Titel: Friendly Fire
Autor: Lady Charena

Fandom: The A-Team

Charakter: Face, Murdock, Hannibal, BA + div.
Rating: A/R, PG-13

Beta: T'Len
Archiv: ja

Summe: Friendly Fire während eines 08/15-A-Team-Standard-Jobs: Face wird bei einer scheinbar simplen Überwachungsmission angeschossen – von seinem besten Freund?

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.

Alle anderen Charaktere liegen allein in meiner Verantwortung. Ähnlichkeiten mit anderen Jobs des A-Teams sind natürlich nicht rein zufällig J

 

 

 

Es würde ein Kinderspiel werden, hatte Hannibal gesagt. Und wie immer, wenn der Colonel diese Worte benutzte, befiel den Rest seines Teams eine ungute Vorahnung...

 

* * *

 

Sie waren zurück auf dem Weg nach Los Angeles gewesen, als sie in der kleinen Stadt Blacksmith Halt machten, um den Tank zu füllen und etwas zu essen. Während BA sich um den Van kümmerte, entdeckte Hannibal ein kleines Diner, ein paar Meter die Straße hinunter. Face und Murdock folgten ihm. Die beiden waren in eine eher amüsante Auseinandersetzung vertieft, die sich um das Hawaiihemd drehte, das Murdock von ihrem letzten Klienten geschenkt bekommen hatte. Face störte sich an dem Muster tanzender, grell neonpinkfarbene Flamingos vor einem mit dunkelblauen Wellen durchzogenen Sonnenuntergang im Hintergrund.

 

Schon auf der Straße war der Lärm von splitterndem Glas und das Bersten von Möbeln zu hören. Hannibal wechselte einen Blick mit den beiden anderen und öffnete die Tür. Ein junger dunkelhäutiger Mann mit einer blutenden Schramme an der Stirn taumelte ihnen entgegen und fiel Murdock fast in die Arme.

 

Der Pilot ließ ihn sanft auf den Boden gleiten, lehnte ihn gegen die Wand und sah sich die Wunde näher an. Aus einer der unzähligen Taschen seiner Jacke fischte er ein sauberes Taschentuch und drückte es gegen die Stirn des anderen Mannes, der ihn benommen, aber dankbar, ansah.

 

Die beiden Männer, die damit beschäftigt gewesen waren, die Einrichtung des kleinen Lokals zu zertrümmern, während ein dritter eine junge blonde Frau festhielt, die versuchte ihm das Gesicht mit den Fingernägeln zu zerkratzen, hielten inne, als sich Hannibal räusperte.

 

„Es ist geschlossen!“, knurrte der Schlägertyp, der sich der jungen Frau erwehren musste.

 

Sie bemerkte, dass er seine Aufmerksamkeit für einen Moment auf die Neuankömmlinge richtete und trat ihm heftig auf den Fuß. Überrascht ließ er sie los und sie rannte von ihm weg. Face legte den Arm um sie, während Hannibal vortrat.

 

Der Colonel zog eine Zigarre aus der Tasche und zündete sie an. Er schien sich völlig darauf zu konzentrieren und die Schläger gar nicht wahr zu nehmen, die sich dem Team bedrohlich näherten. Einer von ihnen hielt ein abgebrochenes Stuhlbein in der Hand. Zufrieden eine graue Rauchwolke an die Decke schickend, sah Hannibal auf und lächelte. „Entschuldigung, ich muss das „Wir renovieren“-Schild an der Tür übersehen haben“, sagte er zu dem Typ, der ihm am nächsten stand. Bevor dem eine passende Antwort eingefallen war, hatte Hannibal ihm bereits einen Kinnhaken verpasst, der ihn gegen die Wand taumeln ließ.

 

Face lächelte der jungen Frau entschuldigend zu und schickte den zweiten Schläger mit einem Tritt vor die Brust zu Boden. Der dritte zog es vor, einfach zu verschwinden. Seine beiden Kumpanen rappelten sich hoch und folgten ihm hastig.

 

Die Frau kniete neben Murdock auf den Boden und schob die Hand des Piloten zur Seite, um die Wunde ansehen zu können. Sie holte erschreckt Luft. „Du musst zu Dr. Grant“, sagte sie.

 

„Ach was, das ist nur eine Platzwunde“, erwiderte der Mann. Er sah Murdock an. „Danke.“ Dann glitt sein Blick weiter zu Hannibal und Face, die näher kamen. „Danke. Vielen Dank.”

 

Hannibal lächelte und zog seine Handschuhe aus, um ihm auf die Beine zu helfen und dann seine Hand zu schütteln. „Ich hoffe, wir kommen nicht ungelegen“, meinte er trocken.

 

Der junge Mann legte den Arm um die Frau und stützte sich auf. Er lachte. „Ungelegen, Mister? Nein, ganz sicher nicht. Das war genau zur richtigen Zeit.”

 

Murdock tauchte mit dem einzigen ganz gebliebenen Stuhl hinter ihm auf und bedeutete ihm, sich zu setzen.

 

„Vielleicht können wir Ihnen helfen“, erwiderte Hannibal und wechselte einen Blick mit seinen beiden Freunden. „Ich bin John Smith. Das ist Templeton Peck, und neben Ihnen steht H.M. Murdock. Unser Freund BA Baracus kümmert sich gerade um unseren Wagen. Wir sind das A-Team. Warum haben diese Typen Ihr Lokal umdekoriert?“

 

„Mein Name ist Roy Chase und das ist meine Frau Eli. Eli und ich, wir haben vor einem Jahr geheiratet und das Diner von ihren Eltern übernommen. Sie leben jetzt im Ruhestand bei Verwandten in Florida“, stellte sich Roy vor.

 

Eli nickte. „Eigentlich wollte mein Vater das Diner verkaufen, an eine Firma namens Nova Constructions. Sie hätten das Gebäude und einige andere abgerissen, um hier statt dessen ein Einkaufscenter zu bauen. Aber die Leute hier in diesem Viertel wollen kein Einkaufscenter mitten in der Stadt. Es ist einfach zu wenig Platz. Die Häuser hier sind zwar alt, aber gepflegt, die Mieten sind günstig – viele leben hier schon ihr ganzes Leben lang. Sie wollen nicht ausziehen oder können es sich nicht leisten, von hier weg zu gehen, wenn durch den Neubau die Preise überall steigen. Als Roy aus Boston zurückkam und wir uns ineinander verliebten und heirateten, übergab uns mein Vater das Diner.“

 

„Eli und ich, wir kennen uns schon seit wir Kinder sind. Meinem Vater gehörte früher die Tankstelle schräg gegenüber. Als ich fünfzehn war, starb er und meine Mutter ging mit mir nach Boston zu meiner Tante. Aber ich wollte immer nach Hause zurück. Nach dem Tod meiner Mutter kam ich zurück, fand einen Job und begegnete Eli.“ Roy lächelte. „Ich war schon als Junge heimlich in sie verliebt gewesen, aber ich traute mich nicht, ihr das zu sagen. Jetzt traute ich mich – und nur ein paar Monate später haben wir geheiratet.“

 

Eli übernahm wieder das Wort. „Das Diner wirft genug ab, um uns zu ernähren, reich kann man damit nicht werden, aber wir haben viele Stammgäste und ich bin hier groß geworden. Ich habe hier gespielt, meiner Mutter beim Servieren geholfen, das Kochen von meinem Vater gelernt, ich habe hier meinen ersten Freund geküsst und Roy und ich haben uns hier das erste Mal nach all den Jahren wiedergesehen. Dieses Diner ist mehr als einfach nur ein Gebäude. Es ist mein Zuhause, meine Vergangenheit. Die Menschen die in der Nachbarschaft leben, sind meine Familie und meine Freunde. Ich werde mich nicht einschüchtern lassen, es zu verkaufen.“ Sie strich sich mit einer wütenden Geste das lange, blonde Haar aus dem Gesicht. „Es ist uns gelungen, fast das ganze Viertel zum Widerstand zu bewegen.“

 

„Dann wissen Sie also, dass hinter dem hier...“ Face Geste schloss die Zerstörungen ein. „...Nova Constructions steckt? Oder ist das nur eine Vermutung?“

 

“Wir wissen es. Aber wir können es nicht beweisen“, erwiderte Roy müde. Er presste wieder Murdocks Taschentuch gegen seine Stirn. „Sehen Sie, diese Typen... sie lassen es so aussehen, als hätten sie was dagegen, dass Eli und ich geheiratet haben.“ Er nahm die Hand seiner Frau. „Es gibt hier immer noch Leute, die denken, dass zwei Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe sich nicht lieben sollten.“

 

Eli legte den Arm um Roys Schulter. „Er hat recht. Sie schmieren widerliche Parolen an unsere Wände und wir bekommen anonyme Briefe und Anrufe. Fenster werden eingeworfen. Vor ein paar Tagen brannte der Müllcontainer hinter dem Diner. Aber das alles hat erst angefangen, nachdem ich ein neues Kaufangebot von Nova Constructions abgelehnt habe. Der Sheriff sagt, er sieht keinen Zusammenhang zwischen den beiden Vorfällen und hat uns angeboten, dass der Streifenwagen bei seiner Runde durch den Ort nach dem Rechten sieht. Aber mehr kann er nicht für uns tun, ohne Beweise.“

 

Hannibal lächelte. „Wir haben zufällig ein wenig Erfahrung mit Fällen wie Ihrem. Sieht so aus, als gäbe es nur eine Möglichkeit, die Kerle zu schnappen – sie auf frischer Tat ertappen und zum Reden bringen.“ Seine Augen funkelten.

 

Face und Murdock wechselten einen Blick. Oh ja, das war der Jazz... Sie konnten förmlich sehen, wie die kleinen Rädchen in Hannibals Gehirn sich zu drehen begannen und er einen Plan formulierte.

 

* * *

 

Nachdem BA zu ihnen gestoßen war und in die Geschichte der Chase’ eingeweiht wurde, halfen sie Roy und Eli das Diner aufzuräumen. Dann stellte Hannibal einen Überwachungsplan auf. Sie mieteten sich in einer kleinen Pension ein, die Freunden von Eli und Roy gehörten und die auf der gleichen Straßenseite wie die Tankstelle lag. Geradezu perfekt.

 

Hannibal und BA übernahmen am nächsten Morgen die erste Wache. Sie verschafften sich einen Überblick über den normalen Tagesablauf. Wer wann wohin in der Straße unterwegs war. Wann die ersten Kunden ins Diner kamen. Wie häufig ein Wagen an der Tankstelle hielt. Es war jedoch nichts auffallendes zu bemerken. Roy, mit einem großen Pflaster versehen, fegte die Scherben einer eingeworfenen Fensterscheibe zusammen. Eli brachte ihnen Sandwiches und Kaffee. Ansonsten war es ein recht ruhiger Tag. Hannibal hatte auch nichts anderes angenommen. Ihr Eingreifen hatte diese Schläger am Tag zuvor überrascht. Sie mussten erst mal ihrem Auftraggeber Bericht erstatten und die sich etwas neues überlegen. Das brauchte seine Zeit.

 

Face und Murdock waren für die zweite Wache eingeteilt. Sie begannen am Abend ihre Überwachung, vom Van aus, der auf dem Gelände der Tankstelle geparkt war, wo er kein Aufsehen erregte.

 

Sie spielten im Schein einer Taschenlampe Karten. Als Einsatz diente Murdocks (vormals geheimer) Notvorrat an Twinkies, auf den Face früher am Abend gestoßen war, als er aus Mangel an anderer Beschäftigung im Van herumstöberte. Er hatte Murdock damit von seinen Comics weggelockt und ihm angeboten, die Twinkies zurück zu gewinnen.

 

Es war gegen ein Uhr morgens, als Murdock die Karten weglegte und seinen Freund anstieß. „Ich glaube, da drüben bewegt sich was“, sagte er leise.

 

Face hob das Fernglas an die Augen und sah sich um. Die Straße war nicht sonderlich gut beleuchtet und es war leider bewölkt, so dass auch das Mondlicht nicht half. Alles war voll Schatten. „Ich sehe nichts.“

 

„Aber da war etwas. Ich bin sicher“, beharrte der Pilot. „Komm’ schon, Face. Ich habe das nicht erfunden, weil ich schon wieder am Verlieren bin.“

 

Face grinste. „Ach nicht? Du schuldest mir inzwischen drei Dutzend Twinkies.” Doch das Gesicht des Piloten blieb ernst und Face legte die Karten ebenfalls aus der Hand.

 

„Irgendetwas oder irgendjemand hat sich da drin bewegt.“ Murdock deutete auf einen schmalen Durchgang zwischen dem Diner und dem Nachbargebäude. Man gelangte durch ihn in den Hinterhof. „Vielleicht versuchen sie wieder, den Müll anzuzünden. Wir sollten besser nachsehen.“

 

Face griff wieder nach dem Fernglas, doch er sah noch immer nichts. „Okay, Murdock, okay“, sagte er besänftigend. Er legte das Fernglas zur Seite und schlüpfte in seine schwarze Lederjacke. Darunter trug er ein ebenfalls schwarzes Kapuzenshirt, dessen Kapuze er sich jetzt über den Kopf zog, um sein helles Haar zu verdecken. Dann nahm er eine Taschenlampe und lockerte die 375. Magnum im Schulterholster. „Ich sehe mich mal hinter dem Diner um.“ Er nahm eins der bereitliegenden Walkie-Talkies und befestigte es am Gürtel. „Du bleibst hier und behältst weiter die Straße im Auge. Wenn jemand auftaucht bevor ich zurück bin, lass es mich wissen.“ Er zog ein paar schwarze Handschuhe an, die er sich von Hannibal geborgt hatte. „Hey, was ist los?“, fragte er, als ihm Murdocks unglücklicher Gesichtsausdruck auffiel.

 

Der Pilot starrte auf seine Hände. „Ich... ich weiß, dass hört sich dumm an, Facey... aber... ich... bleibe nicht gerne alleine hier im Dunkeln.“

 

Face beugte sich zu ihm hinüber und legte die Hand auf den Arm. Ihm war den ganzen Abend über schon aufgefallen, wie angespannt Murdock war. Das war er häufig während ihrer Jobs und oft machte er sich dann seiner Anspannung mit irgendeiner verrückten Idee Luft. Aber die letzten Tage hatte er sich ungewöhnlich ‚normal’ benommen – keine Käfer in Streichholzschachteln... pardon, es hatte sich ja um den inkognito reisenden Schriftsteller Herman Melville gehandelt; kein Auftauchen von Billy; kein unsichtbares Wee Folk in seinem Gürtel... das Leben war fast langweilig geworden.

 

„Schon okay“, sagte er sanft. „Weiß du was? Du behältst einfach die Taschenlampe und richtest ihren Schein gegen den Boden. Auf die Weise ist es nicht völlig dunkel hier drin und falls sich da draußen doch jemand herumtreibt, wird es ihm nicht auffallen. Einverstanden?“

 

“Bist du sicher, dass du ohne Taschenlampe auskommst?”, fragte der Pilot nervös. „Es muss hier doch noch irgendwo eine sein.“

 

„Schon okay. Es dauert zu lange, jetzt nach einer zu suchen. Natürlich komme ich ohne Taschenlampe aus. Es gibt doch eine Straßenbeleuchtung. Und überhaupt – ich habe mehr Übung darin, im Dunkeln herum zu schleichen, als du, Hannibal und BA zusammen.“ Er lächelte und rieb den Arm des Piloten, spürte die Anspannung in den Muskeln darunter selbst durch die Kleidung.

 

Murdock starrte wieder auf seine Hände. „Du meinst das ernst?“

 

„Hey.“ Face legte die Hand unter das Kinn des Piloten und hob sein Gesicht an, bis er ihm in die Augen sehen konnte. „Natürlich meine ich das ernst. Ich bin nur ein paar Minuten weg und du hältst mir hier so lange den Rücken frei.“ Er zwinkerte lächelnd und drückte Murdock die Taschenlampe in die Hand.

 

Dann schob er die Tür des Vans auf und glitt geräuschlos hinaus. Er blieb einen Moment stehen und zog die Kapuze enger ums Gesicht. Verdammt, war es draußen kalt. Face sah sich um und überquerte dann die Straße. Als er in den Durchgang zwischen den beiden Gebäuden spähte, hört er etwas. Woher kam das? An die Wand des Diners gelehnt, lauschte er. Ein Scheppern ertönte, wie von einer Blechdose, die auf den Boden fiel. Das klang tatsächlich so, als mache sich wieder jemand am Müllcontainer hinter dem Diner zu schaffen.

 

Er hob die Hand und zeigte auf den Durchgang; bedeutete Murdock - der ihn vom Van aus im Auge behielt - dass er nach hinten gehen würde. Dann glitt Face geräuschlos in die schmale Gasse und um das Gebäude herum. Er rümpfte die Nase, als ihm der Gestank aus dem Container entgegen kam und duckte sich, um das kaum beleuchtete Viereck auszukundschaften.

 

Plötzlich bewegte sich etwas über ihm – eine Katze balancierte auf dem Rand des Müllcontainers. Face grinste. Die Essensreste mussten sie angelockt haben. “Na los, verschwinde von hier, Kitty”, sagte er und griff nach dem Walkie-Talkie, um Entwarnung zu geben. Entweder war es seine Stimme oder die Bewegung, die die Katze erschreckten. Sie sprang jedoch plötzlich vom Rand des Containers und landete auf seinem Rücken. Ihre Krallen, getragen vom Schwung des Aufpralls, bohrten sich durch seine Lederjacke bis auf seine Haut durch und Face hätte fast vor Überraschung aufgeschrieen, weniger vor Schmerz.

 

Er schüttelte die Katze ab und sprang auf. Leise fluchend ging er zurück nach vorne. „Blödes Vieh“, murrte er leise vor sich hin. „Hoffentlich ist meine Jacke nicht ruiniert.“ Er trat aus dem Durchgang und gab Murdock das ‚alles okay’-Zeichen. Er überquerte die Straße. „Vielleicht sollte ich ihr Billy hinterher jagen.“ Er grinste, seine Laune hellte sich beträchtlich auf, als er sich vorstellte, wie der unsichtbare Hund seines Freundes hinter der Katze her war.

 

Er warf einen Blick über die Schulter, und für einen Augenblick glaubte er, schon wieder eine Bewegung wahr zu nehmen. War dieses blöde Vieh etwa zurückgekommen? Er wandte sich dem Van zu und sah sofort, dass die Tür offen stand und Murdock nicht mehr im Inneren des Wagens war.

 

Mit dem Rücken gegen den Van gelehnt, sah er sich alarmiert um. „Murdock?“, fragte er leise. ‚Wo zum Teufel steckst du?’, fügte er stumm hinzu. Er umrundete den Van, sah sich auf dem schlechter beleuchteten Grundstück der Tankstelle um. Warum war Murdock nicht im Wagen geblieben? Was dachte er sich nur dabei?

 

Er trat frustriert gegen einen Reifenstapel und umrundete ihn dann. Die beiden Schüsse folgten so rasch hintereinander, dass er nicht rechtzeitig reagierte und Deckung suchte. Face wurde vorwärtsgeschleudert, als etwas wie eine riesige Faust auf seinen Rücken schlug und er fiel auf den Boden. Der Schmerz nahm ihm fast die Besinnung, aber irgendwie schaffte er es, sich zur Seite zu rollen, für den Fall, dass man noch mal auf ihn schoss. Eine Hand gegen die Wunde gepresst, die seitlich an seiner Brust aufbrach, suchte er mit der anderen nach seinem Walkie-Talkie, das ihm vom Gürtel gefallen war. Er musste Murdock warnen...

 

Bevor er es fand, tauchte der Pilot plötzlich neben ihm auf. Murdock hielt seine Waffe in der Hand. „Vor-vorsichtig“, presste Face zwischen den Zähnen hervor. „Du musst...“

 

Doch Murdock hörte nicht auf ihn. Er fiel neben ihm auf die Knie und ließ die Waffe fallen, sie schlidderte scheppernd über den Betonboden. Der Pilot presste seine Hand über Face’ und starrte entsetzt auf das Blut, das zwischen seinen Fingern hervorquoll. Auf dem dunklen Lederhandschuh und dem schwarzen Shirt war es nicht zu sehen gewesen. „Was habe ich getan?“, flüsterte er, als Tränen über seine Wangen liefen. „Es tut mir leid, Face. Es tut mir leid. Ich wollte das nicht. Ich wollte das wirklich nicht. Da... da war jemand hinter dir. Ich wollte dir helfen. Es tut mir leid. Oh Gott, bitte, du darfst nicht sterben. Du darfst mich nicht alleine lassen. Face. Es tut mir so leid.“ Er bettete Face Kopf in seinen Schoß.

 

Der Schmerz war so intensiv, dass er kaum atmen konnte. Es fiel ihm schwer, aus Murdocks Worten einen Sinn zu machen. Er versuchte die Hand zu heben; oder seinem Freund zu sagen, dass er wusste, dass nicht er auf ihn geschossen hatte – aber er bekam keinen Ton heraus. Dann wurde es dunkel um ihn.

 

* * *

 

Hannibal und BA hatten in der Pension geschlafen, doch die Schüsse alarmierten sie. Darauf vorbereitet, dass sie rasch ihr Zimmer verlassen mussten, waren sie fast völlig angezogen und kamen innerhalb weniger Minuten bei der Tankstelle an. Worauf sie nicht vorbereitet gewesen waren, war der Anblick Murdocks: auf dem Boden kniend, Face Kopf in seinem Schoß. Oder die Blutlache, die sich langsam um Face ausbreitete. Der Pilot wiegte sich vor und zurück und streichelte Face übers Haar. „Ich wollte das nicht. Ich wollte das nicht“, flüsterte er.

 

Hannibal fiel neben ihnen auf die Knie, öffnete Face Jacke, schob das Kapuzenshirt hoch. BA reagierte sofort und richtete seine Taschenlampe auf ihn. Face war offenbar seitlich in die Brust getroffen worden. Luftblasen in dem aus der Wunde strömenden Blut ließen Hannibal vermuten, dass die Kugel den Lungenflügel verletzt hatte. Face atmete flach und unregelmäßig, als er sich über ihn beugte, um auf seinen Atem zu lauschen. Er presste einen Augenblick die Lippen zusammen, drängte seine eigenen Ängste und seine Sorge zurück. Er zog sanft Murdocks Hand von Face Gesicht weg. „Lass’ ihn los, Murdock. Wir müssen ihn ins Krankenhaus bringen.“

 

„Ich wollte das nicht“, flüsterte der Pilot. „Ich wollte das nicht.“

 

Der Colonel griff nach Murdocks Kinn und drehte sein Gesicht herum, bis er ihm in die Augen sah. „Murdock! Wir müssen Face ins Krankenhaus bringen. Lass... ihn... los!“

 

Angsterfüllte, dunkle Augen – groß und rund wie die eines erschreckten Kindes – richteten sich hilfesuchend auf ihn. Glitten dann weiter zu BA, der neben Hannibal kauerte.

 

„Ich nehme ihn jetzt, Murdock“, sagte der große Mann. Nichts von der Grimmigkeit in seinem Gesicht war in seiner Stimme zu hören.

 

„Du hast dich gut um ihn gekümmert, bis wir hier sein konnten.“ Hannibal nickte BA zu, dann umschloss er beide Hände des Piloten mit seinen, zog ihn von Face weg. „BA trägt ihn zum Van, damit wir ihn in ein Krankenhaus bringen können. Verstanden?“

 

Der Pilot nickte und begann wieder zu weinen. „Ich wollte das nicht“, flüsterte er.

 

BA hob Face vorsichtig hoch und eilte mit ihm zum Van. Murdock folgte ihm. Hannibal lief voraus und öffnete die Seitentür. Er klappte einen der Rücksitze nach hinten, um eine Liegefläche zu schaffen, auf die BA den verletzten Freund legte.

 

Hannibal und BA wechselten einen Blick und der große Mann ergriff den Arm des Piloten, der ebenfalls in den hinteren Teil des Vans steigen wollte. „Komm’ mit nach vorne. Wir müssen das Krankenhaus schnell finden und ich brauche deine Hilfe.“

 

Hannibal nahm auf dem Sitz neben Face Platz, beugte sich über ihn und versuchte auf die Wunde Druck auszuüben, um den Blutfluss zu verlangsamen. Sie hatten beide gesehen, wie schwer Face verletzt war – so schwer, dass er sterben könnte, bevor sie das Krankenhaus erreichten. Instinktiv hielten sie beide den Piloten davon fern. Er hatte bereits mehr gesehen, als er verkraften konnte.

 

BA startete den Van und lenkte ihn auf die Straße. Er erinnerte sich daran, dass sie bei der Fahrt durch den Nachbarort an einem Hinweisschild vorbeigekommen waren. Es gab dort ein Krankenhaus. Aber es waren fast zehn Meilen und sie hatten nicht viel Zeit. Er trat ein wenig stärker aufs Gas.

 

Hannibal strich mit der freien Hand über Face Gesicht, wischte Schweiß und Blut ab, glättete das blonde Haar. „Halte durch, Kid“, sagte er zu ihm. „Halte einfach nur durch. Wir schaffen das schon.“ Eine steile Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen, als er hörte, dass es Face zunehmend schwerer fiel, zu atmen. Er strich ihm weiter mit der linken Hand durchs Haar, ließ ihn spüren, dass er nicht alleine war, dass sie sich um ihn kümmerten, während er mit der rechten ständigen Druck auf die Wunde ausübte.

 

Plötzlich öffnete Face die Augen, er blinzelte und sah zu Hannibal auf. Ein paar Mal öffnete und schloss sich sein Mund, doch zunächst kam kein Laut daraus hervor. „Er... er wo-wollte nur... helfen, Hannibal“, flüsterte er. „S-s-sag ihm, nicht seine Sch-schuld... Murdock hat nicht...ge-ge...“ Seine Augen schlossen sich wieder und als der Colonel nach seinem Puls tastete, war der noch schwächer geworden.

 

Er hob den Kopf und sah Murdock auf dem schräg nach hinten gedrehten Beifahrersitz knien, beide Hände um die Kopfstütze gekrallt. „Ich habe ihn getötet“, flüsterte er.

 

„NEIN!“ Hannibal senkte seine Stimme, blickte den Piloten jedoch nicht an. “Er ist nicht tot. Er ist nur wieder bewusstlos. Das hilft ihm, seine Kraft zu sparen. Er ist nicht tot. Und Face wird nicht sterben. Wir lassen das nicht zu.“

 

* * *

 

Es waren nur wenige Minuten vergangen, seit sie Blacksmith verlassen hatten, aber es kam ihnen wie Stunden vor, als BA den Van endlich vor einem Krankenhaus zum Stehen brachte und mit beiden Händen auf die Hupe drückte. Murdock sprang auf, kletterte aus dem Wagen und öffnete die Seitentür des Vans auf der dem Gebäude zugewandten Seite.

 

Eine Krankenschwester erschien an der Tür, warf einen Blick auf Hannibals blutbefleckte Hände und die Blutflecken auf Murdocks T-Shirt und wandte sich ab, um etwas zu jemand hinter ihr zu sagen. Gleich darauf eilten zwei weißgekleidete Männer mit einer Rolltrage auf sie zu. Hannibal half ihnen, Face darauf zu legen und Sekunden später waren sie mit ihm auf den Weg in die Notaufnahme.

 

Noch bevor sie die Tür am Ende des Korridors erreicht hatten, begann Face zu krampfen. Er schlug mit Armen und Beinen um sich, sein Kopf rollte hin und her. Sein Mund öffnete sich, aber es kam nur ein ersticktes Gurgeln daraus. Doch so plötzlich wie der Krampf begonnen hatte, war er auch wieder vorbei und die Schwester tastete nach seinem Puls. „Ich habe hier keinen Puls mehr!“, rief sie und begann Face Shirt aufzuschneiden.

 

Ein Arzt kam auf sie zugelaufen und begann nach dem ersten Blick auf die Wunde Anweisungen zu erteilen, während sie die Trage weiter in die Notaufnahme rollten. Eine Schwester schloss Face an einen Monitor an, der seine Herztätigkeit überwachte, während die zweite einen Notfallwagen aus der Ecke holte. Der Arzt sah auf den Monitor. „Herzstillstand.“ Er nickte einem der Männer zu, die die Trage hereingerollt hatten. „Bringen Sie die Leute hier weg.“

 

Hannibal war der erste, der reagierte, als der Pfleger auf sie zu trat und den Blick auf Face versperrte. Er griff nach Murdocks Arm und zog ihn mit sich hinaus auf den Flur. Es gab jetzt nichts mehr, was sie tun konnten, außer für Face zu beten.

 

* * *

 

Eine Ewigkeit später trat der Arzt aus der Notaufnahme und kam auf sie zu. Sein Blick glitt abschätzend über einen älteren Mann mit grauen Haaren, der aufstand und ihm entgegen kam, während ein zweiter, großgewachsener, dunkelhäutiger Mann wie schützend neben einen dritten mit einer Lederjacke und einer Baseballmütze trat, der sich auf einem der Besucherstühle zusammenkauerte und langsam vor und zurück wiegte. Alle drei sahen ihm erwartungsvoll entgegen, als er sich räusperte.

 

„Ich wollte das nicht. Es tut mir leid. Es tut mir leid“, sagte der Mann in der Lederjacke, er weinte. Der dunkelhäutige Mann neben ihm legte die Hand auf seine Schulter und er stoppte daraufhin seine unablässige Bewegung.

 

„Ich bin Dr. Scott“, sagte er. „Können Sie mir sagen, was passiert ist?“

 

Hannibal blickte Murdock an, bevor er sich an den Arzt wandte. „So weit ich ihn verstanden habe, hat unser Freund hier versehentlich meinen… meinen Sohn angeschossen. Sie haben ein Gebäude überwacht.“

 

„Polizei?“, fragte der Arzt mit einem ungläubigen Unterton.

 

„Nein... wir... arbeiten privat. Um Freunden zu helfen“, antwortete der Colonel ausweichend. „Wie geht es ihm?“

 

Die Augen des Arztes behielten ihren leicht misstrauischen Ausdruck bei. „Ich möchte Sie nicht belügen“, sagte er. „Ihr Sohn hat sehr viel Blut verloren und wir werden Glück brauchen, um ihn durch die OP zu bringen. Wir haben sein Herz wieder zum Schlagen gebracht und ihn soweit stabilisiert, um ihn auf die OP vorzubereiten. Wie schwer die Verletzungen an der Lunge sind, kann ich jetzt noch nicht sagen, das werde ich erst wissen, wenn ich es sehe. Ich schicke eine Schwester zu Ihnen, die Ihnen zeigt, wo Sie sich waschen und warten können.“ Er nickte ihnen noch einmal zu, dann verschwand er wieder durch die Türen der Notaufnahme.

 

Eine Krankenschwester trat zu ihnen. „Bitte kommen Sie mit mir. Ich besorge Ihnen etwas zum Überziehen.“

 

Hannibal sah unwillkürlich an sich hinunter und bemerkte zum ersten Mal das Blut an seiner und an der Kleidung seiner Freunde. Sein Blick kehrte zu den Türen der Notaufnahme zurück, bevor er sich endgültig davon losriss und der Schwester folgte. BA nahm Murdocks Arm, der sich sonst nicht wegbewegt hätte.

 

* * *

 

Nachdem sie sich saubergemacht hatten und BA saubere Kleidung aus dem Van geholt hatte, damit sie sich umziehen konnten, begann das lange Warten.

 

Während BA am Fenster des kleinen Warteraums stand, in den man sie verwiesen hatte, setzte sich Hannibal neben Murdock. Der Pilot hatte wieder damit begonnen, sich vor und zurück zu wiegen, die langen Beine hochgezogen, die Arme um sie geschlungen, das Gesicht gegen die Knie gelegt. Der Colonel legte die Hand auf seine Schulter und Murdock stoppte, er wandte das Gesicht zur Seite, um ihn anzusehen. „Es tut mir leid“, flüsterte er.

 

„Sag’ mir, was passiert ist, Murdock“, erwiderte Hannibal ohne auf die unablässigen Entschuldigungen einzugehen.

 

„Ich... ich dachte... da war jemand hinter Face. Jemand mit einer Waffe. Und ich... ich habe einfach geschossen. Ich dachte... ich dachte... ich hatte Angst, er würde Face einfach erschießen. Face hat ihn nicht gesehen, er drehte ihm den Rücken zu. Aber ich habe statt dessen Face getroffen. Hannibal... wenn er... wenn er... stirbt, dann habe ich ihn getötet!“ Murdock begann wieder zu weinen. „Ich habe ihn getötet.“

 

Hannibal legte den Arm um den Piloten und zog ihn an sich. „Hör’ mir zu“, sagte er, leise aber eindringlich. „Hör’ mir gut zu, Murdock. Es war ein Unfall, verstanden? Du hast keine Schuld daran, was passiert ist. Face hat mir gesagt, dass er dir keine Schuld gibt. Es war das einzige, an das er dachte. Und wenn er dir nicht die Schuld an dem gibt, was passiert ist, dann tust du das auch nicht. Verstanden? Wir werden herausfinden, was geschehen ist.“ Er wartete, bis Murdock nickte, obwohl er alles andere als überzeugt schien. Himmel, es fiel Hannibal schwer genug, an seine eigenen Worte zu glauben.

 

„Ich könnte es nicht ertragen, wenn er stirbt“, flüsterte der Pilot und ein Schauer glitt durch ihn.

 

Hannibal drückte ihn fester an sich. Sein Blick glitt zu BA und der Sergeant senkte seinen Kopf. „Ich weiß“, sagte er leise. „Ich weiß, Murdock.“

 

* * *

 

Er sah auf seine Uhr und stellte überrascht fest, dass es erst kurz nach drei Uhr morgens war. Er hatte erwartet, dass es viel später sein würde, Face schien seit Stunden im OP zu sein. Hannibal stand auf und streckte sich, um ein paar Schritte auf und ab zu gehen. BA hatte seinen Platz am Fenster nicht verlassen, er warf nur ab und zu einen Blick auf ihn oder auf Murdock, um den unter ihnen liegenden Eingangsbereich im Auge zu behalten – für den Fall, dass jemand die Polizei gerufen hatte. Sie wussten alle, dass das Krankenhaus verpflichtet war, eine Schussverletzung zu melden. Die Frage war nur, wann das geschah. Und dann mussten sie von hier verschwinden, denn die Polizei würde ihre Identität überprüfen und dann konnte Decker ganz rasch in der Stadt auftauchen.

 

Eine Krankenschwester kam mit einem Schreibbrett und wandte sich an ihn mit der Frage um den Namen ihres Patienten. Hannibal zögerte einen Augenblick. „Alvin Brenner“, sagte er dann, den Namen verwendend, unter dem Face im Waisenhaus aufgewachsen war, bevor er ihn mit fünfzehn das erste Mal ändern ließ. Da er zu dem Arzt gesagt hatte, dass er Face Vater war, gab er seinen Namen mit John Brenner an.

 

Dann ging das Warten weiter.

 

* * *

 

Es war draußen inzwischen hell geworden. BA hatte das Fenster einen Spalt weit geöffnet und sie hörten die Geräusche der erwachenden Stadt; ein paar Vögel in einem Baum vor dem Gebäude; das Rauschen des Verkehrs. Er hatte nur einmal für ein paar Minuten den Warteraum verlassen, um den Van hinter dem Krankenhaus außer Sicht zu parken.

 

Murdock hatte sich auf drei zusammengeschobenen Stühlen zusammengerollt und einen Arm übers Gesicht gelegt, doch er schlief nicht.

 

Hannibal hatte sich einen Stuhl an die halb offene Tür gestellt und beobachtete das Kommen und Gehen im Flur. Er war auch der erste, der Dr. Scott sah. Er stand auf und ging dem Arzt entgegen. Murdock und BA folgten ihm eilig.

 

„Wie geht es ihm, Doktor?“, fragte Hannibal und schob die Hände in die Taschen seiner Jacke.

 

Der Arzt rieb sich übers Gesicht, er wirkte sehr erschöpft. Sein Blick glitt über die drei Männer. „Ich fürchte, es sieht nicht gut aus. In der Wunde war keine Kugel zu finden. Sie hat die Lunge durchschlagen und ist zwischen den Rippen ausgetreten.“

 

„Zwischen den Rippen ausgetreten?“, wiederholte Hannibal verständnislos. „Aber das bedeutet...“

 

Dr. Scott nickte. „Es bedeutet, dass Ihr Sohn in den Rücken geschossen wurde. Die Kugel durchschlug seine Lunge, streifte dabei das Herz und trat dann aus dem Körper wieder aus. Besonders besorgniserregend ist die mangelnde Sauerstoffzufuhr zu seinem Gehirn. Dadurch wurde auch der Krampfanfall verursacht, der sein Herz stoppte.“

 

Hannibal hatte das Gefühl, seine Gedanken rasten in hundert Richtungen zugleich. Wenn er in den Rücken geschossen wurde... hieß das, Murdock hatte ihn nicht getroffen. Es bedeutete auch, dass sich mindestens noch eine Person im Dunkeln auf dem Gelände der Tankstelle herumgetrieben hatte – und vielleicht Murdock und Face beobachtete. Der Pilot hatte sich nicht getäuscht, sie waren nicht alleine gewesen. „Können wir ihn sehen?“, fragte er schließlich.

 

„Später“, sagte der Arzt. „Und nur für ein paar Minuten. Sie können ihn wissen lassen, dass Sie hier sind, aber erwarten Sie keine Reaktion. Er ist sediert.“ Dr. Scotts Blick glitt über die anderen beiden Männer, dann richtete er sich wieder auf Hannibal. „Eine Schwester wird Sie abholen, wenn es so weit ist.“ Dann nickte er ihnen zu und ließ sie alleine.

 

Die drei kehrten in den Warteraum zurück.

 

„Aber wenn Face... ich meine, wenn er...“, Murdock brach ab.

 

„Wenn er in den Rücken geschossen wurde, war es nicht deine Kugel, die ihn getroffen hat“, beendete Hannibal grimmig den Satz.

 

„Es war noch jemand da“, setzte BA hinzu.

 

Es dauerte fast noch eine weitere Stunde, bevor eine Krankenschwester zu ihnen kam und sie zu Face Zimmer auf der Intensivstation führte.

 

Einen Moment lang blieben alle drei an der Tür stehen, keiner in der Lage, den Raum zu betreten. Face lag reglos in seinem Bett. Er war an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Von einem Überwachungsmonitor erklang das stete, leise elektronische Echo seines Herzschlages. Infusionen waren an beide Arme angeschlossen, während ein Laken seinen Oberkörper bis zum Hals bedeckte.

 

Hannibal schüttelte den Kopf, dann trat er ans Bett. Er strich Face ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht zurück und beugte sich über ihn. „Halte durch“, sagte er leise in sein Ohr. „Du schaffst das, Face. Wir sind alle bei dir.“ Er wich zurück, um für die anderen Platz zu machen.

 

BA war der Nächste, der zu ihm trat. „Du wirst wieder gesund“, sagte der große Mann weich. „Wir passen auf dich auf. Du wirst einfach nur wieder gesund und machst dir keine Sorgen.“ Er berührte vorsichtig Face Hand und verließ dann den Raum, ohne sich noch einmal umzusehen.

 

Der Pilot setzte sich erst nach einem aufmunternden Nicken von Hannibal in Bewegung. Er beugte sich vor und streichelte Face über die Wange. „Wir finden heraus, was passiert ist. Das verspreche ich dir. Ich kriege den, der das getan hat und dann... dann...“, seine Stimme brach und Hannibal trat zu ihm.

 

„Nicht jetzt, Captain“, sagte er leise.

 

Er berührte die Hand des Piloten, die sich zur Faust geballt hatte, nur mit den Fingerspitzen, doch Murdock entspannte sich ein wenig. Er nickte und beugte sich vor, um Face auf die Schläfe zu küssen. „Bleib’ bei uns“, flüsterte er, dann richtete er sich auf und rieb sich mit dem Handrücken übers Gesicht, bevor er BA folgte.

 

Der Colonel blieb noch einen Moment zurück. Er hatte das seltsame Gefühl, als würde Face einfach... verschwinden, wenn er ihm den Rücken zuwandte. Doch schließlich erinnerte er sich an die Anweisung des Arztes und kehrte zu den anderen in den Warteraum zurück.

 

* * *

 

Sie hatten wieder die gleichen Plätze wie zuvor eingenommen.

 

Hannibal kaute auf einer unangezündeten Zigarre herum. „Wie viele Schüsse hast du gehört, Murdock?“, fragte er nach einer Weile. Es gab keinen Grund, noch länger aufzuschieben, darüber zu sprechen.

 

Der Pilot hob langsam den Kopf und blinzelte. „Ich... weiß nicht genau. Zwei. Meine Schüsse. Ich kann mich nicht genau erinnern.”

 

“Ein Schalldämpfer”, sagte BA ohne sich zu ihnen umzudrehen. „Er wollte nicht gesehen und nicht gehört werden. Wer es auch war, er wusste, dass wir da sein würden.“

 

„Das wäre uns doch aufgefallen“, protestierte der Pilot.

 

Hannibal schüttelte den Kopf. „Nicht, wenn sie bereits einen Beobachtungsposten eingerichtet hatten, bevor wir überhaupt in die Stadt gekommen sind. Dieser Überfall auf Eli und Roy war keine spontane Sache, sondern genau geplant. Sie könnten sich in einem der leerstehenden Häuser eingenistet haben.“

 

„Ich denke, wir sollten zurückgehen und nachsehen, ob wir Spuren finden.“ BA wandte sich vom Fenster ab und blickte den Colonel an. Seine Miene war noch finsterer als üblich.

 

„Ich will helfen“, sagte Murdock leise. „Ich habe Face versprochen, dass wir herausfinden, was passiert ist. Und vielleicht habe ich ja doch jemanden getroffen.“

 

Hannibal nickte. „Ihr beide geht zurück zum Diner. Sprecht mit Roy und Eli, ob neue Drohbriefe eingetroffen sind. Ich bleibe hier, falls Face...“ Seine Worte wurden von einer Alarmklingel im gegenüberliegenden Schwesternzimmer unterbrochen. Als er auf den Flur blickte, sah er ein Licht über einer der Türen blinken – es war Face Zimmer. Hannibal hielt Murdock zurück, der der vorbeieilenden Krankenschwester folgen wollte. „Nein. Wir sind dort jetzt nur im Weg.“

 

Dr. Scott eilte den Korridor entlang und verschwand ebenfalls in dem Zimmer. Der Alarm verstummte, aber das Licht über der Tür blinkte weiter. Mehr als eine halbe Stunde verging, bis der Arzt wieder herauskam. Er sah die drei Männer in der Tür stehen und trat zu ihnen.

 

„Was ist passiert?“, fragte Hannibal, seine Stimme klang neutral. Aber sein Griff um die Schultern des Piloten verstärkte sich unwillkürlich.

 

„Es war ziemlich knapp. Ihr Sohn hat einen erneuten Krampfanfall erlitten, was zu einem zweiten Herzstillstand führte. Wir konnten sein Herz wieder zum Schlagen bringen, aber ich fürchte, dass die Ursache für den Krampf eine Schädigung des Gehirns aufgrund des Sauerstoffmangels sein könnte. Falls das noch einmal passieren sollte, bezweifle ich, dass wir es schaffen, ihn zurück zu holen.“ Er schüttelte den Kopf und seufzte.

 

„Was können wir für ihn tun?“, fragte Murdock leise.

 

Der Arzt sah ihn an. „Beten“, sagte er schlicht. „Die Medizin hat alles getan, was möglich ist. Ich schlage vor, Sie beten für ihn.“ Er nickte ihnen noch einmal zu und trat dann wieder in Face Zimmer.

 

Der Pilot löste sich aus Hannibals Griff und wandte sich ab. BA trat wortlos an ihnen vorbei und ging den Korridor entlang, wo ein kleines Schild in Pfeilform den Weg zur Krankenhauskapelle wies. Nicht ungewöhnlich auf einer Intensivstation. Als Murdock sich brüsk abwandte und auf dem Stuhl an der Tür Platz nahm, den Hannibal freigemacht hatte, drückte der Colonel noch einmal seine Schulter und folgte dann BA

 

* * *

 

Später, gegen Mittag, schickte Hannibal den Piloten und BA zurück nach Blacksmith, um im Diner nach dem Rechten zu sehen.

 

Eli und Roy kamen ihnen besorgt entgegen. „Die Polizei war hier und hat uns gesagt, was passiert ist. Wie geht es Mr. Peck?“, fragte Roy.

 

Murdock schüttelte den Kopf. „Das wissen wir noch nicht.“ Er wandte sich ab, rieb mit beiden Händen über sein Gesicht.

 

„Was hat die Polizei herausgefunden?“, fragte BA

 

„Wir wissen nicht mehr als das.“ Eli trat hinter den Tresen und goss Kaffee in eine große Tasse, dann füllte sie ein Glas mit Milch, stellte beides auf ein Tablett und brachte es zu dem Tisch, an dem Roy und BA Platz genommen hatten. Sie reichte ihm das Glas und trat dann mit der Tasse zu Murdock.

 

Roy rieb über das Pflaster an seiner Stirn. „Wir haben niemandem gesagt, wer ihr wirklich seid“, sagte er. „Der Colonel sagte, ihr habt Ärger mit der Armee, also sagte ich den Cops, ihr wärt Freunde von mir aus Boston.“

 

BA nickte. „Danke, Roy. Dafür stehen wir in Ihrer Schuld.“

 

Roy schüttelte den Kopf. „Ich werde mal rübergehen und nachsehen, ob ich etwas von den Cops erfahren kann. Ich bin mit den meisten der Jungs in die Schule gegangen.“ Er stand auf und verließ das Diner.

 

Murdock drehte den Kopf und sah ihm nach.

 

Eli bemerkte den seltsamen Ausdruck auf seinem Gesicht. „Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte sie.

 

„Warum hinkt Roy?“ Der Pilot stellte die unberührte Tasse ab. „Er hat gestern nicht gehinkt.“

 

„Oh, das ist nichts ernstes. Als wir aufgeräumt haben, ist Roy über eine alte Holzkiste gestolpert. Er hat sich den Knöchel leicht verstaucht und das Bein aufgeschrammt. Es blutete so sehr, dass ich ihn verbinden musste.“ Eli nahm die Tasse. „Soll ich Ihnen frischen Kaffee bringen?“, fuhr sie fort. „Oder etwas zu essen?“

 

Murdock schüttelte den Kopf. Er ließ sie stehen, trat zum Fenster und beobachtete, wie Roy mit den Polizisten sprach.

 

Ein paar Minuten später kam Roy zurück. Er setzte sich mit einem Seufzen. „Sie denken, dass sie Blut von zwei Personen gefunden haben. Ein Stück von der Stelle entfernt, an der Mr. Peck angeschossen wurde, ist ebenfalls Blut. Tropfen, die hinter die Tankstelle führen und da aufhören. Sie denken, wer immer auf Mr. Peck geschossen hat, ist verletzt geflüchtet.“

 

Eli setzte sich neben ihren Mann. „Es tut mir so leid, dass unseretwegen Ihr Freund verletzt wurde. Ich wünschte... ich wünschte, ich hätte das Angebot einfach angenommen und das Diner verkauft. Ich liebe dieses Haus, aber es ist nicht wert, dass jemand dafür verletzt wird. Wenn mir Nova Constractions noch mal ein Angebot macht, werde ich es abgeben.“

 

Roy sah sie an und nahm ihre Hand. „Überleg’ dir das gut, Eli“, sagte er leise.

 

„Wenn Sie jetzt aufgeben, Eli, dann haben diese Typen gewonnen. Und sie werden es wieder und wieder tun.“ BA schüttelte den Kopf. „Face wird das überstehen. Daran müssen wir einfach alle glauben.“

 

Plötzlich trat Murdock an den Tisch. Er hatte die Hände in die Taschen seiner Fliegerjacke gestopft. „Ich will ihr Bein sehen“, sagte er zu Roy. „Vielleicht ist das gar keine Schramme von einer Holzkiste. Vielleicht ist es ein Streifschuss. Ich habe auf den Typen geschossen, der Face verletzt hat. Lassen Sie mich die Wunde sehen!“

 

BA stand auf und zerrte ihn weg, sah ihn an. „Was soll das, du Spinner?“, fragte er. „Roy hat nicht versucht, Face zu töten. Warum sollte er das tun? Wir sind hier, um ihnen zu helfen.“

 

Der Pilot starrte ihn wütend an, dann riss er sich von BA los und stürmte aus dem Diner.

 

BA wandte sich Eli und Roy zu, die das ganze mit großen Augen verfolgt hatten. „Es tut mir leid. Er ist wirklich durcheinander“, erklärte er. „Face ist ein wirklich guter Freund für uns alle. Wir sind so etwas wie eine Familie. Wir haben nur uns.“

 

„Ich verstehe“, sagte Eli. „Es ginge mir nicht anders, wenn Roy etwas passiert wäre. Warum... warum fahren Sie nicht zurück ins Krankenhaus. Wir werden uns weiter umhören. Und wenn uns irgendetwas neues zu Ohren kommt, rufe ich im Krankenhaus an.“

 

BA nickte. „Danke.“ Er verließ das Diner und fand Murdock gegen den Van gelehnt. „Lass’ uns ins Krankenhaus zurückfahren.“

 

Der Pilot sah ihn nicht an, sondern starrte auf die andere Straßenseite, wo die Tankstelle von der Polizei abgesperrt war. „Er muss etwas damit zu tun haben“, sagte er. „Deshalb ist sein Bein verletzt.“

 

„Schlag’ dir diesen Schwachsinn aus dem Kopf“, knurrte BA „Roy hat nichts damit zu tun!“ Er stieg in den Van und startete.

 

Nach einem Moment nahm Murdock neben ihm Platz. Er hielt auf der ganzen Fahrt den Kopf gesenkt und sprach kein Wort mehr.

 

* * *

 

Hannibal saß auf einem Stuhl neben Face Bett. Dr. Scott hatte erlaubt, dass er ständig im Zimmer bleiben durfte. Er betrachtete seinen Lieutenant und strich ihm das Haar aus der blassen Stirn zurück. Das letzte Mal, dass er Face in so einem Zustand gesehen hatte, war in einem Hospitalbett in Okinawa gewesen. Auch damals hatte ihm niemand sagen können, in welchem Zustand der junge Mann sein würde, wenn er aufwachte. Falls er überhaupt erwachte...

 

Sein Atem hatte sich unwillkürlich dem Rhythmus des Beatmungsgeräts angepasst und das leise Piepen des Überwachungsmonitors klang inzwischen so vertraut wie das Schlagen seines eigenen Herzens. Er drückte Face Hand.

 

Er war froh um die Zeit alleine mit Face, alleine mit seinen Gedanken, seinen Gefühlen. So lange BA und Murdock anwesend waren, musste er ihr Anführer sein. Jetzt konnte er einfach nur ein Mann sein, der sich um einen Freund Sorgen machte. Um jemanden, der ihm so viel bedeutete, wie ein Sohn.

 

Hannibal holte tief Luft. Er hatte in der Kapelle versucht zu beten, wie Dr. Scott es ihm geraten hatte. Aber er hatte keine Worte gefunden. Sein Glaube war vor einer langen Zeit... in einer anderen Zeit... verloren gegangen. Er hoffte, dass der Gott, an den Face glaubte, jetzt auf ihn achtete. Dass *er*, der wusste, wie es war, einen Sohn zu verlieren, diesen Kelch an Hannibal vorübergehen ließ.

 

Er ließ Face Hand los und rieb sich mit beiden Handflächen übers Gesicht. „Ich könnte es nicht ertragen, ihn zu verlieren.“ Erst als er die Worte hörte, wurde ihm bewusst, dass er sie laut ausgesprochen hatte.

 

Hannibal stand auf, trat zu dem Waschbecken in einer Ecke des Raumes und drehte das kalte Wasser auf, um sich das Gesicht zu waschen.

 

Als BA und Murdock zurückkamen, war er gerade dabei, sich die Hände abzutrocknen. Sein Gesicht zeigte den üblichen ruhigen, konzentrierten Ausdruck. „Was ist passiert?“, fragte er, als er die Wut in Murdocks Zügen sah und das Missfallen in B.As.

 

„Sie haben Blut von einer zweiten Person bei der Tankstelle gefunden“, sagte Murdock aufgebracht. „Und Roy hinkt plötzlich und hat einen Verband am Bein. Angeblich hat er sich an einer Holzkiste verletzt. Ich glaube, er hat etwas damit zu tun. Ich glaube, er will das Diner verkaufen, aber Eli nicht. Ich glaube, dass ich ihn getroffen habe. Und deshalb...“ Er brach ab und biss sich auf die Unterlippe, als er zum Bett sah.

 

Hannibal blickte BA fragend an, der den Kopf schüttelte. „Ich glaube nicht, dass Roy etwas damit zu tun hat. Oder seine Frau. Sie sind beide sehr besorgt und Eli hat sogar angeboten, das Diner zu verkaufen, damit niemand mehr verletzt wird.“

 

Hannibal warf einen Blick auf Face, dann auf den Piloten, der auf dem Stuhl neben dem Bett Platz genommen hatte und Face Hand in seiner hielt. „Wir sollten das nicht hier diskutieren“, sagte er leise. „Lass’ uns nach draußen gehen.“

 

Er ging mit BA auf den Korridor und schloss die Tür bis auf einen Spalt. „Ich denke auch nicht, dass Roy und Eli etwas damit zu tun haben.“

 

„Der Spinner denkt einfach nicht klar.“

 

„Er ist durcheinander.“ Hannibal seufzte. „Das sind wir im Moment alle. Aber irgendetwas geht hier vor und wir müssen herausfinden, ob...“

 

„Hilfe! Ich brauche Hilfe!“ Murdock kam aus Face Zimmer gelaufen und sah sich nach eine Schwester um. Sofort kam eine Krankenschwester zu ihm. „Helfen Sie ihm! Er hat Krämpfe. Helfen Sie ihm.“

 

BA und Hannibal machten auf dem Absatz kehrt und folgten ihr in den Raum. Nach einem Blick auf das Bett und auf Face, griff Hannibal nach den Armen des Piloten und zog ihn aus dem Weg, um Raum für die Krankenschwestern zu schaffen und für Dr. Scott, der sie sofort aus dem Raum warf. Das Schrillen des Beatmungsgerätes folgte ihnen auf den Flur.

 

„Wenn er stirbt, Hannibal...“ Murdock wandte sich ab. Er lehnte sich gegen die Wand und legte das Gesicht in die Hände.

 

Sie standen hilflos wartend auf dem Flur, bis Dr. Scott zu ihnen kam und Entwarnung gab.

 

* * *

 

Hannibal setzte sich wieder auf den harten Plastikstuhl neben Face Bett. Es kam ihm so vor, als hätte er schon eine Ewigkeit darin verbracht, seit dieser Alptraum begonnen hatte. Er sah Face an. Face hatte die Augen geöffnet und sah ihn an. Face hatte die Augen OFFEN und sah ihn an. Hannibal lächelte. „Hey, Kid“, sagte er leise.

 

Face versuchte das Lächeln zu erwidern, doch der Schlauch des Beatmungsgerätes brachte ihn zum Husten. Er rang nach Luft und seine Augen glitten panisch durch den Raum.

 

Sofort stand Hannibal auf und legte beide Hände auf die Schultern seines Lieutenants. „Face. Face! Es ist in Ordnung. Du bist okay. Du bist an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Erinnerst du dich daran, dass du angeschossen wurdest? Ganz ruhig. Du bist okay.“

 

Face sah zu ihm auf und wurde sichtlich ruhiger, als die Worte begannen, Sinn zu machen. Plötzlich erinnerte er sich an Murdock und er versuchte den Kopf zu drehen, um sich nach den anderen umzusehen.

 

„Ruhig, Face. Es ist alles in Ordnung. Murdock geht es gut. BA auch. Allen geht es gut. Wir machen uns nur Sorgen um dich. Jetzt beruhige dich.“ Hannibal strich Face übers Haar. „So ist es gut. Beruhige dich.“

 

Eine Krankenschwester trat in den Raum. „Ist alles in Ordnung, Mr. Brenner?“ Face starrte sie an, er versuchte etwas zu sagen, doch hustete stattdessen erneut. Die Schwester berührte seinen Arm. „Ich werde Dr. Scott Bescheid geben und dann sehen wir, ob Sie vom Beatmungsgerät dürfen. Klingt das gut?“

 

Face nickte und schloss die Augen.

 

* * *

 

Ein paar Stunden später war Face von dem Gerät befreit, doch er fand sich extrem schwach. Besonders ärgerte ihn, dass er wegen seines wunden Halses kaum sprechen konnte. Aber er war diesen Schlauch los. Er hatte Hannibal davon überzeugt, dass sie in die Pension gehen und ein paar Stunden schlafen sollten, da es ihm jetzt besser ging. Murdock war am schwersten davon zu überzeugen gewesen, dass er ihn jetzt für ein paar Stunden alleine lassen konnte. Er schloss die Augen und war bald darauf eingeschlafen.

 

* * *

 

Am nächsten Morgen trat Dr. Scott in den Raum, um nach seinem Patienten zu sehen. Er lächelte.

 

Hannibal saß wieder in dem Plastiksessel, die Beine ausgestreckt, die Arme vor der Brust verschränkt, das Kinn auf die Brust gesunken.

 

Murdock hatte einen zweiten Stuhl dicht an Face Bett gezogen. Sein Kopf lag neben Face Schulter, er hatte einen Arm quer über Face Brustkorb gelegt.

 

BA lehnte neben dem Fenster an der Wand und sah auf, als der Arzt in den Raum trat. Er hielt offenbar ein wachsames Auge auf die anderen.

 

Dr. Scott räusperte sich.

 

Hannibal war sofort wach und wandte sich dem Arzt zu. Murdock brauchte ein wenig länger und er sah sich einen Moment verständnislos um, bevor sein Blick auf Face fiel und er ihm sanft das Haar aus der Stirn strich.

 

Dr. Scott lächelte. „Gentleman, wenn Sie mich bitte für einen Moment entschuldigen würden, ich möchte meinen Patienten untersuchen.“

 

Murdock machte ihm nur sichtlich widerwillig Platz. Er trat auf Hannibals leise Mahnung neben ihn, als der Arzt sich über Face beugte und seine Schulter berührte, um ihn zu wecken.

 

Schließlich schlug Face die Augen auf.

 

„Können Sie mich hören?“, fragte der Arzt. „Ihre Familie ist hier. Wie fühlen Sie sich? Wie geht es Ihrem Hals? Geht das Sprechen besser?“

 

Face blickte ihn nur an. Dann suchte er nach den anderen.

 

Dr. Scott wandte sich Hannibal zu. „Geben wir ihm noch ein wenig Zeit. Ich werde eine Schwester herschicken, die die Vitalfunktionen Ihres Sohnes über die nächsten zwei Stunden genau aufzeichnet. Dann sehen wir weiter.“ Er drückte auf den Rufknopf und die Schwester vom Vortag erschien an der Tür.

 

Sie lächelte und zwinkerte Face zu.

 

Face Mund bewegte sich und Hannibal beugte sich zu ihm hinunter. „Versuch es noch einmal“, sagte er leise. Er grinste, als er sich wieder aufrichtete. „Er fragt, ob er Ihre Telefonnummer haben kann. Ich glaube, das ist ein sehr gutes Zeichen.“

 

Dr. Scott blickte mit der Miene eines Mannes, der einen Insider-Scherz nicht verstanden hatte, von einem zum anderen, als die drei Männer zu lachen begannen. Er gab der Schwester einen Wink und sie verließen den Raum. Er würde die Schwester später wieder zu Mr. Brenner schicken, damit sie Aufzeichnungen machen konnte..

 

Murdock sah auf Face hinunter, der wieder eingeschlafen war. Er zog das Laken zurecht, strich ihm übers Haar und setzte sich wieder neben das Bett. „Es kommt alles wieder in Ordnung, ich verspreche es dir“, sagte er leise.

 

Sie würden so lange bei ihm bleiben, bis er sich erholt hatte. Und dann würden sie herausfinden, wer auf ihn geschossen hatte. Und wer immer auch dafür verantwortlich war, würde sich wünschen, das A-Team wäre nie nach Blacksmith gekommen...

 

 

Ende