Titel:              The fall of Gil Grissom

Autor:            Mazza

Serie:             CSI Las Vegas

Spoiler:           Hunger Artist

Paarung:         Gil/Catherine

Rating:           A/R, NC-17, m/f, ft, h/c

Archiv:           ffp

 

Summe:          Gil wendet sich - verzweifelt über die Diagnose - an Catherine. Eine einschneidende Änderung ihrer Beziehung ist die Folge.

 

Disclaimer: Keiner der Charaktere gehört mir, diese Story wurde nicht geschrieben, um damit irgendwelche Urheber-Rechte zu verletzen.

 

 

Es war unmöglich geworden, noch länger die Augen davor zu schließen. Das Sirren in seinen Ohren, das jedes andere Geräusch überdeckte. Stimmen, die klangen als wäre der Sprecher in weiter Entfernung, kaum mehr als ein Murmeln, obwohl er neben ihm ging. Oder was noch sehr viel schwerwiegender war – der zeitweilige totale Ausfall seines Gehörs. Es begann bereits seine Arbeit zu beeinträchtigen. Und dieses Mal kam kein Anruf dazwischen, der ihn aus dem Wartezimmer rief, bevor er an der Reihe für die Untersuchung war.

 

Während er darauf wartete, dass die Ärztin ihm eine Diagnose stellte, deren Aussage er bereits ahnte, glitten Gil Grissoms Gedanken unwillkürlich zurück in seine Kindheit. Genau so hatte es bei seiner Mutter angefangen. Ein Sirren in den Ohren. Stimmen, die sich gedämpft anhörten – und die sie eines Tages schließlich überhaupt nicht mehr hören konnte. An diesem Tag hatte sich auch sein Leben unwiederbringlich geändert.

Gil nickte und fühlte eine Kälte in sich aufsteigen. Er war sich stets bewusst gewesen, dass die Möglichkeit bestand, dass er ebenfalls an Otosclerosis erkranken würde. Aber die Jahre waren ohne ein Anzeichen dafür vergangen und irgendwann hatte er sich in Sicherheit lullen lassen. Jetzt kam die Wahrheit einem Sturz ins eiskalte Wasser gleich. Gil stand auf und wandte sich ab, nicht sicher ob sein Gesicht seine Angst zeigte. Er holte tief Luft und hoffte, dass seine Stimme den Aufruhr in seinem Inneren nicht verriet. „Vielen Dank, Doktor.“

Gil schloss die Tür hinter sich, als er ging; verließ hastig die Klinik. Sein Mund war trocken, ein bitterer Geschmack lag auf seiner Zunge. Panik stieg in ihm auf, machte ihn benommen, seine Knie weich. Das abrupt einsetzende Sirren in seinen Ohren verursachte geradezu körperliche Übelkeit. Gil sah sich um. Ähnlich einem verletzten Tier wollte er nur noch weglaufen, sich irgendwo verkriechen, die Hände auf die Ohren pressen und hoffen, dass es einfach so vorbeigehen würde. Er hasste dieses Gefühl, hasste die Schwäche, die Hilflosigkeit.

 

Sein Magen krampfte sich zusammen und er trat um die nächste Ecke des Gebäudes, fand sich in einer schmalen Seitengasse wieder. Gil lehnte sich gegen die Wand, schloss die Augen um die aufsteigenden Tränen zurückzuhalten. In seinem Magen explodierte plötzlich wütender Schmerz und er krümmte sich vornüber, würgte trocken. Es kam nichts hoch, er konnte sich kaum erinnern, wann er zuletzt etwas anderes als Kaffee zu sich genommen hatte.

 

Als Gil sich wieder aufrichtete, brannte seine Kehle und das Schlucken fiel ihm schwer. Ein sauerer Geschmack füllte seinen Mund und er fuhr sich mit dem Handrücken darüber, spürte die Schweißperlen auf seiner Oberlippe. Mit einem erstickten Aufstöhnen lehnte er sich wieder an die Hauswand, presste die Handballen gegen seine Augen. „Verdammt, nein. Nicht jetzt!“, flüsterte er.

Er ließ die Arme sinken, legte den Kopf in den Nacken und starrte blind nach oben in das kleine Viereck Himmel, das er sehen konnte. Gil holte noch einmal tief Luft, stieß sich von der Hauswand weg und trat in die Dämmerung.

 

* * * * * *

 

Ein Geräusch schreckte sie aus dem Schlaf hoch. Catherine Willows blinzelte und setzte sich auf, griff nach dem Schalter der Lampe auf ihrem Nachttisch, knipste sie an. Nichts. Fast war sie bereit, zu denken, sie hätte sich geirrt, als das Geräusch erneut zu hören war. Ein Klopfen. Jemand klopfte an ihre Haustür. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Verdammt, es war ihre erste freie Nacht seit Wochen und es war gerade erst halb zwei Uhr morgens. Sie erwartete um diese Zeit bestimmt keinen Besuch und wenn man sie für einen Fall gebraucht hätte, wäre sie angepiepst worden oder ihr Handy hätte geklingelt. Es lag neben der Lampe auf dem Nachttisch. Sie warf einen prüfenden Blick aufs Display, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, wie sie es hätte überhören können. Für einen Augenblick beschleunigte sich ihr Herzschlag, als sie an Lindsay dachte. Sie verbrachte das Wochenende bei Ed – und nicht einmal Ed würde seine Tochter mitten in der Nacht zurückbringen.

 

Aber wer immer an der Tür war, klopfte noch einmal. Es klang dieses Mal lauter, als würde mehr Kraft aufgewendet. Und dann hörte Catherine ganz deutlich das Klicken, als der Türknauf gedreht wurde – wie um zu prüfen, ob sie vergessen hatte, abzuschließen.

 

Milde Beunruhigung und Ärgerlichkeit verwandelte sich auf einen Schlag in Furcht. Catherine stand auf und ging leise nach unten, wo im Flur in einem verschlossenen Schrank ihre Waffe lag. Sie holte sie heraus und trat zur Eingangstür.

 

Wieder wurde gegen die Tür geklopft. Catherine holte tief Luft, drückte auf den Lichtschalter und hielt ihre Waffe bereit. „Wer auch immer da draußen ist“, sagte sie laut. „Ich bin bewaffnet und habe meine Waffe auf die Tür gerichtet.“ Das Klicken, mit dem sie entsicherte, übertönte kaum das Hämmern ihres Herzschlages, das wie Donner von den Wänden zu hallen schien. „Ich muss Sie warnen, ich bin ein guter Schütze.“

 

„Catherine?“

Sie hob den Kopf und ließ die Waffe sinken, als sie eine Männerstimme hörte. Sie war vertraut, sehr vertraut sogar – doch im Moment war sie ratlos, welches Gesicht sie ihr zuordnen sollte.

 

„Ich bin es, Grissom. Cath?“

 

„Gil?“ Catherine zog den Vorhang weg, der das Glasfenster neben der Tür verhüllte und sah nach draußen. Gil Grissom stand tatsächlich vor ihrer Haustür, die Hände in den Taschen, die Schultern hochgezogen gegen die nächtliche Kühle. Es war ein so unerwarteter Anblick, dass sie zögerte. Dann nahm sie sich zusammen und öffnete.

 

Gil torkelte an ihr vorbei in den Flur.

 

„Um Himmels Willen, Gil!“ Sie schlug die Tür zu und wandte sich ihm zu. „Du hast mich halb zu Tode erschreckt. Um ein Haar hätte ich dich erschossen! Was treibst du dich mitten in der Nacht...“ Sie unterbrach sich, als sie seine rotgeäderten Augen sah, mehr grau als blau und die dunklen Schatten darunter. Gil war blass, nein nicht nur einfach blass, sein Gesicht wirkte fast blutleer. Und er stank nach Kneipe – nach Zigaretten und schalem Bier. „Bist du etwa betrunken?“

 

„Ein wenig.“

 

Ein wenig? Das war die Untertreibung des Jahres. „Wieso? Was ist los? Gil?” Sie unterdrückte mühsam den Wunsch, ihn zu schütteln, damit er endlich antwortete.

 

Grissom fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Kann... kann ich mich einen Moment hinsetzen?“, fragte er, seine Stimme unsicher und... irgendwie verloren.

 

Catherine wurde bewusst, dass sie noch immer ihre Waffe umklammerte, sicherte sie und legte sie zurück in den Schrank. „Natürlich“, sagte sie, an Gil gewandt. „Du kennst den Weg.“ Als er sich umdrehte, sah sie wie wackelig er auf den Beinen war und griff hastig nach seinem Arm, um ihn ins Wohnzimmer zu dirigieren, wo er schwer auf ein Sofa plumpste. „Ich hole dir am besten etwas zu trinken. Wasser. Oder willst du lieber einen Kaffee?“

 

„Hast du nichts Stärkeres?“ Gil ließ sich zurückfallen und presste die Handballen gegen die Augen.

 

„Bist du sicher, dass du davon nicht schon zu viel hattest?“ Catherine musterte ihn, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie war sich immer noch nicht ganz sicher, ob sie das nicht alles träumte. Es klang auch zu absurd. Gil Grissom, ihr Freund und Vorgesetzter, saß wie ein Häufchen Elend mitten in der Nacht in ihrem Wohnzimmer. Wie ein betrunkenes Häufchen Elend, korrigierte sie sich.

 

„Würde ich dann fragen?“

 

Catherine hob die Augenbrauen über seinen Tonfall, zuckte dann aber mit den Schultern. „Ist dir Scotch recht? Ich glaube, was anderes habe ich nicht da.“

 

„Gut.“

 

Sie starrte ihn noch einen Moment an - doch es kam nichts weiter, keine Entschuldigung, keine Erklärung. Catherine ging in die Küche, holte zwei Gläser und eine noch ungeöffnete Flasche aus einem Hängeschrank. Sie sah einen Moment darauf. Eins der wenigen Überbleibsel aus ihrer Ehe mit Ed. Er war der Trinker in ihrer Familie gewesen. Catherine schob die Erinnerung an ihren Ex-Mann zur Seite. Sie nahm beide Gläser in eine Hand und öffnete das Gefrierfach, um Eiswürfel zu holen. Gil musste sie gehört haben, denn kaum klirrte der erste Eiswürfel gegen das Glas, kam seine Stimme aus dem Wohnzimmer: „Kein Eis.“ Und dann, nach einem Moment, als wäre es ihm erst jetzt wieder eingefallen. „Bitte.“

 

Überrascht drehte Catherine sich um, zuckte dann mit den Schultern und kippte die Eiswürfel in den Ausguss. Sie schloss die Tür des Eisschranks, öffnete die Flasche, rieb das Glas trocken - fast so, als wolle sie noch ein wenig mehr Zeit verstreichen lassen, bevor sie ins Wohnzimmer zurückkehrte. Etwas stimmte ganz und gar nicht mit Gil. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn je etwas Stärkeres als Bier trinken gesehen zu haben. Oder ein, vielleicht auch zwei Gläser Wein. Es sah ihm nicht ähnlich.

 

Schließlich nahm sie die beiden Gläser und die Flasche und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Gil saß noch genauso zusammengesunken da, wie sie ihn verlassen hatte – doch als sie zu ihm trat, hob er den Kopf, um sie anzusehen.

 

Catherine spürte einen scharfen Stich in ihrer Brust, als sie den verlorenen und verzweifelten Ausdruck auf seinem Gesicht sah. Und in seinen Augen... da war fast etwas Gehetztes. Sie stellte beide Gläser auf den Tisch und goss zweifingerbreit der goldfarbenen Flüssigkeit in jedes davon. Dann stellte sie die Flasche ab und reichte eins davon Gil.

 

Sie beobachtete ihn, als er in einer Art, die ihr für ihn so unendlich typisch schien, das Glas ins Licht hielt und die Bewegung der Flüssigkeit studierte. Die Weise, wie sich das Licht darin brach. Dann blinzelte er und hob es an die Lippen.

 

Catherine beobachtete ihn weiter, fast so, als hätte sie ihn nie zuvor gesehen. Gil leerte das Glas mit einem Schluck. Ein wenig verwirrt hob sie ihr eigenes Glas und trank es aus. Viel zu hastig und so begann sie sofort zu Husten und nach Atem zu ringen. Sie senkte den Blick zu Boden. Der Scotch brannte in ihrer Kehle, hinterließ dann aber ein nicht unangenehmes Gefühl von Wärme in ihrem Bauch. Sie räusperte sich.

 

„Alles okay?“, fragte Gil leise.

 

„Ja, ja, natürlich.“ Catherine rieb sich mit den Handrücken über die Augen, die vom Husten tränten und räusperte sich erneut, bis das Kratzen aus ihrer Kehle verschwunden war. „Ja, ich bin okay. Was ist mit dir?“

 

„Es geht mir gut.“ Er stockte, streckte dann seine Hand nach ihr aus. „Setz’ dich zu mir“, bat er leise.

 

Catherine sah ihn an, griff dann nach seiner Hand und ließ sich von ihm auf das Sofa ziehen. Sie lehnte sich zurück, während er sich vorbeugte, um ihre Gläser erneut zu füllen. Gil reichte ihr eines davon und hob seines, als wolle er einen Toast ausbringen. Catherine machte es ihm nach und wartete darauf, dass er etwas sagen würde. Doch Gil blieb stumm. „Auf was trinken wir?“, fragte sie schließlich, als das Schweigen unerträglich wurde.

 

Gil zögerte. „Auf gute Freunde“, sagte er letztlich.

 

Ihre Gläser klickten zusammen. Catherine beobachtete erstaunt, dass Gil auch dieses Glas leerte, als enthielte es nur Wasser. Sie nippte dagegen nur an ihrem Drink, während Gil sich ein zweites- und drittes Mal nachschenkte. Als er zum vierten Mal nach der Flasche griff, legte sie ihre Hand auf seine, drückte die Flasche zurück auf den Tisch. „Gil.“

 

„Ja.“

 

„Das Zeug hier ist ein wenig stärker als Kaffee, erinnerst du dich? Vielleicht solltest du ein bisschen langsamer trinken.“

 

Gil zog seine Hand weg und füllte seine Glas. „Ich weiß das, Catherine.“ Er trank und wandte ihr den Kopf zu. „Benimm’ dich nicht, als wärst du meine Mutter.“ Als er aufstand, nahm er die Flasche und sein Glas mit und trat ans Fenster.

 

Überrascht starrte Catherine ihm nach. Nicht nur, dass seine Worte trunken und verschwommen klangen; in seiner Stimme hatte eine Verbitterung mitgeschwungen, die sie so nie zuvor von ihm gehört hatte. Gleichzeitig spürte sie, dass sie sein Verhalten ärgerlich machte. Also stand sie auf und folgte ihm. Er reagierte nicht, und sie griff nach seinem Arm. Schließlich wandte Gil sich ihr zu. „Dann hör’ gefälligst auf, dich wie ein Kind zu benehmen, Grissom.“ Sie hörte die Schärfe in ihrer Stimme, tat aber nichts, um sie abzumildern.

 

Doch anstatt etwas zu sagen, hob Gil die Flasche erneut. Catherine nahm sie ihm aus der Hand und stellte sie weg. „Gil, es reicht. Du hast genug.“

 

„Sag’ du mir nicht, was ich zu tun habe.“ Gil wandte sich von ihr ab, wollte nach der Flasche greifen, doch Catherine trat ihm in den Weg.

 

„Es reicht mir“, sagte sie. „Ich stehe doch nicht hier herum und sehe zu, wie du dich in Scotch ertränkst. Irgend etwas ist nicht in Ordnung.“ Sie legte beide Hände auf seine Schultern. „Gil, was ist passiert? Würdest du bitte mit Trinken aufhören und mir sagen, was passiert ist?“

 

„Ich will jetzt nicht darüber sprechen.“ Gil wich vor ihrer Berührung zurück, nicht jedoch vor ihrem Blick. „Es ist mir ernst, Catherine. Lass es gut sein. Ich will wirklich nicht darüber sprechen.“ Der warnende Unterton in seinen Worten war nicht zu verkennen.

 

„Ich werde nichts gut sein lassen, Gil.“ Sie starrte ärgerlich zurück, spürte die Wut tief im Bauch. „Du tauchst hier auf, kommst in mein Haus, halb betrunken – nein, streich’ das halb – mitten in der Nacht, weil irgendetwas nicht stimmt. Gut, wir sind Freunde, das ist okay.“ Sie musste einen Moment innehalten, um Luft zu holen. „Absolut ganz und gar nicht okay ist, dass du dich hier mitten in der Nacht in meinem Haus bis zur Bewusstlosigkeit zuschüttest und nicht darüber sprichst, warum du das machst.“ Sie wandte sich von ihm ab, ergriff die Flasche und ging in die Küche. Sie stellte sie wieder in den Schrank und knallte die Tür zu. Die Stirn dagegen gelehnt, holte sie ein paar Mal tief Luft, um sich wieder in den Griff zu bekommen. Was passierte hier eigentlich?

 

Als sie ein paar Minuten später ins Wohnzimmer zurückkehrte, war sie bereit, das ganze vernünftig und ruhig anzugehen. Gil stand noch immer am Fenster und seine ganze Haltung sprach von mühsam unterdrückter Wut. Seine Schultern zitterten und seine Finger umklammerten den Rand des Fensterbretts so fest, dass die Knöchel weiß aus der Haut hervortraten.

 

„Und nun?“ Catherine spürte zu ihrer eigenen Überraschung, dass sie selbst alles andere als ruhig und vernünftig war. Und es lag nicht nur daran, dass sie so abrupt aus dem Schlaf gerissen worden war. Gleichzeitig spürte sie ein nervöses Prickeln im Nacken, etwas wie eine Warnung. Vor was? Vor Gil? Sie hatte keine Angst vor Gil. Sie wusste, dass er ihr nie wehtun würde. Irgendetwas passierte mit ihm. Vor ihren Augen. Sie hatte keine Ahnung, was es war – aber es musste sehr schlimm sein, um ihn in diesen Zustand zu bringen. So verzweifelt hatte sie ihn noch nie erlebt. Und sie war sich alles andere als sicher, wie er reagieren würde, wenn sie weiter nachbohrte. Catherine seufzte. Konnte diese Nacht überhaupt noch schlimmer werden?

 

„Nun?“ Gil wandte sich ihr zu. Wut war über seine Gesichtszüge geschrieben, doch in seinen Augen spiegelte sich tiefer Schmerz. „Okay, gut. Du willst wissen, was los ist? Das ist los – ich werde taub!”

 

„Was hast du gesagt?“ Catherine war sich zuerst nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte. „Du wirst was? Taub?“

 

„Genau das habe ich gesagt!“

 

Die Worte begannen Sinn zu machen. Gils Mutter war taub. Sie erinnerte sich, dass er erst nach langem Zögern damit herausgerückt war. Den Schmerz in seinen Augen als er über die Krankheit sprach, die ihr das Gehör nach und nach genommen hatte. „Otosclerosis.“ Das Wort fühlte sich fremd und schwerfällig in ihrem Mund an.

 

„Wie soll ich so arbeiten? Wie soll ich jemand befragen, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, zu hören, wie meine Fragen beantwortet werden?“

 

„Gil.“ Sie trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. „Das wird alles wieder gut.“

 

Grissom zog seinen Arm zurück, als hätte ihre Berührung ihn versengt. „Hast du mir nicht zugehört, Catherine? Ich werde taub! Ich werde nichts mehr hören!“

 

“Ja, ich habe dich verstanden. Aber siehst du das nicht etwas zu... endgültig? Es gibt doch sicher Behandlungsmöglichkeiten, eine Therapie. Medikamente. Zumindest, um den Verlauf zu verlangsamen.“

 

„Das ist nicht möglich.“

 

„Woher willst du das mit solcher Sicherheit wissen?“, widersprach sie ihm.

 

„Egal.“ Seine Stimme war mit jeder kurzangebundenen Antwort eisiger geworden.

 

„Verdammt noch mal, das ist eben nicht egal.“

 

Gil fuhr zu ihr herum, sein Gesicht hatte sich zornig rot verfärbt und seine Augen waren blank vor Wut. Er griff nach Catherines Schultern und stieß sie gegen die Wand. Seine Finger gruben sich tief in den dünnen Stoff ihres Pyjamas, in ihre Haut darunter. Sein Gewicht drückte sie roh gegen die harte Wand. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt und sie roch den Scotch in seinem Atem. „Verstehst du das nicht?“, zischte er, sein Mund an ihrem Ohr. „Es ist vorbei!“

 

„Gil...“

 

„Meine Arbeit, meine Karriere“, er drückte sie noch immer gegen die Wand. „Alles vorbei.“

 

„Das stimmt nicht, Gil.“ Catherine begann sich gegen seinen Griff zu wehren. Zu einem anderen Zeitpunkt, unter anderen Umständen, hätte sie es vielleicht genossen, ihm so nahe zu sein. Seinen Körper so dicht an ihrem zu spüren. Einer Fantasievorstellung nachzugeben. Dann hätte sie sich vielleicht erlaubt, ihn zu begehren. Aber nicht so.

 

Und doch - etwas knisterte zwischen ihnen und Catherine war nicht sicher, ob es nur Wut war. Sie hörte, dass sich sein Atem beschleunigte, genau wie ihrer.

 

„Du weißt es doch von allen am besten, dass es so ist, Catherine.“ Sein Griff verengte sich noch ein wenig mehr und Catherine stöhnte leise auf, denn jetzt tat er ihr wirklich weh. „Also hör’ auf, dich mit mir zu streiten.“

 

„Gil, bitte.“ Sie waren sich jetzt so nahe, dass ihre Lippen seine Wange streiften, als sie sprach. Trotz des schmerzhaften Griffs, trotz der Wut, spürte sie eine unerwartete Erregung in sich aufsteigen, als sie ihn berührte. Sie hielt inne und sah ihn an. Catherine schluckte. Ja, sie wollte ihn. Vielleicht schon seit dem Tag, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Aber die Situation glitt ihr langsam aus der Hand. Gil begann ihr Angst zu machen. Sie spürte seine Fingerspitzen, die sich in ihre Haut gruben.

 

In diesem Moment verschwand die Erregung und sie schnappte nach Luft, schob beide Hände zwischen sich und Gil und versuchte ihn von sich weg zu stoßen. „Hör auf damit, Gil.“ Zu ihrem Erstaunen, zu ihrem Entsetzen, verzerrte sich Gils Mund nur zu einem Grinsen. Er lehnte sich vor und presste seine Lippen auf ihre, sie spürte seine Zähne an der weichen Haut ihres Mundes entlang schrammen. Catherine drehte den Kopf weg, sie musste die Situation unter Kontrolle bekommen, bevor Gil etwas tat, dass er später bereuen würde. Er war verwirrt. Und betrunken.

 

Catherine lehnte sich zurück, griff sein Hemd mit beiden Händen und stieß ihn mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, von sich weg.

 

Gil verlor das Gleichgewicht, taumelte zurück und stolperte. Seine Hände griffen in leere Luft, als er fiel und hart auf dem Boden aufschlug, um Haaresbreite verfehlte sein Kopf die scharfe Kante des Tisches. Er richtete sich langsam auf und sah benommen zu ihr hoch. „Was zur Hölle...?“

 

„Halt’ den Mund, Gil.“ Ihre Stimme klang nur noch müde. Catherine rieb sich die schmerzenden Stellen an ihren Schultern. „Ich will nicht, dass es zwischen uns so weit kommt.“

 

„Warum hast du mich weggestoßen?“

 

„Okay. Okay!“ Catherine schloss die Augen und zählte innerlich bis zehn, um ihn nicht noch einmal anzuschreien. Die Situation war bereits verfahren genug, sich gegenseitig anzublaffen brachte überhaupt nichts. „Du bist durcheinander. Du bist betrunken.“ Ihre Stimme hatte den scharfen Unterton nicht verloren, doch sie fühlte sich jetzt mehr in Kontrolle.

 

„Na und, dann bin ich eben betrunken. Was soll das Theater?“ Jetzt klang Gil eher wie ein schmollender Teenager. Wenn Alkohol diesem Mann so etwas antat, war es wirklich besser, dass er nie trank.

 

„Wirst du endlich den Mund halten und mir zuhören? Wenn du eine Erklärung willst, kannst du eine haben!“ Catherine ballte die Hände zu Fäusten, um ihm nicht ins Gesicht zu schlagen und so die betrunkene Gekränktheit daraus weg zu wischen. „Gil, wir sind Freunde“, fuhr sie ruhiger fort. „Wir sind die besten Freunde. Das sind wir schon seit einer langen Zeit. Unsere Beziehung ist nicht gewöhnlich... ich meine, sie ist etwas besonderes. Wir kennen einander besser als sonst jemand. Manchmal ist es fast so, als würden wir das gleiche denken. Und ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, es wäre da nicht noch mehr... mehr Gefühl... für dich im Spiel. Mehr als Freundschaft.“ Sie spürte einen Knoten in ihrer Kehle und unterbrach sich. Mit einem müden Seufzen sah sie Gil wieder an. Eine traurige Bitterkeit floss in ihre nächsten Worte. „Aber ich kann das nicht zulassen, nicht jetzt. Nicht so. Ich will mit dir zusammen sein, Gil. Ich will es wirklich. Aber es wird nicht jetzt passieren. Nicht auf diese Weise. So ist es nicht zwischen uns.“

 

„Wie ist was nicht zwischen uns?“ Gil stand auf, langsam, unsicher auf den Beinen, die Arme vor der Brust verschränkt. Ein gereizter Unterton lag noch immer in seiner Stimme.

 

„Ich will so etwas nicht noch einmal durchmachen. Nicht das gleiche wie mit Ed. Alkohol. Gewalt. Gefühllosigkeit. So soll es nicht sein.“ Ihre Stimme wurde weich. „So darf es nicht sein. Nicht zwischen uns, Gil. Du bist mehr wert als das. Du bist ein besserer Mensch. Du weißt das und ich weiß das.“ Gil starrte sie an und sie sah die Verwirrung in ihrem Blick. Sie war ja selbst verwirrt. „Zwischen uns kann es etwas ganz besonderes geben, Gil. Etwas… perfektes. Aber nur, wenn wir es richtig anfangen.” Sie schluckte, hörte das leichte Zittern in ihrer Stimme. „Aber wenn wir das nicht richtig machen, dann ruinieren wir alles. Wir könnten alles verlieren. Sogar unsere Freundschaft. Und das will ich nicht riskieren. Niemals. Ich habe dir einmal gesagt, dass es nicht vieles gibt, das ich bedauere. Aber das, was ich zu bedauern habe, tut wirklich weh. Und ich will nicht, dass ich dich dazu zählen muss, Gil. Und ich will nicht, dass du etwas tust, dass du später bedauerst.”

 

Catherine beobachtete, wie sich Gils Gesichtsausdruck veränderte. Scham legte sich über seine Züge.

 

„Ich will nicht, dass wir einen Fehler machen. Das was zwischen uns ist – oder sein könnte – kannst du nicht missbrauchen, nur weil du wütend und verzweifelt und betrunken bist. Ich kann dich nicht vergessen machen, was dir wehtut. Und ich glaube nicht, dass du dir verzeihen würdest, dass du drauf und dran warst, mich wie Ed zu behandeln. Und mir würde ich nicht verzeihen, wenn ich es zugelassen und dadurch deine Freundschaft verloren hätte.“

 

„Oh Gott, Catherine.“ Gil senkte den Blick zu Boden und lehnte sich gegen das Sofa. „Es tut mir so leid. Ich habe mich... ich habe mich so absolut unmöglich benommen. Ich weiß nicht, was mit mir los ist.“ Er hob die Hände und rieb über sein Gesicht, schüttelte den Kopf wie um einen Alptraum loszuwerden. „Nein, ich will dir nichts vormachen. Es ist diese... diese Krankheit. Sie macht mir... Angst.“ Endlich hob er den Kopf und sah sie an.

 

Catherine schwieg. Sie wartete darauf, dass er weitersprach.

 

„Ich... habe Angst davor, was sie mir antun wird. Was aus meiner Karriere wird. Ich fühle mich... so hilflos, Catherine. Ich war mein ganzes Leben lang beim CSI. Das CSI ist mein Leben. Ich kann nichts anderes sein, kann es mir nicht vorstellen, etwas anderes zu tun. Wenn ich nicht mehr hören kann, ist kein Platz mehr für mich beim CSI.“ Er räusperte sich. „Aber noch mehr Angst habe ich davor, alleine zu sein. Ich will nicht alleine sein, Cath. Der Gedanke daran ängstigt mich zu Tode.“

 

„Weißt du denn immer noch nicht, dass du nie alleine sein wirst? Gil. Da ist Sara. Und Nick. Und Warrick. Und all die anderen, die deine Freunde sind – die es immer sein werden. Egal ob du hören kannst oder nicht. Und es gibt mich.“ Sie trat auf ihn zu und strich mit den Fingerspitzen über seine Wange. „Ich werde für dich da sein. Immer. Was auch immer passiert.“

 

Gil schloss ihre Hand in seine, drückte sein Gesicht dagegen. „Es tut mir so leid, Cath. Du weiß doch, dass ich dir niemals wehtun wollte. Du weißt das doch, oder?“

 

„Ja, das weiß ich.“ Sie schloss die Augen, als er ihre Hand küsste. Und als er sie in die Arme nahm, lehnte sie sich an ihn.

 

Gils Hand glitt in ihr Haar, sein Arm hielt sie nahe an ihm. „Du bist mein bester Freund, Catherine“, sagte er leise, seine Stimme war belegt. „Du bedeutest mir so viel. Gott, ich wüsste nicht, was ich ohne dich anfangen sollte. Wo ich ohne dich wäre.“

 

 

Catherine nickte nur, spürte Tränen hinter ihren Lidern. Sie presste ihr Gesicht an seine Brust. Da war er. Unter dem Alkohol und Rauch war der vertraute ‚Gil’-Geruch, den sie über die Jahre kennen gelernt hatte. Ein Geruch, der sie durch die langen Nächte gebracht hatte, in denen sie Zuflucht bei Gil suchte, wenn Ed trank und ausrastete und über sie herfiel. Es war ein Geruch nach Trost und Geborgenheit. Genauso roch er.

 

„Ich gehe jetzt besser.“ Gil drückte sie noch einmal an sich, holte dann tief Luft und seufzte. Er ließ sie los und wandte sich von ihr ab.

 

Catherine öffnete die Augen und sah ihm nach. Sie zögerte einen Moment. Gil war offensichtlich immer noch weit davon entfernt, nüchtern zu werden. Seine Schritte waren unsicher und wackelig. „Gil.“

 

„Ja?“ Er stoppte und sah über die Schulter zu ihr.

 

“Ich kann dich so nicht gehen lassen.”

 

„Du hast schon genug für mich getan, Cath.“ Gil strich sich über die strubbeligen Haare. „Ich will deine Geduld nicht über Gebühr beanspruchen.“

 

„Du kannst so nicht gehen, Gil. Du bist viel zu betrunken, um zu fahren.“

 

„Ich rufe mir ein Taxi.“

 

„Nein. Bleib’. Bleib’ heute Nacht bei mir.” Sie streckte die Hand nach ihm aus und lächelte. „Du hast mich so oft bei dir schlafen lassen, als Ed... als die Dinge mit Ed so außer Kontrolle geraten waren. Du kannst in meinem Bett schlafen, ich nehme Lindsays. Sie ist dieses Wochenende bei ihrem Vater. Und es wäre nicht das erste Mal, dass ich dort schlafe.“

 

Gil zögerte, dann ergriff er ihre Hand. „Gut. Ich bleibe.“

 

Catherine führte ihn aus dem Wohnzimmer und brachte ihn ins Schlafzimmer. „Ich glaube, wir haben beide genug für heute. Ich hol’ dir etwas, dass du anziehen kannst.“

 

„Ich würde lieber nichts von Ed tragen.“ Gil wirkte verlegen.

 

„Oh, mach’ dir da mal keine Sorgen. Ich habe alles, was er nicht mitgenommen hat, in die Mülltonne gestopft. Glaub’ es oder nicht, aber ich habe ein T-Shirt und Shorts hier, die dir gehören“, entgegnete Catherine in einem leichten Tonfall. Sie öffnete einen Schrank und zog einen Karton hervor.

 

„Wieso hast du Kleidung von mir?“, fragte Gil misstrauisch.

 

„Ich wusste doch, dass du dich nicht mehr erinnerst.“ Catherine stand auf und warf ihm lächelnd die Kleidungsstücke zu. „Du hast ein ausgesprochen selektives Erinnerungsvermögen, Gil Grissom. Erinnerst du dich an diesen Fall, den wir hatten, vor einigen Monaten? Es war so viel Blut am Tatort, dass es durch die Overalls drang.“ Catherine lachte, als sie sah, wie er das Shirt in den Händen drehte – ganz offensichtlich erinnerte er sich. „Als wir uns hinterher umgezogen haben, hast du dich darüber aufgeregt, dass du dir deine Klamotten ruiniert hättest. Also habe ich dir gesagt, ich wüsste ein todsicheres Rezept, um Blutflecken heraus zu bekommen. Was du mir nicht glauben wolltest. Wir haben gewettet.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Und du hast verloren.“

 

„Vielleicht sollte ich die Sachen einem Labortest unterziehen.“

 

Catherine hörte erleichtert die Rückkehr seines trockenen Humors. „Wage es niemals, an den Flecken-Entfernungs-Künsten einer Mutter zu zweifeln, Gil Grissom. Du hast noch nie versucht, verschütteten Traubensaft aus einem weißen Teppich verschwinden zu lassen.“

 

„Okay, okay. Ich habe verstanden.“ Gil hielt beide Hände hoch. „Worum hatten wir gewettet?“

 

„Darum, dass du einen Monat lang meinen Wagen wäschst. Per Hand. Und zwar innen und außen. Und das einmal pro Woche. Ich habe dich daran erinnert. Ich habe Notizzettel hinterlassen. Am Ende habe ich es aufgegeben und wasche mein Auto wieder selbst. Das ist weniger Arbeit, als zu versuchen, dich daran zu erinnern.“ Sie grinste.

 

„Oh, ich verstehe. Dann waren all diese kleinen, gelben Notizzettel von dir?“ Gil erwiderte ihr Grinsen. „Sie kamen sehr gelegen - als Untersetzer für meinen Kaffeebecher oder für Probengläser.“

 

„Davon bin ich überzeugt.“

 

Gil legte den Kopf zur Seite. „Da es nun wieder zur Sprache gekommen ist, wann soll ich meine Wettschulden einlösen? Soll ich Seife und Schwamm holen gehen?“

 

„Du hast Glück, Warrick hat das übernommen. Er hat mich gesehen und mir angeboten, meinen Wagen gleich mit zu reinigen, wenn er seinen wäscht.“

 

„Er arbeitet auf eine Beförderung hin.“

 

„Nein. Warrick ist nicht der Typ, der sich einschmeicheln will. Außerdem bist du doch sein Vorgesetzter und nicht ich. Wenn er jemanden den Hintern küssen würde, dann müsstest schon du das sein. Obwohl mein Hintern besser aussieht.“

 

„Sehr witzig. Obwohl ich denke, was Warrick angeht, ist es womöglich besser, wenn er deinen Hintern anziehender findet, als meinen.“

 

Catherine lachte. „Möglicherweise.“

 

“Hmh, vielleicht ist er ein wenig verliebt in dich.”

 

“Eifersüchtig?”, erwiderte Catherine. Gil sagte nichts, doch er wurde doch tatsächlich rot. Sie versteckte ihr Lächeln und zuckte mit den Schultern. „Egal, warum er es tut, mein Wagen ist immer sauber.“

 

„Und gibt es sonst noch etwas, bei dem du Hilfe brauchen könntest?“

 

„Vielleicht.“ Catherine lächelte. “Lass’ mich einen Moment darüber nachdenken. Ich hole dir etwas zu trinken – Wasser – und ein paar Kopfschmerztabletten. Zieh’ dich doch schon mal um. Ich bin gleich wieder da.“

 

„Okay.“

 

Catherine verließ das Schlafzimmer und ging ins Bad. Sie nahm ein Döschen mit Aspirin heraus und schüttete ein paar der Tabletten in ihre Handfläche, dann stellte sie es zurück. Und warf einen Blick in den Spiegel. Himmel, sie sah ja furchtbar aus. Ihre Haare waren ein einziges Durcheinander. Und ohne Make up und im grellen Licht des Badezimmers war ihr Gesicht fahl und verquollen. Catherine streckte ihrem Spiegelbild die Zunge raus, während sie sich mit den Fingern durchs Haar kämmte, was aber kaum einen Unterschied bewirkte. Und wenn schon. Sie ließ Wasser in ein Glas laufen. Es war noch nicht einmal drei Uhr morgens und Gil hatte schon weitaus schlimmeres zu Gesicht bekommen.

 

Als sie ins Schlafzimmer zurückkam, lag Gil in ihrem Bett, die Decken nach unten geschoben. Er lag auf der Seite, hatte die Augen geschlossen. Catherine blieb einen Moment an der Tür stehen und lauschte auf seinen regelmäßigen Atem. Sie lächelte und trat leise ans Bett. Während sie das Glas und die Tabletten in Reichweite abstellte, musterte sie ihren Freund. Im Schlaf sah er so... friedlich aus. Und verdammt sexy.

 

Zuerst lächelte sie über diesen Gedanken, doch dann verschwand ihr Lächeln und sie betrachtete sein Gesicht. Ein Gesicht, dass sie schon so lange kannte. Das Gesicht eines Mannes, der sie durch gute Zeiten und durch ein paar sehr schlimme Zeiten begleitet hatte. Sie prägte sich jede Linie ein, jede Kurve, jede Unvollkommenheit. Sie wünschte sich, ihn zu berühren, ihre Finger in sein dichtes, ergrauendes Haar zu flechten. Als ihr bewusst wurde, dass sie den Atem anhielt, richtete sie sich auf und griff nach der Decke, um ihn zuzudecken.

 

„Catherine.“ Gils leise Stimme ließ sie aufsehen. Seine Hand griff nach ihrer, hielt sie fest.

 

„Ich dachte, du schläfst schon.“ Catherine sah ihn nicht an. Sie fürchtete, er würde in ihren Augen lesen, was sie in diesem Moment empfand. „Ich wollte dich nur zudecken, bevor ich selbst auch wieder schlafen gehe.“

 

„Ich habe nicht geschlafen.“ Er ließ seine Hand ihren Arm entlang gleiten, über ihre Schulter, bis sie an ihrer Wange zur Ruhe kam. Sanft drehte er ihren Kopf herum, so dass sie ihn ansah. „Leg’ dich zu mir. Nur ein wenig. Bis ich einschlafen kann.“ Nach einem winzigen Moment des Zögerns nickte Catherine und Gil rückte zur Seite, machte Platz für sie.

 

Catherine löschte das Licht, glitt neben ihn und er griff nach unten, zog die Decke über sie beide hoch. Mit einem leisen Seufzen nestelte sich Catherine in seine Umarmung.

 

Geraume Zeit lagen sie still beieinander. Lauschten auf das Atmen des anderen. Durch den dünnen Stoff des T-Shirts spürte Catherine die Wärme von Gils Körper, das langsame Schlagen seines Herzens an ihrer Wange. Es lullte sie in den Schlaf und sie kuschelte sich enger an ihn.

 

„Cath?“

 

„Hmm?“, murmelte sie schlaftrunken.

 

„Danke.“

 

„Wofür?“

 

„Dafür, dass du da bist. Für deine Freundschaft.“ Seine Stimme stockte und als er weitersprach, hörte sie, dass er begonnen hatte, zu weinen. „Ich weiß nicht, womit ich dich verdient habe.“

 

Sie glitt ein wenig von ihm weg, um ihm in die Augen sehen zu können. Dann hob sie die Hand und wischte die Tränen von seinen Wangen. „Es gibt keinen Grund, zu weinen, Gil.“ Sie drehte sich auf den Rücken und zog ihn an sich. Catherine drückte Gils Gesicht gegen ihre Brust, schlang die Arme um seinen Rücken, um ihn eng an sich zu halten. Sie begann, ihn leicht zu wiegen und presste ihren Mund in sein Haar. „Es wird alles wieder gut“, flüsterte sie. „Ich verspreche es.“

 

Gil legte die Arme um ihre Taille und erwiderte ihre Umarmung. Er nickte. Seine Tränen drangen durch das feine Material ihres Pyjamas kühl auf ihre Haut.

 

Es brach ihr das Herz, ihn so zu sehen. Sie legte eine Hand unter sein Kinn und hob sein Gesicht an, bis sich ihre Augen begegneten. Catherine küsste seine Lider, küsste die Tränen weg. „Gil, ich werde tun, was ich kann, um dir zu helfen“, sagte sie leise. „Sei’ ganz ruhig. Ich bin da. Ich bin immer für dich da.“ Sie streichelte seine Wange und er legte seine Hand über ihre, hielt sie fest. Sie las die Bitte, die Sehnsucht in seinen Augen. Und es war keine Überraschung, dass sie das gleiche Sehnen in sich spürte. Wie ein warmer Strom floss Verlangen durch ihren Körper. Gänsehaut bildete sich auf ihren Armen, während eine herrliche Leichtigkeit ihren Kopf erfüllte.

 

Gil rückte ein wenig von ihr ab, so dass er sich über sie beugen konnte und sie spürte seinen Atem auf ihrem Gesicht, als er ihren Namen flüsterte. Sie hielt den Atem an, als seine Lippen ihre berührten.

 

Der Kuss war sanft und warm, ihre Lippen fanden sich langsam, fast zögerlich. Gil rückte noch ein Stück zur Seite und zog sie mit sich, rollte Catherine auf die Seite. Seine Hand strich ihren Arm entlang, streichelte ihre Haut durch den seidenen Pyjama, glitt dann ihren Rücken entlang. Catherine fühlte, wie sich seine Finger ausspreizten, sie enger an ihn drückten. Er hielt sie fest, drehte sich auf den Rücken, zog sie auf sich. Sie schmiegte sich an ihn und spürte seine Erektion gegen ihren Bauch pressen. Seine Hände glitten über ihren Rücken, auf und ab, bis seine Finger sich in ihr Haar flochten und er sanft ihr Gesicht zu sich herunter drückte, um sie erneut zu küssen.

 

Catherine öffnete den Mund, vertiefte den Kuss und ließ ihre Zunge zwischen seine Lippen gleiten. Sie spürte einen Schauer durch ihn rinnen. Sich ein wenig zurücklehnend, öffnete Catherine die Augen und betrachtete ihn. Gils Lider waren geschlossen, er lächelte. „Gil?“ Sie setzte sich auf, saß jetzt rittlings über seinen Hüften.

 

Träge öffneten sich seine Augen und er sah sie an. „Ja?“

 

„Ich möchte, dass du mit mir schläfst.“

 

Er zögerte. „Aber du... hast vorhin gesagt, es wäre ein Fehler. Catherine, du…”

 

„Schhh, Gil.” Sie lachte leise als sie den Ausdruck seines Gesichts sah und löste sich von ihm. Catherine stand auf und lächelte auf ihn nieder. „Und du bist sicher, dass der Arzt gesagt hat, mit deinem Gehör wäre nicht alles in Ordnung?“

 

Gil nickte, Verwirrung stand in seinen blauen Augen.

 

Catherine tappte mit dem Finger auf seine Wange. „Nun, ich denke, darüber mache ich mir später Sorgen. Im Moment sollten wir daran arbeiten, dass du nicht immer alles hörst, was man zu dir sagt.“

 

Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „Ich glaube, ich verstehe, worauf du hinaus willst.“

 

„Ich bin daran gewöhnt. Was ich vorhin gesagt habe, bezog sich darauf, dass ich mir unter unserer ersten Nacht etwas anderes vorstelle, als von dir gegen die Wohnzimmerwand gedrückt zu werden – während du so betrunken bist, dass du dich kaum an deinen eigenen Namen erinnerst und ich nur mitmache, weil es dir schlecht geht.“ Gils Augen weiteten sich schockiert und sie lachte. „Okay, vielleicht habe ich es nicht ganz so formuliert. Aber das war es, was ich meinte. Ich möchte, dass es etwas... besonderes wird. So wie es sein sollte. Und jetzt - und hier – ist es etwas besonderes.“

 

Gil nickte. Sie sah ihn schlucken. “Und?”

 

“Und?”, wiederholte er unsicher.

 

„Willst du? Willst du mit mir schlafen, Gil?“

 

“Ich kann mir nichts vorstellen, was ich lieber tun würde.”

 

Gil drehte sich auf die Seite, um ihr zuzusehen, als sie das Oberteil aufzuknöpfen begann. Sein Blick brannte auf ihrer Haut, als sie den weichen Stoff über ihre Schultern nach unten gleiten ließ.

 

Dann holte Gil schockiert Luft. Seine Hand ballte sich zur Faust, presste sich gegen seinen Mund, als er die roten Abdrücke seiner Finger auf ihren Schultern sah.

 

Catherine hatte erwartet, dass sie dort sein würden. In ihrem Leben hatte sie sich schon eine geraume Anzahl an Ohrfeigen, Schlägen und Tritten eingefangen – ganz zu schweigen davon, dass sie jeden Tag bei der Arbeit mit blauen Flecken und Prellungen konfrontiert wurde. Sie war Experte darin. Und sie hatte erwartet, dass Gil auf den Anblick reagieren würde. Sie hatte seine Reaktion zuvor bereits erlebt. Er hatte ihre Haut bereits mit blauen, roten und violetten Flecken, samt aller Abstufungen gesehen. Hatte ihr Gesicht mit Kratzern und Platzwunden bedeckt gesehen. Aber diese Verletzungen hatte sie Ed zu verdanken. Das war etwas völlig anderes. Die Spuren auf ihrem Körper hatte er hinterlassen – hatten Gils Hände auf ihr hinterlassen.

 

„Himmel, Catherine! Ich...“ Er rollte sich auf die andere Seite des Bettes und stand auf, um zu ihr zu treten. Vorsichtig berührte er mit den Fingerspitzen die Abdrücke auf ihrer Haut, drückte sanft seine Lippen dagegen. „Es tut mir so leid.“

 

„Es ist nichts passiert.“

 

„Aber ich...“

 

Sie stoppte ihn mit einem Kuss und hörte ihn leise aufstöhnen. Seine Arme legten sich um sie und sie zog ihn an sich. Sein T-Shirt, weich vom häufigen Waschen, rieb über ihre bloßen Brüste. Catherine ließ ihre Hände sinken und griff nach dem Saum des Shirts. Unter dem Stoff glitten ihren Hände nach oben, über seinen Brustkorb, und sie wich ein wenig zurück, um es ihm über den Kopf zu ziehen.

 

Sofort zog Gil sie wieder an sich, ihre nackte Haut berührte sich und er erstickte ihr Aufseufzen mit einem weiteren Kuss. Seine Fingerspitzen glitten ihre Wirbelsäule entlang und ihre Knie wurden weich.

 

Sie öffnete die Augen, als er sich von ihr löste. Seine Hände glitten zu ihrer Taille und unter den Saum ihrer Pyjamahose. Catherine seufzte, als er ihr Gesicht liebkoste. Sein Mund glitt entlang ihres Halses tiefer, berührte ihr Schlüsselbein, sog und streichelte ihre Haut, bis er ihre Brüste erreichte. Sie legte beide Hände um sein Gesicht, als seine Lippen die weiche, empfindliche Haut liebkosten.

 

Dann glitt Gil tiefer. Seine Lippen berührten und streichelten jeden Zentimeter entblößter Haut. Er kniete vor ihr und zog ihre Pyjamahose über ihre Hüften. Die dünne Seide fiel zu Boden, arrangierte sich um ihre Knöchel. Die kühle Luft prickelte auf ihrem nackten Körper.

 

Als sie Gil scharf Luftholen hörte, sah sie auf ihn hinab. Und er sah zu ihr auf, die Augen weit geöffnet, der Ausdruck in ihnen... in diesem Moment wurde ihr wirklich bewusst, dass sie völlig nackt vor ihm stand. Sie fühlte sich seltsam entblößt. Ein wenig verwirrend, wenn sie daran dachte, dass sie so lange ihren Lebensunterhalt mit Strippen verdient hatte. Nacktheit war damals alltäglicher Bestandteil ihrer Arbeit gewesen, warum fühlte sie sich plötzlich wieder so scheu wie ein Teenager?

 

Weil es anderes war.

 

Damals hatte sie sich vor Fremden ausgezogen. Vor Menschen, die ihr vollkommen gleichgültig waren. Alles was sie von ihnen gewollte hatte, war ihr Geld. Doch der Mann, der jetzt vor ihr kniete, bedeutete Catherine sehr viel. Er war ihr Kollege – er war ihr Freund. Er war kein Fremder in einem Club. Es gab reelle, tiefe Gefühle zwischen ihnen. Bevor die Nervosität völlig in ihr aufsteigen konnte, lächelte Gil. Und mit seinem Lächeln verschwand ihre Unsicherheit. Er stand auf und zog sie an sich, hob sie hoch und legte sie auf ihr Bett. Sein Blick glitt über sie und als seine Augen ihre fanden, schlüpfte er aus den Shorts. Er griff nach ihrem Pyjama und hob ihn auf, legte ihre Kleidung über das Fußende des Bettes. Es war so typisch für ihn, dass Catherine einen Moment ganz eng ums Herz wurde – vor Zärtlichkeit.

 

Sie streckte die Hand nach ihm aus. „Gil“, flüsterte sie.

 

„Nein. Noch nicht.“ Er setzte sich auf die Bettkante. “Ich glaube, ich habe – ohne es mir selbst einzugestehen - schon lange darauf gewartet, das zu tun. Und ich will nichts verpassen.“ Er begann ihre Haut zu streicheln und zu küssen. Und er begann an ihren Zehenspitzen. Seine Finger zeichneten weite Kreise um ihre Knöchel, glitten über ihre Waden nach oben. Seine Hände lagen warm auf ihren Oberschenkeln, als er sich vorbeugte und mit seinem Mund ihre Scham berührte. Sie biss sich auf die Unterlippe, ihr Körper straffte sich, bog sich ihm entgegen. Ihre Finger krallten sich in das Bettlaken, um nicht nach seinem Kopf zu greifen und ihn an sich zu pressen, damit er weitermachte bis sie kam. Sie holte tief Luft und zwang sich, sich zu entspannen.

 

Gils Mund glitt weiter. Seine Lippen, Zähne und Zunge streichelten und kosteten jeden erreichbaren Zentimeter Haut, bis er dort stoppte, wo er begonnen hatte – an ihrer Kehle.

 

Sicher, dass er ihren rasenden Puls spüren konnte, griff sie in sein Haar und zog ihn sanft weg von ihrem Hals. Ihre Stimme klang atemlos und ihre Worte abgehackt. „Genug. Ich kann… nicht mehr. Ich will dich.” Bevor sie mehr sagen konnte, glitt er ganz über sie und drang in sie ein.

 

* * * * * *

Catherine lag an Gil geschmiegt. Seine Arme hielten sie und sie spürte seinen Atem warm in ihrem Nacken und an ihrem Rücken. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich völlig geborgen und sicher. So – erfüllt. Es war möglicherweise nicht das richtige Wort, doch sie wusste kein anderes, um zu beschreiben, was sie fühlte. Was sie für Gil Grissom empfand. „Ich muss dir etwas sagen.“

 

“Was ist?” Seine Stimme klang sanft und schläfrig, als er sein Gesicht in ihr Haar drückte.

 

„Ich will, dass es keinen Zweifel daran gibt, dass ich dir das nicht nur sage, weil du so verzweifelt über die Diagnose warst. Oder wegen dem, was eben zwischen uns passiert ist.“ Sie drehte sich um, so dass sie ihm ins Gesicht sehen könnte. „Aber ich muss es dir sagen.“

 

„Du weißt, du kannst mir alles sagen.“ Er zeichnete mit den Fingerspitzen eine imaginäre Linie über ihr Gesicht. „Was ist es?“

 

„Aber du lässt mich aussprechen?“

 

„Großes Pfadfinder-Ehrenwort.“

 

Catherine lächelte. „Ich glaube, ich bin dabei mich in dich zu verlieben, Mr. Grissom.“

 

Gil sah sie an und doch wirkte es einen Moment lang, als würde er durch sie hindurch sehen. Dann blinzelte er. „Catherine“, er legte die Hand an ihre Wange. „Ich denke, ich bin bereits in dich verliebt.“

 

Ende