberne Hochzeit zu feiern, wenn ich jemals so dämlich sein sollte, zu heiraten.“ House starrte auf seine weinroten Chucks, die gegen seinen Anzug abstachen. Aber er war nicht bereit gewesen, passendere Schuhe zu tragen und angesichts der anderen Zugeständnisse, zu denen er House zwang, hatte Wilson das Thema fallen lassen. Dann stand er abrupt auf und trat an das Geländer, das die Veranda umgab, Wilson den Rücken zugewandt. „Ich dachte mir, dass dieser ganze Romantikkram dir Flausen in den Kopf setzt. Vergiss’ es. Wenn dir... wenn dir diese ganze... Sache... zwischen uns wirklich etwas bedeutet, dann stell’ keine solchen Fragen.“

Wilson trat zu ihm. Er zögerte eine Sekunde, dann legte er die Arme um House und presste seine Stirn auf die Stelle zwischen seinen Schulterblättern. „Diese... Sache... bedeutet mir mehr als alles andere“, flüsterte er, sicher das House ihn nicht hören konnte. „Diese Sache heißt Liebe, Greg.“ Dann hob er den Kopf und stützte das Kinn auf House’ Schulter. „Ich hatte nicht vor, zu fragen, weißt du“, sagte er dann, sein Mund dicht an Gregs Ohr. „Ich habe dreimal gefragt und es ging jedes Mal schief.“

House drehte sich um, und sah ihn an. „Du bist ein Idiot. Das ist kompletter Schwachsinn. Du bist dreimal geschieden, weil du...“

„...weil ich eine Ewigkeit gebraucht habe, um mir klar zu machen, wen ich wirklich will.“ Wilson spürte eine Art von kalten Schauer seine Wirbelsäule entlang laufen, als sich blaue Augen mit einem sehr ernsten, prüfenden Ausdruck in seine bohrten. Dann zerknitterten House’ Hände sein perfekt gebügeltes Jackett und irgendwo klapperte Holz gegen Holz, als sein Stock auf dem Boden aufschlug. Aber das nahm er nur noch am Rande wahr, als House ihn küsste.

Bis ihn plötzlich kräftige Hände an den Schultern packten und von Greg wegzerrten. Wilson schüttelte sie ab und drehte sich um – und fand sich John House gegenüber, der sie mit hochrotem Kopf und wütenden Blicken musterte.

„Ich habe geduldet, dass du deinen... deinen... ihn... mitbringst, aber nur, weil es deiner Mutter so viel bedeutet, dass du hier bist“, sagte John House. „Aber ich dulde nicht dieses... abstoßende Verhalten vor den Augen unserer Gäste.“

Greg reagierte instinktiv. Ohne auf den Schmerz in seinem Bein zu achten, den die hastige Bewegung ohne Unterstützung seines Stocks aufflammen ließ, schob er Wilson hinter sich, so dass er zwischen seinem Vater und seinem Partner stand. „Du wirst ihn nicht mehr anfassen“, sagte er, seine Stimme sehr ruhig und sehr kalt. „Ist das klar, Vater? Ich bin kein Kind mehr. Du hast nicht mehr über mich zu bestimmen. Und ich habe keine Angst vor dir.“

„Du wagst es, so mit mir zu sprechen?“ John House klang tatsächlich überrascht. „In meinem Haus?“

„Kein Problem. Gib’ uns zehn Minuten und du bist von unserer abstoßenden Gegenwart befreit“, entgegnete House hitzig. „Auf keinen Fall wollen wir dich in Verlegenheit bringen.“

„Nein.“ Blythe erschien in der offenen Tür. „Bitte. Greg. James. Es tut mir leid. Ich möchte nicht, dass ihr geht.“ Sie sah ihren Sohn bittend an, während ihr Mann wortlos ins Haus zurücktrat. Blythe nahm die Hand ihres einzigen Kindes. „Er meint es nicht so, Greg. Es ist... er ist...“, sie brach hilflos ab.

House sah weg. „Es tut mir leid, dass wir dir den Tag verderben, Mom“, sagte er leise. „Das wollte ich wirklich nicht.“

„Aber das hast du nicht, es ist nichts verdorben“, widersprach Blythe. Sie streckte ihre andere Hand Wilson entgegen und lächelte, als er ihre Finger in seine nahm. „Bitte, bleibt. Es bedeutet mir sehr viel, dass ihr beide hier seid.“ Sie wartete, bis Greg sie ansah, dann drückte sie noch einmal seine Finger, bevor sie sich umwandte, um ihrem Mann zu folgen.

Wilson ließ sich ausgiebig Zeit damit, sich zu bücken und den Stock aufzuheben. Dann hielt er ihn House hin. House griff danach und da Wilson das andere Ende immer noch festhielt, zog er ihn zu sich, um den Arm um die Taille seines Partners zu legen.

Wilson beugte sich vor und lehnte seine Stirn gegen House’. Sie standen noch lange so da.

* * *

Wilson war froh, als er es endlich geschafft hatte, House ins Bett zu bugsieren. Nach dem Zusammenstoß mit seinem Vater auf der Veranda zog sich Greg von ihm zurück und widmete sich während des Abendessens verstärkt den alkoholischen Bestandteilen des Buffets. Vermutlich mit Rücksicht auf seine Mutter – und Dank seiner durch jahrelanges Üben gesteigerten Toleranz – schaffte er es, nicht zu betrunken zu erscheinen.

Aufatmend streckte sich Wilson neben seinem Partner aus und drehte sich auf die Seite. House hatte die letzten fünfzehn Minuten damit verbracht, sich über die weinrote Bettwäsche lustig zu machen – mit einer beharrlichen Ernsthaftigkeit, wie sie nur ein Betrunkener aufbrachte.

„Alles okay?“, fragte Wilson, denn obwohl House plötzlich sehr stumm war, verrieten seine Atemzüge, dass er nicht eingeschlafen war. Er blinzelte ein paar Mal, während seine Augen sich langsam an die fast-Dunkelheit gewöhnten und er zumindest Umrisse erkennen konnte.

Seine Antwort bestand in einer Hand, die auf seinem Bauch landete und tiefer gleiten wollte. Wilson fing sie auf und legte sie zurück auf seine Brust. „Hör’ auf, ich kann nicht, wenn deine Eltern nebenan schlafen.“

House seufzte. „Wie alt bist du? Fünfzehn?“, fragte er, die Worte nur ganz leicht verschwommen.

„So wie dein Vater mich ansieht, habe ich das Gefühl, ich bin sechs und habe ins Bett gemacht.“

Die Hand verschwand von Wilsons Brust. „Jetzt hast du mir auch die Lust verdorben.“

Wilson schnaubte und drehte sich auf die Seite. „Gute Nacht, House“, meinte er mit einem Lächeln. Er seufzte zufrieden, als House lose einen Arm um ihn legte.

Bis nach einer Weile wieder eine Hand auf Wanderschaft über seinen Körper ging und er House’ Stimme dicht an seinem Ohr hörte: „Stell’ dir vor, vielleicht machen sie gerade das, was du nicht mit mir machst...“

Wilson vergrub mit einem Stöhnen das Gesicht ins Kissen. „Hör’ auf! Noch ein Wort und ich schlafe auf der Couch im Wohnzimmer.“

Er hörte House leise lachen, spürte dann seine Lippen im Nacken. „Gute Nacht, Wilson.“

Ende