Morgenstund hat Glück im Mund

 

T’Len

 

November 2001

 

Geschrieben für den Weltbildverlag-Autoren-Wettbewerb 2001

 

 

 

1.

 

„Halt die Klappe.“ Der im Halbschlaf gemurmelte Befehl blieb ohne Wirkung auf den altmodischen Wecker, der sein Rasseln unbarmherzig fortsetzte, bis sich schließlich eine Hand aus dem Kissengewühl schlängelte und ihn mit einem kräftigen Klaps auf den Ausschaltknopf zum Schweigen brachte.

 

Kurze Zeit später tauchte ein brauner Schopf aus den Kissen auf. Ein Paar grüner Augen wurde verschlafen geöffnet. Ein Blinzeln Richtung Ziffernblatt, dann ein lauter Fluch. „Verdammt! Erst neun Uhr.“

 

Schlagartig wurde dem Besitzer der Augen und der momentan wenig guten Laune klar, was er, als er letzte Nacht hundemüde ins Bett fiel, vergessen hatte: Den Wecker auszuschalten.

 

„Ich hasse Wahlpartys“, murmelte eine verschlafene Stimme vor sich hin. Und dies traf, so ergänzte er in Gedanken, insbesondere für Feiern der siegreichen Partei zu, diese nahmen nämlich erfahrungsgemäß partout kein Ende.

 

Er konnte seinen Chef noch sagen hören. „Sie gehen zur SPD, Kluge. Sie sind genau der richtige Mann dafür.“

 

Es leben die Klischees, dachte er nicht ohne einen Hauch von Sarkasmus, während er überlegte, was er nun mit dem viel zu früh begonnen Morgen anfangen sollte.

 

Einen Versuch, wieder einzuschlafen, zu unternehmen, machte wohl wenig Sinn. Selbst wenn er gelang, aus Erfahrung wusste er, später würde er wie gerädert aufwachen.

 

In der Redaktion erwartete man ihn nicht vor dem Nachmittag, also – so dachte er - wäre es vielleicht ganz angebracht, einmal wieder im Haushalt für Ordnung zu sorgen.

 

Er reckte und streckte sich, schwang dann die langen Beine aus dem Bett. Ein rascher Blick durch das Zimmer und auf die verstreut auf dem Boden liegende Kleidung bestätigte ihn in

seinem Plan. Zumal er wusste, dass sich in der Küche der Abwasch von mindestens drei Tagen stapelte. An seinen Schreibtisch im Raum nebenan wollte er lieber gar nicht denken. Aber zuerst würde ihm eine Dusche gut tun. Vielleicht konnte sie ihn auch etwas aufmuntern.

 

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Frisch geduscht und weitaus munterer trat er eine halbe Stunde später ins Arbeitszimmer. Sein Blick schweifte aus dem Fenster auf den zehn Stockwerke unter ihm geschäftig dahinrollenden Verkehr.

 

Als er sich vom Fenster abwandte, erregte das Telefon seine Aufmerksamkeit. Ein beständiges grünes Blinken signalisierte einen unbeantworteten Anruf. 

 

Sein Instinkt sagte ihm, dass dies nichts gutes verhieß. Leise seufzend ging er die paar Schritte zum Gerät und betätigte den Abspielknopf des Anrufbeantworters.

 

„Hallo Tommylein“, ertönte die Stimme seiner Schwester aus dem Lautsprecher. Er gestattete sich einen weiteren Seufzer.

 

Seine Ahnung hatte also nicht getrogen.

 

„Tust du mir einen Gefallen?“, fragte die jungendliche Stimme. Als ob meine Antwort für dich von Belang wäre, dachte er zum zweiten Mal an diesem noch neuen Tag, einen Hauch von Sarkasmus nicht unterdrücken könnend – noch wollend. Üblicherweise ließ Silvia ihm doch keine andere Wahl.

 

Aus Erfahrung wusste er, was jetzt kommen würde,  unweigerlich kommen musste. Und er wurde nicht enttäuscht.

 

„Chris fährt morgen nach Berlin und sucht noch ein Quartier.“

 

Natürlich, was hätte es auch sonst sein können. Er fragte sich manchmal, wie viele Freunde und Freundinnen seine 19-jährige Schwester eigentlich hatte. Es verging kaum ein Monat, in dem nicht irgendein Besuch angemeldet oder unangemeldet vor seiner Tür stand. Dabei war ihr Heimatort Branchewinda doch nur ein kleines Dorf. Doch er musste schon seine ganzen Einwohner plus die aus der Nachbarschaft in  seiner Penthousewohnung in Berlin-Mitte beherbergt haben.

 

Wie es schien, verspürten alle den unbedingten Drang, die Bundeshauptstadt zu besuchen. Und warum gutes Geld für ein teures Hotelzimmer ausgeben, wenn man auch kostenlos wohnen konnte?

 

Nun, seine Wohnung war ja auch groß genug für Besucher. Immerhin leistete er sich mit ihr einen ziemlichen Luxus – wenn sein Beruf als Redakteur der „Berliner Zeitung“ ihm schon kaum Freizeit ließ, so wollte er es in dieser wenigstens so gemütlich wie möglich haben und Geld dafür verdiente er genug. Nur nervten ihn zu lästige Gäste doch. Er hatte lieber seine Ruhe und seine eigenen vier Wände für sich allein.

 

Silvias Geschmack, was Freunde betraf, war nun mal nicht gerade identisch mit seinem. Zehn Jahre Altersunterschied machten da doch einiges aus.

 

Vielleicht hatte er sich nach fünf Jahren Studentenleben in Leipzig und weiteren fünf in Berlin auch nur zu sehr vom Dorf entfremdet. Er kam mit den meisten seiner „Zwangsgäste“

einfach nicht mehr klar. Und dann wurde ihm zu allem Übel oft auch noch die Ehre zuteil, Fremdenführer zu spielen.

 

Na wenigstens hatte er noch einen Tag Zeit, um für Ordnung in seinen vier Wänden zu sorgen. Er wollte sich gerade zum Gehen wenden, als ihm auffiel, dass das Telefon noch immer blinkte. Ganz offensichtlich wartete eine weitere Nachricht auf ihn. Er drückte den Knopf und erneut erscholl die Stimme seiner Schwester Silvia. „Der Zug kommt Montag um 10.15 im Ostbahnhof an. Chris wartet dort auf dich.“

 

Er fluchte laut. Verdammt, der Anruf war bereits am Vorabend eingetroffen, aber als er gegen drei Uhr endlich in seiner Wohnung ankam, hatte er nicht mehr daran gedacht, den Anrufbeantworter abzuhören. Silvia musste ihre Nachricht hinterlassen haben, während er Berlins neuen Bürgermeister feierte.

 

Er warf einen Blick auf die Uhr. Ihm blieb kaum eine halbe Stunde, um sich anzuziehen, zu frühstücken und sich durch den Berliner Berufsverkehr zum Ostbahnhof zu quälen.

 

Noch bevor er überhaupt zu irgendeiner Tat schreiten konnte, klingelte das Telefon. Vielleicht hatte es sich Chris, wer immer das auch sein mochte, doch noch anders überlegt. Er hoffte in dem Moment wirklich, Silvia würde den Besuch absagen. Nach der anstrengende Wahlkampfzeit glaubte er, Ruhe dringend nötig zu haben.

 

Doch seine Hoffnung, war vergebens. Aus der Muschel erklang die Stimme seines vorgesetzten Ressortleiters. „Kluge, ich weiß zwar, Sie hätten heute Vormittag frei, aber Müller ist ausgefallen. Sie müssen spätestens elf Uhr in der Redaktion sein und seine Termine wahrnehmen.“

 

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Er nahm zwei Treppen des Aufgangs zum Bahnsteig auf einmal. Natürlich waren wieder alle Ampeln auf Rot gesprungen, als er vor ihnen stand. Und natürlich war er zehn Minuten zu

spät dran. Nun Chris würde schon warten. Wo sollte er oder sie sonst hin?

 

Als er auf dem Bahnsteig kam, sah er sich allerdings eines anderen belehrt. Er blickte sich um, weit und breit kein Mensch zu sehen. Doch dann nahm er eine kurze Bewegung hinter den Fahrplanaushängen war. Er eilte darauf zu. „Chris?“

 

Ein blonder Schopf wurde sichtbar, als sich jemand hinter dem Kasten hervor bewegte. Blaue Augen musterten ihn verwundert, dann antwortete ihm ein zögerndes Nicken.

Er streckte seine Hand aus. „Ich bin Thomas, Silvias Bruder. Du kannst mich ruhig Tommy nenne.“

 

„Christian Brandt“, lautete die leise Antwort.

 

Entschuldige bitte die Verspätung., aber ich habe Silvias Nachricht, dass ich dich abholen soll, erst heute morgen bekommen. Und natürlich war der Verkehr wie immer um diese Tageszeit die reinste Hölle.“

 

Der andere nickte erneut stumm. Thomas deutete Richtung Treppe. „Wir müssen uns beeilen. Ich muss gleich in die  Redaktion.“ Er setzte sich in Bewegung, ohne weiter auf Christian anzugehen.

 

Das ihm hinterhergerufene „Warte!“ überhörte er.

 

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„Wow, nicht übel.“ Christian riss die Augen auf, als sein Gastgeber ihn in die Penthousewohnung schob.

 

Thomas lächelte stumm. Diese Reaktion kannte er nur zu gut von seinen Besuchern. Irgendwie überwältigte der Hauch der Großstadt doch alle diese „Landeier.“

 

Ein Blick auf die Uhr erinnerte ihn daran, dass es mehr als Zeit war, zur Arbeit zu fahren. Er drückte seinem Gast einen Schlüsselbund in die Hand.

 

„Der rote ist für die Haustür, der blaue für hier oben“, erklärte er. „Fühl dich ganz wie zu Haus. Und wenn du müde bist, im Kasten unter der Couch ist Bettzeug.“

 

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Müde und erschöpft von zu wenig Schlaf in der Nacht und zu viel Stress am Tag schloss Thomas Kluge am Abend die Tür zu seiner Wohnung auf – und registrierte überrascht, dass ihm der verführerische Duft frischgekochter Spaghetti aus der Küche entgegenschlug.

 

Chris! Er hatte doch glatt vergessen, dass Besuch bei ihm war. Dass seine Gäste kochten, statt zu erwarten, von ihm ins neueste In-Lokal der Stadt ausgeführt zu werden, war  zur Abwechslung mal eine angenehme Nachricht.

 

Er lugte um die Ecke zur Küche und wurde von einem warmen Lächeln begrüßt. „Hallo. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich etwas gekocht habe?“

 

Und der Aufwasch war auch verschwunden, wie er nicht ohne Freude feststellte.

 

Chris deutete auf den zweiten Küchenstuhl. „Ich wusste zwar nicht, wann du wiederkommst, habe aber sicherheitshalber reichlich davon gemacht.“

 

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„Nun erzähl mal ein bisschen von dir.“ Thomas blickte - satt und zufrieden nach einem guten und unerwarteten Abendessen - seinen Gast neugierig an. Er entsprach so gar nicht dem sonstigen Typ von Silvias Freunden.

 

„Silvia entwickelt langsam Geschmack“, sprach er den Gedanken laut aus.

 

„Silvia?“ Fragende blaue Augen trafen ihn.

 

„Meine Schwester.“ Er schüttelte stumm den Kopf. Enge Freunde schienen sie ja nicht so sein, wenn er sich nicht mal an ihren Namen erinnerte, aber das interessierte ihn nur wenig. Ihm persönlich gefiel Christian auf Anhieb. „Was treibt dich nach Berlin?“

 

„Ich will an der Humboldt-Universität studieren, wenn mein Praktikum im Erfurter Zoo nächstes Jahr beendet ist. Zoologie oder Biologie vielleicht. Jedenfalls will ich mich jetzt schon mal ein bisschen erkundigen“, antwortete Chris.

 

Thomas nickte anerkennend. Endlich mal ein Besucher, der nicht nur auf Diskobesuche und Szenelokale aus war. „Außerdem“, fuhr Christian fort, „wenn ich schon einmal da

bin, würde ich gern einige der Museen besuchen.“

 

Nun war Thomas noch angenehmer überrascht. „Ich muss morgen zu einer Ausstellungseröffnung ins Pergamon-Museum, warum kommst du nicht einfach mit?“

 

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Angenehmer Kaffeeduft weckte ihn noch bevor der Wecker rasselte. Im Gegensatz zum Morgen zuvor fühlte er sich diesmal ausgeschlafen und gut erholt. Als er die Küche betrat, gesellte sich noch frischer Brötchenduft zum angenehmen Aroma, das in der Luft hing, hinzu.

 

Christian begrüßte ihn mit einem Lächeln. „Guten Morgen, ich habe uns Frühstück gemacht.“

 

Thomas erwiderte den Gruß. „Also an deinen Service könnte ich mich wirklich gewöhnen.“ In typischer Junggesellenmanier lebte er sonst vor allem von Fertiggerichten aus der  Mikrowelle. Das Frühstück fiel für ihn – typisch Morgenmuffel – oft sogar ganz aus.

 

Thomas nahm am Tisch Platz und runzelte die Stirn, als er sein Gegenüber näher betrachtete. Das Hemd kam ihn doch irgendwie bekannt vor.

 

Chris bemerkte seinen nachdenklichen Blick und lächelte entschuldigend. „Ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich mir dein Hemd ausgeborgt habe. Ich habe meines mit der  Erdbeermarmelade bekleckert und wollte dich nicht stören, indem ich mir ein neues aus der Reisetasche, die nebenan steht, hole.“

 

Thomas schüttelte den Kopf. Er hatte ganz vergessen, dass das bunte Hawaii-Hemd mit den übergroßen Palmen noch in seinem Besitz war. Er persönlich fand es unmöglich, aber Chris schien es gut zu stehen.

 

„Wo hast du es gefunden?“, fragte er verwundert.

 

„Im Bad“, war die erstaunte Antwort. „Es lag hinter dem Wäschekorb, schien mir aber sauber zu sein. Ich ziehe es gleich aus, wenn es dich stört.“

 

Erneut antwortete ihm ein Kopfschütteln. „Mir gehört es gar nicht“, sagte Thomas zögernd.

 

„Oh, dann ziehe ich es erst recht aus.“ Christian wollte aufspringen, doch sein Gastgeber hielt ihn zurück. „Nein, nein, lass es ruhig an. Ich bezweifle, ob sein Besitzer es je wiederhaben will. Er wird es nicht mal vermissen.“

 

Der Anflug eines Schattens huschte über sein Gesicht, als er sich an Dinge erinnerte, die er schon vergessen glaubte. „Mein ungetreuer Ex hatte genug von der Sorte.“

 

Er stand auf und trat zum Kühlschrank, den nachdenklichen Blick, der ihm folgte, bemerkte er nicht.

 

2.

 

Eine Woche später

 

„Die Vernissage war wirklich interessant und inspirierend.“ Christian lächelte zufrieden, als sie die Wohnung betraten. Vor den Fenstern verblasste gerade das letzte Licht des Tages und erste Sterne wagten sich hervor. „Danke, dass du mich erneut mitgenommen hast.

 

Ein Lächeln huschte über die Züge des anderen. „Gern geschehen. Ich bin froh, endlich mal jemanden zu haben, der meine Interessen an Kunst teilt.“

 

Bei seinen sonstigen „Gästen“ war dies mit Sicherheit nicht der Fall gewesen und sein beruf ließ ihm kaum Zeit für tiefere Freundschaften. „Außerdem“, er deutete Richtung Küche, „Könnte ich mich an deine Kochkünste gewöhnen.“

 

„Aber übermorgen bist du mich wieder los.“ Christian trat in die Küche und stellte den Gasherd an, dann nahm er die schon vorbereitete Lasagne aus dem Kühlschrank. „Mein Urlaub ist zu Ende.“

 

„Schade.“ Thomas konnte – und wollte – seine Enttäuschung nicht verbergen. Wenn er ehrlich zu sich wahr – und zum ersten Mal in der Woche, die sein Gast bei ihm wohnte, war er dies – musste er sich einzugestehen, dass er an Chris mehr als nur seine Kochkünste, die gemeinsamen Kulturtrips und ihre intellektuellen Gespräche zu schätzen begann. 

 

Er rief sich in Gedanken zur Ordnung. Chris hatte mit keinem Wort und keiner Geste irgendwelches Interesse signalisiert. Und er wollte sich nicht in unerwiderten Gefühlen verrennen. Noch zu frisch saßen die Wunden, die Marc in sein Herz geschlagen hatte, als er ihn nach drei gemeinsamen Jahren plötzlich und ohne Begründung wegen einer Frau verließ. Nein, eigentlich hatte er im Moment überhaupt kein Interesse an einer neuen Beziehung. Allerdings Christian wäre jemand, den er gern haben könnte.

 

„Wenn du willst, komme ich immer mal vorbei und koche für dich, wenn ich in Berlin studiere.“ Chris Worte rissen ihn  aus seinen Grübeleien. „Aber vorher muss ich dir unbedingt etwas erklären.“

 

Doch bevor Thomas antworten konnte, schrillte das Telefon. „Sag mal, spinnst du?“ Kaum, dass er abgehoben hatte, schallte ihm die wütende Stimme seiner Schwester ins Ohr.„Wie konntest du das Chris nur antun?“

 

Er runzelte die Stirn und lauschte auf das Klappern  von Geschirr, das aus der Küche zu ihm drang. „Was ist mit Chris?“

 

„Sie hat stundenlang vor dem Bahnhof auf dich gewartet“, keifte Silvia. „Wenn es dir nicht passt, dass meine Freunde mal bei dir Unterschlupf suchen, dann könntest du ja wenigstens absagen.“

 

Thomas drehte sich um und sah seinen Besucher nun im Türrahmen stehen. „Aber Chris ist hier?“, murmelte er.

 

„Was?“ Silvia  klang noch eine Idee wütender. „Sie ist mit dem nächsten Zug zurückgefahren, weil sie nicht wusste, wohin in Berlin.“

 

„Sie?“ Seine Verwunderung wuchs. „Chris ist eine sie?“

 

„Natürlich. Christine Petermann, die Tochter vom Bäcker. erzähl mir bloß nicht, dass du dich nicht mehr an sie erinnerst. Sie war eine meiner besten Freundinnen während der Schulzeit.“

 

Er starrte seinen Besucher – für einen Moment – sprachlos an. „Sag ihr, dass es mir leid tut“, murmelte er, legte dann ohne ein weiteres Wort auf.

 

Christian löste sich vom Türrahmen. „Ich glaube, ich schulde dir eine Erklärung.“ Ganz offensichtlich hatte er zumindest einem Teil des Gesprächs folgen können.

 

Thomas nickte nur stumm.

 

„Ich war ja wirklich überrascht, als du mich auf dem Bahnhof ansprachst. Schließlich kannte ich überhaupt niemanden in Berlin. Ich wollte den Irrtum ja aufklären, aber zuerst kam ich bei dir gar nicht zu Wort und dann...“ Er zuckte verlegen mit den Schultern. „Ich war egoistisch“, gab er zu.„So musste ich mir nicht irgendwo ein sicher für meinen schmalen Geldbeutel viel zu teures Quartier suchen.

 

Außerdem waren deine Stadtführungen einsame Klasse. Es tut sehr mir leid, dich so ausgenutzt und belegen zu haben.“ Er senkte beschämt den Kopf.

 

Thomas klopfte ihm auf die Schulter. „Ich schätze, dein Besuch war viel angenehmer für mich, als der von dieser Christine. Silvias Freunde sind üblicherweise von anderem Schrot und Korn, wie man so schön sagt. Ich habe es wirklich genossen, mal jemanden mit ähnlichen Interessen um mich zu haben.“

 

Christian blickte ihn nachdenklich in die grünen Augen. „Und... es gibt noch einen Grund, warum ich blieb“, sagte er schließlich zögern. „Als ich mitbekam... dass du auf Männer... ich mochte dich nämlich vom ersten Augenblick und wollte dich unbedingt näher kennen lernen.

 

 Plötzlich strahlte Thomas ihn an.

 

3.

 

Ein Jahr später

 

„Halt die Klappe.“ Der im Halbschlaf gemurmelte Befehl blieb ohne Wirkung auf den altmodischen Wecker, der sein Rasseln unbarmherzig fortsetzte, bis sich schließlich eine and aus dem Kissengewühl schlängelte und ihn mit einem kräftigen Klaps auf den Ausschaltknopf zum Schweigen brachte.

 

Kurze Zeit später tauchte ein brauner Schopf aus den Kissen auf. Ein Paar grüner Augen wurde verschlafen geöffnet. Eine belustigt klingende Stimme kam näher. „Wenigstens an unserem Hochzeitstag könntest du deine Morgenmuffligkeit mal ablegen.“

 

Der angenehme Duft von Kaffee und frischen Brötchen stieg vom Tablett, welches gerade auf dem Nachttisch abgesetzt wurde, in seine Nase.

 

Thomas lachte. „Du solltest dir vorher überlegen, ob du meine Macken ertragen willst. Noch ist Zeit.“

 

In Christians Augen schien der Schalk zu tanzen, als er erwiderte: „Zu spät. Unsere Familien werden sich wohl bald Richtung Standesamt in Bewegung setzen und wir wollen sie doch nicht enttäuschen.“

 

Er deutete auf das Tablett. „Iss was, damit du munter wirst und dann mal dalli-dalli. Ich möchte nicht zu spät zu meiner Hochzeit kommen.“

 

Thomas seufzte. „Na das kann ja heiter werden, wenn du mich schon jetzt so rumkommandierst.“ Doch das Lächeln in seinen Augenwinkeln zeigte, dass er es nicht ernst meinte.

 

Christian öffnete den Rollo. „Weißt du, auf wen ich wirklich gespannt bin? Auf diese Chris. Ohne die Verwechslung vor einem Jahr, wären wir heute nicht hier.“

 

Thomas griff nach dem Kaffee. „Sie einzuladen, war wohl das mindeste, was wir tun konnte, um meinen Fehler wieder gut zu machen und auch Silvia zu versöhnen. Aber...“ Er trank einen Schluck Kaffee. „Glücklicherweise hatte dieser Irrtum nur die besten Folgen.

 

-Ende-