neu: Bruchstücke (House MD, PG, gen)
Titel: Bruchstücke
Autor: Lady Charena
Fandom: House, MD
Pairung: House, Wilson
Rating: PG, gen
Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: House erhält seinen Stock nach dem Unfall zurück. Spoiler: Staffel 4.

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.



Lou, der Reinigungsmann der Nachtschicht, sah nicht einmal mehr auf, als er aus der Richtung des Lifts den bekannten Dreiklang aus Schritten und Stock hörte. Er war inzwischen daran gewöhnt, dass in der Diagnostikabteilung zu den unüblichsten Zeiten Licht brannte.

Meistens wurde ihm kein Blick gegönnt, wenn noch jemand so spät arbeitete und er in ein Büro trat, um die Papierkörbe zu leeren. Seit ihn hier jedoch einmal beinahe ein Kaffeebecher am Kopf traf, als er ohne anzuklopfen eintrat – zu seiner Verteidigung, es brannte kein Licht und es gab auch sonst keine Anzeichen, dass jemand dort war – stellte er sicher, dass er das Büro und den Konferenzraum der Diagnostik als erstes fertig hatte. Als er später zurückkam, stand die Tür offen, und als er vorsichtig hineinsah, war der Raum leer. Lou sammelte die Scherben auf und wischte den Fleck weg. Er ignorierte, dass es mehr nach Alkohol als nach Kaffee roch. Wenn man in einem Krankenhaus arbeitete, war es besser, sich nicht so viele Gedanken darüber zu machen, was man aufwischte.

Es war auch früher schon gelegentlich vorgekommen, dass sich dort drei junge Ärzte die Nacht um die Ohren schlagen mussten und Lou Berge an Kaffeebechern und Essenstüten in den Papierkörben hinaustrug. Jetzt war das Konferenzzimmer meistens leer und nur im Büro nebenan brannte die ganze Nacht die Lampe. Das wusste er von Vinnie, einem der Sicherheitsmänner, mit dem er sich Samstagabend (zufällig hatten sie beide an diesem Tag frei) in der Sportsbar traf.

Lou nahm seinen Wagen und schob ihn weiter. Es wartete noch viel Arbeit auf ihn, bevor die Nacht vorbei war.

* * *

House ließ seinen Rucksack in den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch fallen und legte den Motorradhelm darauf ab. Dann hängte er den Stock an die Lehne. Es war noch immer der gleiche, den ihm Cuddy im Chaos der Versorgung der Unfallopfer in die Hand gedrückt hatte.

Von der Lederjacke tropfte Regenwasser auf den Boden, als er um den Tisch herumtrat und die Jacke auszog. Er hängte sie über die Lehne seines Stuhls, damit sie trocknen konnte. House rieb sich müde mit dem Jackettärmel das Gesicht trocken, bevor er Platz nahm. Seine Unfähigkeit zu schlafen wurde langsam zu einem Problem, das er jedoch bisher einigermaßen erfolgreich verbergen konnte. Sein Team war noch zu unerfahren, um etwas zu bemerken. Foreman schien es egal zu sein. Cuddy hielt er mit beißendem Spott und Zweideutigkeiten auf Abstand.

Die einzige Person, der es wirklich hätte auffallen können, ging ihm seit Wochen aus dem Weg.

Er hatte alles mögliche versucht, um mehr als zwei oder drei Stunden am Stück zu schlafen. Angefangen mit einer, zwei oder drei Extra-Vicodin, Experimenten mit wechselnden Dosen Marker’s Mark und Jim Bean, schließlich hatte er sich von Kutner ein Schlafmittel verschreiben lassen.

Das Ergebnis blieb immer das gleiche – entweder lag er hellwach in seinem Bett und starrte an die Decke, saß vor dem Fernseher... oder fand sich zurück im Bus. Immer in der grellweißen Fassung aus seiner Halluzination, nicht im tatsächlichen Wrack. Und meistens war er dort nicht alleine. Amber geisterte – im wahrsten Sinne des Wortes – durch seine Träume. Sie schwieg. Lachte. Spottete über ihn und warf ihm seine eigenen Worte ins Gesicht. Er weigerte sich, dem eine Bedeutung zu geben. Ignorierte den Psychobabbel, mit dem sein Unterbewusstsein aufkam. Es war wie Wilson oder Cuddy seine Träume interpretieren würden.

Manchmal sah er Wilson in einer Ecke des Busses sitzen und ihn mit traurigen Augen beobachten.

Diese Träume waren am schlimmsten zu ertragen und er griff zum ersten Mal seit zwei Jahren zu Morphium. In der ersten Euphorie nach dem Anschlagen des Ketaminexperiments hatte er den Rest seines Bestands entsorgt. Was sich hinterher als gut herausstellte, so konnte Tritter nicht auch noch das auf die Liste setzen. Nach dem Unfall hatte Cuddy begonnen, ihm Vicodin zu verschreiben und - nach einem Sturz eine Dosis Morphium. Er bestand darauf, sie sich selbst zu injizieren. Doch stattdessen wanderte die Spritze in seinem Rucksack mit nach Hause, als sie ihn entließ. Sie kannte ihn wirklich nicht.

Einmal hatte sich Cuddy in einem Traum eingefunden, doch anstatt zu strippen, saß sie auf dem Fahrersitz und schichtete Dokumente vor ihm auf. Es wurden immer mehr Papiere, bis der Bus bis zum Bersten damit gefüllt war und sie ihn unter sich zu ersticken drohten.

Nach wie vor ließ sie ihn nicht neue Patienten übernehmen, sondern schickte ihn zum Arbeiten in die Klinik. Das Gute daran war, dass er tatsächlich die angelaufenen Klinkstunden abbaute, die Cuddy ständig von ihm einforderte und er möglicherweise doch noch vor 2038 damit fertig wurde – vorausgesetzt, er lebte so lange. Foreman sortierte vor und handelte, was er und das Team handeln oder was andere Abteilungen übernehmen konnten.

Seit ein paar Tagen nun ließ Cuddy ihn zumindest Konsultationen übernehmen. Und da er fand, dass er tagsüber zumindest etwas besser schlief, arbeitete er nachts die Patientenakten durch, versah sie mit Anmerkungen und Anordnungen für sein Team. Das meiste davon waren gewöhnliche Behandlungsfehler, ungewöhnliche Reaktionen auf Behandlungen, nach OPs und Nebenwirkungen von Medikamentenkombinationen. Es fand sich keine wirkliche Herausforderung für ihn darunter. Er ließ sie die Tests hauptsächlich zur Übung machen.

Der einzige Grund, warum er die Patientenakten nicht über die Balkonbrüstung warf oder in Brand steckte, war dass er... er sie brauchte, um sich selbst zu testen. Nach allem, was passiert war, wie konnte er sich da noch auf seinen Verstand verlassen? Wie konnte er sicher sein, dass er nicht wieder etwas übersah? Symptome missdeutete? Oder erst zu spät reagierte?

Wie konnte er sicher sein, nicht wieder zu versagen?

Doch dieses Mal wartete statt Patientenakten ein länglicher Karton auf seinem Schreibtisch. House starrte ihn eine Weile an, bevor er ihn näher zu sich zog. Es war ein blanker, weißer, unbedruckter Karton wie ihn manche Firmen für Blumenlieferungen verwendeten. Nun, Blumen hatte ihm sicher niemand geschickt.

Er fuhr mit dem Daumennagel entlang des Kartondeckels und durchtrennte das Klebeband, mit dem er verschlossen war. Er hob den Deckel ab, legte ihn auf den Tisch. Zwischen weißen Styroporschnipseln befanden sich die Bruchstücke seines Stocks. Der Griff war abgebrochen, der Teil darunter zweifach. Der untere Teil mit den Flammen schien fast unversehrt, bis auf eine lange, abgesplitterte Stelle, durch die das blanke Holz schimmerte.

Er holte die einzelnen Bruchstücke heraus, wischte die Styroporschnipsel ab, die hartnäckig daran hefteten und legte sie in der richtigen Reihenfolge auf den Tisch.

Eine Zeitlang starrte er sie an, schob sie mit einem Finger hin und her wie ein Puzzlespiel, dessen Einzelteile nicht zusammenpassen wollten. Nur dass er sie ganz leicht ineinander fügen konnte.

Was sollte das? Wer hatte den Stock aus dem Wrack geholt und ihn auf seinen Tisch gelegt? Eine nutzlose, sentimentale Geste. Cameron würde so etwas idiotisches tun.

Wut brandete in ihm auf und er nahm den Karton, wischte die Bruchstücke hinein, presste den Deckel darauf und ließ den Karton in die unterste Schublade seines Schreibtisches fallen, die leer war, seit Cameron vor ein paar Monaten seine aufgelaufenen Abrechnungen erledigt hatte und unangebrachte Kritik an seinen klassischen Pornos übte.

House knallte die Schublade zu und legte die Arme auf den Tisch, um den Kopf darauf zu betten. Er war so müde. Er war das alles so leid.

* * *

Der Junge, der durch das Wohnzimmer tobte, war fünf, vielleicht sechs Jahre alt. In der rechten Hand hielt er ein kleines Plastikflugzeug; die andere Hand, den linken Arm, streckte er aus wie einen Tragflügel. Aus seinem Mund kamen Motorgeräusche und er war so in sein Spiel vertieft, verloren wohin auch immer ihn seine Fantasie entführt hatte, dass er kaum mehr darauf achtete, wohin er rannte.

Das Unglück passierte, als er eine Kurve zu eng nahm und mit voller Wucht gegen eine Kommode knallte. Das Flugzeug segelte aus seinen Fingern, die schlagartig taub wurden, so hart war seine Schulter mit dem Möbel kollidiert. Das kleine Plastikspielzeug riss im Fallen eine der Porzellantierfiguren um, die seine Mutter seit ihrer Jugend sammelte. Das zierliche Pferd wackelte und kippte auf die Seite. Dabei brach der Kopf und der stolz erhobene Schweif ab.

Der kleine Junge starrte, reglos vor Schreck, auf das beschädigte Pferd. Er wusste, wie sehr seine Mutter die Figuren liebte, die sie an ihre Jungmädchenzeit und ihr Elternhaus erinnerten. Normalerweise war ihm nicht erlaubt, sie anzufassen. Und jetzt – egal wie unabsichtlich – hatte er eine davon beschädigt. Er war vor Schreck wie erstarrt, spürte kaum den Schmerz, der von seiner geprellten Schulter abstrahlte.

Schließlich blinzelte er ein paar Mal und stellte sich auf die Zehenspitzen, um vorsichtig mit der Fingerspitze das Porzellanpferd anzustupsen. Es schaukelte hin und her und der abgebrochene Kopf wippte, als würde es ihm zunicken. Große, blaue Augen in einem schmalen Gesicht füllten sich mit hilflosen Tränen. Was sollte er machen? Seine Mutter würde fürchterlich enttäuscht sein und sein Vater... wenn sein Vater nach Hause kam...

Kleine Hände griffen nach der Figur und sammelten die Bruchstücke ein. Der kleine Junge hielt sie vorsichtig vor die Brust und sah sich um. Wohin damit? Wo könnte er es verstecken? Vielleicht würde es ja seiner Mutter überhaupt nicht auffallen. Sie hatte doch so viele Figuren. Da machte es doch gar nichts, wenn eine fehlte.

Er wickelte die Stücke in sein Taschentuch, das leidlich sauber war, da seine Mom ihm erst am Morgen ein frisch gewaschenes gegeben hatte. Dann sah er sich um. Sein Blick fiel auf einen Schrank in der Ecke, in dem seine Mutter so langweilige Sachen wie Tischdecken, Kissenbezüge und Servietten aufbewahrte. Sie nahm da nie etwas heraus, außer an irgendwelchen Feiertagen wie Weihnachten und das war noch viele Monate weg.

Er durchquerte den Raum und kniete sich vor dem Schrank auf den Boden, legte die verpackte Figur neben sich und zog mit beiden Händen an der klemmenden, untersten Schublade, bis sie schließlich aufging. Er setzte sich dabei fast auf seinen Hosenboden, so plötzlich gab die Schublade nach. Schwerer, weißer Stoff, der merkwürdig roch, füllte sie aus. Er hatte Mühe, eine Hand darunter zu schieben, so dass er ihn anheben und die Figur in ihrer Taschentuch-Verpackung darunter verstecken konnte.

Vielleicht, so hoffte er insgeheim, vielleicht würde ja das Pferd da drin wieder heil werden. Ganz von selbst.

Seine Mutter fand sie dort zwei Monate später, als sie erneut für einen Umzug packte.

* * *

House lächelte, den Mund gegen den Ärmel seines Jacketts gepresst, wo es niemand hätte sehen können, selbst wenn jemand da gewesen wäre. Er hatte seit einer Ewigkeit nicht mehr an das zerbrochene Porzellanpferd gedacht. An seine kindliche Hoffnung, dass es von selbst wieder ganz werden würde. Unter dem merkwürdig riechenden Leinentischdecken seiner Urgroßmutter verborgen. Vermutlich hatte seine Mutter es irgendwann entdeckt, aber sie hatte nie ein Wort darüber zu ihm gesagt. Vielleicht, und wieder lächelte er, war es ja auch wirklich wieder heil geworden. Vielleicht setzte sich auch der Stock in der Schublade seines Schreibtisches wieder zusammen, wenn er nur lang genug wartete. Vielleicht reparierte die Zeit auch die zerbrochene Beziehung zwischen Wilson und ihm. Aber Geduld war nie seine starke Seite gewesen.

Ungeachtet der unbequemen Haltung schlief er wenig später ein.

* * *

„Greg?“

Jemand rüttelte ihn an der Schulter und er grunzte unwirsch. Nicht jetzt. Er war müde, er wollte weiterschlafen.

„House!“

Er schreckte hoch, setzte sich ruckartig gerade hin und stöhnte unwillkürlich auf, als die verspannten Muskeln in Nacken und Rücken protestierten. House ließ sich in seinen Stuhl zurücksacken und grub die Fingerspitzen in die Kopfhaut. Er hielt die Augen fest geschlossen, für den Fall, dass das wieder nur ein Traum war. Wilson hatte seit... seit dem Tag kein Wort mit ihm gesprochen. Ihn nicht einmal angesehen. Es war unmöglich, dass er jetzt mitten in der Nacht in seinem Büro stand.

„Bist du okay?“

Eine Hand berührte seine Schulter, glitt über seinen Nacken und presste sich dann auf einen besonders schmerzenden Punkt zwischen seinen Schulterblättern. House öffnete die Augen. Das konnte kein Traum sein. Wilson stand vor ihm. Ein veränderter Wilson. Ohne den Schutzpanzer aus Hemd und Krawatte und mit aus der Fasson geratener Frisur. „Was... was machst du hier?“, fragte er, seine Stimme rau mit Schlaf und Müdigkeit und unterdrücktem Schmerz.

„Ich wurde angepiepst.“ Wilson sah zur Seite.

„Oh.“ Er konnte nicht ganz verbergen, dass er enttäuscht war. Aber was dachte er eigentlich... Dass Wilson seinetwegen hier war. Das war längst vorbei. „Deine Patienten. Natürlich.“

„Keine Patienten. Ich habe Chris von der Nachtschicht gebeten, ein Auge auf dich zu haben.“ Wilson schien aufzufallen, dass seine Hand noch immer auf House’ Rücken lag und er zog sie zurück.

„Wieso?“, war alles, was House als Antwort einfiel.

Wilson zögerte. Er ging in die Hocke und sah zu House auf. „Ich... ich will nicht noch einmal jemand verlieren, den ich liebe.“ Er stand auf und streckte ihm die Hand entgegen. „Es tut mir leid.“

„Nein. Ich muss...“ House ergriff seine Hand und ließ sich von ihm auf die Beine ziehen. „Ich habe...“

„Ich bringe dich jetzt nach Hause. Wir können auch irgendwo anhalten und ich kaufe dir das ungesündeste Frühstück, dass wir um diese Zeit auftreiben können.“ Wilson drückte ihm seinen Stock in die Hand und schwang sich dann House’ Rucksack über die Schulter. „Und nach dem Frühstück will ich genau wissen, wie lange das schon geht, dass du nicht schläfst. Du siehst furchtbar aus.“ Er trat an die Tür und sah House auffordernd an.

House blinzelte ein paar Mal, bevor er fast automatisch einen Fuß vor den anderen setzte, bis er neben Wilson stand. Wenn das ein Traum war, wurde er hoffentlich nicht zu schnell wach...


Ende