"Good Enough"

 

von Jimaine

 

 

Meine Muse prügelte mich mit einem Handtuch, bis ich's fertig hatte. Übersetzung eines englischen Originals. Woher die Story kam? Ich schreib's meiner depressiven Stimmung zu.

 

Pairing: Trapper/Hawk

Rating: PG

Kategorie: Angst, deathfic (recent death), daher Warnung!

Archiv: im Fanfiction Paradies und meinem Story-Swamp bei http://tostwins.slashcity.net/jimaine.htm

Disclaimer: Mir gehören weder M*A*S*H noch die Charaktere und ich verdiene nichts an ihrem Gebrauch. Und die Rechnung für die Beerdigung schicke ich an 20th Century Fox.

 

 

***

 

Der Kaffee ist kalt, das Stück Apfelkuchen unberührt. Warum ich es bestellt habe, beziehungsweise warum ich überhaupt an diesem Diner am Stadtrand angehalten habe, anstatt auf direktem Weg nach Hause zu fahren, weiß ich nicht. Ich habe hier nichts mehr zu tun, die Angelegenheit, wegen der ich herkam, ist auf die endgültigste und dauerhafteste Weise abgehakt, die nur möglich ist.

Ich habe sie mit einer Handvoll Erde und einem Herzvoll Worte abgeschlossen, die ich nicht sagen konnte.

 

Der Diner ist nahezu leer, an diesem wunderschönen Oktobertag finden sich nicht viele Kunden ein, außer ein paar vereinzelte Reisenden wie ich selbst einer bin und eine Handvoll Einheimische, die sich einen Happen zu essen holen und dem neuesten Klatsch frönen.

 

Nun, ich habe nicht wirklich Hunger, weder auf Essen noch auf Gerüchte, und das Letzte, was ich brauche, ist Koffein. Also warum sitze ich hier?

 

Vielleicht war ich auf der Suche nach Gesellschaft, oder habe versucht, sie zu vermeiden....was auch immer der Grund, hier bin ich.

 

Vier Männer sitzen in der Nische auf der anderen Seite des schmalen Raumes, unterhalten sich angeregt bei Kaffee und Blaubeerkuchen und wirken in ihren dunklen Anzügen und Krawatten ebenso deplaziert, wie ich mich fühle. Sie reden über das Gerücht, daß angeblich ein junger Spund von zwanzig-noch-was Jahren von Portland herziehen soll, um die Praxis zu übernehmen. Das wird eine ganz erhebliche Umstellung sein, denn schließlich ist's ja erst ein Jahr her, daß die Praxis schon einmal die Führung gewechselt hat, vom Vater an den Sohn übergegangen ist. Und jetzt dies hier... Sie werden den guten Doktor vermissen, oh ja, das werden sie. Er war ein anständiger Mann. Noch recht jung, dieses Jahr gerade erst vierzig geworden, und das ist zum Sterben definitiv zu jung. Ein ziemlicher Schock für alle, ganz gewiß. Und dann sind da diese vielen Gerüchte über die genauen Todesumstände. Niemand weiß etwas Genaues und der Gerichtsmediziner von außerhalb schweigt sich aus.

 

Sie merken nicht, daß ich sie beobachte und ihnen zuhöre.

 

Selbst wenn sie es täten, denke ich nicht, daß sie sich an mich erinnern; während des Gedenkgottesdienstes hatte ich mich im hinteren Teil der Kapelle aufgehalten und versucht, von den Leuten unbemerkt und unerkannt zu bleiben, deren Fragen und Vorwürfen ich mich im Moment nicht stellen mag.

Ob ich jemals dazu in der Lage sein werde? Wahrscheinlich nicht, denn ich kann ja noch nicht einmal mit den Vorwürfen umgehen, die ich mir selbst mache.

 

Nicht daß diese Kerle hier auch nur den leisesten Schimmer haben, wer ich bin...oder wer ich einmal war. Das ist mir ganz recht.

Für sie war ich ein Gesicht in der Menge, als Margaret Donnelly, geborene Houlihan, und dieser Arzt aus Kalifornien, der offensichtlich auch seinen Dienst in der 4077th geleistet hatte, die Grabrede hielten.

 

Auf dem Friedhof war ich gleichermaßen ein Fremder, ein weiteres menschliches Wesen, das um den Verlust eines Freundes trauert.

 

Hier und jetzt bin ich lediglich ein Durchreisender.

 

"Ihr Kaffee ist kalt, Sir." Ich schaue zu der Kellnerin auf. Nettes Mädchen, schlank, dunkelhaarig mit wachen, blauen Augen. Ist aber nicht der richtige Farbton. Ich bezweifele, daß es dort draußen auch nur eine weitere Person gibt mit Augen so wie – "Sir, soll ich Ihnen einen frischen geben?"

 

Ich nehme an. Wie ich mich von den Erinnerungen an die Vergangenheit befreie, wird das Bild der Gegenwart wieder schärfer, die Stimmen des Quartetts gegenüber eingeschlossen. "Ja, danke, meine Liebe."

 

"Er hat ja nicht gerade viel getan", kommentiert einer der Männer beiläufig zwischen zwei Bissen Kuchen, und ein anderer nickt und bedeutet der Kellnerin, mehr Kaffee zu bringen.

 

"Der gute Dr. Pierce hat eigentlich gar nichts getan. Ausgenommen diese kurze Episode in der Army. All diese Jahre, nichts. Er hat einfach nur gelebt. Seine Arbeit getan, sich um unser aller Wehwehchen gekümmert und mit seinen Freunden gelegentlich ein Bier getrunken. Oder er ist Angeln gegangen. Alles völlig normale Allerweltsdinge. Ein gutes, einfaches Leben." Er zuckt mit den Schultern. "Manche sagen sogar, ein bißchen zu einfach. Aber was weiß ich schon. Mein Leben ist ja nicht viel anders..."

 

"Muß wohl der Grund sein, weshalb er nie geheiratet hat", wirft der Dritte ein und lockert gleichzeitig mit zwei Fingern seine  Krawatte.

 

"Komm' schon, wir haben's doch auch geschafft. Den Grund lasse ich nicht gelten. Außerdem war er nicht gerade schüchtern gegenüber den Damen, sondern zeigte nur...höfliches Desinteresse", endet er, mangels einer besseren Beschreibung. "Sorry. Ich wüßte nicht, wie ich's anders sagen sollte."

 

"Dieser Tage wollen Frauen etwas Aufregung in ihrem Leben. Unser beschauliches Crabapple Cove ist eine kleine, ordentliche Welt voller seichter Unterhaltung verglichen mit, hm, sagen wir mal Boston." Er dehnt die Silben so weit es geht, macht aus ihnen ein verächtlich klingendes 'Baaahs-ten'. "Und was das Leben von Ben Pierce in dieser Welt angeht...daran war nichts Besonderes, nichts, was es wert wäre, daß man davon berichtet."

 

"Und augenscheinlich auch nichts, was ihm Liebe eingebracht hat", merkt der Vierte an, geradezu nachdenklich, und die anderen nicken mechanisch.

(//Jaja, was für ein Jammer, der arme Mann, solch ein leeres Leben, niemand, mit dem er es teilen konnte//).

"Die meisten jungen Leute versuchen, aus einem Ort rauszukommen, wo die Schlagzeile der Woche lautet, daß ein Hummer Stanley Danvers in den Hintern gezwackt hat. Flügge werden, das ist es, was sie wollen, das Nest verlassen! Ben jedoch hatte die Gelegenheit, ein Chirurg an einem großen Krankenhaus in der Stadt zu werden. Ein guter Job bei guter Bezahlung. Aber was tut er? Kaum daß er Anfang August '53 aus Korea heimkommt, zieht er schnurstracks wieder bei seinem alten Herren ein. Er war schon immer etwas seltsam." Rund um den Tisch zustimmendes Murmeln, die 'jaja, wahrlich, ja'-s gedämpft von Blaubeerkuchen. "Damals in der Schule wurde er von allen Leuten Hawkeye genannt, sogar von seinen eigenen Eltern, soviel ich weiß."

 

"Daran erinnere ich mich. Mein Dad und der alte Daniel Pierce haben jedes zweite Wochenende Karten gespielt...und er erzählte mir, Dr. Pierce habe ihm mal gesagt, daß sein Sohn nach Korea darauf bestanden hätte, mit seinem Taufnamen angeredet zu werden. Er hätte es regelrecht *verlangt*. Nur noch Ben, kein Hawkeye mehr."

 

Kein Hawkeye mehr. Hawkeye war schon Jahre vor Ben gestorben. So wie zehntausend andere Unschuldige war Hawkeye drüben in Korea gestorben.

Und wer trug die Schuld daran...?

 

"Muß hart für ihn gewesen sein, der Krieg, meine ich..."

 

"Hat nie drüber geredet, soviel ich weiß, mit niemandem, nicht mal seinem Vater, Gott hab' ihn selig. Molly hier", er nickt in Richtung der Bedienung, "sagt ihre Schwester habe sich sehr für den jungen Ben interessiert, und als er nach Hause kam, habe das Mädchen ihr Möglichstes getan, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen."

 

"Und?"

 

"Er hat sie abblitzen lassen. Natürlich sehr höflich und behutsam, ganz der Gentleman. Daniel hat auf keinen Fall einen taktlosen Rüpel zum Sohn gehabt. Aber Tatsachen sind Tatsachen", stellt er mit einem vielsagenden Blick zu seinen Freunden fest. "Armes Mädchen."

 

Der Mann, dessen Vater mit Daniel Pierce Karten spielte, rührt Zucker in seinen Kaffee und führt die Geschichte fort. "Die Erklärung, die sie jedem bereitwillig gibt, ob man sie hören will oder nicht, ist die, daß er ein Mädel in Korea zurückgelassen hat und nie drüber hinwegkam. Sie nicht vergessen konnte. Gebrochenes Herz und dieser ganze Stuß vonwegen 'Liebe seines Lebens', et cetera, et cetera. Man munkelt, er sei sogar einige Zeit in einer psychiatrischen Anstalt gewesen." Als die anderen ihre Zweifel äußern, reagiert er mit einem Achselzucken. "Hey, ich sag' euch nur, was Mollys Schwester sagt und was die meisten Leute glauben. Frauen und ihre sogenannte weibliche Intuition. Persönlich halte ich nichts davon, aber wehe, ihr erzählt das meiner Frau!"

Sie lachen leise und widmen sich ihrem Kuchen. Vier Kumpel (Nachbarn, Kollegen, Familienväter) jeder von ihnen denkt über sein verhältnismäßig normales Leben nach und wie sehr es sich von demjenigen unterscheidet, das letzte Woche ein jähes Ende fand.

 

Minuten vergehen, bevor sie ihre Unterhaltung fortsetzen, doch mir liegt nicht viel daran, noch mehr zu hören. Genaugenommen bereue ich es, überhaupt zugehört zu haben.

 

"Dann ist's vermutlich doch wahr. Das Gerücht bezüglich Selbstmord. Tabletten und aufgeschnittene Pulsadern." Pause und kollektives Schaudern. "Naja, man stelle sich vor, man wäre in dem Alter –"

 

Im Vorbeigehen schüttelt die Kellnerin mißbilligend den Kopf. "Pah, Lance, schmeichle dir bloß nicht selbst! Du *bist* in dem Alter!"

 

"Wer fragt dich denn, Molly? Also, wie ich sagte, stellt euch vor, ihr wäret an seiner Stelle und würdet dann euer Leben mal genau anschauen. Ihr würdet euch doch bestimmt die selbe Frage stellen: was ist daran so besonders? Nichts, gar nichts. Also warum nicht einfach aufhören?"

 

Jetzt ist es soweit, ich halte es nicht mehr aus.

Ich lasse eine Fünfdollarnote auf dem Tisch liegen, ignoriere die Antworten der anderen Männer auf die kontroverse Bemerkung, und verlasse die Gaststätte so schnell es geht. Die Stimmen verklingen, glücklicherweise noch bevor ich die meinige wiederfinde. Ich hätte sonst etwas gesagt, das ich vielleicht später bereuen könnte.

 

Wäre nicht mein erster Fehler gewesen. Ich bin einundvierzig und in diesen Jahren hat es viele Dinge gegeben, die ich gesagt habe und nun bereue. Ebenso eine Menge Dinge, die ich nicht gesagt habe.

 

Mein Atem ist deutlich sichtbar in der klarkalten Oktoberluft, doch ich kann ihn weder berühren noch festhalten, selbst wenn ich wollte. Genausowenig wie ich *ihn* festhalten konnte. Noch zwei weitere Male atme ich langsam aus und sehe den weißen Dunst aufsteigen. Es bedarf nur eines kurzen, heftigen Windstoßes, um ihn binnen einer Sekunde auszulöschen. Manchmal ist nicht mehr als das nötig.

 

Teilweise haben sie Recht. Sein Leben nach Korea war ein einfaches, ereignisarmes Leben. Er hat es so gewollt, mit mehr konnte er einfach nicht umgehen, nachdem er...nun ja...

 

Ich spüre die Sonne auf meinem Gesicht, wie ich zurück zum Auto gehe, jeder Schritt eine Anstrengung. Die Handgriffe sind Routine (Schlüssel, Tür, Gurt, Zündung), ich bin so weit von mir selbst entfernt, daß ich mir nicht bewußt bin, daß ich überhaupt etwas tue.

Erst als ich auf der Straße bin und nach Westen in Richtung Interstate fahre, bemerke ich, daß ich weine.

 

Ein einfaches Leben, ja. Angenehm einfach verglichen mit dem hektischen Boston und meiner eigenen, bedauernswerten Existenz dort, gerade einmal zweieinhalb bis drei Fahrtstunden entfernt. Ein einfaches Leben. Da liegen sie richtig. Doch was ihn angeht haben sie nicht die leiseste Ahnung.

 

Nichts besonderes am Leben von Ben Pierce, nichts, was es wert wäre, daß man davon berichtet. Nichts, was gut genug gewesen wäre, um jemanden zu veranlassen, bei ihm zu bleiben und dieses Leben mit ihm zu teilen. Ihn zu lieben.

Das sagen sie zumindest.

 

Es wäre auf jeden Fall gut genug für mich gewesen.

 

 

FINIS